Zrrttn!

Da tut man eine Reise, eine erlebnisreiche noch dazu, in die Großstadt, mit einer Reihe erquicklicher Begegnungen, Wiedersehensfreude und allem, was dazugehört, und dann muss man sich eingestehen, dass man zwar manches zu erzählen hätte, dass aber erst einmal dieses „Zrrttn!“ im Gedächtnis haften geblieben ist.

Hat der Mann in der U-Bahn immer gesagt. Zumindest in der einen; bei den anderen Fahrten war es mir nicht aufgefallen. Und ich weiß halt nicht, ob in den Münchner U-Bahnen immer die selben Ansagen abgespielt werden, oder ob sie vielleicht doch nur inhaltlich gleich sind, vielleicht von verschiedenen Menschen eingesprochen. Sagen die Fahrerinnen und Fahrer gar stets im Livebetrieb „Zrrttn!“, und was wollen sie überhaupt zerrütten?

Lauter Fragen, die ich nicht beantworten kann, die ich im Grunde auch gar nicht beantworten will, aber irgendwie muss ich doch dieses „Zrrttn!“ loswerden, bei dem ich mir mittlerweile zusammengereimt habe, dass es tatsächlich wohl eher „Zurücktreten!“ hieß. Aber es hängt fest. Zrrttn! Zrrttn! Zrrttn! Z u r ü c k t r e t e n!

Nun möge sich die geneigte Leserin bitte nicht in die Irre führen lassen und zu dem Schluss kommen, ich wolle mich mit Gerd E. Mäuser befassen, oder gar mit Bruno Labbadia. Vielmehr geht es um die große Bühne, auf der, seien wir ehrlich, Olympique Marseille in diesen Tagen in etwa genau so viel verloren hatte wie es der VfB hätte. Nichts.

Und so bin ich nicht nur ein bisschen froh, dass l’OM nicht furchtbar unter die Räder kam gestern, an einem Ort, dem die einheimischen Twitteruser interessanterweise die Abkürzung „AA“ widmen, die bei mir bis dato anders besetzt war. Kurz gestutzt habe ich schon. Aber egal. 2:0 für die Bayern, das spiegelt die Kräfteverhältnisse wohl nicht einmal ansatzweise wider – vermutlich hätte Ribéry seinen Kampf gegen den Gegner und dessen Anhänger auch ganz allein erfolgreich bestritten. Ok, zwei Chancen hatten die Gäste vor der Pause, und wenn sie bei der ersten nicht so fassungslos gewesen wären, plötzlich zu dritt allein im gegnerischen Strafraum zu stehen, hätten sie wohl das 1:0 erzielt und das Spiel einen ganz anderen Verlauf genommen kurzzeitig eine Illusion von Spannung vermittelt.

Im Lauf so eines Spiels fragt man sich dann ja auch von Zeit zu Zeit, wie es dazu kommen konnte, dass diese Mannschaft, die sich im Spätherbst allem Anschein nach gefangen hatte, im Jahr 2012 von einer Enttäuschung zur nächsten eilt, vielleicht eher schlendert, und weiß gleichzeitig, dass man das Geschehen viel zu wenig verfolgt, um sich ein Urteil bilden zu können. Und doch wüsste man gern, wo der André Ayew geblieben ist, den man sich vor der vergangenen Saison nach Stuttgart wünschte, und wer der uninspirierte Alleinunterhalter in seinem Trikot war. Man hört auf, die Fehlpässe des dereinst verlässlichen Cheyrou zu zählen, fragt sich, wieso Loïc Rémy so gar nicht mitspielen will, wundert sich über den plumpen Jérémy Morel und bedauert Matthieu Valbuena, wenn er einen weiteren Defensivzweikampf gegen Franck Ribéry bestreiten muss.

Aber es war eine wahre Freude, wieder einmal ein „Aux Armes!“ live im Stadion zu hören – und dann doch ganz vorsichtig die Lippen mitzubewegen, mehr schien angesichts der Übermacht umsitzender Klatschpappen nicht geboten. In der Tat ging es bemerkenswert laut zu in der AA – die Zuschauer nahmen die Vorlage des Vereins, der so zumindest kurzzeitig die Verantwortung für die Stimmung im Stadion übernommen hat, gerne auf.

