Überraschung auf der Mittagsspitze

(Damüls, 25.12. 2013.) Am ersten Weihnachtsfeiertag wartete Bundestrainer Kamke mit einer Überraschung auf, die das Attribut „faustdick“ wahrlich verdiente. Im Rahmen einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz stellte er auf der Damülser Mittagsspitze, deren symbolische Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, ohne dass Kamke näher darauf eingegangen wäre, ungewöhnlich früh seinen Kader für die Weltmeisterschaft in Brasilien vor.

„Der mediale Druck, der mit zunehmender Nähe zum FIFA-Benennungstermin aufgebaut wird, ist schwer zu ertragen und letztlich unmenschlich. Deshalb kam ich gemeinsam mit meinem Kompetenzteam zu dem Schluss, ein selbstbewusstes Zeichen zu setzen und den Kader bereits heute zu nominieren,“ erläuterte Kamke, der mit diesem bemerkenswerten Vorgehen seinerseits einen gewissen Druck auf die anderen 31* Nationaltrainer ausübt, gleichzeitig aber betonte, dass man im Verletzungsfall „natürlich noch was machen“ könne.

Der Bundestrainer informierte zudem über sein innovatives Auswahlsystem, das auf dem gleichermaßen intensiven wie formal strikten Austausch mit etwa 25 Ratgebern beruht, denen Kamke sein vollstes Vertrauen aussprach. Im Ergebnis änderte sich trotz des neuartigen Ausleseprozesses zumindest insofern nichts, als auch für 2014 das eine oder andere Aha-Erlebnis bei der Kaderzusammensetzung herauskam, sowohl bei den Mitfahrern als auch bei den Daheimbleibenden.

Der aus Sicht der Redaktion sehr ausgewogene Kader setzt einige deutliche Fragezeichen. Insbesondere auf der Torhüterposition betreibt man ein gefährliches Spiel, nachdem zunächst Manuel Neuer (wie übrigens weiter vorne auch Mario Gomez) lediglich en passant und keineswegs explizit genannt wurde, ehe Marc-André ter Stegen, der vermeintlich dritte, dann unter Umständen sogar zweite Mann, in letzter Sekunde Zeile herausgestrichen wurde. Hier dürfte Kamke noch nachbessern (müssen), will er sich nicht allein auf den unerfahrenen Weidenfeller verlassen.

Auch in der Abwehr fehlen einige Namen, fehlt insbesondere ein linker Verteidiger. Kamke ließ sich diesbezüglich zu keinen konkretisierenden Äußerungen bewegen, sodass unter Experten drei Theorien kursieren: entweder wolle der Bundestrainer die in Dortmund bereits erfolgreich praktizierte Dreierkette einführen und sich keinen vierten Mann schnitzen, oder er verlasse sich schlichtweg auf den Umstand, dass in einem Kader mit den Herren Lahm und Großkreutz jede Position von vornherein doppelt besetzt sei. Theorie Nummer drei klingt eher abwegig und lässt sich auch nur schwer in Worte fassen, ließe sich aber möglicherweise mit „Westermann“ umschreiben.

Im Mittelfeld tauchen nicht nur die Langzeitverletzten Sami Khedira und Ilkay Gündogan nicht auf, sondern unter anderem auch Draxler und die Benders sowie, für den einen oder die andere vielleicht ein bisschen überraschend, Kroos und Özil. Kamkes Beratungsgremium hatte ihn von einer etwas anderen Schwerpunktsetzung und insbesondere Altersstruktur überzeugt, die gerade bei einer Weltmeisterschaft den Unterschied ausmachen kann. Anstelle der jungen Leute, die die Fußballwelt verzaubern, aber immer noch nichts gewonnen haben, entschied sich der Bundestrainer neben einem kleinen Bayern-Block (nur eben ohne den als Turniernörgler verschrieenen Kroos) für die alten Fahrensmänner Fabian Boll, Torsten Mattuschka und Mehmet Scholl.

Ganz vorne setzt Kamke ein Zeichen. Entgegen dem Trend, die Spitze auszudünnen, nominierte er erstmals sieben Angreifer – ein Wert, den selbst Erich Ribbeck nicht erreichte. Naturgemäß fehlt angesichts dieser Zahl keiner der üblichen Verdächtigen. Klose ist auf der Liste, Gomez (mit Fragezeichen, vgl. Neuer), auch Kruse und natürlich Kießling, der sich aus Sicht des Beratungsgremiums allerdings etwas verkriechen werde. Eher überraschend sind indes die Nominierungen der Nachwuchsstürmer Volland und Werner, denen nicht nur Kamke selbst eine bemerkenswerte Rolle zutraut, während die Entscheidung für Jürgen Klinsmann unter den urbanen Mythos die Rubrik „Schwächung des Gegners“ fallen dürfte.

Der ungewöhnlichste Aspekt, neben dem frühen Zeitpunkt, war sicherlich die Entscheidung, nicht nur den Spielerkader zu benennen, sondern darüber hinaus auch gleich zwei Schiedsrichter an die FIFA zu melden – auch dies ein möglicherweise beispielloses Vorgehen, das „nicht mit dem fußballkulturellen Code in Einklang zu bringen“ sei, so Kamke, der diesen Begriff wohl irgendwo aufgeschnappt, ihn aber außerhalb des passenden Kontextes verwendet haben dürfte. Er meinte wohl eher das FIFA-Regelwerk, und in der Tat bleibt abzuwarten, ob tatsächlich die Herren Dr. Brych und Stark an den Zuckerhut reisen werden.

Abschließend dankte der Bundestrainer seinem Kompetenzeam für die kreativ-disziplinierte Mitwirkung, „die mit dem Begriff ‚Zuarbeit‘ gewiss nicht angemessen gewürdigt wäre. Vielmehr ist durch die Vielfalt der Beiträge ein Gesamtbild entstanden, das meine kühnsten Erwartungen übertroffen hat und das einzig und allein dem Fachwissen und der Originalität meiner Ratgeberinnen und Ratgeber zu verdanken ist. Ich bin ein bisschen gerührt.

Der Kader im Überblick:

Tor:
Weidenfeller, (Neuer),  ter Stegen

Abwehr:
Boateng, Großkreutz, Hummels, Lahm, Mertesacker, Westermann,

Mittelfeld:
Boll, Götze, Mattuschka, Müller, Reus, Scholl, Schweinsteiger,

Sturm:
Kießling, Klinsmann, Klose, Kruse, Volland, Werner, (Gomez)

Schiedsrichter:
Dr. Brych, Stark

* Wir bitten angesichts der sprichwörtlichen heißen Nadel, mit der der obige Text gestrickt wurde, um Nachsicht für den Fehler, der sich eingeschlichen hat, den wir aber der Authentizität halber unverändert belassen wollen. Tatsächlich handelt es sich nicht um 31 andere Bundestrainer, sondern um 31 Millionen.

zehn/zwanzigdreizehn

Die Haare immer spiegelglatt,
Mit 33 längst nicht satt,
Den Blick stets fest nach vorn,
In Neuers Auge längst ein Dorn –
Denn seine Faust macht alle platt.

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Sie schreibt über Fußball, auch Frisen
und Spätis (meist ohne Sottisen).
Ist sie krank, die Frau Kreuzberg,
gibt’s auch Tweets über Schneuzwerk.
Nebenbei wird der Bruder gepriesen.

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Weitere Adventsfünfzeiler gibt’s im Kalender.

#echtehelden

Mal angenommen, der Torwart der zum gegenwärtigen Zeitpunkt vermutlich besten und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch selbstbewusstesten Mannschaft der Welt kassiert bei einer 3:0-Führung ein Gegentor, dem man mit einer Kategorisierung als „Ehrentreffer“ nach Lage der Dinge nicht unrecht täte. Nehmen wir weiter an, dieser Torwart springt dann mit bemerkenswerter Dynamik nach dem durch das Tor kullernden Ball, um ihn auf keinen Fall dem halbherzig heraneilenden trabenden gegnerischen Angreifer zu überlassen, und fragen uns dann, wie wir das interpretieren sollen.

Ist dieser Torwart einfach nur extrem professionell, quasi ein Führungsspieler, der dem Gegner signalisiert, dass man nicht bereit ist, ihn gewähren zu lassen, ein Leader, der den Mitspielern signalisiert, sich mit dem nötigen Ernst zu wehren? Handelt es sich vielleicht um ein Männlichkeitsritual, eine Reviermarkierung, nach dem Motto: „Ich allein entscheide, wann der Ball mein Tor verlässt“?

