Eventfan

Am vergangenen Wochenende hat die eine Bundesliga den Spielbetrieb wieder aufgenommen. Eine Bundesliga, die mich derzeit nicht so sehr in ihren Bann zieht wie in früheren Zeiten – im Grunde schon seit bekannt wurde, dass sich der VfB Stuttgart ausbedungen hat, dieses Jahr in der anderen Bundesliga zu spielen, die erst eine Woche später in das Geschehen einsteigt und die für uns Interessierte den Vorteil hat, dass deutlich mehr Spiele in voller Länge im frei empfangbaren Fernsehen übertragen werden.

Am vergangenen Wochenende lag der mediale Fokus indes auf der anderen, also der einen Bundesliga, was sich auch in einem in voller Länge im frei empfangbaren Fernsehen übertragenen Spiel niederschlug: Der SC Freiburg erwartete den favorisierten FC Bayern München, stellte diesen phasenweise vor große Schwierigkeiten, um dann doch erwartungsgemäß zu verlieren, während ich versuchte, einen Schritt aus mir herauszutreten und das Fortschreiten meiner Eventfanwerdung zu beobachten.

Ein schönes Spiel der Freiburger, phasenweise, ein Kitzeln des Topfavoriten, wenn auch nicht immer mit der vielleicht nötigen Überzeugung, um das Kitzeln zum Schlagen werden zu lassen, und ein, ich weiß nicht recht, wie ich es sagen soll, nun, vielleicht so: ein einfallsloses Spiel der Münchner, das allerdings durch eine überaus bemerkenswerte und mit dem nötigen Glück versehene Aktion von Robert Lewandowski ein sehr spätes siegreiches Ende fand. Was mich ob meiner Sympathien für den Sportclub und insbesondere für Herrn Streich doch ziemlich schmerzte.

Hernach hörte und las man Diskussionen über Duselbayern auf der einen und einen vielmehr folgerichtig erzwungenen Sieg auf der anderen Seite. Persönlich tue ich mich insofern etwas schwer mit der letztgenannten Argumentation, als der unmittelbare Druck auf das Freiburger Tor, der in echten, klaren Torchancen zum Ausdruck kommt, im Grunde nicht gegeben war. Dominanz beinhaltet per se keine Torgefahr, insofern empfand ich das Spiel wenig zwingend und den Sieg, bei aller Brillanz des, vielleicht der Beteiligten, als durch etwas Glück bedingt. Ein Glück, von dem man mittlerweile vielerorts glaubt, so auch hier, dass der FC Bayern München seiner gegen den SC Freiburg nicht mehr bedürfe. Der Arbeitssieg ist nicht mehr so recht vorgesehen.

Worüber ich ein bisschen mit mir hadere. Weil ich eine eventbezogene Erwartungshaltung erahne: Wenn ich schon den Bayern bei einem Spiel zusehe, das sie am Ende ja doch gewinnen, dann sollen sie doch bitte auch ein Spektakel bieten. Verwirrende, schnelle Angriffe, technische Finesse, taktische Winkelzüge, und eben Torchancen. Will sagen: Das, was sie in den vergangenen Jahren so oft und so eindrucksvoll getan haben. Will sagen: Vielleicht trauere ich Herrn Guardiola nach.

Herrn Guardiola, der ziemlich viele Spiele zu einem Erlebnis machte, auch und gerade für den neutralen Zuschauer. Bei dem es Erquickliches, Spannendes, Aufregendes zu sehen gab, auch wenn der eine oder die andere nicht mehr als brotloses Tiqui-taca (sagt das noch jemand?), das es zweifellos auch gibt, darin gesehen hat. Wo war ich? Ach ja, Erquickliches, Aufregendes, Sie wissen schon, einfach etwas anderes als am vergangenen Freitag bis zur 90. Minute. Fußball, der ein Ereignis sein kann und überdurchschnittlich oft ist. Ich bin ein Eventfan.

Ja, mir ist klar, dass man daraus einen Widerspruch konstruieren kann zu meinem Mantra, der Fußball sei ein Ergebnissport, es gebe keine B-Noten und die bessere Mannschaft sei immer die, die mehr Tore erzielt. Was denn jetzt? Ergebnissport oder Spektakel? Nun, das ist einfach: Vom Herzensverein wünsche ich mir Ergebnisse, von manch anderem Verein auch, je nach Konstellation, und darüber hinaus erhoffe ich mir, nun, kein Spektakel, aber doch Sehenswertes.

Und da ist es halt schade, dass das Spiel des FC Bayern für mich, der ich gewiss nicht alle taktischen Kniffe im Detail durchschaue, vielleicht aber den einen oder anderen, und der ich diesem FC Bayern in den vergangenen Jahren öfter mal mit weit geöffnetem und sich kaum mehr schließendem Mund zugesehen habe, dass also dieses Spiel des FC Bayern München vergleichsweise weniger Überzeugendes, weniger Begeisterndes, weniger Verzückendes bereithält. Weniger Event. Nein, weniger Guardiola.

Dass seine ehemalige Mannschaft mit ihrem neuen Übungsleiter möglicherweise erfolgreicher sein wird als mit ihm, ist denkbar. Dann soll es so sein. Und dann werden die Anhänger des Vereins völlig zu Recht und mit meiner uneingeschränkten Zustimmung darauf verweisen, dass Fußball ein Ergebnissport und die bessere Mannschaft in jedem einzelnen Spiel diejenige sei, die mehr Tore erzielt, oder die im vorliegenden Fall über die Zeit mehr und bedeutendere Titel holt. Mit meinem Spaß beim Zuschauen hat das nur sehr bedingt zu tun.

Wenn indes am Wochenende die andere Bundesliga beginnt, die, für die sich der VfB entschieden hat, ist das eventartige bestenfallsGuardioSC Freib dritt- oder viertrangig. Ergebnissport. Mit den Punkten kommt auch die Verzückung – ob der Aussicht, ab dem Spätsommer wieder in der anderen, der einen Bundesliga zu spielen. Darüber durfte ich übrigens drüben bei Rund um den Brustring dieser Tage ein bisschen reden, wenn wir gerade dabei sind. Sehr kurz zusammengefasst: Zweite Liga gut und schön, aber mit einigen Details will ich mich wegen der paar Monate nicht befassen. Hüstel.

 

 

 

 

 

Ungeschriebene Oden

Vor zehn Tagen, nach dem Sieg gegen Mainz, stand ich vor dem Palast der Republik und wurde von Freunden gefragt, woher denn meine Euphorie rühre und ob ich etwa noch länger im Stadion geblieben sei, um die Mannschaft zu feiern? „Kurz“, sagte ich, und obschon mir klar war, dass eben diese Mannschaft nichts mehr getan hatte, als ihre Pflicht zu erfüllen, was die geneigte Leserin bitte nicht als moralische Bewertung verstehen möge, sondern als Einschätzung sportlicher Notwendigkeiten im Lichte der im Lauf der Saison (nicht) erzielten Ergebnisse und der sich daraus ergebenden Tabellensituation, war ich ein glücklicher Mensch.

