Moment!

Kurz ertappte ich mich bei dem Gedanken an eine Konstellation, in der Sven Ulreich bei dieser letzten Ecke der regulären Spielzeit mit nach vorne gehen würde, um das entscheidende 3:1 zu erzielen und eine Verlängerung zu vermeiden. Ähnlich kurz ertappte ich mich zudem bei dem Gedanken, mich für so viel Chuzpe begeistern zu können, so es denn Chuzpe wäre. Vielleicht sollte ich es aber unterlassen, Sven Ulreich wilde Theorien und kontrafaktische Überlegungen unterzujubeln.

Fakt ist vielmehr, dass auch ohne einen vogelwilden Ausflug des Torhüters aus eben diesem Eckstoß der entscheidende Gegentreffer entstand (Traoré hatte eine Art Camoranesi-Moment, die Älteren werden sich an Nürnberg erinnern). Ein bisschen fühlte ich mich schuldig, weil auch ich das 3:1 noch in der regulären Spielzeit herbeigesehnt hatte, anstatt – dass es fallen würde, stand ja außer Frage – bis in die Verlängerung zu warten.

Und noch während der Konter lief, hatte ich einen Burruchaga-Moment. Ernsthaft: quasi im Moment des Passes sagte ich „Burruchaga“, und dann war Schweigen. Tatsächlich hatte den Burruchaga-Moment ja der eingewechselte Goran Mujanovic, eine Interpretation allerdings, die dem ebenfalls spät aufs Feld gekommenen Ivan Mocinic einen möglicherweise etwas übertriebenen Maradona-Moment verschaffen würde.

Leider hatte der VfB niemanden von der – nicht nur körperlichen – Statur eines Hans-Peter Briegel vor Ort, der (also Briegel) sich gewiss kein zweites Mal hätte abhängen lassen, sondern nur Daniel Schwaab und Arthur Boka. Ersterer war zu weit weg, letzterer ging angesichts der Aussichtslosigkeit relativ bald in einen Laufstil über, in dem man mit etwas Wohlwollen einen Usain-Bolt-auf-den-letzten-20-Metern-im Vorlauf-einer-Gaumeisterschaft-Moment erkennen könnte. Und Ulreich hatte dummerweise einen Schumacher-Moment.

Schön für Benedikt Röckers Jacketkronen, dass sein Torwart eine gute Stunde zuvor, in der 30. Minute, eben keinen Schumacher-Moment gehabt hatte, sondern dass es sich lediglich um einen gemeinsamen Laurel-und-Hardy-Moment handelte. Die Regie lag dabei meines Erachtens bei Ulreich, was nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass Röcker insgesamt den einen oder anderen Rui-Marques-Moment hatte. Ulreichs Möller-Inzaghi-undsovieleandere-Moment Mitte der zweiten Halbzeit sei an dieser Stelle nur kurz seiner Absurdität wegen erwähnt.

Bereits sehr früh im Spiel, die Stadionuhr zeigte eine gespielte Zeit von ziemlich genau zwei Minuten an, hatte William Kvist einen Kvist-Moment gehabt, als er seinen ersten Rückpass zu Sven Ulreich spielte – der aber für längere Zeit der einzige bleiben sollte. Kvist machte meines Erachtens ein ziemlich gutes Spiel, eroberte viele Bälle und nahm seine alte Rolle als Defensivanker ein. Dass der dort verdrängte Boka nun wieder als Linksverteidiger agieren durfte, trieb mir ein paar Sorgenfalten auf die Stirn, die noch einmal tiefer wurden, als der erste typische Boka-Moment in Form einer sehr strafstoßgefährdeten Situation keine Viertelstunde auf sich warten ließ. So bleibt es links hinten also bei der Qual der Wahl – meine präferierte Lösung bleibt Gotoku Sakai, trotz Mainz.

