Das ham wir uns verdient

Vor einem knappen Jahr hatte ich mich ein wenig gewundert über all jene, die Borussia Dortmund zum „verdienteste[n] Meister seit was weiß ich wann“ erkoren hatten. Nicht dass ich daran gezweifelt hätte, dass der BVB völlig zurecht und eben verdient Deutscher Meister geworden sei, ganz im Gegenteil; ich verstand und verstehe nur nicht so recht, wie man die Verdientheit einer Meisterschaft misst. Punktabstand? Meisterschaftssichernder Spieltag? Spielweise? Bilanz gegen die Bayern? Unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Anzahl verletzter Stammspieler pro Spieltag?

Die aufmerksame Leserin mag mittlerweile ganz leise erahnen, dass ich nichts vom Verdientheitsvergleich von Meisterschaften halte. In meinen Augen ist der Gewinn der deutschen Fußballmeisterschaft entweder verdient – oder er ist verdient. Etwas anderes gibt es nicht.

Aber wie gesagt: Das sagte ich sinngemäß schon vor einem Jahr. Dass mit Michael Zorc dem Vernehmen nach in diesem Jahr auch ein Vereinsvertreter in diese Kerbe schlägt und feststellt, dass es „selten einen verdienteren Deutschen Meister als dieses Jahr“ gegeben habe, hat einerseits noch einmal eine andere Qualität, andererseits hat er natürlich nach meiner Sichtweise recht: Wenn jede Meisterschaft gleichermaßen verdient ist, gab es in der Tat nicht nur selten, sondern noch nie einen verdienteren Meister. Aber auch noch nie einen weniger verdienten.

Wortklauberei? Ja. Und das war noch nicht einmal alles. Als ungleich störender empfinde ich nämlich einen Satz von Jürgen Klopp, den ich ihm in dieser Form nicht zugetraut hätte: „Wenn es jemals einen verdienten Meister gab, dann sind wir das!

Was soll denn das nun schon wieder heißen? Mit großer Wahrscheinlichkeit gab es niemals einen verdienten Meister, aber wenn man dann doch unbedingt einen ausgucken müsste, dann wär’s halt der jetzige? Hat nämlich einen außergewöhnlichen Charakter, die Mannschaft, und verrückte Sachen macht sie.

Eine Meisterschaft ist eine Meisterschaft ist eine Meisterschaft. Verdient ist sie allemal, die Emotionen gehen völlig zurecht mit einem durch, man darf nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, und fremdsprachliche Lapsus sind sowas von egal. Und trotz alledem verstehe ich nicht, wieso man da Quervergleiche braucht. Rangfolgen erstellen und die Dinge vermeintlich historisch einordnen muss. Der nächste Meister wird wieder der verdienteste sein. Oder noch verdienter, wer weiß. Ob er Dortmund heißt (wenn es jemals einen Meisterschaftshattrick gab, dann in Dortmund) oder anders.

Herzlichen Glückwunsch, Borussia Dortmund, zum Meistertitel (dass er verdient war, steht ja … ach, lassen wir das), und vielen Dank für begeisternden Sport, wunderbaren Fußball mit bemerkenswerten Kombinationen und großartigen Einzelkönnern. Ich zähle auf Euch in Europa nächstes Jahr, und vermutlich werde ich Euch auch wieder als Meister tippen, nachdem ich Euch diese Saison nur die Herbstmeisterschaft zugetraut hatte. (Vorsicht, dieses Jahr hieß mein Meistertipp Bayer Leverkusen.)

Wenn es übrigens jemals eine Personalie gegeben hat, die ich nicht verstanden habe, dann ist es die von Marc Kienle. Der vor einem Jahr prominent inthronisierte und mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattete (zumindest wurde der Eindruck erweckt) sportliche Leiter für Jugend und Ausbildung des VfB geht wohl zu Bayern München, allerdings nicht als Funktionär, sondern als Trainer der dortigen U19.

Die Tragweite dieses Abgangs kann ich nicht seriös einschätzen, zumal bis dato kaum Hintergründe nach außen gedrungen sind. Ohne Zweifel aber ist für mich, der ich die Bedeutung (zugegeben: auch die Symbolkraft) dieser Position, gerade bei einem Ausbildungsverein (sic!) wie dem VfB, als außerordentlich hoch betrachte, nur sehr schwer verständlich, wie es dazu kommen konnte und wie vor allem Fredi Bobic nach eigenen Angaben so unvorbereitet getroffen werden konnte.

Spekulationsansätze gibt es zuhauf. Neben der Strahlkraft des FC Bayern, auch neben der dortigen Umstrukturierung der Nachwuchsarbeit, die ein spannendes Projekt sein dürfte, natürlich auch neben finanziellen Aspekten (gilt der Stuttgarter Weg in Sachen Gehaltsgefüge analog für die Ausbilder?), vielleicht auch neben Kienles Wunsch, selbst eine Mannschaft zu trainieren (was er in Stuttgart ebenfalls hätte tun können), fragt man sich unweigerlich, ob es vielleicht doch damit zu tun haben könnte, dass der VfB seinen eigenen Ansprüchen in Sachen Nachwuchsförderung nicht gerecht wird, dass seit Jahren kein eigener Jugendspieler dauerhaft den Sprung zu den VfB-Profis geschafft hat, dass gerade in der abgelaufenen Saison das Missverhältnis zwischen den Aussagen zu Saisonbeginn auf der einen und den Bundesligaeinsätzen oder auch nur -nominierungen der Nachwuchsspieler ein bemerkenswert krasses war.

Und man fragt sich ganz unschuldig, wie wohl das Verhältnis zwischen Bruno Labbadia und Marc Kienle gewesen sein mag. Ganz am Rande, aber wirklich nur ganz am Rande, man kennt ja seine Pappenheimer, stellt man sich auch noch die Frage, wieso diese Personalie bei Sport im Dritten keine Erwähnung fand. Könnte natürlich ganz schlicht daran liegen, dass sich meine Einschätzung ihrer Bedeutung von der des SWR unterscheidet.

Köln? Nun denn, wenn es jemals einen Bundesligaspieltag gab, von dem ich so gut wie nichts gesehen habe, dann war es dieser. Der trotz mäßigen Spiels die wohl verdienteste Uefa-Cup-Qualifikationsqualifikation seit einem noch zu definierenden Zeitpunkt mit sich brachte. Selten jedoch, so viel lässt sich bereits sagen, war sie verdienter. Wenn man jetzt noch in München gewänne … nicht in Worte zu fassen, dieser Verdienst dieses Verdienst diese Verdientheit von Platz 5.

Zum Schluss noch ein kurzer Hinweis für die Demutsskeptiker in Stuttgarter Reihen:

„Wenn man überlegt, woher wir kommen, das ist schon grandios.“

Sagt Herr Watzke. Und der ist verdienter Meister. Geht alles.