Notizen aus der katalanischen Metropole: Pressefreiheit, Fußball, Immigration

Wer mir auf Twitter folgt, hat im Lauf des (verlängerten) Wochenendes vielleicht mitbekommen, dass ich meine Schwester in Barcelona besucht habe. Dabei haben wir, wie das halt so ist, nicht allzuviel Produktives getan, sondern in allererster Linie die gemeinsame Zeit genossen. Gleichwohl will ich der geneigten Leserin die eine oder andere Notiz nicht vorenthalten.

Eher zufällig sind wir auf zwei sehr unterschiedliche Ausstellungen  im Palau Robert, einem Informationszentrum für und über Katalonien, gestoßen: zum einen „Futbol per la llibertad de premsa“, eine sehr kleine Fotoschau, mit der „Reporter ohne Grenzen“, unterstützt von der Agence France Presse (AFP) und unter Nutzung der Popularität des Fußballs, die Öffentlichkeit für die Bedeutung der Pressefreiheit sensibilisieren will; zum anderen die ungleich größere und ambitioniertere Ausstellung „La immigració, ara i aquí“, die sich mit der Einwanderung nach Katalonien befasst und sowohl die nackten Zahlen in sehr anschaulicher Weise darstellt als auch den Einfluss der Immigration auf die Region herausarbeitet.

La immigració, ara i aquí

Die Ausstellung betrachtet grob die weltweiten Wanderungsbewegungen der letzten Jahrtausende , lenkt den Blick dann aber rasch auf die katalanische Situation, die seit Beginn des letzten Jahrhunderts von Migrationsbewegungen geprägt ist. Im Januar 2008 stellten die Statistiker erstmals eine Bevölkerungszahl von mehr als einer Million Ausländern in Katalonien vor, etwa ein Siebtel der 7,2 Millionen Bewohner – nur 10 Jahre zuvor hatte diese „Gruppe“ lediglich rund 100.000 Menschen umfasst!

Die Veranstalter bringen dem Besucher auf angenehme Weise persönliche Schicksale nahe und versuchen, auf diese Weise neue Perspektiven in die -auch das wird nicht verschwiegen- bisweilen schwierige Diskussion über den Umgang der Region mit der massiven Einwanderung einzubringen. Zu diesem Prozess zählt zweifellos der „Nationale Immigrationspakt“ Kataloniens, der derzeit in einer fortgeschrittenen Phase zwischen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteuren diskutiert wird.

Die Ausstellung, die von der Generalitat de Catalunya organisiert wurde, ist noch bis zum 30. Juni geöffnet. Nähere Informationen inklusive eines kleinen Films und didaktischer Materialien, sind verfügbar; wer catalan versteht, ist allerdings im Vorteil, da die Informationen in spanisch, englisch und französisch deutlich weniger umfangreich sind.

Futbol per la llibertad de premsa

35 Fotos wurden „Reporter ohne Grenzen“ von AFP zur Verfügung gestellt, um die immense Kraft des Fußballs (eine „globale Religion“) nicht nur aufzuzeigen, sondern sie auch dazu zu nutzen, den Besucherinnen die Frage der Pressefreiheit näher zu bringen – einer Freiheit, die als ein Grundstein jeder Demokratie zu verstehen sei.

In einem kurzen Flugblatt stellen die Organisatoren dar, dass und wie Journalisten weltweit in zunehmendem Maße Gewalt ausgesetzt sind. Interessanterweise werden dabei die „internetbezogenen“ Fälle separat erfasst: im Jahr 2008 wurde 1 Blogger getötet, 59 wurden verhaftet, 45 Internetnutzer wurden attackiert und 1740 Seiten blockiert oder geschlossen.