À propos Stimmung: Ein wenig überrascht hat mich die anhand der Reaktionen auf die Zwischenergebnisse deutlich gewordene klare Präferenz für den AC Milan gegenüber dem FC Barcelona. Der gewohnt sachkundige Herr @probek mutmaßte, es könne mit Mark van Bommel zu tun haben, was für ihn persönlich ganz bestimmt gilt und was ich mir durchaus auch für andere Zuschauer vorstellen kann. Und doch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es nicht erst in letzter Linie mit dem Wunsch zu tun habe, Barcelona in einem möglichen Finale aus dem Weg gehen zu können.

Dabei wäre das sehr wohl nachvollziehbar. Nur, wie gesagt, ich hätte nicht mit so einem, sofern mein akustischer Eindruck zutraf, klaren Meinungsbild gerechnet. Hätte mir sogar vorstellen können, dass man gerade danach trachte, dem allenthalben als Gralshüter des schönen, modernen und erfolgreichen Fußballs verehrten FC Barcelona im Endspiel die Grenzen aufzuzeigen. Wilde Spekulationen, ich weiß, und auch nicht wichtig. Im Grunde hatte ich wohl eine neutrale Haltung erwartet. Man ist ja schließlich man.

Aber all das war natürlich nur das Vorspiel zum eigentlichen Höhepunkt der Reise, dem Captain’s Dinner Zusammentreffen mit einer ganzen Reihe ranghoher FCB-Protagonisten in den sozialen Netzen. Angefangen bei Herrn @lik0n, der mir eine ungefälschte Karte verkaufte, über den vom Großmeister der urbanen Neurose beim Sitzen beobachteten @stehblog, der sich mit ungefälschten Karten besonders gut auskennt, den im Sonntagsstaat erschienenen @mickyrust bis hin zu Frau @ankegroener und Herrn @probek, die die angekündigten starken Gefühle nach dem – vermutlich zu leicht gefallenen – Sieg zunächst ein wenig vermissen ließen.

Was sich in der Küche des Geburtstagskindes aus nahe liegenden Gründen noch ändern sollte (zumgeburtstagvielglückzumgeburtstagvielglück…), aber wer wäre ich, die Gefühle des Herrn probek und seine Begeisterung für bildungsbürgerliche Geschenke (die, ganz viel Asche auf mein Haupt, nicht von mir kamen) schildern zu wollen, wenn nicht einmal Jürgen Bergener ihn danach frug.

Ich verliere mich ein wenig, Verzeihung, freue mich auf einen ohne mein Zutun quasi versprochenen Pfingstkuchen und trete in vorauseilendem Gehorsam zumindest zur Seite.

Zrrttn!

Dugarry!

Dugarry! Dugarry! Dugarry!

Wir schrieben den 20. November 1993, im Stade Vélodrome zu Marseille war die AJ Auxerre zu Gast, und die (korrekter: der) Virage Sud skandierte ausdauernd den Namen eines jungen Stürmers aus Bordeaux? Irgendetwas stimmte da nicht, und wir würden herausfinden, was es war.

Ich blickte zwei Monate zurück, auf den 18. September, meinen ersten Besuch im Vélodrome, der gleichzeitig auch die Gelegenheit war, bei der ich besagten Dugarry erstmals hatte spielen sehen:

Bordeaux reiste als Tabellenführer an. OM hatte wenige Monate zuvor die Champions League gewonnen, in gedoptem Zustand, wie es heißt. Gar nur wenige Tage zuvor hatte man durch ein gekauftes Spiel gegen Valenciennes die Meisterschaft gewonnen, wie man weiß. Auf sanften Druck der Uefa wurde der französische Meistertitel aberkannt, in der Champions League durfte man nicht antreten, und der gemeine Marseillais sah sich in seiner herzlichen Abneigung gegen den französischen Verband bestätigt, manche würden wohl sagen (ich gehöre dazu): gegen so ziemlich alles, was aus Paris kommt. Marseille, c’est pas la France, Sie wissen schon.