Dabei hatte man grade mal die Mainzer geschlagen, für die es um nichts mehr ging, und so das Notwendige getan, um weiter auf den Klassenerhalt hoffen zu dürfen. Hinreichend war es nicht; es langte nicht einmal dazu, den letzten Platz zu verlassen. Und doch schwamm ich auf meiner ganz eigenen Euphoriewelle, war geneigt, das Fest zu feiern, wie es gefallen war, und fühlte mich genau richtig platziert, exakt dort, wo wir knapp acht Jahre zuvor glückselig gestanden hatten. Völlig absurd.

Nun, eine Woche später, stand das nächste Spiel an, diesmal gegen den HSV, einen direkten Konkurrenten, und vermeintlich ungleich herausfordernder – was angesichts des Umstands, dass der Sieg gegen Mainz lange Zeit keineswegs als ausgemachte Sache hatte gelten dürfen, eine durchaus belastende Aussicht darstellte. Dennoch war die Perspektive klar:

Ging dann ja auch recht gut los. Ballbesitz, Offensive, Einstellung, … der VfB machte vieles richtig, traf aber das Tor nicht. Das tat dafür der HSV, aus einer Standardsituation heraus, die als Blaupause für viele verheerende Stuttgarter Abwehrleistungen der ganzen Saison taugte, hätte man Zeit gehabt, sich lange damit aufzuhalten. Tatsächlich (eines meiner am häufigsten verwendeten Worte, wie ich jüngst mit Schrecken feststellte, als ich mir ein Weilchen zuhörte, aber das nur am Rande) war indes in der Folge der ganze Fan gefordert und hatte zwar angesichts einer kurzen Findungsphase der Mannschaft und entsprechend wenigen relevanten Geschehnissen auf dem Platz ein bisschen Zeit, um zu hadern.

Gleichzeitig jedoch ließ er, also der Fan, also auch ich, in seiner Unterstützung keinen Deut nach, im Gegenteil, und kam so in die angenehme Verlegenheit, die Anfeuerungs- schlagartig in Jubelrufe übergehen lassen zu müssen. Noch dazu doppelt, und wenn ich geglaubt hatte, die Intensität des erlösenden Jubels gegen Mainz sei nur schwer zu überbieten, so, nun ja, hatte ich wohl recht gehabt. Wesentlich intensiver wurde es auch gegen den HSV nicht, vermutlich gar nicht, aber man bewegte sich auf demselben Niveau. Bemerkenswert, wozu das „gewohnt kritische Stuttgarter Publikum“(TM) so in der Lage ist.

2:1 zur Pause, es folgten viele Chancen, von denen zwar keine in die erhoffte Befreiung mündete; es gelang jedoch, das Spiel weitestgehend in der Nähe des Hamburger Tores zu halten, wenn man von Djourous Torschuss aus 40 Metern und vereinzelten Hamburger Annäherungen an Ulreichs Tor absieht, von denen jedoch keinerlei wirkliche Gefahr ausging. Muss ja auch nicht, so ein Gegentor, beispielsweise aus einer Standardsituation, kann ja auch gerne mal aus dem Nichts kommen, wie das 0:1 gezeigt hatte. Also zitterte man, irgendwo, tief drinnen, und war gleichzeitig euphorisch ob des Tempos, der Dynamik, des Selbstvertrauens der Stuttgarter Spieler. Mal im Ernst: Wann hat Martin Harnik jemals einen schwierigen Ball so herunter- und mitgenommen wie in jener Szene, in der kurz darauf sein Querpass auf Daniel Ginczek einen Tick zu lommelig geriet und gerade noch von Johan Djourou abgefangen werden konnte? Genau: noch nie. Zumindest nicht in meinem Beisein.

Überhaupt, Harnik: man müsste eine Ode schreiben. Ich setzte schon einmal zu einer an, einige Ältere mögen sich erinnern, ließ mich dann aber vom Anblick schlanker Waden ablenken, und vermutlich würde ich auch heute wieder scheitern. Weniger an Waden als vielmehr am Gefühl, so viele Oden schreiben zu sollen. Ja, natürlich hätte Harnik eine verdient, wie so oft in den letzten Wochen, aber noch nie so uneingeschränkt, aber was wäre dann mit Kostic, auf den sich die Hamburger, wie zuvor schon die Mainzer, eigentlich ganz gut eingestellt zu haben glaubten: Ivo Ilicevic ging zu Beginn des Spiels im Vollsprint mit nach hinten, sobald der Ball auch nur in Kostics Nähe kam, doch auf Dauer, die eher kurz war, konnte oder wollte er das nicht durchziehen und überließ den Stuttgarter Linksaußen meist Heiko Westermann, der keinen ganz leichten Stand hatte und lange von Glück sagen konnte, dass Kostics Hereingaben zunächst verheerend waren. Man fühlte sich ein bisschen an Arjen Robben erinnert. Nicht weil Kostic ihm so ähnlich wäre, sondern weil der Gegner ein ums andere Mal nicht in der Lage war, die grundsätzlich vorhersehbaren Aktionen des Stürmers zu unterbinden.

Daniel Didavi nicht zu vergessen, natürlich, der dann auch zum rechten Zeitpunkt von Alexandru Maxim abgelöst wurde, um nicht Gefahr zu laufen, das Ergebnis nur mehr zu verwalten, oder Timo Baumgartl, den ich in der Vorwoche noch in der einen oder anderen Aktion als hektisch und nervös wahrgenommen hatte und der nun als Souverän neben dem Souverän Rüdiger wirkte: auch ihnen gebührte eine Ode, wäre ich nicht gedanklich schon wieder weiter, bei Christian Gentner, der den hintersten Hamburger Abwehrspieler ebenso regelmäßig unter Druck setzte wie deren vordersten Angreifer. Für die zweite Halbzeit besänge ich selbst Daniel Schwaab, gar Sven Ulreich, der das Spiel nie langsam machte. Und natürlich Serey Dié, diese Symbolfigur für das Selbstvertrauen, die Selbstverständlichkeit, die komplette Abwesenheit jeglichen Zweifels daran, dass das, was man grade tut, richtig ist und gelingen wird. Drüben im Vertikalpass weiß man das schon lange: Do or Dié hieß es dort bereits Anfang März, und dass man mehr Spieler von seinem Schlag benötige.

Nun bin ich zwar ganz froh, dass auch noch Spieler mit anderen Qualitäten auf dem Platz stehen, und Diskussionen über aggressive leader und Führungsspieler sind mir in aller Regel eher unangenehm; Serey Dié hat aber dafür gesorgt, dass ich nunmehr endlich in der Lage bin, das Jugendwort des Jahres 2013, das mich damals so unvorbereitet getroffen hatte, eindeutig zuzuordnen und mit Leben zu füllen: Dié ist das, was ich mir unter einem Babo vorstelle. (Was bestimmt schon mal jemand vor mir sagte.) Bleibt zu hoffen, dass er auch in Paderborn von seiner anfänglichen Unsitte, gerne mal ganz in der Nähe zu sein, wenn ein Gegentor entsteht, Abstand nimmt. Bildlich gesprochen.