Ganz ehrlich: die Ausstellung verfolgt ein wichtiges Anliegen, die Zahlen sind, auch wenn sie meines Erachtens etwas detaillierter (und auch optisch ansprechender) dargestellt werden sollten, sehr aufschlussreich und können unter http://www.rsf.org zum Teil vertieft werden. Die Querverbindung zum Fußball erschließt sich mir aber nicht so recht. Sicher, einige der Fotos sind in politischen Krisenregionen entstanden, wo die Pressefreiheit teilweise stark eingeschränkt und die Reporter großen Gefahren ausgesetzt sein dürften. Einige andere Werke stammen aus den europäischen Ligen und sind vermutlich nicht den dortigen Gefahren für Journalisten geschuldet, sondern ausschließlich der Erzielung von Aufmerksamkeit.

Es ist aus meiner Sicht völlig in Ordnung, mit der Popularität des Fußballs (auf den Werbeflyern ist Barcelonas Superstar Lionel Messi abgebildet) auf eine wichtige Sache aufmerksam zu machen, die Veranstalter machen aus diesem Ansinnen auch gar keinen Hehl. Wenn es allerdings tatsächlich darum geht, über die Breitenwirkung des Fußballs Besucher in die Ausstellung zu locken, dann müsste man zumindest etwas mehr und gezieltere Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Dann aber wäre man auch gezwungen, die Fußballinteressierten tatsächlich „abzuholen“ und in attraktiverer Form für das zu sensibilisieren, was man eigentlich transportieren will.

In der derzeitigen Form bleibt die Ausstellung, die man sich noch bis zum 22. März ansehen kann, irgendwie halbherzig. Sie zeigt tolle Fotos, die den Fußball als verbindendes Element haben und die zweifellos Geschichten, Emotionen und auch Werte transportieren; den Titel „Fußball für die Pressefreiheit“ hat sie indes aus meiner Sicht nur bedingt mit Inhalt gefüllt.

Abschließend verweise ich zum einen gerne nochmals auf die beunruhigenden Informationen, die „Reporter ohne Grenzen“ online zur Verfügung stellt; zum anderen kann ich es mir nicht verkneifen (dem ernsten Thema völlig unangemessen) einen Bildausschnitt* aus der Ausstellung einzubinden, der mit Blick auf den fußballerischen Sachverstand im Mutterland des Fußballs für sich spricht:

futbol_premsa_beckham

* Aktuell steht das Foto nach meinem Kenntnisstand nicht bei RSF zum Download zur Verfügung. Offensichtlich hat es aber bereits im Jahr 2006 eine Buchveröffentlichung mit ähnlichem Titel gegeben, in deren Zusammenhang ein Download angeboten worden sein soll. Ob die ausgestellten Fotos eine Teilmenge der im Buch abgedruckten sind, weiß ich nicht.

Kein Vergleich.

Neues vom spanischen Blogger und Journalisten Carlos Otto-Reuss:

Er hatte ganz offensichtlich kein Interesse an einem Vergleich, sodass es nun wegen der Beleidigungen, die von Kommentatoren in seinem Blog gegen drei honorige UnternehmerInnen geäußert wurden, wohl vor Gericht geht.

Wohlweislich hat er in seinen Beitrag gleich eine Nummerierung eingebaut, um für zwei weitere Fälle gewappnet zu sein: Why can’t we be friends (1).

Bitte nicht von der Überschrift täuschen lassen: er bloggt weiterhin auf spanisch – das gilt auch für die chronologische Aufarbeitung des Vorgangs vom ursprünglichen Beitrag über seine Entlassung und die Kommentarbeleidigungen bis hin zum aktuellen Rechtsstreit und bereits feststehenden künftigen Terminen.


Pressefreiheit und Kommentarmoderation. Heute: Spanien.

Anfang November hat Markus von textundblog mit diesem Tweet auf den spanischen Journalisten Carlos Otto-Reuss aufmerksam gemacht, der entlassen wurde, weil er in seinem privaten (spanischsprachigen) Blog deutliche Kritik am Geschäftsgebaren verschiedener Unternehmer bei der Inbetriebnahme des Flughafens von Ciudad Real übte. Einer dieser Unternehmer, Domingo Díaz de Mera, ist gleichzeitig Miteigentümer der Zeitung El Día de Ciudad Real, für die Otto-Reuss bis dahin gearbeitet hatte. Im Kündigungsschreiben hieß es sinngemäß, Otto-Reuss habe das verfassungsmäßige Recht auf freie Meinungsäußerung und gesunde Kritik mit Beleidigung und Diffamierung verwechselt.

