Von Trainern und Leisten

Landauf, landab pfeifen die Rotkehlchen gerade den Namen Dutt von den Dächern. (Verzeihung.) Parallel dazu wird diskutiert, ob er denn eine gute Lösung für den vielleicht, vielleicht aber auch nicht vakanten Sportdirektorenposten des VfB wäre. Um es vorweg zu nehmen: ich weiß es nicht.

Das gilt unabhängig vom VfB. Ich weiß schlichtweg nicht, ob Herr Dutt ein guter Sportdirektor ist, was nicht zuletzt daran liegt, dass er noch nie als solcher beschäftigt war, nach meiner Kenntnis. Formal schon, klar, beim DFB, aber dass das eine mit dem anderen nur bedingt vergleichbar ist, dürfte auf der Hand liegen.

Was ja erst einmal ganz gut ist, schließlich sah sich Dutt, wie wir alle wissen, auf dem DFB-Sportdirektorenstuhl de facto deplatziert. Ich möchte mir den inneren Kampf nicht vorstellen müssen, den er dort ausgefochten hat, ehe er zu dem Schluss kam, dass seine Zukunft doch weiterhin auf dem Trainingsplatz, in der Kabine und am Spielfeldrand liege.

Möglicherweise hatte er recht, und möglicherweise hätte er auch jetzt wieder recht, wenn er das Gegenteil behauptete. Es spricht schließlich nichts dagegen, dass sich Meinungen, Vorlieben, Kompetenzen im Zeitablauf verändern.

Insofern würde ich vermutlich auch bald wieder diesen Vergleich aus dem Kopf bekommen, der eine zwischen zwei Frauen hin- und hergerissene junge Frau vorsieht, ja beobachtet, möglicherweise ist es auch ein Mann, und das Geschlecht der beiden Rivalisierenden ist auch nicht ganz klar; eine Person also, die in einer unsystematischen Abfolge eigener oder vom jeweiligen Gegenüber getroffener Entscheidungen zwischen den beiden Optionen pendelt und mal die eine, mal die andere voller Überzeugung als die einzig wahre und endgültige betrachtet oder zumindest so tut.

So ist das eben manchmal im wahren Leben, und wer wäre ich, darüber zu urteilen. Auch wenn mich der plötzliche Abschied vom DFB, das gebe ich naiver Romantiker gerne zu, ein wenig irritiert hat.

Unabhängig davon bleibt bestehen, dass ich Herrn Dutt nicht so recht beurteilen kann. Die Einschätzungen von Leuten, mit denen ich in der Vergangenheit sprach und die zum Teil einen recht guten Einblick haben, variieren in vielerlei Hinsicht sehr stark, helfen mir also auch nicht. Womit wir wieder am Ausgangspunkt wären: “ich weiß es nicht”.

An dieser Stelle könnte ich es nun bewenden lassen, wenn, ja wenn mich nicht noch eine Frage umgetrieben hätte:
Wieso denken wir so oft an (ehemalige) Trainer, wenn Sportdirektorenposten zu besetzen sind?

Eine Hypothese, die ganz gut in einem Tweet des geschätzten Herrn @el_pibe12 zum Ausdruck kommt, der die Kritik an Dutt folgendermaßen kommentierte:

Wir kennen diese Art der Argumentation: Ihr seid nie zufrieden, wärt es auch nicht, wenn ein (oder eben drei) ausgewiesener Meister seines Fachs käme, und ich habe manches für sie übrig. Allein: die drei im Tweet genannten sind mir bis dato nicht als herausragende Sportdirektoren aufgefallen. Was an mir liegen kann.

Entschuldigung, ich will nicht polemisch werden, und es liegt mir fern, Philipps Tweet auf die Goldwaage zu legen. Seine Aussage illustriert nur ganz gut den Gedanken, dass wir Trainer und Sportdirektoren gerne mal über einen Kamm scheren – einen Gedanken, den vermutlich nicht nur viele von uns Fans hegen, sondern auch der eine oder andere Trainer, der sich an einem gewissen Punkt nicht mehr im Trainingsanzug auf dem Platz, sondern eher in übergeordneter Rolle sieht.

Und, um nicht missverstanden zu werden: dieser Gedanke liegt nahe. Es gibt zahlreiche Überschneidungen, wie nicht zuletzt anhand der Position des Managers englischer Prägung deutlich wird, dem hierzulande wohl am ehesten Felix Magath in Wolfsburg und zeitweise auch bei Schalke entsprach.

Auch Armin Veh hatte in Wolfsburg meines Wissens kurzzeitig eine ähnliche Rolle inne. Dass es nicht funktioniert hatte, lag gewiss an mancherlei Dingen; eines davon dürfte nach der Lesart des gemeinen VfB-Fans sein eher mittelgutes Händchen auf dem Transfermarkt gewesen sein. Oder anders: in Stuttgart überraschte es nicht so sehr, dass der Meistertrainer Veh möglicherweise kein meisterhafter Sportdirektor sein würde. Umso bemerkenswerter, dass er auch hier in den vergangenen Monaten immer wieder einmal als möglicher Bobic-Nachfolger gehandelt wurde.

So frug ich mich also, ob denn tatsächlich zahlreiche Geschichten gelungener Übergänge vom guten Trainer, wie auch immer das zu bemessen sei, zum erfolgreichen Sportdirektor verbrieft seien. Natürlich fiel mir (nicht nur) auf Basis unrealistisch erscheinender Stuttgarter Diskussionen der letzten Monate sogleich Ralf Rangnick ein, der in Leipzig zweifellos gute Arbeit leistet. Dass er noch nicht in der ersten Liga angekommen ist und dass er aus einer in mancher Hinsicht überaus privilegierten Position heraus arbeitet, ist mir bewusst.

Auch Matthias Sammer hat gegenüber vielen seiner Kollegen gewisse betriebswirtschaftliche Vorteile auf seiner Seite, die das Geschäft erleichtern. Manche zweifeln zudem an, dass er wirklich ein guter Trainer war (ehrlich gesagt verdränge ich sein Intermezzo als Trainer gerne mal), sowohl in Dortmund als auch in Stuttgart, und die Gründe sind nicht die schlechtesten. Andere hinterfragen seine Rolle in München sehr kritisch, bzw. zweifeln sie grundsätzlich an, was dann ja unmittelbar seine Qualitäten als Sportdirektor negieren würde.

