Rückblicksvorbereitungsstichworte (IV)

Bin ja dann doch in ein ziemliches Loch gefallen, als am Sonntag um 18 Uhr kein Spiel auf dem Programm stand. Pünktlich um 5 hatten wir uns beim Gastgeber eingefunden, um uns auf das Spiel vorzubereiten und nebenbei ein paar Köstlichkeiten auszuprobieren, aber mal im Ernst: Wie soll man die Spannung so lange aufrecht erhalten? Ja, ich weiß, man hätte es sich denken können, das mit dem Anstoß, nachdem ja auch schon die Griechen und die Polen und die Russen und die Tschechen … Aber irgendwie hatte mich die Aufarbeitung der Geschehnisse in Gruppe A anderweitig beschäftigt, da blieb kein Platz für Uhrzeitüberlegungen.

Doch zurück zum Wesentlichen: Rückblickvorbereitungsstichworte für den Nachwuchs.

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Um gleich mal mit einer popkulturellen Referenz anzufangen: am 17. Juni 2012 wurde mir die Bedeutung der für mich damals aus FSK-Gründen noch unbekannten Redensart „You have officially been #porned“ erstmals vor Augen geführt. Anderen auch. Von Cristiano Ronaldo, übrigens, der seinem Kapitänskollegen und mitunter als Geistesbruder gewürdigte Zlatan wohl doch noch das eine oder andere voraus hatte, beispielsweise die Qualität der Mitspieler. („Wenn die Schweden den Wilhelmsson nicht spielen lassen, sind sie selber schuld“ – um mal meinen alten Herrn zu zitieren, der über die Jahre hinweg eine nur schwer zu begreifende Begeisterung für den Dribbler mit der schicken Frisur entwickelt hatte.)

Zlatan und seine Wasserträger (unter diesem Namen sollen sie hernach über die Dörfer getingelt sein) waren an den Engländern gescheitert, die etwas überraschend Dado Pršo als Mittelstürmer aufgeboten hatten. (Nein, ich hatte Dado Pršo auch nicht gekannt, aber mein Vater war nicht davon abzubringen.)

Spanien und Kroatien hatten die passenden Rahmenbedingungen für das letzte Spiel in die Wege geleitet, die Iren alles dafür getan, ihren Fans einen gloriosen Auftritt zu ermöglichen, und Italien schon einmal die Tränendrüsen aktiviert für den Fall, dass besagte Rahmenbedingungen bei Spanien-Kroatien ihren Zweck erfüllen würden, ohne dabei an die Tränen zu denken, die Giovanni Trapattoni bei einem von ihm verschuldeten italienischen Ausscheiden vergießen würde. Ich wusste damals nicht einmal, ob auch er, wie sein durch die Welten bummelnder deutscher Kollege Hans-Hubert Vogts, nie einen Hehl daraus machte, das er sich eigentlich nach wie vor viel eher als Teil des Trainerstabs seines Heimatlandes sah.

Die bitterste Erkenntnis an jenem Wochenende war die, dass mein Lob der Anstoßzeiten (Sie wissen schon: Sandmännchen, Paula und Paula, …) verfrüht erfolgt war. Mit Beginn des dritten Spieltags waren nämlich die 18-Uhr-Spiele passé, alles weitere sollte sich tief in der Nacht ab 20 Uhr 45 abspielen. Mit der Konsequenz, dass ich die Spiele nicht mehr anschauen durfte und mein Vater regelmäßig gegen den Schlaf ankämpfen musste. In einer Wachphase erklärte er mir, dass es noch früher durchaus üblich gewesen sei, Fußballspiele bereits um 19. 30 oder 20.15 Uhr anzupfeifen und so auch dem einen oder anderen Kind Gelegenheit zu geben, wenigstens eine Halbzeit zu sehen. Die Championsleagueisierung des Fußballs habe jedoch auch in diesen Bereich unwiderruflich eingegriffen. So unwiderruflich man das halt damals einschätzen konnte.

