Dr große Graba

Tja. Hätte Arianit Ferati in der 69. Minute das Tor getroffen, dann hätten nach dem Abpfiff wohl die anderen triumphiert. Also jene, die wie ich große Stücke auf den Fußball halten, den Alexander Zorniger spielen lässt, und die sich eindrucksvoll bestätigt gesehen hätten von einer aus der Not geborenen Mannschaft, die in Leverkusen sehr ansehnlichen, vielleicht auch begeisternden – ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, mein Bild ruckelte oft und war ziemlich körnig – Sport gezeigt und den Gegner waidwund geschossenspielt hatten.

Dass Ferati die Sache nicht zu Ende gebracht hat, kann man niemandem leichter verzeihen als dem jungen Kerl. Kann vermutlich auch der Trainer, der Ferati meines Erachtens keineswegs, wie vereinzelt zu hören war, abgestraft und ihm die Höchststrafe verpasst hat, indem er ihn eine halbe Stunde nach seiner Einwechslung wieder auswechselte.

Vielmehr hatte er einen gehörigen Anteil an der besten Phase des VfB, als er wie erhofft das Offensivspiel belebte, und an der zwischenzeitlichen vermeintlich klaren Führung; in einer komplett neuen Spielsituation waren dann wieder ganz andere Qualitäten gefordert, die recht weit entfernt waren von Feratis Kernkompetenzen. Das weiß er, das wissen wir, und das hätte sich der Trainer meinetwegen schon einen Tick früher denken können. So wie Huub Stevens in Paderborn, mit Maxim in der Ferati-Rolle. Die Älteren werden sich erinnern.

Zurück auf Los. Hätte hätte Fahrradkette. Ferati traf nicht, das Schicksal nahm seinen Lauf, insbesondere in Person von Karim Bellarabi, und der VfB hatte ihm nichts entgegenzusetzen. Nicht Przemysław Tytoń, der ihm nicht einmal den linken Fuß entgegenhalten konnte, auch kein Feldspieler, und auch nicht der Trainer. Und so konnten also die anderen “Seht Ihr!” sagen.

Jene, die gerne wieder einmal einen Trainer zum Teufel oder auch nur nach Mutlangen schicken würden, mindestens, vielleicht gleich noch einen Sportvorstand dazu, ein Präsident wäre auch noch in der Verlosung, und unter dem Brennglas sogenannter sozialer Medien konnte ich mich nach Spielende des Eindrucks nicht erwehren, dass manch eine(r) eine gewisse Freude am Rechthaben verspürte. Ob er oder sie nun recht hat oder nicht.

Das macht keinen Spaß. In dieser Klarheit habe ich die Frontenbildung innerhalb der Anhängerschaft selten erlebt. Und es ist ja nicht so, dass der VfB in den vergangenen Jahren nicht bereits das eine oder andere Beziehungsdrama zwischen Trainer und Anhängerschaft erlebt hätte, in verschiedensten Facetten. Aber stets, so zumindest mein Eindruck, verschoben sich die Gewichte nach und nach, ausgehend von einem gewissen Grundvertrauen und auf Basis mehr oder weniger ausgeprägter Anfangserfolge, zu Ungunsten des Trainers, ehe schließlich die Waage kippte und der Daumen nach unten ging.

Heuer ist das anders. Die mehr oder weniger ausgeprägten Anfangserfolge stellten sich gar nicht erst ein, zumindest nicht, als es zählte; gleichzeitig waren es nicht zuletzt die brotlosen Duftmarken im Vorfeld, die zu einer raschen Zweiteilung der Anhänger führte: pro oder contra Zorniger, mitunter im Verbund mit Herrn Dutt. Gerne genommen dann auch das ganz große Rad, was angesichts der angesprochenen Entwicklungen vergangener Jahre nicht verwundert. Gleichzeitig kann man sich fragen, ob die Personalie Zorniger damit nicht ein bisschen überladen wird – wohl wissend, dass daran wiederum Robin Dutt seinen Anteil hat.

Die Positionen waren also früh eingenommen und haben sich zwischenzeitlich vielerorts verfestigt. In meinem Kopf hat sich das Bild vom großen Graben breitgemacht, dabei habe ich keine Ahnung von Asterix. Ich selbst bekannte mich schon vor Wochen zu einem gewissen Trotz, der seither eher nicht geringer geworden sein dürfte, und möglicherweise ist das Bild auf der, Verzeihung, Gegenseite ein recht ähnliches.

Und so wird derjenige, der Herrn Zorniger lieber gestern als heute gekündigt sähe, ebenso wenig gelten lassen, dass die Mannschaft gestern über weite Strecken einen ganz hervorragenden Eindruck hinterlassen hat und an bitteren Fehlern gescheitert ist, individuell wie kollektiv, wie ich geneigt bin, von meiner Überzeugung, dass der VfB zornigerscher Prägung, mit all seinen Defiziten, die Kurve bekommen und uns noch viel Freude machen werde, abzugehen.

Gewiss, der eine oder die andere mag nun gekippt sein, so wie im gegenteiligen Fall der Vertrauensvorschuss für den Trainer bei manchem Fan vermutlich wieder knapp in den positiven Bereich gerutscht wäre, aber insgesamt wirkt es doch so, als seien die Fronten, man möge mir den Begriff verzeihen, ebenso klar wie verhärtet. Und unvorhersehbar – gestern ertappte ich mich schon bei einem absurden Quervergleich zu Stuttgart 21.

Keine Sorge, mir ist schon klar, dass wir uns da in unterschiedlichen Welten bewegen; die deutlichen Positionierungen, die quer durch das eigene Umfeld a priori nur schwer vorherzusehen sind, brauchen sich indes vor den Diskussionen, die man vor wenigen Jahren auf jeder Party, in jeder Kneipe, bei jedem beruflichen Stelldichein führte, weder in ihrer Entschlossenheit noch in ihrer Verbohrtheit zu verstecken. Selbst in Sachen Omnipräsenz sind wir auf einem “guten” Weg.

Ja, natürlich gibt es auch Grauzonen. Und ja, auch ich nehme für mich in Anspruch, wie für viele andere, ein vernunftbegabtes Wesen zu sein, das seine Position abwägt, hinterfragt und möglicherweise irgendwann, digital betrachtet, ins Gegenteil verkehrt. Selbstverständlich sehe ich die Defizite im Spiel des VfB, oder zumindest jenen Teil, der sich meinem Sachverstand erschließt, natürlich wünsche ich mir manches anders, nicht zuletzt im zählbaren Bereich, und dass ich an Herrn Zornigers Auftreten das eine oder andere auszusetzen haben, habe ich des Öfteren zum Ausdruck gebracht.

Und doch bin ich im Kern erst einmal auf der Seite des Trainers, und ich werde den Teufel tun, diese Position nach einem Spiel, in dem der Beinahe-Absteiger beim Champions-League-Teilnehmer phasenweise groß aufspielt und, davon bin ich überzeugt, nach knapp siebzig Minuten um Zentimeter an einem deutlichen Sieg vorbeizielt, den Stab über diese Mannschaft und ihren Trainer zu brechen.

Ja, ich weiß, genau daran liegt ein Problem: dass es oft so läuft. Dass man nicht mehr von Zufällen und Pech sprechen kann, zumindest nicht ausschließlich, vielleicht nicht einmal primär. Ich habe Verständnis für jeden, bei dem diese Argumente irgendwann überwiegen und der eine Veränderung vorzöge. Eher weniger Verständnis habe ich indes für diejenigen, die den Schuldigen identifiziert und das Urteil gesprochen haben – und für die gegenteilige Meinung wenig bis kein Verständnis aufbringen, aber so ist das wohl manchmal, wenn man es mit Menschen zu tun hat.

Letztlich ist unsere Meinung ja ohnehin irrelevant. Letztlich geht es darum, was die Entscheidungsträger denken, letztlich sind sie es, die den Stab gegebenenfalls brechen, auch wenn ich eben in einem Anflug von Größenwahn anderes andeutete. Und, so ehrlich bin ich gern: das ist auch gut so. Und nein, ich werde mich jetzt nicht an einer Diskussion über die Vereins-Entwicklung (sic!) beteiligen.

So werde ich also auch weiterhin von Spiel zu Spiel denken, die Leistungen der Mannschaft und, eher mittelbar, des Trainers beobachten, meine Meinung hinterfragen. Und wenn dann irgendwann alles gut wird, im Idealfall mit Alexander Zorniger, werde ich mich redlich bemühen, etwaige Triumphposen stecken zu lassen, und jeden VfB-Fan, der mir im Wege steht, umarmen. Ehrlich. Bis dahin, oder bis zum Beweis des Gegenteils, werde ich erst einmal meine Filter optimieren. Und mir vielleicht das nach dem Ingolstadt-Spiel angedachte T-Shirt drucken lassen:

Ari&
Titti&
Mili&
Ruppi.

Fragen Sie nicht. Gerade wegen Ari.

Trotzkopf

Na, Anja Schüte, irgendjemand? Genau, Roland Kaiser. Promi Big Brother, wenn ich recht informiert bin. Zärtliche Cousinen, wie man mir sagte. Und vor allem: der Trotzkopf. Hab ich natürlich nicht gesehen, noch viel weniger als die Cousinen, war dann ja doch eher was für Mädchen. Aber meine Cousine, die fuhr total drauf ab. Wir trafen uns irgendwo, familienmäßig, dürfte ein Sonntag gewesen sein, und sie hat so lange auf ihre Eltern eingewirkt, bis sie tatsächlich nachgaben und mit ihr nach Hause gingen. Trotzkopf halt.

Ich hab’s selbst wirklich nicht gesehen, keine Folge, aber der Titel blieb im Kopf, Anja Schüte auch, und in den vergangenen Tagen dachte ich oft daran. Wegen Alexander Zorniger? Nein, eigentlich nicht. Meinetwegen eher. Je öfter ich las oder hörte, dass sich der VfB auf dem Holzweg befinde, alles ändern müsse, die Stevens-Taktik oder gar Stevens selbst reaktivieren solle, zumindest aber den Trainer, diesen blutigen Anfänger an die Hand nehmen möge, desto entschiedener war meine Überzeugung, auch die mir selbst eingeredete, dass der Weg genau der richtige ist.

