Handwerkszeug

Fredi Bobic hatte etwa 88 Minuten ziemlich guten Fußballs gesehen. Würde zwar hernach keinen interessieren, aber es war so. Besuschkow war der Souverän auf dem Platz gewesen, Grbic hatte wieder einmal dreifach getroffen, Ferati vieles versucht, nicht immer erfolgreich, die Abwehr sich weitgehend abgeklärt gezeigt, der Gast war chancenlos gewesen: Stuttgart fünf, Frankfurt eins.

Kurz vor Schluss musste Bobic das Schlienz verlassen und ins große Stadion wechseln, von der U19 zu den Erwachsenen. Möglicherweise tat er dies ähnlich zuversichtlich wie ich selbst kurz darauf, nach dem Abpfiff, und in der Gewissheit, dass die katastrophalen Auftritte gegen Köln der Vergangenheit angehörten.

Leider kam alles ganz anders, und ich kann es nur schwer in Worte fassen. (Daniel Schwaab ist da weniger auf den Mund gefallen.)

Könnte ich singen, wäre das Ganze schnell durch. „Ich hatte keine Tränen mehr, als Ujah und Osako trafen“, sänge ich maffayesk, die Silben ein bisschen beugend, ginge noch auf meinen leeren Blick und das Zittern ein, lüde es hoch, das Blog wäre befüllt und meine Stimmung transportiert. Bliebe bloß noch zu hoffen, dass mich jemand von der Straße zöge. Freundin Ayşe, zum Beispiel, die eher selten ins Stadion geht, am Samstag aber mit ihrer ganzen Familie vor Ort war und hernach nicht umhin kam, mir zu bestätigen, was ich ohnehin zu wissen glaubte, dass nämlich das Spiel auch äußerlich Spuren hinterlassen habe: „Du siehst echt scheiße aus, Heini!“

Nun will ich nicht sagen, dass das „noch geprahlt“, will sagen: eine euphemistische Umschreibung gewesen sei, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ich nach dem Spiel geneigt war und im Grunde noch immer wäre, negative Superlative einzustreuen, so ich denn noch welche hätte. Vermutlich habe ich Herrn Völler hier schon des Öfteren zitiert, Sie wissen schon „… einfach die Sache mit dem Tiefpunkt und nochmal ’n Tiefpunkt und noch mal ’nen niedrigeren Tiefpunkt.“

Verzeihung. Mir ist gar nicht nach Scherzen zumute. Wirklich so gar nicht. Die Ernüchterung ist kaum in Worte zu fassen. Hatte sich das Déjà-vu in der Vorwoche noch lediglich auf den späten Gegentreffer bezogen, ist es nun ein grundsätzlicheres, beängstigenderes: die Spielweise. Konkreter: die Vorwärtsbewegung.

Kürzlich hatte ich bei n-tv noch vollmundig behauptet, der VfB verfüge in der Offensive „insbesondere mit Maxim und Didavi über ein in den letzten Jahren selten gekanntes Kreativpotenzial“ und zudem bedauert, „dass Veh nur schwerlich Platz für beide in seiner Mannschaft finden“ werde. Nun, ich wurde Lügen gestraft: er fand. Schön, eigentlich.

Weniger schön, dass ich mich bereits im ersten Schritt geirrt haben könnte. Oder etwas verwechselt habe: technische Begabung mit Kreativität, möglicherweise. Sowohl Maxim als auch Didavi verstehen es, mit dem Ball umzugehen. Sie behandeln ihn liebevoll, er gehorcht ihnen, und sie verstehen auch, ihn zu treten. Freistöße, Ecken, auch Flanken, Pässe: sie können all das. Es ist ihr Handwerkszeug, ein gutes Handwerkszeug, und sie wissen es zu verwenden.

Kreativ ist das allerdings noch nicht. Kreativität erfordert nach meinem Verständnis Überraschungsmomente, Unerwartetes, mit oder ohne Schnörkel, die Fähigkeit, neue Situationen zu schaffen, etwas, das die Abwehr im Idealfall unvorbereitet trifft und ihr deshalb Schwierigkeiten bereitet. Von den beiden Technikern habe ich derlei am Samstag nicht gesehen. Der kreativste Pass kam von Oriol Romeu – schnörkellos, überraschend, doch leider war Timo Werner bereits ins Abseits gelaufen.

Natürlich geht es nicht darum, Didavi und Maxim die Schuld zuzuweisen. Sie führten mir nur in besonderem Maße vor Augen, dass ich mich einer Illusion hingegeben hatte, als ich auf ein überzeugenderes Offensivspiel gehofft hatte. Ein Offensivspiel, das natürlich auch gern von den Sechsern bestimmt werden dürfte. Oder von den Außenspielern. Ich bin da nicht wählerisch.

Auch nicht bei den Mitteln: ob wir nun Tempodribblings zu sehen bekommen wie phasenweise bei Traoré, oder öffnende Pässe, wie Leitner sie nachweislich spielen kann, manchmal, ob auch mal einer mit dem Kopf durch die Wand geht wie Cacau, oder ob Sakai und Klein auf den Außenpositionen ein ums andere Mal mit hohem Tempo Unruhe schaffen, Verwirrung stiften, so wie, manchmal, der 2012er Sakai und, lassen Sie mich nachdenken, Andi Hinkel 2004.

Meinetwegen können sie sich auch per tiqui-taca bis auf die Torlinie kombinieren, also ungefähr so, wie es Maxim und Didavi zu Spielbeginn kurzzeitig außerhalb der Gefahrenzone versuchten oder wie es die Ballkontaktrekordhalter Schwaab und Rüdiger gemeinsam mit Romeu hinter der Mittellinie taten. Nur schneller. Und woanders. Und irgendwie zielgerichtet.

Da ich bis dato so gut wie keine Spielszenen gesehen hatte, wusste ich nicht, was ich von den Neuzugängen zu erwarten hatte. Romeus kreativen Moment und seine zahlreichen Ballkontakte hatte ich schon genannt, ansonsten hat er mich noch nicht überzeugt, was der einen oder anderen seltsamen Aktion und – zugegeben, kein sehr valides Argument – dem Eindruck geschuldet ist, dass ich schon elegantere, in ihren Bewegungen behändere Spieler aus La Masia gesehen habe. Dafür erinnert er mich an Daniel Morales aus „Taxi“, was immerhin ein ähnlich gutes Argument für ihn ist. Ach, und wieso lese ich in den Aufstellungen immer wieder „Oriol Romeu“ neben, zum Beispiel „Gentner“ oder „Didavi“? Ist er der neue Lucatoni?

Filip Kostić hinterließ insofern einen ganz guten Eindruck, als er für Belebung im Angriff sorgte (was angesichts des Ausgangsniveaus nicht schwer war), ins Dribbling ging und den Abschluss suchte. Dumm nur, dass es keine zehn Minuten dauerte, bis er mich an Danijel Ljuboja erinnerte: die erste Schwalbe ließ nicht lange auf sich warten, bei Auseinandersetzungen mit Gegner und Schiedsrichter war er gleich vorne dabei. Muss ich nicht haben, echt nicht. Aber vielleicht sagt’s ihm ja mal jemand.

Florian Klein: solide. Eine schöne Offensivaktion hatte er, mit schöner Flugannahme und anschließender Hereingabe. Darf er öfter machen; man hätte ihm einen stärkeren Partner auf seiner Seite gewünscht, und Mitspieler, die ihn einzusetzen versuchen. Gerne kreativ, aber auch handwerklich sauber hätte gereicht.

Köln spielte übrigens auch mit. Kevin Vogt gefiel mir ganz gut, Anthony Ujah sowieso, für Daniel Halfar habe ich seit langem ein Faible, das am Samstag aber nicht stärker ausgeprägt wurde. Der VfB spielte ihnen ein bisschen in die Karten, und sie spielten ihr Blatt sauber aus. Gute Leistung.

