Bewaffnet

Wie bei jedem Heimspiel des VfB waren auch am Samstag wieder mehr als 20.000 bewaffnete Zuschauer im Stadion. Mir war das zuvor gar nicht so bewusst gewesen, wenn ich ehrlich bin. Aber der DFB hat mir die Augen geöffnet:

5000 Euro Geldstrafe für den VfB Stuttgart

[…] Beim Gang in die Halbzeitpause während des Bundesliga-Meisterschaftsspiels zwischen dem VfB Stuttgart und dem Hamburger SV am 13. Februar 2010 in Stuttgart wurde ein Stadionheft von der Haupttribüne in die Richtung des Schiedsrichters geschleudert, dass diesen knapp verfehlte.

Dumme Sache, dass. Vielleicht sollte ich mal versuchen, herauszufinden, wessen Stadion Aktuell am Samstag zwei Meter neben mir landete. Und dann meinen Anwalt auf ihn ansetzen.

Wie man gelesen hat, kam es am Samstag andernorts zu gravierenderen Zwischenfällen mit nicht (oder vielleicht doch?) als Waffen gedachten Mitbringseln. Auch in Stuttgart waren wieder einige Pyrotechniker zugange, wenn auch, soweit ich es beurteilen kann, weniger folgenschwer. Und ich weiß nicht, was ich davon halten soll – eine Diskussion übrigens, die selbstredend immer wieder geführt wird. Vor vielen Jahren war ich regelmäßiger Gast im Stade Vélodrome, was meine Sozialisation als Stadiongänger prägte und mir eine gewisse Begeisterung für vielerlei pyrotechnische Spielereien in Fußballstadien einpflanzte.

Mittlerweile bin ich ein paar Jahre älter, etwas verantwortungsbewusster und in mancherlei Hinsicht auch deutlich ängstlicher. Während ich also vor zwei Wochen die Bengalos (vielleicht heißen die auch anders, da bin ich völliger Laie), die der HSV-Anhang in seinen Vereinsfarben abbrannte, zwar mit einem gewissen Unbehagen, aber auch nicht ohne Faszination beobachtete, war mir am Samstag schon etwas weniger wohl, als es wenige Meter neben mir plötzlich knallte – diesmal immerhin nicht über unseren Köpfen. Wenn ich das Ganze richtig gedeutet habe, war auch das Commando Cannstatt nicht sonderlich glücklich darüber: mindestens ein exponiertes Mitglied schien die Verursacher in der Pause deutlich zurecht zu weisen, sodass der VfB in der zweiten Hälfte pyrotechnisch nicht mehr auf sich aufmerksam zu machen vermochte.

Im Gästeblock fruchteten etwaige sozialhygienische Maßnahmen nicht im gleichen Maße, sodass dort zunehmend versucht wurde, von außen Einfluss zu nehmen. Ordnungskräfte marschierten auf, was die Frankfurter Fans nicht unmittelbar beruhigen konnte, die dann auch ihre kontroverse Kommunikation mit den Nachbarblöcken weiter intensivierten (woran vermutlich beide Seiten ihren Anteil hatten). Während ich bis dahin geneigt war, mich schulterzuckend dem Spiel zuzuwenden, ging die Sache einigen anderen Stadionbesuchern kurz darauf deutlich näher: als nämlich mehrere Knallkörper über den Zaun in den Innenbereich flogen, fanden das allem Anschein nach die im dortigen Umfeld platzierten Rollstuhlfahrer nicht allzu witzig und verließen mit ihren Begleitern jene Ecke des Stadions.

Manchmal fehlen einem dann doch die Worte.

Zum Spiel fällt mir übrigens auch nicht allzu viel ein. 2:1 gewonnen gegen Eintracht Frankfurt. Klingt unspektakulär, war unspektakulär. In Frankfurt ist man mit einiger Berechtigung unzufrieden mit dem Ergebnis, auf schwäbischer Seite schätzt man sich glücklich, den Arbeitssieg eingefahren zu haben, der nach dem Highlight gegen Barcelona alles andere als selbstverständlich war.

Zu Cacau fällt mir erst recht nichts mehr ein, zu Hleb manches, das nicht druckreif (ist der Begriff noch zeitgemäß?) ist. Sicher, er hatte wieder ein paar ganz gute Szenen, und ganz ohne Frage war der für ihn eingewechselte Hilbert keine Verstärkung. Letzteres gehört zu den Erkenntnissen, die unter „hinterher ist man immer schlauer“ abzulegen sind, ersteres ist kein gutes Zeugnis für einen Spieler mit Hlebs Ansprüchen. Am Dienstag hatte er durchspielen dürfen und in den letzten Minuten Glück gehabt, dass Barcelona nach seinen Fehlpässen schlecht konterte. Als er gegen Frankfurt bereits nach einer knappen Stunde erneut zwei kritische Ballverluste verschuldete, sah ich zu Christian Gross, der sich just in diesem Moment zu seinem Co-Trainer umdrehte, der wiederum sogleich zu den sich aufwärmenden Ersatzspielern eilte.