Angesichts dieser Gemengelage brachte das Spiel gegen den Spitzenreiter – der ebenfalls nicht im Verdacht stand, zu den beliebtesten Gästen zu zählen, was dem einen oder anderen verbreiteten Fangesang noch heute zu entnehmen ist – eine gewisse Brisanz mit sich. Mit meiner 4L hatte ich mich kurzfristig auf den Weg gemacht, es war ja nicht weit, aber eben zu spät, um noch auf den Bus zu warten, mit drei Engländern im Auto, die die ganze Zeit von Chris Waddle redeten, von seinen drei großartigen Jahren in Marseille. Dass ich seiner in erster Linie als Elfmeterschütze gedachte, behielt ich für mich. Entgegen aller Erwartungen fand sich ein mehr oder weniger regulärer Parkplatz auf dem Boulevard Michelet, der Schwarzmarkt florierte, ohne dass die Preise bereits ins Unermessliche gestiegen wären: 100 Franc, Stehplatz, Virage Sud, alles gut. Eher zufällig aß ich noch rasch mein allererstes Sandwich Merguez Frites, das fortan zum Stadionbesuch gehörte wie heute eine rote Wurst, und betrat dann erstmals das Vélodrome. Quelle ambiance! So kritisch ich heute pyrotechnischen Aktivitäten in Fußballstadien gegenüberstehe – damals war der bunte Rauch elementarer Bestandteil einer Atmosphäre, die mich vom ersten Moment an gefangen nahm.

Mein Platz war zunächst beschissen, unmittelbar neben einem stark frequentierten Durchgang, sodass ich immer wieder einen Schritt zur Seite gehen und in der Folge Verrenkungen machen musste, um aufs Spielfeld zu sehen. Von den Gesängen verstand ich erst einmal kein Wort, um mich herum sprachen Menschen in Zungen – erst Jahre später, als ich erstmals Snatch sah, sollte ich wieder ähnlich verständnislos zuhören -, und zu allem Überfluss ging der Gast in der ersten Minute in Führung. Unschön, aber: egal. Ich fühlte mich großartig. Auf dem Feld standen Leute wie Boli, Deschamps, der phänomenale Boksic und der wunderbare Piksi Stiojkovic, natürlich Völler und Barthez, Boghossian, der am Beginn seiner ersten starken Saison stand, und nicht zuletzt Éric di Meco, dessen Kultstatus sich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht so recht erschloss. Marcel Desailly sollte an diesem Tag die besondere Ehre zuteil werden, das erste in einer Reihe mehr oder weniger prominenter Opfer von Zinédine Zidane zu werden, der sein professionelles Platzverweisdebüt stilecht mit einem Faustschlag beging. Der Heldenstatus in seiner Heimatstadt Marseille würde noch ein Weilchen auf sich warten lassen.

Im Lauf des Spiels gewöhnte ich mich an die Gesänge, erinnerte lautstark an den 26. Mai, auch wenn ich jenes Spiel nur in Teilen gesehen hatte, stimmte mit zunehmender Inbrunst ins „Aux Armes!“ ein und merkte vor allem eines: „Quand le virage se met à chanter, c’est tout le stade qui va s’enflammer!“ Möglicherweise lag es indes nicht nur an der Kurve, sondern auch ein wenig am Spielverlauf: di Meco glich gleich nach der Pause aus, Dutuel erhöhte und Prunier, William Prunier, der in der Vorsaison noch im Uefa-Cup-Halbfinale gegen Dortmund für AJ Auxerre den Haudrauf gegeben hatte, setzte kurz vor dem Ende den Schlusspunkt. 3:1, der Tabellenführer war zwar nicht gestürzt, aber man war jetzt punktgleich mit den Bordelais und hatte gezeigt, dass es l’OM, den Ungerechtigkeiten der Welt zum Trotz, an die wir fortan wie selbstverständlich auch glaubten, allen erst recht zeigen würde. Christophe Dugarry wurde bei den Girondins eingewechselt – ein Name (und ein junger Mann), den ich bald darauf und auf Jahre Jahrzehnte hinaus mit der WM 1994 assoziieren würde.