Wie auch immer: Weder sah ich die Entscheidung in der Todesgruppe A, in der die russischen Fans bekanntlich an ihrer eigenen Erwartungshaltung gescheitert waren (oder so ähnlich, Herr Arshavin argumentierte da etwas verkürzt, wenn ich mich recht entsinne), noch konnte ich das niederländische Ausscheiden miterleben – was, um der Wahrheit die Ehre zu geben, weniger mit der Anstoßzeit zu tun hatte als damit, dass Deutschland parallel spielte. Lange Zeit hatte es übrigens so ausgesehen, als würden wir das Deutschland-Spiel mit einer überschaubaren Gruppe mehr oder weniger kompetenter Erwachsener verfolgen. Als mein Vater in seiner Intoleranz erkannte, dass sich ein Event zu entwickeln drohte, schützte er Müdigkeit vor. Meine. (So zumindest meine Interpretation, zugeben wollte er es nicht.)

Also sahen wir den deutschen Sieg, der bekanntlich in allererster Linie Mario Gomez‘ Ferse zu verdanken war, in trautem Familienkreis. Ein bisschen ärgerlich war es schon, dass meine deutlich jüngere Schwester es irgendwie hinbekam, ihr Länderspieldebüt zu feiern – da hätte ich mir von meinen Eltern doch etwas mehr Konsequenz gewünscht, nicht erst zur Pause. Aber man muss ja auch gönnen können.

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Zugegeben: Der junge Mann mit aufgestecktem schwarz-rot-goldenem Iro und ebensolcher zum Rock gewickelter Fahne irritierte mich ein wenig. Aber natürlich hatte ich nur das Wohl meines Sohnes im Sinn.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (III)

War ja ganz schön, das Spiel gegen Holland. (Also, ich sage jetzt halt mal Holland. Der geographisch-politische Einwand gilt hiermit als dankend zur Kenntnis genommen.) Erfolgreich, vor allem. Ja, Gomez, schon klar. Hatten wir alles, meine Position ist bekannt, brauch ich jetzt nicht breitzutreten. Da trete ich lieber in Ansätzen breit, dass ich bereits nach dem ersten Spieltag jenen widersprach, die ein fixes holländisches Ausscheiden durch eine Niederlage gegen Deutschland in den Raum oder auch die Timeline stellten. Und widerspreche auch heute noch, wenn von einer Minimalchance die Rede ist – so abwegig ist es dann auch wieder nicht, dass Deutschland Dänemark und Holland Portugal schlägt, durchaus in der benötigten Höhe.

Sagt der Sohnemann übrigens auch, der sich mittlerweile besser auskennt als ich. Den Spielplan hat er sowieso drauf, und als gegen Portugal Dennis Rommedahl im Bild war, ließ er die verblüfften Eltern wissen, dass dieser gegen die Niederlande negativ aufgefallen war, indem er eine Wasserflasche durch die Gegend gekickt hatte. Will sagen: der junge Mann ist in das Turnier eingetaucht. Da er sich dereinst vermutlich nicht an Rommedahls Nebenbeschäftigung erinnern wird, hier wieder ein paar halbwegs aus- und ganzwegs manipulativ vorformulierte Stichsätze (ohne Rommedahl, läuft unter unnützes Wissen):

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Mit das Beste an der EM 2012 waren ja die Anstoßzeiten. So war insbesondere die Pause des frühen Spiels exakt so terminiert worden, dass das Sandmännchen reinpasste. Zwischen Portugal gegen Dänemark lief zum Beispiel Paula und Paula, die Fischkoppgeschichten hatte ich indes tags zuvor genauso verpasst wie das sie umspülende umspielende Tschechien – Griechenland. War vielleicht auch besser so, der Familienbedarf an wässriger Unterhaltung wurde in jenen Tagen von Usedom aus weit mehr als nur gedeckt.

Den Paula-und-Paula-Spieltag aber, also den zweiten der schon damals mit dem noch immer beliebten Attribut „Todesgruppe“ versehenen Vorrundengruppe B, empfand ich als innere Schlossallee. Was nicht einmal in erster Linie am deutschen Sieg lag, der natur- wie auch farbgemäß irgendwo zwischen innerer Münchner und Berliner Straße angesiedelt war, auch nicht an Vaters abgestrittener Genugtuung ob Gomez‘ Toren (inneres Frei Parken), sondern an der perfekt aufgegangenen Spielstrategie – dank einer wunderbar fluiden Herangehensweise, vor allem im Mittelteil, gelang es mir, mich den Angriffen der Gegenseite abkippend zu entziehen und die Partie gegen alle Vorhersagen bis zum Ende verfolgen zu können. Die Benchmark für künftige deutsche Spiele war somit quasi gesetzt.