Wenige Minuten später kam Hilbert auf den Platz. Zurecht. Und ich könnte gut damit leben, wenn die Startplätze auf den Außenpositionen in den nächsten Wochen unter den Herren Gebhart, Rudy und Hilbert verteilt würden. Auch wenn das kurzfristig eine Schwächung sein könnte, was ich nur bedingt glaube. Von mir aus soll Hleb in Barcelona noch einmal auflaufen – dass er dort motiviert sein dürfte, hat er mit seiner Leistung vom Dienstag quasi versprochen -, aber ansonsten kann ich verzichten. Sein Gemecker geht mir auf die Nerven, seine Leistungen ragen nicht heraus – da sähe ich lieber Sebastian Rudy mal ein paar Spiele lang in der Startformation, auf dass er sich beweisen möge.

Und sage mir keiner, das sei ein zu großes Risiko. Zum einen bin ich guter Dinge, dass Rudy überzeugen würde, zum anderen: was soll’s? Der Abstieg ist nur noch eine theoretische Option. Der Uefa-Cup meines Erachtens auch. Würde mich interessieren, wer daran glaubt, dass man an Ostern noch ernsthaft vom internationalen Geschäft redet, nach den Spielen in Bremen, Gelsenkirchen und München.

Ansonsten hoffe ich unter anderem, dass Cristian Molinaros letztes Wort „ja“ lautet, dass Timo Gebhart aus zentraler Position von der Strafraumgrenze auch mal abschließt, gerne mit der Pike, anstatt noch einen Haken zu schlagen, dass Serdar Tasci seine wiederentdeckte Lust am Zweikampf konservieren kann und dass die Herren Celozzi und Khedira im eigenen Strafraum den Ball künftig einfach mal wegschlagen (was gegen Barcelona sogar Timo Gebhart zustande brachte).

Zeugnis geben.

Vor einigen Wochen berichtete ich von einem unschönen Zwischenfall bei einem Freizeit-Fußballturnier, in dessen Rahmen aggressive junge Männer gegen betrunkene nicht mehr ganz so junge Männer spielten und sich schwer taten, deren Überlegenheit sportlich zu nehmen. Das damalige Interesse der Polizei an der Angelegenheit und ganz konkret an meiner Zeugenaussage hatte Bestand (was wohl auch daran liegt, dass außerhalb meines Sichtfelds noch etwas mehr vorgefallen sei), sodass ich meine Sicht der Dinge einige Wochen später in einem nicht mehr ganz taufrischen Polizeigebäude nochmals formal zu Protokoll geben durfte. Mittlerweile ist die nächste Stufe erreicht: ich soll vor Gericht aussagen.

Meine Frau macht sich Sorgen. Sie fürchtet, und wer will es ihr verdenken, dass die der Körperverletzung beschuldigten jungen Männer Gefallen an diesem Vergehen gefunden haben könnten und irgendwann diejenigen attackieren, die gegen sie ausgesagt haben. Ich selbst glaube zwar nicht daran und ließ mir auch von einem befreundeten Anwalt versichern, dass Vergeltungsaktionen gegen Zeugen äußerst selten vorkämen, zumal bei vergleichsweise „harmlosen“ Vergehen (wie dem vorliegenden); eine gewisse Unruhe kann ich gleichwohl nicht leugnen, die vermutlich in den Wochen bis zur Verhandlung nicht unbedingt abnehmen wird.

Natürlich ist Kneifen keine Lösung (ungeachtet der Frage, ob das überhaupt möglich wäre), natürlich finde ich es wichtig, dass die Sache verfolgt und sanktioniert wird, natürlich werde ich nach bestem Wissen aussagen. Dass es mir dennoch sympathischer wäre, im Verborgenen zu bleiben, mich den Angeklagten nicht zu präsentieren und jedes noch so kleine damit verbundene Risiko auszuschließen, gebe ich unumwunden zu. Mein Respekt vor Menschen, die bei ungleich schwereren Vergehen als Zeugen auftreten, hat schon jetzt noch einmal deutlich zugenommen.

Sommerliche Substitutionsstrategien.

Man kann sicherlich geteilter Meinung darüber sein, ob die fußballerische Sommerpause mit dem Trainingsauftakt der meisten Bundesligisten bereits ihr Ende gefunden hat, oder ob die ganzen fürchterlichen Vorbereitungsspiele aus Belek, Abu Dhabi oder sonstwo nicht erst die eigentliche saure-Gurken-Zeit darstellen. Man kann sogar auf dem Standpunkt stehen, die Sommerpause sei ein Hirngespinst und sie zum Unwort erklären.