Gewiss, der Trainer tritt sehr gewöhnungsbedürftig auf, und ich selbst sagte schon vor Wochen, ach: Monaten, dass ich ihn sein selbstgerechtes Auftreten nicht sonderlich schätze, vorsichtig ausgedrückt. Und dass die von Robin Dutt ausgestrahlte Ruhe nicht in jedem Fall meine Zustimmung findet, ist unbestritten – dass in den Tagen nach der Freigabe von Antonio Rüdiger nicht umgehend der Nachfolger präsentiert wurde, kreide ich ihm an. Was ihm egal sein wird.

Und dennoch: ich glaube an die beiden. Bin überzeugt, dass sie die Kurve bekommen, und mit ihnen die Mannschaft. Neulich frug mich jemand, der sich nicht so intensiv mit dem VfB befasst, ob er es denn hinbekomme, und wenn ja, mit oder ohne Zorniger? „Ja“, antwortete ich, ohne zu zögern, „und ja, mit Zorniger. Sie sollten ihn nur nicht kastrieren“.

Bildhafte Sprache, nicht wahr? Oder gar BILD-hafte? Möglicherweise. Aber ja, ich bin tatsächlich der Überzeugung, dass, wenn man Zornigers Weg weitergeht, etwas Gutes herauskommt. Den Anfang davon werde ich mir in knapp zwei Stunden im Neckarstadion ansehen.

Mag sein, dass mir dieser Text nachher aufs Brot geschmiert wird. Dann habe ich eben Pech gehabt. Und singe weiterhin „Ich bin ein Trotzkopf, Tro-tro-trotrotro-trotzkopf“ – auf die Melodie von „Popstar“, die Älteren werden sich erinnern.

Niederlage am grünen Tisch

Guten Abend. Der Urlaub ist vorbei. Vielleicht erzähle ich demnächst auch noch ein bisschen was darüber, wenn es die Zeit zulässt. Zunächst aber möchte ich ein paar Sätze über Tischkicker verlieren. Der wichtigste vorab: ich bin kein guter. Tischkicker, meine ich. Und diese Selbsteinschätzung enthält nicht einmal einen Hauch von Koketterie.

Früher, als ich noch sehr klein war, gab es bei bei Oma und Opa einen. Tischkicker, meine ich, erneut. Er stand im Schopf, im Schuppen, der längst zum Partyraum meiner noch recht jugendlichen Onkels umfunktioniert worden war, und da es sich um einen Gastronomietisch handelte, finanzierte er wohl so manches Fest. Ich konnte damals kaum auf das Spielfeld sehen, von Anschauungsunterricht kann also keine Rede sein.

Jahre später sollte sich noch einmal eine Episode ereignen, zu deren Hauptakteuren mein Cousin und ich, der eingemottete Tisch und das dort verbliebene Restgeld, ein bisschen Werkzeug sowie ziemlich viele Produkte aus dem Hause Schöller zählten, aber ich erinnere mich nicht so genau, und überhaupt wollte ich ja über heute reden, und das Tischkickerintermezzo mit meiner Tochter, das die Rast auf dem Heimweg aus südlicheren Gefilden ein bisschen in die Länge zog.

Wie ich bereits sagte, sind meine Qualitäten als Tischkicker eher überschaubarer Natur. Weder kann ich behände den Ball innerhalb der Mittelfeldreihe kreisen lassen, noch den Gegner mit verwirrenden Kombinationen der noch immer drei Stürmer zur Verzweiflung bringen, noch ansatzlos, präzise oder auch nur scharf schießen. Meine Verteidiger sind steif und langsam, der Torwart die klassische Bahnschranke – die noch nicht einmal fällt. Dass es im Duell mit meiner fünfjährigen Gegnerin dennoch zum Sieg hätte reichen können, lag lediglich an einer gewissen körperlichen Überlegenheit.

Wie wir so spielten, erinnerte ich mich unwillkürlich an meine eigenen ersten Versuche am Tisch, und insbesondere an den wenige Jahre älteren Onkel, der mir eingebläut hatte, die linke Hand stets beim Torwart zu belassen. Ganz davon abgesehen, dass meine linke Hand wahrlich nicht zu mehr taugt als zu ein paar hektischen Sprints des Hüters entlang der Torraumlinie, erschien mir diese Strategie stets logisch, und ich habe sie bis heute beibehalten.

Und unversehens war ich gedanklich bei Alexander Zorniger angelangt. Von Tischkickern ist der Weg zum Fußball möglicherweise noch ein wenig kürzer als bei anderen Ausgangsthemen, und schätzungsweise hätte es auch eine weniger verwinkelte Überleitung getan, doch wie dem auch immer sei: ich vermute schlichtweg, dass Herr Zorniger einer konservativen Aufstellung mit festem Torwart nur sehr wenig abgewinnen kann. Und vermute weiter, dass er von Verlustängsten reden würde, die zwar verständlich seien, letztlich aber hinderlich.

Vielmehr müsse man den Ball mit den acht offensiven Akteuren jagen, die Verteidiger zustellen, das Mittelfeld erst recht, lange Bälle des Torwarts provozieren, Banden- und in der Folge Fehlpässe erzwingen, um dann auf kurzem Weg und ohne großes Brimborium einzulochen. Allein: ich loche nicht verlässlich genug ein. Auf Rechtsaußen habe ich technische Mängel, links treffe ich das Tor nicht, und aus der Mittelfeldreihe ist der Weg zum Tor dann doch so weit, dass der gegnerische Torwart gelegentlich mal einen Ball hält.

Und so bleibe ich bei meinem klassischen Muster, mit festem Torwart, lasse meine Tochter dann doch mitunter etwas entspannter aufbauen, als ich das idealtypisch vielleicht tun sollte, und wie es der Teufel will, dreht ihre Sturmreihe nach einem angeschnittenen Bandenpass frei, der Rechtsaußen schlägt ein Luftloch, und sein bisher nicht als abschlussstark aufgefallenes linkes Pendant vollendet.

Sie ahnen, was passiert: ich spiele weiterhin gar nicht so schlecht, kombiniere nicht nur für meine Verhältnisse, sondern auch ganz objektiv sehr passabel, erziele auch ganz hübsche Tore, ohne aber den Sieg rechnerisch zu sichern. Dann fällt eines meiner Männchen aus, ein anderes wird eher notdürftig ersetzt, und mit dem Mut zur Vorwärtsverteidigung ist es dann so eine Sache. Selbst gegen eine Fünfjährige.

Irgendwann macht dann ihr abgeblättertes Männchen mit der rostigen Feder den vorletzten Ball rein, nachdem ich meine Verteidigungsreihe wieder mal viel zu schnell und unüberlegt in Position fliegen ließ. Und über den letzten Ball sollte ich wohl den Mantel des Schweigens hüllen. Eigentlich.

Gewiss, man kann sich fragen, ob das so in Ordnung ist, wenn sie meine Sturmreihe in der Entstehung einfach festhält, aber seien wir ehrlich: zum einen hätte die ohnehin nichts dran ändern können noch wollen, zum anderen hatte ich noch genügend Männlein hinter dem Ball. Aber keines, das dem Rostmännchen gewachsen gewesen wäre, und erst recht keines, das sich dem improvisierten Mittelangreifer in den Weg gestellt hätte.

Ein bisschen ärgerlich war es schon, der Tochter hernach den überschwänglichen Jubel gönnen zu müssen, aber das ist ein anderes Thema. Wir setzten die Heimfahrt dann schweigend fort, beschleunigten ein bisschen, um vielleicht doch noch rechtzeitig (halb-)heimatliche Gefilde zu erreichen. Rechtzeitig? Sie wissen schon: Bundesliga. Der VfB in Hamburg. Mit besagtem Herrn Zorniger an der Seitenlinie.

Und in der Tat: es gelang. Zudem hatte sich vor Ort eine neue Sky-Kneipe etabliert, nachdem mein letzter Kneipenbesuch in der Gegend eine bittere Gastronomieerfahrung und ein ebensolches Spiel mit sich gebracht hatte: damals, als man Salomon Kalou für die Lösung Berliner Sturmprobleme hielt und als Carlos Gruezo nach einem Kurzeinsatz als Sündenbock herhalten musste.

Fünf Minuten vor dem Anpfiff erreichte ich die neue Kneipe; die Familie, inklusive siegreicher Tochter, war bei der Familie geblieben. Bis auf meinen Sohn. Mit dem ich nun also vor der als Raucherlokal deklarierten Lokalität stand, zu der Kinder keinen Zutritt haben. Retrospektiv könnte man sagen, dass mir das Schicksal genügend Signale gesandt hatte, dass es eine bessere Idee sei, den Rest des Tages essend oder im Bett zu verbringen.

Dummerweise verstand indes mein empathischer Sohn meine emphatischen Blicke und erklärte seinen Verzicht auf das Spiel und die langwierige Suche nach alternativen Bezahlfernsehenslokalitäten. Ich solle ihn doch nach Hause fahren, er werde dann mit seinem Opa (einem HSV-Fan) die Sportschau ansehen.

Und so sah ich das Spiel ab der zehnten Minute, weiß aber leider nicht mehr allzu viel darüber. Außer, dass mir dieser Zorniger-Fußball per se viel Freude bereitet. Ärger auch, klar, aber ich leichtgläubiges Ding bin sehr gewillt, die Schwächen zwar als systemimmanent, nicht aber als nicht beherrschbar zu betrachten. Schließlich habe ich einige meiner bittersten Tischkickerlehrstunden von Menschen erhalten, die konsequent nach vorne gingen.

Allerdings, und das gebe ich unumwunden zu, habe ich große Angst davor, dass Bayer Leverkusen noch einmal sehr viel Geld für Daniel Didavi bieten könnte, das die hiesige sportliche Leitung schwach werden lässt. Zumal mein in den vergangenen Monaten aufgebautes Grundvertrauen in Robin Dutt in der vergangenen Woche einen Dämpfer erhielt: ich war überzeugt, dass er, so man Antonio Rüdiger tatsächlich abgeben sollte, binnen zweier Tage den längst bekannten Nachfolger präsentieren würde. Tja.

Zwischenbescheid

Die Saison läuft. Hier noch nicht, offensichtlich, aber sonst überall. Auf den Trainings- und Testspielplätzen der Republik und der Trainingslagerpauschalanbieter, in Fernsehen, Zeitungen und Gerüchteküchen, mitunter auch in den Blogs, obschon auch dort der eine oder die andere eine sommerliche Brise durchwehen und den Herzensverein einfach mal eine Weile Herzensverein sein ließ. Die wunderbaren Kollegen vom Vertikalpass und von Goldmann saxt focht das nur ein bisschen an – sie zeigten weiterhin Flagge, nur ein kleines bisschen seltener, dafür ein etwas größeres bisschen grundsätzlicher. Schön so.

