Stammplätze vor der WM

Update 2.6.: Jetzt mit ohne Beck.

Außer Badstuber spielen alle Innenverteidiger im Verein rechts.

Lahm dürfte auf der rechten Bahn viel Platz haben.

Glückspilz Trochowski war links gegen Jansen chancenlos.

Falls es die Position „10“ nicht gibt, schließt Özil links die Lücke.

Joker: Müller spielt vorne alles, Boateng hinten.

„Stammplatz“ ist im einen oder anderen Fall schmeichelhaft.

Von Galoppern und Robben

Als die Bayern gegen Inter spielten, dachte ich an Acatenango.

Alle, die jetzt nicht wissen, wovon ich rede, sind vermutlich nach 1980 geboren oder haben erst spät zur Sportschau gefunden. Und diejenigen, die sich an Acatenango erinnern, dürften sich völlig zurecht fragen, weshalb ich beim Finale der Champions League an ihn dachte.

Ich sah also diesem Fußballspiel zu, das leider viel zu früh entschieden war und das mich irgendwann nur noch bedingt mitreißen konnte. Und wie ich da so zusah, nistete sich recht unvorhergesehen der Gedanke bei mir ein, dass auf Seiten der Bayern nach meiner Einschätzung (korrekter: nach meiner Einschätzung der Einschätzung durch die Sportjournalisten) mindestens die beiden Erstplatzierten und drei weitere Spieler aus den Top 10 der Wahl zum Fußballer des Jahres 2010 auf dem Platz standen. Nicht dass ich daraus einen Abgesang auf den deutschen Fußball abgeleitet hätte, nach dem Motto: „Da stehen 5 der 10 vermeintlich besten Bundesligaspieler auf dem Platz, und trotzdem sind sie nicht in der Lage, Gefahr zu erzeugen“, überhaupt nicht. War einfach nur so ein Gedanke.

Während ich also noch über den Nachfolger von Grafite sinnierte, tauchte aus heiterem Himmel ein neuer Begriff auf, der zwar eine gewisse formale Ähnlichkeit mit dem des Fußballers des Jahres aufweist, den man indes inhaltlich wohl nicht einmal 1985, 1997 oder 1998 guten Gewissens mit dem Sieger der kicker-Wahl in Verbindung bringen konnte. Eigentlich. Für mich hingegen ist der Weg vom Fußballer des Jahres zum Galopper des Jahres schon immer ein kurzer gewesen: Fußball war Sportschau war (auch) Addi Furler war Galopper des Jahres. War Acatenango (und, zugegeben, ein bisschen Orofino). Womit die Ausgangsfrage beantwortet wäre.

Im Übrigen sei die Wahl des Galoppers des Jahres, die zu meiner Überraschung noch immer durchgeführt wird, wenn auch mit deutlich geringerem medialen Auftrieb als zu Zeiten von Furler, Schwarze und Zimmer, die älteste Publikumswahl im deutschen Sport. Auch besteht sie bereits drei Jahre länger als die elitäre Wahl des fußballerischen Pendants, die dieses Jahr auf ein halbes Jahrhundert zurückblicken kann.

Ich schweife ab. Die Frage der gedanklichen Verbindung zwischen dem Finale der Champions League und einem guatemaltekischen Vulkan wäre zwar geklärt; eigentlich wollte ich jedoch einen Schritt weiter gehen und auch noch ein paar Sätze zur Wahl zum Fußballer des Jahres verlieren, auch wenn vor ihrer Durchführung und vor allem Veröffentlichung noch eine Weltmeisterschaft steht. Gerade bei Weltmeisterschaften sollte man ja zwischenzeitlich vorsichtig geworden sein, nachdem die letzten beiden MVPs wohl schon vor den jeweiligen Finals gewählt wurden, dieses Ergebnis dort aber nicht uneingeschränkt bestätigen konnten.