In der Liga sollte sich indes schon beim nächsten Heimspiel gegen Metz mehr als nur andeuten, dass bei OM einiges im Argen lag – nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern auch und ganz besonders neben dem Platz: kurz vor Schluss musste die Partie beim Stand von 0:3 wegen eines Platzsturms abgebrochen werden. Es sollte nicht mein einziger Spielabbruch im Vélodrome bleiben. Anderthalb Jahre später, man war zwischenzeitlich als Spätfolge der Valenciennes-Sache in die zweite Liga versetzt worden, lag man gegen Nancy mit 0:2 zurück, als erneut Sitzschalen und was weiß ich alles flogen – und mir nicht so ganz wohl war in meiner Haut. Barthez war früh vom Platz geflogen, Casoni später auch, und natürlich war die Welt wieder einmal ungerecht. Genau wie am Ende jener Zweitligasaion, die man zwar als Meister beendete; aufsteigen durfte man dennoch nicht und musste sich noch ein weiteres Jahr gedulden.

Aber ich war ja eigentlich in der Saison 93/94. Großartige Spiele wie jenes gegen Bordeaux wechselten sich lange Zeit mit furchtbaren Auftritten wie dem gegen Metz ab, ehe man sich in der Rückrunde auf Platz zwei festsetzte. Nicht zuletzt dank Sonny Anderson, der eine herausragende Saison spielte (und danach nach Monaco wechselte), gewann Rudi Völler das Nationalstürmerduell gegen Klinsmanns Monaco, und ich verpasste kein Heimspiel.

Was ich indes ein wenig stiefmütterlich verfolgte, war der Fußball in Deutschland, und war nicht zuletzt die Endphase der WM-Qualifikation. Die Niederlage der Franzosen gegen Israel hatte ich nur so halb verfolgt, und auch beim entscheidenden Spiel gegen Bulgarien am 17. November saß ich nicht vor dem Fernseher, sondern streifte ein wenig durch die Stadt. Könnte mit einer Frau zu tun gehabt haben. Im Vorbeigehen hörten wir Jubel aus einer Kneipe, die Uhrzeit verriet, dass das Spiel gerade so vorbei sein dürfte, beim Blick durch die Eingangstür waren jubelnde Menschen in OM-Trikots zu sehen. Da hätte man stutzig werden können. Als einer von ihnen herauskam, frug ich nach dem Ergebnis, und ob Frankreich es nun doch noch geschafft habe, was er, offensichtlich hocherfreut, verneinte. Ich gebe zu, ich war, obwohl ich schon einige Zeit in Marseille verbracht und die, vorsichtig ausgedrückt, verbandskritische Stimmung im Stadion im Grunde alle zwei Wochen erlebt hatte, ein wenig überrascht. Naiv, offensichtlich.

Drei Tage später spielte OM im Vélodrome gegen Auxerre, wir waren recht früh da, um vor dem Spiel ein wenig von der Stimmung mitzubekommen. Als sich das Stadion langsam füllte, wurden die ersten Gesänge angestimmt.

„Dugarry! Dugarry! Dugarry!“

hieß es da, wir sahen uns zunächst verwirrt an, da der Betreffende nach wie vor für Bordeaux aktiv war, auch noch nicht für die Nationalelf, und für OM sollte er erst viele Jahre später auflaufen. Also hörten wir noch etwas genauer hin:

„Bulgarie!“

Schön, dass sich Frankreich für die EM 2012 qualifiziert hat.

Ich hab ein gutes Gefühl

Heute geht’s also wieder los. Das erste Saisonspiel im Neckarstadion, und gleich ein internationales Topspiel. Und die Feuertaufe für die Untertürkheimer Kurve, die erstmals nach dem Umbau wieder Gästefans aufnehmen darf, ehe gegen Dortmund auch die Einheimischen dorthin müssen.

Gänzlich uninformiert bin ich also nicht, trotz Elternzeit, trotz weitgehender Stille hier im Blog in den letzten Wochen.

Ein bisschen was habe ich ja doch geschrieben, zum Beispiel die Antworten für’s 11Freunde-Sonderheft, das ich jetzt nicht noch einmal explizit erwähnen würde, wenn ich nicht noch drei Exemplare unter die Leute bringen dürfte: Windhundverfahren in den Kommentaren.

Etwas weiter entfernt von der fußballerischen Tagesaktualität lag das, was ich den Urlaubern vom Textilvergehen ins Stammbuch Blog schreiben durfte. Dort ging es um Harry Valérien, Katsche Schwarzenbeck und natürlich Ove Grahn.