Hier, also genau hier, herrschte indes beredtes Schweigen, das wohl als Ausweis eines gewissen erarbeiteten Grundvertrauens in Robin Dutt und eines Vertrauensvorschusses für Alexander Zorniger gelten darf. Letzterer scheint sportlich so manches verändern zu wollen, was vielerorts für eine gewisse Unruhe sorgt, so auch bei mir, wo sich Besorgnis und Vorfreude ob der so nicht angekündigten, sondern lediglich von mir so interpretierten Jagd nach dem Ball nicht ganz die Waage halten, will sagen: ja, der Gedanke, die Spielweise und -freude der letzten paar Saisonspiele könnten ein kurzes Intermezzo und Vergnügen gewesen sein, missfällt mir; der Gedanke, Zorniger könnte wissen, was er tut, und würde zudem einen Teufel tun, Filip Kostić‘ Stärken zu ignorieren, ist indes deutlich stärker.

Oder war es zumindest, ehe mit Martin Harnik ein von mir nicht zuletzt abseits des Feldes sehr geschätzter Spieler nach meiner Lesart überraschend deutlich seine Skepsis gegenüber dem neuen System, oder dessen Umsestzbarkeit zum Ausdruck brachte. Was natürlich auch an einer verzerrten medialen Darstellung liegen kann, oder daran, dass Harnik selbst seine Felle davon schwimmen sieht – ich kann das nicht beurteilen, weiß ja nicht, was in den Vorbereitungsspielen so passiert, aber es wäre natürlich denkbar, dass der Trainer im neuen System, wiewohl Harnik als schneller Stürmer gut geeignet scheint, dann doch eher Timo Werner neben Daniel Ginczek sieht. Aber jetzt wird’s hier schon wieder viel zu wild.

Wie ich in den letzten Wochen also so gar nichts andachte, sprang mir zufällig die Sache mit den beiden misslungenen Schalker Medizinchecks ins Auge, die sich dann unversehens in einen 140zeichigen Fünfzeiler gedrängt sahen:

Da waren sie also wieder, diese leidigen fünf Zeilen, die sich in mein Gehirn bohren und mich schubweise nicht in Ruhe lassen, langjährige Mitlesende mögen sich erinnern. Damit mir künftig für solche Fälle ein Ventil zur Verfügung gestellt, habe ich einen Tumblr mit dem ebenso überraschenden wie überraschend freien Namen fuenfzeiler.tumblr.com auf die Beine gestellt und dort ein paar Verse veröffentlicht. Ohne expliziten thematischen Fokus, aber ganz unvorbereitet wird es die Lesende nicht treffen, wenn auch dort gelegentlich von Sport oder gar Fußball die Rede ist.  Vom VfB eher nicht, bis dato, aber auch das mag sich noch ändern.

Kurz zum VfB geäußert habe ich mich indes im Saisonheft der 11 Freunde. Betonung auf kurz, denn wie schon im Vorjahr ist der Raum für die bloggenden Zulieferer deutlich knapper bemessen als in früheren Jahren. Da indes der Fragebogen selbst nach wie vor die alte Länge hat, dokumentiere ich nachfolgend meine Antworten, deren Einordnung möglicherweise durch die Information erleichtert wird, dass zum Zeitpunkt der Beantwortung der Wechsel von Sven Ulreich bereits bekannt war, das Karriereende von Marcell Jansen indes noch nicht, und auch das VfB-Trikot war noch nicht offiziell vorgestellt worden.

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Die neue Saison wird legendär, weil

sie wie immer dazu verdammt ist, die legendärste Bundesligasaison aller Zeiten und Welten zu sein.

Wenn ich an die vergangene Saison denke, dann…

… erinnere ich* mich glücklicherweise nur noch an die letzten paar Spiele – und träume konsequenterweise von Europa 2016.

Wenn ich einen durchgeknallten russischen Milliardär kennenlerne, kaufe ich meinem Klub

… ein bisschen Geduld. Um einen behutsamen Weg in andere Tabellenregionen nicht an kurzfristigen Ambitionen scheitern zu lassen. Ach, und Joshua Kimmich.

Mein schlimmster Albtraum…

wäre am Saisonende, den VfB mal kurz VfB sein lassend, eine aufgeblähte Europameisterschaft, bei der jedes zweite Uefa-Mitglied teilnehmen darf und der Weltmeister zusieht.

Mein Held vergangener Jahre…

heißt, um mal nicht ganz so weit in die Vergangenheit zu blicken, Sami Khedira. Wir durften ihm ein paar Jahre aus der Nähe zusehen, feiern seinen Meisterschaftskopfball noch heute und wussten lange vor Kevin-Prince Boateng, dass er in Südafrika eine wichtige Rolle spielen würde. Es ist kein Zufall – und keine Selbstverständlichkeit –, dass in Stuttgart nach wie vor nur in den höchsten Tönen von ihm gesprochen wird.

Die lustigste Fan-Aktion der vergangenen Saison war

Lustig war gar nicht so en vogue. Aber das ebenso entschlossene wie melodische „Nazis und Idioten“, mit dem mein Stadionnachbar deren Schmähgesang „Schwule und Zigeuner“ kaperte, hat sich einen Platz in meinem Herzen gesichert.

Auf Auswärtsfahrten darf niemals fehlen…

Da ich leider nur sehr selten auswärts fahre, darf bei diesen Spielen vor allem eines nicht fehlen: der Zugang zu einer Fußballkneipe mit Konferenzabneigung und VfB-Sympathie.

Ich gehe nie wieder ins Stadion, wenn …

Quatsch! Ich gehe immer wieder in Fußballstadien. Das könnte, so inkonsequent das auch sein mag, selbst eine konzertierte Aktion aller regelmäßig verdammten Geißeln des heutigen Fußballs nicht verhindern.

Mit einer Klatschpappe kann man prima…

Gibt’s die noch? Vielleicht befinde ich mich in einer privilegierten Situationen, aber ich kann mich nicht erinnern, in der Cannstatter Kurve eine gesehen zu haben.

Mein Verein muss an den DFB Strafe zahlen, weil wir im Stadion

die zulässige Dezibelzahl überschritten haben, oder wie war das? Und vor allem: Wer hätte das vom ach so anspruchsvollen Stuttgarter Publikum gedacht?

Unser aktuelles Trikot ist…

… bis dato noch nicht vorgestellt worden. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es diesmal weiß wird, vielleicht mit einem roten Ring auf der Brust. Möglicherweise auch noch auf dem Rücken.

Wenn Pep Guardiola im nächsten Jahr nicht mindestens vier Titel holt, dann

… steht zu befürchten, dass irgendwo ein Sack Reis umfällt.

Auf diese Schlagzeile warte ich schon seit Jahren…

Ulreich sichert seinem Verein die Europa-League-Qualifikation.

Diesen Fußball-Twitteraccount habe ich immer im Auge…

@collinaserben. Ich bin nicht immer einverstanden, gelegentlich auch dezidiert anderer Meinung, schätze aber den Blickwinkel und dessen Vermittlung. Und bewundere das dicke Fell.

Der nächste Pokal im Trophäenschrank meines Klubs ist…

… selbstverständlich nur eine Frage der Zeit. Dass es allerdings mit dem obligatorischen einen Meistertitel pro Jahrzehnt auch in den 10er Jahren klappt, wage ich noch nicht mit letzter Gewissheit zu behaupten

Fußball gucke ich am liebsten

Ja. Nach wie vor.

Die Erste Liga verlässt nach unten…

Die letzten Jahre hatte ich mich hier auf Peter Gagelmann kapriziert. Aber das Ding ist ja durch. Dann halt etwas seriöser: sorry, Ihr Lilien! Und die Hertha würde mich noch etwas weniger überraschen als die acht bis zehn ähnlich ernsthaften Kandidaten.

Gegner des HSV in der Relegation wird…

Drei Mal sei Hamburger Recht, wollt Ihr sagen? Von mir aus. Solange der VfB mindestens einen Platz vor dem Relegationsrang steht, ist mir völlig egal, ob der HSV absteigt oder nicht. Auch wenn man sich das dort nur schwer vorstellen kann.

Folgender Filmtitel beschreibt meinen Verein perfekt:

Planet der Affen

Wenn ich Trainer wäre, würde ich zuallererst…

… Twitter fragen. #followerpower!

Wenn Aliens auf der Erde landen und ich ihnen Fußball erklären müsste, würde ich sagen…

Hier, Euer Ball. Macht mal, das wird schon.

Die Superkraft meines Vereins ist…

Linksverteidiger zu verpflichten, die eigentlich keine sind. Unerklärlich, dass Marcell Jansen hier noch nicht unter Vertrag war.

Der USA-Franchise-Name meines Klubs wäre…

Wannabe Wild Horses. Ohne Stuttgart im Namen, Arsenal-Style. Und dann die Stuttgartsager auslachen.

Dieses Extra würde unser Stadion perfekt machen:

Jemand, der weiß, wann man lustige Tor- und sonstige Musiken einfach mal weglassen sollte. (“Immer” wäre möglicherweise eine ganz gute Richtschnur.)

 

* Das „ich“ ist ein Nachtrag. Es stand so nicht in meinen Originalantworten. Und so sehr ich mich in der Vergangenheit darüber geärgert habe, dass meine Antworten zum Teil sinnentstellend verändert wurden, so froh wäre ich im vorliegenden Fall über eine redaktionelle Bearbeitung gewesen.

Urlaubsgeblubber

Es ist Sonntag, der 24. Mai, ich sitze in einem Zug der Bayerischen Oberlandbahn und habe gerade ein paar Zeitungen und Onlineportale durchstöbert. Die Stippvisite in der Hauptstadt des Freistaats war lang genug, um den einen oder anderen freudetrunkenen jungen Mann in rotem Trikot und mit gut geölter Stimme am Hauptbahnhof deutlich zu vernehmen, aber auch kurz genug, um die Stadt rechtzeitig vor den angekündigten Feierlichkeiten, über deren vermutete Intensität viel zu viel zu lesen ist, wieder zu verlassen.

Die Twitter-Timeline verlinkt Videos mit Christian Streich, deren Wortlaut ich weitestgehend bereits aus den Zeitungen kenne, und spricht von „Pipi in den Augen“. Es ist eine glückliche Fügung, dass die Netzabdeckung grade ziemlich bescheiden ist und ich nicht in die Verlegenheit kommen kann, im Zug mitzuheulen. Ganz davon abgesehen, dass meine bauliche Nähe zum Wasser nicht zwingend an bestimmte Personen gebunden ist und wohl auch bei mir weniger sympathischen Akteuren zum Ausbruch kommen könnte, geht mir Streichs Traurigkeit sehr nahe.

