Von Trainern und Leisten

Landauf, landab pfeifen die Rotkehlchen gerade den Namen Dutt von den Dächern. (Verzeihung.) Parallel dazu wird diskutiert, ob er denn eine gute Lösung für den vielleicht, vielleicht aber auch nicht vakanten Sportdirektorenposten des VfB wäre. Um es vorweg zu nehmen: ich weiß es nicht.

Das gilt unabhängig vom VfB. Ich weiß schlichtweg nicht, ob Herr Dutt ein guter Sportdirektor ist, was nicht zuletzt daran liegt, dass er noch nie als solcher beschäftigt war, nach meiner Kenntnis. Formal schon, klar, beim DFB, aber dass das eine mit dem anderen nur bedingt vergleichbar ist, dürfte auf der Hand liegen.

Was ja erst einmal ganz gut ist, schließlich sah sich Dutt, wie wir alle wissen, auf dem DFB-Sportdirektorenstuhl de facto deplatziert. Ich möchte mir den inneren Kampf nicht vorstellen müssen, den er dort ausgefochten hat, ehe er zu dem Schluss kam, dass seine Zukunft doch weiterhin auf dem Trainingsplatz, in der Kabine und am Spielfeldrand liege.

Möglicherweise hatte er recht, und möglicherweise hätte er auch jetzt wieder recht, wenn er das Gegenteil behauptete. Es spricht schließlich nichts dagegen, dass sich Meinungen, Vorlieben, Kompetenzen im Zeitablauf verändern.

Insofern würde ich vermutlich auch bald wieder diesen Vergleich aus dem Kopf bekommen, der eine zwischen zwei Frauen hin- und hergerissene junge Frau vorsieht, ja beobachtet, möglicherweise ist es auch ein Mann, und das Geschlecht der beiden Rivalisierenden ist auch nicht ganz klar; eine Person also, die in einer unsystematischen Abfolge eigener oder vom jeweiligen Gegenüber getroffener Entscheidungen zwischen den beiden Optionen pendelt und mal die eine, mal die andere voller Überzeugung als die einzig wahre und endgültige betrachtet oder zumindest so tut.

So ist das eben manchmal im wahren Leben, und wer wäre ich, darüber zu urteilen. Auch wenn mich der plötzliche Abschied vom DFB, das gebe ich naiver Romantiker gerne zu, ein wenig irritiert hat.

Unabhängig davon bleibt bestehen, dass ich Herrn Dutt nicht so recht beurteilen kann. Die Einschätzungen von Leuten, mit denen ich in der Vergangenheit sprach und die zum Teil einen recht guten Einblick haben, variieren in vielerlei Hinsicht sehr stark, helfen mir also auch nicht. Womit wir wieder am Ausgangspunkt wären: „ich weiß es nicht“.

An dieser Stelle könnte ich es nun bewenden lassen, wenn, ja wenn mich nicht noch eine Frage umgetrieben hätte:
Wieso denken wir so oft an (ehemalige) Trainer, wenn Sportdirektorenposten zu besetzen sind?

Eine Hypothese, die ganz gut in einem Tweet des geschätzten Herrn @el_pibe12 zum Ausdruck kommt, der die Kritik an Dutt folgendermaßen kommentierte:

Wir kennen diese Art der Argumentation: Ihr seid nie zufrieden, wärt es auch nicht, wenn ein (oder eben drei) ausgewiesener Meister seines Fachs käme, und ich habe manches für sie übrig. Allein: die drei im Tweet genannten sind mir bis dato nicht als herausragende Sportdirektoren aufgefallen. Was an mir liegen kann.

Entschuldigung, ich will nicht polemisch werden, und es liegt mir fern, Philipps Tweet auf die Goldwaage zu legen. Seine Aussage illustriert nur ganz gut den Gedanken, dass wir Trainer und Sportdirektoren gerne mal über einen Kamm scheren – einen Gedanken, den vermutlich nicht nur viele von uns Fans hegen, sondern auch der eine oder andere Trainer, der sich an einem gewissen Punkt nicht mehr im Trainingsanzug auf dem Platz, sondern eher in übergeordneter Rolle sieht.

Und, um nicht missverstanden zu werden: dieser Gedanke liegt nahe. Es gibt zahlreiche Überschneidungen, wie nicht zuletzt anhand der Position des Managers englischer Prägung deutlich wird, dem hierzulande wohl am ehesten Felix Magath in Wolfsburg und zeitweise auch bei Schalke entsprach.