Das war’s dann auch mit der Selbstvermarktung. Kommen wir zurück zum tatsächlichen Geschehen. Hier in Stuttgart. So richtig viel hat sich ja nicht getan in den letzten Wochen. Also, abgesehen von Sami Khediras Abschied natürlich. Bitter für den Verein, vermutlich ein richtiger und wichtiger Schritt für ihn. Den auch der Neue nicht verhindern konnte, trotz Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei Karstadt oder Breuninger. Obwohl er Namensgeber und Teilhaber einer Sportsbar ist, konnte er auch Olympique Marseille noch nicht zum Verkauf von André Ayew bewegen, und auch seine Anteile an einem Sportgeschäft in Winterbach – wo er sogar jeden Mitarbeiter persönlich kenne – haben den FC Augsburg bis dato nicht dazu gebracht, Ibrahima Traoré abzugeben. Möglicherweise war es aber sein Praktikum bei der DFL, in Verbindung mit den Inhalten seines Fernstudiums im Sportmanagement, das den Liverpool FC überzeugte, Philipp Degen mehr oder weniger günstig zu verleihen.

Ok, jetzt mal im Ernst: ich hätte schon gern einen Manager gesehen, der etwas mehr Erfahrung vorzuweisen hat als die von den Stuttgarter Nachrichten so wunderbar zusammengetragenen Schlüsselqualifikationen und ein gutes Jahr als Geschäftsführer an der Schwarzmeerküste. Jan Schindelmeiser wäre der Mann meiner Wahl gewesen, wobei ich die Umstände seines Abschieds aus Hoffenheim und die in diesem Kontext genannten gesundheitlichen Gründe nicht einschätzen kann. Stattdessen betätigt sich der VfB erneut als Managerausbilder. Und doch habe ich ein gutes Gefühl. Ein Gefühl, das ich nur sehr bedingt rational erklären kann und das ganz sicher nichts mit einer kaufmännischen Ausbildung im Einzelhandel zu tun hat. Es ist eher der möglicherweise anachronistische Glaube an den Typen Bobic, an einen Mann, der in seiner aktiven Karriere ein beachtliches Durchsetzungsvermögen an den Tag gelegt hat, der Konflikten nur selten aus dem Weg ging und der in Vertragsdingen, soweit man das von außen beurteilen konnte, nicht die schlechteste Figur abgab. Es gibt den einen oder anderen früheren Weggefährten, der heute den Hut zieht, wie weit es Bobic als nicht überragend begabter Fußballer bringen konnte, durch seinen Ehrgeiz, Willen und nicht zuletzt Zielstrebigkeit. Nicht die schlechtesten Züge. Das Handwerkszeug können sie sicher nicht ersetzen, aber sie können helfen, es schneller zu erlernen und anzuwenden. Ich hab ein gutes Gefühl.

Noch nicht ganz so gut ist mein Gefühl, was den Saisonstart anbelangt. Zu unklar ist noch die Zusammensetzung der Mannschaft. Zwar bin ich überzeugt, dass auch kurzfristige Neuzugänge ihren Dienst nicht in einem so desolaten körperlichen Zustand antreten werden wie die ehemalige Zaubermaus aus Weißrussland im Vorjahr; ein wenig Eingewöhnungszeit sollte man den Neuen gleichwohl einräumen. Besonders ärgerlich ist das erneute lange Warten insbesondere deshalb, weil man Spieler für die offensiven Außenpositionen sucht – Schlüsselpositionen, deren Bedeutung für sein System Christian Gross unermüdlich betont. Eine weitere Schlüsselposition scheint er mit Philipp Degen besetzt zu haben. Wenn ich das Gemurmel in Cannstatt richtig interpretiere, trägt mancher Fan gewisse Zweifel an dessen Leistungsfähigkeit im Herzen. Zweifel, die ich einerseits teile. Andererseits bin ich froh, dass man einen weiteren Rechtsverteidiger verpflichtet. Zu wechselhaft waren die Leistungen von Stefano Celozzi, zu wichtig scheint Christian Träsch in der Zentrale zu sein. Ob Degen indes ein adäquates Pendant zu Cristian Molinaro sein kann, wie der Trainer es sich wünscht, bleibt abzuwarten. Mein Grundvertrauen in Christian Gross lässt mich zumindest darauf hoffen.

