Von Galoppern und Robben

Als die Bayern gegen Inter spielten, dachte ich an Acatenango.

Alle, die jetzt nicht wissen, wovon ich rede, sind vermutlich nach 1980 geboren oder haben erst spät zur Sportschau gefunden. Und diejenigen, die sich an Acatenango erinnern, dürften sich völlig zurecht fragen, weshalb ich beim Finale der Champions League an ihn dachte.

Ich sah also diesem Fußballspiel zu, das leider viel zu früh entschieden war und das mich irgendwann nur noch bedingt mitreißen konnte. Und wie ich da so zusah, nistete sich recht unvorhergesehen der Gedanke bei mir ein, dass auf Seiten der Bayern nach meiner Einschätzung (korrekter: nach meiner Einschätzung der Einschätzung durch die Sportjournalisten) mindestens die beiden Erstplatzierten und drei weitere Spieler aus den Top 10 der Wahl zum Fußballer des Jahres 2010 auf dem Platz standen. Nicht dass ich daraus einen Abgesang auf den deutschen Fußball abgeleitet hätte, nach dem Motto: „Da stehen 5 der 10 vermeintlich besten Bundesligaspieler auf dem Platz, und trotzdem sind sie nicht in der Lage, Gefahr zu erzeugen“, überhaupt nicht. War einfach nur so ein Gedanke.

Während ich also noch über den Nachfolger von Grafite sinnierte, tauchte aus heiterem Himmel ein neuer Begriff auf, der zwar eine gewisse formale Ähnlichkeit mit dem des Fußballers des Jahres aufweist, den man indes inhaltlich wohl nicht einmal 1985, 1997 oder 1998 guten Gewissens mit dem Sieger der kicker-Wahl in Verbindung bringen konnte. Eigentlich. Für mich hingegen ist der Weg vom Fußballer des Jahres zum Galopper des Jahres schon immer ein kurzer gewesen: Fußball war Sportschau war (auch) Addi Furler war Galopper des Jahres. War Acatenango (und, zugegeben, ein bisschen Orofino). Womit die Ausgangsfrage beantwortet wäre.

Im Übrigen sei die Wahl des Galoppers des Jahres, die zu meiner Überraschung noch immer durchgeführt wird, wenn auch mit deutlich geringerem medialen Auftrieb als zu Zeiten von Furler, Schwarze und Zimmer, die älteste Publikumswahl im deutschen Sport. Auch besteht sie bereits drei Jahre länger als die elitäre Wahl des fußballerischen Pendants, die dieses Jahr auf ein halbes Jahrhundert zurückblicken kann.

Ich schweife ab. Die Frage der gedanklichen Verbindung zwischen dem Finale der Champions League und einem guatemaltekischen Vulkan wäre zwar geklärt; eigentlich wollte ich jedoch einen Schritt weiter gehen und auch noch ein paar Sätze zur Wahl zum Fußballer des Jahres verlieren, auch wenn vor ihrer Durchführung und vor allem Veröffentlichung noch eine Weltmeisterschaft steht. Gerade bei Weltmeisterschaften sollte man ja zwischenzeitlich vorsichtig geworden sein, nachdem die letzten beiden MVPs wohl schon vor den jeweiligen Finals gewählt wurden, dieses Ergebnis dort aber nicht uneingeschränkt bestätigen konnten.

Wie auch immer: ich habe mir also trotz möglicher weltmeisterschaftsbedingter Änderungen ein paar Gedanken zur Wahl des Fußballers des Jahres gemacht und in diesem Kontext die Ergebnisse der letzten Jahre angesehen, um festzustellen, dass seit Michael Ballack, der 2002 und 2003 (sowie 2005) gewann, niemand mehr ernsthaft Gefahr lief, den Titel zu verteidigen. Eine kurze Betrachtung der 10 Bestplatzierten der letzten 5 Jahre führt mich gar zu dem Schluss, dass ziemlich viele von Ihnen ziemlich sicher nicht erneut in den Top 10 landen werden:

2005
1. Michael Ballack (Bayern München) 516
2. Lukas Podolski (1. FC Köln) 103
3. Marcelinho (Hertha BSC Berlin) 99
4. Marek Mintal (1. FC Nürnberg) 55
5. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 39
6. Per Mertesacker (Hannover 96) 28
7. Roy Makaay (Bayern München) 25
8. Lincoln (Schalke 04) 21
9. Dietmar Hamann (FC Liverpool) 10
10. Sebastian Deisler (Bayern München) 8

2006
1. Miroslav Klose (Werder Bremen) 532
2. Jens Lehmann (FC Arsenal) 82
3. Philipp Lahm (Bayern München) 58
4. Oliver Kahn (Bayern München) 39
5. Michael Ballack (Bayern München) 17
6. Torsten Frings (Werder Bremen) 12
7. Per Mertesacker (Hannover 96) 11
8. Lukas Podolski (1. FC Köln) 9
9. Tim Borowski (Werder Bremen) 5
9. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 5
9. David Odonkor (Borussia Dortmund) 5

2007
1. Mario Gomez (VfB Stuttgart)  196
2. Diego (Werder Bremen)  175
3. Bernd Schneider (Bayer Leverkusen)  156
4. Torsten Frings (Werder Bremen)  47
4. Theofanis Gekas (VfL Bochum)  47
6. Kevin Kuranyi (Schalke 04)  20
7. Pavel Pardo (VfB Stuttgart)  18
8. Timo Hildebrand (VfB Stuttgart)  17
8. Jens Lehmann (Arsenal FC)  17
8. Rafael van der Vaart (Hamburger SV)  17

2008
1. Franck Ribery (Bayern München) 224
2. Michael Ballack (FC Chelsea) 115
3. Luca Toni (Bayern München) 108
4. Philipp Lahm (Bayern München) 69
5. Oliver Kahn (Bayern München) 60
6. Diego (Werder Bremen) 33
7. Mario Gomez (VfB Stuttgart) 32
8. René Adler (Bayer Leverkusen) 31
9. Lukas Podolski (Bayern München) 18
10. Bastian Schweinsteiger (Bayern München) 6

2009
1. Grafite (VfL Wolfsburg) 331
2. Mario Gomez (VfB Stuttgart) 171
3. Edin Dzeko (VfL Wolfsburg) 169
4. Diego (Werder Bremen) 103
5. Franck Ribery (Bayern München) 65
6. Zvjezdan Misimovic (VfL Wolfsburg) 50
7. Philipp Lahm (Bayern München) 32
8. Vedad Ibisevic (1899 Hoffenheim) 20
9. Robert Enke (Hannover 96) 16
10. Mesut Özil (Werder Bremen) 10


Und hier mein völlig verfrühter Tipp:

Fußballer des Jahres 2010:

1. Arjen Robben

2. Bastian „Herr Schweinsteiger“ Schweinsteiger

3. Edin Dzeko

4. Kevin Kuranyi

5. Sami Hyypiä

6. Ivica Olic

7. Thomas Müller

8. Toni Kroos

9. Torsten Frings

10. Claudio Pizarro

10. Cacau

10. Nuri Sahin

10. Philipp Lahm

Und Ihr so?

Wer hat Angst vor Bayer Leverkusen? Ich!

Ja, ich gebe es zu: Wann immer der VfB in der Schlussphase einer Saison auf Leverkusen trifft, wird mir mulmig. Das liegt ganz wesentlich an der Saison 2003/04, als der VfB die ganze Saison über, von vier Vorrundenspieltagen abgesehen, auf einem Champions League Platz stand und im letzten Spiel auf den direkten Konkurrenten aus Leverkusen, trainiert von Klaus Augenthaler, traf. Fussballdaten.de schreibt zu diesem Spiel:

„Verblüffend grandios begannen die Schwaben in Leverkusen mit modernem Angriffsfußball, der die Werkself völlig zurückdrängte. Geschossen wurde aus allen Lagen, das Tempo geschickt variiert und technisch fein kombiniert. Ungefähr zwanzig Minuten hielten die Stuttgarter dieses Niveau bei, ehe es Bayer gelang, sich langsam aus der Umklammerung zu befreien. […] so dass es zur Pause bei einer Nullnummer blieb, die aufgrund des Superspiels des VfB in der Anfangsphase für Bayer allerdings recht schmeichelhaft war. […]

Doch letztlich wurden die Aktionen der Gastgeber immer zwingender, der VfB immer weiter zurückgedrängt. Die Führung ließ dann nicht mehr lange auf sich warten. […] Damit hatte sich die Augenthaler-Truppe im letzten BL-Spiel die CL-Qualifikation gesichert, während dem VfB nur noch ein UEFA-Cup-Platz blieb.