Auch Armin Veh hatte in Wolfsburg meines Wissens kurzzeitig eine ähnliche Rolle inne. Dass es nicht funktioniert hatte, lag gewiss an mancherlei Dingen; eines davon dürfte nach der Lesart des gemeinen VfB-Fans sein eher mittelgutes Händchen auf dem Transfermarkt gewesen sein. Oder anders: in Stuttgart überraschte es nicht so sehr, dass der Meistertrainer Veh möglicherweise kein meisterhafter Sportdirektor sein würde. Umso bemerkenswerter, dass er auch hier in den vergangenen Monaten immer wieder einmal als möglicher Bobic-Nachfolger gehandelt wurde.

So frug ich mich also, ob denn tatsächlich zahlreiche Geschichten gelungener Übergänge vom guten Trainer, wie auch immer das zu bemessen sei, zum erfolgreichen Sportdirektor verbrieft seien. Natürlich fiel mir (nicht nur) auf Basis unrealistisch erscheinender Stuttgarter Diskussionen der letzten Monate sogleich Ralf Rangnick ein, der in Leipzig zweifellos gute Arbeit leistet. Dass er noch nicht in der ersten Liga angekommen ist und dass er aus einer in mancher Hinsicht überaus privilegierten Position heraus arbeitet, ist mir bewusst.

Auch Matthias Sammer hat gegenüber vielen seiner Kollegen gewisse betriebswirtschaftliche Vorteile auf seiner Seite, die das Geschäft erleichtern. Manche zweifeln zudem an, dass er wirklich ein guter Trainer war (ehrlich gesagt verdränge ich sein Intermezzo als Trainer gerne mal), sowohl in Dortmund als auch in Stuttgart, und die Gründe sind nicht die schlechtesten. Andere hinterfragen seine Rolle in München sehr kritisch, bzw. zweifeln sie grundsätzlich an, was dann ja unmittelbar seine Qualitäten als Sportdirektor negieren würde.

Da mich eben diese Diskussion um Sammers Rolle in München eher langweilt, betrachtete ich ihn in meinem nächtlichen Informationsbeschaffungstweet, lange vor El Pibes Dreitrainertweet übrigens, der Einfachheit halber als gesetzt:

Rangnick und Sammer waren nicht die einzigen, die mir eingefallen waren. Zu denjenigen, die ich noch am ehesten unter „Erfolgsgeschichte“ einordnen würde, zählte Wolf Werner, dessen Leistungen als Trainer möglicherweise nicht allerorten als „gut“ charakterisiert würden, der aber immerhin gut genug war, in der ersten Liga zu arbeiten, oder Helmut Schulte, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er auch als Sportdirektor in der Bundesliga wirkte. In gewisser Weise natürlich auch Felix Magath, während zum Beispiel Otmar Hitzfelds Episode als Sportdirektor bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterließ, oder ganz sicher keinen positiven.

Die Timeline reagierte rasch und nannte unter anderem Werner und Schulte, scherzend auch Magath, zudem Dutt, ohne dass ich die Ernsthaftigkeit jenes Tweets einzuordnen wüsste. Hitzfeld wurde nicht genannt, dafür aber ein paar, die ich nicht auf dem Zettel hatte:

Tobi war nicht der einzige, der Völler nannte, und auch wenn er es dem Anschein nach nicht uneingeschränkt ernst meinte, muss man wohl über Völler nachdenken. Und kann, wie ich, zu dem Schluss kommen, dass seine Trainerstationen (Roma!) abseits der Nationalelf (ja, ja, Teamchef) nicht für eine Bewertung genügen und dass seine Tätigkeit in Leverkusen nur schwer einzuschätzen ist. Will sagen: für mich ist er nach wie vor in erster Linie Mittelstürmer.

 

Aus formalen Gründen nicht wählbar, sag ich mal.

 

Sehr interessanter Gedanke, an Udo Lattek hatte ich überhaupt nicht gedacht. Und kann seine Tätigkeit dort nicht seriös einschätzen; die Symbiose mit Daum war zweifellos eine erfolgreiche, sein Pullover eine schöne Idee. Vermutlich gehört er auf die Liste.

 

Ganz ehrlich: ich kann seine Arbeit in Minsk und Taschkent nicht einmal ansatzweise beurteilen. Und die als Trainer auch nicht.

 

Abseits der genannten oder zitierten Namensvorschläge kamen auch noch vereinzelt weitere Rückmeldungen, zum Beispiel diese hier:

Eben! Wollte ich entgegnen, genau darum ging es mir: dass die bisherige Erfahrung mit Trainern eben nicht zwingend zu dem Schluss führe, sich auf der Suche nach einem Sportdirektor bei den Trainern umzusehen.

