Wie gedruckt

Am Mittwoch verlor der VfB gegen den FC Bayern München. In letzter Sekunde, nach eigener Führung, zum wiederholten Male, ich war vor Ort. Am Donnerstag fiel mir dann zufällig ein Stapel Zeitungen in die Hände. Gerne hätte ich ein bisschen was über das Spiel gelesen. War aber nüscht, Redaktionsschluss und so. Blöd, ne?

Noch blöder ist nur, wenn dieses Phänomen auch bei elektronischen Publikationen auftritt. Wenn ein Blogbetreiber am Sonntag einen tags zuvor zu Ende geschriebenen Text (na ja, „Ende“ – aufgehört halt, mangels Stringenz) veröffentlicht, der das nicht gesehene Samstagsspiel völlig außer acht lässt, jenes vom Mittwoch aber aufgreift. Tja. Wer möchte, kann ja mit dem Text einfach einen Fisch einwickeln.

Dass sich der gemeine Fußballfan mit der Zeit verändert, drückt sich beispielsweise beim erwarteten, vielleicht auch notwendigen Komfort aus, in aller Regel auch beim zur Verfügung stehenden Budget, und dass der gemeine Fan gerne mal in der Wortfamilie bleibt und die zunehmende Gesetztheit zunehmend mit Sitzen in Verbindung bringt, ist auch keine besonders originelle Erkenntnis.

Allem Anschein (konkreter: meiner Stadionposition) nach bin ich und habe ich mich noch nicht so recht gesetzt; gleichwohl hat sich auch meine Kurvenlage im Lauf der Jahre verändert. Das hat zum Teil zweifellos mit sich wandelnden Ansprüchen zu tun, vor allem aber damit, dass die besagten Veränderungen aufgrund der hiesigen Stadionumbauten der vergangenen Jahre von außen angestoßen wurden. Wir alle kamen so nicht umhin, mehrfach über unser Selbstbild als Fan und die damit einhergehende Platzwahl nachzudenken, und ja, ich bin ganz zufrieden.

Die Gruppe der Umstehenden ist in den wesentlichen Teilen konstant geblieben, die eine oder andere Veränderung an den Rändern ist kein Fehler, und doch denkt man manchmal mit einem Empfinden, das ich, wenn auch nicht als Wehmut, so doch als Nostalgie beschreiben würde, an ein paar Jahre zurückliegende Stehplätze und Menschen zurück, gerade an Tagen wie dem vergangenen Mittwoch.

Einige Jahre lang stand eine oder zwei Reihen hinter uns, meist leicht versetzt, ein meinungsstarker junger Mann, nicht ohne Sachverstand, der nach meiner Wahrnehmung beim Grundkurs Diplomatie gefehlt hatte, bei der Political Correctness möglicherweise auch, was nicht in jedem Kontext ein Fehler sein muss, in manchem aber zweifellos einer war.

Eines Tages tippte er uns vor einem Spiel von hinten an, und offenkundig erschien ihm die Ankündigung, die er zu machen hatte, von Belang: „Jungs“, sagte er, und wir alle wissen, dass sich erwachsene Männer tatsächlich gar nicht so selten so anreden, genau wie erwachsene Frauen mitunter mit „[ihren] Mädels“ ausgehen, „Jungs, ich muss Euch warnen: heute werdet Ihr mich nicht wiedererkennen. Es geht gegen die Bayern!“ Vermutlich wählte er tatsächlich eine andere Bezeichnung als „Bayern“, oder zumindest eine ergänzende, aber das sei nur am Rande erwähnt.

Die Quintessenz lautete jedenfalls, dass ein an normalen Spieltagen regelmäßig aufbrausender, die Spieler beider Mannschaften beleidigender und auch im Umgang mit anderen (Heim-)Fans nicht in jedem Fall und jeder Hinsicht zimperlicher Zuschauer in Aussicht stellte, an diesem Tag, da es gegen das Böse schlechthin ging, während des Spiels unter Umständen etwas energischer aufzutreten als sonst, und dass man ihm das bitte nicht übel nehmen solle, weil … ach, egal.

Ist ja legitim, gegen einzelne Vereine eine besonders ausgeprägte Abneigung zu hegen, ohne dass das einer besonderen Begründung bedürfte. Dass er damit im Umfeld des VfB keine Minderheitenmeinung vertritt, ließ sich am Mittwoch wieder einmal erahnen. So informierte mich auch mein Nebenmann, in aller Regel ein Muster an fußballspezifischer Besonnenheit, irgendwann im Lauf des Spiels, dass er meine Objektivität nicht teilen könne, wenn es gegen den FC Bayern gehe. Was völlig in Ordnung ist.