Und dann wäre da noch eine Ode, die mir mindestens genauso sehr am Herzen liegt. Der eine oder die andere Hamburgerin wird das anders sehen, wie das halt so ist, wenn man den Kürzeren gezogen hat, aber ich wünschte mir eine Ode an Manuel Gräfe. Ich fand es ganz wunderbar, wie er von Anfang an vermittelte, dass er gewillt war, den Abstiegskampf auch als solchen zuzulassen. Spätestens nach zehn Minuten sollte jedem seine Zweikampfbewertung transparent gewesen sein, die eine gewisse fußballspezifische Körperlichkeit zuließ, ohne dabei Zweifel aufkommen zu lassen, dass es keine gute Idee wäre, den großzügigen Spielraum über die Maßen ausdehnen zu wollen.

Gewiss, über die eine oder andere Karte mehr hätte man sich beiderseits nicht beschweren können, und dass die Linie des Schiedsrichters den vielleicht nur dreiviertelherzig um den Sieg kämpfenden Hamburgern etwas weniger entgegenkam, will ich nicht von der Hand weisen. Dennoch bestätigte sich der Gedanke, den ich – weniger detailliert – bereits bei Bekanntwerden der Ansetzung gehabt hatte: ein mit manchem Wasser gewaschener Unparteiischer, der ein intensives Spiel zulässt, sofern es nicht unanständig wird, und der sich auch von Sperenzchen wie dem Freistoß heischenden Ballgrabschen nicht beeinflussen oder gar beeindrucken lässt – im Gegenteil:

„Sie glauben, Sie dürften den Ball in die Hand nehmen, weil Sie meinen, gefoult worden zu sein? Sie irren: Handspiel.“

Und das gleich doppelt. Aber das ist natürlich nur ein Nebenaspekt. Hauptthema ist die großzügige und berechenbare Zweikampfbewertung. Genug der Stichworte – wenn bitte jemand die Ode verfassen würde?

In Freiburg ist man bereits einen Schritt weiter. In der Tabelle, gewissermaßen, ganz konkret aber auch im Odenbusiness: der geschätzte Herr @zugzwang74 verfasste bereits in der vergangenen Woche “Eine Ode an den FC Bayern” und, was soll ich sagen? Sie hat gewirkt. “Sein” SC Freiburg schlug den Meister, dessen Saison bekanntlich vor einigen Wochen beendet war, der sich aber mit voller Kapelle redlich mühte, mit 2:1.

Das böse Wort von der Wettbewerbsverzerrung war schnell bei der Hand, was niemanden verwundern dürfte, der die Aussagen des Trainers und die letzten Ergebnisse noch im Ohr hat. Allein: Das Spiel gegen Freiburg, sein Verlauf, die Statistiken, … all das gibt diese Schlussfolgerung schlichtweg nicht her. Zumindest nicht dann, wenn man von einer bewussten Handlung ausgeht. Dass dennoch mancherorts ein Gschmäckle bleibt, hat der Primus inter Impares zum einen dem genannten Abgesang des Trainers auf die Liga zu verdanken, zum anderen seiner früheren Konsequenz in den letzten Saisonspielen, nicht zuletzt unter Jupp Heynckes.

Inwiefern? Nun, vor einigen Jahren hatte ich mich mit der Frage befasst, wie sich feststehende Meister denn so schlagen, wenn es für sie de facto um nichts mehr geht. Damals, 2011, stand Dortmund bereits als Titelträger fest, hatte aber unter anderem noch ein Spiel gegen Eintracht Frankfurt vor Augen, der mit dem VfB gegen den Abstieg kämpfte. Und so schrieb ich Folgendes:

[…] Weshalb ich mir mal angesehen habe, wie sich Längst-Meister in der Regel so schlagen. Demnach könnte der VfB von Glück reden, dass es sich bei besagtem Längst-Meister nicht um die Bremer handelt, die von ihren insgesamt sechs Spielen, die sie als feststehender Titelträger bestritten, sage und schreibe vier verloren: zwei im Jahr 1988, zwei weitere 2004. Nur der HSV ist, rein prozentual, noch schlechter, hat er doch seine einzige Partie als bereits sicherer Deutscher Meister im Jahr 1979 gegen die Bayern verloren. Besagte Bayern haben mit weitem Abstand die meisten dieser eher lästigen Spiele bestritten, nämlich 29. 20 Siege, 5 Unentschieden und 4 Niederlagen sind eine sehr respektable Bilanz. Eine hundertprozentige Siegquote haben Gladbach (3/3), Nürnberg (1/1) und, tada!, Dortmund: der Meister 2011 durfte am 34. Spieltag der Saison 1995/96 zum Schaulaufen antreten und schlug Freiburg 3:2. Folglich ziehe ich meine Bedenken zurück, auf Dortmund ist Verlass.

Das war, wie ich rückblickend feststelle, gar nicht mal so wissenschaftlich formuliert, aber die Aussage liegt auf der Hand: der FC Bayern, ein Ausbund an sportlicher Ernsthaftigkeit, auch im Erfolgstaumel. Diesen Eindruck bestätigte man nach zweijähriger Titelabstinenz in der Triple-Saison 2012/13, als der Titel so früh wie nie zuvor vergeben wurde und die Bayern sage und schreibe sechs Trainingsspielchen in der Bundesliga zu bestreiten hatten, von denen unter Jupp Heynckes fünf gewonnen wurden und eines unentschieden endete. Zusammengefasst: von 1969 bis 2013 bestritt der FC Bayern München 35 solcher Spiele, gewann 25, teilte sechs Mal die Punkte und verlor im positivsten Sinne bemerkenswerte vier Partien.

Bereits 2014 folgte auf die frühzeitigste Meisterschaft eine noch frühzeitigere, auch 2015 war man noch verdammt früh dran, und so standen weitere elf lästige Pflichtspiele an. Zehn davon sind bereits bestritten: 4 Siege, ein Unentschieden, fünf Niederlagen.

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Den Grund für die zuletzt schwächeren Werte kenne ich nicht. Möglicherweise handelt es sich, laienhaft gesprochen, um eine statistische Delle, meinetwegen zufallsbedingt, oder um das Ergebnis übermäßiger Belastungen und ebensolchen Verletzungspechs, eventuell hat die Geisteshaltung des Trainers damit zu tun, vielleicht trainieren sie nicht genug, und möglicherweise sind die euphorisierten Meister auch schlichtweg zum falschen Zeitpunkt auf richtig starke Gegner getroffen. Wahrscheinlich werde ich, und nicht nur ich, die Frage nach den Gründen nie beantworten können, aber sie zu stellen halte ich für legitim.