Oder andersherum: wer sich bei den führenden Sportdirektoren umsieht, wird darunter nicht allzu viele ehemals große Trainer finden. Gewiss, Klaus Allofs war mal ein paar Monate lang Trainer bei der Fortuna, hat dabei meines Wissens aber keine allzu großen Fußspuren hinterlassen.

Max Eberl und Christian Heidel waren ebenso wenig als Trainer tätig wie Stefan Reuter, Michael Zorc, Jörg Schmadtke, Dirk Dufner, Alexander Rosen oder Michael Preetz, wir können das gerne fortführen, und ja, „führende Sportdirektoren“ ist ein verdammt schwammiger Begriff.

Möglicherweise ist es einfach so, wie Herr @bimbeshausen sagt: Gute Trainer bleiben Trainer.

Glaubt mir keiner, dass er als erklärter Rangnickjünger sowas sagen würde. Ja, ich weiß, da steht „oft“. Aber es scheint was dran zu sein.

Zur Frage nach der Kontrollgruppe: Hitzfeld, vielleicht, nicht im Sinne von „schlecht“, aber eventuell im Sinne von „nicht seine Welt“, auch Veh, wie bereits gesagt. Volker Finkes Arbeit in Köln betrachte ich nicht als sonderlich erfolgreich, Ähnliches gilt für den kurzzeitig doppelbelasteten Markus Babbel in Hoffenheim, bei dem man gewiss auch die Trainerqualitätsfrage stellen kann.

Gute Trainer bleiben Trainer. Gefällt mir.

Immerhin: dass gute Trainer auch gute Sportdirektoren werden können, ist nicht auszuschließen. Und dass Robin Dutt bis dato mindestens phasenweise ein guter Trainer war, nicht von der Hand zu weisen.

Ansonsten gilt weiterhin: ich weiß es nicht.

 

Krankheitsbericht

Vor Wochenfrist, großzügig gerechnet, hatte ich endlich mal wieder etwas zu erzählen. Im Stadion war ich gewesen, gegen Dortmund, ein schönes Spiel gesehen, mit bitterem Ausgang, gewiss, und doch waren diese 25 Minuten zu Spielbeginn für die Seele Gold wert gewesen, mehr als alles andere, was ich im Lauf der Saison gesehen hatte. Ich räume ein: vermutlich kam das Schneider’sche Bundesligadebüt dem nahe, auch wenn ich es nur in einer komischen Hamburger Bar (ohne Bindestrich) verfolgen konnte.

Mein Sohn war dabei gewesen, nicht in Hamburg, doch schon, aber das meinte ich jetzt nicht, sondern im Stadion, gegen Dortmund, nachdem er vormittags beim Punktspiel eine Abwehraktion zum Besten gegeben hatte, die Marwin Hitz Stunden später ähnlich spektakulär, aber deutlich weniger erfolgreich nachstellen würde. Aus nächster Nähe ins Gesicht, Sie wissen schon, mit dem Unterschied, dass Hitz ein Eigentor unterlief, während mein Sohn tatsächlich klärte. Glücklich machte es ihn nicht, und mich, der ich ihm tags zuvor angeraten hatte, etwas weniger ängstlich in Zweikämpfe zu gehen, erst recht nicht.

Natürlich hatte das nichts mit Dortmund zu tun, außer dass ich gottfroh war, ihn wohlbehalten und ohne Brummschädel mit ins Stadion nehmen zu können, aber irgendwie hätte ich das schon zusammengeführt. Noch ein bisschen Schirischelte dazu, weil Oliver Kirch nach seinem taktischen Foul auf dem Platz bleiben durfte, dann noch ein paar Mutmaßungen über Jürgen Klopps Gedankenwelt beim Beobachten der Duelle zwischen Erik Durm und Ibrahima Traoré, der natürlich noch einmal eine ganz andere Nummer ist als Gareth Bale – der eine oder andere Seufzer dürfte Klopp dennoch entwichen sein.

Schließlich dann, um das Ganze abzurunden, wäre noch ein kurzes Philosophieren über Robert Lewandowski fällig gewesen, den die einen wegen seine gewiss leichtfüßigen Falls vor dem Ausgleich scharf kritisierten, während die anderen, zumindest Teile der anderen, ganz konkret: ich, den ich also mit einem Gefühl beobachtet hatte, das, die VfB-Bedürfnisse kurz beiseite schiebend, man wohl als Verzückung beschreiben könnte. Ballannahmen, bei denen nicht nur ich mir, sondern bei denen sich vermutlich auch professionelle Fußballspieler Faserrisse zuziehen würden, ohne den Ball auch nur zu berühren, Dribblings, Tempo, eine über sämtliche Zweifel erhabene Körpersprache und in jedem Augenblick diese Sorge, dass gleich etwas Großes passieren könnte.