Mein alter Herr würde wohl auch heute noch nicht zugeben, dass er das insgeheim ziemlich cool fand. Khedira fand er übrigens auch cool. Und Schweinsteiger. Und Lahm, auch wenn cool vielleicht bei Lahm nicht das Adjektiv seiner Wahl gewesen wäre. Wobei: war schon cool, mit welcher Lässigkeit er Robbens versuchte Dribblings stets unterband. Vom Abschluss gar nicht zu reden.

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Die Sache mit der Benchmark werden wir wohl noch in nichtöffentlicher Sitzung besprechen müssen.

Sehr wohl öffentlich (so öffentlich dieses Blog halt ist) möchte ich indes Béla Réthys Aussprachehopping anprangern. Ich kann gut damit umgehen, wenn Kommentatoren bei der Aussprache ausländischer Spielernamen nicht sattelfest sind. Geht mir genauso. In manchen Fällen wüsste ich’s sogar besser, dächte ich nach. Und wenn Herr Réthy den Namen Stekelenburg auf der zweiten Silbe betonen will, dann soll er es meinetwegen tun. Es wäre mir nur recht, wenn er das dann auch konsequent täte.

Wenn man sonst nichts über den Kommentator zu meckern hat …

Rückblicksvorbereitungsstichworte (II)

So, jetzt haben wir sie alle einmal gesehen. Potenziell gesehen. Faktisch fehlen mir einige, nicht zuletzt der Weltmeister und sein Vorgänger, dem Sohn noch einige mehr. Hymnen habe ich im Grunde noch gar nicht gehört, Vor- und Nachberichterstattung sehr selten, wenn man mal von Axel absieht. Axel, Sie wissen schon, der kongeniale Partner von Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein.

Ok, die Sache mit Scholl und Gomez, die habe ich natürlich auch mitbekommen, hatten wir ja schon. Ging ja dann auch weiter, weil Gomez sein Spiel nicht ändern will, was wiederum bei einem Teil jener Twitternutzer für Entrüstung sorgt, die dem Konzept des lebenslangen Lernens nahe stehen. So wie ich, im Übrigen; ein wenig weckt die Forderung, Gomez müsse sich ändern, bei mir allerdings leise Erinnerungen an Jan Ullrich, der nun aber wirklich seine Trittfrequenz erhöhen muss, um gegen Lance Armstrong endlich bestehen zu können.

Genug. Für mich, meine ich. Für den Sohnemann habe ich noch ein paar Gedankenfetzen zusammengetragen.

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England gegen Frankreich. Für viele war es das nominell zweite ganz große Spiel dieser EM. Nach Italien – Spanien. Ehemalige Titelträger und so. Also fast. England war da ja, wenn man ehrlich ist, noch gar nie so richtig nah dran gewesen, und bei Italien war’s auch ein paar Tage her. Zumindest deutlich länger als bei Dänemark und den Niederlanden. Selbst am ersten Tag waren mit Russland und Tschechien die Nachfolgemannschaften zweier ehemaliger Titelträger aufeinander getroffen. War wohl so ein Traditionsding damals, soll ja in der „Bundesliga“, die zu der Zeit tatsächlich einfach nur Bundesliga hieß, ähnlich gewesen sein. Leverkusen und Heidelberg wollten viele da gar nicht haben, sportlicher Erfolg sei schließlich nicht alles.

Wie auch immer: Italien gegen Spanien soll nicht nur ein tolles Spiel gewesen sein, sondern auch ein Meilenstein bei den spanischen Bemühungen jener Zeit, über kurz oder lang (gerne eher kurz) nur noch mit Mittelfeldspielern anzutreten. Mal wieder typisch, dass mein alter Herr zuließ, so etwas zu verpassen. Da war England – Frankreich dann doch vergleichsweise langweilig. Sah ein bisschen aus wie das Trainingsspielchen Abwehr gegen Sturm, ohne Tore, mit zwei Ballkontakten. Frankreich war „Sturm“. Ungleich spannender die seelische Pein meines Vaters, der seiner Frankophilie trikotmäßig Ausdruck verlieh (es lag nicht an den Querstreifen) [Anmerkung: He!], gleichzeitig aber nicht verhehlen konnte, dass er mir nicht ganz zufällig schon zur WM 2006, als Säugling, ein England-Shirt angezogen hatte. Letztlich war er wohl ganz zufrieden mit dem Ergebnis.