Insgesamt war es schön, die Bundesliga wieder intensiver verfolgen zu können – selbst das Abendspiel sah ich mir in irgendeiner Kneipe an, war sehr beeindruckt von der Münchner Anfangsphase und völlig überfordert, die weitere Entwicklung des Spiels zu begreifen. Vermutlich hatte ich mich schon fast so sehr mit dem Kräfteverhältnis abgefunden wie die Schalker, die nach dem Spiel in kollektiven Jubel ausbrachen, weil sie ein Heimspiel gegen einen unmittelbaren Mitbewerber nicht verloren hatten, was Marcus Bark bei sportschau.de bereits sehr treffend ausgeführt hat.

Ach, und dann war da ja noch ein Handtor. Ich bin ein bisschen überrascht, dass sich Collinas Erben so klar auf die Seite von Benedikt Höwedes, bzw. von Marco Fritz, stellen. Zwar neige ich selbst auch zu der Sichtweise, dass ein solches Handspiel kein strafbares ist, wiewohl ich finde, dass man Höwedes mit guten Argumenten eine sehr bewusste Nutzung des Ellbogens unterstellen kann; vor allem aber frage ich mich, wieso Abwehrspieler, insbesondere in der Champions League, seit einiger Zeit dazu übergehen, sich dem ballführenden Angreifer mit hinter dem Rücken verschränkten Armen entgegenzustellen, um den Ball nur ja nicht aus kurzer Distanz an Hand oder Arm geschossen zu bekommen? Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie dafür keine handfesten Gründe haben, vorzugsweise erfolgte Schiedsrichterentscheidungen.

Vermutlich werden die Erben das in den nächsten Tagen auch in ihrer nächsten Podcast-Ausgabe noch einmal aufrollen und in mir einen interessierten Zuhörer haben; ähnlich interessiert erwarte ich die zweite Ausgabe der „Schlusskonferenz“ beim Rasenfunk, einem neuen Podcast, hinter dem zu meiner großen Freude just jene beiden Herren stecken, denen ich während der Weltmeisterschaft ganz besonders gerne zuhörte, wenn sie beim fast täglichen WM-Podcast von Herrn @fehlpass zu Gast waren: die Herren @GNetzer (der das jetzt wieder nicht so gerne hört) und @helmi.

Ob dort auch die zweite Liga besprochen wird, weiß ich nicht. Falls ja, dann höchstens deren sportliche Aspekte, vermute ich, nicht aber die Mattuschka-Posse. Die mich persönlich ein bisschen bestürzt. Hätte ich nicht erwartet. Nicht, dass mich Norbert Düwel gleichermaßen an Joachim Löw in der Causa Ballack und Michael Skibbe in Sachen Thomas Häßler denken lassen würde, und auch nicht, dass sich Mattuschka selbst nicht entblöden würde, sich auf das Glatteis der großen Buchstaben zu begeben.

Es überrascht mich naiven Romantiker komplett, dass so etwas so schnell gehen kann, und es gibt wenig, was ich aktuell weniger gern hören möchte als Sätze im Stil von „kein Spieler ist größer als der Verein“. Rein emotional und aus der Ferne. Aus der Nähe sieht man das vermutlich aus guten Gründen anders. Tja.

 

 

Sämi

In den letzten Monaten habe ich des Öfteren ein bisschen in die Vergangenheit geblickt. Etwa dreieinhalb bis vier Jahre zurück, um genau zu sein. Auf jene Zeiten, als man noch zu einer überschaubar großen Gruppe gehörte, wenn man sich klar für Sami Khedira in der WM-Stammelf aussprach. Wer waren schon Ballack und Schweinsteiger (die der Verfasser dieser Zeilen im Übrigen fußballerisch sehr schätzte bzw. noch immer schätzt)?

In aller Regel waren Menschen, die wie ich dachten, VfB-Anhänger und hatte Khediras Werdegang in den Jahren zuvor recht intensiv beobachtet, begonnen spätestens bei seinem drohenden Karriereende als A-Jugendlicher, über den Meisterschaftskopfball und die Entwicklung zum Kopf und Herz des damaligen VfB bis hin zur U21-EM. Und darüber hinaus, als sich nur noch die Frage stellte, wann und wohin er gehen würde, um sich auf Augenhöhe messen zu können, und als er doch in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer nicht als ernsthafte Konkurrenz für die Platzhirsche beim DFB galt, noch dazu nach seiner Kreuzbandverletzung im März 2010.

Die Zeiten haben sich geändert. Binsenweisheit, nicht wahr? Wenn man in diesen Tagen die Kommentare liest, die Quervergleiche zu Ballack 2010, die Elogen auf Khediras integrierende, ausgleichende Wirkung bzw. die damit einher gehende Sorge um die Kabinenharmonie, die Betonung seiner fußballtypologischen Einzigartigkeit, dann könnte man entweder „told you so“ sagen oder aber eine bemerkenswerte Entwicklung konstatieren. Die natürlich, told you so, für den gemeinen Stuttgarter nicht ganz unerwartet kam.

Umso verwunderlicher, dass ich mich in den besagten letzten Wochen regelmäßig bei dem Gedanken ertappte, nicht so recht zu wissen, wieso Khedira im Grunde immer spielt. Oder anders, dass ich meinen Satz nicht zu Ende führen konnte:

„Er läuft vielleicht nicht so leichtfüßig wie Gündogan, hat nicht dessen Schuss Genialität, kann den letzten und vorletzten Pass nicht so gut spielen oder auch verwerten wie Schweinsteiger, ist nicht so ballsicher und schussstark wie Kroos, nicht so pressingresistent und behände wie Lahm, und möglicherweise ist er auch nicht so hart im Nehmen wie die Benders, aber …“

Und dann hing ich ein bisschen. Wusste nicht so recht, ob er wirklich so zwingend gesetzt sein müsse, wie man mitunter meinen konnte, dass er es sei. Wie er es vielleicht auch war. Wäre. War er da und fit, spielte er. Während zum Beispiel Gündogan noch einen Status hatte, der ungefähr dem oben beschriebenen von Khedira 2009/10 entsprach. Und gleichzeitig konnte – und kann – ich mir nicht vorstellen, dass eben dieser Gündogan in Brasilien auf der Bank sitzt. Weil er, was für ein ausgefuchstes Argument, zu gut ist.

Skeptiker mögen zu Recht erwidern, dass ich an anderer Stelle schon einmal sagte, ich könne und wolle mir nicht vorstellen, Mats Hummels bei der WM nicht in der Startelf zu sehen. Was im Moment nicht so abwegig erscheint. Also dass er nicht in der Startelf steht. Weil Mertesacker und Boateng stabiler wirken, ungeachtet der Hummels’schen Eleganz und vor allem seiner Spieleröffnung.

Aber das ist ein anderes Feld. Hier geht’s um Sami Khedira. Den alle Welt, zu meinem jahrelangen Erstaunen, Sämi nennt. So wie man damals Mehdi Ben Slimane, Tunesier wie Khediras Vater, mancherorts gerne mal Ben Slimeijn aussprach. Dachte ich. Bis mir zugetragen wurde, Khedira selbst lege Wert auf Sämi. Oder Sämmi, so genau weiß ich das nicht. Ist ja auch nicht so wichtig jetzt. Wichtiger wäre, ihn zur WM wieder hinzubekommen. Den Sämi.

Der vielleicht nicht so leichtfüßig ist wie Gündogan, dem wohl auch dessen Hauch Genialität abgeht. Der nicht so torgefährlich ist wie Schweinsteiger und dem dessen Fast-schon-Stürmer-Vergangenheit fehlt. Der die Bälle weniger elegant verteilt als Kroos und nicht so akkurate Pässe schlägt. Der einen größeren Wendekreis hat als Lahm und anders als die Benders nicht zum Innen- oder Rechtsverteidiger taugt.