Noch größer ist die Hoffnung, dass Zdravko Kuzmanovic eine große Saison spielt. Er wird gefordert sein, Khediras Rolle als Chef auf dem Platz zu übernehmen. Träsch ist fußballerisch nicht stark genug, Gentner sehe ich nicht als „Leader“, und Funk wird wohl erst langsam in die Mannschaft hineinschnuppern können – gerne lasse ich mich gerade in seinem Fall vom Gegenteil überzeugen. Genau wie von Sven Ulreich, der mich, wie verschiedentlich angeklungen, bis dato nicht vollends überzeugen konnte. Zwar glaube ich nicht, dass Marc Ziegler das Stuttgarter Pendant zu Jörg Butt werden kann; aber es gibt ja auch noch andere Torhüter beim VfB.

In Sachen Innenverteidigung wird sicherlich vieles davon abhängen, wie Serdar Tasci die Enttäuschung der Weltmeisterschaft wegsteckt. Nachdem es aber Niedermeier nicht gelang, im ersten Pflichtspiel in Molde Souveränität auszustrahlen und vielleicht ein Ausrufezeichen zu setzen, und Boulahrouz nach den Eindrücken des Vorjahrs nicht als Liebling des Trainers gelten kann, gehe ich davon aus, dass Delpierre und Tasci wieder den Stamm bilden werden. Im Sturm ist die Situation ungleich offener. Zu Cacau, Marica und Pogrebnyak gesellt sich Martin Harnik, der gegebenenfalls auch über die Außenbahnen kommen kann, als Pendant zu dem vermutlich gesetzten Timo Gebhart – vor allem solange die Neuverpflichtungen ausbleiben und Sebastian Rudy es weiterhin an Schlagkraft mangeln lässt.

Eigentlich wollte ich hier keine Saisonvorschau schreiben, zumal das alles schon nach dem Spiel gegen Molde heute abend wieder ganz anders aussehen kann, aber man kommt halt manchmal so ins Plaudern. Kurz: meine Zuversicht für das erste Saisondrittel hält sich noch ein wenig in Grenzen, aber danach wird das schon – wenn es gelingt, auf den Außenbahnen nachzulegen. Ich hab ein gutes Gefühl.

Und falls es doch nicht klappen sollte, liegt es bestimmt daran, dass man wieder einmal versucht hat, am großen Rad zu drehen. Dabei hat Thomas Haid doch davor gewarnt. Der VfB soll sich auf seine Eigengewächse stützen. Da kann man mit Hilfe des Verweises auf Nischenmärkte dann auch mal Verpflichtungen wie den 835fachen mexikanischen Nationalspieler Pavel Pardo mit rein packen. Und locker auf die Meisterschaften der 80er und 90er zurückblicken, „mit Spielern, die vorwiegend aus dem Talentschuppen auf dem Wasen stammten oder wie Karl Allgöwer, Jürgen Klinsmann, Guido Buchwald und Walter Kelsch von den Stuttgarter Kickers ausgebildet wurden.“

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie Asgeir Sigurvinsson und Matthias Sammer als Vertreter der Meistermannschaften 1984 und 1992, zu diesem Ansatz stehen. Und die Mitte der Neunziger, die bundesweit vermutlich nach wie vor am nachhaltigsten erinnerlichen Phase Stuttgarter Spielkunst, und mit ihr die Herren Balakov und Elber, kann man ohnehin als belanglos beiseite lassen.

Ich sollte aufhören.

Bewaffnet

Wie bei jedem Heimspiel des VfB waren auch am Samstag wieder mehr als 20.000 bewaffnete Zuschauer im Stadion. Mir war das zuvor gar nicht so bewusst gewesen, wenn ich ehrlich bin. Aber der DFB hat mir die Augen geöffnet:

5000 Euro Geldstrafe für den VfB Stuttgart

[…] Beim Gang in die Halbzeitpause während des Bundesliga-Meisterschaftsspiels zwischen dem VfB Stuttgart und dem Hamburger SV am 13. Februar 2010 in Stuttgart wurde ein Stadionheft von der Haupttribüne in die Richtung des Schiedsrichters geschleudert, dass diesen knapp verfehlte.