Am nächsten Morgen erzählte er mir dann noch eine Story vom Pferd. Der drittplatzierte einer europäischen Fußballspieler-Auszeichnung aus dem vorangegangenen Jahrtausend („Ballon d’Or 1999“), Andrij Schewtschenko, habe die Ukraine im Juni 2012 zum Sieg über Schweden (jenes Land also, aus dem das bekannte „Was für ein Land, in dem Zlatan noch Zlatan heißt“ stammt) geführt, noch dazu mit zwei Kopfballtoren. Klar.

Stimmte dann tatsächlich. War für die Älteren wohl eine schöne Geschichte. Vater übertrieb dann mal wieder ein wenig und zog Quervergleiche zu Alexander Frei, einem Schweizer, dessen Auftakt zur Heim-EM vier Jahre zuvor nicht ganz so gut gelungen war. Und dann wollte er noch über korrekte Transkriptionen aus dem Kyrillischen reden. Zum Glück musste ich just zu diesem Zeitpunkt in den Kindergarten.

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Von Irland und Kroatien habe ich ihm nichts erzählt. Trapattoni kann er auch noch bei der nächsten EM kennenlernen. Und die Sache mit Cassano, die muss ich ihm noch erklären. Wie er dann in soundsoviel Jahren seinen Leserinnen und Lesern verständlich macht, dass es in grauer Vorzeit mal Vorbehalte gegen Homosexualität gab (und dass ein potenzieller Star der EM deswegen nach Hause geschickt wurde), ist dann sein Problem. Nicht ihres, Herr Cassano.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (I) (Vielleicht.)

Am Samstag sah mein Sohn sein erstes Länderspiel. Dänemark gegen die Niederlande, so halb. Nummer zwei folgte auf dem Fuße, jenes, auf das er seit Tagen, ach was: seit Wochen hingefiebert hatte. Sein Verständnis von Fußball ist noch sehr überschaubar, auf Gefühlsausbrüche seiner Eltern (abgestuft) folgt meist die Frage, was denn los gewesen sei, aber er erkennt, Panini sei Dank, die Spieler, freut und wundert sich zugleich, wenn schon wieder Joachim Löw im Bild ist, und stellt so kluge Fragen wie jene, warum der Kommentator bei Nani und Raul Meireles den Verein nenne, bei den meisten anderen portugiesischen Spielern aber nicht. Zum Glück frug er nicht nach Meireles‘ Aussprache, von der ich nach wie vor nicht weiß, ob sein Name so ausgesprochen wird, wie die meisten Reporter meinen, ihn aussprechen zu müssen („Mereiles“). Diese Dame hier meint wohl eher nicht, ich las aber auch schon anderes.

Ich hoffe natürlich sehr, dass er dereinst ähnlich verklärend auf seine erste Europameisterschaft zurückblicken wird wie ich auf jene von 1980. Auch wegen des Titelgewinns, klar; vor allem aber wünsche ich ihm, dass auch ihm die gerade erst erwachende Liebe zum Fußball lange erhalten bleibt – in welcher Form, sei dahingestellt. Vielleicht kommt er ja irgendwann sogar in die Verlegenheit – Gedankenvater mag das Wunschdenken des Kindesvaters sein –, seine Erinnerungen aufzuschreiben, in welchem Medium und aus welchem Grund auch immer. Und weil solche Rückblicke ja gerne mal unter verblassenden Bildern im Kopf oder unter nachgelesenen, im dümmsten Fall auch noch objektiven Erzählungen von Zeitzeugen leiden, nutze ich gerne die Gelegenheit, für den Sohnemann in Vorleistung zu treten und ihm ein paar Gedankenfragmente für seinen Blick zurück zu konservieren. Man manipuliert ja, wo man kann.

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Euro 2012? Natürlich erinnere ich mich. Polen und Ukraine. Die älteren Fortschschrittsverweigerer unter uns nutzten noch immer die althergebrachte Bezeichnung „EM“ (für EuropaMeisterschaft) und träumten von den guten alten Zeiten mit vier oder acht teilnehmenden Mannschaften – dabei nahmen damals lächerliche halb so viele Nationen teil wie heute. Spanien ging als Topfavorit ins Turnier, die Deutschen wähnten sich auf Augenhöhe und interpretierten die sogenannte Hammergruppe (aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, nicht wahr?) als angemessenen Turniereinstieg. Tja.