Ich weiß, BVB-Anhängern geht es schon lange so, von besagter Sorge vielleicht abgesehen, und natürlich denke ich derlei nicht zum ersten Mal, habe ich ihn nicht zum ersten Mal gesehen. Ich weiß zudem, dass das gar nicht sein bestes Spiel war, aber das braucht es ja gar nicht, oftmals sind ja die Ahnungen all dessen, was sich noch dahinter verbirgt, und nein, ich laufe nicht Gefahr, den Faden zu verlieren oder gar ins Schlüpfrige abzugleiten, sind es also diese Ahnungen, die die Phantasie anregen und einem, ja, das Herz aufgehen lassen. Bis man sich dann wieder der Situation der Heimmannschaft erinnert.

Ein bisschen abseits des Spielfelds hätte ich dann noch kurz über Autofahrten aus Kindertagen gesprochen, aus der südbadischen Provinz in die Landeshauptstadt, und über meine Irritation ob der Ungerechtigkeit, dass schon nach wenigen Kilometern, noch vor Erreichen der Autobahn, die Beschilderung für Stuttgart begann, während auf der Rückfahrt weit über 100 Kilometer an uns vorüberzogen, ehe die wunderbare eigene Heimat angekündigt wurde. Dem Großteil der gen Süden fahrenden Stuttgarter war sie schlichtweg ziemlich egal.

Ganz ähnlich wie meinem kindlichen Ich dürfte es jenen Leuten gehen, die nach dem Dortmund-Spiel die Sorge äußerten, der Meister aus München betrachte den VfB als Erzrivalen und werde deshalb besonderes Augenmerk darauf legen, besagten VfB am letzten Spieltag in die zweite Liga zu schießen, um so seinen eigenen Titel noch mehr auskosten zu können. Gewiss, alles eine Frage der Perspektive. Und nicht nur ihrer.

Das alles und noch viel mehr sollte also vor Wochenfrist irgendwie zu Papier gebracht werden, ehe mich eine heimtückische grippale Attacke auf die Bretter schickte, wo ich dann die Woche verbrachte. In lichten Momenten schrieb ich in Etappen ein paar Sätze für den Sitzplatzultra, der in seinem Blog nach einem festen Schema bloggende Anhänger des jeweiligen Gegners „seines“ SC Freiburg zu Wort kommen lässt und dem ich schon vor langer Zeit Antworten zugesagt hatte. Rückblickend kann man feststellen, dass die vermeintlich lichten Momente gar nicht so licht gewesen sein dürften.

Meine dort zum Ausdruck gebrachte Meinung, dass Oliver Baumann ein besserer Torwart sei als Sven Ulreich, ist im Lichte des samstäglichen Realitätsabgleichs zunächst einmal nicht zu halten. Zahlreichen lichten Momenten des VfB-Torhüters stand mindestens ein eher düsterer seines Pendants gegenüber.

Zumindest einen düsteren Moment hatte auch Vedad Ibisevic, der noch nie in seiner Zeit beim VfB so früh und unverletzt ausgewechselt worden sein dürfte. Ansonsten kann ich zum Spiel nichts sagen. Nicht einmal, ob Christian Streich an Gareth Bale dachte.

Somit habe ich zuletzt von drei Heimspielen an drei aufeinanderfolgenden Samstagen nur eines gesehen. Das, das verloren wurde. Ebenfalls nicht im Stadion war ich gegen Hoffenheim. 6:2, Sie wissen schon. Was mich zumindest für das Schalke-Spiel am seit Monaten anderweitig verplanten Ostersonntag ganz zuversichtlich stimmt.

Ernsthaft: der VfB hat in dieser Saison wettbewerbsübergreifend acht Spiele gewonnen. Eines davon habe ich live gesehen. Bitter. Vor allem ersteres.

Ein Freund beantwortete die Frage nach seinen Dauerkartenplänen für die kommende Saison jüngst sinngemäß so:

„Ja, ich denke schon, dass ich auch in der zweiten Liga eine Dauerkarte nähme.
Ach, in der ersten? Nein, das tue ich mir nicht mehr an.“

Wie heiß diese Aussage letztlich gegessen würde, weiß ich nicht. Und auch nicht, ob er zu dem Zeitpunkt schon wusste, dass Fredi Bobic auch in Liga zwei weitermachen würde. So er dürfte. Sein Vorbild sei Michael Preetz, wenn ich das recht verstanden habe. Der sei sogar zweimal wieder aufgestiegen mit der Hertha. Yeah!