Oder ist der Torwart vielleicht überhaupt erst derjenige, der dem Gegner unwillentlich deutlich macht, dass er noch nicht verloren hat oder gar ist, vermittelt er mit seinem im Grunde (und in jedem anderen Fall sich nach einem Gegentor auf den Ball hechtender Torleute) lächerlichen Ball- und Zeitgewinn jenen Anflug eines Zitterns, das der kurz zuvor noch am Debakel schnuppernde Gegner erst als Indiz für eine möglicherweise verbliebene Restchance versteht und das den wankelmütigen Mitspieler in seinem bis dato kaum wahrnehmbaren Zweifel bestärkt?

Nein, nein, ich vertrete nicht ernsthaft die Ansicht, Manuel Neuer sei tatsächlich derjenige, der dem VfB mit seiner zur Schau getragenen Balleroberung im DFB-Pokalfinale wieder Leben eingehaucht habe, und auch nicht, dass seine Mitspieler dieses Zeichen irgendwie gebraucht hätten. Ich finde die Aktion nur bemerkenswert. Ist das ein Reflex? Einfach eine Angewohnheit, sozusagen als Antithese zu dem jugendlichen Helden in Brian Glanvilles „Der Torwart ist eben etwas Besonderes“ (einem Buch, das möglicherweise zurecht niemand kennen dürfte, das ich aber, wie das bei jungen Lesern halt so ist, seit vielen Jahren im Herzen Hinterkopf trage), der sich nach allen Regeln der Kunst vor der Schmach zu drücken sucht, einen Ball aus dem Tornetz holen zu müssen?

Wie auch immer: die Stuttgarter kamen in der Tat zurück, vermutlich neuerunabhängig, und in den Schlussminuten waren sie, nachdem ihr mutiger, zielstrebiger und auch, man höre und staune, meines Erachtens taktisch sehr guter Auftritt der ersten 35 Minuten zu Beginn der zweiten Halbzeit innerhalb weniger Minuten durch zwei ungeschickt verteidigte (wenn auch gut vorgetragene) Aktionen der Bayern vermeintlich wertlos geworden war, recht nah dran, zu Helden zu werden.

Ok, meine Wortwahl wäre das wohl nicht, aber wie ich trotz urlaubsbedingter Medienabstinenz zwischenzeitlich erfuhr, hatte sich das Hashtag #heldenwerden allem Anschein nach zumindest bei Twitter durchgesetzt. Eine Art Motto also, das zwar nicht ganz so schwülstig daherkommt wie die Dortmunder #echteliebe, aber gebraucht hätt’s so was meines Erachtens dann auch nicht. Vielleicht könnte man sich ja zusammentun und im Gedenken an die Erste Allgemeine Verunsicherung #echtehelden intonieren. Da wie dort wie dort gilt: Geschmackssache.

Dass der VfB noch einmal aufkommen konnte, lag naturgemäß in erster Linie an der Münchner Überheblichkeit. Den Gedanken, man könne angesichts der deutlichen Führung seinen Torgaranten auswechseln und die, äh, zweite Reihe ausprobieren, hätte ich gerne noch ein wenig härter bestraft gesehen. Daneben möchte ich, bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Zeilen, Bruno Labbadia ein Lob zollen, und das auch noch doppelt: Okazaki brachte (für mich recht überraschend) tatsächlich nicht nur den viel zitierten frischen Wind, sondern auch Gefahr: seine Beteiligung am Anschlusstreffer kam nicht von ungefähr.

Und dass Gotoku Sakai tatsächlich flanken kann, wenn er mal auf links ran darf, wussten wir zwar alle seit der Vorsaison; umso schöner, dass es nun auch dem Trainer zugetragen wurde – und dass er dem Rechnung trug. Bezeichnend dann allerdings auch Sakais Ecke von rechts. Mit rechts. Ins Toraus. Kurz vor Schluss. Im Pokalfinale.

Abseits rein sportlicher Aspekte haben mir die Finalspiele der letzten beiden Samstage eines ungewohnt deutlich vor Augen geführt: Siegerehrungen sind eine großartige Sache!

Nun mag der eine oder die andere entgegnen, dass dem nur so sei, wenn man die siegreiche Mannschaft unterstütze, oder auch, dass dem nicht einmal dann so sei und dass ich ohnehin ziemliche Sülze von mir gebe. Dem kann ich insofern zustimmen, als ich selbst auch kein großes Vergnügen aus der Übertragung von Siegerehrungen ziehe. Eigentlich. Sie haben aber einen sehr angenehmen Nebeneffekt: jene halbe Stunde, die vom Abpfiff bis zum Ende der Siegerehrung gut und gerne vergeht, gibt allen Beteiligten genügend Zeit, ihr Mütchen ein wenig zu kühlen und dann mit der nötigen Souveränität die Nachberichterstattung anzugehen.

Erstes bemerkenswertes Beispiel war für mich in dieser Hinsicht Roman Weidenfeller (die geneigte Leserin weiß vielleicht, dass ich nicht zum engeren Zirkel der Weidenfeller-Sympathisanten zähle) nach dem Champions-League-Finale, und Jürgen Klopp stand ihm darin kaum nach. Völlig überraschend gelang es in der Woche darauf auch einem Protagonisten der hiesigen Abteilung Attacke, Fredi Bobic, dem siegreichen Gegner souverän zu gratulieren und gleichzeitig die starke Leistung der eigenen Mannschaft zu würdigen, dabei sogar ein paar kleine Spitzen zu setzen, ohne aber seinen Freund, den Dampfhammer, auszupacken. Chapeau.

Letztlich waren nach dem Pokalfinale, etwas überraschend, die Siegerinterviews kontroverser, zumindest teilweise. Selbst Philipp Lahm machte zwischen den obligatorischen Streicheleinheiten für seine Frisur dem Interviewpartner erstaunlich deutlich deutlich, dass er keine Lust hatte, sich mit dessen kritischer Analyse zu befassen – wofür ich eine Menge Verständnis habe. Interessant auch, wie scharf Arjen Robben nach wie vor reagiert, wenn er auf die Pfiffe zu Saisonbeginn angesprochen wird. Auch diese offenbar recht tief sitzende Verletztheit verstehe ich sehr gut, obschon ich mir nicht sicher bin, ob es nötig war, den Fans so deutlich ins Stammbuch zu schreiben, dass letztlich nur die Leute für ihn zählen, mit denen er tagtäglich zusammenarbeitet.

Völliges Unverständnis hat indes Karl-Heinz Rummenigges Versuch bei mir ausgelöst, seine hinlänglich dokumentierte 1,8-Promille-Aussage als fehlinterpretiert darzustellen. Kürzlich hatte ich, übrigens auch hier im Einklang mit dem ungewohnt milden (präsidialen?) Fredi Bobic, bereits geschrieben, dass mich jener Satz eher kalt gelassen hat. Rummenigge war im Überschwang, er wollte die Gäste ein bisschen animieren, seine rhetorische Brillanz tat das Übrige, da kommt dann halt auch mal so was raus. Mir recht egal.

Dass er dann aber nicht in der Lage ist, eine Woche später etwas zu sagen wie „Mei, da hab ich mich in meiner Begeisterung ein wenig vergaloppiert, es war halt ein Spruch, nehmen Sie das doch nicht so ernst„, oder meinetwegen auch nur „Ach, jetzt brauchen wir doch nicht die Sprüche von letzter Woche rauskramen„, oder, mein persönlicher Favorit, „Wieso? Wir haben doch Wort gehalten!„, sondern dass er stattdessen ernsthaft versucht, die Zuhörer der Fehlinterpretation zu bezichtigen, empfinde ich als ein wenig beschämend. Ich bitte zu Protokoll zu nehmen, dass ich mir in diesem Moment gewünscht hätte, Franz Beckenbauer an seiner statt am Mikrofon zu sehen.

Zurück zum Spiel? Ach, eher nicht. Es ist alles gesagt. Der VfB stellte sich geschickt an, begann gut, schwächelte dann ein wenig, drohte kurz unterzugehen, rappelte sich auf, brachte die Bayern in Verlegenheit, verlor aber, und ging erhobenen Hauptes vom Feld. Bzw. er tat es nicht, der Enttäuschung wegen, hätte es aber tun können.