Polen und Griechenland eröffneten das Turnier mit einem für die Griechen zunächst schmeichelhaft erscheinenden Unentschieden, für damalige Verhältnisse dem Vernehmen nach alte Russen spielten schlechte Tschechen an die Wand, der dänische Trainer trug Rudi Völlers Frisur auf. Ja, genau, der Rudi Völler, und nein, ich meine nicht seine Goldlöckchen oder die Tante-Käthe-Phase, sondern den silbern geplätteten Mittelscheitel. Mit Erfolg übrigens – die Dänen, die schon damals auf eine bemerkenswerte „EM“-Historie zurückblicken konnten, schlugen den dritten vermeintlichen Topfavoriten, die Niederlande, deren Mannschaft zu Turnierbeginn wieder einmal als nur bedingt harmonisch wahrgenommen wurde, der Spruch vom Egoland, das gegen Legoland verlor, hat seinen Ursprung in jenem Spiel.

Deutschland startete mit einem hart umkämpften Sieg gegen CR7s Portugiesen, den man nicht zuletzt Mats Hummels – der zuvor, aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, lange um die Anerkennung von Bundestrainer Löw hatte kämpfen müssen – und dem von ihm angeführten Abwehrverbund zu verdanken hatte, nicht zuletzt auch einem Torwart, der nebenbei noch Zeit hatte, sein Faible für die einarmige Faustabwehr zu kultivieren [Anmerkung: Verzeihung, als EM80-Veteran ließ es sich nicht vermeiden, diesen Querverweis anzudeuten].

Mario Gomez hatte auch einen gewissen Anteil, aber das durfte man damals nicht laut sagen. „The beautiful game“ wurde zu jener Zeit eher im Sinne von „joga bonito“ interpretiert, der Bundestrainer hatte die Öffentlichkeit informiert, dass man nur mit schönem Spiel etwas gewinnen könne, und Gomez spielte, welcher an Fußball Interessierte wüsste das nicht, eben nicht in jenem Sinne schön, Tore galten eher als notwendiges Übel.

Wobei ich einräumen muss, dass auch mein Vater, wiewohl schon damals ein Gomez-Fanboy fernab jeder Objektivität, seine Leistung in jenem Spiel sehr kritisch sah. Er beschäftigte sich zwar ein wenig mit der Frage, wer in höhrerem Maße unter wem leidet, das Mittelfeld unter einem sich schlecht ins Spiel einbringenden Stürmer oder der Stürmer unter nicht sehr zielstrebigen und nur selten ideenreich agierenden Mittelfeldspielern, ließ aber keinen Zweifel daran, dass Gomez im Sinne des Spielflusses nicht gut gespielt hatte – was wohl in der Tat das schlechteste Urteil war, das man sich von meinem alten Herrn über Gomez vorstellen konnte. 

Jenes Spiel war übrigens auch die Gelegenheit, bei der der bis zu ihrem Konkurs jährlich aufs Neue in der Bundesligavorschau der Bild-Zeitung und daher fälschlicherweise Mario Basler zugeschriebene Spruch vom wund gelegenen Stürmer erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht wurde. Tatsächlich stammt er von Mehmet Scholl, der vor seiner Fernsehkarriere ein großartiger Fußballspieler gewesen war und sich wohltuend von anderen sogenannten TV-Experten abhob – Einschätzungen, die auch mein Vater teilte, so dass es ihn umso härter traf, dass auch Scholl seine Hauptkritik in einem von einer ganzen Reihe von Spielern bestenfalls durchwachsenen Spiel an gegen den allein schon historisch nächstliegenden Spieler richtete und sich in seinem Flow ein wenig von belastenden Faklten entfernte.

„Populismus!“ rief der Vater emört aus, als Scholl Gomez nicht mehr nur jegliche Bereitschaft absprach, sich ins Spiel einzubringen, sondern ihm darüber hinaus unterstellte, nicht zu laufen, nicht nach hinten zu arbeiten. Es empörte ihn so sehr, dass er sich nicht entblödete [Anmerkung: Was!?], die Uefa-Statistiken nach Laufstrecken zu durchforsten und festzustellen, dass Gomez 8,8 Kilometer gelaufen war. In der Tat: deutlich weniger als Spieler auf einer vergleichbaren Position wie Robin van Persie mit seinen 10, 6 km, Nicklas Bendtner mit 10, 2 oder auch der moderne Robert Lewandowski mit 9,7.