Da mich eben diese Diskussion um Sammers Rolle in München eher langweilt, betrachtete ich ihn in meinem nächtlichen Informationsbeschaffungstweet, lange vor El Pibes Dreitrainertweet übrigens, der Einfachheit halber als gesetzt:

Rangnick und Sammer waren nicht die einzigen, die mir eingefallen waren. Zu denjenigen, die ich noch am ehesten unter “Erfolgsgeschichte” einordnen würde, zählte Wolf Werner, dessen Leistungen als Trainer möglicherweise nicht allerorten als “gut” charakterisiert würden, der aber immerhin gut genug war, in der ersten Liga zu arbeiten, oder Helmut Schulte, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er auch als Sportdirektor in der Bundesliga wirkte. In gewisser Weise natürlich auch Felix Magath, während zum Beispiel Otmar Hitzfelds Episode als Sportdirektor bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterließ, oder ganz sicher keinen positiven.

Die Timeline reagierte rasch und nannte unter anderem Werner und Schulte, scherzend auch Magath, zudem Dutt, ohne dass ich die Ernsthaftigkeit jenes Tweets einzuordnen wüsste. Hitzfeld wurde nicht genannt, dafür aber ein paar, die ich nicht auf dem Zettel hatte:

Tobi war nicht der einzige, der Völler nannte, und auch wenn er es dem Anschein nach nicht uneingeschränkt ernst meinte, muss man wohl über Völler nachdenken. Und kann, wie ich, zu dem Schluss kommen, dass seine Trainerstationen (Roma!) abseits der Nationalelf (ja, ja, Teamchef) nicht für eine Bewertung genügen und dass seine Tätigkeit in Leverkusen nur schwer einzuschätzen ist. Will sagen: für mich ist er nach wie vor in erster Linie Mittelstürmer.

 

Aus formalen Gründen nicht wählbar, sag ich mal.

 

Sehr interessanter Gedanke, an Udo Lattek hatte ich überhaupt nicht gedacht. Und kann seine Tätigkeit dort nicht seriös einschätzen; die Symbiose mit Daum war zweifellos eine erfolgreiche, sein Pullover eine schöne Idee. Vermutlich gehört er auf die Liste.

 

Ganz ehrlich: ich kann seine Arbeit in Minsk und Taschkent nicht einmal ansatzweise beurteilen. Und die als Trainer auch nicht.

 

Abseits der genannten oder zitierten Namensvorschläge kamen auch noch vereinzelt weitere Rückmeldungen, zum Beispiel diese hier:

Eben! Wollte ich entgegnen, genau darum ging es mir: dass die bisherige Erfahrung mit Trainern eben nicht zwingend zu dem Schluss führe, sich auf der Suche nach einem Sportdirektor bei den Trainern umzusehen.

Oder andersherum: wer sich bei den führenden Sportdirektoren umsieht, wird darunter nicht allzu viele ehemals große Trainer finden. Gewiss, Klaus Allofs war mal ein paar Monate lang Trainer bei der Fortuna, hat dabei meines Wissens aber keine allzu großen Fußspuren hinterlassen.

Max Eberl und Christian Heidel waren ebenso wenig als Trainer tätig wie Stefan Reuter, Michael Zorc, Jörg Schmadtke, Dirk Dufner, Alexander Rosen oder Michael Preetz, wir können das gerne fortführen, und ja, “führende Sportdirektoren” ist ein verdammt schwammiger Begriff.

Möglicherweise ist es einfach so, wie Herr @bimbeshausen sagt: Gute Trainer bleiben Trainer.

Glaubt mir keiner, dass er als erklärter Rangnickjünger sowas sagen würde. Ja, ich weiß, da steht “oft”. Aber es scheint was dran zu sein.

Zur Frage nach der Kontrollgruppe: Hitzfeld, vielleicht, nicht im Sinne von “schlecht”, aber eventuell im Sinne von “nicht seine Welt”, auch Veh, wie bereits gesagt. Volker Finkes Arbeit in Köln betrachte ich nicht als sonderlich erfolgreich, Ähnliches gilt für den kurzzeitig doppelbelasteten Markus Babbel in Hoffenheim, bei dem man gewiss auch die Trainerqualitätsfrage stellen kann.

Gute Trainer bleiben Trainer. Gefällt mir.

Immerhin: dass gute Trainer auch gute Sportdirektoren werden können, ist nicht auszuschließen. Und dass Robin Dutt bis dato mindestens phasenweise ein guter Trainer war, nicht von der Hand zu weisen.

Ansonsten gilt weiterhin: ich weiß es nicht.

 

Bleierne Todesser, die ihr Lachen verkauft hatten

[Inhaltlich irrelevante Nach- und Vorbemerkung: Ich hätte in der Überschrift, wie weiter unten im Text gehandhabt, beim Begriff “Death Eater” bleiben sollen, anstatt mich auf die akustische Erinnerung an einen Fernsehabend zu verlassen: zunächst stand hier Totesser, die oder der URL spricht noch Bände.]

Samstag, 17 Uhr 30, so ungefähr. Die Cannstatter Kurve leerte sich ganz allmählich, das Gemurmel auf den Treppenabgängen ertönte komplett in Dur, an der einen oder anderen Ecke wurden Gesänge angestimmt, die weder Beleidigungen noch Fäkalien enthielten, auch keine Forderungen nach der Freisetzung einzelner Führungskräfte, sondern zuallererst Freude zum Ausdruck brachten, vielleicht auch ein wenig Genugtuung, gepaart mit übermütigen Einschätzungen zur Rückkehr des VfB. Schön.

Und so ungewohnt. Wäre ich poetisch veranlagt, spräche ich wohl von einem bleiernen Mantel, der sich seit geraumer Zeit über das Neckarstadion gelegt und alle Freude erstickt zu haben schien, und der nun, nach einem biederen 1:0 gegen Hannover 96, wie weggeblasen war.

Ja, um einen solchen Mantel wegzublasen, bedarf es eines sehr starken Atems oder eines besonders schiefen Bildes. Und vor allem einer Reihe von Faktoren, die über das reine Ergebnis hinausgehen. Wobei bereits der Umstand, dass es gelang, eine Führung zu verteidigen, beziehungsweise dass es möglich war, eine Schlussphase ohne Gegentreffer zu überstehen, obwohl man sich große Mühe gegeben hatte, ihn doch noch einzustecken, einem Meilenstein gleichkam.