Objektivität? Hm. Wahrscheinlich. Es hilft ja nichts: ich kann nicht aus meiner Haut. Natürlich bin ich in hohem Maße parteiisch, natürlich ist es mir völlig egal, ob der VfB seine Siege gegen die Münchner aus einer spielerischen Überlegenheit heraus oder durch reinen Dusel erzielt. Ein irreguläres Tor? Nehm‘ ich mit Handkuss. Aggressive Spielweise? Her damit, sollen sie sich halt beklagen, ich zähle mich da zum Team Weinzierl. (Den Verweis auf die Herren Hleb und Hargreaves mögen sich interessierte Kreise denken.)

Also: nein, nicht neutral. Aber: ja, relativ objektiv. Gerade – und damit haben Collinas Erben rein gar nichts zu tun – mit Blick auf den Schiedsrichter. Bei dem es sich noch dazu um einen der besten seiner Zunft handelte, gegenwärtig möglicherweise gar den Besten. Über dessen Ansetzung ich mich schon vorab freute und mich dann nach wenigen Minuten bestätigt sah:

Mario Götze ging an der seitlichen Strafraumgrenze im Duell mit Antonio Rüdiger zu Boden, und die erwarteten Reaktionen traten ein. Götze sah erwartungsfroh zu Herrn Gräfe, die Gästefans wollten einen Elfmeter, während Teile der VfB-Anhängerschaft um mich herum ihre Götze-Einschätzungen bestätigt sahen und Schwalbengelb wollten. Gräfe ging souverän, man möchte sagen: ungerührt über beides hinweg und setzte somit sehr früh einen passenden Rahmen für ein schönes Fußballspiel mit Zweikämpfen, Aggressivität, einfach einer gewissen Körperlichkeit.

Dass der VfB am Ende fünf gelbe Karten gesehen hatte und der Gast nur deren drei, gibt das Härteverhältnis aus meiner Sicht ganz passend wieder, auch wenn möglicherweise mitlesende Gästeanhängende an dieser Stelle die für mich selbst in Anspruch genommene Objektivität in Zweifel ziehen. Wie es im Übrigen auch einheimische Fans taten, als ich beispielsweise die gelben Karten für Leitner und Rüdiger nicht nur verbal verteilte, ehe Gräfe am Ort des Geschehens eintraf, sondern sie auch explizit als angemessen bis hin zu zwingend einordnete.

Sicher, dass Gräfe nach dem Verzicht auf einen Elfmeterpfiff, als Werner Rafinha an den Arm geköpft hatte, beim VfB-Anhang einen etwas schwereren Stand hatte, ist nur zu gut zu verstehen, und ich gebe zu, wäre es nicht Gräfe gewesen, sondern [hier bitte einen aus mindestens einer guten Handvoll Schiedsrichternamen nach persönlichem Gusto einsetzen], hätte ich in besagter Szene mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht dahingehend argumentiert, dass der Schiedsrichter zwölf Meter vom Ort des Geschehens entfernt gewesen sei und ich hundertzwanzig.

Aber da stand eben Manuel Gräfe, und so konnte ich mir nicht vorstellen, dass der Mann mit der Pfeife den für mich zu erahnenden, für einige Umstehende, die in ihrer Kindheit deutlich mehr Karotten gegessen haben mussten als ich, deutlich zu erkennenden und auch in seiner Entstehung und Motivation unzweifelhaften Hand- bzw. Armkontakt übersehen hatte. Vielmehr hatte er ihn wohl anders eingeordnet, und obwohl er auf der Payroll der Fußballmafia DFB steht, wollte mir nicht recht in den Sinn, dass diese Einordnung der Identität der beteiligten Akteure und Mannschaften geschuldet gewesen sein könnte.

Natürlich kann man das auch anders sehen. Das gilt, wenn man will, für die Sache mit dem Bayern-Bonus, gewiss; vor allem aber ist die Sichtweise, dass Gräfe einen vielleicht vorhandenen Ermessensspielraum in die aus Stuttgarter Sicht ungünstige Richtung ausgenutzt hat, eine sehr legitime. Dass er beim Führungstreffer des VfB eher keinen Ermessensspielraum hatte und ihn dennoch zugunsten des VfB nutzte: geschenkt.

Was ich aber wirklich nicht so recht begreife, sind die mit zunehmender Spieldauer zunehmenden Kommentare, dass man doch so schlecht wie der gar nicht pfeifen könne, dass er ständig gegen den VfB pfeife, dass er eben ein typischer Bayern-Schiri sei,kurz: dass er schuld sei am (zu jenem Zeitpunkt noch einfachen) Punktverlust.