Genug. Sähe man sich die gängigen Statistiken an, dürften recht deutliche Ballbesitz-, Ecken- und bestimmt auch Foulwerte zu verzeichnen sein; einzelne weniger weit verbreitete Zahlen finden sich nachfolgend:

Gesprächsminuten mit Manuel Gräfe
1. Bastian Schweinsteiger 31
2. Thorsten Schiffner 12
3. Guido Kleve 11
Mit grimmiger Miene verbrachte Spielminuten
1. Martin Harnik 90
2. Matthias Sammer 55
3. Mario Gomez 29
Direkte Zuspiele zum Gegner
1. Vedad Ibisevic 12 (95 %)
2. Bastian Schweinsteiger 11 (9,5 %)
3. Sven Ulreich 10 (49,5 %)
(Produktive) Kabinettstückchen mit Ball (Gefühlt.)
1. Thomas Müller 7
2. Alexandru Maxim 6
3. Andere 2
Elfmeterreife Vergehen
1. Serdar Tasci 1
2. Ibrahima Traoré 0
3. Jérôme Boateng 0

 

Da Roppn spielt an Seich!

Mir doch egal, wer da gewinnt, dachte ich. Ein schönes Spiel soll’s halt werden, dachte ich. Gerne vier zu drei oder so, dachte ich, ohne Elfmeterschießen, versteht sich.

Und gleichzeitig wusste ich, dass mir irgendwas einen Strich durch die Rechnung machen würde. Irgendein herkunftsloses Gefühl, das mir sagen würde, welcher Mannschaft ich die Tore gönne und welcher nicht. Bis vor ein paar Jahren hätte sich die Frage im Grunde nicht gestellt. Zu sehr konnte ich Dortmund so gar nicht leiden, zu groß war im Vergleich dazu meine Grundsympathie für die Bayern. Das hatte sich in den letzten Jahren geändert, dem Dortmunder Fußball sei Dank, dem Dortmunder Trainer sei Dank, und noch vor einem Jahr hätte ich den Sieg wohl ohne lang zu überlegen den Gelben gegönnt.

Nun indes, nach den jüngeren Münchner Entwicklungen, wusste ich schlichtweg nicht, was ich wollte. Wie bereits gesagt. Ein schönes Spiel sollt’s halt werden, gerne vier zu drei oder so, ohne Elfmeterschießen, versteht sich. Aber ich wusste ja, dass mir irgendwas einen Strich durch die Rechnung machen würde. Nur: dieser Strich war ein ganz anderer als der, den ich erwartet hatte.

Er war mir zu, wie soll ich sagen, destruktiv. Oder, positiver: mitfühlend. Jedes 4:3 oder 3:4 oder meinetwegen auch 4:4, dann halt doch noch mit Elfmeterschießen, setzt voraus, dass irgendwann einer in Führung geht. Dumm nur: ich wollte das nicht.

Jenes irgendwas, das mir sonst im Grunde bei jedem Spiel, und sei es irgendein Kreisklassenkick, den ich eher zufällig zu sehen bekomme, unmissverständlich signalisiert, wessen Tore gut und wessen Tore böse sind, verweigerte mir am Samstag die Kooperation. Egal wer eine Chance hatte, an deren Entstehung ich mich erfreute: das Irgendwas sagte: „Nein. Bitte kein Tor jetzt!“

Dass es zunächst in erster Linie Dortmunder Tore verhinderte, lag in der Natur der Sache dieses Spiels. Der Druck, den sie auf die Bayern ausübten, beeindruckte mich im selben Maße wie mich deren Unfähigkeit, sich davon zu befreien, entsetzte. Ich war begeistert von ihren Ballgewinnen, von der Rasanz und Stringenz, mit der sie dann in Richtung Neuer eilten – um sogleich den Torerfolg, den Rückstand für die Bayern zu fürchten.

Als rot dann irgendwann mitspielte, ergab sich dasselbe in grün. Gelb. Wie auch immer. Tolle Flanke von links, Mandzukic macht alles richtig, mal wieder, aber der Ball soll doch bitte nicht rein! Oder Robben gegen Weidenfeller, den ich nun wirklich nicht leiden mag, und dem ich wohl nie mehr so sehr wie am Samstag wünschen werde, Auge in Auge mit dem Stürmer siegreich zu bleiben, von mir aus auch einfach angeschossen zu werden.

Später dann dieser laut vernehmliche Zungenschnalzer ob Ribérys Zuspiel auf Robben und die gleich folgende Erleichterung, dass jener ihn nicht so ideal mitgenommen hat. Um dann doch noch die Kurve zu bekommen, und siehe da (Mist!): der Führungstreffer! Jetzt aber los, Ihr Gelben, gleicht aus, flott, flott!

Hat dann ja auch geklappt. Was die Bayern, die längst Herr im Hause waren, aber was heißt das schon in einem Champions-League-Finale, ein wenig wütend und vor allem noch entschlossener werden ließ. Als dann jedoch selbst Müller vor dem leeren Tor in ungeahnter Halbherzigkeit nicht recht zu wissen schien, ob er den Ball selbst über die Linie schieben oder doch lieber den Kollegen Robben anspielen soll, war ich fast geneigt, daran zu glauben, dass mein Irgendwas irgendwo erhört worden sei und man sich im Morgengrauen auf ein Unentschieden einigen werde.

Dies (also unmittelbar nach Müllers Chance und Subotics Rettungstat) war übrigens auch der Moment, in dem ich die Beherrschung verlor. Lange genug hatte ich, und nicht nur ich, schweigend über mich ergehen lassen, wie ein glühender Bayernfan, der zufällig am Nachbartisch saß und sich offensichtlich bereit erklärt hatte, für den kleinen, heterogenen und völlig zufällig zusammengewürfelten Haufen, der keine andere Wahl gehabt hatte, als sich vor dieser Leinwand zu versammeln, den Steffen Simon zu geben, den Steffen Simon gab. Oder irgendwas Ähnliches.

Von der ersten Minute an beschimpfte er seine Bayern, selten aggressiv, meist eher resigniert, was man noch recht belustigt hätte zur Kenntnis nehmen können, zumal das bairische Idiom die Kanten ein wenig abrundete. Bitter war indes sein zur Schau getragener Pessimismus, der sich meist so ausdrückte, dass das Eindringen der Dortmunder in das Münchner Verteidigungsdrittel – und sie waren häufig dort – in schöner Regelmäßigkeit von einem prophetisch überzeugenden „1:0. Jetzt ist es soweit!“ in vielfältigen Variationen begleitet wurde; auf das unvermeidliche „Da schau hi!“, das jede einzelne Unachtsamkeit der Bayern nach sich zog – und es gab nicht so wenige davon – will ich gar nicht weiter eingehen.

Einen besonders schweren Stand hatten, nun ja, im Grunde alle, aber noch besonderer war es bei Schweinsteiger und beim Roppn, wenn ich ihn recht verstanden habe. Ein Schelm übrigens, der einen Bezug zum Vorjahr herstellt. Beim Roppn war nach seinen vergebenen Chancen schon früh Hopfen und Malz verloren. Da ich dies beim Kommentator ähnlich empfand, sparte ich mir auch den vorsichtigen Hinweis, es komme möglicherweise nicht von ungefähr, dass gerade Robben derjenige sei, der mit wenigen Ausnahmen überhaupt in torgefährliche Situationen komme. Vergeben Liebesmüh, sagte ich mir. Noch.

Als dann also Müller den Ball nicht ins leere Tor geschoben, sondern irgendwohin in das (geometrisch womöglich nicht ganz saubere, wohl aber gefühlte) Dreieck Torlinie-Robben-Subotic gepustet hatte, und als Robben dann erst Sekundenbruchteile nach Subotic am Ort des Geschehens war, und als man sich zugegebenermaßen überlegen konnte, ob, sagen wir, Ulf Kirsten an Robbens Stelle möglicherweise einen Tick energischer herangerauscht und samt Ball und Subotic ins Tor gerutscht wäre, und als unser Kommentator, außer sich vor irgendeinem schwer zu definierenden Gefühl, seine Zuhörer zum wiederholten Male wissen ließ, was der Roppn doch für an Seich spiele, konnte ich nicht anders, als ansatzweise energisch darauf hinzuweisen, dass der Müller halt einfach den Ball ins Tor schießen solle, dann müsse man sich nicht über den Roppn echauffieren. (Gleichzeitig dankte ich Müller im Stillen dafür, dass er es nicht getan hatte – es schien absehbar, dass Dortmund nach einem Rückstand eher nicht mehr ins Spiel zurück finden würde.)