Man hatte gesehen, dass der VfB in der Lage war, gegen einen Gast, der die Ankündigung seines Sportdirektors, mit einem Punkt zufrieden zu sein, mit viel Leben füllte, dennoch alle drei Punkte einzubehalten. Dies war, abseits aller taktischen Winkelzüge, nicht zuletzt einer insgesamt zupackenderen Leistung als in den Heimspielen zuvor geschuldet, und einer augenscheinlichen Entschlossenheit, das Spiel gewinnen zu wollen, die eine ihrer Symbolfiguren in Filip Kostic fand.

Vermutlich taugt auch Thorsten Kirschbaum zur Symbolfigur, wiewohl der von ihm ersetzte Sven Ulreich eher nicht im Ruch steht, nicht entschlossen genug um die Punkte gekämpft zu haben. Gewiss, die Formulierung „nicht entschlossen genug“ mag nach dem Dortmunder Ausgleich vom vergangenen Mittwoch an der einen oder anderen Stelle gefallen sein und zählte noch zu den wohlmeinenderen, aber das ist wohl eher eine kleine ironische Wendung des Schicksals.

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Ulreich bei einer Hereingabe schlecht aussah, und diesmal hatte die Situation nicht nur besonders unglücklich ausgesehen, sondern sich auch als besonders folgenreich erwiesen: sowohl für die Mannschaft als auch für ihn selbst, der bereits in den Wochen zuvor vom Trainer angezählt worden war, von der gemeinsamen Historie nicht zu reden.

Ich mache keinen Hehl daraus – alles andere ließe sich auch niemandem vermitteln, der oder die hier annähernd regelmäßig mitliest und meine Vorbehalte gegen Sven Ulreich kennt –, dass ich Vehs Entscheidung begrüßt habe, ohne aber genau zu wissen, was wir von Kirschbaum zu erwarten haben, über die Eindrücke aus einer Handvoll Spielen hinaus. Heute sind wir schlauer, wenigstens ein bisschen: der Neue hat solide gespielt, kurz vor Schluss eine Matchwinnerparade gezeigt, die, da habe ich keine Zweifel, auch Ulreich hinbekommen hätte, und er stand weiter vorn.

Was ganz gut in das Argumentationsmuster von Typen wie mir passt, die Ulreich fußballerische Schwächen ankreiden, die auch nach Jahren noch nicht ausgemerzt sind, begleitet von Defiziten in Sachen Gedankenschnelligkeit und Entscheidungsfindung, die uns immer wieder kollektiv aufstöhnen lassen, wenn die Möglichkeit, das Spiel von hinten heraus schnell zu machen, ungenutzt bleibt und wir uns fragen, was Ulreich eigentlich in den zwei Jahren gemacht hat, in denen er Jens Lehmann aus nächster Nähe studieren durfte.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: auch Kirschbaum tat das am Samstag nicht. Was in diesem Fall schlichtweg daran lag, dass sich nur selten (nie?) überhaupt die Option auftat, gegnerische Angriffe abzufangen und eine schnelle eigene Offensivaktion einzuleiten. Es fiel lediglich auf, dass er in der Regel, so redeten wir uns das zumindest ein, etwa 10-15 Meter weiter im Feld stand als Ulreich, aktiver am Spiel teilnehmen zu wollen schien, aber wie gesagt: es passte halt auch ganz gut in unser Narrativ.

Was indes nicht ganz so gut passte, oder eben doch, je nachdem, wie man gestrickt ist: die Einstiegsfrage des Kurzinterviews mit Sven Ulreich, das im Stadionheft zum Spiel veröffentlicht wurde:

„Hallo Ulle, der Saisonstart ist nicht nach Wunsch verlaufen. An welchen Hebeln ist nun anzusetzen?“

Faust. Auge. Realsatire?

Als recht hübsche Realsatire empfand ich auch den Moment, als sich ein Stuttgarter beim Einwurf nicht sonderlich beeilte und sich der Gast darüber empörte. Jener Gast, der seit Mitte der ersten Halbzeit jede Gelegenheit genutzt zu haben schien, sich etwas länger auf den Boden zu legen und die Uhr herunterlaufen zu lassen, und der nun seine Strategie ein bisschen ändern musste. Ich gebe zu: ich schmunzelte, lachte gar. Ob das schon unter Häme läuft, die ich sonst so gerne kritisiere? Vielleicht.

Vielleicht war’s aber auch nur ein großer Selbstbetrug. Vielleicht lachte ich schlichtweg hysterisch, weil mich die Fahrlässigkeit entsetzte, mit der der VfB den Gast ins Spiel kommen ließ, der zuvor in überzeugender Art und Weise die Basisstrategie gegen den VfB verfolgt hatte: Räume eng machen, gut verschieben, den Stuttgartern den Ball überlassen und zusehen, wie sie scheitern. Irgendwann die eigenen Räume nutzen, in Führung gehen, gewinnen.

Ich weiß nicht, wie bewusst die VfB-Spieler dazu übergingen, einen Schritt weiter zurückzuweichen, etwas weniger Mut zu zeigen, das Heft des Handelns weitgehend aus der Hand zu geben. Eine gute Idee war es auf jeden Fall nicht. Um nicht falsch verstanden zu werden: auch in der ersten Halbzeit hatte der VfB kein Feuerwerk abgebrannt.

Immerhin hatte ich aber den Eindruck, dass die Kurz- und Querpässe, derer man sich mangels größerer Lücken in der Hannoveraner Defensive behalf, einige Zeit lang schneller, druckvoller, entschlossener gespielt wurden als zuletzt und so den Gast stärker forderten. Der Mut, in die gelegentlich entstehenden kleinen Lücken zu stoßen, war dabei noch nicht sonderlich ausgeprägt, aber das mag auch viel mit dem nicht so sehr vorhandenen Selbstvertrauen zu tun haben.