Oder doch, sorry: ich begreife es schon. Geht mir manchmal auch so, dass ich mich in sowas reinsteigere, dem Schiri alles (so’n bisschen halt, glaubt mir ja sonst eh keiner) Böse wünsche und so weiter. Und möglicherweise können andere Leute das dann genauso wenig nachvollziehen wie ich am Mittwoch.

Wie auch immer: verloren. Auf bittere Art und Weise. Und sich dann auch noch diesen – inhaltlich durchaus begründeten – Münchner Überschwang ob des ausnehmend sehenswerten Siegtores anhören und nachlesen zu müssen. Nicht schön. Vor allem, weil es ja anders hätte laufen können. Ibisevic, Werner, Harnik, sie alle hätten das Spiel deutlicher in die gewünschte Richtung kippen lassen können, doch es gelang nicht.

Kann passieren, eigentlich. Und doch ärgere ich mich noch heute, über Mohammed Abdellaoue, der im Münchner Strafraum derart viel Zeit und Muße hatte, den vielleicht entscheidenden Querpass zu setzen, dass er sich wohl in einem Spiel gegen einen der Zahlreichen weniger ernst zunehmenden Gegner wähnte und dann auch nur das entsprechende Maß an Konzentration aufwandte.

Zynisch? Ja, ein bisschen. Mit Scheuklappen auf eine Szene fokussiert? Ja, vielleicht auch. Ist halt manchmal so. Gelegentlich muss, und ich meine: muss, es eben mehr sein. Das war so eine Szene.

Bei Sven Ulreich war es mehr, keine Frage. Mehr als eine Szene, mehr als ein willkürlich entstehendes Gefühl. Es ist kein Geheminis, dass ich seit langem zu denjenigen zähle, die ihn recht kritisch sehen und das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch weiterhin tun werde. Aber die Fußabwehr gegen Thiago war außergewöhnlich, und insgesamt strahlte er wesentlich mehr Souveränität aus als zuletzt.

Vor allem aber, und das kommt auch für mich wahrhaft unerwartet, ziehe ich meinen Hut und verneige mich tief ob jenes Abschlags, den er aus der Hüfte und auf Hüfthöhe auf Martin Harnik schlug und damit den wohl besten Stuttgarter Konter seit der Kombination Lehmann-Träsch-Hilbert beim 4:1 gegen Werder Bremen im Jahr 2008 einleitete. Unglücklicherweise fehlte diesmal der erfolgreiche Torabschluss.

Aber irgendwann klappt er, ganz bestimmt. Und dann verliert man auch nicht mehr kurz vor Schluss, erst recht nicht nach eigener Führung. Vielleicht schon am Samstag in Leverkusen. Öhm. Zeitung von gestern.

Kein Erweckungserlebnis

Dem einen oder anderen Stuttgarter Spieler, vielleicht eher sowohl dem einen als auch allen anderen, hätte man ja am Samstag ein Erweckungserlebnis gewünscht, wie es Bastian Schweinsteiger am Mittwoch zuvor irgendwo zwischen Mittellinie und Elfmeterpunkt widerfahren sein soll. Leider trat es nicht ein, und der VfB konsequenterweise so auf, wie er es eben tut, wenn er gegen den FC Bayern antritt: mutlos.

Ist natürlich, so ehrlich muss man sein, auch kein Wunder. Schließlich ging es gegen den frischgebackenen Champions-League-Finalisten, der Bernabéu gerockt hatte, und vermutlich tauchen sie noch heute in den Alpträumen des José Mourinho auf, die Contentos, Rafinhas, Pranjics und wie sie alle heißen. Da kann einem als Gegner schon mal das Herz in die Hose rutschen. Blöd nur, dass man damit eben jenen Platz blockierte, den man für die Schweinsteiger’schen Fundstücke hätte brauchen können.

Sicher, anfänglich hatte man ein paar Chancen, gute Chancen sogar, und auch wenn Christian Gentner tendenziell kein Kopfballungeheuer mehr wird, lag eine Führung nicht im Bereich des Fantastischen. Wobei man nicht so recht gewusst hätte, wo sie hergekommen wäre, zu träge, zu wenig überzeugt wirkte das alles. Was zugegebenermaßen in ähnlicher Weise auch für mich galt, ertappte ich mich doch dabei, dem Spiel phasenweise ähnlich konzentriert zu folgen, wie die Herren mit dem Brustring spielten. War halt warm. Und was für mich als Ausrede gilt, wird ja wohl auch für die Spieler …

Bevor er zum VfB kam, war Bruno Labbadias Bilanz gegen die Bayern im Grunde gar nicht schlecht und beinhaltete nicht zuletzt ein bemerkenswertes 4:2 mit Bayer Leverkusen im Pokal-Viertelfinale 2009. Beim VfB sieht das anders aus. 35-36-12-12-02-02, um genau zu sein. Und irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Bilanz in den Köpfen der Spiel sehr präsent war. Dass man von vornherein in der Gewissheit nach München gefahren war, dort nichts zu ernten.