Wie auch immer: ich habe mir also trotz möglicher weltmeisterschaftsbedingter Änderungen ein paar Gedanken zur Wahl des Fußballers des Jahres gemacht und in diesem Kontext die Ergebnisse der letzten Jahre angesehen, um festzustellen, dass seit Michael Ballack, der 2002 und 2003 (sowie 2005) gewann, niemand mehr ernsthaft Gefahr lief, den Titel zu verteidigen. Eine kurze Betrachtung der 10 Bestplatzierten der letzten 5 Jahre führt mich gar zu dem Schluss, dass ziemlich viele von Ihnen ziemlich sicher nicht erneut in den Top 10 landen werden:

2005
1. Michael Ballack (Bayern München) 516
2. Lukas Podolski (1. FC Köln) 103
3. Marcelinho (Hertha BSC Berlin) 99
4. Marek Mintal (1. FC Nürnberg) 55
5. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 39
6. Per Mertesacker (Hannover 96) 28
7. Roy Makaay (Bayern München) 25
8. Lincoln (Schalke 04) 21
9. Dietmar Hamann (FC Liverpool) 10
10. Sebastian Deisler (Bayern München) 8

2006
1. Miroslav Klose (Werder Bremen) 532
2. Jens Lehmann (FC Arsenal) 82
3. Philipp Lahm (Bayern München) 58
4. Oliver Kahn (Bayern München) 39
5. Michael Ballack (Bayern München) 17
6. Torsten Frings (Werder Bremen) 12
7. Per Mertesacker (Hannover 96) 11
8. Lukas Podolski (1. FC Köln) 9
9. Tim Borowski (Werder Bremen) 5
9. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 5
9. David Odonkor (Borussia Dortmund) 5

2007
1. Mario Gomez (VfB Stuttgart)  196
2. Diego (Werder Bremen)  175
3. Bernd Schneider (Bayer Leverkusen)  156
4. Torsten Frings (Werder Bremen)  47
4. Theofanis Gekas (VfL Bochum)  47
6. Kevin Kuranyi (Schalke 04)  20
7. Pavel Pardo (VfB Stuttgart)  18
8. Timo Hildebrand (VfB Stuttgart)  17
8. Jens Lehmann (Arsenal FC)  17
8. Rafael van der Vaart (Hamburger SV)  17

2008
1. Franck Ribery (Bayern München) 224
2. Michael Ballack (FC Chelsea) 115
3. Luca Toni (Bayern München) 108
4. Philipp Lahm (Bayern München) 69
5. Oliver Kahn (Bayern München) 60
6. Diego (Werder Bremen) 33
7. Mario Gomez (VfB Stuttgart) 32
8. René Adler (Bayer Leverkusen) 31
9. Lukas Podolski (Bayern München) 18
10. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 6

2009
1. Grafite (VfL Wolfsburg) 331
2. Mario Gomez (VfB Stuttgart) 171
3. Edin Dzeko (VfL Wolfsburg) 169
4. Diego (Werder Bremen) 103
5. Franck Ribery (Bayern München) 65
6. Zvjezdan Misimovic (VfL Wolfsburg) 50
7. Philipp Lahm (Bayern München) 32
8. Vedad Ibisevic (1899 Hoffenheim) 20
9. Robert Enke (Hannover 96) 16
10. Mesut Özil (Werder Bremen) 10


Und hier mein völlig verfrühter Tipp:

Fußballer des Jahres 2010:

1. Arjen Robben

2. Bastian „Herr Schweinsteiger“ Schweinsteiger

3. Edin Dzeko

4. Kevin Kuranyi

5. Sami Hyypiä

6. Ivica Olic

7. Thomas Müller

8. Toni Kroos

9. Torsten Frings

10. Claudio Pizarro

10. Cacau

10. Nuri Sahin

10. Philipp Lahm

Und Ihr so?

Der direkte Vergleich

Hansi, ich hab mir da was überlegt. Unser Scouting ist mir nämlich zu zeitaufwändig. Wenn ich zum Beispiel unsere Kandidaten für rechts hinten anschauen will, brauche ich dafür sechs Bundesligaspieltage. Einmal fahr ich nach Hoffenheim, einmal nach Hamburg, dann nach Bremen, München, Berlin und Stuttgart. Und wenn dann noch einer gesperrt, verletzt oder einfach auf der Bank ist, dauert das Ganze noch länger.