Ich weiß nicht, was für einen Moment Christian Gentner hatte, als er den Ball aus 15 Metern halb kniend in die Ecke schlenzte, so’n bisschen (und nur so’n bisschen) weckt er Erinnerungen an Littbarskis Tor des Jahres 1985, auf jeden Fall war es großer Sport. Anders als seine speziell zu Spielbeginn häufig versuchten und nahezu ebenso oft missglückten langen Bälle auf die Außenpositionen. Später wurden sie etwas besser, und es fiel auf, dass nicht nur, aber vor allem Gentner offensichtlich große Hoffnungen in Timo Werner setzte, dem ich einen qualifikationssichernden Manuel-Fischer-Moment gewünscht hätte. Insgesamt hätte ich der Offensive ein paar mehr Traoré-Momente gewünscht, und mitunter etwas mehr (oder andere) Bewegung in der Sturmmitte, um dem Mittelfeld die Zuarbeit ein wenig zu erleichtern – zumal für überraschende Maxim-Momente leider kein Platz war.

Fernab aller Wahrscheinlichkeit mache ich mir, einfach aus Interesse, gerade einen kleinen Spaß aus der Frage, wie es sich wohl auf die Stimmung unter den Anhängern auswirken würde, wenn das eine Eigengewächs, der mit einem großen Vertrauensvorsprung ausgestattete Thomas Schneider, sich einen Armin-Veh-Moment gönnen und das andere Eigengewächs brüskieren würde, indem er einen offenen Konkurrenzkampf auf der Torwartposition ausruft.

Was indes abseits verrückter Gedankenspiele in der Wirklichkeit bleibt: ausgeschieden. Das kann man schönreden, auf die vergleichsweise geringe sportliche und finanzielle Bedeutung dieses Wettbewerbs verweisen, oder darauf, dass es der Mannschaft in der aktuellen Situation bestimmt gut tut, nicht auf drei Hochzeiten tanzen zu müssen, und ich will diese Punkte gar nicht in Abrede stellen. Oder nur zum Teil, schließlich wäre die sportliche Bedeutung gewiss auch in Stuttgart, wie bei so vielen Cup-der-Verlierer-Sagern, groß genug, um einen Uefa-Cup-(jaja)-Sieg gebührend zu feiern. Was mich zurück zu dem bringt, was ich grade sagen wollte: mich kotzt dieses Ausscheiden ziemlich an.

Da kann man Waden sehn …

Es gibt eine Menge guter Gründe, Martin Harnik zu mögen. Sei es der Umstand, dass es eine Freude ist, Interviews mit ihm zu sehen und zu hören (in guten wie in schlechten Phasen), sei es sein Engagement auf dem Platz, sei es die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Mir gefällt, dass er sich nicht scheut, sich auch einmal kritisch über das Verhalten der Fans zu äußern, ohne in das zu verfallen, was man gemeinhin mimimi nennt.

Ok, sein Torjubel reißt mich nicht zu Begeisterungsstürmen hin, auch sein Spiel gab in der aktuellen Saison nicht immer Anlass dazu. Was indes kaum Auswirkungen auf meine Grundsympathie hat. Natürlich mag ich es auch, um aktuelle Geschehnisse mit einzubinden, dass er eine klare Meinung zum Artenschutz im Fußball hat und vertritt, und ganz besonders mag ich in diesen Tagen: seine Stutzen.

Stutzen? Sagt man heute überhaupt noch Stutzen, oder hießen die formal nur zu jener Zeit so, als sie noch Stege anstelle von Fußteilen hatten? Wie auch immer, Sie wissen schon, jene Strümpfe, die in zunehmendem Maß die Knie der Spieler bedecken, zumindest aber die Scheinbeine. Keine Sorge, ich will jetzt nicht zu einem Overknee-Bashing ansetzen, ich habe mich im Grunde damit abgefunden – auch wenn ich zugeben muss, dass, wenn es einen Punkt gibt, an dem ich gerne in die verbreitete Kritik an Cristiano Ronaldo einstimme, es die von mir so empfundene (erstmals 2003, als er in Stuttgart Champions League spielte), einer genaueren Überprüfung aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht Stand haltende, Einführung der Oberschenkelstutzen in den Fußball ist.