Nichts war zu spüren von einer breiten Brust, die man sich mit den Ergebnissen der letzten Monate erarbeitet hatte, zum Teil auch mit der Art und Weise, wie sie zustande gekommen waren. Wenig deutete darauf hin, dass hier eine Mannschaft wild entschlossen war, Platz 5 zu sichern und sich die theoretische Chance auf Platz 4 zu erhalten, gegen einen Gegner, von dem man wusste, dass er entweder körperlich angeschlagen oder in ungewohnter Formation auflaufen würde.

Aber das war ja alles gar nicht nötig, wie die Stuttgarter Zeitung treffend anmerkt:

„Nun aber müssen die Stuttgarter schlimmstenfalls als Sechster in der letzten K.-o.-Runde vor den Gruppenspielen der Europa League, den sogenannten Play-off-Partien am 23. und 30. August, ran. „Eine geordnete Vorbereitung ist also in jedem Fall möglich, dass ist beruhigend“, sagte Labbadia […]“

Na dann.

Ach, lassen wir das. Ich hab mich halt geärgert. Maßlos. Ärgere mich noch immer. Aber vielleicht nehme ich das alles einen Tick zu persönlich. Halbherzig ist nicht so meins. Und wenn ich dann noch nebenher davon ausgehen muss, dass man sich von Timo Gebhart trennt, dass es offensichtlich nicht gelungen ist, einen Spieler mit seinen Fähigkeiten so zu fördern, dass er jetzt da stünde, wo er stehen könnte, und mit ihm der Verein, und wenn ich gleichzeitig darauf hoffen muss, dass der selbe Trainer ab der kommenden Saison den Stuttgarter Weg mit anderen, ähnlich talentierten jungen Spielern ganz anders geht, dann wird mir ein wenig bang.

Aber das hat nur am Rande mit dem Spiel in München zu tun.

Und zum Schluss muss ich doch noch kurz fragen, ob da draußen noch einige weitere irritierte Zuschauer herumschwirren, die sich hätten vorstellen können, dass Sven Ulreich vor dem 1:0 seinen Strafraum entschlossen verlassen und das Duell mit Müller in Angriff genommen hätte.

Aber auch das: ganz am Rande. Und nächste Woche freue ich mich dann auch wieder über die gelungene Wendung, die die Saison in den letzten Monaten nahm. Bestimmt.

Und fast hätte ich vergessen, ganz am Ende mit einem raffinierten Kniff noch einmal zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Zu Bastian Schweinsteiger, dessen kurzes Mitwirken am Samstag noch einmal zu einem gänzlich anderen Spiel führte. Plötzlich, so schien es mir, traten die Bayern mit jener Selbstverständlichkeit auf, die dem VfB dann endgültig vor Augen führte, dass das Spiel verloren war. Das Münchner Spiel hatte eine ganz andere Struktur, auch einen Fixpunkt, und jeder Gedanke an ein Unentschieden war mit einem Mal undenkbar.

Vielleicht übertreibe ich. Aber ich muss sagen: Schweinsteigers Präsenz auf dem Platz hat mich in ihren Bann gezogen.

Schattierungen von gelb

Beide Vereine hatten weder Kosten noch Mühen gescheut. Der VfB hatte Pavel Pardo, den Meister von 2007, der eine makellose Heimbilanz gegen den FC Bayern vorzuweisen hat, als Glücksbringer einfliegen lassen, und den Bayern war es in einer bemerkenswerten Demonstration ärztlicher Heilkunst gelungen, ihren Protagonisten den tödlichen Männerschnupfen auszutreiben. Es war also angerichtet.

Vermutlich hatte Bruno Labbadia seiner Mannschaft Aggressivität gepredigt. Die Hereinnahme von Gebhart und Boka passte in dieses Bild, und im Grunde war ich mir sicher, dass die beiden Linksaußenduelle zwischen Boka und Ribéry auf der einen sowie Gebhart und Rafinha auf der anderen Seite nicht nur hohen Unterhaltungswert haben, sondern auch mindestens einen Platzverweis mit sich bringen würden. Nun ja, es sollte anders kommen. Doch zurück zur Aggressivität, die ich irgendwie anders interpretiere als die Stuttgarter Spieler. Mir wäre es darum gegangen, präsent zu sein, Stärke und Selbstvertrauen zu signalisieren, Zweikämpfe zu führen. Der VfB aber kam gar nicht in den Infight. Vielmehr begann man in der Defensive einerseits mit übertriebenem Respekt, der sich in ehrfürchtigem Zusehen und überängstlichem Zur-Ecke-Klären äußerte, weil ja theoretisch einer dieser brandgefährlichen Münchner Angreifer in der Nähe sein könnte; andererseits erinnerte man sich immer wieder in ungünstigen Momenten der Aggressivitätsvorgabe und ging entsprechend übereifrig in einzelne Zweikämpfe, was unnötige Freistöße und Verwarnungen nach sich zog.