Betrachtet man dann noch die vorzeitig Ausgewechselten und rechnet ihre Laufdistanzen hoch – wohl wissend, das das eine starke Vereinfachung darstellt –, so kommt vor allem Milan Baros, der bereits bis zu seiner Auswechslung in der offiziell 85. Minute über 10 km gelaufen war, auf errechnete 11,1 km, die früher ausgetauschten Postiga, Kerzhakov und Gekas auf 11,4 (!), 10,4 und 9,4. Da kann Gomez mit seinen 8,8 abstinken. Ok, man könnte jetzt natürlich seinen Wert auch noch hochrechnen, dann wäre man mit 10,3 mitten bei den Leuten, aber so weit wollen wir jetzt doch nicht gehen.

Denn ganz ehrlich: Mein Vater war damals ein wenig angefressen und hatte es schon zu jener Zeit nicht so mit wissenschaftlichem Arbeiten. Die Zahlen entstammten einer einzigen und nicht zu überprüfenden Quelle, einige Basisdaten (bspw. die jeweilige Nachspielzeit) lagen ihm nur in Auszügen vor, von Nettospielzeiten ganz zu schweigen, die lineare Hochrechnung (heißt das so?) ignoriert Aspekte wie ermüdungsbedingten Leistungsabfall oder den Umstand, dass in einzelnen Fällen die Auswechslung im Vorfeld besprochen worden sein könnte. Die Spielsysteme und Aufgabenstellungen mögen allen Parallelen zum Trotz unterschiedlich gewesen sein, und ohnehin sind Quervergleiche zwischen Spielen schwierig.

Und natürlich ist die bloße Laufleistung in Kilometern kein hinreichender Indikator, um Scholls These zu widerlegen. Vielleicht lief Gomez tatsächlich, wie vom Experten unterstellt, weder nach hinten noch zur Seite, sondern, nun ja, irgendwo anders hin halt, auf der Suche nach der sich öffnenden Straße. Man weiß es nicht.

Genau so wenig wie man übrigens weiß, ob Gomez nach dem abgepfiffenen Vorteil in der ersten Hälfte auch dann getroffen hätte, wenn Torwart und Abwehrspieler sich gewehrt hätten. Was man indes weiß: Er war da. Im Strafraum. Am Ball. Was man wiederum nicht weiß, sich aber vorstellen kann: wie die hiesigen Medien reagiert hätten, wenn sich Gomez wie der großartige Robin van Persie gleich zwei mal die Beine verknotet hätte, anstatt den Ball ins Tor zu schieben. 

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Oh, Entschuldigung, das ist jetzt ein bisschen lang geworden. Und vielleicht nicht in jedem Fall geeignet für einen Rückblick auf die EM 2012. Ich gelobe Besserung, Sohn!

Vorrundenweltmeister?

Die deutsche Mannschaft ist, wie wie alle wissen, mit einem 4:0 über Australien in die Weltmeisterschaft gestartet. Nicht schlecht, um mal ein schwäbisches Kompliment zu verteilen.

Die Kommentatoren bemühen sich, einerseits die phasenweise herausragende Offensivleistung zu würdigen, ohne andererseits die zumindest in diesem Spiel überschaubare Qualität des Gegners außer Acht zu lassen. Die Bewertungen schwanken bei Twitter zwischen dem augenzwinkernden „Auf Tage hinaus unschlagbar“ und „Bleibt mal auf’m Boden“ (@textundblog wird sich wohl beschweren, weil ich einen seiner sehr seltenen Tweets mit Rechtschreibfehler verlinkt habe), und auch in Blogs und klassischen Medien variiert die Bewertung irgendwo zwischen „Super gespielt, aber…“ und „Schwacher Gegner, aber…“.

@goonerportal bringt die immer wieder anklingende Sorge, die deutsche Elf verschieße ihr Pulver in der Vorrunde, mit einem spielerischen Kompliment auf den Punkt:

(1/2) Wenn Deutschland wie die Niederlande und die Niederlande wie Deutschland spielt, sollte das die meisten Fans nicht beunruhigen?Mon Jun 14 12:27:55 via web

Die gemeine Leserin weiß, dass die Elftal seit Jahr und Tag für überaus attraktiven, allerdings nur selten erfolgreichen Fußball steht, während die Turniermannschaft Deutschland buchstäblich legendär ist. Steht also zu erwarten, dass die Deutschen endlich einmal Weltmeister der Herzen Vorrundenweltmeister werden, um dann im Achtel- oder Viertelfinale mit wehenden Fahnen unterzugehen?

