Vorrundenlieblinge, kursorisch

Joe Harts Trikot
Als ich mich frug, wen oder was der Designer des Trikots, das der englische Torhüter im Auftaktspiel gegen Frankreich trug, im Kopf gehabt haben mag, dachte ich kurz drei Optionen an:

  • Tim Wiese
  • Tetris
  • Lucy in the Sky with Diamonds

Weiter bin ich noch nicht.

Leider ließ Hart das Trikot im zweiten und dritten Gruppenspiel im Schrank, um in dezentem Rot aufzulaufen. Die Gründe sind mir nicht bekannt, Ideen hätte ich.

Mehmet Scholl
Meine Sichtweise seiner Dekubitusvorlesung ist hinlänglich kommuniziert, was nichts daran ändert, dass es in der Regel großen Spaß macht, ihm zuzuhören. Und zuzusehen, wie er Reinhold Beckmann mit einem knappen Satz deutlich macht, was er mitunter von dessen superlativischen Thesen hält. Nicht immer inhaltlich, so glaube ich, sondern einfach der Größe des Fasses wegen, das Beckmann aufmachen will. So z.B. als Beckmann Wayne Rooneys Sprungkraft mit markigen Worten kritisieren wollte und Scholl nonchalant feststellte, dass (sinngemäß) “wir beide, Reinhold, im Rückwärtslaufen auch nicht so wahnsinnig hoch springen würden.”

Die Uefa
80.000 Euro Strafe für den kroatischen Verband wegen rassistischer Vergehen. 100.000 Euro Strafe für Nicklas Bendtner wegen Eingreifens in die Werbeeinnahmenhoheit der Uefa ungebührlichen Verhaltens. So kann man seinen Prioritäten auch zur Transparenz verhelfen.

Philippe Mexès
Es ist bestimmt völlig ungerecht, und wahrscheinlich hängt es in allererster Linie mit einer gewissen Ähnlichkeit mit einem Bekannten aus Jugendtagen zusammen. Zweifellos ist es völlig unsachlich, und ganz gewiss auch ungehörig. Unsportlich sowieso. Philippe Mexes wirkt auf mich immer wie ein von Alkohol und anderen Drogen über viele Jahre hinweg aufgedunsener junger Mann im Körper eines wesentlich älteren Mannes. Er ist mir noch nicht einmal unsympathisch im engeren Sinn, er wirkt einfach nur furchtbar … ungesund. Wie hieß nochmal der Film mit Mickey Rourke über einen alternden Sportler?

Usedom
Nicht der ideale Ort für eine EM in Polen und der Ukraine, ganz gewiss nicht. Und doch: An Usedom liegt es nicht, liebes ZDF.

Wasserwalzen
Man hört von einem Unwetter, einer Spielunterbrechung, bei einem großan internationalen Fußballturnier, und denkt an, genau, Walzen. Jene Walzen, mit denen die Stadionarbeiter 1974 versuchten, den Platz im Frankfurter Waldstadion bespielbar zu machen (Dürfte ein EM- oder WM-Stadion heute noch Waldstadion heißen oder müsste man den Wald überkleben? Oder gar abmontieren?). In Donezk funktionierte das in beeindruckender und völlig anderer Weise. Wird an meiner nostalgischen Ader liegen, dass ich zwischendurch von Walzen träumte.

Waldi
Nach Fußballspielen laufe ich mitunter Gefahr, vor dem Fernsehr zu versumpfen, in der nicht selten irrigen Hoffnung, doch noch eine fundierte Analyse zu sehen oder zu hören. Waldis Club hilft mir, dieses Problems Herr zu werden. Und wenn ich doch kurz dort hängen bleibe, stelle ich fest, dass Herr Knop als Herr Knop bei weitem nicht derjenige ist, der am wenigsten vom Fußball versteht.

Blonder Engel
Nein, ich will nicht schon wieder der EM 80 gedenken, als dem blonden Engel (m) noch nicht vom blonden Engel (w) der Weg gewiesen wurde (zumindest noch nicht so offensichtlich, so genau weiß ich das nicht). Ich will überhaupt nicht gedenken, streng genommen, sondern nur danken. Herrn Zumblondenengel, @freval, der in seinem wunderbaren Blog die EM so herrlich weit weg vom Punkt auf den Punkt kommentiert. Und der die Kippe im französischen Mundwinkel thematisiert, ohne die Begriffe Gauloises, Gitanes oder Gainsbourg zu verwenden. Auch dafür gebührt ihm Dank und Anerkennung. Mir indes nicht, wie man sieht.