So auch im Fall von Christian Molinaro, bei dessen erstem Foul, so viel Ehrlichkeit muss sein, ich im Stadion zunächst froh war, dass er nicht direkt vom Platz geflogen war – bei der Nachbetrachtung im Fernsehen sah ich dieses Szenario dann nicht mehr als ganz so bedrohlich realistisch an; gleichwohl kann ich mir nur schwer vorstellen, wie man gegen diese Karte argumentieren will. Und wer fünf Minuten nach einer solchen Verwarnung inklusive unmissverständlicher Geste von Herrn Gräfe meint, es sei eine gute Idee, irgendwo an der Außenlinie einen vergleichsweise unwichtigen Ball im höchsten Tempo von hinten erobern zu müssen, der darf sich über die Quittung nicht beschweren. Ich bin nicht Arjen Robbens Meinung, dass es sich hier um eine dunkelgelbe Karte handelte, wie ich auch nicht der Ansicht bin, dass es ihm gut zu Gesicht steht, sich nach dem Spiel so zu äußern. Wenn ich nur das Foul an sich betrachte, würde ich vielleicht eher von zitronenfaltergelb sprechen. Manche würden von eierschalen- oder blassgelb reden, andere über senf- oder neapelgelb diskutieren, letzteres in hell oder dunkel, wieder andere, und darauf würde ich mich jetzt mal festlegen, plädieren für Massikot.

Viele Stuttgarter Zuschauer neigten indes eher zu neuschneegelb und projizierten ihre Verärgerung auf Arjen Robben. Anders als der sehr geschätzte Baziblogger drüben sehe ich darin keine Anzeichen für den Untergang des Abendlandes. Entschuldigung, das tut er natürlich auch nicht; ich finde nur, dass es etwas weit gesprungen ist, bei Beschimpfungen eines gegnerischen Spielers Quervergleiche zu Robert Enke ins Feld zu führen. Mit den „Arschloch“-Rufen kann ich – als Zuhörer, wohlgemerkt – leben, und damit muss auch ein Profi umgehen – zumindest, solange es von den gegnerischen Fans kommt und damit per se eine recht hohe Auszeichnung ist. Das betrifft im Übrigen, um ganz kurz eine andere Baustelle zu streifen, nicht nur Spieler, sondern auch, zum Beispiel, Herrn Hopp. Wenn indes die Schmähungen von den eigenen Anhängern kommen, sieht die Sache meines Erachtens völlig anders aus. Da wäre ich dann schon recht nah beim Baziblogger. Aber ich schweife gleich doppelt ab. Nicht nur von Christian Molinaro, sondern auch gleich noch von den Beschimpfungen für „Ari-Jen“ Robben, die – ungeachtet der obigen Ausführungen zu Arschlöchern und sonstigen Beleidigungen – dann jenseits meiner persönlichen Grenze sind, wenn sie rassistisch, homophob oder in anderer Form diskriminierend sind. Und das waren sie zum Teil. Aber dazu habe ich mich schon an anderer Stelle etwas ausführlicher geäußert.

Besagte massikotgelbe Karte hat Molinaro selbst zu verantworten. Er muss wissen, wie es wirkt, wenn er in einer Situation, in der er im relativ gemächlichen Tempo heranlaufen könnte, ohne dadurch wesentlich schlechtere Optionen zu haben, mit dem Messer zwischen den Zähnen von hinten an Robben heransprintet, er muss sich des Rahmens bewusst sein, den Gräfe mit seinen etwas zu zahlreichen Karten bereits abgesteckt hat, er muss die gerade einmal fünf Minuten zuvor ausgesprochene Warnung des Schiedsrichters im Ohr haben, und ja, er muss auch wissen, das Arjen Robben kein heuriger Hase ist. Vier Anforderungen, die ich an einem professionellen Fußballspieler stelle. Es hätte gereicht, eine davon zu erfüllen.