Der diese wunderbare Mischung aus Selbstbewusstsein, Professionalität und gar einem Schuss Demut ausstrahlt, Und der so herrlich unauffällig und doch so effektiv spielen kann. Möglicherweise würde ich, wäre sie nicht so überstrapaziert, an dieser Stelle auch noch die Formulierung von dem Spieler, der seine Mitspieler besser macht oder sie glänzen lässt, verwenden. Vieles spricht dafür, dass er genau das tut. Auch wenn ich es nicht nachweisen kann.

Kurz: ich sähe ihn gerne bei der WM. Aus vielerlei Gründen. An erster Stelle seiner selbst wegen. Aber ich räume ein, dass er bei mir a priori nicht spielen würde, wenn Schweinsteiger und Gündogan fit wären. Die Tönung der VfB-Brille ist ein wenig verblasst.

Wie halten Sie's mit dem Präses, Herr Professor?

… und dann setzt der eingewechselte offensive Mittelfeldspieler anstelle eines Schlusspunkts ein Ausrufezeichen und haut das Ding mit links unter die Latte – und das Stadion tobt. War ja auch nicht ganz unwichtig, zudem in der Ausführung sehr bemerkenswert, dieser Seitfallzieher von Kevin Stöger nach schöner Vorarbeit von Holzhauser und Riemann.

War ja klar, dass ich nicht umhin kann, den Namen Holzhauser gleich im ersten Absatz zu platzieren, Fanboy, der ich bin (ohne mir den Anschein von Jugendlichkeit verpassen zu wollen). Dabei war auch gegen Jena wieder offenkundig, dass er den Ball mitunter zu lange hält und vielleicht noch etwas zu oft zu früh (und selbst) den entscheidenden Ball spielen will. Aber ich sehe ihm so unheimlich gerne dabei zu. Diese mitunter an Arroganz gemahnende Eleganz, wie sie groß gewachsenen Spielern des Öfteren eigen ist und wie wir sie hierzulande zuletzt viele Jahre lang bei Michael Ballack sahen, auch die scheinbare Behäbigkeit, mit der er aus der Tiefe des Raumes kommt, um dann den Ball mit einer lässig fließenden Bewegung in die Spitze zu spielen … genug, Kamke, mach halblang!

Der VfB II hat  einen wichtigen und hochverdeinten Sieg im Kampf gegen den Abstieg erspielt und errungen, der drüben bei kick-s.de ausführlich geschildert wird. Ein Spiel, das mir allein schon deshalb in Erinnerung bleiben wird, weil der Sohnemann erstmals auf dem Zaun stand. Nach der Partie, um die Spieler abzuklatschen, die sich ihrerseits, möglicherweise altersgerecht, wie Bolle freuten und mit Welle, Humba und besagtem Zaunspalier das ganze Programm mitnehmen durften. War schön anzusehen.

Aber natürlich war da auch noch ein anderes Fußballspiel am Wochenende, und auch wenn es aus Sicht des Präsidenten dem Vernehmen nach nicht im Sinne des Vereins ist, will ich es mir – ohne mich anmaßend in einen ehrenwerten Berufsstand einreihen zu wollen – genau wie die anderen, also die professionellen, Schmierfinken nicht nehmen lassen, irgendeinen Scheiß über das 4:4 in Dortmund zu schreiben.

Über Jürgen Klopp, zum Beispiel, dessen ich einfach nicht überdrüssig werde. Natürlich ärgert er mich manchmal, wenn er überzieht, und seine Sketche mit Herrn Zeigler konnte ich auch nur einmal (und da sehr) witzig finden; aber jener Effekt, dass ich jemandem, den ich irgendwann schätzte oder mochte, nicht mehr so gern zuhören möchte und ihm statt dessen mit Gleichgültigkeit, wie es einst bei Herrn Welke der Fall war und bei Hans Meyer drohte, ehe er sich weitgehend zurückzog, oder auch mit nachgerade Pawlow’schen Ausschaltreflexen (Rudi Völler, Manfred Breuckmann) begegne, stellt sich bei Herrn Klopp einfach nicht ein.

Ich weiß nicht genau, woran das liegt, vermute aber stark, dass es mit seiner Kompetenz zu tun hat. Und damit, dass er – um das in diesen Tagen nicht so gern gelesene Unwort von der Authentizität zu vermeiden – auf mich nach wie vor ziemlich ehrlich wirkt. So ehrlich man halt sein kann als Führungskraft im Profifußball, schon klar.

Auch sind es Situationen wie die nach dem Pokalspiel gegen Fürth, als er vom Baum der Selbsterkenntnis naschte und sich als Vollhorst outete, oder eben jene nach dem freitäglichen Ausgleich durch Gentner, als er gar nicht anders konnte, als auch von außen sichtbar in sich hinein zu lächeln, und wenige Minuten später nicht nur die Leistung des Gegners anerkannte (und bestimmt auch bewusst überhöhte), sondern ganz nebenbei die Aussagen seiner enttäuschten Spieler relativierte.

Wobei: In erster Linie ist es wohl doch die Kompetenz. (Und ein wenig das zugegebenermaßen billige Vergnügen, manchem Bayernfan zuzusehen, wie er über Klopp schimpft und dabei auf mich gelegentlich etwas gezwungen wirkt.)

Was mir zum Spiel selbst noch am Herzen liegt: Wer gewinnt in Dortmund punktet, hat recht. Auch wenn er Boka wieder 60 Minuten lang und Hajnal noch länger spielen lässt. Auch wenn er – nach einer vielversprechenden Phase  in der ersten Halbzeit, die sich dann doch als Strohfeuer zu entpuppen droht – lange Zeit zuzusehen scheint, wie man sich in ein unspektakuläres 3:0 oder 4:1 fügt.

Tatsächlich wusste der Trainer wohl, das da noch etwas kommen würde. Wusste, dass Julian Schieber, obwohl auf einer keineswegs idealen Position eingesetzt, nach seinem kapitalen Fehlschuss irgendwann auch noch die Chance bekommen würde, seine Stärken zum Tragen zu bringen: das entschlossene Dribbling und den rechten Fuß. Wusste, dass Mats Hummels dem aus seiner Sicht tempomäßig völlig überforderten VfB zwecks Chancengleichheit noch zwei Treffer auflegen würde.

Erfrischend und innovativ war zudem der Ansatz, Vorlagengott Georg Niedermeier auch noch eine stilisierte Zielscheibe auf die Stirn zu malen, auf dass Lewandowski (und später noch jemand, an dessen Identität ich mich gerade nicht erinnere) sie nicht verfehlen mögen. Es gibt einiges, was mir an Niedermeiers Spielweise nicht gefällt; im Moment aber ist er meines Erachtens nicht aus der Mannschaft wegzudenken.

Gentner. Bei seiner Einwechslung gedachten wir witzelnd jenes Stadiongängers, der sich dereinst in einer vergleichbaren Situation mit einem engagierten “Nein. Nein. Nein! Nein! NEIN! NEIN!” in die Nesseln gesetzt hatte; keine zwei Minuten später leitete er auch diesmal den Anschlusstreffer ein und war mitverantwortlich für ein insgesamt entschlosseneres Angriffsspiel des VfB. Naja, und die Sache mit dem Siegtreffer halt. Christian Gentner tut der Mannschaft derzeit gut, gerne auch weiterhin als Joker, und gerne auch, wie er selbst sagte, künftig wieder unter der Woche.

Wäre doch schön, wenn sich die ganzen jungen Wilden, die in der nächsten Saison das Rückgrat des VfB bilden, gleich in Europa beweisen dürften. Sie wissen schon, jene jungen Wilden, die Herr Mäuser so gerne predigt, um sie dann, vermeintlich aus Versehen, öffentlich zu diskreditieren.

Auftritt Fredi Bobic. In kaum zu übertreffender Deutlichkeit hob er hervor, was er vom öffentlichen Auftreten seines Präsidenten, konkret: von dessen an Deutlichkeit kaum zu übertreffender Kritik an Julian Schieber, hielt. Nichts.