Ja, ich schätze und bewundere ihn. Manchmal rege ich mich auch über ihn auf, seine Verschwörungstheorien sind so volkstümlich wie ermüdend, seine Schiedsrichterkritik zu offensichtlich von hinten durch die Brust ins Auge, um noch in das gerne vermittelte Bild des sympathischen Underdogs zu passen. Des Vereins, wohlgemerkt, nichts Streichs selbst. Mag sein, dass auch er gelegentlich der Versuchung erliegt, Erwartungen erfüllen zu sollen, noch einmal einen Tick kauziger wirken zu müssen. Oder zu wollen. Von einem vermittelten, vielleicht gar inszenierten Bild zu reden, käme mir bei ihm indes nicht in den Sinn.

Im Gegenteil: ich hege keinerlei Zweifel daran, dass er bei all dem, was er tut, in Interviews, in Presekonferenzen, am Spielfeldrand sowieso, meinetwegen auch in den letzten Spielminuten auf der Tribüne, sehr nah bei sich selbst ist. Er glaubt wirklich, dass sich die bösen Mächte des Fußballs, zu denen eben manchmal auch, zumindest für ein paar Minuten, die Schiedsrichter zählen, hin und wieder gegen seine Buben verschworen haben, und dass es seine ureigene Aufgabe ist, ihnen entgegenzutreten.

Er ist aufrichtig fassungslos, wenn alle nur über den vermeintlich den Wettbewerb verzerrenden Gegner reden, statt über die Leistung seiner Mannschaft. Und ich wage zu vermuten, was ein wenig dem Pathos des Augenblicks geschuldet sein mag, dass ihn die Zweifel an der Integrität seines Gegenüber stärker treffen als die implizite Geringschätzung seiner Arbeit.

Ja, der Freiburger Abstieg hat mich auf dem falschen Fuß erwischt. Ich finde, dass der Sportclub, nicht nur in der Person von Herrn Streich, der Liga gut zu Gesicht steht, und bin einigermaßen perplex, dass sie ihre gute Ausgangslage am letzten Spieltag mit einer allem Anschein nach mittelprächtigen Leistung aus der Hand gegeben haben, zu deren tiefstem Tiefpunkt sich ein geradezu groteskes Eigentor, Verzeihung, aufschwang.

Mir ist schon klar, dass, wer nach 34 Spieltagen auf einem Abstiegsplatz steht, dort auch hingehört, schließlich trage ich diese Überzeugung fast mantraartig vor mir her; doch ich hielt es schlichtweg nicht mehr für denkbar, dass Freiburg dort hingehören könnte. Tja. Es wären bis zuletzt Konstellationen vorstellbar gewesen, die ich weniger bedauert hätte.

Recht hübsch finde ich in diesem Zusammenhang Christoph Kramers Bonmot, wonach sich Glück und Pech im Fußball ausgleichen, nur in Freiburg nicht. Nicht dass ich seine Aussage unterschreiben würde, aber ich finde sie sympathisch. Und es spricht für Herrn Kramer, wie in meinen Augen überhaupt nach wie vor vieles für Herrn Kramer spricht, auch wenn die öffentliche Meinung da heute eine etwas andere sein mag als noch vor einem Jahr, dass er sich als quasi Unbeteiligter so äußert.

Überhaupt finde ich, dass sich der eine oder andere Protagonist am gestrigen Tag in angenehmer Art und Weise geäußert hat. Sei es beispielsweise Michael Frontzeck, nicht unbedingt einer meiner Lieblinge, der behut- und einfühlsam über den Abstieg des Gegners aus Freiburg sprach, oder sei es auch Christian Gentner, der sich in Paderborn angesichts der Konstellation vor Ort in angemessener, reflektierter Zurückhaltung übte. Gewiss: in Paderborn können sie sich weder von dieser Zurückhaltung etwas kaufen noch davon, dass man landauf, landab Sympathien für sie hegt und ihnen – jetzt, da die eigene Mannschaft gerettet ist und nichts mehr geschehen kann – den Klassenerhalt schon irgendwie gegönnt hätte, beispielsweise anstelle des gemeinsamen Tabellennachbarn.

So aber scheint denkbar, dass der SC Paderborn langfristig nur eine nette, sehr lesenswerte Fußnote in der Bundesligachronik bleiben wird, eine hübsche kleine Geschichte eines hübschen kleinen Vereins, der das Pech hat, seine sehr anständigen 31 Punkte in einem Jahr gesammelt zu haben, in dem sie nicht einmal zu Platz 17 reichten, geschweige denn – wie im Jahr zuvor – zum direkten Klassenerhalt.

In jenem Jahr qualifizierte man sich mit 27 Punkten für die Relegation. Heuer sammelte der Hamburger SV sage und schreibe acht Punkte mehr – und darf sie dennoch erneut bestreiten. Und ja, „dürfen“ erscheint mir als das passende Hilfsverb, denn trotz einer letztlich beachtlichen Punktzahl unter dem möglichen Retter Bruno Labbadia sprach vor dem letzten Spieltag außer der bedenklichen Figur, die ihr Gegner zuletzt abgegeben hatte, nicht sonderlich viel für den HSV. Zu viele Akteure mussten andernorts mitspielen, zu präsent war mein Eindruck, dass auch der HSV zuletzt eine bedenkliche Figur abgegeben hatte. Wir werden sehen, wie sie sich nun gegen einen Zweitligisten schlagen, der den aus der letztjährigen Relegation nach meinem Dafürhalten deutlich in den Schatten stellt. Aber nach meinem Dafürhalten konnte Freiburg ja auch nicht mehr absteigen.

Die aufmerksame Leserin wird festgestellt haben, dass zwischenzeitlich ein paar Stunden ins Land gezogen sind. Die Zweitligasaison ist abgeschlossen, Auf- und Absteiger stehen ebenso fest wie die Relegationsteilnehmer. Schön, dass die zweite Liga auch in den nächsten zwölf Monaten in meinem Aufmerksamkeitsspektrum eher am Rande platziert sein wird, möglichst auch ganz am Ende dieser Zeitspanne, wenn sich erste und zweite Liga wieder auf den Austausch von Körperflüssigkeiten zwei oder drei Mannschaften vorbereiten. So gern ich Huub Stevens mag, und so dankbar ich ihm auch bin: ich müsste ihn, dessen neuerlicher Abgang eben kommuniziert wurde, so schnell nicht mehr beim VfB sehen.

Möglicherweise habe ich jetzt irgendwas übersprungen. Genau: Klassenerhalt! 2:1 in Paderborn. Mein üblicher Stadionbegleiter mag die Dinge ein bisschen zugespitzt haben, als er die These vertrat, dass, wer in Paderborn nicht gewinnen könne, in der Bundesliga auch nichts verloren habe. Für den VfB war die Lage indes auf eben diese Formel zu bringen gewesen, cum grano salis. Das verbleibende Salzkorn in Form eines Unentschiedens in Verbindung mit günstigen Entwicklungen auf anderen Plätzen wurde im Verlauf des Spieltags dann tatsächlich weggewischt: nur ein Sieg konnte helfen.

Doch vor den Sieg hatte der Herr oder sonst jemand manche Herausforderung gestellt, in meinem Fall nicht zuletzt die Notwendigkeit, am Pfingstsamstag rechtzeitig vor Spielbeginn die bayerische Provinz zu erreichen und dort eine Möglichkeit ausfindig zu machen, das Spiel zu sehen. Nicht die Konferenz, schon gar nicht das Spiel des Platzhirschen, sondern Paderborn gegen den VfB. In Bayern. In einer Gegend, wo, glaubt man der Weisheit des weltweiten Netzes, in den letzten Jahren zahlreiche Gastronomiebetriebe ihre Sky-Abos aus Kostengründen gekündigt haben. Ob sie de facto weiterbetrieben werden, nur eben ohne Gastrolizenz, vermag ich nicht zu beurteilen. Steht ja nicht im Netz, sowas. Oder nur in Ecken, in denen ich mich nicht auskenne.

Blieb die Frage, ob und wie ich das Spiel sehen würde. Nichts leichter als das, sagte Frederick, komm mit! Und ich folgte ihm. Er führte mich zu seinem Sky-Receiver, sagte „Sky go“ und gab mir seine Zugangsdaten. „Damit Du keine tausend Tode sterben musst, Piggeldy“, erläuterte Frederick, um dann verschwörerisch zu ergänzen: „Sag’s einfach nicht weiter!“ Ich dankte herzlich, ging nicht mit ihm nach Hause, lernte im Schnellverfahren, was Silverlight ist und wie man nicht für das eigene Tablet freigegebene Apps dennoch installiert, fluchte gelegentlich über die Internetverbindung, ohne so recht zu wissen, ob es denn tatsächlich an der Bandbreite liege oder doch eher an Sky go, was ich aber angesichts des geschenkten Gauls so nicht sagen wollte, und war in allererster Linie selig, den Großteil des Spiels sehen zu können, Aussetzer hin, Zeitverzug her, vom frühen Rückstand gar nicht zu reden.

Immerhin: die Sache mit dem frühen Rückstand hatte man im Rahmen des Stevens’schen Masterplans bereits in der Vorwoche geübt, spielte entspannt weiter, mehr oder weniger, und auch Daniel Didavi erfüllte erneut die ihm zugedachte ausgleichende Rolle. Gewiss, von den Herren Harnik und Ginczek hätte man sich einen früheren Führungstreffer vorstellen können, auch vom Kapitän, aber insgesamt war das schon ziemlich in Ordnung. Überzeugt, meines Erachtens, von der eigenen Stärke, und nicht zuletzt deshalb auch so überzeugend wie in den vergangenen Wochen, in denen die Sichtweise, dass sich der VfB im letzten Viertel der Saison zum stärksten, auch spielstärksten, Abstiegskandidaten entwickelt habe, zunehmend Anhänger fand und zuletzt fast als konsensual durchging. Was natürlich alles nichts nützt, wenn der Siegtreffer nicht fällt. Oder man sich, das Ziel vor Augen, mit unvermittelt wackligen Knien doch noch auf die Fresse legt.