Zurück zum Samstag: während ich die Bundesliga so verfolgte, machte das böse Wort von der Wettbewerbsverzerrung die Runde. Ob dem bösen Wort auch ein böses Handeln des FC Bayern gegenüberstand, der mit zehn Feldspielern angetreten war, die im Durchschnitt in gut 40 Prozent der bisherigen Spiele zum Einsatz gekommen waren, darunter zwei Debütanten, wurde nicht einheitlich bewertet.

Dabei steht außer Frage, dass der FC Bayern jedes Recht hat, die Mannschaft aufzustellen, die er will. So wie der Betrachter das Recht hat, darin eine Wettbewerbsverzerrung zu erkennen, oder wie ich das Recht habe, es insbesondere im Lichte der vorangegangenen Ankündigung des Trainers, dass die Bundesliga-Saison des FC Bayern beendet sei, als unsportlich und als Provokation zu empfinden.

Was mich indes überraschte, brachte ich in einem Tweet zum Ausdruck:

Ernsthaft und ohne jede Polemik: ich hätte gedacht, dass Reaktionen im Sinne von „Findest Du?“, „Na ja, jetzt übertreibst Du aber ein bisschen“, „Schon grenzwertig, aber angesichts der Champions League am Mittwoch doch auch nachvollziehbar“ oder gar „Ja, für Mainz als Wettbewerber ist das sicher ein Schlag ins Gesicht. Ich finde dennoch, dass man da keine Rücksicht nehmen darf.“ Auch „Nee, sehe ich überhaupt nicht so. Højbjerg ist schließlich …“ hätte ich genommen. Und ja, gerne auch ein bisschen direkter in der Ansprache, schließlich waren die kritischen Äußerungen auch nicht allzu romantisch ausgefallen, zum Teil übers Ziel hinausgeschossen.

Faktisch las ich indes, was an mir gelegen haben mag, nur sehr wenige Tweets, die sich halbwegs ernsthaft mit den Vorwürfen auseinandergesetzt hätten. Stattdessen wurde den Kritikern unterstellt, doch nur darauf gewartet zu haben, es den Bayern endlich mal zeigen zu können, andere nahmen Diskussionen der letzten Wochen auf, sinngemäß: „Bei Siegen ist es Langeweile, bei Niederlagen Wettbewerbsverzerrung. Euch kann man es nicht recht machen“.

Wieder andere wiesen die „Dummquatscher“ schlichtweg darauf hin, dass „wir“ noch größere Ziele hätten, bezeichneten die Vorwürfe als „Unsinn“ oder ließen die Kritiker wissen, dass sie sie auslachten. Nicht wenige verwiesen darauf, dass sich Augsburg ja nicht in einem relevanten Wettbewerb befinde, was angesichts von nun zwei Punkten Rückstand auf einen möglichen Europapokalplatz eine gewagte These ist, gleichzeitig aber immerhin in eine inhaltliche Auseinandersetzung zum Thema münden konnte.

Häufig kam natürlich der Hinweis, dass gerade Armin Veh nicht klagen dürfe, der ja mit seinen Frankfurtern das Spiel in München abgeschenkt habe. Unter anderem hierzu tauschte ich mich mittels privater Direktnachrichten mit einem geschätzten FCB-Fan aus und argumentierte auf seine Frage hin, ob ich das Frankfurter Verhalten gleichermaßen unpassend gefunden habe, alles andere als wissenschaftlich sauber und in Kurznachrichtendiktion:

„Frankfurt fand ich nicht schön, aber nein, nicht in dem Maße. Zum einen befand sich der Gegner, realistisch betrachtet, schon zu jenem Zeitpunkt nicht mehr in einer wirklichen Wettbewerbssituation, zum anderen verringerte Frankfurt seine Siegchance geschätzt von 10 auf 5 %, während die Bayern ihre heute, geschätzt, von irgendwas über 80 letztlich unter 50 senkten.“

Aber wie gesagt, all das kann man aus guten Gründen anders sehen. Ich hätte mich nur über ein etwas weniger selbstbewusstes Beiseitewischen von Kritik und eine offene Auseinandersetzung gefreut.

Wohl wissend, dass ich manches überlesen haben mag und dass sich viele bestimmt im Privaten Gedanken dazu gemacht haben.