Dass die bundesligafreie Zeit für alle Junkies etwas gewöhnungsbedürftig ist, dürfte indes außer Frage stehen, und mitunter macht sich dann doch ein wenig Verzweiflung breit. Da fängt man dann schon mal an, im Maschinenraum [frei nach dogfood] herum zu werkeln, behilft sich nostalgisch mit den guten alten Zeiten, philosophiert über Rückennummern, befasst sich mit dem Leben nach dem Fußball (oder dem abseits des rein Sportlichen), vielleicht auch mit Fankultur oder Fankultur.

Wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, äußerst man sich zu den wildesten Gerüchten vom Transfermarkt oder geht in einem ultimativen Schritt sogar so weit, selbst Sport zu treiben – so wie ich am -bezeichnenderweise- Samstag:

Gemeinsam mit ein paar Freunden nahm ich an einem Freiteitturnier teil, wie es sie derzeit an jedem Wochenende zuhauf gibt. Sowohl die Gesamtschau der Turniere als auch jedes Turnier für sich sind durch ihre Heterogenität gekennzeichnet: Durchschnittsalter der Mannschaften, Spielstärke der und innerhalb der Teams, Spielfeldgröße, Untergrund,… – alles findet sich in allen Variationen.

Zu den Gemeinsamkeiten dürfte indes die Gewissheit zählen, dass es irgendwann im Lauf eines solchen Turniers in irgendeiner Form knallt. Gelegentlich spielt dabei Alkohol eine Rolle. Am Samstag durfte ich wieder einmal als stiller Beobachter dabei sein. Ok, nicht ganz als stiller Beobachter – meine Zeugenaussage hat die Polizei durchaus interessiert.

Es war eines dieser Spiele, bei denen eine junge, fußballerisch limitierte, aber hochgradig (über-)motivierte Mannschaft (die „Aggressiven“) auf einen erfahrenen, weit überlegenen Gegner trifft, dessen Fokus nicht nur auf dem sportlichen Erfolg liegt (die „Betrunkenen“). Die Aggressiven schlugen von Beginn an in punkto Einsatz über die Stränge, weit über die Stränge, und wurden auch rasch mit einer selbstverständlich völlig unberechtigten Zeitstrafe belegt, was sie nur noch wilder machte, angetrieben von einem fanatischen weiblichen Anhang. Die Betrunkenen ließen Ball und Gegner laufen und gingen den Zweikämpfen möglichst aus dem Weg, waren dafür aber insgesamt nicht mehr behände genug, so dass einer der ihren einer Roy-Keane-Gedächtnisgrätsche (wer sie sich ansieht: bitte auch „more Info“ zum Clip lesen) nicht mehr ausweichen konnte.

Nun wurden auch die Betrunkenen etwas unwirsch und stellten den Täter, der sich aber zu wehren wusste. Die Veranstalter stürmten auf den Platz, um der Rudelbildung Herr zu werden, was insofern nicht ganz gelang, als einer von ihnen im entstehenden Knäuel die unterste Position einnahm. Diese Situation nutzte einer der Aggressiven aus, der sich bis dahin im Hintergrund gehalten hatte: er eilte aus dem Hintergrund heran und führte ohne Ball drei Spannstöße aus, die allesamt diesen unten liegenden Hausherrn trafen.

Irgendwie war die Übermacht der Vernünftigen dann doch so groß, dass die Aggressiven sich zurückzogen. Leider wurden erst nach und nach die Informationen zusammen getragen, sodass sich der besagte Treter wohlweislich bereits aus dem Staub gemacht hatte, als die mit etwas Verspätung herbei gerufene Polizei eintraf und einige seiner Mitspieler gerade noch befragen konnte. Selbstverständlich kannte keiner von ihnen den Täter, geschweige denn seinen Namen, und überhaupt seien ja sie die Opfer gewesen.

Erfreulicherweise trug der -unter anderem- so malträtierte Veranstalter keine nennenswerten Verletzungen davon (die Schwellung unter dem Auge dürfte auch bald verschwunden sein). Der wirklich übel gefoulte Spieler stand irgendwann zumindest wieder auf eigenen Beinen, wird aber die ärztliche Diagnose abwarten müssen.

Fußball.

Mit dieser Aktion haben die Aggressiven übrigens einige Fans des VfB Stuttgart in den Schatten gestellt, die sich am Samstag ebenfalls sehr geistreich mit Fußballthemen befasst hatten.

Gelbe Stutzen.