Lieber Herr Beckmann,

heute war es wieder einmal so weit: Meine Möglichkeiten, mich über die Bundesliga zu informieren, beschränkten sich auf die Sportschau, und ich hab da leider was nicht so ganz verstanden. Nur eine Kleinigkeit, aber irgendwie nagt sie. Nun, wie es der Zufall will, hatten Sie in der heutigen Sendung eine exponierte Rolle inne, und vielleicht können Sie mir ein wenig helfen?

War ja eigentlich eine ganz gute Sendung, finde ich, wenn man mal von der penetranten Werbung für die Sportschau am Dienstag und Mittwoch absieht. Die Spitzenmannschaften haben alles dafür getan, dass man den Mittwochshype aufrecht erhalten kann, Herrn Klopps Flaschenabfüllzitat konnte man wunderbar einbauen, auch zu den anderen Spielen gab’s die eine oder andere nette Randgeschichte, und der VfB hat gewonnen.

Oh, Verzeihung, letzteres war für Sie vermutlich gar nicht so wichtig wie für mich. Mir hat’s gefallen, auch wenn ich lieber vor Ort dabei gewesen wäre. Gerade jenes 2:1 hätte ich gerne live gesehen, man ist ja nicht so oft dabei, wenn ein Tor des Monats fällt. Ok, war nicht ganz so ernst gemeint.

Nein, falsch, ernst meine ich das schon, es ist bloß nicht realistisch – schließlich habe ich ja die Auswahl für das Tor des Monats März gesehen. Nette Fernschüsse, die da zur Wahl stehen. Und ein technisch sehr sauberes Tor von Marcus Berg, das vermutlich abgeschlagen enden wird, wegen zu großer Nähe zum Tor. Ja ja, ich weiß, die Zuschauer haben die Tore der Woche gewählt, da können Sie nichts für. Und dafür, dass ein Lehrbuchtor wie das von Ibisevic eingeleitete und abgeschlossene vermutlich gar nicht erst zur Wochenwahl steht, schätzungsweise auch nicht.

Entschuldigung, ich sollte zum Punkt kommen, denn natürlich bezieht sich mein Hilfsersuchen nicht auf das Tor des Monats und ihren möglichen Einfluss auf dessen Auswahl. Vielmehr möchte ich kurz auf Ihre Ausführungen zu Christian Streich zu sprechen kommen. Christian Streich, Sie wissen schon, der unkonventionelle Freiburger Trainer, der so anders ist als all die anderen, voll authentisch und so. Ganz ehrlich: ich mag den auch. Ist ne schöne Geschichte, wie er sich nicht so ernst nimmt, und wie er sich zum Umgang der Leverkusener Zuschauer mit Robin Dutt geäußert hat, ist wahrlich aller Ehren wert. Und diese Emotionalität – großartig. Dass ihm die auch noch irgendwann auf die Füße fallen kann: geschenkt.

Was ich aber wirklich nicht so ganz verstanden habe, lieber Herr Beckmann, ist Ihr Ansatz, Herrn Streich von anderen Trainern abzugrenzen. Leider hatte ich nicht die Gelegenheit, die Sendung nochmals anzusehen, aber wenn ich mich nicht sehr irre, stellten Sie ihn als Gegenentwurf zu all den “selbst ernannten Konzepttrainern” dar. Und damit wären wir an der Stelle, wo ich Ihnen dankbar wäre, wenn Sie mir einmal kurz auf die Sprünge helfen könnten. Mir sind die nämlich dummerweise gar nicht so recht geläufig, diese selbst ernannten Konzepttrainer. Womit ich nicht ausschließen will, dass sich Uwe Rapolder oder, was weiß ich, Mario Basler, mal so bezeichnet haben, oder dass Thomas Tuchel im einen oder anderen Interview von seinem Konzept sprach, oder wieder ein anderer davon, dass ein Gegentor seine Mannschaft aus dem Konzept gebracht habe.

Aber “selbst ernannte Konzepttrainer”, ernsthaft, Herr Beckmann? Noch dazu mit einem, so glaube ich, nicht nur eingebildeten spöttischen Unterton? Irgendwie fällt es mir ein bisschen schwer, das nachzuvollziehen. Das Lustige ist nämlich, vielleicht sollte ich das an dieser Stelle erwähnen, dass ich bisher immer der Meinung war, der Begriff Konzepttrainer sei eher journalistisch geprägt, entstamme vielleicht sogar der Steffen-Simon-Schule für irgendwo aufgeschnappte und für schlau befundene moderne Fußballsprache, und darüber hinaus hatte ich den Eindruck, jeder halbwegs vernünftige Trainer, dem dieses Etikett angeheftet wurde, habe sich bereits irgendwann einmal mit dem Hinweis zitieren lassen, dass selbstverständlich jeder seiner Kollegen ein Konzept habe und verfolge. Zurecht, wie ich meine.