Die gemurmelte, nicht zustimmende Reaktion verfing sich ein wenig in seinem Schnauzer, seine Frau, der zuvor nicht verborgen geblieben war, wie ich gelegentlich die Augen verdrehte, raunte ihm etwas zu, und ich bilde mir zumindest ein, dass es danach wesentlich besser war. Was natürlich auch ein bisschen daran liegen mag, dass seine Mannschaft halt auch wesentlich besser war. So gut, dass irgendwas in mir mittlerweile fast soweit war, einen etwaigen Münchner Treffer zu begrüßen. Fast. Tatsächlich freute ich mich noch in der 85. Minute gemeinsam mit meinem Sitznachbarn, dass die Verlängerung nun doch in greifbarer Nähe war. Tja.

Und dann kam der Moment, dessentwegen ich Abbitte leisten musste. Bei Jupp Heynckes. Ich weiß nicht, wie oft ich im Lauf der zweiten Halbzeit den Kopf geschüttelt hatte ob seiner Entscheidung, Boateng auf dem Platz zu lassen, einen angeschlagenen Innenverteidiger, den ich mir in keinem Laufduell mehr vorstellen konnte (vielleicht wusste der Trainer einfach, dass sich angesichts der nun geltenden Kräfteverhältnisse keines mehr ergeben würde), und der nun den langen Ball schlug, der die Entscheidung einleitete. Und wiederum hatte Ribéry einen extrem lichten Moment, und wiederum war es der Roppn, der dankend annahm und diesmal selbst, und zwar in ganz großer Manier, vollendete – um so die beiden Seelen in meiner Brust gleichermaßen aufheulen und jubilieren zu lassen.

Großer Sport, all das. Irgendeine ausländische Zeitung wurde, wenn ich mich recht entsinne, dahingehend zitiert, dass alle, restlos alle Spieler auf den Schultern vom Platz getragen gehört hätten. Dem schließe ich mich vollumfänglich an.

Und möchte abschließend noch einen Gedanken weitertragen, den mir ein Freund am Tag danach per SMS zukommen ließ. Sinngemäß sagte er, er habe bisher Verständnis gehabt für die verbreitete Argumentation, Doping bringe im Fußball nichts. Die Dortmunder Anfangsphase habe ihm indes eines vor Augen geführt: wenn alle 90 Minuten laufen könnten wie einst Johann Mühlegg, dann beherrschen sie das Spiel. Dann hätten, um den Gedanken weiterzuführen, die Bayern 90 Minuten lang die eigene Hälfte nicht verlassen.

Natürlich hinkt das irgendwo, natürlich muss man sich vor Augen führen, dass die Fitnessunterschiede letztlich immer nur kurzzeitig groß sein können, weil ziemlich rasch auch alle anderen besser trainieren oder ähnlich leistungsfähige Apotheker ausfindig machen, und dann möglicherweise auch weiter fortgeschrittene fußballerische Strategien zur Anwendung bringen können. Aber ich (als jemand, der Fußballdoping schon länger für relevant hält) finde es sehr wohl bemerkenswert, dass dieses eine Spiel, ein zweifellos großartiges Spiel, jemanden dazu bringt, seine Grundhaltung zu Doping im Fußball anzuzweifeln. (Und nein, er ist weder Gelegenheitsfußballfan noch jemand, der das Spiel nicht verstanden hat.)

Eine Konsequenz übrigens, die der SMS-Schreiber en passant in den Raum stellte: dass „Langholz“ wieder salonfähig wird, wenn der Druck der Presser immer weiter zunimmt. Ich dachte kurz darüber nach, in meiner Antwort darauf hinzuweisen, dass die Bayern keinen Lothar Matthäus mehr in ihren Reihen haben, der diese zentimetergenauen langen Bälle spielen könne, um dann gerade noch rechtzeitig an Boateng zu denken. Und an Heynckes. Und daran, wie wenig ich von modernem Fußball verstehe.

Pflichtgelb!

Käme ich aus irgendeinem Grund in die Verlegenheit, eine Antwort auf die Frage geben zu sollen, welcher Bundesligaspieler bei mir die stärksten Begeisterungsstürme auslöst, dann wäre Mario Götze zweifellos in der allerengsten Auswahl. Was vermutlich nicht in den Ruch einer exklusiven Meinung geraten dürfte. An Superlativen mangelt es nicht, an Vergleichen mit Größen von gestern und heute ebenso wenig, und wer ihm ein Weilchen zusieht, hat nicht nur – so er oder sie sich der Schönheit des Spiels verschrieben hat – ein bisweilen recht widerstandsfähiges Lächeln auf den Lippen, sondern vergisst auch gerne mal, dass er (oder noch immer auch sie) einem 20-Jährigen zusieht, der sich seiner überragenden Fähigkeiten sehr wohl bewusst ist, sie aber in den seltensten Fällen um ihrer selbst willen einsetzt, sich eben nicht an sich selbst berauscht, sondern diese Fähigkeiten bemerkenswert zielstrebig in den Dienst seiner Mannschaft stellt.

Vermutlich ist es in ganz besonderem Maße die Neigung (und die Fähigkeit), einfache Lösungen zu wählen, die mich an seinem Spiel begeistert. Ob das nun daran liegt, dass die Lösungen tatsächlich so einfach, mitunter schlicht sind, oder eben doch daran, dass sie nur dem Ausnahmespieler leicht fallen, nur von seinesgleichen auf das Notwendige reduziert umgesetzt werden können, der zudem weiß, dass seine Geniestreiche (sic!) nicht mit Schleifchen oder sonstigem Beiwerk verziert zu werden brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten.

Mir ist klar, dass diese Einschätzung beim einen oder der anderen Widerspruch hervorrufen muss. Zu außergewöhnlich wirkt Götzes Spiel mitunter, zu spektakulär sind die Aktionen, an denen er häufig entscheidend beteiligt ist, auch wenn es nur eine Reihe von Flachpässen ist, die gerade wegen ihrer Einfachheit … oh, da habe ich mich verrannt. Ernsthaft: natürlich hat er spektakuläre Einzelaktionen drauf, und auch drin, in seinem Spiel. Die beeindrucken mich dann auch.

Nachhaltiger wirken auf mich indes die kleinen Aktionen, wie jener rasche Querpass an der Außenlinie, der in seinem ersten (?) Länderspiel dem Mitspieler unvermittelt einen riesigen, mir selbst bis dahin komplett verborgenen Raum eröffnete. Dass ich Sekundenbruchteile später an Uwe Bein und jene kurze Ballstafette zurückdachte, die sein linker und sein rechter Fuß im Stand vollführten, um dann den Mitspieler mit einem schnöden Dreimeterpass allein in Richtung Tor zu schicken, ist gleichermaßen hoch gegriffen wie, aus meiner Sicht, angemessen.

Und dabei bin ich noch nicht einmal darauf eingegangen, wie souverän ich ihn abseits des Spielfeldes wahrnehme. Ohne den Müller’schen Schalk, gewiss, aber eben auch ohne die Standardplattitüden, die wir alle kennen. Einfach wie ein ernsthafter und nicht ganz auf den Kopf gefallener junger Mann, der zufällig ungewöhnlich gut Fußball spielen kann.

Genug der Lobhudelei. Die nicht dazu dienen sollte, die Fallhöhe zu maximieren – zum einen liegt es weder in meiner Macht, ihn zu erhöhen noch ihn fallen zu lassen, zum anderen will ich ihn keineswegs fallen sehen. Es ist nur so, dass ich ihn manchmal nur ganz schwer ertragen kann. Zunehmend häufig, um genauer zu sein. Was wenig bis nichts mit den Schlagbewegungen zu tun hat, die er Georg Niedermeier am vergangenen Sonntag nicht nur in der einen, öffentlich ausführlich diskutierten, Szene Mitte der zweiten Halbzeit angedeihen ließ, sondern eben auch schon, so meine Wahrnehmung in Echtgeschwindigkeit, in der ersten Hälfte. Nicht schön, eher ärgerlich; allerdings habe ich angesichts dessen, was er häufig einstecken muss, einiges an Verständnis dafür übrig. Weitere kleine Schwäche meinerseits.