„Julian ist Teil der erfolgreichen Entwicklung des VfB. Ich würde gern mit ihm verlängern, das sage ich als Verantwortlicher für den Sport in aller Deutlichkeit.“
(Quelle: Stuttgarter Nachrichten)

Und ganz nebenbei ließ er erahnen, wie es um seine Einschätzung der sportlichen Kompetenz des Präsidenten steht. Vermutlich könnte man an dieser Stelle die Loyalität des Sportdirektors hinterfragen, der seinen Vorgesetzten so unmissverständlich rüffelt; oder aber, und das sagt mir deutlich besser zu, die Klarheit seiner Ansprache loben.

Mich persönlich würde ja sehr interessieren, was Herr Professor Hundt gedacht hat, als er vom offensichtlich lediglich auf dem Papier präsidialen Auftritt an der MHMK erfuhr. Der Einfachheit halber stelle ich einmal drei Ansätze zur Auswahl, die je auf einem Zitat mehr oder minder Beteiligter beruhen.

Stimmte er erstens im Grunde Herrn Mäuser zu und verurteilt wie der Präsident nicht nur pauschal die Arbeit all jener Journalisten, die den VfB intensiv begleiten, sondern ist auch einverstanden, wenn im Zuge einer peinlichen Spielerkritik gleich auch noch der sogenannte Stuttgarter Weg als Schimäre entlarvt wird?

Oder hing er zweitens ebenfalls jener Überlegung nach, die auch mich Unwürdigen ein Weilchen beschäftigte?

https://twitter.com/#!/heinzkamke/status/185766061264740352

Ganz abgesehen davon, dass mich der Gedanke an mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden geteilte Gedanken latent unzufrieden zurück ließe, gefällt mir, auch inhaltlich, jene dritte Variante besser, der zufolge er seine Gedanken statt dessen mit Mary Shelleys Protagonisten teilt:

„[A] cold dew covered my forehead, my teeth chattered, and every limb became convulsed; when, by the dim and yellow light of the moon, as it forced its way through the window shutters, I beheld the wretch–the miserable monster whom I had created.“

Vielleicht hätte ich eine Abstimmung einbauen sollen.

42

42. Dabei habe ich noch nicht einmal eine Frage gestellt. Aber mir fällt eine passende ein:

Wie viele Tore hat Michael Ballack für die deutsche Fußballnationalmannschaft erzielt?

42. Als Mittelfeldspieler. Wahnsinn. Aber das wissen wir ja ohnehin alle. Natürlich wissen wir auch, dass das eine oder andere wichtige Tor dabei war. 2002 natürlich. 2008, mit dem Bild, das um die Welt ging. In 20 Fällen schoss er das erste deutsche Tor, 15 mal das 1:0. 13 mal das 1:0 in Pflichtspielen. Eine fantastische Bilanz. Sag ich mal so, ich hab sie nicht mit anderen verglichen.

Der Weltstar des deutschen Fußballs der letzten Dekade. Vielleicht nicht der einzige – Oliver Kahn war auch noch da, und wenn man die Weltmeisterschaften als Maßstab nimmt, muss man wohl auch noch Miroslav Klose nennen -, aber doch der, der am hellsten strahlte. Er ist nicht der erste Weltstar, der keinen großen internationalen Titel gewann, und er wird auch nicht der letzte sein. Das kann man hämisch kommentieren, er wird es verkraften.

In den letzten Jahren lief nicht mehr alles so rund. Bei Chelsea hatte er nicht den Heldenstatus früherer Jahre, verpasste auch dort den ganz großen Wurf, und doch war er auch weiterhin der Fixpunkt in der deutschen Nationalmannschaft, ging 2008 voran und sollte 2010 noch einmal den Ton angeben.

Ob das gut gewesen wäre: wir wissen es nicht. Doch es kam anders. Bitter war das, erst die Verletzung, dann die Erkenntnis, dass er nicht mehr dazu gehört.

Was folgte, war ein Eiertanz. An dem er wohl nicht ganz unbeteiligt war, indem er die mediale Klaviatur ganz gut (oder eben nicht) spielte. Und dessen zweiter Protagonist, Joachim Löw, zu lange nicht recht wusste, ob er den bewährten Tanzpartner schon aufs Altenteil schieben konnte oder ob er ihn vielleicht doch noch einmal brauchen würde. Ein unwürdiges Schauspiel, das Michael Ballack nur noch bedingt beeinflussen konnte. Sicher, er hätte zurücktreten können. Aber hey, er ist Sportler. Er will spielen, und zwar auf der ganz großen Bühne. Ich finde das gut.

Heute wurde das Spektakel beendet. Und ich gebe zu, dass mich die eine oder andere Reaktion irritiert hat. Formulierungen wie „wir sind Ballack los“ und die in diesem Zug vermittelte Feiertagslaune, wie bei Twitter gelesen, kann ich nur schwer nachvollziehen. Keine Sorge, ich weiß, dass Twitter ein schnelles, pointiertes Medium ist, bei dem man manchmal auch etwas spitzer formuliert, als man es bei langer Überlegung tun würde. Das passiert. Mir auch. Manchmal bekommt man auch einfach etwas in den falschen Hals, missinterpretiert. Geht mir hin und wieder so. Aber der Geist, der an der einen oder anderen Stelle durchschimmerte, dieses gefühlte „endlich ist der Alte weg“, den glaube ich schon richtig erkannt zu haben, und er gibt mir zu denken.

Es geht mir nicht darum, dass Michael Ballack wieder für die Nationalmannschaft spielen sollte. Die Zeit ist vorbei, die Entscheidung von Herrn Löw halte ich für richtig und lange überfällig, und wenn Ballack nächste Saison doch wieder groß aufspielen sollte, dann ist es halt so, dann wird man sehen, ob die Situation neu erörtert werden muss. Aber daran glaube ich nicht.

Es geht mir vielmehr um die Frage, ob mit Michael Ballack fair umgegangen wird, oder ob er bloß vom Hof gejagt wird. Von uns Fans. Und ein wenig habe ich den Eindruck, dass an der einen oder anderen Stelle letzteres geschehen soll. Das finde ich bedauerlich. Ich will nicht sagen, dass er die Nationalmannschaft durch die letzten 10 Jahre getragen hat. Aber ohne ihn wär’s verdammt schwer gewesen, international annähernd konkurrenzfähig zu bleiben. Gewagte These? Vielleicht. Letztlich auch egal.

Jahrelang habe ich mit ihm gefiebert, in vielen Fällen war er derjenige, in den ich mangels Alternativen all meine Hoffnung gesetzt hatte. Mit Erfolg, möchte ich sagen. Damals, 2002. 2008 schon weniger, da gab’s auch schon andere Hoffnungsträger. Am stärksten in Erinnerung blieb mir aber die Qualifikation zur WM 2002. Die Relegationsspiele gegen die Ukraine, als Deutschland erstmals in der Qualifikation zu scheitern drohte. Sein 1:1 in Kiew. Sein 1:0 in Dortmund, 3:0 führte man nach einer Viertelstunde, und Ballack setzte noch das vierte drauf – 3 von 5 Treffern, als es drauf ankam. Chapeau, Herr Ballack.

 

Disaster Recovery

Nein, kein wirklicher IT-Notfall, keine Wiederherstellung. Eher ein persönliches Desaster war das am Samstag, von dem ich mich so langsam wieder erhole.

Der eine oder die andere hat vermutlich mitbekommmen, dass ich das Spiel des VfB gegen Schalke für die Sportredaktion von ZEIT ONLINE twitternd begleiten sollte, sozusagen live aus der gefühlten Cannstatter Kurve. Aparter Gedanke, fand ich. Dumm nur, dass die Netzverfügbarkeit dort während eines Spiels nicht immer gewährleistet ist. Dass Bandbreite kein öffentliches Gut ist, liegt offensichtlich nicht nur an der Ausschließbarkeit, sondern auch an der Rivalität. Zu viele Menschen in der Kurve.