Aber da hatte der Herr Ginczek zum Glück was dagegen. Und Herr Maxim, mit einer der effektivsten Stippvisiten, die wir in jüngerer Zeit von einem Ein- und Auswechselspieler gesehen haben: rein, Siegtor aufgelegt, raus. Bisschen abgekotzt, beim Abpfiff aber schon wieder vorne dabei. Guter Mann. Zu gut, vermutlich, um nur Didavis Backup bzw. de facto Ergänzungsspieler zu sein. Was für eine Offensivabteilung, in der Alexandru Maxim und Timo Werner pro Spiel in Summe auf zwanzig Minuten Spielzeit kommen, ohne dass das als Fehlleistung des Trainers anzusehen wäre!

Ja, der VfB und sein Offensivfeuerwerk. Unter Huub Stevens. Schöne Geschichte, nicht wahr? Und mit zwei Jungspunden in der Innenverteidigung, die den alten Schorsch, als es dann drauf ankam, zum Zuschauer machten. Unter Huub Stevens. Schöne Geschichte, nicht wahr? Mit den Herren Ginczek und Kostic in Heldenrollen, zwei Bobic-Verpflichtungen. Schöne Geschichte.

So viele Geschichten, so ein großer Spaß – es ist lange her, dass mir der VfB fußballerisch so viel Freude bereitet hat wie in diesen letzten Wochen, am Ende einer verheerenden Saison, in deren Verlauf es vermutlich eine ganz glückliche Fügung war, dass sich meine Dauerkarte, betriebswirtschaftlich betrachtet, nicht so recht gelohnt hat und ich vieles verpasste. Hätte ich von den ersten 15 Heimspielen 13 gesehen, wer weiß, ob ich mir diese letzten beiden noch angetan hätte, die so viel Spaß machten?

Auf den Spaßtrainer Stevens folgt nun also – ja, der Text reift schon ein Weilchen, die Familie verlangt im Urlaub zu Recht und meiner großen Freude viel Zeit und Aufmerksamkeit, mittlerweile schreiben wir Dienstag, nein, Mittwoch – zu jedermanns Überraschung Alexander Zorniger. Den ich, zugegeben, nicht sonderlich sympathisch finde, aber ich will gerne einräumen, und dies auch Robin Dutt zugestehen, dass meine auf wenigen Interviews beruhenden Eindrücke in dieser Frage nur von untergeordneter Relevanz sind. Zumal ich nicht ausschließen möchte, dass mit jedem gewonnenen Punkt ein gewisser Sympathiegewinn einhergehen könnte. Wir werden sehen.

Und natürlich werden wir auch sehen, ob Robin Dutt, im Verein mit Bernd Wahler, einer nahezu schonungslos vorgetragenen Analyse auch die entsprechenden Taten (vulgo: Ergebnisse) folgen lassen kann. Die großen örtlichen Medien stellen in diesen Tagen bereits ihre Weitsicht unter Beweis und gleichzeitig sicher, dass die potenzielle duttsche Fallhöhe in allen Köpfen ankommt. Pflichtbewusst.

Robin Dutt sprach in der Pressekonferenz aus, was viele von uns seit Jahren beklagen, sehr pointiert, sehr direkt, sehr treffend und durchaus eloquent. Vermutlich eloquenter, treffender, direkter und pointierter, als die meisten von uns dazu in der Lage gewesen wären. Ganz nebenbei hat seine Sicht der Dinge, anders als die unsrige, unmittelbare Relevanz, Nachrichtenwert und Konsequenzen. Ob sie in dieser Form für die Öffentlichkeit bestimmt sein musste, lässt sich zweifellos kontrovers diskutieren. Mir hat’s gefallen, aber natürlich kann man Stilfragen stellen, wenn Leuten, die nicht mehr in der Verantwortung stehen, in dieser Deutlichkeit an den Karren gefahren wird.

Aber ehrlich gesagt interessiert mich der Blick nach vorne nun weitaus mehr. Allein die Menge der unmittelbar nach dem letzten und mit reichlich Unsicherheit behafteten Spieltag verkündeten Personalien ist, wiewohl hübsch choreographiert, bemerkenswert und erst einmal ein beachtlicher Arbeitsnachweis. Ob es die richtigen Personalien sind, wird die Zeit zeigen. Nicht nur beim Cheftrainer, wo in den meisten Fällen nur bedingt vorhergesehen werden kann, ob es passen wird.

Ich habe keine Ahnung, ob Philipp Laux ein guter Psychologe ist, und kenne die Arbeit der neuen Nachwuchstrainer noch ein bisschen weniger gut als die des neuen Linksverteidigers. Mein Verhältnis zu Guido Buchwald ist ein schwieriges – immerhin dürfte ein Scout kein Aufsichtsrat werden können -, aber als Asienspezialist wird er nicht so verkehrt sein. Über Achim Cast, also noch einen Blauen, höre ich Gutes, wenn auch von Leuten, die ihn privat kennen, während ich Günther Schäfer eher nicht in einer Rolle gesehen hätte, deren Funktionsbezeichnung den Begriff Manager enthält. (Ja, mir fielen auch lustige ein, die aber leider mein Humorzentrum nicht ganz erreichen.)

Abwarten. Ach, und: doch, ich weiß, wie er heißt. Philip Heise.

Oh, gerade stolpere ich noch über eine kleine Notiz, die ich hier wohl am Sonntag anlegte. Sie wissen schon, als der VfB die Klasse gehalten hatte und dieser Text begann. „Abwarten“, stand da, gefolgt von „Morgen Ginczek, Rüdiger, Maxim weg? Kostic?“ Immerhin: drei Tage sind schon um, und keines dieser unangenehmen Einzelszenarien ist bis dato eingetreten, auch wenn die Causa Rüdiger verloren scheint, vom kumulierten Gesamtszenario gar nicht zu reden. Ach was, nicht einmal zu denken.

Doch in der Tat: es bleibt abzuwarten, was die Transferperiode noch so bringt. Die frühlingshafte Frische der Stuttgarter Offensive blieb kaum jemandem verborgen, und es hätte mich nicht gewundert, wenn bereits am Tag nach dem letzten Spieltag im einen oder anderen Fall Vollzug gemeldet worden wäre. But just because you’re paranoid doesn’t mean they’re not out to get you, wie wir alle wissen, und wer kann schon beurteilen, ob der eine oder andere Klub nicht einfach nur noch das Pokalfinale abwarten will, ganz zu schweigen von den verbleibenden gut drei Transfermonaten. Schrecklicher Gedanke.

Die Hände! Zum Himmel!

Nun ist dieses Jahr also auch schon wieder zwei Wochen alt, und im Blog ist immer noch Heiligabend. In meinem Kopf übrigens noch nicht mal das, fußballseitig, da ist eher 0:0 gegen Paderborn. Dass der VfB einen neuen Sportdirektor bekommen hat, war nicht zu überlesen; ansonsten war meine Weihnachtszeit angenehm fußballfrei, gedanklich, und ja, natürlich handelte es sich um Selbstschutz. Wer war nochmal dieser VfB?

Ganz allmählich stieg ich dann im neuen Jahr wieder ein und gebe auch gerne zu, den vielgeschmähten DFB-FIFA-Film gesehen zu haben, glücklicherweise weitgehend twitterfrei, und ja, er hat mir ein bisschen Freude bereitet. Erinnerungen getriggert, Sie wissen schon.

Erinnerungen rief bei manchen BeobachterInnen auch der bestürzende Tod von Junior Malanda hervor, des jungen Mannes also, „der das leere Tor nicht getroffen hat“, wie ich bei einem beruflichen Termin aufschnappte. Ich verstehe so etwas nicht, wirklich so gar nicht, aber ich habe zugegebenermaßen auch keine Lust, den Leuten dann einfach in die Fresse zu hauen. Doch, Lust schon, aber zum einen könnte ich es eh nicht, zum anderen wäre es wahrlich kein angemessenes Verhalten im Angesicht eines ums Leben gekommenen jungen Mannes, der die Welt erst noch erobern wollte.

Ich weiß nicht, wie ich nun wieder zum Fußball zurückkehren soll, ohne mir schäbig vorzukommen. Ok, mein Problem. Einige längere Autofahrten, die zu Jahresbeginn als Nebeneffekt unschöner Krankenbesuche nötig waren, gaben mir die Gelegenheit, mich fußballmäßig wieder ein bisschen einzuhören, in den Fußball aus England und Spanien, wo nicht nur geredet, sondern auch gespielt wurde, aber auch, meiner frühen Weihnachtsruhe geschuldet, noch einmal in den letzten Hinrundenspieltag.

Der Rasenfunk hatte sich bereits in die Winterpause verabschiedet, aber die Erben ließen sich nicht keine verfrühte Urlaubsstimmung nachsagen. Der hier außerordentlich geschätzte Schiiiedsrichterpodcast blickte kurz vor Weihnachten noch einmal auf die jüngsten Entscheidungen, auf die Lex Feuerherdt, auf Zicke Neuendorf und manches mehr. Darunter auch einige Äußerungen von Markus Gisdol im Rahmen einer Pressekonferenz, in der er, dem Zusammenschnitt zufolge, die Schiedsrichter und explizit deren Assistenten zunächst über den grünen Klee lobte, ehe er im weiteren Verlauf ähnlich deutliche kritische Worte für das Gebaren mancher vierter Offizieller fand, was in einem lauten Kopfschütteln ob der Aufforderung gipfelte, er möge die Hände unten lassen.

Die Erben begrüßten, nicht ganz überraschend, Gisdols Lob für die Zunft uneingeschränkt, und, ebenfalls nicht ganz überraschend, die Kritik nur so halb. Sie sprachen über Kommunikationsdefizite zwischen Trainern und Schiedsrichtern, die hier bitte als partes pro toto für die vier Teammitglieder verstanden werden mögen, vielleicht auch zwischen Schiedsrichtern und Trainern. Sie griffen auch Gisdols Verzicht auf eine Pauschalkritik der vierten Offiziellen auf und wollten die Aussage zum Handhebeverbot so nicht stehen lassen, sondern auf aufwieglerische Handgesten beschränkt wissen.

Und hier komme ich ins Spiel. Ich habe mich nämlich auch schon aufwieglerischer Hand- und Armgesten schuldig gemacht, weiß also, worum es geht. Ist ein paar Tage her, aber aufwiegeln konnte ich auch schon in jungen Jahren. Mitte der Neunziger, um etwas genauer zu sein, als Twen, wie man damals vielleicht noch sagte.