Dass er mich mitunter furchtbar nervt, hängt auch nicht damit zusammen, dass er ein wenig Gefahr zu laufen scheint, gelegentlich seinen beiden Vorturnern an und auf der Linie nachzueifern – wobei „auf“ der Linie insofern nicht so ganz stimmt, als der Dortmunder Torwächter seine Mission, bei jedem Pfiff des Schiedsrichters mindestens dreißig Meter aus dem Tor zu stürzen, in aller Konsequenz umsetzte. Kann man natürlich machen; mir war’s eher unsympathisch. Was aber, so ehrlich will ich gerne sein, daran liegen mag, dass ich Roman Weidenfeller noch nie mochte. Schon damals in Kaiserslautern war er stets etwas mehr Gerry Ehrmann, als ich für angenehm und angemessen hielt, und im Lauf der Jahre blieb er für mich, insbesondere abseits des Platzes, das Gesicht jener Torwartschule, mit bekanntem zwischenzeitlichem Tiefpunkt.

Was übrigens nichts daran ändert, dass er ein vorzüglicher Torwart ist. Wie er den Kopfball von Niedermeier (?) gleich zu Spielbeginn von der Linie wischte, nötigte mir großen Respekt ab. Wie übrigens auch das Spiel des VfB, den ich spielerisch seit langem nicht so gut, nicht so vielseitig sah wie gegen Dortmund – woran Alexandru Maxim nicht ganz unschuldig war. Auch seine Mitspieler machten deutlich, dass sie, dass wohl auch der Trainer es ernst gemeint hatte mit der Ankündigung, wieder besseren Fußball spielen zu wollen. Dass sie dabei mit der nötigen Aggressivität aufgetreten sind, begrüße ich. Dass sie dabei gelegentlich mit unnötiger Aggressivität aufgetreten sind, missfiel mir. Missfiel mir übrigens auch, obschon seltener gesehen, bei Dortmundern.

Doch zurück zu den Stuttgartern und ihrem fußballerisch unerwartet guten Auftritt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, es könnte ihnen ähnlich gegangen sein wie mir. Wie es mir ging? Nun, ich fühlte mich, wie soll ich sagen, gelöst. Ja, gelöst trifft es wohl am besten. Natürlich ist das Problem mit dem Kopf und dem Gestank noch nicht gelöst, und zweifellos ist Herrn Professor Hundt zuzutrauen, den VfB in der Präsidentenfrage von der Traufe in die Traufe zu führen; meine Stimmung hat sich im Lauf der Vorwoche gleichwohl extrem verbessert, möglicherweise könnte man von einer Art Aufbruchstimmung sprechen, bei mir, und vielleicht auch bei den Spielern. Wollen halt auch nicht ständig angeblafft werden. (Was in diesem Fall nichts mit Herrn Weidenfeller zu tun hat.)

Ob der VfB wirklich so gut war, wie ich glauben will, weiß ich nicht so recht. Die Vereinsbrille vernebelt dann ja doch ein wenig den Blick. Möglicherweise war es auch ihr geschuldet, dass ich Niedermeiers gelbe Karte für falsch hielt. Wie übrigens auch der kicker, den ich aber nicht als Kronzeugen aufführen möchte, sondern lediglich als eine Stimme unter vielen, einer gewissen Ausgewogenheit wegen – die anderen, kritischeren, waren laut genug zu hören und zu lesen. Vielleicht lag es auch an jener roten Brille, dass ich mich so furchtbar über die Einwurfentscheidung echauffierte, die das 0:1 ermöglichte. Oder darüber, dass das taktische Foul gegen Harnik, der rechts durch gewesen wäre, keine Verwarnung nach sich zog. Seriös beurteilen konnte ich die Situation natürlich nicht, zu weit war ich entfernt vom Geschehen.

Genauso wenig übrigens, wie ich Santanas Handkontakt im Strafraum seriös beurteilen konnte (und kann, ich habe kaum Spielszenen auf dem Bildschirm gesehen) – dass daraus indes unmittelbar die zweite spielentscheidende Situation zu Ungunsten des VfB folgte, nämlich Niedermeiers Platzverweis, war für den gemeinen Heimfan sehr bitter: kein Elfmeter, dafür ab sofort zu zehnt. Weswegen wir bereits in der Stadtbahn, vergebens, nach Spielberichten suchten, in denen deutlich würde, wie übel Deniz Aytekin dem VfB mitgespielt habe.

Nun denn. Die Schlagzeilen waren andere. Mit Marcel Schmelzers Nase als Aufhänger. Was meines Erachtens bereits einiges über die Seriosität der Betrachtung aussagt. Natürlich sah die Szene übel aus, natürlich war sie für Marcel Schmelzer bitter, natürlich war es ein Foul, natürlich ist es Unsinn, Martin Harnik Böses bis hin zu einer Verletzungsabsicht zu unterstellen.

Dass selbst der von mir sehr geschätzte Jürgen Klopp seine Überhärtethese anhand dieser Szene zu exemplifizieren sucht, überrascht mich. Um es neutral auszudrücken. Enttäuschung ist so ein großes Wort.

An dieser Stelle möchte ich dann doch noch, vermutlich erstmals (?) in diesem kleinen Internettagebuch, explizit den kicker zitieren, der zwar die fast schon kloppeske Überschrift „Jagdszenen in Stuttgart“ wählte, sich dann aber doch angenehm sachlich mit der Materie, konkret: den ins Feld geführten Dortmunder Verletzungen, auseinandersetzte:

„Geht man die Blessuren im Einzelnen durch, relativiert sich aber einiges. Schmelzer war beschrieben, auch Santana litt unter einem Zweikampf mit Harnik. Ein harmloser Luftkampf ohne Ellbogeneinsatz. […] Die anderen Drei haben für ein Bundesligaspiel keine außergewöhnlichen Blessuren.“

Ja, es war ein intensives Spiel. Das mich offensichtlich noch immer beschäftigt, ungeachtet der Geschehnisse der letzten Tage. Verrat, Todesstrafe, Kreuzigung, Auferstehung, Familiengespräche, Kuchen, und doch steht da nach wie vor die Aytekinfrage im Raum. Oder die Harnikfrage, der Santanazweifel, das Niedermeierausrufezeichen, die Artenschutzdebatte. Dabei wollte ich doch eigentlich nur sagen, warum ich Mario Götze nicht mehr zusehen mag. Nicht mehr zusehen kann, um genau zu sein. Ungefähr so, wie es mir stets schwerfiel, ein Interview mit Dietmar Hamann anzusehen. Wahrscheinlich ist das nicht fair, möglicherweise sind die dahinter stehenden medizinischen Ursachen nicht lustig. Bei Hamann, meine ich; bei Götze vermag ich es erst recht nicht zu beurteilen.

Sie wissen, was ich meine, nicht wahr? War hier ja vor einigen Monaten auch schon mal Thema:

„Wieso zupft Mario Götze so häufig sein Trikot zurecht? Ich kenne das so bisher nur von Frauen, die etwas zu kurze Röcke tragen. Oder von mir, wenn ich das Gefühl habe, aus einem Shirt herausgewachsen zu sein.“

Offensichtlich begegnete ich Götzes Tick im November noch wesentlich entspannter. Heute bin ich ungefähr so sensibilisiert wie für Bruno Labbadias „brutalst [engen Kader, starken Gegner, suchen Sie sich was aus]“, Fredi Bobics „Demut“ oder meinetwegen auch Karl-Heinz Rummenigges „am Ende des Tages“. Und ebenso nachsichtig. Also gar nicht.

Weswegen ich plane, mich demnächst an die internationalen Fußballverbände zu wenden, um anzuregen, dass Trikotziehen künftig konsequenter geahndet werden möge: Pflichtgelb!

Würde mich doch sehr wundern, wenn Götze nicht spätestens nach der dritten gelb-roten Karte damit aufhörte. Dumm nur, dass ich am Samstag kurz vor der Pause auch Marco Reus dabei erwischte. (Man entwickelt halt irgendwann ein Auge dafür.)

Fußballwochenende. Ein Zwischenruf Bericht.

So ein Fußballwochenende ist ja mehr als nur 90 Minuten Fußball. Oder zweimal 90 Minuten. So ein Fußballwochenende beinhaltet eine angemessene Vorbereitung, wunderbare Gesellschaft, ausgefuxxte Fachsimpeleien und manches mehr. Mein jüngstes Fußballwochenende hatte all das. Es hatte zudem etwas ziemlich, wie soll ich sagen, Unparteiisches: beim ersten Spiel war ich mehr oder weniger neutraler Beobachter, beim zweiten hatte ich das, was man leicht überhöht einen journalistischen Auftrag nennen könnte, der meinen parteiischen Ansatz ein wenig konterkarierte.