So ähnlich, wenn auch mit einem kleinen Fehler, den bis dato niemand angeprangert hat, sagte ich das übrigens vor ein paar Tagen auch im Rasenfunk. Rasenfunk, Sie wissen schon, dieser Fußballpodcast mit dem wunderbaren Moderator @GNetzer, der sich gerne Gäste einlädt und mit ihnen nicht nur über Fußball spricht, sondern das Ganze auch noch poetisch aufbereitet. Sollte ich so etwas zur Gewohnheit machen wollen, also dieses öffentliche Reden, sollte ich vermutlich meine Infrastruktur aufrüsten, um künftige Hörer davon abzuhalten, meine Stimme als einem Volksempfänger entstammend zu bezeichnen. Nun denn.

Wie gesagt, ich sprach dort primär über den VfB nach dem HSV-Spiel, vergaß aber die ganzen Oden, und durfte dann auch noch ein bisschen über die Bundesliga reden, beispielsweise eben über den Negativlauf des FC Bayern. Und, ganz kurz, darüber, dass ich mir das alles anders vorgestellt hatte. Dass ich zwar nicht mit einem Schalker Sieg gerechnet, den beiden bayerischen Bundesligisten aus München und Augsburg aber doch etwas mehr zugetraut hatte in den Duellen mit Stuttgarter Konkurrenten. Damals, am Samstagnachmittag, nach dem HSV-Spiel, Sie erinnern sich. Und so lagen meine zuvor formulierten Pläne wenige Stunden später in Trümmern:

Ja, ich war und bin besorgt. Was mir im Rasenfunk einen Uwe-Seeler-Vergleich einbrachte. Und dann auch noch einen mit Matthias Sammer. Da geh ich nicht mehr hin. Ist eh zu profan.

Doch ernsthaft: ich bin nervös. Mache mir tatsächlich seeleresk Sorgen. Nicht um den relegationsgestählten HSV, wohlgemerkt, sondern um den VfB, der zuletzt so beeindruckend gespielt hat und doch darauf angewiesen ist, bei den Paderbornern, die gegenwärtig wohl auch tröstende Oden fürchten, geschriebene wie noch ungeschriebene, für die sie sich gegebenenfalls nichts kaufen können, wenn es denn doch nicht reichen sollte, was ich ihnen leider wünschen muss.

Ganz nebenbei versuche ich übrigens meinen Aberglauben zu verdrängen, demzufolge sich die Ehrenrunde, die die Mannschaft am vergangenen Samstag nach dem Spiel, als außer selbigem nichts gewonnen war, absolvierte, nachgerade als böses Omen aufdrängt. Fällt mir nicht leicht. Eine Ode an die Gelassenheit, das wär’s jetzt.

Krankheitsbericht

Vor Wochenfrist, großzügig gerechnet, hatte ich endlich mal wieder etwas zu erzählen. Im Stadion war ich gewesen, gegen Dortmund, ein schönes Spiel gesehen, mit bitterem Ausgang, gewiss, und doch waren diese 25 Minuten zu Spielbeginn für die Seele Gold wert gewesen, mehr als alles andere, was ich im Lauf der Saison gesehen hatte. Ich räume ein: vermutlich kam das Schneider’sche Bundesligadebüt dem nahe, auch wenn ich es nur in einer komischen Hamburger Bar (ohne Bindestrich) verfolgen konnte.

Mein Sohn war dabei gewesen, nicht in Hamburg, doch schon, aber das meinte ich jetzt nicht, sondern im Stadion, gegen Dortmund, nachdem er vormittags beim Punktspiel eine Abwehraktion zum Besten gegeben hatte, die Marwin Hitz Stunden später ähnlich spektakulär, aber deutlich weniger erfolgreich nachstellen würde. Aus nächster Nähe ins Gesicht, Sie wissen schon, mit dem Unterschied, dass Hitz ein Eigentor unterlief, während mein Sohn tatsächlich klärte. Glücklich machte es ihn nicht, und mich, der ich ihm tags zuvor angeraten hatte, etwas weniger ängstlich in Zweikämpfe zu gehen, erst recht nicht.

Natürlich hatte das nichts mit Dortmund zu tun, außer dass ich gottfroh war, ihn wohlbehalten und ohne Brummschädel mit ins Stadion nehmen zu können, aber irgendwie hätte ich das schon zusammengeführt. Noch ein bisschen Schirischelte dazu, weil Oliver Kirch nach seinem taktischen Foul auf dem Platz bleiben durfte, dann noch ein paar Mutmaßungen über Jürgen Klopps Gedankenwelt beim Beobachten der Duelle zwischen Erik Durm und Ibrahima Traoré, der natürlich noch einmal eine ganz andere Nummer ist als Gareth Bale – der eine oder andere Seufzer dürfte Klopp dennoch entwichen sein.

Schließlich dann, um das Ganze abzurunden, wäre noch ein kurzes Philosophieren über Robert Lewandowski fällig gewesen, den die einen wegen seine gewiss leichtfüßigen Falls vor dem Ausgleich scharf kritisierten, während die anderen, zumindest Teile der anderen, ganz konkret: ich, den ich also mit einem Gefühl beobachtet hatte, das, die VfB-Bedürfnisse kurz beiseite schiebend, man wohl als Verzückung beschreiben könnte. Ballannahmen, bei denen nicht nur ich mir, sondern bei denen sich vermutlich auch professionelle Fußballspieler Faserrisse zuziehen würden, ohne den Ball auch nur zu berühren, Dribblings, Tempo, eine über sämtliche Zweifel erhabene Körpersprache und in jedem Augenblick diese Sorge, dass gleich etwas Großes passieren könnte.

Ich weiß, BVB-Anhängern geht es schon lange so, von besagter Sorge vielleicht abgesehen, und natürlich denke ich derlei nicht zum ersten Mal, habe ich ihn nicht zum ersten Mal gesehen. Ich weiß zudem, dass das gar nicht sein bestes Spiel war, aber das braucht es ja gar nicht, oftmals sind ja die Ahnungen all dessen, was sich noch dahinter verbirgt, und nein, ich laufe nicht Gefahr, den Faden zu verlieren oder gar ins Schlüpfrige abzugleiten, sind es also diese Ahnungen, die die Phantasie anregen und einem, ja, das Herz aufgehen lassen. Bis man sich dann wieder der Situation der Heimmannschaft erinnert.

Ein bisschen abseits des Spielfelds hätte ich dann noch kurz über Autofahrten aus Kindertagen gesprochen, aus der südbadischen Provinz in die Landeshauptstadt, und über meine Irritation ob der Ungerechtigkeit, dass schon nach wenigen Kilometern, noch vor Erreichen der Autobahn, die Beschilderung für Stuttgart begann, während auf der Rückfahrt weit über 100 Kilometer an uns vorüberzogen, ehe die wunderbare eigene Heimat angekündigt wurde. Dem Großteil der gen Süden fahrenden Stuttgarter war sie schlichtweg ziemlich egal.