Womit das Spiel beendet war. Wenn Thomas Müller hinterher flapsig erklärt, der Platzverweis habe eher dem VfB geholfen, dann ist das ein netter Spruch, von dem man weiß, wie man ihn zu nehmen hat. Wenn indes Jupp Heynckes ernsthaft der Meinung ist, der Platzverweis sei nicht spielentscheidend gewesen, bin ich doch etwas irritiert. Wohlgemerkt: ich behaupte nicht, dass der VfB mit elf Mann nicht verloren hätte, die Chancen dafür standen trotz allem gut. Mit dem Platzverweis hatte sich das erledigt, das Spiel war entschieden. Der VfB ließ von einer Sekunde auf die andere alle Hoffnung fahren, ein ansatzweise zwingendes Offensivspiel aufzuziehen. Und genau so trat er fürderhin auf. Was durchaus nachvollziehbar ist, wenn man beispielsweise bedenkt, dass der vermeintlich kreativste und vor allem unerschrockenste Offensivspieler, Timo Gebhart, als linker Verteidiger alle Hände voll zu tun hatte, einen Weltklassespieler in Schach zu halten – mit beachtlichem Erfolg, im Übrigen. Ich gehe fest davon aus, dass Bruno Labbadia in den nächsten Tagen im Training das eine oder andere Mal ausprobiert, ob er Gebhart in Wolfsburg als Rechtsverteidiger aufbieten kann. Solange keine Dauerlösung daraus wird – schließlich würde ich ihn in der Rückrunde gerne mal zehn Spiele am Stück im offensiven Mittelfeld sehen, am liebsten auf der Hajnal-Position -, kann ich mich damit anfreunden.

Wo war ich? Ah ja, Hoffnung fahren lassen, mutlos, und so weiter. Und gerade deshalb war es mir unverständlich, dass der Trainer nicht früher gewechselt hat. Julian Schieber war in seinem zweiten Einsatz nach langer Verletzungspause schlichtweg überfordert, und zwischendurch musste ich, weit übertrieben, gelegentlich an Ermin Bicakcic‘ Sebescen-Moment aus dem Vorjahr denken, und niemand schien auch nur in der Lage zu sein, sich überhaupt vorzustellen, dass man die gegnerische Hälfte überhaupt noch einmal betreten würde. Da hätte ich mir schon ein Signal von der Bank gewünscht. Wobei es aus meiner Sicht keineswegs so ist, dass falsch gewechselt wurde, ganz im Gegenteil – nur eben zu spät. Andererseits: Hätte Cacau mit seiner sehr bemerkenswerten Aktion kurz vor Schluss das 2:2 erzielt, wäre alles richtig gewesen. Und meine (nicht sehr innovative) These zur spielentscheidenden Szene widerlegt.

Noch ein Wort zu Serdar Tasci. Im Spiel war ich in einigen Situation drauf und dran, enorm kluge Dinge wie „deshalb reicht’s nicht mehr für die Nationalelf“ zu sagen, oder gar „weiter oben wird die Luft halt dünn“ von mir zu geben – nicht nur beim 1:1, sondern vor allem vor der Chance von Thomas Müller, die Sven Ulreich einmal mehr hervorragend vereitelte, als Tasci gefühlt auf fünf Metern drei verlor, auch weil er Angst vor dem Körperkontakt und einem möglichen Elfmeter hatte. Doch dann führte ich mir noch einmal vor Augen, gegen wen er da alt aussah: gegen Mario Gomez, vermutlich einen der besten und zweifellos einen der dynamischsten unter den Topstürmern weltweit, bei dessen Ausgleichstor ich bezweifle, dass man fünf weitere Stürmer fände, die es erzielen könnten. Natürlich habe ich ihm gestern alles Schlechte gewünscht, aber das ändert nichts daran, dass ich vermutlich einer seiner größten Bewunderer bin. Und er lernt immer weiter dazu. Neu in seinem Repertoire ist zum Beispiel die eingesprungene Grätsche, die er kurz vor Schluss Timo Gebhart spüren ließ. Interessanterweise war in keinem Spielbericht etwas davon zu sehen, nur im einen oder anderen Ticker las ich nach, dass man dafür „auch schon andere Karten“ als Gomez‘ gelbe gesehen habe. Wie gesagt: ich hatte keine Möglichkeit, die Situation anhand von Fernsehbildern noch einmal zu bewerten, im Stadion und unter nennenswertem Adrenalineinfluss war der Fall für mich aber klar: kirschgelb.

Weltelf

Der ORF hatte damals schon den Sportnachmittag. Sonntags, meist in FS2, wurde einfach durchgehend Sport gezeigt, was im deutschen Fernsehen – anders als heute – noch ziemlich undenkbar war. Die privaten Fernsehsender steckten bestenfalls in den Kinderschuhen, im Grunde noch nicht einmal das, ARD und ZDF waren der Vielfalt verpflichtet und konnten nicht den ganzen Sonntag mit Sportübertragungen füllen, aber man wohnte ja grenznah.