Der Reihe nach. Am vergangenen Freitag hatte ich das Vergnügen, der Partie zwischen den beiden anderen Vereinen der zweiten Liga beizuwohnen. Sie wissen schon, die, die anders sind, die ihr Stadion selbst gebaut haben auf der einen und die ihre bundes-und-darüber-hinaus-weiten Fans zu Rettern machten auf der anderen Seite. Bösartige Menschen würden von Kultvereinen sprechen. Wohlmeinende Menschen häufig auch, müssten sich aber die Frage gefallen lassen, wie wohlmeinend das beim 1. FC Union Berlin und beim FC St. Pauli (das „von 1910“ habe ich mir geschenkt, Namenspuristen mögen es mir auch in diesen Zeiten verzeihen) ankommt.

Ich bin für sowas ja in einem gewissen Rahmen durchaus anfällig. Für Vereine, oder deren Fans, die versuchen, ihre Identität und ihre Ideale zu bewahren, und es vielleicht auch ein Stück weit schaffen. Vereine und ihre Anhänger, die an der einen oder anderen Stelle an das gallische Dorf erinnen, ob sie nun damit kokettieren oder nicht, die eben tatsächlich das Stadion selbst umbauen oder eine explizit politische Fanszene haben, die auf dumpfes „Sieg“-Gebrüll verzichten (so es denn gelingt), die meinetwegen auch, um von den genannten Beispielen ein Stückchen wegzukommen, lauter radfahrende Studenten im Kader haben. Wenn ich sage, ich sei anfällig, dann meine ich, dass ich eine gewisse Grundsympathie entwickle, die in der Regel ungefähr so lange hält, bis man den Eindruck gewinnt, das Image verselbständige sich zu sehr, oder wie auch immer man es ausdrücken mag, wenn alles nur noch Kult ist und nichts mehr, oder zumindest viel zu wenig, Fußball.

Wie glaubwürdig so ein Image abseits des Sportlichen letztlich ist, hängt wie so oft an Menschen. An den Vereinsverantwortlichen, ein Stück weit, aber nicht nur. Es sind in nicht zu vernachlässigendem Maße andere Menschen, die letztlich das Image eines Vereins transportieren, die es vielleicht auch begründen. Menschen, die einem vermitteln können, warum sie „ihren“ Verein so lieben (ja, lieben), ohne überhaupt explizit sagen zu müssen, dass sie ihn lieben, und ohne dabei zu klingen wie eine mehr oder weniger gut gelungene Adaption von Nick Hornby. Mir scheint, Matti Michalke ist so einer. Dabei habe ich ihm nur ein paar Minuten zugehört. Am Freitag, ein paar Stunden vor dem Spiel zwischen Union und St. Pauli (ja, ja, Namenspuristen), in der Eisernen Botschaft, einem Etwas, das zum einen ein Fanclub, zum anderen dessen Clubraum, zum dritten ein Ausstellungsraum ist, und noch einiges mehr, was Steffi vom Textilvergehen schon vor vielen Monaten in viel mehr Worten als ich viel deutlicher auf den Punkt gebracht hat, noch dazu viel schöner und kenntnisreicher. Zurück zu Matti Michalke. Er führte uns, ein kleines Häufchen aus Fans beider Seiten oder, vielleicht auch und, des Fußballs im Allgemeinen, durch diese Eiserne Botschaft. Er war witzig, in anderem Kontext würde man vielleicht Parallelen zu einem Conférencier herausarbeiten, er war informativ, selbstironisch, manchmal schnoddrig und stets liebevoll, ganz besonders dann, wenn er Geschichten von alten Unionern zum Besten gab, oder von neuen oder jungen, Geschichten, die vielleicht gar nicht besonders lustig waren, zumindest nicht für die Betroffenen, und die doch so viel Respekt für die Protagonisten vermittelten, auch wenn man mal über sie lacht.

Nein, ich möchte Matti Michalke nicht heiraten. Dafür kennen wir uns dann doch zu kurz. Haben noch nicht einmal miteinander gesprochen. Und meine Spende war nun auch wieder nicht so groß (der einheimische Begleiter hatte mir keinen Geldautomaten vermitteln können), dass man sie als Mitgift ansehen könnte. Aber ich erlebte zweifellos eine bemerkenswerte halbe Stunde in der Eisernen Botschaft.

Wie ich dahin kam? Nun, das lag an anderen Menschen, deren Liebe zu Union man … und so weiter. Textilvergeher und Textilvergeherinnen, Sie wissen schon, nicht zum ersten Mal (wer echte oder vermeintliche Widersprüche entdeckt, hat auf den ersten Blick vielleicht recht). Der werte Herr @saumselig hatte ein Rundum-Sorglos-Paket arrangiert, inklusive historischer S-Bahn-Rundfahrt, Köpenicker Stadtrundgang mit Frau @rudelbildung und dem wunderbar allzeitgegenwärtigen @keanofcu, den @hoenower durfte ich auch erneut treffen, und erneut zu kurz. Nur das Treffen mit Frau @unrund kam quasi ungeplant zustande. Schön, das.

Genug des Namedroppings. Soll ja auch um Fußball gehen. Und um dieses wunderbare Stehplatzstadion, von dem wir gerüchteweise nicht wissen, wie es in wenigen Wochen oder Monaten heißen wird, und das ganz ohne Fankarte einen reibungslosen Wurstverkauf garantieren kann. Voll war’s an der Alten Försterei. Und angenehm, trotz einzelner Becherzweckentfremdungen, angesichts zweier Vereine, deren Fans nicht zu den üblichsten Verdächtigen zählen, wenn es um Ausschreitungen geht, und die nach meinem Eindruck auch nur halbherzig dementieren, wenn ihnen eine gewisse Seelenverwandtschaft nachgesagt wird. Schön gesungen haben sie, auf beiden Seiten, auch wenn ich, soviel Ehrlichkeit muss sein, die Einheimischen bei meinem ersten Besuch als sangesstärker und standardliedgutferner wahrgenommen hatte. Ersteres hatte zur Folge, dass der junge Mann hinter mir mehr Zeit zum Meckern hatte. Mir wär’s ja gar nicht so aufgefallen, aber sowohl er selbst als auch mein Nebenmann wiesen mich recht früh auf das hin, was mich erwarten würde. Sodass ich es dann doch wahrnahm. Angenehm unschwäbisch war’s.

Bemerkenswert war, nicht nur bei ihm, die lautstarke Schiedsrichterschelte allenthalben, als Mosquera möglicherweise elfmeterreif zu Fall gebracht wurde kam. Dass er vor dem Zweikampf alle Zeit der Welt gehabt hätte, den Ball quer auf Christopher Quiring zu spielen, der sich dann schon sehr ungeschickt hätte anstellen müssen, um nicht zu vollenden, trat indes völlig in den Hintergrund. Überhaupt, Quiring: Er allein brachte die Abwehr des FC St. Pauli in der ersten halben Stunde mehrfach in Verlegenheit, bis sich Jan-Philipp Kalla auf ihn eingestellt hatte und dann auch nichts mehr anbrennen ließ. Womit das Offensivspiel der Berliner quasi beendet war, da auch Parensen auf der anderen Angriffsseite nach einem ersten Strohfeuer kaum mehr Zug nach vorne entwickelte. Anders gesagt: in der ersten Hälfte wirkte St. Pauli defensiv ein wenig ungeordnet, doch Union schlug daraus kein Kapital. Danach setzten sich nicht nur die individuellen Stärken der Gäste durch, sondern auch der erfolgreiche Ansatz, der mit hüftsteif nicht sonderlich ungerecht beschriebenen Union-(Innen-)Verteidigung ein paar bewegliche und flexible Offensivspieler entgegen zu stellen (bzw. eher laufen zu lassen als zu stellen). Bartels, Kruse, Naki und auch Bruns wechselten häufig die Positionen, die Abwehr ließ sich herausziehen und öffnete der Gästeoffensive, die sich beim Nutzen der Gelegenheiten dann aber nicht mit übertrieben viel Ruhm bekleckerte, die Korridore für einfache Bälle in die Tiefe.