Ganz ähnlich wie meinem kindlichen Ich dürfte es jenen Leuten gehen, die nach dem Dortmund-Spiel die Sorge äußerten, der Meister aus München betrachte den VfB als Erzrivalen und werde deshalb besonderes Augenmerk darauf legen, besagten VfB am letzten Spieltag in die zweite Liga zu schießen, um so seinen eigenen Titel noch mehr auskosten zu können. Gewiss, alles eine Frage der Perspektive. Und nicht nur ihrer.

Das alles und noch viel mehr sollte also vor Wochenfrist irgendwie zu Papier gebracht werden, ehe mich eine heimtückische grippale Attacke auf die Bretter schickte, wo ich dann die Woche verbrachte. In lichten Momenten schrieb ich in Etappen ein paar Sätze für den Sitzplatzultra, der in seinem Blog nach einem festen Schema bloggende Anhänger des jeweiligen Gegners „seines“ SC Freiburg zu Wort kommen lässt und dem ich schon vor langer Zeit Antworten zugesagt hatte. Rückblickend kann man feststellen, dass die vermeintlich lichten Momente gar nicht so licht gewesen sein dürften.

Meine dort zum Ausdruck gebrachte Meinung, dass Oliver Baumann ein besserer Torwart sei als Sven Ulreich, ist im Lichte des samstäglichen Realitätsabgleichs zunächst einmal nicht zu halten. Zahlreichen lichten Momenten des VfB-Torhüters stand mindestens ein eher düsterer seines Pendants gegenüber.

Zumindest einen düsteren Moment hatte auch Vedad Ibisevic, der noch nie in seiner Zeit beim VfB so früh und unverletzt ausgewechselt worden sein dürfte. Ansonsten kann ich zum Spiel nichts sagen. Nicht einmal, ob Christian Streich an Gareth Bale dachte.

Somit habe ich zuletzt von drei Heimspielen an drei aufeinanderfolgenden Samstagen nur eines gesehen. Das, das verloren wurde. Ebenfalls nicht im Stadion war ich gegen Hoffenheim. 6:2, Sie wissen schon. Was mich zumindest für das Schalke-Spiel am seit Monaten anderweitig verplanten Ostersonntag ganz zuversichtlich stimmt.

Ernsthaft: der VfB hat in dieser Saison wettbewerbsübergreifend acht Spiele gewonnen. Eines davon habe ich live gesehen. Bitter. Vor allem ersteres.

Ein Freund beantwortete die Frage nach seinen Dauerkartenplänen für die kommende Saison jüngst sinngemäß so:

„Ja, ich denke schon, dass ich auch in der zweiten Liga eine Dauerkarte nähme.
Ach, in der ersten? Nein, das tue ich mir nicht mehr an.“

Wie heiß diese Aussage letztlich gegessen würde, weiß ich nicht. Und auch nicht, ob er zu dem Zeitpunkt schon wusste, dass Fredi Bobic auch in Liga zwei weitermachen würde. So er dürfte. Sein Vorbild sei Michael Preetz, wenn ich das recht verstanden habe. Der sei sogar zweimal wieder aufgestiegen mit der Hertha. Yeah!

Zurück zum Samstag: während ich die Bundesliga so verfolgte, machte das böse Wort von der Wettbewerbsverzerrung die Runde. Ob dem bösen Wort auch ein böses Handeln des FC Bayern gegenüberstand, der mit zehn Feldspielern angetreten war, die im Durchschnitt in gut 40 Prozent der bisherigen Spiele zum Einsatz gekommen waren, darunter zwei Debütanten, wurde nicht einheitlich bewertet.

Dabei steht außer Frage, dass der FC Bayern jedes Recht hat, die Mannschaft aufzustellen, die er will. So wie der Betrachter das Recht hat, darin eine Wettbewerbsverzerrung zu erkennen, oder wie ich das Recht habe, es insbesondere im Lichte der vorangegangenen Ankündigung des Trainers, dass die Bundesliga-Saison des FC Bayern beendet sei, als unsportlich und als Provokation zu empfinden.

Was mich indes überraschte, brachte ich in einem Tweet zum Ausdruck:

Ernsthaft und ohne jede Polemik: ich hätte gedacht, dass Reaktionen im Sinne von „Findest Du?“, „Na ja, jetzt übertreibst Du aber ein bisschen“, „Schon grenzwertig, aber angesichts der Champions League am Mittwoch doch auch nachvollziehbar“ oder gar „Ja, für Mainz als Wettbewerber ist das sicher ein Schlag ins Gesicht. Ich finde dennoch, dass man da keine Rücksicht nehmen darf.“ Auch „Nee, sehe ich überhaupt nicht so. Højbjerg ist schließlich …“ hätte ich genommen. Und ja, gerne auch ein bisschen direkter in der Ansprache, schließlich waren die kritischen Äußerungen auch nicht allzu romantisch ausgefallen, zum Teil übers Ziel hinausgeschossen.

Faktisch las ich indes, was an mir gelegen haben mag, nur sehr wenige Tweets, die sich halbwegs ernsthaft mit den Vorwürfen auseinandergesetzt hätten. Stattdessen wurde den Kritikern unterstellt, doch nur darauf gewartet zu haben, es den Bayern endlich mal zeigen zu können, andere nahmen Diskussionen der letzten Wochen auf, sinngemäß: „Bei Siegen ist es Langeweile, bei Niederlagen Wettbewerbsverzerrung. Euch kann man es nicht recht machen“.

Wieder andere wiesen die „Dummquatscher“ schlichtweg darauf hin, dass „wir“ noch größere Ziele hätten, bezeichneten die Vorwürfe als „Unsinn“ oder ließen die Kritiker wissen, dass sie sie auslachten. Nicht wenige verwiesen darauf, dass sich Augsburg ja nicht in einem relevanten Wettbewerb befinde, was angesichts von nun zwei Punkten Rückstand auf einen möglichen Europapokalplatz eine gewagte These ist, gleichzeitig aber immerhin in eine inhaltliche Auseinandersetzung zum Thema münden konnte.

Häufig kam natürlich der Hinweis, dass gerade Armin Veh nicht klagen dürfe, der ja mit seinen Frankfurtern das Spiel in München abgeschenkt habe. Unter anderem hierzu tauschte ich mich mittels privater Direktnachrichten mit einem geschätzten FCB-Fan aus und argumentierte auf seine Frage hin, ob ich das Frankfurter Verhalten gleichermaßen unpassend gefunden habe, alles andere als wissenschaftlich sauber und in Kurznachrichtendiktion:

„Frankfurt fand ich nicht schön, aber nein, nicht in dem Maße. Zum einen befand sich der Gegner, realistisch betrachtet, schon zu jenem Zeitpunkt nicht mehr in einer wirklichen Wettbewerbssituation, zum anderen verringerte Frankfurt seine Siegchance geschätzt von 10 auf 5 %, während die Bayern ihre heute, geschätzt, von irgendwas über 80 letztlich unter 50 senkten.“

Aber wie gesagt, all das kann man aus guten Gründen anders sehen. Ich hätte mich nur über ein etwas weniger selbstbewusstes Beiseitewischen von Kritik und eine offene Auseinandersetzung gefreut.