Abseits der Overkneehipsterfrage also scheint es mir heutzutage doch so zu sein, dass der gemeine Fußballspieler (bei den Spielerinnen kann ich es zugegebenermaßen nicht seriös einschätzen, die Stichprobe ist zu klein) seine Stutzen mindestens bis knapp unter die Kniescheibe zieht und während des Spiels auch Wert darauf legt, dass sie dort bleiben mögen. Ist ja auch nicht weiter verwunderlich. Man trägt von frühester Jugend an Schienbeinschoner, auch im Training, und wer im letzten Jahrzehnt einmal Jugendmannschaften trainiert oder eigene Kinder auf den ersten Vereinsfußballschritten begleitet hat, der weiß, dass allein das Längenverhältnis von Schoner und Beinen gar keine andere, beinfreiere Lösung zulässt.

Die Generation, die noch schonerfrei antreten durfte, hat sich aus dem aktiven Sport längst zurückgezogen. Im Profibereich sowieso, aber auch bei unsereinem muss man zumindest zu den Ü40ern gehen, um noch auf Leute zu treffen, die aus eigener Erfahrung von jenen Zeiten schwärmen, als man noch mit heruntergerollten Stutzen kicken durfte, auf Leute also, die Schienbeinschoner noch heute eher als störendes Übel denn als selbstverständliches Accessoire betrachten. So’n bisschen wie beim Sicherheitsgurt oder bei der Helmpflicht, ne? Vom V-Stil gar nicht zu reden.

So war es auch kein Wunder, dass speziell zu Beginn der neuen Zeitrechnung gerade von den langjährigen Verweigerern Schienbeinschoner getragen wurden, die bei wohlwollender Betrachtung knapp über den Knöchel reichten, um die lieb gewonnene Beinfreiheit nicht aufgeben zu müssen. Hatte was Archaisches, irgendwie. Hat irgendjemand, wenn er an Briegels Sportlerwaden oder Kaltz‘ lange Rehbeine im Nationaltrikot denkt, Stutzen vor Augen, Schienbeinschoner gar? Oder wer wüsste noch, dass Littbarski 82 in der regulären Spielzeit die Schoner noch an und die Stutzen oben hatte? Eben.

Als es ums Ganze ging, waren sie unten. Ganz unten. Geht heute nicht mehr. Aber ums Ganze geht’s heute auch noch, manchmal. So am Mittwoch gegen Freiburg, und spätestens Mitte der zweiten Halbzeit lief Martin Harnik herum, als hätte er sich eine Zigarettenschachtel als Scheinbeinschonerattrappe in die Stutzen gesteckt. Zugegeben: kurzzeitig war ich versucht, mich zu bücken, um die eigenen Strümpfe hochzuziehen, des Phantomkribbelns an der Wade wegen. Doch von Minute zu Minute gefiel mir der ungewohnte Anblick, gefielen mir seine Waden besser, interpretierte ich die hängenden Stutzen als moderne Form des Ärmelhochkrempelns. (Ohne nach Ärmelhochkremplern vom alten Schlag rufen zu wollen.)

Antonio Rüdiger hatte die Stutzen oben. Dennoch machte auch er mir sehr viel Freude. Während des Spiels, klar. Ganz besonders aber auch im Moment des Schlusspfiffs, als er im Vollsprint, und ich meine im Vollsprint, auch wenn mir da die Verklärung einen Streich spielen mag, zu den Fans rannte, Alexandru Maxim im Schlepptau. Jenen Alexandru Maxim, dem gemeinsam mit Raphael Holzhauser die Aufgabe zugefallen war, in den letzten Spielminuten den Ball in einer Telefonzelle an der Eckfahne zu halten, und der es sich dabei nicht nehmen ließ, zum Rainbow Flick (ja, hab ich nachgeschlagen) anzusetzen. Gelang nicht, wie ihm auch zuvor der eine oder andere unnötige Fehler unterlaufen war. Wie er indes auf wirklich engstem Raum immer wieder den Ball behauptete, imponierte mir sehr, weshalb ich, obschon der Aussagekraft wie auch dem Zustandekommen von Benotungen gewahr, hiermit Beschwerde gegen die „3“ der Stuttgarter Nachrichten einlege.