Die Unionanhänger um mich herum fanden sich dann auch recht frühzeitig mit der Niederlage ab – bei der Hereinnahme von Halil Savran in der 37. Minute, wenn man es genau nimmt – und diskutierten fürderhin vieles, was sich interessanterweise auch im jüngsten Texttonvergehen wiederfindet und was ich in ähnlicher Form auch schon bei der Tiefenanalyse am Graffito gehört hatte. Versteht keiner? Egal. Ich hatte Spaß und danke herzlich, auch den schwedischen Hipsters und dem unbekannten Evertonian.

Nach dem Spiel war vor dem Spiel

In der Tat, noch in der Nacht begann die Vorbereitung auf das samstägliche Bundesliga-Spitzenspiel zwischen dem VfB und Borussia Dortmund. Die nicht zuletzt darin bestand, alle verfügbaren Twitterclients mit Aktualisierungen und die Endgeräte mit Strom zu versorgen. Und bereits ein wenig zu beten, dass die guten Wünsche, die mir @saumselig später mit auf den Weg geben sollte, in Erfüllung gehen würden:

„Wünsche @heinzkamke immer eine Handbreit Netz unter dem Kiel beim Twittern für @zeitonlinesport

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wem der Wunsch Befehl sein sollte, aber ich weiß, dass er überhört wurde. So wie damals halt. Nun saß ich diemal also wenigstens auf der Pressetribüne, war auch rechtzeitig vor Ort, hatte das vor dem Spiel noch halbwegs verfügbare Mobilfunknetz genutzt, um ein disaster waitung to happen vorsichtig anzudeuten. Nebenbei verfluchte ich (ja, das tat ich) „meinen“ Verein, der den Medienvertretern und mir kein WLAN oder einen anderen verlässlichen Onlinezugang zur Verfügung stellt, und machte mich daran, zunächst noch zurückhaltend, später unter zunehmendem Verlust der Selbstachtung, Menschen mit einem Zugang zu besserer Infrastruktur um Teilhabe anzubetteln. Einzelheiten behalte ich für mich. Wie auch immer:  etwa 15 Minuten nach Spielbeginn – dem standardmäßig verspäteten Anpfiff sei Dank – stand eine recht verlässliche Verbindung, mein Fatalismus begab sich allmählich auf den Rückzug, und ich konzentrierte mich auf das Spiel. Oder, ehrlicher gesagt, auf den mehr oder weniger erfolgreichen Versuch, mehr oder weniger geistreiche Tweets, gerne auch mal platte Pointen zum Spielgeschehen abzusetzen, das ich eben deswegen nur mit einem Auge verfolgte, was irgendwie in ein Teufelskreischen (sic!) mündete.

Bisschen schade, ehrlich gesagt, wenn man hinterher zwar guten Gewissens in den Tenor all jener einstimmen kann, die betonen, dass die erste Halbzeit, nach der anfänglichen Duselphase, die beste VfB-Leistung der bisherigen Saison mit sich gebracht habe, gleichzeitig aber eingestehen muss, das ganze Hin und Her immer nur ausschnittsweise verfolgt und den Anspruch aufgegeben zu haben, die dahinter steckenden taktischen Kniffe zu erkennen und zu benennen. Dass Molinaro stark war, vor allem in der Offensive, konnte nun wirklich niemand übersehen, der Freistoßtrick ist ohnehin zur Genüge durchgekaut. Dass er übrigens wirklich gut war, sieht man ganz besonders an der Reaktion von Jürgen Klopp, der sich sehr beeilte, zu betonen, dass es sich ja doch eher um einen, wenn auch gut umgesetzten, alten Hut gehandelt habe.

Wenn ich mich kurz selbst zitieren dürfte, um meine Stimmung angesichts dieser ersten Halbzeit relativ knapp zusammenzufassen:

https://twitter.com/#!/zeitonlinesport/status/130289025775960065

Kam allerdings nicht überall so an, meine Stimmungslage. Nachdem ich zunächst noch die Sorge gehabt hatte, mich als „Twitterreporter“ eines Qualitätsmediums allzu offen zum VfB bekannt zu haben, entpuppte sich diese Befürchtung relativ rasch als unbegründet. Glaube ich zumindest, ganz sicher bin ich mir nämlich nicht, ob ich diesen Tweet eines Mitlesenden richtig interpretiert habe:

„Es nervt extrem wie parteiisch sie gegenüber dem VfB sind. Boah. Die führen 1-0 und beherrschen das Spiel. @zeitonlinesport

Gegenüber heißt hier schon eher gegen als für, oder? Das redete ich mir auf jeden Fall ein und bemühte mich fortan, etwas weniger gegen den VfB zu sein.

Fiel mir gar nicht so schwer, zumal die Stuttgarter nicht nur weniger begeisternd auftraten, sondern auch den Eindruck machten, jede Unterstützung gebrauchen zu können. Letztlich ging es nicht zuletzt deshalb dann doch ohne externe Hilfe, weil Sven Ulreich phasenweise groß aufspielte. Sicherlich hatte er in der einen oder anderen Situation ein wenig oder auch ein bisschen mehr Glück; mehrfach reagierte er jedoch schlichtweg überragend. Natürlich hätte er Neven Subotics Kopfball kurz vor Schluss kaum ausweichen können – der anschließende, beinahe artistisch anmutende Befreiungsschlag bot indes Anlass zur Legendenbildung. Hätte ich ja nicht gedacht, dass ich Ulreich hernach als den im Vergleich zu Weidenfeller nicht nur reaktionsstärkeren, sondern insgesamt souveräner wirkenden Torhüter bezeichnen würde.

Vermutlich müsste man sich nach diesem Spiel fragen, woran es lag, dass der VfB endlich wieder einmal entschlossen offensiv auftrat und dabei vor allem auch spielerisch zu gefallen wusste. Es ließen sich Überlegungen anstellen, die mit der offensiven Spielweise der Dortmunder zu tun haben, die auch dem noch nicht immer ausgereiften Stuttgarter Angriffsspiel viele Freiräume eröffnete, und auf der anderen Seite mit Götze und Kagawa, die ihre Mannschaft nach vorne führten, was mitunter auf beiden Seiten zu Lasten der defensiven Ordnung ging. Man könnte auch über die taktische Aufstellung philosophieren, über die Offensivleistung der Stuttgarter Außenverteidiger, über Hajnals wiedergefundene Kreativität.

Oder aber man freut sich einfach über ein wunderbares Fußballspiel und nicht zuletzt über zwei Trainer, die ihre Mannschaften bis weit in die zweite Hälfte hinein nach vorne trieben.  Klopp behielt das bis zum Abpfiff bei, Labbadia nahm am Ende doch das Tempo aus dem Spiel und brachte Gentner.

Das meinte ich übrigens mit den platten Pointen.

Immer wieder gern gehört

Humor ist ja Geschmackssache, Häme sicherlich auch. Das Interview, das Roman Weidenfeller im Meistertaumel in englischer Sprache geben durfte oder musste, ließ mich einmal kurz schmunzeln. Bestenfalls. Manch anderem ging es etwas anders, das Video war ein Renner, Weidenfeller wurde in einem Atemzug mit Leuten wie Lothar Matthäus, Guido Westerwelle oder Günther H. Oettinger genannt. Ja, man hatte schon den einen oder anderen gesehen, der nicht jederzeit und in jeder Situation verhandlungssicher englisch spricht. Die jeweiligen Hintergründe sind aus vielerlei Gründen nicht unmittelbar zu vergleichen; die Situationen erfreuen sich aber stets großer Beliebtheit in den einschlägigen Videoportalen und darüber hinaus. Weidenfeller ging – so zumindest der Eindruck, den ich aus dem einen Interview gewann, das ich hernach von ihm las – recht entspannt mit dem Thema um, sodass ich guter Hoffnung war, dass das Zitat von der grandios Saison bald durch sei.