Als Twen fuhr ich in einem Renault 5 nach Irland. Ich mag schon einmal davon geschrieben haben, dass mein Auto zuvor irgendeinem Drogenbaron gehört haben musste, so oft wie ich auf dieser Fahrt angehalten und kontrolliert wurde. Von besagtem Irlandaufenthalt habe ich auf jeden Fall schon geschrieben – und mag die Geschichte von Tom Hanks, der Schwester und mir heute noch, aber das nur am Rande.

Der Weg dorthin führte mich durch Frankreich, in Le Havre sollte es auf die Fähre gehen, und wie das in Frankreich eben so ist, wurde die Fahrt gelegentlich durch erzwungene Pausen an den Mautstationen unterbrochen. Die Pausen waren in der Regel kurz, es war nicht allzu viel los, mein Zeitbudget bis zum Fährhafen reichlich bemessen. Rückblickend kann ich sagen, dass ich die damaligen Münzfangnetze – vermutlich gibt es sie auch heute noch, für all die Sonderlinge, die nicht zu Maut-Kartenzahlern geworden sind – eigentlich recht gern mochte. Sie erinnerten mich immer an den Weltspartag. Aber sie funktionierten nicht immer.

Und so ergab es sich auch auf jener Fahrt, dass der eine oder andere Péage-Aufenthalt einen Moment länger dauerte. So auch noch einmal kurz vor dem Ziel: das Gerät zickte ein wenig, die Schranke öffnete sich zunächst nicht, auch etwas länger nicht. Mein Zeitbudget war nach wie vor reichlich, meine Nervosität gering. Ich war guter Dinge, auch ohne die Hilfe jenes offiziell aussehenden Herrn, der sich von der Seite näherte, über kurz oder lang weiterfahren zu können – und in der Tat, just als er das Auto erreichte, öffnete sich die Schranke. Ich dankte ihm freundlich, aber es habe sich ja nun erledigt.

Er sah das anders. Ich solle doch bitte gleich rechts ranfahren – was ich zunächst nicht recht verstand, und was vor allem gar nicht so einfach ist, wenn man sich ziemlich weit links eingeordnet hat und senkrecht zur Fahrtrichtung etwa zehn Fahrspuren auf einmal wechseln soll, während hinter jeder Schranke aufbruchwillige Autobahnnutzer mit dem Gaspedal spielen. Ok, erwischt, ich übertreibe. Das mit dem Gaspedal stimmt nicht. Und vielleicht querte ich auch nicht ganz orthogonal.

Doch zurück zur eigentlichen, bisher noch gar nicht formulierten Frage: Polizei- oder meinetwegen auch Zoll- oder sonstige Kontrollen an der Mautstation? Einfach so? Hatte ich noch nie gesehen, geschweige denn selbst erlebt. Ob es doch am Drogenauto lag? Ich weiß es nicht, und werde es auch nicht mehr erfahren.

Was ich aber weiß: plötzlich stand ein halbes Dutzend uniformierter Männer um mein Auto herum. Aussteigen solle ich, und meine Papiere zeigen. Den Kofferraum öffnen. Und mich durchsuchen lassen. Mein Gewissen war rein, und so ließ ich es zwar zähneknirschend, aber doch noch relativ gelassen– zumal es bekanntlich nicht die erste Kontrolle auf dieser Fahrt war, meine Unbescholtenheit also hinreichend gesichert schien – über mich ergehen.

Ich war bestrebt, das Procedere möglichst rasch hinter mich zu bringen, und so erleichterte ich den Beamten ihre Arbeit, so gut es eben ging. Sie durchsuchten mich gründlich, und um ihnen den Zugang zu den Taschen meiner Jeans zu vereinfachen, hob ich meine Arme in die Höhe – was zwar nicht in aufwieglerischer Absicht geschah, wohl aber das Missfallen meiner Freunde und Helfer hervorrief. Ich solle doch bitte meine Hände wieder herunternehmen und kein Aufsehen erregen.

Sechs Beamte stehen also unmittelbar hinter einer mindestens zehnspurigen Mautstation am Fahrbahnrand um ein ausländisches Auto bzw. dessen Fahrer herum und durchsuchen beides, um dann besagten Fahrer dazu anzuhalten, doch bitte kein Aufsehen zu erregen. Das Leben ist immer wieder für eine Überraschung gut.

Vermutlich war es rückblickend eine recht kluge Entscheidung, meine eben ausgeführte Bewertung der Situation in etwas diplomatischeren Worten zum Ausdruck zu bringen.

Die Herren fanden nichts, ich durfte weiterfahren, kam rechtzeitig zum Hafen, wurde in der Fährschlange als einziger Reisender weit und breit erneut intensiv kontrolliert, inklusive Kofferraum und so weiter, ehe man mich Stunden später bei der Ankunft in Rosslare erneut herauszog. Tja. Ich konnte glaubhaft versichern, dass von mir keine Gefahr ausgehe, wie zahlreiche vorhergehende Kontrollen ergeben hätten, und durfte weiterfahren.

Mit Markus Gisdol hat das vermutlich nichts zu tun.

Von Trainern und Leisten

Landauf, landab pfeifen die Rotkehlchen gerade den Namen Dutt von den Dächern. (Verzeihung.) Parallel dazu wird diskutiert, ob er denn eine gute Lösung für den vielleicht, vielleicht aber auch nicht vakanten Sportdirektorenposten des VfB wäre. Um es vorweg zu nehmen: ich weiß es nicht.

Das gilt unabhängig vom VfB. Ich weiß schlichtweg nicht, ob Herr Dutt ein guter Sportdirektor ist, was nicht zuletzt daran liegt, dass er noch nie als solcher beschäftigt war, nach meiner Kenntnis. Formal schon, klar, beim DFB, aber dass das eine mit dem anderen nur bedingt vergleichbar ist, dürfte auf der Hand liegen.

Was ja erst einmal ganz gut ist, schließlich sah sich Dutt, wie wir alle wissen, auf dem DFB-Sportdirektorenstuhl de facto deplatziert. Ich möchte mir den inneren Kampf nicht vorstellen müssen, den er dort ausgefochten hat, ehe er zu dem Schluss kam, dass seine Zukunft doch weiterhin auf dem Trainingsplatz, in der Kabine und am Spielfeldrand liege.

Möglicherweise hatte er recht, und möglicherweise hätte er auch jetzt wieder recht, wenn er das Gegenteil behauptete. Es spricht schließlich nichts dagegen, dass sich Meinungen, Vorlieben, Kompetenzen im Zeitablauf verändern.

Insofern würde ich vermutlich auch bald wieder diesen Vergleich aus dem Kopf bekommen, der eine zwischen zwei Frauen hin- und hergerissene junge Frau vorsieht, ja beobachtet, möglicherweise ist es auch ein Mann, und das Geschlecht der beiden Rivalisierenden ist auch nicht ganz klar; eine Person also, die in einer unsystematischen Abfolge eigener oder vom jeweiligen Gegenüber getroffener Entscheidungen zwischen den beiden Optionen pendelt und mal die eine, mal die andere voller Überzeugung als die einzig wahre und endgültige betrachtet oder zumindest so tut.

So ist das eben manchmal im wahren Leben, und wer wäre ich, darüber zu urteilen. Auch wenn mich der plötzliche Abschied vom DFB, das gebe ich naiver Romantiker gerne zu, ein wenig irritiert hat.

Unabhängig davon bleibt bestehen, dass ich Herrn Dutt nicht so recht beurteilen kann. Die Einschätzungen von Leuten, mit denen ich in der Vergangenheit sprach und die zum Teil einen recht guten Einblick haben, variieren in vielerlei Hinsicht sehr stark, helfen mir also auch nicht. Womit wir wieder am Ausgangspunkt wären: „ich weiß es nicht“.

An dieser Stelle könnte ich es nun bewenden lassen, wenn, ja wenn mich nicht noch eine Frage umgetrieben hätte:
Wieso denken wir so oft an (ehemalige) Trainer, wenn Sportdirektorenposten zu besetzen sind?

Eine Hypothese, die ganz gut in einem Tweet des geschätzten Herrn @el_pibe12 zum Ausdruck kommt, der die Kritik an Dutt folgendermaßen kommentierte:

Wir kennen diese Art der Argumentation: Ihr seid nie zufrieden, wärt es auch nicht, wenn ein (oder eben drei) ausgewiesener Meister seines Fachs käme, und ich habe manches für sie übrig. Allein: die drei im Tweet genannten sind mir bis dato nicht als herausragende Sportdirektoren aufgefallen. Was an mir liegen kann.

Entschuldigung, ich will nicht polemisch werden, und es liegt mir fern, Philipps Tweet auf die Goldwaage zu legen. Seine Aussage illustriert nur ganz gut den Gedanken, dass wir Trainer und Sportdirektoren gerne mal über einen Kamm scheren – einen Gedanken, den vermutlich nicht nur viele von uns Fans hegen, sondern auch der eine oder andere Trainer, der sich an einem gewissen Punkt nicht mehr im Trainingsanzug auf dem Platz, sondern eher in übergeordneter Rolle sieht.

Und, um nicht missverstanden zu werden: dieser Gedanke liegt nahe. Es gibt zahlreiche Überschneidungen, wie nicht zuletzt anhand der Position des Managers englischer Prägung deutlich wird, dem hierzulande wohl am ehesten Felix Magath in Wolfsburg und zeitweise auch bei Schalke entsprach.

Auch Armin Veh hatte in Wolfsburg meines Wissens kurzzeitig eine ähnliche Rolle inne. Dass es nicht funktioniert hatte, lag gewiss an mancherlei Dingen; eines davon dürfte nach der Lesart des gemeinen VfB-Fans sein eher mittelgutes Händchen auf dem Transfermarkt gewesen sein. Oder anders: in Stuttgart überraschte es nicht so sehr, dass der Meistertrainer Veh möglicherweise kein meisterhafter Sportdirektor sein würde. Umso bemerkenswerter, dass er auch hier in den vergangenen Monaten immer wieder einmal als möglicher Bobic-Nachfolger gehandelt wurde.

So frug ich mich also, ob denn tatsächlich zahlreiche Geschichten gelungener Übergänge vom guten Trainer, wie auch immer das zu bemessen sei, zum erfolgreichen Sportdirektor verbrieft seien. Natürlich fiel mir (nicht nur) auf Basis unrealistisch erscheinender Stuttgarter Diskussionen der letzten Monate sogleich Ralf Rangnick ein, der in Leipzig zweifellos gute Arbeit leistet. Dass er noch nicht in der ersten Liga angekommen ist und dass er aus einer in mancher Hinsicht überaus privilegierten Position heraus arbeitet, ist mir bewusst.