Und irgendwie fällt es mir schwer, mir vorzustellen, dass Fußballlehrer durch die Lande ziehen und sich zu Konzepttrainern ernennen. Aber Sie, lieber Herr Beckmann, bewegen sich quasi permanent, professionell und sicherlich auch behände in diesem Metier. Daher wäre ich Ihnen überaus verbunden, wenn Sie die Freundlichkeit besäßen, mich eines Besseren zu belehren. Oder aber in der nächsten Sendung entschuldigend darauf hinzuweisen, dass Sie einer zu billigen Pointe nicht widerstehen konnten.

Mit sportlichem Gruß
heinzkamke

 

 

"Mein Name ist Grafite."

Nein, ich habe keine Identitätskrise. Auch meinem gestrigen Nebensitzer würde ich eine solche nicht unterstellen. Dennoch hat er den Satz “Mein Name ist Grafite” während des Bundesliga-Eröffnungsspiels gefühlte geschätzte hundertmal gesagt (wann immer Steffen Simon “Grafiiitsch” sagte, um genau zu sein). Damit zitierte er, wenn auch nicht ganz korrekt, besagten Grafite aus dem Sportstudio vom 22. März (ab ca., 4:50, bis ca. Grace Kelly), als dieser nach einigem hin und her – im Sinne von “jede Aussprache ist ok”, “mir egal”,… – doch einräumte, dass die korrekte Aussprache “G r a f i t e” sei – was natürlich für den ambitionierten Sportkommentator vergleichsweise langweilig ist und deshalb gerne mal ignoriert werden darf.

Oder es ist Kalkül. Je häufiger mein Nebensitzer, und mit ihm zahlreiche andere Zuschauer im ganzen Land, “Mein Name ist Grafite” sagen, desto weniger haben diese Menschen Gelegenheit, sich darüber zu ärgern, bzw. überhaupt wahrzunehmen, dass Steffen Simon zunächst fragwürdige Situationen selbst in der Wiederholung falsch einschätzt, dass er sich als Fanboy von Grafite, Dzeko und Lehmann geriert, dass er die dummen Zuschauer mit neuen taktischen Begrifflichkeiten, gerne aus dem Englischen entlehnt (“one touch football”), zu beeindrucken sucht. (Ergänzungen in den Kommentaren sind willkommen.)

Wenn jetzt jemand meint, ich projiziere meinen Ärger über das verlorene Spiel des VfB auf Steffen Simon, so hat er sicher teilweise recht. Teilweise deshalb, weil ein ähnlich großer Teil meiner Verärgerung dem zur Pause hinzugestoßenen Mitzuschauer gilt, der einen schwäbischen Bruddler in Perfektion gab: natürlich ist er VfB-Fan, klar, aber das ist ja wirklich schrecklich, was die Stuttgarter da spielen, und der Hleb hat ja alles verlernt, und wie sollen die je den Gomez ersetzen (ob letzterer in der Vorsaison auch so gut wegkam, sei dahingestellt), und wie wir Armen das ertragen, zu jedem Heimspiel und manchmal auch noch auswärts ins Stadion zu gehen, und “das wurde jetzt aber auch Zeit, dass die ein Gegentor kassieren”, die lassen die Wolfsburger ja machen, was sie wollen.

Genug.

Gestern startete die Bundesliga in die neue Saison. Ich habe mich riesig darauf gefreut, war nervös, als hätte ich selbst eine tragende Rolle inne, fieberte stundenlang auf 20.30 Uhr hin und strich wie ein Tiger im Käfig um den Fernseher herum – um dann, rechtzeitig zum vermeintlichen Spielbeginn, zunächst einer (Adjektiv nach Belieben einsetzen) Folkloredarbeitung beizuwohnen zuzusehen, ehe einige Legenden der Bundesligageschichte den Blick ganz langsam wieder auf das Wesentliche lenken sollten.

Was dann nicht zuletzt deshalb sehr gut gelang, weil der Meister aus Wolfsburg und der VfB von Beginn an zeigten, dass auch sie darauf hingefiebert hatten, endlich wieder um Punkte zu spielen. Es machte enormen Spaß, den beiden Mannschaften zuzusehen, und natürlich war es aus Stuttgarter Sicht eine besondere Freude, beide Neuzugänge, Aliaksandr Hleb und Pavel Pogrebnyak, von Beginn an auf dem Platz zu sehen. Erwartungsgemäß war dabei Pogrebnyak der aktivere, fittere, der viel lief und den Mittelfeldspielern gute Optionen anbot. Zwei sehr schöne Aktionen hatte er im Zusammenspiel mit Gebhart und Khedira, ein-, zweimal kam er auch selbst zum Abschluss, und deutete insgesamt an, dass er, wenn die Abstimmung mit den Mitspielern stimmt (ganz offensichtlich klappt die Kommunikation mit Cacau noch nicht optimal), ein ganz wichtiger Baustein der Mannschaft sein kann, will sagen: der von Markus Babbel erhoffte “target player” – ein Begriff übrigens, der von Steffen Simon allzu stiefmütterlich behandelt wurde.