Der Legende nach ging’s für den VfB seither gegen Saisonende zumeist nach oben, für Bayer eher nicht. Auch in diesem Jahr lief laut bundesliga.de die „Mannschaftsform“ der beiden Teams in den vergangenen Wochen deutlich auseinander. Während der VfB dort aktuell auf Platz 3 liegt, stand Bayer in den letzten drei Wochen auf einem Abstiegs- bzw. Relegationsplatz.

Dann ist ja alles klar.

Dies gilt umso mehr, wenn man als weitere relevante Statistik die ewige Bundesligatabelle hinzuzieht. Dort liegt der VfB derzeit auf Platz 4 mit 2328 Punkten, während Bayer gerade mal 1594 Punkte (nach der 3-Punkte-Regel) erreicht hat und auf 11 rangiert. Lässt man allerdings für einen Augenblick das Thema Tradition außen vor – was angesichts von lächerlichen 31 (ununterbrochenen) Leverkusener Bundesligajahren schwer fällt – und rechnet die Werte auf das einzelne Spiel herunter, liegen beide Vereine dann doch recht eng zusammen: der VfB holt 1,53 Punkte pro Spiel, Leverkusen nur 1,51, hat aber im Schnitt das bessere Torverhältnis. Auf 45 Jahre hochgerechnet, läge man mit 2302 Punkten gerade einmal 26 Zähler hinter dem VfB.

Betrachtet man lediglich die gemeinsame Bundesligazeit beider Vereine seit 1979, ist der Abstand noch etwas größer: Bayer hat immer noch 1594 Punkte (1745:1427 Tore), der VfB deren 1669 (1814:1419), also 75 mehr. In der Übersicht wird deutlich, dass Leverkusen vor allem von 1993 bis 2003 die erfolgreichere Mannschaft war, während der VfB vor der Öffnung der innerdeutschen Grenze davor und auch danach zumeist besser platziert war.

Insgesamt aber tummeln sich beide Vereine in ähnlichen Tabellenregionen, Bayer wird im Schnitt Siebter, der VfB Sechster, beide sind in der letzten Dekade einmal haarscharf am Abstieg vorbeigeschrammt, beide hatten Phasen besonderer spielerischer Blüte (bei Bayer insbesondere um die Jahrtausendwende herum, beim VfB zu Zeiten des magischen Dreiecks), beide holten in den letzten 20 Jahren drei Meistertitel und einen DFB-Pokalsieg standen in zwei Europapokalfinals und beide haben in den letzten Jahren in hohem Maß auf deutsche Spieler gesetzt, die noch dazu häufig jung waren. Besonders in Leverkusen hat man zuletzt indes erkannt, dass ein erfahrener Spieler als stabilisierender Faktor Gold wert sein kann, und auch wenn der eine oder andere mit dem Kopf geschüttelt haben mag, gilt die Verpflichtung eines alten Mannes mit unaussprechlichem Namen als Königstransfer der letzten Jahre: Thomas Zdebel. Leider verlässt er den Verein im Sommer wieder.

Auch auf der Trainerbank hat man sich dem Jugendwahn widersetzt und mit Jupp Heynckes viel Erfahrung eingekauft: Gladbach, Bayern, Bilbao, Frankfurt, Teneriffa, Real, Benfica, Bilbao, Schalke, Gladbach, Bayern lauten die Stationen seiner Trainervita. Klangvolle Namen. Mit den Bayern wurde er sogar Meister. (Ok, mit Real hat er auch was gewonnen.)

Viele Informationen, die mit Blick auf das Spiel am Samstag vor allem eines verheißen: eine interessante Partie mit offenem Ausgang. Ich freu mich drauf, auch wenn mir mulmig ist (Druck!). Immerhin bleiben im Gegensatz zu 2004 danach noch drei weitere Spiele.