Nun denn, das war wohl ein Irrtum. Kaum läuft die Bundesliga wieder, taucht der Satz auf. We have a grandios Saisonstart gehabt, heißt es da und dort, bei Twitter lese ich von „a grandios Geburtstag“, den man Jubilar Weidenfeller wünscht, was ich nett finde, bei Spiegel Online sehen wir ein Video mit dem Titel „We have a grandios Stadion gebaut“, und schütteln den Kopf. Also, ich zumindest schüttle den Kopf. Will mich über Spiegel Online aufregen. Wieso man dort den Weidenfeller’schen Lapsus nicht nur ausgräbt, sondern auch noch nach Stuttgart trägt, frage ich mich. Denke an Stefan Raabs Stück vom Maschendrahtzaun, auch wenn ich weiß, dass Weidenfeller, anders als die Dame damals, mit hinreichend Geld über die Peinlichkeit hinweggetröstet wird. Und dann lese ich die Stadionzeitschrift des VfB oder sehe mich im Online-Shop um, und stelle fest, dass, wie bereits angedeutet, Humor Geschmackssache ist. Und dass der VfB sein neues Stadion mit dem Hinweis auf ein dünnes Video aus dem Dortmunder Meisterschaftstaumel, aufwerten versilbern verramschen in Verbindung bringen will:

Bin wohl einfach humorlos.

Ansonsten finde ich, dass der Verein gar nicht so viel falsch gemacht hat. Der Umbau ist hervorragend gelungen, mein Platz ein Träumchen, und Kvist und Maza hat man auch gekauft. Und rein betriebswirtschaftlich war der Träsch-Verkauf ja auch kein Fehler, man erinnere sich an Daniel Bierofka. Wenn man dann noch weiß – was bei meinem Nebenmann der Fall ist -, dass Träsch maximal noch vier Länderspiele bestreiten wird, hat der Verein also alles richtig gemacht. Aber wir waren ja eigentlich beim Stadion. Vom Einweihungsrahmenprogramm habe ich nicht allzu viel mitbekommen, war zu (?) sehr auf das Stadion selbst konzentriert, auf den Blickwinkel und die Entfernung, auf die Frage, ob die Distanz zu groß sei oder gerade richtig, um den Überblick zu behalten (es sollte sich bestätigen, dass letzteres der Fall war – unten möglicherweise folgende Fehleinschätzungen liegen nicht am Stadion), auf die Zusammensetzung des umittelbaren wie auch des etwas weiteren Umfelds, und ein wenig auch auf die Stadionzeitschrift mit der gelungenen Sonderausgabe zum Umbau. Inklusive Humor, der auch mir zusagte, übrigens.

Letztlich ging es dann aber doch um Fußball, und um drei Punkte. Die man offensichtlich am Platz behalten wollte, wie die Mannschaft gleich zu Beginn andeutete. Man spielte zuversichtlich nach vorne, erspielte sich – zum Teil mit System, zum Teil eher zufällig – früh einige klare Torchancen, die auf unterschiedlichste Art und Weise vergeben wurden: Harnik traf den Ball beim Abschluss nicht richtig, Cacau traf ihn so gut wie gar nicht, und Gentner, tja: in zentraler Position mit freier Bahn zum Tor den Ball erst einmal 20 Meter in Richtung Eckfahne prallen zu lassen, ist zumindest ein innovativer Ansatz, mit dem man bestimmt manchen Gegner derart verwirren kann, dass er die Notbremse zieht. Höwedes zählt nicht dazu.

Überhaupt, Gentner. Die letzte Saison liegt ja einige Wochen zurück, deshalb erlaube ich mir,vielleicht doch noch einmal ein Thema aus der vergangenen Spielzeit aufzugreifen: gerne sähe ich im von Bruno Labbadia derzeit präferierten 4-2-3-1-System schnelle, möglichst auch trickreiche Spieler auf den Außenpositionen. Christian Gentner schätze ich persönlich nicht so ein. Ich halte ihn für einen feinen Fußballer mit einem guten Auge und vielerlei Qualitäten, durchaus auch in der Defensive, für einen sehr professionellen Spieler, den man gerne im Mannschaftsrat hat, der Verantwortung übernimmt, nicht auf den Kopf gefallen scheint, und den man als Trainer vielleicht nur ungern auf die Bank setzt. Leider halte ich ihn auch für einen Spieler, der derzeit auf keiner Position im System des VfB die erste Wahl sein sollte. Auch wenn gestern noch nicht zwingend der Eindruck entstand, Ibrahima Traoré sei die bessere Alternative, trotz seines überraschenden langen Balles, den, da ist er wieder, Christian Gentner stark annahm und nicht ganz so stark verwertete. Ich hoffe auf Timo Gebhart.

Abbitte muss ich erneut Sven Ulreich leisten. Den ersten Ball ließ er nach vorne prallen, dann hatte er Probleme bei der Verarbeitung eines Rückpasses, und der Name Leno drängte gedanklich immer stärker in den Vordergrund; später war es Ulreich zu verdanken, dass es nicht noch einmal eng wurde. Starke Leistung. Etwas zu oft kam Schalke etwas zu leicht zum Abschluss, was nur sehr bedingt an den beiden Innenverteidigern lag. Tasci spielte souverän, seine eleganten Haken sind ein steter Hingucker (auch wenn sicher bald mal wieder einer misslingt und ich laut fluche), und Maza übernahm den kompromissloseren Part bravourös. Vielleicht hatte er auch nur genau hingesehen, als vor dem Spiel auf der Videoleinwand ausgewählte Szenen aus der großen Zeit von Karlheinz Förster gezeigt worden waren. Molinaro ließ anfänglich die Sorge aufkommen, dass der quirlige Baumjohann als Rechtsaußen der Schlüssel zum Schalker Erfolg sein könnte; nach und nach kam er dann doch in die Zweikämpfe, und dass er nach vorne den einen oder anderen Akzent setzen kann, ist hinlänglich bekannt. Boulahrouz kann das auch, bloß weniger behänd, doch wie schon im letzten Drittel der Vorsaison gelang ihm trotz einer hochkarätigen Chance kein Treffer. Letztlich egal, und ganz gewiss die bessere Wahl hinten rechts.

Mitte der zweiten Hälfte durfte Schalke in kurzer Zeit mehrfach aus zentraler Position schießen – ein Ansatz, den ich künftig gerne von den defensiven Mittelfeldspielern unterbunden sähe. Dessen ungeachtet: es macht Spaß, Kvist und Kuzmanovic zuzusehen. Der eine spielt fast immer den einfachen Ball, bringt manche notwendige Nickligkeit ein und leitet dann auch noch gute Chancen ein, und die paar Situationen, in denen er gedanklich noch der Spielgeschwindigkeit in Dänemark nachzuhängen scheint, wird er bestimmt noch in den Griff bekommen. Der andere spielt oft und gerne den mutigen Ball, auch wenn er bei ihm häufig einfach aussieht, sein Spiel ist ungleich spektakulärer und auch ein wenig fehleranfälliger. Die Kombination könnte passen. Wenn, ja wenn, und da habe ich so eine kleine Sorge, die jeweiligen Führungsansprüche nicht zu sehr konkurrieren. In der einen oder anderen Situation hatte ich -aus großer Distanz – den Eindruck, Kvists Korrekturhinweise seien Kuzmanovic nicht immer willkommen. Ich bin gespannt und hoffe, dass der Eindruck täuschte.

Zwei Tore aus Standardsituationen, zwei indirekte Assists für Hajnal. Passt. Harnik lange glücklos im Abschluss, letztlich aber mit seinem Treffer, und Cacau war eben Cacau. Mitunter übermotiviert wirkend, gelegentlich eigensinnig, manchmal auch überhaupt nicht, öfter den anderen Eigensinn vorwerfend (in Einzelfällen, um vom eigenen Fehlschuss abzulenken), aber eben auch erfolgreich, als Torschütze und Unruheherd. Und wenn er so weitermacht, lässt sich auch das durch die gescheiterte Verpflichtung von Dante entstandene Frisurdefizit auffangen.

Drei Punkte, großartiges Stadionerlebnis, so darf’s weitergehen. Wäre jetzt der Zeitpunkt, den Kreis zu schließen und etwas von einer bevorstehenden grandios Saison zu sagen? Ach, besser nicht. Aber wenn wir schon bei Dortmund sind, implizit irgendwie: Hut ab. (Nicht überraschend, oder, wenn das ein bekennender Kevinist sagt? Und ja, ich betone das zur Zeit öfters. Werde ich auch weiter so halten, so ein wenig aus Trotz ob all der unfreundlichen Kommentare, die man bei Twitter über ihn liest.) Schalke hat gestern gelegentlich versucht, ähnlich offensiv zu stören wie die Dortmunder, was in einigen Situationen gelang. Nach der Balleroberung traten die Unterschiede dann jedoch recht deutlich zutage. Aber das ist kein fairer Vergleich.