 

 

 

 

 

 

Von Phantomen und Phantomtoren

Phantomtor, klar. Thomas Helmer und so, kennt jeder. Aber wer weiß schon, dass auch Michael Preetz dereinst ein solches geschossen haben muss? Genauer: am 28. August 1991 im Homburger Waldstadion, in der damaligen 2. Bundesliga Süd.

Doch der Reihe nach: wenn man sich für die Zweitligatorschützenkönige vergangener Spielzeiten interessiert – ein gängiges Hobby, wie wir alle wissen – und verschiedene Statistiken dazu schmökert, stößt man irgendwann auf die Information, dass Michael Preetz in der Saison 1991/92 insgesagt 16 Tore erzielte. Jene Saison wurde, infolge der Eingliederung von 6 Mannschaften aus der DDR-Oberliga, nach einem etwas ungewöhnlichen Modus gespielt, aus dem im Norden Bayer Uerdingen und im Süden der 1. FC Saarbrücken als Aufsteiger hervorgingen, letztere nicht zuletzt dank der 17 Tore von Michael Preetz. 17? 17! Sagt Wikipedia, sagen die Experten von der Rec.Sport.Soccer Statistics Foundation und sagt auch weltfussball.de – wo man gar noch zwischen den Torjägern der normalen Runde und der Aufstiegsrunde unterscheidet.

Sowas kann man ja nicht einfach so stehen lassen. Bundesliga.de ist wenig hilfreich und versagt bei der entsprechenden Saison, also macht man sich halt auf die Suche nach dem einen Tor, das die einen gezählt haben, die anderen nicht. Relativ rasch lässt sich herausfinden, dass weltfussball.de am 28. August 1991 in Homburg einen Treffer von Preetz gesehen haben will, wohingegen fussballdaten.de ihn nicht zu den Torschützen zählt. Sieht man genauer hin, stellt man fest, dass es sich um einen Elfmeter handelte, den gemäß Fußballdaten Jonathan Akpoborie in der 71. Minute verwandelt hat. Dann wird wohl bei den anderen Preetz als Elfmeterschütze angegeben sein, kann ja mal passieren, auch wenn sich Preetz und Akpoborie gar nicht so sehr ähneln. Die Probe aufs Exempel: tatsächlich, bei den Weltfußballern traf Preetz zum Ausgleich, und zwar, äh, in der 49. Minute und ohne Elfmeter.

Und jetzt? Könnte man sich natürlich auf den Standpunkt stellen, dass es letztlich für die Torschützenkönigsfrage egal ist – Preetz war vorne, sei es mit 16 Treffern, sei es mit deren 17. Aber es lässt einen ja auch nicht unbedingt wieder los. Also fragt man die Fans. Im Saarbrücker Fanportal ludwigspark.de finden sich natürlich auch Daten zum Spiel. Torschütze? Akpoborie, 71., Foulelfmeter. Warum die recht haben? Weil eine Reihe kundiger Kommentatoren vom Spiel erzählt und keiner an der Spielstatistik etwas auszusetzen hatte. Ungeklärt bleibt bis dato die Frage, was sich in jener 49. Minute ereignet hat. Möchte sich jemand in einem Zeitungsarchiv vergraben?

Wer dann Blut geleckt hat, ist zudem herzlich eingeladen, den weiteren Diskrepanzen zwischen den einzelnen Übersichten auf den Grund zu gehen, angefangen bei Volker Graul 1975 (29 oder 30?), über Horst Hrubesch 1978 (41 oder 42?) und Rekordtorschützenkönig Emanuel Günther 1980 (28 oder 29?) bis hin zu was-weiß-ich-denn-wem.

Wieso ich mich mit so etwas beschäftige? Na, wegen Nils Petersen natürlich! In einer Fußballrunde vertrat kürzlich jemand die Ansicht, dass die Bayern mit dem jungen Mann „eine der besten Investitionen der letzten Jahre“ getätigt hätten, die sich bezahlt machen würde. Möglicherweise hat er recht. Ohne allzu intensiv darüber nachzudenken, warf ich die Frage in den Raum, welche Zweitligatorschützenkönige in den vergangenen, sagen wir, 15 Jahren auch in der ersten Liga so richtig erfolgreich gewesen seien. Ich nannte selbst (man will ja seine Fragen auch beantworten) sogleich Mintal und später – wohl wissend, dass damit die 15 Jahre schon überschritten waren – auch Preetz, Völler und Burgsmüller. Andere brachten Labbadia ins Spiel, von dem wir, oder zumindest ich, fälschlicherweise glaubten, dass seine Zweitligaerfolge länger zurücklägen. Thurks Bundesligaresultate schienen überschaubar, keiner dachte an Leute wie Woronin oder Podolski, oder gar an Fritz Walter, den Torschützenkönig von 1996, die bei der anschließenden nächtlichen Statistikrunde am heimischen Rechner (Ausgangspunkt: natürlich der Trainer) sogleich ins Auge fielen.