Hleb war naturgemäß noch nicht der, den sich die Fans wünschen, und vielleicht wird er der auch nie sein. Der, den sich die Fans wünschen, scheint mir nämlich noch immer der Hleb zu sein, der vor vier Jahren den VfB verließ: ein Spieler, der sich hinter der Mittellinie in halblinker Position anspielen lässt und von dort in Serie zu begeisternden Soli aufbricht, die nicht selten zumindest in Tornähe enden, entweder mit einem eigenen Abschluss oder, häufiger, dem Zuspiel auf einen Mitspieler. Ich glaube nicht, dass er dieser Spieler noch ist, und ich glaube auch nicht, dass er der sein sollte. Ohne jeden Zweifel hat er unter Arsène Wenger einen anderen Stil erlernt, der ihn in ganz anderer Art undWeise in das Spiel der Mannschaft einbindet, der auf schnellem Passspiel basiert und der ihm erlauben sollte, seine individuellen Stärken, sowohl Einzelaktionen als auch die Fähigkeit, seine Mitspieler in Szene zu setzen, dosierter und letztlich effektiver einzusetzen. Die Schussstärke, die ihm in der ARD angedichtet wurde (in dem Fall, wenn ich mich recht erinnere, nicht von Steffen Simon, sondern von Reinhold Beckmann), würde ich indes nicht zu seinen herausragenden Fähigkeiten zählen.

Sami Khedira spielte offensiver als weithin erwartet, sodass das Mittelfeld mitunter einer Raute recht nahe kam. Er war sehr aktiv, hatte viele Ballkontakte und gute Szenen, spielte aber auch für seine Verhältnisse viele Fehlpässe. Dieses Problem zog sich durch die gesamte Mannschaft – wofür man am ersten Spieltag eine gewisse Milde aufbringen kann – und trübte ein wenig den guten Gesamteindruck. So bei Christian Träsch, der defensiv erneut zu überzeugen wusste, der ein Vorbild an Motivation, Einsatz und Courage war, der aber auch einige verheerende Abspielfehler produzierte, die glücklicherweise folgenlos blieben. Dass er nun einige Wochen auszufallen scheint, ist bitter – ganz besonders für ihn, aber auch für die Mannschaft, weil die Stabilität in der Hintermannschaft sicher noch nicht so ist, wie man sie sich erhoffen würde. Selbst Tasci, als absoluter Trumpf in der Defensive eingeplant, wird sich das 2:0 noch einige Male sehr zerknirscht anschauen müssen.

Alles in allem zeigte der VfB einen guten Saisonbeginn, verlor letztlich aber verdient gegen eine hervorragend eingespielte und sehr gut besetzte Mannschaft aus Wolfsburg. Jens Lehmann, dessen Leistungsstärke kürzlich im Sportblogger-Podcast ein wenig angezweifelt worden war, versetzte den Kommentator in Ekstase beeindruckte mit großartigen Reaktionen und ebensolchem Stellungsspiel, und Timo Gebhart setzte ein paar schön Duftmarken, denen zufolge die gegnerischen Hintermannschaften diese Saison auf den Außenbahnen möglicherweise recht flink sein müssen, um gegen Hleb und Gebhart zu bestehen. Hoffe ich zumindest.

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Zum Schluss noch zwei kurze Bemerkungen, nachem ich Hoffenheim-Bayern gesehen habe: zum einen hat man wieder einmal gesehen, dass ein guter Schiedsrichter einem Spiel eben auch gut tut. Dr. Felix Brych war gestern einer, Babak Rafati heute eher nicht – und damit beziehe ich mich nicht einmal auf das nicht gegebene Tor, so etwas wird immer wieder vorkommen. Aber insgesamt war Brych einfach souveräner und konnte es sich auch erlauben, das Spiel laufen zu lassen. Rafati hingegen übersah deutliche Fouls, während er an anderen Stellen übertrieben kleinlich agierte. Rafati eben.

Auch die zweite Bemerkung bezieht sich auf die Schiedsrichter, ist aber genau genommen eine Frage: Gibt es eine Anweisung des DFB, die Nachspielzeiten zu verkürzen? Heute war es meines Wissens eine Minute, gestern gar keine – wenn man sieht, dass alleine Träsch gefühlte fünf Minuten (realistisch betrachtet werden es knapp zwei gewesen sein) behandelt wurde, steht das schon im Widerspruch zu den letztjährigen drei Standardminuten pro Halbzeit. Bereits beim DFB-Pokalspiel in Düsseldorf hatte dogfood zu Wochenbeginn mehrfach Ähnliches festgestellt.