Weiter oben hatte ich von mehreren Faktoren gesprochen, die dazu führten, dass man gegen Hannover nicht nur drei Punkte holte, sondern dass vor allem auch eine ganz andere Stimmung im und später um das Stadion herum herrschte. Nicht mehr so, als sei der gesamte Neckarpark von Death Eaters heimgesucht worden. Nun möchte ich keineswegs behaupten, Fredi Bobic sei irgendwann auf die schiefe Bahn und die falsche Seite geraten, praktiziere dunkle Magie und habe nur willfährige Genossen um sich versammelt, oder höchstens zum Teil.

Dass aber der unter der Woche vollzogene Schritt zur befreiten Stimmung auf den Rängen beitrug, dürfte auch von jenen, die nicht nur den Stil, sondern auch die Trennung an sich für kritikwürdig halten, nur schwer verneint werden können. Ganz wesentlich beitrug, wenn man mich früge.

„I don’t want anyone to lose their job“, so oder ähnlich sagt es Barry Glendenning, ich zitierte ihn gelegentlich in anderem Kontext, regelmäßig bei „Football weekly“, und ich sehe mich in aller Regel nicken. Grundsätzlich gilt das auch für Fredi Bobic. Dennoch brachte die Cannstatter Kurve (genauer: das dortige Commando) mein Empfinden ganz gut auf den Punkt: „Fredi, es war Zeit zu geh’n!“, ergänzt um den Dank für seine Verdienste und seine Treue. Passt.

Gerne würde ich mich an dieser Stelle Armin Veh anschließen, der am Mittwoch seine Zuversicht zum Ausdruck brachte, dass Bobic gewiss seinen Weg als Manager machen werde; allein: ich glaube es nicht. Ich glaube noch nicht einmal, dass man mit Bobic, wie Veh ebenfalls sagte, die vier Punkte aus den letzten beiden Spielen geholt hätte. Vielleicht will ich es auch nur nicht glauben.

Dass man sich die Trennung von Bobic anders hätte vorstellen können, steht außer Frage. Früher, vielleicht, nach dem Klassenerhalt zum Beispiel, oder auch später, einen Tag, und auf jeden Fall so, dass man all jenen, die mangelnden Stil unterstellten, nicht ebenso zähneknirschend wie überzeugt zustimmen hätte müssen. Ob die Entlassung letztlich telefonisch erfolgt ist oder doch erst im persönlichen Gespräch, weiß ich nicht, und auch nicht, ob der Unterschied im vorliegenden Fall letztlich doch nur eine Marginalie wäre. Peinlich ist es allemal.

In den ersten Tagen nach der Entlassung hatte ich den Stil kritisiert, grundsätzlich aber gelobt, dass die Vereinsführung getroffene Entscheidungen auch dann konsequent umsetzt, wenn der Zeitpunkt ungewöhnlich oder gar falsch erscheint. Der Begriff “Überzeugungstäter“ war in meinem Kopf herumgeschwirrt, wie möglicherweise auch in dem von Armin Veh.

Da mittlerweile jedoch relativ klar scheint, dass die handelnden Personen de facto von mindestens einem ganz besonders wichtig(tuend)en Menschen zu diesem raschen Schritt gedrängt wurden, der sein Wissen nicht für sich behalten konnte oder wollte, bin ich, abseits der inhaltlichen Entscheidung, in erster Linie verärgert. Ich möchte weiterhin über die kommunikativen Auswüchse der Aufsichtsräte anderer Vereine lachen können, ohne ständig an den Balken im eigenen Auge zu denken.

Und nun, wie geht es weiter? Mir gefällt, dass Bernd Wahler an Ralf Rangnick denkt. Aber ich mag es ja auch, wenn er von der Champions League redet, irgendwie. Illusionen machen das Leben rosarot.

Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass wir uns derzeit auf dem Sportdirektorenmarkt in einer Situation befinden, wie wir sie jahrzehntelang bei den Trainern erlebt haben: bloß nicht außerhalb des Karussells denken! Vielleicht liegt das auch nur an mir, der ich keine Ahnung vom Sportdirektorengeschäft und –markt habe. Allein: den anderen TeilnehmerInnen an der öffentlichen Diskussion scheint es ganz ähnlich zu gehen.

Ich habe keine Ahnung, wer es könnte, und vor allem: wer es gut könnte. Natürlich ist der Name Rangnick attraktiv. War er Ende der Neunziger übrigens auch, wir erinnern uns. Ich weiß noch nicht einmal, wer es nicht könnte. Vielleicht wäre Jens Todt ja ein guter, auch wenn ich es a priori nicht glaube. Oder Bruno Hübner, frisurunabhängig. Vielleicht wartet Christian Heidel ja nur auf die Gelegenheit, sich außerhalb von Mainz zu beweisen, wer weiß? (Ich habe eine Vermutung.)

Und womöglich wäre eine Doppelspitze aus Guido Buchwald und Thomas Berthold das Nonplusultra, beraten von Uwe und Hansi Müller. Auch hier habe ich eine Vermutung. Letztlich aber keine Ahnung vom Sportdirektorengeschäft. Hoffentlich hat sie Herr Wahler. Oder die Menschen, mit denen er sich berät.

Gewonnen!

Mein erster Französischlehrer war ein guter. Er liebte diese Sprache, und eben das vermittelte er uns jeden Tag. Genauer: denjenigen, die dafür empfänglich waren. Den anderen gab er freundlicherweise die Gelegenheit, sich nicht zu sehr in die Materie vertiefen zu müssen, aber den einen, also denjenigen, die sich von seiner Freude an der französischen Sprache anstecken ließen, darunter, man mag es geahnt haben, auch ich, vermittelte er einen großen Schatz an landeskulturellem Wissen und sprachlichen Feinheiten.

So manches ist im Lauf der Jahre leider verschütt gegangen, und doch empfinde ich auch heute, da meine Kommunikations- und Konversationsfähigkeit eine ganze Menge Rost angesetzt hat, eine große Nähe zum Französischen, zu seinem Klang, seinen Eigenheiten, auch seinem Vokabular, und nicht selten fallen im Hause Kamke französische Begriffe, die wir nicht in erster Linie deshalb verwenden, weil die Kinder sie nicht verstehen, wiewohl auch das gelegentlich der Fall ist, sondern weil wir sie einfach für passend halten. Woraus man natürlich, so man möchte, Rückschlüsse auf unseren Umgang mit der deutschen Sprache ziehen kann.