Im Winter lag der Fokus beim ORF natürlich auf dem alpinen Skisport, Harti Weirather war der erste Abfahrtsweltmeister, dessen Siegfahrt ich aktiv verfolgte, Annemarie Moser-Pröll fuhr nicht mehr, schwebte aber als Schatten über allen Damenrennen. Armin Kogler und Hubert Neuper bestimmten das Skisprunggeschehen mit, Neuper gewann zweimal die Tournee, und die Vögel konnten bereits erahnen, dass sie bald zu Fuß gehen würden. Die Biathlonbegeisterung hielt sich noch in Grenzen, Österreich hatte meines Wissens keinen Angerer, Kvalfoss oder Rötsch. Dafür sah man auch einmal Parallelslaloms der Profis – der olympische Gedanke trennte noch immer die guten von den bösen Skifahrern, ein Jahrzehnt nach der Causa Schranz – manchmal auch Skibobrennen, von denen ich nicht glaube, dass sie jemals im deutschen Fernsehen liefen, oder gar Eisstockschießen. Und wenn überhaupt nichts mehr ging, war da ja immer noch Fußball aus der Wiener Stadthalle.

Auch im Sommer gab es den Sportnachmittag. Gefühlt nicht ganz so häufig wie im Winter, oder zumindest nicht so lange am Stück. Oder es lag daran, dass ich sommers selbst häufig auf irgendwelchen Sportplätzen unterwegs war. Wenn nicht, sah ich im ORF Formel 1, nach Niki Laudas Rückkehr 1982. Ich verfolgte den Einzug der Tankstopps und Piquets Prügel für Salazar, erlebte später Laudas erneuten Titel und seine Duelle mit Alain Prost mit, beide im  McLaren-TAG-Porsche-Turbo, und stelle rückblickend fest, dass das wohl die einzige Phase meines Lebens war, in der ich mit einer gewissen Regelmäßigkeit Motorsportwettbewerbe verfolgte, nicht nur im ORF. Walter Röhrl beherrschte Monte Carlo, Toni Mang die 250er und 350er, und Boris Beckers Sieg gegen Kevin Curren erlebte ich gar als Zuschauer eines Motocross-Rennens – schlechtes Timing.

Doch zurück zu den Sportnachmittagen in FS2: manchmal gab es tatsächlich auch den mir persönlich wichtigsten Sport zu sehen, aus dem aus deutscher Fernsehsicht recht exotischen Fußballland England. Dort wurde damals, wer wüsste es nicht, der erfolgreichste Fußball gespielt, zwischen 1977 und 1984 konnte nur der HSV 83 die Dominanz der englischen Teams durchbrechen. Kevin Keegan hatte in Deutschland gespielt, Tony Woodcock auch, aber ansonsten kannte man den englischen Fußball in Deutschland, besser: bei uns in der Provinz, nur von der Nationalmannschaft, die sich allerdings bei den internationalen Turnieren ein wenig rar machte, und aus dem Europapokal. Genau wie den spanischen oder italienischen, übrigens, schließlich war die Bundesliga ja die beste der Welt, das Maß der Dinge, zudem waren wir uns im Klaren darüber, dass die Eurogoals noch ein paar Jahre auf sich warten lassen würden.

In Österreich indes war man interessierter und zeigte immer mal wieder Spiele aus der First Division, nicht live, aber doch in nennenswertem Umfang. Eines Sonntags, ich vermute zumindest, dass es ein Sonntag war, wurde eine Partie von Sheffield Wednesday übertragen. Ich hatte bereits ein oder zwei Jahre Englisch hinter mir und fand den Vereinsnamen unglaublich lustig. Der österreichische Reporter kam aus dem Schwärmen nicht heraus, und das Objekt seiner Begeisterung hieß Imre Varadi. Imre wer? Imre Varadi, englischer Spieler mit ungarischen Wurzeln (wobei ich noch heute der Überzeugung bin, dass ihn der österreichische Kommentator durchgängig als Ungarn bezeichnete), der sich später als Wandervogel einen Namen machen sollte, oder wie es die Wikipedianer formulieren:

„Varadi went on to become a nomadic journeyman, who rarely spent more than two years with any club and never made 100 league appearances in the colours of any team he played for.“

Wie auch immer: an diesem Tag beeindruckte Varadi nicht nur den Kommentator, sondern auch mich – anhand total aussagekräftiger Ausschnitte aus einem einzigen Ligaspiel – so sehr, dass er fortan eine ganze Weile einen festen Platz in meiner Weltelf hatte. War das damals nur bei uns en vogue, oder hattet Ihr auch Weltelfen?