Hätte man auch vorher wissen können? Ja, hätte man. Wusste man sogar. Ein Stück weit. Mir war von früheren Spielen klar, dass das Netz mitunter sehr schlecht ist und der eine oder andere Tweet etwas länger braucht. Was ich meist auf meinen Anbieter geschoben hatte, weil ich Menschen mit anderen Geräten erfolgreicher hantieren sah. Also bewegte ich mich mit zwei verschiedenen Mobiltelefonen in zwei verschiedenen Netzen durch das Stadion; mein Stadionnachbar steuerte zur Sicherheit noch ein drittes Netz bei. Als Notfallplan bestand, das redete ich mir zumindest ein, die Option, Tweets per SMS an die Redaktion zu senden, die dann damit machen würde, was sie für richtig hielte.

Was soll ich sagen? Pustekuchen! Bis kurz vor Spielbeginn klappte die Twitterei noch ganz ordentlich, wenn man von der seelischen Belastung absieht, die am Vormittag durch ein zersplittertes Display entstanden war und noch immer anhält. Das änderte sich relativ rasch, nach wenigen Spielminuten funkte ich bereits SMS. Die erste Kurznachricht kam noch durch, danach ging buchstäblich nichts mehr. Keine Timeline. Keine Tweets. Keine SMS. Weder bei Alice. Noch bei Vodafone. Noch beim großen T. Ich war wohl ein wenig verzweifelt. Wenn mir vielleicht jemand bei Gelegenheit erzählen könnte, was sich auf dem Spielfeld ereignete?

Nach der Pause entspannte sich die Situation ein wenig und es gelang mir, einige SMS-Tweets abzusetzen. Ob sie allerdings in der Redaktion angekommen waren und es in die Timeline geschafft hatten, erfuhr ich erst nach dem Spiel, von Interaktion und der Reaktion auf @-Replies will ich gar nicht reden. Den Rest des Tages verbrachte ich mit der Decke über dem Kopf im Bett.

Ach so, ich könnte ja noch einen Satz zum VfB sagen. Oder zu Herrn Dr. Brych, auch wenn dazu längst alles gesagt ist, mit unterschiedlichen Nuancierungen. Die Forderungen nach einem Platzverweis für Pogrebnyak halte ich für hanebüchend (sic!), aber ein Foul war’s auch aus meiner Sicht. Das Handspiel hätte ich wohl nicht gegeben, aber zumindest in einem Punkt bin ich beim Schiedsrichter: wenn er das Handspiel pfeift, muss er nach meinem Regelverständnis auch Rot ziehen, unabhängig davon, wie er (oder auch ich) zu dieser Regel steht.

Wie auch immer: Kuzmanovic traf, das Spiel war entschieden. Was man aber erst hinterher wusste. Als Stuttgarter hätte man sich natürlich gewünscht, nicht bis zum Abpfiff zittern zu müssen. Scheint mir bei 75-minütiger Überzahl nicht gänzlich vermessen, auf etwas überlegtere Angriffe zu hoffen, vielleicht sogar auf ein zweites Tor, das ja in einigen wenigen Situationen tatsächlich in der Luft lag. Immerhin erhielt so die Abwehr die Gelegenheit, ihr ramponiertes Image etwas aufzupolieren. Insbesondere Georg Niedermeier, angesichts dessen Aufstellung reichlich Kopfschütteln herrschte, wünsche ich, dass ihm das Spiel das nötige Selbstvertrauen für die nächsten Spiele gibt. Und dass Sven Ulreich kurz vor Schluss den Sieg festhielt zur Ecke rettete, wird ihm auch nicht schaden. Zumindest hat man mir das so erzählt.

Fast vergessen: die Balakov-Huldigung (beinahe hätte ich Ballack geschrieben, so präsent ist er derzeit in der öffentlichen Diskussion um Kaisers Bart) der Kurve war großer Sport, das „Magath raus“-Plakat im Schalker Block für den neutralen Beobachter zu diesem Zeitpunkt auch, die Stuttgarter Reaktion („Ohne Magath habt Ihr keine Chance“), nun ja, unerwartet. Man konnte zu dem Schluss kommen, Magath habe den VfB, bei dem er sehr erfolgreich gearbeitet hatte, seinerzeit in bestem Einvernehmen verlassen.

Nächstes Wochenende bietet die Partie bei Sankt Pauli die Gelegenheit, erstmals wieder am Ende eines Spieltags die Abstiegsplätze zu verlassen, aus eigener Kraft. Ähnliches werden sich alle anderen Abstiegskämpfer sagen, die in den nächsten Wochen ebenfalls ständig auf direkte Konkurrenten treffen – Kunststück, wenn die halbe Liga taumelt.

Ich glaube nicht, dass die Mannschaft stark und vor allem gefestigt genug ist, eine Serie zu starten, die es ihr erlaubt, in fünf oder sechs Wochen relativ entspannt auf  „die da unten“ zu schauen, glaube vielmehr, dass es noch eine Reihe von Rückschlägen und das damit einher gehende Auf und Ab zu beklagen geben wird. Aber ich glaube wieder fest an die Aufs, was zuletzt nicht immer der Fall war, und bin zuversichtlich, dass es gelingen kann, vor dem letzten Spieltag den Klassenerhalt zu sichern. Würde die Partie in München aus Stuttgarter Sicht deutlich entspannen. Und man könnte gelassen abwarten, ob die Bayern die Qualifikation noch schaffen. Wofür auch immer.

Bis dahin dürfte ich auch das samstägliche Desaster verarbeitet haben.

Tradition wird siegen!

Am Samstag war Hoffenheim zu Gast im Neckarstadion. Das geschickt angebrachte Spruchband, dessen Platzierung ich als originell empfand, hat mittlerweile wohl jeder irgendwo gesehen, die divergierenden Reaktionen zumindest der eine oder die andere gelesen. Ob man das Ganze auch weniger plump formulieren und dabei witziger sein könnte, soll jeder für sich beurteilen.

„Tradition wird siegen!“ skandierte ein Teil der gefühlten Cannstatter Kurve Mitte der zweiten Halbzeit, ein anderer Teil schüttelte den Kopf ob des Wechselgesangs, dessen Klang ein wenig an Lagerfeuerlieder über 10 unbekleidete Menschen mit dunkler Haut gemahnte. U alele! Unabhängig von der Frage, ob Tradition auf lange Sicht tatsächlich siegen wird, und noch unabhängiger von der Frage, ob Tradition für sich genommen einen Wert darstellt, hätte ich mir kurzfristig schon sehr gewünscht, dass die Sänger recht behalten.

Gegen 10 Hoffenheimer, von denen noch dazu nur wenige einen richtig guten Tag erwischt hatten, hätte man sich einen Sieg durchaus vorstellen können. Der Trainer scheint diesbezüglich zumindest vor dem Spiel, als noch mit 11 Gästen gerechnet wurde, nicht ganz so zuversichtlich gewesen zu sein: er verstärkte die Defensive. Erinnerte sich wohl an Matthias Sammer, den Mann, der dereinst den Libero vor der Abwehr hoffähig machte, und rief Mamadou Bah zu dessen Nachfolger aus. Leider bin ich mir nicht ganz sicher, ob die beiden Christians auf der Doppelsechs, von der man angesichts der neuen Entwicklungen nicht so genau wusste, ob sie eine etwas zurückhängenden Doppelzehn sein sollte, gegenüber dem Zuschauer einen Informationsvorsprung hatten, oder ob die drei die neue Konstellation on the job erlernen sollten.

Bah bewies in der ersten Hälfte verschiedentlich, dass er in der Vorwärtsbewegeung über ein gutes Auge verfügt, als er in aller Ruhe vernünftige Bälle spielte. Ja, die Ruhe. Von der hat er manchmal auch ein bisschen zuviel. Wenn er als gefühlter letzter Mann in enge Dribblings geht, ohne sein Tempo zu erhöhen, zum Beispiel. Wobei ich nicht ausschließe, dass Beschleunigung einfach nicht sein Ding ist. Da kann man dann wohl nichts machen. Besonders glücklich war auch der zaghafte Querpass über 40 Meter an der Mittellinie nicht, und auch das Foulspiel gut 20 Meter vor dem Tor, als Delpierre schon den Ball am Fuß hatte, darf nicht als übertrieben clever gelten. Oder die reihenweise verlorenen Zweikämpfe gegen Ba.