Wenn man das Haus Kamke noch einmal verlässt und statt seiner die staatliche Bildungseinrichtung aufsucht, an der besagter Herr lehrte, vielleicht auch ein paar Unterrichtsstunden Paroli ziehen lässt, so fällt der eine oder andere wiederkehrende Aspekt auf, möglicherweise könnte man von Steckenpferden sprechen.

Neben Dorschangeln vom Boot und an den Küsten der jahrzehntelang gepflegten Städtepartnerschaft, inklusive Lobpreisung Adenauers und de Gaulles, neben Lobgesängen auf das Chanson und das Schicksal Reinhard Meys, der, verkürzt, nach Frankreich habe ausweichen müssen, um in Deutschland angemessen gewürdigt zu werden, also neben diesen eher landeskundlichen Unterrichtsinhalten, wurde auch einer Reihe rein sprachlicher Aspekte besondere Aufmerksamkeit und eine er-, eventuell auch überhöhte Unterrichtspräsenz zuteil.

Exemplarisch sei auf die Verben obtenir und recevoir verwiesen, gerne auch in Verbindung mit toucher, sie wissen schon: obtenir une bourse (ein Stipendium bekommen), recevoir un cadeau (ein Geschenk bekommen) und toucher de l’argent (Geld bekommen).

Ok, vermutlich würde man im Deutschen nicht in jedem Fall “bekommen” verwenden, aber Sie verstehen, was ich meine, nicht wahr? Mal ganz vom Geld abgesehen, erhält man manchmal Dinge, die man sich erarbeitet hat, und manchmal eben auch solche, für die man im Grunde nichts kann, und dafür gibt es unterschiedliche Verben. Zumindest behauptete das mein Lehrer, und wer wäre ich, daran zu zweifeln?

Am Samstag dachte ich wieder einmal an obtenir und recevoir. Als der man für den VfB den Klassenerhalt schaffte. Sicherlich, die Mannschaft hatte hart dafür gearbeitet; gleichwohl war und ist mein Gefühl ein recht eindeutiges: reçu. Ein Geschenk. Des Himmels, Eintracht Braunschweigs, des HSV, des 1. FC Nürnberg.

Ist “Geschenk” zu negativ, klingt es so, als habe man nichts dafür getan? Ok, ich revidiere: ein Losgewinn. So fühlt es sich an. Als habe man einen Euro bezahlt und damit das große Los gezogen. Ok, ich bessere noch einmal nach: ein paar Fehlgriffe waren auch dabei, aber wen schert das schon noch, wenn man den Hauptgewinn zieht?

Natürlich ist es nicht nur ein bisschen deprimierend, als VfB-Fan nach dem erreichten Klassenerhalt von einem Hauptgewinn zu sprechen, aber seien wir ehrlich:

Es ist schlichtweg eine extrem glückliche Fügung, dass sich drei Mannschaften gefunden haben, die noch weniger Punkte zu sammeln imstande waren, und es ist alles andere als eine Überraschung, dass auch am vorletzten Spieltag, in einer Saisonphase also, in der wir gerne mal völlig verrückte Ergebnisse erleben und kommentieren dürfen, weil Abstiegskandidaten plötzlich verborgene Qualitäten auspacken und auf den Platz bringen, dass also auch an diesem vorletzten Spieltag die vier schlechtesten Mannschaften ihre jeweiligen Heimspiele verloren haben, und so scheint es nicht sonderlich abwegig, dass am Saisonende 27 Punkte genügen könnten, um die Relegation zu erreichen, womöglich also in der Liga zu bleiben. 27 aus 34. Wahnsinn.

Bleibt also die Frage, was der VfB aus diesem gewonnenen, nein, doch: geschenkten Bundesligajahr macht. Und ich möchte sie mir im Moment gar nicht so recht stellen. Hiesige Qualitätsmedien rufen nach einer objektiven Analyse und raschem Handeln, nicht zuletzt personell, und keineswegs auf die Spieler beschränkt; und so fragt sich der interessierte Zuschauer, wie es denn wohl aussehen mag, wenn sich Fredi Bobic wie angekündigt am von ihm zusammengestellten Kader messen lässt. Nach dem Spiel ließ zumindest er selbst schon einmal durchblicken, dass er wenig davon hält, beim Wort genommen zu werden. Bernd Wahler sollte das anders sehen.

Dass Bobic den Hut nehmen muss, kann ich mir nicht vorstellen. Zu klar scheint im Moment, von außen betrachtet, dass er in die Beantwortung der Trainerfrage für die kommende Saison in gewichtiger Weise eingebunden ist, was eingedenk seines kolportierten Bemühens, wenige Spieltage vor Schluss Krassimir Balakov zu installieren, über den einen oder anderen in seiner Grundaussage negativen Superlativ nachdenken lässt.

Wo wir gerade bei Dingen sind, die ich mir nicht vorstellen kann: Thomas Tuchel nach Stuttgart? Ralf Rangnick nach Stuttgart? Mir fallen derzeit nicht viele Gründe ein, weshalb sie das tun sollten. Oder anders: die Gestaltungsspielräume, die man ihnen einräumen müsste, aber das ist nur ein Vermutung, wären immens und dürften eine deutliche Veränderung der Vereinspolitik erfordern. Mit der ich, um nicht, missverstanden zu werden, durchaus umgehen könnte. Vermutlich könnte ich auch mit Armin Vehs Cannstatter Comeback umgehen. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich ihn aber lieber als ewigen Meistertrainer in Erinnerung behalten.

So wie ich Cacau als Schützen eines verrückten Siegtores in einem verrückten Spiel in Bielefeld in Erinnerung behalten werde. Und Hitzlsperger als Verwerter von Pardos Eckball, Sie wissen schon. Schön, dass er am Samstag im Stadion gefeiert wurde, und ja, ich wäre auch lieber der Meinung, das nicht betonen zu müssen. Traoré wird mir nicht zuletzt wegen seiner letzten halben Halbserie in Erinnerung bleiben, und für den rechten Vorlagenfuß, den er in dieser Phase entdeckt hat. Tja, und Boka? Es ist bezeichnend, dass ich erst einmal eine ganze Weile brauchen werde, um bei seinem Namen nicht dauerhaft unmittelbar an das Wolfsburg-Spiel zu denken. Irgendwann werden sich diese Haken wieder in den Vordergrund schieben, die für mein bloßes Auge zu schnell waren. Hoffe ich.