Zwei kurze Punkte noch: zum einen ziehe ich den Hut vor Bruno Labbadia. Wie der VfB die Freiburger, die in der laufenden Saison nach meiner Kenntnis nicht allzu oft überrascht wurden, in den ersten Minuten unter Druck setzte und mit langen Bällen und zielstrebigem Flügelspiel zu Chancen kam, war bemerkenswert und sah so aus, als stecke System dahinter. Wie nahezu im gesamten Spiel.

Zum anderen bin ich unverändert zuversichtlich, am 1. Juni Labbadias großes Interview in der Süddeutschen lesen zu dürfen. Da darf er sich dann gerne noch einmal über die bösen und böswilligen Berichterstatter beschweren. Und meinetwegen, ich gönne es ihm, danach noch den Pokalsieg mitnehmen. Natürlich sollte man sich seiner Sache nicht zu sicher sein und den Finalgegner keineswegs unterschätzen, genau wie damals gegen Cottbus, aber ein bisschen Demut dürfte der VfB noch im Köcher haben, dann wird das schon.

Bedauerlicherweise hat der Finalgegner in Thomas Müller einen Spieler, der, wenn es drauf ankommt, gerne ähnlich tief blicken lässt wie Harnik, wadenmäßig. Fifty-fifty also, würde ich sagen.

Nur so ein Gefühl

Ferguson, Hitzfeld, Cruyff, Irureta, Lobanowsky, Rexach, Toppmöller, Heynckes, dazu Rocha und Ivic.

Wer das ist? Nun, nach meiner Zählung handelt es sich dabei um alle Trainer, die je das Halbfinale der Champions League (also seit 92/93) erreicht haben und zuvor im Profifußball stürmten oder zumindest im offensiven Mittelfeld spielten. Vielleicht also im Wesentlichen die, die man früher – heute rutscht das ja alles nach hinten – als Kreativspieler bezeichnete. 10 von 37, wenn ich mich nicht verzählt habe, Defensiv sind es etwa doppelt so viele, man möge mich nicht darauf festnageln, darunter Ancelotti, Capello, Lippi, Rijkaard, Trapattoni oder auch Guardiola, einige andere haben nur unterklassig gespielt.

Sieht man sich die aktuelle Bundesligasaison an, findet man unter den 28 Trainern in Labbadia, Heynckes und Littbarski drei Stürmer, in Magath und Favre zwei Spielgestalter, Hecking könnte man auch noch nennen. Wobei festzuhalten ist, dass sich auch nicht sonderlich viele Defensivspezialisten im engeren Sinne finden: Schaaf, Klopp, Stanislawski, Frontzeck, Soldo, Kurz. Irgendwo dazwischen tummeln sich Veh und Gross, wohl auch van Gaal, die meisten anderen haben’s nicht oder nur sehr kurz in den Profifußball geschafft.

Über die Einordnung des einen oder anderen kann man natürlich geteilter Meinung sein. Und die Auswahl der Stichproben ist ohnehin eine völlig willkürliche. Dennoch hat sich mein Eindruck ein wenig verfestigt, dass es in der Regel nicht so sehr die großen Offensivspieler sind, die später auch als Trainer Karriere machen. Oder dass nur wenige der besonders erfolgreichen Trainer dereinst in der Offensive brillierten – zumal unter den oben genannten CL-Halbfinalisten mit Irureta, Rexach, Toppmöller, Heynckes, Rocha und Ivic 6 Eintagsfliegen sind; Cruyff zählt streng genommen auch dazu, aber da liegt’s am betrachteten Zeitraum.

Langer Rede kurzer Sinn: es ist nicht viel mehr als ein Gefühl, dass der Weg vom großen Offensivspieler zum großen Trainer nicht allzu häufig beschritten wird, und ich würde mich freuen, hier zahlreiche Gegenbeispiele um die Ohren gehauen zu bekommen. Gerne mit Erfolgsnachweis – muss aber kein Europapokalsieg sein, Dalglish zum Beispiel würde ich wohl auch so nehmen.

Und jetzt die eigentlichen Fragen: Wird aus Mehmet Scholl doch noch ein Trainer? Warum macht Herr Bierhoff den Lehrgang? Wie soll das was werden mit Labbadia?