Wobei die genannten Walter, Labbadia oder Burgsmüller, wie auch einige weitere Spieler, nur schwer mit Jungspunden wie Petersen zu vergleichen sind: sie wurden in fortgeschrittenem Alter Zweitligaschützenkönige und klopften nicht erst an das Tor nach oben an. Labbadia und Burgsmüller kehrten danach noch einmal ins Oberhaus zurück, während Fritz Walter und Lothar Emmerich nach ihren Bundesliga-Torjägerkanonen zum Schluss ihrer Laufbahn noch ein wenig die zweite Liga aufmischten (Walters noch folgende drei Bundesligaspiele lasse ich einmal unter den Tisch fallen). Auch Horst Hrubesch hatte bei seinem Zweitligarekord schon zwei Jahre erste Liga mit insgesamt knapp 40 Toren hinter sich.

Mehr als zwei Drittel der Zweitligatorschützenkönige absolvierten das Jahr darauf ganz oder teilweise in der Bundesliga, sei es nach dem von ihnen maßgeblich miterrungenen Aufstieg, oder eben nach dem häufig offensichtlich unvermeidlichen Wechsel zu einem Bundesligisten. Von jenen, die in der zweiten Liga blieben, konnten insbesondere Karl-Heinz Mödrath mit 26, Artur Wichniarek als erneuter Schützenkönig mit 20 und Radek Drulak mit 19 Treffern ihre Vorjahresergebisse bestätigen, Angelo Vier war zweimal in Folge mit jeweils 18 Treffern die Nummer 1. In der Bundesliga konnte er sich indes nicht durchsetzen, was man in ähnlicher Form wohl auch von Giovanni Federico, Francisco Copado oder VfB-Legende Leo Bunk sagen kann.

Die beeindruckendsten Bilanzen im Oberhaus können das Phantom Marek Mintal und Rudi Völler vorweisen, die sich mit 24 bzw. 23 Treffern sogleich zum Bundesligatorschützenkönig kürten, auch Phantomtorschütze Michael Preetz ist das später noch gelungen, und natürlich muss man Manfred Burgsmüller nennen, der 1985/86 zunächst in 15 Spielen für RW Oberhausen 7 Zweitligatreffer und anschließend für Werder Bremen 13 Treffer in 20 Bundesligaspielen erzielte. Mit 36. In den letzten Jahren beeindruckten noch Novakovic‘ 16 (auch er gewiss kein heuriger Hase) und Podolskis 12 Bundesligatore, die auch Wichniarek 2000 erreicht hatte.

Dieter Schatzschneider, Rekordtorschütze der zweiten Liga, reichte oben nicht annähernd an seine Quote heran, ähnliches gilt für Sven Demandt. Cedrick Makiadi war in der Tat einmal Zweitliga-Schützenkönig, gilt in der Bundesliga aber gewiss nicht als Torjäger, und die 35 Zweitligatore in der Saison 1979/80 von Christian Sackewitz, den ich in erster Linie als mäßig torgefährlichen Spieler für Bielefeld und Uerdingen in Erinnerung hatte, haben mich komplett überrascht.

Und dann muss man bei der trockenen Statistiksichtung schlucken, wenn man über Mucki Banach und den schwerkranken Michael Tönnies stolpert.

Drucksituationen

„Für weitere Systemanalysen verweise ich jetzt einfach mal auf heinzkamke, der sich mit Sicherheit in den nächsten Tagen detailliert zur Lage des VfB äussern wird. (Subtil den Druck erhöhen… =))“

So steht’s im Brustring, und wenn ich ehrlich bin, muss ich mir eingestehen, dass ich diesem Druck, so subtil er auch sein mag, nicht gewachsen bin. Nicht gewachsen sein kann, da ich schlichtweg nur sehr wenig vom Sieg des VfB in Berlin gesehen habe. Und es wird ja wohl niemand ernsthaft glauben, dass ich mich für die geforderte Systemanalyse auf Informationen aus dritter Hand stützen würde.