Ob ich mich bereits mit Erinnerungen an Huub Stevens beschäftigen muss, werden die nächsten Tage zeigen, vermute ich. In jedem Fall ziehe ich den Hut vor der Leistung, die er in den vergangenen Wochen erbracht hat. Und habe, mich selbst revidierend, nichts daran zu kritisieren, wenn er als eine mögliche Option für die Trainerposition in der kommenden Saison gilt, die es nun anhand eines gewissenhaft erarbeiteten und objektivierbaren Kriterienkataloges zu bewerten gilt. Oder so ähnlich.

 

Prinzipien und Pragmatismus

Zu den Verhaltensweisen, die mich im Stadion stets irritieren, zählt das kompromisslose Ausleben von Abneigungen, gerne auch situationsunabhängig. Es war mir stets ein Rätsel, was einen dazu bringt, Gesänge gegen den Karlsruher SC anzustimmen, während dieser sich im Mittelfeld der dritten Liga tummelt, der VfB aber gerade ein Bundesligaspiel bestreitet. Und es verwundert mich seit Jahren, dass zahlreiche Zuschauer jedes Gegentor des FC Bayern lautstark bejubeln, auch dann, wenn die Münchner in der Tabelle etwa 25 Punkte vom VfB trennen, deren Gegner indes nur deren vier. Weil’s halt die Bayern sind, da geht’s ums Prinzip. Ja, sagte ich schon, wiederholt, beides.

Letzteres scheint sich nun zu ändern. Der Jubel, den jedes einzelne Tor des FC Bayern am Samstag auslöste, die Geschwindigkeit, mit der sich die Kunde von den Treffern verbreitete, obschon sie nicht offiziell angezeigt wurden, ließ aufhorchen. “Oh, wie ist das schön” wurde ganz pragmatisch an der einen oder anderen Stelle angestimmt, “Niemals zweite Liga”, dieser unangenehm nach unten gewandte Ruf, machte nach der Entscheidung in Hamburg ebenfalls die Runde, und kurzzeitig wurde mein Nachbar etwas nervös, weil er, so ich ihn recht verstanden habe, versäumt hatte, sich im Vorfeld noch einmal den Text von “Stern des Südens” anzusehen. Fiel dann aber der Aktualität zum Opfer aus, bis zum samstäglichen Dank an den Gewinnbringer wird er gewiss nacharbeiten.

 

Einzelfallinduzierter Paradigmenwechsel

Um das Abwehrverhalten von Fußballspielern grundlegend zu verändern, bedarf es häufig bahnbrechender Einschnitte. Regeländerungen, zum Beispiel, von der Rückpassregel über “gleiche Höhe ist kein Abseits” bis hin zu passivem Abseits, unnatürlichen Handbewegungen und vergrößerten Körperflächen.

Vermutlich handelt es sich bei den genannten Beispielen zum Teil gar nicht um Regel-, sondern nur um Auslegungsänderungen, möglicherweise sind diese auch gar nicht so bahnbrechend, wie der Verfasser der geneigten Leserschaft suggerieren möchte, aber zum einen versteht das außer Collinas Erben ja eh keiner so genau, und zum anderen lasse ich mir meine Legendenbildung nicht von einer vergrößerten Körperfläche nehmen. Taktische Paradigmenwechsel funktionieren übrigens auch, wie wir seit dem erhellenden Viererkettenreferat eines Zweitligatrainers im altehrwürdigen Sportstudio wissen.

Manchmal genügt allerdings auch eine einzige Szene, um Generationen von Fußballspielern in ihrem Abwehrverhalten nachhaltig zu beeinflussen. So wie Rivelinos Freistoß.

Zugegeben: er hat einige geschossen und dabei gewiss nicht selten getroffen. Letztlich wissen wir aber alle, so wir ein gewisses Alter, elterliche Fußballbücher oder einen anderweitigen Zugang zur Fußballhistorie haben, dass es um jenen einen gehen muss, dem Croy kaum mehr als eine hilflose Gewichtsverlagerung entgegenzusetzen hatte, oder, wie Harry Valérien in seinem 74er WM-Buch schrieb:

“Ein verblüffender, raffinierter Freistoßtrick. Ein brasilianischer Spieler stellte sich in die Mauer der DDR und ließ sich zu Boden fallen; durch diese Lücke schoß Rivelino den Ball ins Tor. Reaktionslos schaut DDR-Torwart Croy dem Ball nach.”

 

Möglicherweise war Rivelino gar nicht der erste. Ich kann es zumindest nicht ausschließen. Aber Sie wissen ja: zu viel Detailwissen schadet unter Umständen der Legendenbildung. Beziehungsweise meinen Theorien zum Abwehrverhalten.

Jeder, der auf einem Fußballplatz und ganz konkret in einer Mauer steht, oder auch jede, weiß – der Legende zufolge – seit jenem Tag im Sommer 1974, dass ein Angreifer, der sich in die Mauer stellt, nicht ad hoc die Seiten gewechselt hat, sondern dass er die Abwehr irritieren oder bedrängen und im Idealfall die Lücke für den Schuss reißen möchte.

Und jeder einzelne dieser genannten Menschen, die im genannten Kontext in der Mauer standen, angefangen in der Kreisliga, ach was, in der D-Jugend, spätestens, weiß seit dem 26. Juni 1974, dass er sich gefälligst hinter den scheinbar Fahnenflüchtigen zu stellen oder ihn, noch besser, ganz aus der Mauer zu entfernen hat.

Dass die Chance, auf einen zielgenauen Freistoßschützen zu treffen, in der Kreisliga B tendenziell gering ist, mag sein. Dennoch kann man sicher sein, dass sich im Erfolgsfall mindestens ein Kübel Häme über denjenigen ergießen würde, der die Lückenbildung nicht verhindert hat, gerne verbunden mit dem Hinweis, dass man das ja schon in der C-Jugend lerne.