Wohl wissend, dass ich manches überlesen haben mag und dass sich viele bestimmt im Privaten Gedanken dazu gemacht haben.

 

 

 

 

 

 

Timo!

14! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Vierzehn!

Genau vierzehn Spieler mit dem Vornamen Timo spielten je in der Bundesliga. Ok, hinter das „genau“ setzten wir vielleicht mal ein Fragezeichen, zu unsicher war die Quellenlage, zu hopplahopp die Recherche. Von diesen 14 ziehen wir kraft souveräner Willkür jene fünf ab, die auf eine einstellige Anzahl an Einsätzen kommen (1-1-2-4-7), und es bleiben, genau: neun.

Zwei von ihnen gingen ihrem Tagwerk bei den baden-württembergischen Wettbewerbern (also: manchmal, der Wettbewerb) nach, wenn auch nicht übertrieben häufig, zwei weitere haben jeweils eine sehr stattliche Anzahl an Einsätzen vorzuweisen: Rostocks Timo Lange und, man möge mir den Ausdruck verzeihen, aber ich halte ihn allein schon aus Premierengründen für gerechtfertigt, Bundesligalegende Timo Konietzka.

Bleiben also fünf. Fünf von neun ernsthaften Bundesligatimos haben ihr Debüt beim VfB gegeben: Rost, Hildebrand, Wenzel, Gebhart, Werner.

Wundert sich also wirklich  jemand, dass der Stuttgarter Timohype nun so richtig einsetzt? Die Frage ist doch vielmehr: wieso erst jetzt? Schließlich wussten wir alle, die wir uns halbwegs mit dem VfB und dessen Nachwuchsarbeit befassen, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis die Timobegeisterung so richtig Fahrt aufnimmt.

Jetzt ist es also soweit, und wenn man ehrlich ist, hat es möglicherweise nicht nur mit der bundesweiten Timoisierung per se zu tun – der junge Herr Horn aus dem Rheinischen dürfte sich und uns im kommenden Jahr die Ehre geben, und auch hierzustadte scharren die Herren Baumgartl und Cecen möglicherweise mit den Hufen, mehr oder auch weniger berechtigt –, sondern auch mit dem jüngsten Auftritt des jüngsten und möglicherweise hypegebendsten Vertreters der Timobewegung: Timo.

Verzeihung, das war jetzt tatsächlich so nicht gewollt. Möglicherweise bin ich dem Hype anheimgefallen. Also: Werner.

Doppelpack. Mit 17. Und diese Chuzpe beim 1:3, dieser Affront gegen Ibisevic, diese Missachtung (Vorsicht, jetzt wird’s furchtbar:) der Timorder.

Es geschieht selten, dass ich „Mittendrin“ (Heißt doch so, oder?) im DSF (Heißt doch nicht mehr so, oder?) sehe, und noch seltener, dass ich den Diskutierenden explizit recht gebe und sie für ihre eventuell gar ein bisschen vom Mainstream abweichende Meinung preise, aber in dem Fall war ich dankbar für die Feststellung, dass Werners Risiko angesichts des sich bereits anderweitig orientierenden Oliver Baumann nicht mehr sonderlich groß war.

Aber klar, frech war es schon, und interessanterweise war nun auch die zweite öffentliche Äußerung, die ich von Vedad Ibisevic zu Timo Werner gehört habe – die erste dürfte nach dem Hoffenheim-Spiel erfolgt sein –, eine recht reservierte.

Und ich meine damit nicht jene Reserviertheit, die aus besorgten älteren Spielern oder Verantwortlichen spricht, die sehr wohl wissen, dass Rückschläge kommen werden, die einen jungen Mann schützen wollen, Sie wissen, wovon ich spreche.

Natürlich weiß auch Ibisevic, dass bei Werner nicht immer nur alles glatt laufen wird, dass auch mal was schiefgeht, aber meine Eindruck von vor einigen Wochen hat sich verfestigt: ich sehe da eher eine gewisse Platzhirsch-Reserviertheit. Und ohne Ahnung von Tiersoziologie zu haben, glaube ich zu wissen, dass Platzhirsche ein ganz gutes Gespür dafür haben, wer ihnen über kurz oder lang den Rang ablaufen könnte.

Dass hier niemand übersieht, wie stümperhaft sich die Freiburger Hintermannschaft angestellt hat, steht außer Frage, und wir haben ja auch schon Spiele gegen Mannschaften gesehen, die, anders als Hoffenheim, Werners Qualitäten auf dem Zettel hatten, oder die, anders als Freiburg, das Personal hatten, damit umzugehen, sodass der Hype in jenen Spielen nicht sonderlich befeuert wurde, und mir hoher Wahrscheinlichkeit steht auch in den nächsten Wochen das eine oder andere solche Spiel ins Haus. Aber ein kluger Mann – ich glaube, er heißt Christian Gentner – hat in diesen Tagen sinngemäß gesagt, man werde Timo Werners steile Karriere schlichtweg nicht verhindern können.

Und der Hype hat gerade erst begonnen.

Kindertag und Altherrentour

Wie wir alle wissen und der Volksmund bestätigt, ist nichts so alt wie die Zeitung von gestern. Möglicherweise darf man heutzutage ergänzen, dass Texte zum vorletzten Spiel, noch dazu in einem elektronischen Medium, wie es zum Beispiel ein Blog darstellt, zumindest ähnlich alt sind, tendenziell eher noch etwas betagter. Vom vorvorletzten gar nicht zu reden.

Aber es hilft ja nichts. Die Textfragmente sind nun mal da, und was erst einmal geschrieben wurde, will letztlich auch veröffentlicht werden. Da trifft es sich ganz gut, wenn der Blogbetreiber, hier: ich, nicht der Aktualität verpflichtet ist und das Ganze als eine Art Reisehintergrundbericht (Arbeitstitel) verkaufen kann. Verschenken, um genau zu sein.

Vielleicht darf ich zuvor noch auf zwei persönliche Auswärtsspiele anderer Art hinzuweisen, deren eines ebenfalls längst von der Realität überholt wurde: das Spiel des VfB II beim SV Wehen Wiesbaden, in dessen Vorfeld ich mein überschaubares Wissen zur aktuellen Situation bei den VfB-Amateuren (sic!) drüben in meinem Lieblingsdrittligablog, dem Stehblog, bloßstellen durfte, liegt bereits hinter uns. 1:1, wie die geneigte Leserin weiß, natürlich ohne die von mir im Stehblog genannten Khedira und Lohkemper, was in beiden Fällen nicht ganz überraschend kam.