Das Verhältnis zwischen Fußballfans und der Polizei ist bekanntlich nicht immer frei von Irritationen. Die einen bezichtigen die anderen der Brutalität, die anderen die einen der Provokation – wer die einen und wer die anderen sind, ist dabei nicht eindeutig festgelegt. Dabei handelt es sich um ein sehr komplexes Thema, in dessen zahlreiche Aspekte ich viel zu wenig Einblick habe, um mich fundiert äußern zu können.

Gestern allerdings war die Provokation zu offensichtlich, um sie unkommentiert zu lassen: die berittene Stuttgarter Polizei hatte gelbe Stutzen angezogen. Am Tag des Dortmund-Spiels.

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Symbolbild: hue-hott.de

Glücklicherweise nutzte den Gästen auch diese ungewöhnliche Unterstützung nicht viel, und die VfB-Anhänger sahen angesichts des 2:1-Sieges keinen Anlass, auf die Provokation einzugehen.

Etwas ernsthafter zum Spiel: der VfB hat gegen den BVB verdient gewonnen, hat zumindest mich aber unnötig viele Nerven gekostet. In der ersten Hälfte waren die Stuttgarter zwar die klar bessere und auch torgefährlichere Mannschaft; gleichwohl muss man wohl von einer glücklichen Fügung sprechen, dass immer dann, wenn die Dortmunder hätten gefährlich werden können, der Ball bei Florian Kringe war. Egal ob er per Kopf oder Fuß den Abschluss suchte, oder ob er zum vermeintlich letzten Pass ansetzte: das Ergebnis war stets eher kläglich, sodass die Freiheiten, die die Stuttgarter Abwehr den Gästen gestattete, nicht ins Gewicht fielen.

Der VfB hatte seinerseits ein paar klare Gelegenheiten (Hitzlsperger!), traf aber auch nur einmal. Elsons zweiter Treffer innerhab einer Woche war der Höhepunkt einer ungewöhnlichen Häufung guter Standards. Vielleicht liegt es doch daran, dass der Ausführende mittlerweile wieder gelegentlich vor der Ausführung die Hand hebt, wie weiland Hleb und Heldt.

Die Dortmunder Angriffsbemühungen der zweiten Hälfte waren zwar nur bedingt geeignet, den gemeinen VfB-Anhänger in allzu große Sorge zu versetzen; angesichts der zahlreichen Gegentore, die in den vergangenen Wochen und Monaten aus nichts entstanden waren, taugte der Verlauf indes auch nicht zur Beruhigung. Zurecht: natürlich fiel der Gegentreffer, natürlich war es wieder einmal Hajnal, der gegen den VfB entscheidenden Anteil an einem Treffer hatte, und leider sah der starke Georg Niedermeier dabei nicht ganz glücklich aus.

Nun könnte man relativ leicht sagen, dass dann halt wieder der Herr Gomez den Unterschied gemacht hat. Stimmt natürlich auch. Gleichwohl: das 2:1 war ein perfekt vorgetragener Angriff – möglicherweise der beste der gesamten Saison -, an dem im Übrigen auch die von den Fans erneut sehr kritisch beurteilten Simak und Hilbert beteiligt waren. Dass Gomez ihn letztlich perfekt vollendet hat, steht außer Frage.

Bitter dann der Rest der Partie: ein gutes halbes Dutzend bester Kontergelegenheiten vergaben die Stuttgarter teilweise so kläglich, dass sie nicht einmal zum Abschluss kamen, sondern jeweils den Dortmundern die Gelegenheit zum Gegenangriff eröffneten. Paradebeispiel auch hier wieder Roberto Hilbert, der unglaubliche Bälle erlief und unermüdlich in die Nähe des Dortmunder Tores schleppte, um dann aber nicht die Konzentration für ein sauberes Abspiel aufzubringen. Er war jedoch bei weitem nicht der einzige: Hitzlsperger, Osorio, Cacau, um nur einige zu nennen, spielten ähnliche Fehlpässe, auch Gomez, der zudem in der einen oder anderen Situation rascher hätte abschließen müssen.

Wie auch immer: es reichte. Auch dank einer kompromisslosen Defensivleistung, in der für mich der souveräne Tasci und der hochmotivierte Träsch herausragten. Thomas Hitzlsperger machte zudem den Eindruck, sich einen Kommentar von Tobi K. zu Herzen genommen zu haben: von Beginn an bewarb er sich um eine gelbe Karte, und relativ rasch konnte er Vollzug melden. Zwar bin ich gewiss kein Verfechter rohen Spiels; der VfB, und nicht zuletzt sein Kapitän, machte aber gegen Dortmund deutlich, dass er das Spiel gewinnen wollte.

Was er dann ja auch tat. Und damit eine Tabellensituation ermöglichte, die viele Spekulationen zulässt, aus denen ich mich heute raushalte.