Aber immerhin: Jens Keller hat taktische Flexibilität bewiesen. Er hat die Systemfrage gestellt. Hat das Gross’sche 4-4-2 in ein 4-1-4-1 umgewandelt. So ist zumindest meine Vermutung. Schade, dass die vordere 1 sehr lange den alten Fehler alleiniger Spitzen begangen hat, nämlich zu glauben, dass die alleinige Spitze alleinige Spitze sei und das Spiel auf eigene Faust entscheiden müsse. Bis zum 1:1 ließ Cacaus Übermotivation meist schon die Ballannahme misslingen.

Doch zurück zur Systemfrage: letztlich hat sich der VfB für das System Zufall entschieden. Es ist, rein statistisch betrachtet, nur eine Frage der Zeit, bis blindwütig in Richtung des gegenerischen Tores gespielte Bälle, gerne bei Freistößen von der Mittellinie, aber auch aus dem Spiel heraus (-> Halbfeld, das) oder gar vom Fuß des Torwarts, irgendwann doch für Gefahr sorgen. Natürlich könnte man sich das Ganze etwas strukturierter vorstellen, natürlich würde man sich gerade in Überzahl erhoffen, dass nicht nur Timo Gebhart, aus dem wohl nie ein zweiter Klaus Fischer wird, den Platz auf den Außenbahnen nutzt und dabei Andi Beck nicht immer gut aussehen läst, sondern dass man auch rechts gegen Ibertsberger und Salihovic (!) zu gefährlichen Hereingaben kommen möge. Wenn aber Martin Harnik, ein Mann mit Stürmerblut,  lieber vor der Strafraumeck quer passt, als sein Tempo in einer wahrlich günstigen Situation in den 16er mitzunehmen, und wenn vor allem Cristian Molinaro und Christian Träsch, zwei Spieler, denen ich unterstellen würde, dass sie das Spiel ganz gut verstanden haben, reihenweise Willy-Sagnol-Gedächtnisflanken schlagen, ohne Pizarro und Ballack in der Mitte stehen zu haben, muss ich wohl davon ausgehen, dass das so gewollt ist. Halbfeldflanken als probates Mittel bei Überzahl.

Ja, ich weiß, das ist eines meiner Lieblingsthemen. Und natürlich ist es zu kurz gegriffen, die Misere an diesem Punkt festzumachen. Misere? Welche Misere? Wenn die Mannschaft so weiter spielt, wird sie die nötigen Punkte holen. Sagt zumindest der Kapitän. Wobei sich ganz nebenbei auch noch die Frage stellt, wie viele Punkte denn nötig sein werden. Und wen man hinter sich lassen will. Mit Freiburg, Hannover und Mainz sind einige der üblichen Verdächtigen verdammt weit weg. Frankfurt ist zu solide, um einzubrechen, Schalke  und Wolfsburg eine andere Kragenweite.

Bleibt also das Ziel, die beiden Traditionsvereine vom Rhein hinter sich zu lassen, und die Hoffnung, dass die beiden Traditionsclubs aus Franken und der Pfalz auch noch in den Abstiegskampf einsteigen, gemeinsam mit dem Traditionskultclub.

Sind so kleine Schiffchen

Nach der WM sei vor der Bundesliga, hört man. Stimmt natürlich, und doch ist es für mich dieses Jahr irgendwie ein wenig anders. Die letzten Wochen habe ich ziemlich weit im Norden der Republik verbracht, mit zunächst fürchterlichem Onlinezugang (ich hab sogar mit Windows Live Writer experimentiert) und vielfältigen Elternpflichten. Nennt sich ja nicht umsonst Elternzeit, das Ganze, auch wenn man sie teilweise mit Urlaub kombiniert. Der eigens angeschaffte UMTS-Stick war zumindest für diesen Zweck eine Fehlinvestition – die Mobilfunkabdeckung ließ lediglich in einer Ecke des Gartens Analogmodemgeschwindigkeiten zu -, aber immerhin konnte ich mich irgendwann beim nachbarlichen WLAN einkaufen.

Somit war eine gewisse Grundausstattung gesichert. Zum einen wollte ich aber die Bandbreite des Nachbarn nicht zu sehr belasten, zum anderen geht bei aller Liebe zum Fußball die Familie vor. Was nicht heißt, dass ich die WM-Spiele nicht sehen konnte – dafür sorgte schon die interessierte Gemahlin. Aber es gelang mir, die Nebengeräusche – zum Teil wohl, zum Teil übel – deutlich zu reduzieren. Der Fernseher wurde oft erst während der Hymnen eingeschaltet, die Nachberichterstattung fiel häufig aus (wenn ich mich nicht irre, habe ich Jürgen Klopp genau einmal gesehen und gehört), Blogtexte las ich nur in ganz seltenen Fällen, nämlich wenn ich zufällig einen interessant anmutenden Link bei Twitter fand, und die Printanalyse beschränkte sich in aller Regel auf die Ostsee-Zeitung.

Die wichtigste Informationsquelle war Twitter. Dort las ich über Michael Ballacks Wechsel, machte Bekanntschaft mit Karla Kick, verfolgte Uli Hoeneß‘ untypisches Rumgeeiere, wunderte mich über die Causa Ribéry bzw. das Drumherum und nahm auch das eine oder andere Transfergerücht zur Kenntnis. Ich weiß nun, welcher Sportblogger als Schweinsteiger der Kreisliga gilt, dass Joachim Löw Bundestrainer bleibt, dass Dr. Zwanziger sich gerne an politischen Trends orientiert, und kenne die Vorzüge der Herren Bobic, Poschner et al. Tweets gaben mir zudem die Gelegenheit, über Dieter Hundts sommerliches Schalkegate zu lächeln, Anelkas Wortwahl wohlwollend sacken zu lassen, mich wegen Michael Becker zu übergeben und nicht über ein eigenes Bayernblog nachzudenken.

Twitter half enorm, und doch war da ein gewisses Fußballdefizit, das zu besonderer Sensibilität führte. Das mich den Videotext konsultieren ließ. Das dazu führte, dass ich mit viel offeneren Augen durch die Welt ging. Gerade hier, 270 km von der Bundesliga entfernt, 250 von Liga Zwei und immer noch knapp 100 von der Dritten Liga. Erfreut nahm ich Spiegelflaggen zur Kenntnis, die nicht in schwarz-rot-gold daher kamen, sondern ein Vereinswappen trugen, auch wenn’s das des VfL Wolfsburg war. Zumal der noch recht jugendliche Fahrer ein Trikot von Krzysztof Nowak trug. Bayern-Trikots wurden von Bundesbürgern aus allen möglichen Gegenden getragen, gerne auch die volle Montur am Strand, ein junger Mann kombinierte es sehr chic mit einem Kroatien-Basecap. Den unvermeidlichen „Retter“-Shirts begegnete ich ebenso wie einer aufgestickten Raute. Ein Urlauber trug zur Schau, dass er gemeinsam mit ganz Hannover gegen die zweite Liga angekämpft gatte. Zwei Werder-Aufkleber fuhren vor mir her, ich selbst war des Öfteren in einem OM-Shirt anzutreffen, Teeniemädchen trockneten sich mit Hansa Rostock ab und passten damit bestens in das Bild einer Region, für die der Verein von existenzieller Bedeutung sei oder wie das immer heißt. Da kann dann die Ostsee-Zeitung auch mal überschwänglich die ehrenamtliche Verstärkung der Fanbetreuung und anderer Positionen im Verein feiern, nachdem wenige Tage zuvor die Entlassung von deutlich mehr hauptamtlichen Kräften in den entsprechenden Bereich bedauernd vermeldet worden war.