Unterbrich mich nicht, Hansi, ich komm doch gleich zum Punkt. Das Zauberwort heißt „Direkter Vergleich“. Ja, ich weiß, dass der nicht immer zum Ziel führt, hab den Afrika-Cup auch verfolgt – man kann sich ja nicht nur auf den Schweizer verlassen. Ich mein aber einen ganz anderen direkten Vergleich: damit sich die Sache mit den Beobachtungen nicht mehr so lange hinzieht, nehmen wir bei den kritischen Positionen einfach immer mehrere von einer Mannschaft in die Auswahl, verstehst Du?

Verstehst Du nicht, ok. Dann halt an einem Beispiel: wir wissen doch nicht so genau, wen wir links offensiv mitnehmen sollen. Also beobachten wir, und zwar effizient. Zeitmanagement und so, Hansi. Nächste Woche gehen wir zum HSV und hoffen, dass sowohl der Marcell als auch Troche links offensiv spielen, dann müssen wir nur einmal fahren und haben zwei Leute beobachtet.

Ja, das weiß ich auch, Hansi, dass die beiden nur Füllmaterial für Südafrika sind. Aber -jetzt kommt’s!- bei der ersten Wahl schlagen wir sogar drei Fliegen mit einer Klappe: wir fahren nach Bremen und schauen uns auf einen Schlag den Mesut, den Aaron und auch noch den Marcus an. Ja, von mir aus auch Marko. Und wenn wir schon in Bremen sind, dann… ach nein, auf der 6 haben die nur einen, das lohnt sich nicht. Oder meinst Du, der Bargfrede drängt sich noch als zweiter Mann auf, Hansi? Den Allofs fragen? Och nee, muss nicht. Lass uns das mit der 6 einfach in Stuttgart klären. Khedira, Hitzlsperger, Träsch, einer wird dann schon in Form sein, um dem Balla den Rücken freizuhalten. Wie, was meinst Du mit „Und der Schweini?“ Den beobachten wir natürlich auch, aber für die rechte Bahn, im direkten Vergleich mit Müller. Da haben wir sonst ja keinen.

Der Lukas? Nein, den können wir leider nicht mehr beobachten, der hat ja keinen zweiten Mann. Den nehmen wir so mit. In den direkten Vergleich gehen dann die beiden Leverkusener und die zwei Münchner.

Hm, stimmt, Hansi, der Platz neben Merte ist immer noch frei. Wenn der Subotic nicht für Serbien spielen würde, könnten wir uns ja mal noch den Hummels ansehen, aber so? Ne. Dann lass uns lieber wieder den Langen holen, den der Klinsi damals in England ausgegraben hat. Oder wir nehmen einen von den Rechten in die Mitte.

Was sagst Du, Hansi? Ach das. Ok, ich werd mich bemühen, versprochen, Hans-Dieter.

Müller, Nogly, Hoeneß, Löw und die anderen

Heute ist DFB-Pokal, morgen auch. Am Wochenende war Bundesliga, davor Europapokal. Dass irgendwann davor zwei Länderspiele stattfanden, ist längst wieder aus dem Fokus verschwunden. Wie auch die Debatte um Thomas Müller, den Joachim Löw demnächst für die Nationalmannschaft nominieren möchte, was aber Uli Hoeneß nicht so gerne sähe:

„Wenn ich früher ein ganzes Jahr lang so gespielt hätte, hätte mich Bundestrainer Helmut Schön zur Seite genommen und gesagt: Wenn Sie so weiterspielen, kommen Sie demnächst wieder zu uns.“

Widerspruch fällt insofern zunächst schwer, als Hoeneß zwar bei seinem Länderspieldebüt auch erst 20 Jahre alt war; er hatte jedoch bereits 57 Bundesligaspiele absolviert, also nahezu zwei komplette Spielzeiten als Stammspieler.