(2/2) Schließlich würden die Chancen für Jogis Jungs nach der Gruppenphase ziemlich mäßig stehen. #VorrundenweltmeisterMon Jun 14 12:29:34 via web

Man weiß es nicht. Aber man könnte sich möglicherweise ein wenig be(un?)ruhigen, indem man die Statistik bemüht: Was haben denn die großen Auftaktsieger vergangener Weltmeisterschaften gerissen?

Die Antwort lautet: ziemlich viel, zumindest in den Anfangsjahren der WM-Historie. 1934 gewannen der spätere Weltmeister und der Drittplatzierte ihr jeweiliges Auftaktmatch mit 7:1 bzw. 5:2, 1950 und 1954 begannen die Weltmeister mit 8:0 bzw. 9:0.

In späteren Jahren wurde es ein wenig dünner. Die Mannschaften sind ausgeglichener, Kleine gibt es ja ohnehin keine mehr, wie wir spätestens seit Rudi Völler und dem 8:0 gegen Saudi-Arabien wissen. Von den 6 Mannschaften, die seit 1970 ihr Auftaktspiel mit 4 oder mehr Toren Unterschied gewannen, schied eine gleich in der Vorrunde aus (Ungarn 1982 nach dem 10:1 gegen El Salvador), drei scheiterten im Achtelfinale (darunter Spanien 2006 nach einem 4:0 gegen die Ukraine, die nicht zwingend als drittklassig zu gelten hat), die Tschechoslowakei kam 1990 immerhin ins Viertelfinale und nur Deutschland erreichte 2002 das Finale.

Nimmt man noch diejenigen hinzu, die zum Auftakt mit 3 Toren Differenz gewannen, sieht die Bilanz vor allem 1958 und in den 70er Jahren, aber auch mit Blick auf Deutschland 1990 und Frankreich 1998, noch etwas besser aus, dafür kommt insbesondere der 2006er Mitfavorit Tschechien auf der Negativseite hinzu, der nach einem glanzvollen 3:0-Start gegen die USA ohne weiteren Treffer sang- und klanglos ausschied.

Quintessenz:
Man muss mit allem rechnen.

Was selbstverständlich auch für die eher zurückhaltend gestarteten Mannschaften gilt. Schließlich erinnern wir uns alle noch daran, wie der angehende Weltmeister Italien 1938, als es noch keine Gruppenphase gab, sein erstes Spiel gegen Norwegen nur mit Mühe und Not in der Verlängerung gewinnen konnte. Oder wie der spätere Vizeweltmeister Italien 1970 mit einem Torverhältnis von 1:0 durch die Vorrunde marschierte. Oder wie Italien 1982 mit drei alles andere als ruhmreichen Unentschieden startete, ehe man Weltmeister wurde. Oder wie Italien 1994 den Weg zur Vizeweltmeisterschaft mit 0:1, 1:1 und 1:0 anging.

Oder an Deutschland, das nicht nur 1982 zum Start gegen Algerien groß aufspielte, sondern auch vier Jahre später mit bescheidenen 3:3 Punkten und 3:4 Toren weiterkam. Die glorreiche Elftal startete 1978 ebenfalls mit lediglich 3 Punkten, genau wie die Tschechoslowakei 1962 und Argentinien, das 1990 zum Auftakt gegen Kamerun verlor. Lauter Vizeweltmeister – der einzige Weltmeister mit nur drei Vorrundenpunkten (nach alter 2-Punkte-Regel, natürlich) war Italien 1982. Lediglich drei spätere Finalisten gewannen alle drei Vorrundenspiele, und alle drei wurden dann auch Weltmeister: Brasilien 1970 und 2002 sowie Frankreich 1998.

Ungarn hatte 1954 zwar auch eine weiße Weste, musste aber als gesetzte Mannschaft lediglich zwei Vorrundenspiele bestreiten – eines bekanntlich recht erfolgreich gegen den später siegreichen Finalgegner. Diese Konstellation gab es übrigens nur ein weiteres Mal: 1962 trafen die angehenden Finalisten aus Brasilien und der Tschechoslowakei ebenfalls in der Vorrunde aufeinander und trennten sich 0:0.

Sehen Sie? Sie sehen nichts mehr.