Love's Labour's Lost

Ich habe keinen Einblick in interne Abläufe. Weiß nicht, ob der Trainer den Verantwortlichen gesagt hat, dass er die Spieler nicht mehr erreiche. Ob er, wie einst Thomas Hörster, nicht mehr an den Klassenerhalt glaubt. Ob er zu engen Umgang mit Frau Hundt pflegt. Ob ihm ein Angebot des Schweizer Fußballverbands vorliegt, das er nicht ablehnen kann. Ach, was weiß denn ich. Ich kann mir kein Urteil erlauben. Und tu’s trotzdem.

Die letzte Trainerentlassung, über die ich derart den Kopf schüttelte, war die von Jörn Andersen in Mainz. Der Zeitpunkt erschien mir damals noch ungeeigneter als heute bei Christian Gross. Wenige Tage vor Saisonbeginn, nachdem man die ganze Vorbereitung mit einem anderen Trainer absolviert hatte, einem Trainer, der die Mannschaft zum Aufstieg geführt hatte, wurde damals Thomas Tuchel berufen. Sicher kein Fehler, im Nachhinein betrachtet. Vielleicht sage ich das in einigen Monaten auch über den heutigen Schritt des VfB, man kennt ja diese wendehalsigen Fans.

Heute aber verstehe ich es nicht. Bin sauer. Erarbeite Verschwörungstheorien, in denen der Aufsichtsratsvorsitzende und der Hauptsponsor, ein Blauer, exponierte Rollen einnehmen. Bin geneigt, über die Fäden zu ätzen, die an einem Holzkreuz über Fredi Bobics Kopf hängen und die mindestens ein anderer in der Hand hält. Habe Horrorvisionen, angesichts derer ich mich frage, wem ich meine Dauerkarte bis November 2011 abtrete, falls der ehemalige Beinahebundestrainer mit dem blauen Anzug tatsächlich seinen Dienst hier antreten sollte (wohl wissend, dass ich vermutlich dennoch ins Stadion ginge). Versuche vergeblich, mir ein ernst zu nehmendes Szenario vorzustellen, in dem es sinnvoll sein könnte, bei zwei Wochen Pause bis kurz vor dem nächsten Spiel zu warten, ehe man die Pferde wechselt. Möchte kotzen. Harre nicht der wohl formulierten Erklärung der Vereinsführung. Sie mag angesichts der jüngsten Aussagen von Herrn Gross, wonach der Verein den Schwerpunkt auf den Stadionumbau (und nicht auf die sportliche Entwicklung) gelegt habe, Formulierungen wie „vereinsschädigend“ oder „nicht bieten lassen“ enthalten, oder aber, um arbeitsrechtliche Schwierigkeiten zu vermeiden, butterweich formuliert sein – es ist mir egal. Frage mich einmal mehr, wie gut die Idee war, fußballfremde, aber in der Leitung von Unternehmen erfahrene Manager in der Vereinsführung zu installieren – wegen ihrer „Professionalität“. Hinterfrage meine Definition von Professionalität… nein, die ist in Ordnung. Bin versucht, der Stuttgarter Zeitung ein Glückwunschschreiben zu schicken.

Ertappe mich dann – man ist ja Fan – trotz allem bei der Überlegung, was Jens Keller wohl kann. Als Jugendtrainer hat er gute Arbeit geleistet, als Assistent kann ich es nicht beurteilen. Falls jemand Jens Keller nicht kennt, hier ein Zitat aus der Wikipedia:

„Jens Keller spielte viele Jahre als solider und verlässlicher Verteidiger im deutschen Profi-Fußball.“

Na also. Solidität und Verlässlichkeit, das brauchen wir. Bräuchte übrigens auch die Vereinsführung – Vertragstreue und so. Immerhin haben wir in den letzten Jahren gesehen, dass die ganz großen Nachwuchshoffnungen in der deutschen Trainerszene selten die ganz großen Spieler waren. Von der fußballerischen Reputation her dürfte Jens Keller den Herren Rangnick, Klopp und Tuchel etwas näher stehen als Kohler, Brehme und Littbarski. Werde ich polemisch? Das tut mir leid. So ist es halt manchmal, wenn man wütend ist. Übrigens war Brehme schon als Co-Trainer in Stuttgart tätig und Kohler mindestens einmal heißer Trainerkandidat. Honi soit…