Zum anderen beobachtete mich Ermittler Dembowski (vom oberlippenbärtigen Peters gar nicht zu reden) beim Showdown in der Kugelbahn und stellte eines völlig zurecht fest: “Kamke sah gut aus.” Er beobachtete, wie es Ermittler eben so tun, auch noch einiges mehr, was man sich meines Erachtens zu Gemüte führen sollte.

Um diesem Text zwischendurch doch kurz, das propagierte Selbstverständnis ignorierend, einen Hauch von Aktualität zu verleihen, sei auf das Spiel des VfB in Braunschweig hingewiesen, von dem ich allerdings so gut wie gar nichts sehen konnte. Der Liveticker des kicker vermittelte mir indes bereits zur Pause, was ich wissen musste:

“Ein engagierter Auftritt der Eintracht, die zur Pause gegen effiziente Stuttgarter unglücklich zurückliegt.”

Effizient kann man ja so und so sehen. Ich betrachte es in aller Regel als gelungenen Euphemismus. In diesem Sinne hatte ich mir eben das vorgestellt: einen effizienten Sieg gegen die Braunschweiger, denen ich nach eigener Anschauung in Hamburg die Konkurrenzfähigkeit im Grunde abgesprochen hatte. Womit ich gewiss, und durchaus zu meinem Bedauern, nicht alleine dastehe. Wenn nun die Stuttgarter Nachrichten mit “VfB trumpft groß auf” aufmachen, dann, nun ja, ist das möglicherweise Ansichtssache.

Dessen ungeachtet: schön, dass es dann doch noch deutlich wurde, und wunderbar, dass sich Traoré wieder gefangen hat nach, ja, wonach denn? Ist es tatsächlich denkbar, dass sein bitterer Ballverlust, der das Ausscheiden gegen Rijeka quasi besiegelte, ihm so lange zu schaffen machte, ihn hemmte und verunsicherte? Oder machte er eher dem Trainer zu schaffen, der ihm danach die eine oder andere “Denkpause” verschrieb, die hierzustadte erfreulicherweise anders als in Gelsenkirchen nicht gleich “Suspendierung” genannt wird? Wie auch immer: fünftbeste Offensive, hey, hey!!

Dass die Braunschweiger Fans für ihre beeindruckende Anfeuerung bei aussichtslosem Spielstand, vielleicht bereits, auf die Saison bezogen, auf verlorenem Posten stehend, landauf, landab gefeiert werden, ist verständlich und berechtigt. Grundsätzlich. Und doch mutete es, wäre es nicht so traurig und vielmehr begreinens- und protestwürdig, wie ein Treppenwitz an angesichts der schwer zu fassenden vereinspolitischen Groteske, die sich in diesen Tagen abspielt und die die taz, soweit ich die Geschehnisse aus der Ferne beurteilen kann, in der ihr eigenen Art und überraschend gemäßigter Sprache inhaltlich angemessen deutlich kommentiert.

Zurück zum Ausgangspunkt und damit in die aktualitätsfreie Zone: zwei VfB-Spiele live und in Farbe innerhalb weniger Tage. Und vor Ort. Hatte ich auch schon ein Weilchen nicht mehr. Zuerst in der Bundesliga gegen Frankfurt, dann im DFB-Pokal in Freiburg. Und sie waren grundverschieden. Von den Rahmenbedingungen her, meine ich. Sportlich haben sie sich gar nicht so viel geschenkt. Nicht zuletzt traf man in beiden Fällen auf einen Gegner, dessen Fußball mir, wäre ich neutral gewesen, deutlich mehr Spaß bereitet hätte als der des VfB.

Weshalb ich mich erst einmal kurz mit den schönen Seiten befassen will. Mit dem kurzerhand geschaffenen Familienblock gegen Frankfurt. Plötzlich und unerwartet (die älteren LeserInnen werden sich an den Durbridge-Straßenfeger erinnern) befanden sich in unserem Block auf engstem Raum etwa acht Kinder im Vor- oder jungen Grundschulalter, die ihre Papas und in Einzelfällen auch ihre Mamas zum Spiel begleiten durften und dabei den Eindruck einer konzertierten oder gar inszenierten Aktion erwecken konnten.

Womit grundsätzlich eine veronafeldbuscheske (so hieß sie damals noch, als das relevant war) Überleitung zur fanseitigen Inszenierung des 120. VfB-Geburtstages gelungen wäre. Ich kann nur nicht so viel drüber sagen, man hat dann ja doch eher eine Art Schild vor dem Kopf und sieht nicht so viel von der Choreographie, die aber überaus gelungen gewesen sein soll. Quatsch, war! Natürlich habe ich sie mir hinterher auch angesehen. Ich ziehe meinen Hut vor all jenen, die sehr viel Zeit, Mühe und gewiss auch Geld investiert haben. Den Kindern hat es übrigens auch großen Spaß gemacht. Zumindest solange sie die Arme mit hochhalten konnten. Danach durften einzelne Papas, konkret kann ich nur für einen sprechen, quasi Doppelhalter spielen.

Irgendwie taten die Kinder der Atmosphäre gut, der eine oder die andere mag sich etwas länger überlegt haben, ob man die Gäste als “Hurensöhne” feiern solle oder nicht. Die Präferenzen waren allerdings hinreichend klar verteilt, um (vermutlich nicht nur) mir Gelegenheit zu geben, die Nein-mein-Kind-jetzt-nicht-Karte zu ziehen, um eine nicht ganz triviale Begriffsklärung bis auf Weiteres zu verschieben. Schließlich ginge es nicht nur um die Definition an sich, sondern auch um den grundsätzlichen Umstand der Verwendung im Fußballkontext. Im Quasi-Familienblock. Immerhin: die heimische Nachfrage bei anderen Familienmitgliedern scheiterte an der etwas undeutlichen Akustik im Neckarstadion.

So sehr es mir Freude bereitet, immer wieder Kinder im Fanumfeld zu sehen, und so sehr ich es genieße, meinen eigenen Sohn mitunter dabei zu haben, so argwöhnisch sehe ich mir die so sozialisierten Kinder auch immer wieder an. Bloß weil vor einigen Jahren ein Kind bei uns im Block stand, das unter väterlicher Begleitung – die mir persönlich deutlich weiter von bloßer Billigung entfernt zu sein schien als von aktiver Hinführung bis hin zur Anfeuerung – nach Möglichkeit immer ganz vorne dabei war, egal ob es um ein bloßes “die Hände!” ging oder auch um Verunglimpfungen des Gegners. Kann man mögen. Muss man nicht. Ich würde ihn schon gerne mal wieder sehen, einfach der Neugier wegen.

Das Spiel war eher so lala. Der Meistertrainer hatte seine Frankfurter gut eingestellt, bis zu deren Führungstreffer sah der VfB keinen Ball, die Gäste bestimmten – wie schon in der Vorsaison, und wie damals mit einem stets anspielbaren und nie um eine gute Lösung verlegenen Sebastian Rode – die Partie, der Stuttgarter Ausgleich fiel glücklicherweise recht früh und wäre kaum einer Erwähnung wert gewesen, wenn es sich nicht um den Debüttreffer von Timo Werner gehandelt hätte, der das Stadion tatsächlich ein bisschen erbeben ließ.