Irgendwann war aus der Berichterstattung über das Benefizspiel einer „Weltelf“, die natürlich alles andere als eine nach rein sportlichen Kriterien (vermutlich eher nach Verfügbarkeit, aber an so etwas dachten wir damals nicht) zusammengestellte Weltauswahl gewesen war, bei uns allen der Drang entstanden, in regelmäßigen Abständen unsere Weltelfen aufzustellen. Und wenn ich „uns alle“ sage, dann meine ich in erster Linie meine Mitschüler, von denen die meisten insofern ein wenig benachteiligt waren, als ihr Vater weder den Kicker abonniert hatte, der auch schon damals zumindest am Rande über die internationalen Ligen berichtete, noch gemeinsam mit dem Sohnemann jede Gelegenheit wahrnahm, irgendein Fußballspiel anzuschauen. So hatten sie also zum Beispiel noch nie von Imre Varadi gehört, einem meiner Trümpfe.

Ansonsten fanden sich in den Aufstellungen die üblichen Verdächtigen. Rummenigge, natürlich, Maradona sowieso. Weil Schuster auch dabei war, schaffte es Platini eher selten ins Team. Hellström wurde gerne mal nominiert, auch Scirea und Boniek, der eine oder andere Brasilianer, wobei auch da der Hang zur Distinktion ausgeprägter wurde: man nahm dann nicht die offensichtlichen Zico oder Falcão, sondern Junior (vollkommen zurecht) oder gar Eder.

Es versteht sich von selbst, dass der Auswahlprozess ein sehr komplexer war. Neben Lebenswerk, aktuellen Leistungen und natürlich auch Potenzial spielten mitunter in seltenen Fällen auch Sympathien eine Rolle – wie sonst hätte sich zum Beispiel Ronald Koeman phasenweise einen Platz in meinem Team erkämpft? Oder Paolo Rossi, Spielverschieber und Finaltorschütze, der 1982 hoch im Kurs stand? Später kam Scifo, den ich tatsächlich sehr mochte, dann die Lobanowsky-Schützlinge wie Kusnezow, Belanow, Sawarow und nicht zuletzt Michailitschenko. Die Tore schoss Varadi, klar, auch wenn ich nicht ausschließen kann, dass er bei objektiver Betrachtung gar nicht der Allerbeste auf seiner Position war.

Heutzutage erstelle ich keine Weltelfen mehr. Ich bin zu schlecht informiert, um mich abzuheben, das Scouting der anderen ist zu gut, das Fußballgeschehen zu transparent. Naja, eigentlich ist das kein Grund, schließlich dürften selbst bei vollkommener Information bei 10 Leuten 10 verschiedene Weltelfen herauskommen. Dann wird’s wohl am Alter liegen, und an den Prioritäten.

Kürzlich jedoch entspann sich, wie das im Urlaub halt manchmal so ist, eine kleine Diskussion über Fußball. Über einzelne Spieler. Konkret: über Spieler, die man nicht mag. Oder nicht mochte. Aus welchen Gründen auch immer, manchmal mag es nur an einer einzigen Szene gelegen haben, oder an einer generellen Fallsucht, vielleicht auch nur an einem dummen Interview oder an etwas, an das man sich nicht einmal mehr erinnert.

Wie auch immer: es entstand mal wieder eine ganz persönliche Weltelf. Generationenübergreifend, und doch nur eine Momentaufnahme – nächsten Monat sieht sie schon wieder anders aus. Zum Teil.

Weltelf, leistungsunabhängig, aber sympathiefrei:

Und Ihr so?

Stuttgarter Schlagzeilen

VfB verlässt die Abstiegsränge
Retter Gross erreicht Zwischenziel – Stammformation gefunden?

Heldt greift brutal durch
Lehmann soll 33 Tage vom Trainingsbetrieb suspendiert werden – pünktlich zum Rückrundenauftakt wäre der VfB-Torwart wieder dabei

Endlich: Gomez-Nachfolger gefunden
Auch Pogrebnyak trifft mit dem Bimmelchen

Bad Boy Bancé
Mainzer Stürmer legt sich erneut mit Sympathieträger an – nächste Woche trifft er auf Rafinha

Hleb hält 75 Minuten durch
Weißrusse teilt sich die Kräfte diesmal besser ein

Kamke: Ich will ihn nicht mehr sehen!
Blogger hat den Glauben an Lehmanns Professionalität verloren

Die Ruhe vor dem Sturm?
Trainer wahrt ob Lehmanns Abreise den Anschein von Gelassenheit