Und dann war da noch die Jacke, die ein umsichtiger Freund meiner Tochter geschenkt hatte:

Zum Vergleich.

Mein etwas anderes Zitterspiel. Und was danach kam.

Eigentlich war es eine Konstellation wie gemalt. Der Tag des letzten Gruppenspiels der deutschen Mannschaft gegen Ghana würde mein erster echter freier Tag sein, d.h. ab diesem Spiel würde ich die Weltmeisterschaft in vollen Zügen genießen können. Dass besagter Mittwoch dann doch noch nicht ganz frei war, kam letztlich nicht ganz unerwartet und ließ sich insofern verschmerzen, als der Griffel rechtzeitig vor dem Anpfiff fiel.

Die ersten 45 Minuten des Spiels verbrachte ich in einer Kneipe meines Vertrauens. Neben mir saß ein junger Mann mit einem traditionellen afrikanischen Blasinstrument, von dem ich gedacht hatte, es klinge wie eine Biene – tatsächlich hörte es sich an wie eine Mischung aus einem Rind und einer Elefantenkuh. An viel mehr kann ich mich aus der ersten Hälfte nicht erinnern, da mein Hauptaugenmerk auf meinem körperlichen Wohlbefinden lag: Schüttelfrost und generelles Unwohlsein trieben mich zur Pause heim. Die zweite Halbzeit verfolgte ich so halbwegs vom Sofa aus und konnte im Nachhinein unzweifelhaft feststellen, dass wohl kaum jemand so sehr um diesen Sieg gezittert hatte wie ich.

Tags darauf hing ich noch ziemlich in den Seilen, raffte mich aber zu zwei halben Spielen auf, für die sich das Aufstehen lohnte: die zweite Halbzeit des slowakischen Sieges gegen den baldigen Ex-Weltmeister und die erste, vielleicht noch ein bisschen mehr, des japanischen Freistoßfestivals, über das ich tags darauf sinngemäß lesen durfte (via dpa, wenn ich mich recht entsinne), dass der dänische Torwart nicht nur bei den beiden so erzielten Toren machtlos gewesen sei, sondern auch noch einen weiteren präzisen Freistoß von Endo an den Pfosten habe lenken können. Es hakt nicht nur bei der Fernsehberichterstattung.

Am Tag nach dem slowakischen Coup war es möglicherweise nicht die beste aller Ideen, mein Auto einem italienischen Dienstleister anzuvertrauen. Auch wenn es vermutlich nur meiner fiebrigen Phantasie geschuldet war, dass ich zu den Worten „Sie können den Wagen um 16.30 Uhr wieder abholen“ nicht nur ein sardonisches Lachen zu erkennen glaubte, sondern auch die Begleitworte „Wenn wir schon draußen sind, bestelle ich Euch wenigstens alle so her, dass Ihr die guten Spiele verpasst!“ auf seiner Stirn lesen konnte.

Tatsächlich war dieses Ansinnen von genauso wenig Erfolg gekrönt wie die fußballerischen Bemühungen seiner Landsleute: zwar verpasste ich in der Tat Brasilien-Portugal, das auf dem Papier am höchsten einzuschätzende Vorrundenspiel; allem Anschein nach war es indes alles andere als ein gutes Spiel. Der bleibendste Eindruck dieses Spieltags war vielmehr der, dass selbst diejenigen Spieler, die wirklich uralt aussehen, immer noch mindestens 5 Jahre jünger sind als ich selbst, im Fall von Stéphane Grichting sind es noch ein paar mehr.

Überhaupt sahen die Schweizer, inklusive Trainer, verdammt alt aus bei ihren einfallslosen Bemühungen gegen Honduras, denen man am Ende gar ein Tor gewünscht hätte, wenn nicht dieses Damoklesschwert über uns allen schweben würde: müssen wir uns die Frage, die uns anlässlich des Champions League Finales beschäftigte, in abgewandelter Form erneut stellen? Müssen wir nicht nur die deutschen Europapokalteilnehmer wegen des vierten Startplatzes unterstützen, sondern auch die europäischen Nationalmannschaften, um den 13. Startplatz behalten zu dürfen? Bei den Schweizern fiele mir das grundsätzlich ja noch sehr leicht, aber was, wenn Italien noch im Wettbewerb gewesen wäre? Hätte ich Quagliarella anfeuern, de Rossi zum Foulspiel animieren, Iaquinta bejubeln und Herrn Lippi huldigen müssen? Puh. Oder ist vielleicht doch die junge deutsche Mannschaft auf Jahre hinaus so stark, dass die Qualifikation für künftige Weltmeisterschaften ein Selbstläufer wird, unabhängig von der Zahl der europäischen Startplätze? Mal den Kaiser fragen.

Den folgenden Tag konnte ich im besten Fall rudimentär verfolgen, stellte aber in akustischer Hinsicht fest, dass die ghanaische Community in Stuttgart offensichtlich deutlich größer ist als gedacht. Ansonsten befasste ich mich mit den Vorbereitungen für eine längere Autofahrt, die das deutsche Achtelfinale zu gefährden drohte. Und tatsächlich bekam ich die ersten zwei Treffer nur im Radio mit, saß aber rechtzeitig zu den beiden englischen Toren vor dem Fernseher, befürchtete kurz, dass mein Tipp (England Weltmeister, Rooney Torschützenkönig) doch noch nicht ganz ausgeschlossen sei, und war im weiteren Verlauf ein bisschen froh, die zu erwartenden Tweetscharmützel nicht verfolgen zu können. Mein Mann des Spiels: Bastian Schweinsteiger.

Mein Mann des Abends hieß dann Roberto Rosetti, der mir trotz eher zurückhaltend ausgeprägter Sympathien sehr leid tat. Zweifellos hatte er sich nach dem Ausscheiden seiner Landsleute Hoffnungen gemacht, in diesem Turnier weit zu kommen, und vermutlich nicht zu Unrecht. Dann machte er nicht nur mit seinem Team einen fatalen Fehler, sondern wurde auch noch vor die Wahl gestellt, entweder im Sinne der Fairness und des Fußballsports zu handeln, d.h. das Tor auf Basis nicht zugelassener Beweismittel abzuerkennen, oder aber im Geiste von Herrn Blatter zu agieren. So also muss sich Atlas gefühlt haben, als er den Uranos zu stemmen hatte, und ich kann Herrn Rosetti nicht verdenken, dass er sich für den regelkonformen Weg entschieden hat. Hätte er anders entschieden und vielleicht gar Mexiko gewonnen, wäre ein Wiederholungsspiel wohl unumgänglich gewesen, was den Zeitplan durcheinander gebracht, die Sponsoren verärgert und die Fernsehsender erbost hätte. Ganz zu schweigen von Sepp Blatter.

Die Partie zwischen den Niederlanden und der Slowakei konnte ich der Familie gegenüber nicht zu einem solchen Kracher aufbauschen, dass sie beim Tag am Meer auf mich zu verzichten bereit gewesen wäre. War ok, Robbens Tor hatte ich im Verlauf der Saison bereits oft genug gesehen, und ob van Persie oder Sneijder ausgewechselt wird, ist mir recht egal. Abends verfolgte ich dann Howard Webbs nächsten Schritt auf dem Weg zum Finale, nahm die brasilianische Anleihe bei der deutschen Nationalmannschaft der Ära Ballack („Das 1:0 erzielen wir am besten per Kopf nach einem Standard“) interessiert zur Kenntnis und stellte zum wiederholten Male fest, dass der Satz „Kaka sucht noch seine Form“ nicht so recht zu seinen teilweise brillanten Torvorlagen passt.

Japans Ausscheiden bedauerte ich nicht zuletzt deshalb, weil ich so gerne Herrn Endo bei seinen Freistößen zusehe. Ähnlich stark ritualisiert wie bei CR7, aber nicht annähernd so prätentiös und mit angenehm weit heruntergezogenen Stutzen. Gut getreten sind sie noch dazu.