Auch Matthias Sammer hat gegenüber vielen seiner Kollegen gewisse betriebswirtschaftliche Vorteile auf seiner Seite, die das Geschäft erleichtern. Manche zweifeln zudem an, dass er wirklich ein guter Trainer war (ehrlich gesagt verdränge ich sein Intermezzo als Trainer gerne mal), sowohl in Dortmund als auch in Stuttgart, und die Gründe sind nicht die schlechtesten. Andere hinterfragen seine Rolle in München sehr kritisch, bzw. zweifeln sie grundsätzlich an, was dann ja unmittelbar seine Qualitäten als Sportdirektor negieren würde.

Da mich eben diese Diskussion um Sammers Rolle in München eher langweilt, betrachtete ich ihn in meinem nächtlichen Informationsbeschaffungstweet, lange vor El Pibes Dreitrainertweet übrigens, der Einfachheit halber als gesetzt:

Rangnick und Sammer waren nicht die einzigen, die mir eingefallen waren. Zu denjenigen, die ich noch am ehesten unter „Erfolgsgeschichte“ einordnen würde, zählte Wolf Werner, dessen Leistungen als Trainer möglicherweise nicht allerorten als „gut“ charakterisiert würden, der aber immerhin gut genug war, in der ersten Liga zu arbeiten, oder Helmut Schulte, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er auch als Sportdirektor in der Bundesliga wirkte. In gewisser Weise natürlich auch Felix Magath, während zum Beispiel Otmar Hitzfelds Episode als Sportdirektor bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterließ, oder ganz sicher keinen positiven.

Die Timeline reagierte rasch und nannte unter anderem Werner und Schulte, scherzend auch Magath, zudem Dutt, ohne dass ich die Ernsthaftigkeit jenes Tweets einzuordnen wüsste. Hitzfeld wurde nicht genannt, dafür aber ein paar, die ich nicht auf dem Zettel hatte:

Tobi war nicht der einzige, der Völler nannte, und auch wenn er es dem Anschein nach nicht uneingeschränkt ernst meinte, muss man wohl über Völler nachdenken. Und kann, wie ich, zu dem Schluss kommen, dass seine Trainerstationen (Roma!) abseits der Nationalelf (ja, ja, Teamchef) nicht für eine Bewertung genügen und dass seine Tätigkeit in Leverkusen nur schwer einzuschätzen ist. Will sagen: für mich ist er nach wie vor in erster Linie Mittelstürmer.

 

Aus formalen Gründen nicht wählbar, sag ich mal.

 

Sehr interessanter Gedanke, an Udo Lattek hatte ich überhaupt nicht gedacht. Und kann seine Tätigkeit dort nicht seriös einschätzen; die Symbiose mit Daum war zweifellos eine erfolgreiche, sein Pullover eine schöne Idee. Vermutlich gehört er auf die Liste.

 

Ganz ehrlich: ich kann seine Arbeit in Minsk und Taschkent nicht einmal ansatzweise beurteilen. Und die als Trainer auch nicht.

 

Abseits der genannten oder zitierten Namensvorschläge kamen auch noch vereinzelt weitere Rückmeldungen, zum Beispiel diese hier:

Eben! Wollte ich entgegnen, genau darum ging es mir: dass die bisherige Erfahrung mit Trainern eben nicht zwingend zu dem Schluss führe, sich auf der Suche nach einem Sportdirektor bei den Trainern umzusehen.

Oder andersherum: wer sich bei den führenden Sportdirektoren umsieht, wird darunter nicht allzu viele ehemals große Trainer finden. Gewiss, Klaus Allofs war mal ein paar Monate lang Trainer bei der Fortuna, hat dabei meines Wissens aber keine allzu großen Fußspuren hinterlassen.

Max Eberl und Christian Heidel waren ebenso wenig als Trainer tätig wie Stefan Reuter, Michael Zorc, Jörg Schmadtke, Dirk Dufner, Alexander Rosen oder Michael Preetz, wir können das gerne fortführen, und ja, „führende Sportdirektoren“ ist ein verdammt schwammiger Begriff.

Möglicherweise ist es einfach so, wie Herr @bimbeshausen sagt: Gute Trainer bleiben Trainer.

Glaubt mir keiner, dass er als erklärter Rangnickjünger sowas sagen würde. Ja, ich weiß, da steht „oft“. Aber es scheint was dran zu sein.

Zur Frage nach der Kontrollgruppe: Hitzfeld, vielleicht, nicht im Sinne von „schlecht“, aber eventuell im Sinne von „nicht seine Welt“, auch Veh, wie bereits gesagt. Volker Finkes Arbeit in Köln betrachte ich nicht als sonderlich erfolgreich, Ähnliches gilt für den kurzzeitig doppelbelasteten Markus Babbel in Hoffenheim, bei dem man gewiss auch die Trainerqualitätsfrage stellen kann.

Gute Trainer bleiben Trainer. Gefällt mir.

Immerhin: dass gute Trainer auch gute Sportdirektoren werden können, ist nicht auszuschließen. Und dass Robin Dutt bis dato mindestens phasenweise ein guter Trainer war, nicht von der Hand zu weisen.

Ansonsten gilt weiterhin: ich weiß es nicht.

 

Lieber Herr Beckmann,

heute war es wieder einmal so weit: Meine Möglichkeiten, mich über die Bundesliga zu informieren, beschränkten sich auf die Sportschau, und ich hab da leider was nicht so ganz verstanden. Nur eine Kleinigkeit, aber irgendwie nagt sie. Nun, wie es der Zufall will, hatten Sie in der heutigen Sendung eine exponierte Rolle inne, und vielleicht können Sie mir ein wenig helfen?

War ja eigentlich eine ganz gute Sendung, finde ich, wenn man mal von der penetranten Werbung für die Sportschau am Dienstag und Mittwoch absieht. Die Spitzenmannschaften haben alles dafür getan, dass man den Mittwochshype aufrecht erhalten kann, Herrn Klopps Flaschenabfüllzitat konnte man wunderbar einbauen, auch zu den anderen Spielen gab’s die eine oder andere nette Randgeschichte, und der VfB hat gewonnen.

Oh, Verzeihung, letzteres war für Sie vermutlich gar nicht so wichtig wie für mich. Mir hat’s gefallen, auch wenn ich lieber vor Ort dabei gewesen wäre. Gerade jenes 2:1 hätte ich gerne live gesehen, man ist ja nicht so oft dabei, wenn ein Tor des Monats fällt. Ok, war nicht ganz so ernst gemeint.

Nein, falsch, ernst meine ich das schon, es ist bloß nicht realistisch – schließlich habe ich ja die Auswahl für das Tor des Monats März gesehen. Nette Fernschüsse, die da zur Wahl stehen. Und ein technisch sehr sauberes Tor von Marcus Berg, das vermutlich abgeschlagen enden wird, wegen zu großer Nähe zum Tor. Ja ja, ich weiß, die Zuschauer haben die Tore der Woche gewählt, da können Sie nichts für. Und dafür, dass ein Lehrbuchtor wie das von Ibisevic eingeleitete und abgeschlossene vermutlich gar nicht erst zur Wochenwahl steht, schätzungsweise auch nicht.

Entschuldigung, ich sollte zum Punkt kommen, denn natürlich bezieht sich mein Hilfsersuchen nicht auf das Tor des Monats und ihren möglichen Einfluss auf dessen Auswahl. Vielmehr möchte ich kurz auf Ihre Ausführungen zu Christian Streich zu sprechen kommen. Christian Streich, Sie wissen schon, der unkonventionelle Freiburger Trainer, der so anders ist als all die anderen, voll authentisch und so. Ganz ehrlich: ich mag den auch. Ist ne schöne Geschichte, wie er sich nicht so ernst nimmt, und wie er sich zum Umgang der Leverkusener Zuschauer mit Robin Dutt geäußert hat, ist wahrlich aller Ehren wert. Und diese Emotionalität – großartig. Dass ihm die auch noch irgendwann auf die Füße fallen kann: geschenkt.

Was ich aber wirklich nicht so ganz verstanden habe, lieber Herr Beckmann, ist Ihr Ansatz, Herrn Streich von anderen Trainern abzugrenzen. Leider hatte ich nicht die Gelegenheit, die Sendung nochmals anzusehen, aber wenn ich mich nicht sehr irre, stellten Sie ihn als Gegenentwurf zu all den „selbst ernannten Konzepttrainern“ dar. Und damit wären wir an der Stelle, wo ich Ihnen dankbar wäre, wenn Sie mir einmal kurz auf die Sprünge helfen könnten. Mir sind die nämlich dummerweise gar nicht so recht geläufig, diese selbst ernannten Konzepttrainer. Womit ich nicht ausschließen will, dass sich Uwe Rapolder oder, was weiß ich, Mario Basler, mal so bezeichnet haben, oder dass Thomas Tuchel im einen oder anderen Interview von seinem Konzept sprach, oder wieder ein anderer davon, dass ein Gegentor seine Mannschaft aus dem Konzept gebracht habe.

Aber „selbst ernannte Konzepttrainer“, ernsthaft, Herr Beckmann? Noch dazu mit einem, so glaube ich, nicht nur eingebildeten spöttischen Unterton? Irgendwie fällt es mir ein bisschen schwer, das nachzuvollziehen. Das Lustige ist nämlich, vielleicht sollte ich das an dieser Stelle erwähnen, dass ich bisher immer der Meinung war, der Begriff Konzepttrainer sei eher journalistisch geprägt, entstamme vielleicht sogar der Steffen-Simon-Schule für irgendwo aufgeschnappte und für schlau befundene moderne Fußballsprache, und darüber hinaus hatte ich den Eindruck, jeder halbwegs vernünftige Trainer, dem dieses Etikett angeheftet wurde, habe sich bereits irgendwann einmal mit dem Hinweis zitieren lassen, dass selbstverständlich jeder seiner Kollegen ein Konzept habe und verfolge. Zurecht, wie ich meine.

Und irgendwie fällt es mir schwer, mir vorzustellen, dass Fußballlehrer durch die Lande ziehen und sich zu Konzepttrainern ernennen. Aber Sie, lieber Herr Beckmann, bewegen sich quasi permanent, professionell und sicherlich auch behände in diesem Metier. Daher wäre ich Ihnen überaus verbunden, wenn Sie die Freundlichkeit besäßen, mich eines Besseren zu belehren. Oder aber in der nächsten Sendung entschuldigend darauf hinzuweisen, dass Sie einer zu billigen Pointe nicht widerstehen konnten.