Ich gönne Jens Keller diese Chance. Grundsätzlich. Und ziehe eine verlängerte Interimslösung jedem Versuch mit Daum, Balakov oder einem anderen Helden der Vergangenheit vor. Aber ich will mich heute noch nicht damit befassen. Ich will Christian Gross nachtrauern. Seine Verdienste würdigen. Sein „sich nich nicht vereinnahmen lassen“ feiern. Ich will schmollen. Mich aufregen. Die Kompetenz der Vereinsführung anzweifeln. Sie beschimpfen. Den Aufsichtsratsvorsitzenden vom Hof jagen.

Ach, lassen wir das. Love’s Labour’s lost.

The class of '82

Morgen beginnt also dieses Turnier, dessen Namen ich mich aufgrund rechtlicher Unsicherheiten hinsichtlich seiner Verwendung gelegentlich nicht so ganz unbeschwert auszusprechen traue. Und weil sich das Warten auf das Turnier nun schon ein Weilchen hinzieht, kennen wir mittlerweile wohl einen Großteil der Themen, mit denen uns die Qualitätsmedien darauf vorbereiten. Sicher, zwischendurch verletzt sich immer mal wieder ein Star, einmal rückt gar die Personalplanung in der Premier League in den Mittelpunkt der Berichterstattung, aber ansonsten wissen wir Bescheid. Man hat uns informiert, wer warum welche Mannschaft unterstützt, wen unsere Altinternationalen als künftigen Weltmeister erwarten (Littbarski: „Spanien, Argentinien und England“) oder dass Australien ganz gewiss kein Kleiner ist. Wir kennen die Funknetzqualität im Velmore Grande Hotel, sind mit dem nordkoreanischen Torwartspiel vertraut und fragen uns noch immer, wieso Piotr Trochowski in Südafrika weilt.

Und nicht zu vergessen: wir sind uns darüber im Klaren, dass Honduras und Neuseeland keine Exoten sind, weil sie schon 1982 mitspielen durften. Wir wussten das natürlich auch ohne den entsprechenden Hinweis, nicht zuletzt das 1:1 der Honduraner gegen ihren diesjährigen Gruppengegner aus Spanien macht Lust auf mehr.

Soviel zu unserer gemeinsamen Erinnerung. Ganz besonders -man möge mir die Egozentrik verzeihen- interessierte mich indes gerade gestern, was ich selbst noch so abgespeichert hatte von damals. Über Michael Schanze hinaus, meine ich, und abgesehen vom Schlucksee, der in den vergangenen Wochen, wie vor jeder Weltmeisterschaft, bereits hinreichend thematisiert wurde.

Natürlich erinnere ich mich an Ungarn und El Salvador, an jenes 10:1, das die Ungarn (vermutlich müsste ich hier eigentlich Magyaren schreiben) dennoch nicht in die zweite Finalrunde brachte. An das traditionell bittere Ausscheiden der Schotten (auch wenn ich damals noch nicht wusste, dass eine solche Tradition bestand), die damals illustre namen am Start hatten: Dalglish, McLeish, Souness, Archibald, Strachan, Jock Stein. Und an den Schatten von Falkland, den ich – anders als den zweiten politischen Schatten, der mit Solidarność zu tun hatte -ganz gut zu verstehen meinte.

Ich machte meine erste Erfahrung mit dem Italien-(gerne auch Juve-)Prinzip, dem zufolge eben diese Italiener sich gerade so eben durch die Vorrunde mogeln (nein, ich unterstelle keinen Betrug), um irgendwann dann doch einen jener berühmten Schalter umlegen zu können. Auch Maradonas Tritt gegen den Brasilianer Batista (ja, ich habe den Namen nachgeschlagen) ist natürlich unvergessen, genau wie seine nahezu Dante’sche Frisur und die kurze Hose.