So bleibt mir nur festzustellen, dass der VfB dem Druck, im Gegensatz zu mir, stand hielt. Sowohl dem psychischen als auch dem der Hertha. Wohingegen der Schiedsrichter wohl nicht druckresistent genug war. Womit ich nicht sagen will, dass der VfB Druck auf ihn ausgeübt habe, auch wenn das Deutsche und Fußballdeutsche bekanntlich gerne mal tun. Ob der Spätzle-unterwanderte DFB Druck auf den Schiri ausgeübt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Ausschließen kann man sowas freilich nie. Vielleicht war es auch einfach nur der ganz normale Saisonendphasendruck, der das niedersächsische Gespann Weiner/Frank zu Fehlentscheidungen verleitete. Ging Herrn Preetz ja auch nicht anders. Im Gegensatz zu Michael Kempter, der auf Druck von Doc Z den nach eigenen Angaben brutalen Druck bei seinem Comeback souverän meisterte.

Ziemlich druckerprobt zeigten sich zu meinem Bedauern – und ich gebe zu, ein wenig zu meiner Überraschung – auch die Herren aus Hamburg und Wolfsburg, während man in Frankfurt und Gelsenkirchen nur leidlich druckresistent war. Wäre Toni Kroos dem Druck des Schützen im Angesicht des Torwarts gewachsen gewesen, hätten die Bayern von ihrem Vorturner Arjen Robben wohl noch mehr Druck bekommen; so aber dürften sie weiterhin davon ausgehen, keine Vizemeistertrikots drucken lassen zu müssen dürfen.

Kräftigem Druck waren und sind die Hoffenheimer Millionäre aus allen Richtungen ausgesetzt. Was mag geschehen, wenn sie realisieren, dass sie auch noch absteigen können? Und wieso hab ich das noch nirgends gelesen? Frank Baumann könnte denen Geschichten erzählen. Vom Druck vor dem Tor, zum Beispiel.

Zurück zum Druck der Hoffenheimer Fans. Deren Millionärsschelte landauf, landab für Belustigung sorgte. Vermutlich fanden’s die Spiel gar nicht so lustig. Fans können nämlich gnadenlos sein, wie wir kürzlich unter der netten Überschrift „Deisler-Arzt Dr. Nickel über DRUCK“ bei den 11Freunden erfahren konnten. Nun will ich nicht so weit gehen, die Sonntagsausgabe der Stuttgarter Zeitungen, „Sonntag aktuell“, als gnadenlos zu bezeichnen. Aber so richtig schön finde ich es auch nicht, dass man es beim Relaunch im Januar 2010 für eine gute Idee hielt, wöchentlich die Flop-Elf des Tages zu küren, nach welchen Kriterien auch immer:

Wobei ich einräume, dass „Sonntag aktuell“ nur bedingt in der Lage sein dürfte, damit Druck auf die Spieler auszuüben.

Wie dem auch immer sei: der Druck wird zum Saisonende hin nur in den wenigsten Fällen nachlassen. In Mainz und Gladbach vielleicht ein wenig eher als woanders, möglicherweise auch in Frankfurt, mit etwas Glück in Köln und Hoffenheim. Aber selbst die Bremer, von denen ich bis zum Wochenende glaubte, sie könnten sich in den verbleibenden Spielen Körperteile ihrer Wahl schaukeln, dürfen nun wieder Gas geben und spekulieren. Wobei mich persönlich natürlich in besonderem Maße der Kampf um Platz 6 interessiert, den ich, wie die geneigte Leserin weiß, vor Wochen schon aufgegeben hatte. Mittlerweile bin ich sehr guter Dinge, dass der VfB den HSV noch  überholt; Wolfsburg mit seinem künftigen Weltfußballer macht mir da deutlich mehr Sorgen.

Letztlich halte ich es aber mit Christian Gross, der am Sonntag in einem souverän geführten „Intervier“ mit Valeska Homburg Klartext redete:

„Wenn wir 12 holen, dann schaffen wir es“
(ca. 13:50)

Nicht ganz so deutlich äußerte er sich zur Zukunft einzelner Spieler beim VfB; es würde mich, auch auf Basis dieses Interviews, allerdings überraschen, wenn Roberto Hilbert nächste Saison noch beim VfB und Sven Ulreich dessen Stammtorwart wäre (ab ca. 6:00). Wobei ich eine solche Entscheidung in Sachen Ulreich leichter nachvollziehen könnte als bei Hilbert. Aber auch hier werde ich versuchen, mir das zu Herzen zu nehmen, was Gross einem Zuschauer mit auf den Weg gab, der wissen wollte, ob er sich wegen des nächstjährigen Kaders Sorgen machen müsse:

„Er soll sich Gedanken machen, aber ’ne gewisse Gelassenheit ausstrahlen.“ (ca. 8:20)