Mit sportlichem Gruß
heinzkamke

 

 

Was machen eigentlich… die Lehrgangsbesten?

Ein bisschen enttäuscht bin ich ja schon von „meinem“ Verein.

Tayfun Korkut ist also neue Trainer der U19. So weit, so gut. Es lässt mich kalt, dass er aus Hoffenheim kommt, unabhängig davon, ob da grade ein gewisser Trend zu verzeichnen ist. Es ist mir auch völlig egal, dass er seine Jugend bei den Blauen verbracht hat. Aber: er zählte nicht zu den Lehrgangsbesten. Zumindest wird das nicht kommuniziert. Schließlich wissen wir vom neuen Trainer der U17, Thomas Schneider, dass er den 57. Lehrgang als Zweitbester abgeschlossen hat. Drittbester war übrigens Sascha Lewandowski. Oder Markus Gisdol. Vielleicht ja auch beide. Aller Ehren wert, sowas. Korkut hat indes nur absolviert. Wo kommen wir denn da hin?

Mittlerweile soll’s ja schon Vereine geben, die’s unter einem Lehrgangsbesten nicht mehr machen. Die bürgen für Qualität. Zur neuen Saison bekommen also Leverkusen und Hoffenheim ein solches Exemplar. St. Pauli wartet in der zweiten Liga gar mit den Lehrgangsbesten von 2004 (André Schubert) und 2011 (Jan-Moritz Lichte) auf, und in Liga drei setzen Osnabrück mit Uwe Fuchs (class of 2002) bzw. Bielefeld mit Markus von Ahlen (2006) auf frischen Wind aus der Hennes-Weisweiler-Akademie. Der neue Schalker Trainer, der schon seit ein paar Wochen da ist, war Lehrgangsbester 1984, sein Co-Trainer Gisdol vielleicht Drittbester 2011 (s.o.).

Die deutsche U19 hat ebenfalls einen neuen Lehrgangsdrittbesten verpflichtet, dessen bisherige Trainerkarriere allerdings gar nicht so wahnsinnig glanzvoll verlief. Dass der DFB-Nachwuchs die sicher geglaubte EM-Qualifikation verpasste, ist aber sicherlich Zufall. Genau wie Christian Ziege musste sich auch der Primus des 53. Lehrgangs (2007), Karsten Baumann, der seine Lizenz im Übrigen „mit besonderer Auszeichnung“ erhalten hatte, vorzeitig aus der Zweitligasaison 2010/2011 verabschieden – die Vereine taten es ihnen später nach. Auch den ergebnismäßig zweiten Mann hinter Baumann, Marco Pezzaiuoli, werden wir in der kommenden Saison erst einmal nicht bei den Bundesligapressekonferenzen sehen. Schade.

Vermutlich hab ich den einen oder die andere vergessen bzw. weiß nicht um deren Prüfungserfolg. Zumal der DFB, soweit ich das nachvollziehen kann, erst ungefähr seit dem Jahrtausendwechsel offensiv mit Mitteilungen über die Lehrgänge und deren herausragende Absolventen umgeht. Sozusagen die Professionalisierung der Medienarbeit in der Ära Rutemöller. Die allerdings noch unvollendet scheint.

Wie auch immer: wenn man ein bisschen sucht, findet man eine Reihe von Namen, die ihre Fußballlehrerlizenz als Lehrgangsbeste erworben haben bzw. zumindest „zu den Besten“ zählten, und nicht bei allen klingelt’s sofort. Oder wer kennt Kai Timm? Jörg Halfenberg? Thomas Sinz? André Malinowski? Thomas Krücken? Mario Himsl? Stefan Sartori? Hans-Dieter Flick? Ich zumindest kannte sie nicht. In zwei oder drei Fällen glaube ich, den Namen schon einmal gehört zu haben, aber das war’s dann auch.

Muss ja nichts Schlechtes sein, wenn diese Leute als Stützpunkttrainer oder auch bei Profivereinen den Nachwuchs fördern, ganz im Gegenteil. Das tun übrigens auch Ex-Profis wie die bereits genannten Schneider und Lewandowski, oder Olaf Janßen in Aserbaidschan. Iraklis Metaxas ging gestärkt aus dem jüngsten Revirement beim VfL Bochum und ist nunmehr „Cheftrainer Nachwuchs“. Die Ex-Nationalspielerinnen Anouschka Bernhard (Zweitbeste 2009 und mehrjährige Jugendkoordinatorin bei Hertha BSC) und Maren Meinert, die 2004 zu den Besten zählte, trainieren DFB-Juniorinnen.

Jürgen Klopp und Thomas Tuchel, die häufig als erste genannt werden, wenn es um gut ausgebildete und ausbildende deutsche Trainer geht, tauchen in den DFB-Pressemitteilungen nicht exponiert auf. Sieht man indes genauer hin, findet man Hinweise, wonach Tuchel 2006 als Zweitbester abgeschlossen habe, während Klopp für sein Ergebnis 2005 die Erklärung der Nebenbei-Betreuung eines Bundesligisten geltend machen kann – was der damalige Primus Robin Dutt auf Nachfrage auch gerne für ihn übernimmt. Zudem hat Klopp mit Zeljko Buvac einen der Jahrgangsbesten von 2000 an seiner Seite.

Wenn wir grad beim Jahr 2000 sind: da gab’s ja noch einen Kurs. Den für verdiente Nationalspieler und -spielerinnen. Leider habe ich bisher keine Hinweise gefunden, wer damals der oder die Lehrgangsbeste gewesen sei. Von absoluten Resultaten ganz zu schweigen…

Vielleicht hält diese Ungewissheit ja den einen oder anderen Verein davon ab, sich die Dienste der Herren Brehme, Kohler, Immel oder Buchwald zu sichern. Dieter Eilts sei übrigens Jugendkoordinator beim VfL Oldenburg.

Einige weitere prominente Lehrgangsbeste (oder deren unmittelbare „Verfolger“) sind meines Wissens zur Zeit auf dem Markt, beispielsweise Michael Frontzeck, Holger Gehrke oder Thomas Doll.

Formal nicht auf dem Markt ist ein weiterer Lehrgangsbester: Lothar Matthäus.

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Hier noch ein paar unvollständige Namen und Quellenangeben:

18. Lehrgang, 1972
In der Akademie in Köln bestand [Sepp Piontek] als Jahrgangsbester die Prüfung.

29. Lehrgang. 1984
Während dieser Zeit erwarb [Ralf Rangnick] an der Sporthochschule Köln im Fußball-Lehrer-Lehrgang als Jahrgangsbester mit einem Notendurchschnitt von 1,2 die Fußballlehrer-Lizenz

45. Lehrgang, 2000
Lehrgangsbester war Peter Starzmann, Co-Trainer von Ralf Rangnick beim Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart.
[Zeljko] Buvac, der 2000 als einer der Jahrgangsbesten den 45. Fußballlehrer-Lehrgang bestanden hatte

46. Lehrgang, 2001
So gab es diesmal gleich drei Lehrgangsbeste: Michael Frontzek (sic!), Holger Gehrke und Iraklis Metaxas wurden hierfür besonders geehrt.

47. Lehrgang, 2002
Der Ehrenpreis ging in diesem Jahr an den ehemaligen Bundesligaprofi Uwe Fuchs.

48. Lehrgang, 2003
Als beste Absolventen wurden Hans-Dieter Flick und Thomas Doll […] ausgezeichnet.

49. Lehrgang, 2004
Als Jahrgangsbeste […] wurden bei der Feierstunde Maren Meinert, Olaf Janßen und Andre Schubert gesondert ausgezeichnet. 

50. Lehrgang, 2005
Als Lehrgangsbeste wurden Robin Dutt (Stuttgarter Kickers) und Kai Timm (DFB-Stützpunkt-Koordinator Niederrhein) ausgezeichnet.

51. Lehrgang, 2005
Daher zeichnete er die beiden Lehrgangsbesten – stellvertretend für den Lehrgang – aus. So erhielt Jörg Halfenberg den NRW-Preis, Thomas Sinz wurde der DFB-Wimpel verliehen.

52. Lehrgang, 2006
Als Lehrgangsbester wurde der ehemalige Profi Markus von Ahlen […]ausgezeichnet.

53. Lehrgang, 2007
Als Lehrgangsbester wurde der ehemalige Fußball-Profi Karsten Baumann […] geehrt. [… Baumann] erhielt seine Lizenz mit besonderer Auszeichnung. […] Überdurchschnittliche Leistungen erbrachten auch zwei Teilnehmer, die den Lehrgang gemeinsam mit der zweitbesten Note abschlossen: Marco Federico Pezzaiuoli und André Malinowski.

54. Lehrgang, 2007
Als Lehrgangsbester wurde anlässlich der Feierstunde in Köln ein früherer Kölner Fußball-Profi ausgezeichnet: Dirk Schuster. 

55. Lehrgang, 2009
Lehrgangsbester ist St. Paulis Trainer Holger Stanislawski, als Zweitbeste des Lehrgangs schnitt die ehemalige Nationalspielerin (47 Länderspiele) Anouschka Bernhard ab, die heute als Jugend-Koordinatorin für Hertha BSC Berlin zuständig ist. Das drittbeste Ergebnis erzielte Stefan Sartori.

56. Lehrgang, 2010
Lehrgangsbester wurde Mario Himsl, der DFB-Stützpunktkoordinator im Fußball-Verband Mittelrhein und Trainer der Bundeswehr-Nationalmannschaft. Als Zweitbester ging Thomas Krücken, der U 17-Trainer von Hertha BSC, aus den Prüfungen hervor, dicht gefolgt von Christian Ziege.

Lehrgang 57, 2011
Lehrgangsbester wurde Jan-Moritz Lichte, Co-Trainer von Andre Schubert beim Zweitligisten SC Paderborn.
2010 schloss [Thomas Schneider] den Trainerlehrgangs (sic!) des DFB an der Hennes-Weisweiler Akademie in Köln als zweitbester seines Jahrgangs ab.
Als Drittbester von 27 Teilnehmern hat [Sascha Lewandowski] den einjährigen Lehrgang abgeschlossen. (alternativ: „Als einer der drei Jahrgangsbesten…„)
Wenige Tage später bestand [Markus] Gisdol als Drittbester unter 27 Teilnehmern die Prüfung zum Fußball-Lehrer – und dann kam Schalke.