Der kuwaitische Scheich, großartig. Winkte seine Spieler wegen eines vermeintlich irregulären Treffers (der Franzosen, wie ich nachgeschlagen habe) vom Feld, um hinterher -so ist zumindest meine Erinnerung, Belege habe ich keine gefunden- zu argumentieren, dass seine Handzeichen falsch interpretiert worden seien: in der arabischen Welt bedeute ein Heranwinken, man möge wegbleiben. Wie auch immer: der Scheich war erfolgreich, der Treffer wurde aberkannt. Was wiederum der FIFA nicht gefiel, die der Karriere des Schiedsrichters tags darauf ein Ende setzte.

Fest in meinem Gedächtnis verankert ist auch die Nummernvergabe der Spanier und der Argentinier. Letztere hatte ihre Rückennummern wie bei den vorherigen Austragungen gemäß Alphabet durchnummeriert, machten aber für Maradona und seine 10 eine Ausnahme (Kempes sei Dank), während erstere es tatsächlich schafften, bei ihrem Auftaktspiel mit einer Mannschaft aufzulaufen, die die Nummern 1 bis 11 auf den Rücken trug. Trainer Santamaria war sich seiner Sache wohl sehr sicher gewesen, auch mit Blick auf den im Jahr zuvor entführten Quini, der mit der 20 erst im weiteren Verlauf des Turniers zum Einsatz kam.

Deutschland trat ohne Gaby und Bernd Schuster an, dafür mit einem vollbartbefreiten Paul Breitner, der sich für 150.000 DM von Pitralon hatte rasieren lassen. Über Battiston ist alles gesagt. Über Gijón auch.

Meine 11 des Turniers
(einziges Kriterium: wer mir besonders in Erinnerung blieb, ohne Rücksicht auf Leistung oder gar Positionen)

Norman Whiteside
Der (zumindest bis dahin) jüngste WM-Spieler aller Zeiten. Ich bin fasziniert, dass ich mich sogar noch an sein Alter erinnern konnte: 17 Jahre und 41 Tage. Nordirland kam als Gruppenerster weiter.

Ossie Ardiles
Trug als Mittelfeldspieler die Nr. 1 auf dem Trikot, spielte damals bei Tottenham.

Lakhdar Belloumi
Als Star der Algerier angepriesen, wurde er den Erwartungen im ersten Spiel gerecht und erzielte den Siegtreffer gegen Deutschland.

Valdir Perez
Brasilianischer Torwart, der hier eigentlich fehl am Platz ist. Ehrlich gesagt steht er auf meiner Liste, weil er bereits ein Jahr zuvor im Freundschaftsspiel gegen Deutschland einen Elfmeter des damals unfehlbaren Breitner gleich doppelt gehalten hatte.

Giuseppe Bergomi
Was freute sich die BILD damals, dass der große Rummenigge im Finale gegen einen 17-jährigen Grünschnabel antreten würde. Tja.

Bryan Robson
27 Sekunden.
Auch diese Zahl wird mich wohl noch lange begleiten.

Marius Trésor
Was hat mich der Kerl beeindruckt. Der Name. Seine Wucht. Und dann auch noch dieses Tor im Halbfinale.

Wilfried van Moer
Der Mann war 37. Wusste ich aus meinem ersten Panini-Album. Monate zuvor hatte ich einen anderen uralten 38-Jährigen bewundert, der in der Kreisliga noch mithalten konnte.

Jesús María Zamora
Der Name. Ein Mann!, der Jesús! María! hieß.

Grzegorz Lato und Andrzej Szarmach
Ok, das sind zwei. Aber sie gehörten für mich einfach zusammen. Zwei Helden aus dem 74er WM-Buch meines Vaters, die immer noch dabei waren.

Meine Edelreservisten:

Paolo Rossi
Gesperrt wegen verschobener Spiele. begnadigt. Erst einige Wochen vor der WM wieder spielberechtigt, um in der Zwischenrunde zum Nationalhelden zu werden.

Eder
Hieß wie Norbert, konnte aber Technik. Und hart. Mit links.

Bruno Conti
Ein großartiger Fußballer.

But trust me on the sunscreen.