De Bleeckere könnte Webb noch Konkurrenz machen, vielleicht auch der Usbeke. Oder Baldassi, falls Argentinien am Samstag ausscheidet – auch wenn er Villas Tor gegen Portugal zu Unrecht anerkannte, aber das war wohl nicht nur seinem Assistenten etwas zu schnell gegangen. Sind meine Einschätzungen längst überholt? Wäre insofern nicht ganz überraschend, als meine einzigen Informationsquellen das Fernsehen und eine kleine Regionalzeitung sind. Internet? Fehlanzeige. Abgesehen von den paar Minuten heute vormittag.

Abschlussfrage: Habe eigentlich nur ich Llorente als Wiedergänger von Norbert Dickel erkannt?

 

Von Galoppern und Robben

Als die Bayern gegen Inter spielten, dachte ich an Acatenango.

Alle, die jetzt nicht wissen, wovon ich rede, sind vermutlich nach 1980 geboren oder haben erst spät zur Sportschau gefunden. Und diejenigen, die sich an Acatenango erinnern, dürften sich völlig zurecht fragen, weshalb ich beim Finale der Champions League an ihn dachte.

Ich sah also diesem Fußballspiel zu, das leider viel zu früh entschieden war und das mich irgendwann nur noch bedingt mitreißen konnte. Und wie ich da so zusah, nistete sich recht unvorhergesehen der Gedanke bei mir ein, dass auf Seiten der Bayern nach meiner Einschätzung (korrekter: nach meiner Einschätzung der Einschätzung durch die Sportjournalisten) mindestens die beiden Erstplatzierten und drei weitere Spieler aus den Top 10 der Wahl zum Fußballer des Jahres 2010 auf dem Platz standen. Nicht dass ich daraus einen Abgesang auf den deutschen Fußball abgeleitet hätte, nach dem Motto: „Da stehen 5 der 10 vermeintlich besten Bundesligaspieler auf dem Platz, und trotzdem sind sie nicht in der Lage, Gefahr zu erzeugen“, überhaupt nicht. War einfach nur so ein Gedanke.

Während ich also noch über den Nachfolger von Grafite sinnierte, tauchte aus heiterem Himmel ein neuer Begriff auf, der zwar eine gewisse formale Ähnlichkeit mit dem des Fußballers des Jahres aufweist, den man indes inhaltlich wohl nicht einmal 1985, 1997 oder 1998 guten Gewissens mit dem Sieger der kicker-Wahl in Verbindung bringen konnte. Eigentlich. Für mich hingegen ist der Weg vom Fußballer des Jahres zum Galopper des Jahres schon immer ein kurzer gewesen: Fußball war Sportschau war (auch) Addi Furler war Galopper des Jahres. War Acatenango (und, zugegeben, ein bisschen Orofino). Womit die Ausgangsfrage beantwortet wäre.

Im Übrigen sei die Wahl des Galoppers des Jahres, die zu meiner Überraschung noch immer durchgeführt wird, wenn auch mit deutlich geringerem medialen Auftrieb als zu Zeiten von Furler, Schwarze und Zimmer, die älteste Publikumswahl im deutschen Sport. Auch besteht sie bereits drei Jahre länger als die elitäre Wahl des fußballerischen Pendants, die dieses Jahr auf ein halbes Jahrhundert zurückblicken kann.

Ich schweife ab. Die Frage der gedanklichen Verbindung zwischen dem Finale der Champions League und einem guatemaltekischen Vulkan wäre zwar geklärt; eigentlich wollte ich jedoch einen Schritt weiter gehen und auch noch ein paar Sätze zur Wahl zum Fußballer des Jahres verlieren, auch wenn vor ihrer Durchführung und vor allem Veröffentlichung noch eine Weltmeisterschaft steht. Gerade bei Weltmeisterschaften sollte man ja zwischenzeitlich vorsichtig geworden sein, nachdem die letzten beiden MVPs wohl schon vor den jeweiligen Finals gewählt wurden, dieses Ergebnis dort aber nicht uneingeschränkt bestätigen konnten.

Wie auch immer: ich habe mir also trotz möglicher weltmeisterschaftsbedingter Änderungen ein paar Gedanken zur Wahl des Fußballers des Jahres gemacht und in diesem Kontext die Ergebnisse der letzten Jahre angesehen, um festzustellen, dass seit Michael Ballack, der 2002 und 2003 (sowie 2005) gewann, niemand mehr ernsthaft Gefahr lief, den Titel zu verteidigen. Eine kurze Betrachtung der 10 Bestplatzierten der letzten 5 Jahre führt mich gar zu dem Schluss, dass ziemlich viele von Ihnen ziemlich sicher nicht erneut in den Top 10 landen werden:

2005
1. Michael Ballack (Bayern München) 516
2. Lukas Podolski (1. FC Köln) 103
3. Marcelinho (Hertha BSC Berlin) 99
4. Marek Mintal (1. FC Nürnberg) 55
5. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 39
6. Per Mertesacker (Hannover 96) 28
7. Roy Makaay (Bayern München) 25
8. Lincoln (Schalke 04) 21
9. Dietmar Hamann (FC Liverpool) 10
10. Sebastian Deisler (Bayern München) 8

2006
1. Miroslav Klose (Werder Bremen) 532
2. Jens Lehmann (FC Arsenal) 82
3. Philipp Lahm (Bayern München) 58
4. Oliver Kahn (Bayern München) 39
5. Michael Ballack (Bayern München) 17
6. Torsten Frings (Werder Bremen) 12
7. Per Mertesacker (Hannover 96) 11
8. Lukas Podolski (1. FC Köln) 9
9. Tim Borowski (Werder Bremen) 5
9. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 5
9. David Odonkor (Borussia Dortmund) 5

2007
1. Mario Gomez (VfB Stuttgart)  196
2. Diego (Werder Bremen)  175
3. Bernd Schneider (Bayer Leverkusen)  156
4. Torsten Frings (Werder Bremen)  47
4. Theofanis Gekas (VfL Bochum)  47
6. Kevin Kuranyi (Schalke 04)  20
7. Pavel Pardo (VfB Stuttgart)  18
8. Timo Hildebrand (VfB Stuttgart)  17
8. Jens Lehmann (Arsenal FC)  17
8. Rafael van der Vaart (Hamburger SV)  17

2008
1. Franck Ribery (Bayern München) 224
2. Michael Ballack (FC Chelsea) 115
3. Luca Toni (Bayern München) 108
4. Philipp Lahm (Bayern München) 69
5. Oliver Kahn (Bayern München) 60
6. Diego (Werder Bremen) 33
7. Mario Gomez (VfB Stuttgart) 32
8. René Adler (Bayer Leverkusen) 31
9. Lukas Podolski (Bayern München) 18
10. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 6

2009
1. Grafite (VfL Wolfsburg) 331
2. Mario Gomez (VfB Stuttgart) 171
3. Edin Dzeko (VfL Wolfsburg) 169
4. Diego (Werder Bremen) 103
5. Franck Ribery (Bayern München) 65
6. Zvjezdan Misimovic (VfL Wolfsburg) 50
7. Philipp Lahm (Bayern München) 32
8. Vedad Ibisevic (1899 Hoffenheim) 20
9. Robert Enke (Hannover 96) 16
10. Mesut Özil (Werder Bremen) 10


Und hier mein völlig verfrühter Tipp:

Fußballer des Jahres 2010:

1. Arjen Robben

2. Bastian „Herr Schweinsteiger“ Schweinsteiger

3. Edin Dzeko

4. Kevin Kuranyi

5. Sami Hyypiä

6. Ivica Olic

7. Thomas Müller

8. Toni Kroos

9. Torsten Frings

10. Claudio Pizarro

10. Cacau

10. Nuri Sahin

10. Philipp Lahm

Und Ihr so?