Der Bundestrainer verweist gleichwohl auf das Beispiel Hoeneß und dessen Debütalter, und zieht zudem Spieler wie Messi, Rooney oder Beckenbauer zum Vergleich heran, die ebenfalls früh debütierten. Die Medien nehmen den Ball gerne auf und bringen Namen wie Maradona, Pelé, Ronaldo oder Seeler ins Spiel – schließlich soll Müller ja nicht irgendein durchschnittlicher Nationalspieler werden. Joachim Löw beweist dann doch etwas mehr Augenmaß und nennt noch einige Spieler aus dem eigenen Stall, die gemäß „unserer Philosophie“ frühzeitig in die Nationalmannschaft integriert worden seien: Podolski, Schweinsteiger, Lahm, Mertesacker, Özil. Interessanterweise ist Mesut Özil der einzige in dieser Reihe, der unter dem Cheftrainer Löw debütierte. Bei Per Mertesackers Debüt war er bereits als Jürgen Klinsmanns Assistent beteiligt, während Philipp Lahm, Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger noch unter Rudi Völler Nationalspieler wurden.

Doch zurück zu Hoeneß‘ Vergleich mit Helmut Schön. Rein rechnerisch feierte sowohl unter Schön als auch bei Joachim Löw jedes Jahr ein 19- oder 20-jähriger Spieler sein Debüt, unter Klinsmann waren es mehr als zwei. Bei den 21- und 22-Jährigen liegen Klinsmann und Löw mit 2,5 Debütanten pro Jahr etwas höher als Schön, die 23-Jährigen sind eine löwsche Domäne, von 24-26 sind Löw und Schön auf Augenhöhe (2,5), Klinsmann etwas darunter, und ab 27 stört nur noch Cacau die schönschen Neulinge – Peter Nogly war mit 30 der Älteste, kam aber nur auf 4 Länderspiele. Insgesamt gab Helmut Schön im Schnitt jährlich 7 Debütanten eine Chance, bei Löw sind es deren 9. Jürgen Klinsmann beschränkte sich auf 6-7 pro Jahr.

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Dabei hatten Jürgen Klinsmanns 19- und 20-jährigen Debütanten im Schnitt deutlich weniger Erstligaspiele absolviert als ihre Pendants bei Löw und Schön, die sich in den unteren Altersklassen diesbezüglich grob die Waage halten. Insgesamt aber hatte der durchschnittliche Neuling bei Helmut Schön mit 88 Einsätzen deutlich mehr Erstligaspiele auf dem Buckel, als dies später bei Löw (57) und Klinsmann (40) der Fall war. Auch musste er bei Schön deutlich über 23 Jahre alt sein, während Joachim Löw kurz vor dem 23. Geburtstag zugriff, Jürgen Klinsmann gar vor dem 22.

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Stimmt – diese Darstellung ist insofern irreführend, als beispielsweise der Nogly-Balken ganz unten länger ist als der 23er, der für insgesamt 19 Spieler steht. Ein wenig Abhilfe (von Klarheit wage ich nicht zu reden) schafft vielleicht die folgende Darstellung, bei der die Größe der Datenpunkte die Menge der damit erfassten Spieler vermittelt:

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Naturgemäß sinkt die Zahl der theoretisch erreichbaren Länderspiele mit zunehmendem Debütalter – ein Umstand, der die Schweinsteiger’sche Zahl möglicherweise irgendwann in den negativen Bereich abgleiten lässt, während der mit 26 sehr spät berufene Bernard Dietz gerade so über die 50 lugen kann – als einziger der über 23-jährigen Debütanten der Ära Schön:

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Quervergleiche zu Jürgen Klinsmanns oder gar Joachim Löws Schützlingen verbieten sich hier – schließlich möchte ich keinen der Herren bereits als Ex-Nationalspieler titulieren. Weder Lukas Sinkiewicz noch Christian Schulz noch Mike Hanke noch Andreas Görlitz noch David Odonkor noch Marco Engelhardt noch Patrick Owomoyela noch Frank Fahrenhorst aus dem Klinsmann’schen Stall, und auch nicht die Löw-Debütanten Roberto Hilbert, Jan Schlaudraff, Tobias Weis, Alexander Madlung, Clemens Fritz, Manuel Friedrich oder Jermaine Jones.

Quellen: dfb.de, fussballdaten.de