Dumme Sache, dass. Vielleicht sollte ich mal versuchen, herauszufinden, wessen Stadion Aktuell am Samstag zwei Meter neben mir landete. Und dann meinen Anwalt auf ihn ansetzen.

Wie man gelesen hat, kam es am Samstag andernorts zu gravierenderen Zwischenfällen mit nicht (oder vielleicht doch?) als Waffen gedachten Mitbringseln. Auch in Stuttgart waren wieder einige Pyrotechniker zugange, wenn auch, soweit ich es beurteilen kann, weniger folgenschwer. Und ich weiß nicht, was ich davon halten soll – eine Diskussion übrigens, die selbstredend immer wieder geführt wird. Vor vielen Jahren war ich regelmäßiger Gast im Stade Vélodrome, was meine Sozialisation als Stadiongänger prägte und mir eine gewisse Begeisterung für vielerlei pyrotechnische Spielereien in Fußballstadien einpflanzte.

Mittlerweile bin ich ein paar Jahre älter, etwas verantwortungsbewusster und in mancherlei Hinsicht auch deutlich ängstlicher. Während ich also vor zwei Wochen die Bengalos (vielleicht heißen die auch anders, da bin ich völliger Laie), die der HSV-Anhang in seinen Vereinsfarben abbrannte, zwar mit einem gewissen Unbehagen, aber auch nicht ohne Faszination beobachtete, war mir am Samstag schon etwas weniger wohl, als es wenige Meter neben mir plötzlich knallte – diesmal immerhin nicht über unseren Köpfen. Wenn ich das Ganze richtig gedeutet habe, war auch das Commando Cannstatt nicht sonderlich glücklich darüber: mindestens ein exponiertes Mitglied schien die Verursacher in der Pause deutlich zurecht zu weisen, sodass der VfB in der zweiten Hälfte pyrotechnisch nicht mehr auf sich aufmerksam zu machen vermochte.

Im Gästeblock fruchteten etwaige sozialhygienische Maßnahmen nicht im gleichen Maße, sodass dort zunehmend versucht wurde, von außen Einfluss zu nehmen. Ordnungskräfte marschierten auf, was die Frankfurter Fans nicht unmittelbar beruhigen konnte, die dann auch ihre kontroverse Kommunikation mit den Nachbarblöcken weiter intensivierten (woran vermutlich beide Seiten ihren Anteil hatten). Während ich bis dahin geneigt war, mich schulterzuckend dem Spiel zuzuwenden, ging die Sache einigen anderen Stadionbesuchern kurz darauf deutlich näher: als nämlich mehrere Knallkörper über den Zaun in den Innenbereich flogen, fanden das allem Anschein nach die im dortigen Umfeld platzierten Rollstuhlfahrer nicht allzu witzig und verließen mit ihren Begleitern jene Ecke des Stadions.

Manchmal fehlen einem dann doch die Worte.

Zum Spiel fällt mir übrigens auch nicht allzu viel ein. 2:1 gewonnen gegen Eintracht Frankfurt. Klingt unspektakulär, war unspektakulär. In Frankfurt ist man mit einiger Berechtigung unzufrieden mit dem Ergebnis, auf schwäbischer Seite schätzt man sich glücklich, den Arbeitssieg eingefahren zu haben, der nach dem Highlight gegen Barcelona alles andere als selbstverständlich war.

Zu Cacau fällt mir erst recht nichts mehr ein, zu Hleb manches, das nicht druckreif (ist der Begriff noch zeitgemäß?) ist. Sicher, er hatte wieder ein paar ganz gute Szenen, und ganz ohne Frage war der für ihn eingewechselte Hilbert keine Verstärkung. Letzteres gehört zu den Erkenntnissen, die unter „hinterher ist man immer schlauer“ abzulegen sind, ersteres ist kein gutes Zeugnis für einen Spieler mit Hlebs Ansprüchen. Am Dienstag hatte er durchspielen dürfen und in den letzten Minuten Glück gehabt, dass Barcelona nach seinen Fehlpässen schlecht konterte. Als er gegen Frankfurt bereits nach einer knappen Stunde erneut zwei kritische Ballverluste verschuldete, sah ich zu Christian Gross, der sich just in diesem Moment zu seinem Co-Trainer umdrehte, der wiederum sogleich zu den sich aufwärmenden Ersatzspielern eilte.