Ein Anfängerfehler, wenn man so will. Ein Fehler also, der ganz gut in das Bild passt, das der VfB Stuttgart in den letzten Wochen vermittelte: irgendeiner ist immer für einen stümperhaften Lapsus gut, lässt sich als letzter Mann per Bauerntrick übertölpeln, verweigert die Deckungsarbeit bei einer Standardsituation, läuft orientierungslos aus seinem Tor heraus, man möge die Reihe gerne fortsetzen.

Nun also ein bauernschlauer Freistoß. Der noch nicht einmal so geplant war, wie der Schütze wohl einräumte, aber es hilft ja nichts. Und mir fällt es fast schwer, die allseitigen Bekundungen, der neue Trainer habe mehr Stabilität in die Defensive gebracht, nicht herzhaft auszulachen. Stichwort C-Jugend.

Ok, stimmt schon: das war defensiv besser. Wer konnte auch damit rechnen, dass man plötzlich mit einem Linksverteidiger antreten würde, der sich seiner dereinst nicht nur angedeuteten Fähigkeiten erinnert? Ohne weiter auf einzelne Spieler eingehen zu wollen, steht auf der Eben-nicht-Habenseite zu verbuchen, dass man die Bremer in der B-Note ausstach und so gewisse Hoffnungen schürte, die dann zwar jäh auf eine C-Jugend-Mauer prallten, grundsätzlich aber bestehen bleiben. Auch wenn ich ohne weitere Umschweife einräume, dass ich zunehmend dazu übergehe, mir einzureden, dass andere, tiefere Ligen auch schöne Spiele haben. Der Erfolg dieser autosuggestiven Bemühungen ist gegenwärtig noch überschaubar.

Zu den sehr wenigen Dingen, die mich bei einem Fußballspiel de facto überhaupt nicht interessieren, zählt der Sitzplatz des Sportdirektors. Es sei denn, er hat das Zeug zum Politikum. Dann ist es zwar immer noch nur ein Politikum und kein Sport, aber wenigstens irgendwie relevant. Fredi Bobics Umzug auf die Tribüne hat insofern das Zeug zum Politikum, als seine Beteuerungen, der besseren Sicht wegen den Platz zu wechseln, für meinen Geschmack einen Tick zu laut zu hören waren. Die Frage, ob es nicht doch der Trainer gewesen sein könnte, der eine gewisse Präferenz geäußert hat, erscheint nicht gänzlich unpassend.

Und der Schelm, der bei der einen oder anderen Sache Böses denkt, fragt sich dann auch gleich noch, was er davon halten soll, dass, während Bobic die Elfmeterproblematik mit dem brüsken Hinweis auf Ibisevics anstehende Rückkehr beiseite wischt, der Trainer erst einmal sehen will, ob Ibisevic nach fünf Wochen Pause für einen Startelfeinsatz bereit sei.

Immerhin wissen wir nun, in wessen Entscheidungsbereich die Mannschaftsaufstellung fällt, wenn es am Sonntag gegen den HSV geht. Und ich Kindergeburtstag feiere.

Nichts hat sich geändert hier!

Als Kind des Bodensees hat man, speziell dann, wenn immobiliäre Eigentumsverhältnisse der Vereinfachung halber außen vor bleiben, per definitionem nah am Wasser gebaut. Ich bin da keine Ausnahme. Gleichzeitig vermute ich, dass die Wassernähe am Samstag im Hamburger Volkspark gar nicht sonderlich groß sein musste, um bei der Verlesung der HSV-Aufstellung (“Mit der [egal welche Nummer]: Hermann …” – “RIEGER!”)  ihrer metaphorischen Bedeutung gerecht zu werden.

Kurz: es war bewegend, und es war tränenreich, auch für einen Nicht-HSV-Fan, dessen Bezug zu Rieger sich darauf beschränkte, dass er, Rieger, ihn, den Nicht-HSVer, also mich, spätestens seit den frühen 80ern irgendwie begleitete, seitdem irgendwann mal irgendwo eine Notiz über den beliebten Bayern in Hamburg zu lesen gewesen war.

Im Lauf der Jahre schien seine Bedeutung, auch aus der Ferne betrachtet, immer weiter zu wachsen, wurde er gar mit dem zweifelhaften Attribut “Kult-” versehen, und erst vor ein paar Wochen frug ich mich, zufallsgetrieben, welche Mitglieder des medizinischen oder auch des sonstigen Betreuungsteams eines Bundesligisten bundesweit derart große Bekanntheit, weithin auch Beliebtheit, erlangt hätten. Abgesehen vom Münchner Arzt, der Rieger in Sachen Bekanntheit überragt, der aber auch außerhalb seines Vereins für den DFB tätig war und ist, fiel mir keiner ein. Na ja, egal.

Die Stimmung war bemerkenswert. Andächtig und sichtlich betroffen legten Hamburger Fans vor dem Spiel Blumen vor Uwes Fuß ab (bestimmt auch andernorts; ich nahm es eben dort wahr), sie zündeten Kerzen an, drapierten Trikots und Fahnen, um Riegers zu gedenken, und nicht wenige Dortmunder gesellten sich zu ihnen, wie auch schon während der Woche immer wieder Fußballfans verschiedenster Couleur per Twitter und sonst wo ihre Anteilnahme und ihre Wertschätzung zum Ausdruck gebracht hatten. Auch das hat mich ein bisschen angefasst, und das Bild, der Begriff von der Fußballfamilie, der so gerne mal in unsäglichen Kontexten bemüht wird, ging mir mehr als einmal durch den Kopf.

Hut ab, Ihr HSV-Fans, das habt Ihr gut gemacht! Ich weiß es zu schätzen, dass ich dabei sein und auch was hochhalten durfte.

Dass ich dabei war, hat zunächst einmal private Gründe, die mich am Wochenende nach Hamburg verschlugen, und ist dann natürlich der lieben Frau @astiae zu verdanken, die mich bedenkenlos neben Herrn @maik216 stehen ließ, einem sehr angenehmen Nebensteher, übrigens, den ich gerne weiterempfehle, und ehrlich gesagt bin ich ganz guter Dinge, das Vertrauen gerechtfertigt zu haben:

Ich stand, wenn auch aus egoistischen, fußballinteressierten Gründen, verlässlich mit auf, wenn die HSV-Fans dazu aufgefordert wurden, setzte mich dann, wider meine Natur, wieder hin, um niemandem die Sicht zu nehmen, und klatschte, wenn ein Tor fiel. Dass dies nur zugunsten des HSV geschah, war meiner sportlichen Zufriedenheit ab-, meinem sonstigen Wohlbefinden möglicherweise zuträglich.