Dieser Vorgang hat unter spanischen Journalisten und in der dortigen Blogosphäre (hat die Blogosphäre nationale Grenzen?) naturgemäß Wellen geschlagen, die sich auch in deftigen Kommentaren in Otto-Reuss‘ eigenem Blog niederschlugen. Einige dieser Kommentare haben nun dazu geführt, dass Otto-Reuss seit dem 7. Januar drei Schreiben erhalten hat. Sie stammen vom genannten Domingo Diaz de Mera, von Flughafenchef  Juan Antonio León Triviño und von der Herausgeberin (?) des El Día de Ciudad Real, Carmen García de la Torre. Es handelt sich um Drohschreiben Vergleichsangebote (nach meinem Verständnis; weder mein Spanisch noch meine juristischen Kenntnisse reichen für exakte Angaben aus), in denen Bedingungen gestellt werden, um Beleidungs- bzw. Verleumdungsklagen abzuwenden.

In allen drei Schreiben wird Otto-Reuss zur Zahlung von jeweils  6000 EURO (immerhin für einen guten Zweck) aufgefordert. Weiterhin soll er die mutmaßlich beleidigenden Kommentare entfernen und sich öffentlich für die Beleidigungen entschuldigen. Zukünftige „ähnliche oder vergleichbare“ Kommentare dürften ebenfalls nicht zugelassen werden.

Otto-Reuss‘ Anwälte Javier de la Cueva und David Bravo kritisieren in einem Blogbeitrag neben dieser „präventiven Zensur“ insbesondere den Aspekt, dass die Verantwortliche einer Zeitung gemeinsam mit anderen Druck ausübe,  um -etwas frei interpretiert- das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken:

Consideramos especialmente grave que la gerente de un periódico se involucre en este tipo de medidas de presión que inyectan miedo al ejercicio del derecho a la libertad de expresión, derecho constitucional éste que, lejos de ser un „pretexto“ como se le califica en las demandas, es aquél en el que se fundamenta toda la profesión periodística de la que la demandante forma parte.

Natürlich stehe ich,  angesichts der (kommunizierten) Gründe für die Kündigung wie auch des nun gewählten Vorgehens der Gegenseite, auf der Seite des Journalisten und Bloggers. Gleichwohl bin ich eingedenk der Erfahrungen von Stefan Niggemeier geneigt, Otto-Reuss zumindest ein gewisse Sorglosigkeit im Umgang mit seinen Kommentaren zu attestieren – zumal sie bei ihm nicht nur wenige Stunden, sondern monatelang online standen. Wie beleidigend die Kommentare im einzelnen waren, kann ich dabei mangels ausreichend nuancenreicher Sprachkenntnisse nicht verlässlich bewerten.

Eine Grundsatzfrage, die sich bereits angesichts der Fälle Niggemeier ./. Callactive und Zwanziger ./. Weinreich gestellt hat, muss auch hier betrachtet werden (wobei ich mich hüten werde, die rechtliche Situation in Spanien und die in Deutschland miteinander vergleichen zu wollen):

Wer ist für Kommentare in einem Blog verantwortlich und kann/soll ggf. zur Rechenschaft gezogen werden?

Bei Herrn Niggemeier richtete man sich gegen den Betreiber, während Oliver Fritsch vom Direkten Freistoß das Glück hatte, dass Jens Weinreich unter seinem eigenen Namen kommentierte, der noch dazu beim DFB bekannt gewesen sein dürfte. Bei Otto-Reuss richtet man sich nun wieder gegen den Betreiber, was insofern aus Klägersicht auch die einfachere Lösung sein dürfte, als eine ganze Reihe grenzwertiger Kommentare von verschiedenen Personen abgegeben wurde.

Vermutlich ist die Antwort auf die Frage nach dem zu Beklagenden recht einfach: immer derjenige, der den Klägern ohnehin unbequem ist.

Zumindest scheint das der Status Quo zu sein.