Wenige Minuten später kam Hilbert auf den Platz. Zurecht. Und ich könnte gut damit leben, wenn die Startplätze auf den Außenpositionen in den nächsten Wochen unter den Herren Gebhart, Rudy und Hilbert verteilt würden. Auch wenn das kurzfristig eine Schwächung sein könnte, was ich nur bedingt glaube. Von mir aus soll Hleb in Barcelona noch einmal auflaufen – dass er dort motiviert sein dürfte, hat er mit seiner Leistung vom Dienstag quasi versprochen -, aber ansonsten kann ich verzichten. Sein Gemecker geht mir auf die Nerven, seine Leistungen ragen nicht heraus – da sähe ich lieber Sebastian Rudy mal ein paar Spiele lang in der Startformation, auf dass er sich beweisen möge.

Und sage mir keiner, das sei ein zu großes Risiko. Zum einen bin ich guter Dinge, dass Rudy überzeugen würde, zum anderen: was soll’s? Der Abstieg ist nur noch eine theoretische Option. Der Uefa-Cup meines Erachtens auch. Würde mich interessieren, wer daran glaubt, dass man an Ostern noch ernsthaft vom internationalen Geschäft redet, nach den Spielen in Bremen, Gelsenkirchen und München.

Ansonsten hoffe ich unter anderem, dass Cristian Molinaros letztes Wort „ja“ lautet, dass Timo Gebhart aus zentraler Position von der Strafraumgrenze auch mal abschließt, gerne mit der Pike, anstatt noch einen Haken zu schlagen, dass Serdar Tasci seine wiederentdeckte Lust am Zweikampf konservieren kann und dass die Herren Celozzi und Khedira im eigenen Strafraum den Ball künftig einfach mal wegschlagen (was gegen Barcelona sogar Timo Gebhart zustande brachte).

Stuttgart 5 – Marseille 1

Wie bereits in der Vorwoche angekündigt, konnte ich das sonntägliche VfB-Spiel gegen den HSV nicht im Neckarstadion verfolgen. Da zudem mein bester Freund beschloss, seinen Geburtstagsumtrunk für den späten Nachmittag anzusetzen, fand auch die Bildberichterstattung sowohl live als auch zeitnah ohne mich statt.

So habe ich mir also im Nachhinein das Liveblogging von dogfood und Oliver Fritsch angesehen, die ausführliche Analyse bei der Hirngabel und das etwas knappere Gegenstück bei Frau Pleitegeiger studiert, den einen oder anderen Zeitungsartikel gelesen, einige Telefonate geführt, die Statistik im ZDF-Videotext ausgewertet und gestern zu guter Letzt noch die Premiere-Zusammenfassung angeschaut.

Fazit: Glücklicher Sieg, nicht unverdient.
Und irgendwie passend zur Stuttgarter Entwicklung der letzten Wochen.

Der fünfte Platz ist erst einmal gefestigt. Ich bin mir mittlerweile ziemlich sicher, dass der VfB Hoffenheim in Schach halten und Hertha noch überholen wird (die Wahrscheinlichkeitslehre lassen wir hier einmal außen vor); dies ließe mit Blick auf die Qualifikation für den Wettberwerb formerly known as Uefa-Cup ein wenig Luft für den nicht ganz unrealistischen Fall, dass Schalke und Dortmund nicht locker lassen und einer der beiden den VfB noch abfängt. Nach oben will ich derzeit keine Spekulationen anstellen.

Rang 5 reicht wohl noch nicht für eine Nennung in der Aprilausgabe des Europäischen Fußballradars. Ist aber nicht so wild – wenn ich den VfB guten Gewissens im Mai platzieren kann, wäre mir das viel lieber…

Platz 1 in der Ligue 1 sollte hingegen eine Nennung rechtfertigen, und den hat seit Ostern l’OM inne: nach einem klaren Sieg gegen Grenoble (via @droitauBut) und dem anschließenden Punktverlust von Serienmeister Lyon hat man im Vélodrome gefeiert:

Singt man das eigentlich noch?
Lyonnais, […],
sur la Cane-Cane-Cane-Canebière.