Und so kann sich die Bilanz des HSV in meinem Beisein in dieser Saison leider wahrlich sehen lassen: zwei Spiele, sechs Punkte. 7:0 Tore. Und zwei Freistoßtore von Çalhanoğlu. Und schon vom ersten hatte ich so sehr geschwärmt.

Dabei hatte es am Samstag anfangs gar nicht mal schlecht ausgesehen:

“NICHTS hat sich geändert hier!”

So zumindest  lautete die deutliche Ansage eines Herrn schräg vor mir, die Stimme erregt, das Idiom norddeutsch – hanseatisch, wage ich zu sagen –, als ein Hamburger Spieler einem anderen Hamburger Spieler nicht die notwendige Hilfe zukommen ließ, der Ball den Besitzer wechselte und bereits nahezu zwanzich Minuten gespielt waren. Da war er also schon verpufft, der Neue-Besen-Effekt, und dieser Slomka ist ja auch nur ein Fink mit weniger eng sitzenden Hosen, ein van Marwijk mit Pulli statt Schal, ein Cardoso mit Vertrach, Sie wissen schon.

All das sagte er natürlich nicht, also all das letzte. Das erste schon, und die Ungeduld, die in seiner Stimme lag, die ich, wenn schon nicht als Verzweiflung, so doch als Ausdruck großer Sorge interpretiert hätte, oder vielleicht auch nur als Lust am Nörgeln, wer weiß das schon, sie schien nicht einmal völlig unbegründet: der HSV hatte den Gästen aus Dortmund zunächst das Spiel überlassen, was diese gern annahmen. Ohne allerdings so recht zu wissen, was sie damit anfangen sollten. Offensichtlich hatten sie die rechte Hamburger Abwehrseite als Schwachstelle ausgemacht – ob das dem ursprünglich aufgestellten Dennis Diekmeier oder dem nachgerückten Heiko Westermann geschuldet war, sei dahingestellt –, hatten aber mit Großkreutz und Schmelzer keine linke Seite, die ernsthaft in der Lage gewesen wäre, Taten folgen zu lassen.

Überhaupt, Großkreutz: der soll gefälligst rechts hinten spielen, da brauchen “wir” ihn bei der WM schließlich auch. Denken Sie mal an die Nationalelf, Herr Klopp, Mann!

Ob Aubameyang rechts vorne in der Lage gewesen wäre, Jansen in Verlegenheit zu bringen, wollte der BVB gar nicht erst herausfinden, was, um der Wahrheit die Ehre zu geben, zumindest zum Teil auch am HSV-Mittelfeld gelegen haben mag, das die Antwort lieber auch nicht in Erfahrung bringen wollte und entsprechend beherzt zu Werke ging. Dass Nuri Sahin damit so gar nicht zurechtkam, hätte ich nicht erwartet. Kein Zufall, dass er das entscheidende 2:0 begünstigte, als er im Zweikampf den Kürzeren zog.

Vom titelgebenden Vordermann hörte man dann doch nicht mehr so viel. Hatte sich ja auch einiges geändert. Ob das nun doch noch der besagte Neue-Besen-Effekt war, wird sich zeigen; ich persönlich fühle mich indes leider bestätigt, dass die Entscheidung des HSV für Mirko Slomka (oder war’s andersrum?) dem VfB sehr weh tun könnte. Und damit meine ich nicht, dass Slomka vom Markt ist, auch wenn ich mich mit ihm schon verschiedentlich hätte anfreunden können, sondern vielmehr, dass er einen unmittelbaren Konkurrenten, so meine Überzeugung, aus der Abstiegszone führen wird.

Ob indes der Trainermarkt für den VfB von Belang ist, werden vermutlich die nächsten Tage zeigen. Die Spekulationen schießen schon einmal ins Kraut, neben den perspektivischen Lösungen Rangnick und Tuchel, die gedanklich etwa so fern liegen wie dereinst Daum in Köln, wurde auch schon Holger Stanislawski ins Spiel gebracht, der bei mir seit einigen Jahren unten durch ist, aber das will ja keiner wissen.

Ich selbst bin keineswegs so weit, mir die Ablösung von Thomas Schneider zu wünschen, was jedoch nicht nur mangels Einfluss nichts zu sagen hat, sondern auch, weil ich nur äußerst selten die Ablösung eines Trainers für die beste Lösung halte oder gar, meiner Hybris gehorchend, fordere. Wenn man von den letzten beiden hiesigen Übungsleitern und dem sich daraus ergebenden Trendverdacht absieht. Vom jüngsten Spiel habe ich zudem so gut wie nichts gesehen, genau genommen also von den jüngsten beiden, und so kann ich aus recht widersprüchlichen schriftlichen Medienberichten zum Auftreten der Mannschaft gegen die Hertha nicht ableiten, ob denn nun alles gut wird oder doch eher den Bach hinab geht.

Nun denn, ich lasse es auf mich zukommen. Ein bisschen Sorge bereitet mir allerdings jenes Bild im Kopf, das ich nicht mehr recht loswerde und das Fredi Bobic in gemütlicher Runde mit ein paar Kumpels um einen Kneipentisch herum sitzen sieht, ungefähr so, wie ich mit meinen Fußballfreunden mittwochs um einen Kneipentisch herum sitze, und in dem besagter Bobic mit besagten Kumpels, just wie besagter Kamke mit besagten Fußballfreunden, willkürlich ein paar Trainernamen in die Runde wirft. Irgendwann zieht dann ein besonders gut vorbereiteter Mitstreiter ein Mobiltelefon mit Transfermarkt-App aus der Tasche, um dem Ganzen das nötige Maß an Seriosität zu verleihen. Bis letztlich Erich Ribbeck aus dem Sack gezogen wird. Oder, was weiß ich, Trond Sollied, der hier schließlich mal ein ganz heißes Eisen war.

Team Schneider.

Ach, auf eines möchte ich doch noch hinweisen: wann immer ich den HSV in dieser Saison live sah, siegte die Heimmannschaft überzeugend. Am 22. März ist es wieder so weit.
Im Neckarstadion.