War Werners eigene Freude bereits explosiv, so vermochten all jene Fans, die wir ihn spätestens seit Saisonbeginn adoptiert, im Grunde aber bereits seit Jahren seinen Weg als vorgezeichnet betrachtet hatten, diesen Ausbruch noch um ein Vielfaches zu steigern. Schon schön.

Ach, und dann war da ja noch diese Elfmetersache. Und die Abseitsstellung, mit der er den Führungstreffer ungültig machte. Und der – selbst großartig erarbeitete – Fehlschuss allein vor dem Tor. Da wäre der Elfer in der Tat ein schönes Happy End gewesen. Tja. Dem Spielverlauf entsprach das 1:1 ganz gut.

Drei Tage später fuhren sechs ältere Herren in drei Zweierreihen gen Freiburg. Bzw. sie wollten es. Gemächlich. Dumm nur, dass einer der sechs in einem beruflichen Termin gefangen war. Und dass dieser Herr, nennen wir ihn der besseren Lesbarkeit wegen Heinz, die Karten hatte. Also vier davon. Dass die anderen beiden noch fehlten, hatte ja im Vorfeld keiner zu wissen brauchen.

Etwa zu der Zeit, als Heinz den Termin rennend verließ, hätte er bereits gut 30 Minuten weiter südlich auf die anderen treffen sollen. Er verschickte ein paar zerknirschte Kurznachrichten, prüfte die Stau- und erfrug die Ticketsituation, beides eignete sich nicht, eine Besserung der Laune herbeizuführen, und fuhr mangels Alternativen geradewegs in den Feierabendverkehr. Nach wenigen Minuten blieb festzuhalten, dass alles noch viel schlimmer war, zumindest nahm er es so wahr, und er erinnerte sich kurz an Rudi Völlers Tiefpunkt-, ähem, Klimax.

Seine Sorgen erwiesen sich letztlich, wie man im entspannten Rückblick immer leicht sagen kann, als panikartig übertrieben, die Mitfahrer wirkten bei seiner Ankunft noch überraschend gelöst, was zum Teil antrainiert gewesen sein mag, zum Teil auch dem Umstand geschuldet, dass ihnen das Ticketdefizit noch nicht bewusst war, oder sie waren einfach cooler als er. Wie sonst ließe sich erklären, dass sie ihn erst noch einmal losschickten, um etwas zu essen zu holen?

Die Fahrt war erquicklich, die Kühltasche gefüllt, die von einem Mitspieler in Aussicht gestellte einstündige Baustellenverzögerung erwies sich als Schimäre (Bingo!), die Parkplatzsuche in Freiburg gelang. Blieb die Ticketfrage. Der großartige Herr @zugzwang74, Freiburger Vereinsmitglied, hatte sich um zwei Karten für den Feind (er selbst würde gewiss nicht so formulieren, was zu besagter Großartigkeit beiträgt) verdient gemacht und diese sogar, gegen seine eigene Überzeugung, an die Grenze zum Gästebereich platziert (er selbst war leider verhindert). Dumm nur, dass sein Verein nicht lieferte.

Wir haben alle schon unsere Erfahrungen mit der Post und ihren privaten Wettbewerbern gemacht. Auch negative. Und doch halten wir es, hatte es auch Heinz für unvorstellbar gehalten, dass zwei Karten, die der SC Freiburg an einem Dienstag in Rechnung stellte, dass also ein vermeintlicher Standardbrief nicht bis zum Mittwoch der Folgewoche in Stuttgart zugestellt würde. Tja. War aber so.

Und was Heinz vor allem nicht für möglich hielt: dass die schriftliche Beschwerde eines Vereinsmitglieds (über die vorausgegangene fernmündliche wollen wir nicht weiter reden), die am Vorabend des Spiels mit einem „EILT“-Vermerk und zahlreichen Ausrufezeichen im Betreff an mehrere Empfänger bei besagtem Verein gesandt wurde, bis zur Mittagszeit keinerlei Reaktion hervorrufen würde. Er hielt das, und an der Stelle schließe ich mich ihm gerne an, bin gar geneigt, mit ihm zu einer Person zu verschmelzen, für hochgradig unprofessionell und die eigenen Mitglieder nur so halb ernst nehmend.

Naja, vielleicht übertreibe ich ein wenig. Zum einen, weil vor Ort dann ja alles ganz gut klappte. Wir kamen recht knapp an, doch am dann doch noch per Mail angekündigten Ort, wo wir Ersatztickets bekommen sollten, hielt sich der Andrang in Grenzen, sodass auch der Umstand, dass wir nicht in der Kartei der Nachlöser erfasst waren, keine weiteren Probleme bereitete. Falls übrigens jemand neuwertige Karten für das DFB-Pokalspiel Freiburg-Stuttgart brauchen sollte: ich hätte einen bestens erhaltenen Satz im Angebot, sie kamen am Tag nach dem Spiel hier an.

Zum Spiel gibt es aus meiner Sicht nicht allzu viel zu sagen. Hätte es vielleicht gegeben, wenn Bruno Labbadia noch Trainer wäre. Dann hätte ich mich vermutlich über die Aufstellung gewundert. Nein, nicht gewundert – geärgert. Darüber, dass man es tatsächlich mit einem 4-4-2 versucht und die Frage, wer dann für ein Mindestmaß an Kreativität im Offensivspiel sorgen soll, getrost dem lieben Gott überlässt.

Insbesondere dann, wenn Christian Gentner en vogue sein und einen herauskippenden Sechser geben soll. Was ja grundsätzlich keine dumme Idee ist, wenn man spielstarke Aufbauspieler in der Innenverteidigung oder auch auf den offensiven Außenpositionen hat. Tja. Wenn. Beim VfB entsteht indes ein Vakuum in der Spielfeldmitte, das sich dann gerne mal mit langen Bällen überwinden lässt. So diese langen Bälle ankommen und behauptet werden können. Was am Mittwoch selten der Fall war.

Wäre Labbadia noch hier, hätte ich wohl auch lautstark gewettert, was denn Konstantin Rausch auch nach der Pause noch auf dem Platz wolle? Schließlich war nicht davon auszugehen, dass Freiburg auch in der zweiten Hälfte darauf verzichten würde, das nächste halbe Dutzend an Situationen ungenutzt verstreichen zu lassen, in denen man völlig unbehelligt über rechts in den Strafraum eindringen und mehr oder weniger überlegt zur Mitte passen darf. So schnell kann’s gehen, dass man doch eher rasch versteht, weshalb das vermeintlich personifizierte Sicherheitsrisiko Boka zuletzt stets spielen durfte: er ist nur die Zweitbesetzung. Das weniger gravierende Risiko, wenn man so will.

Möglicherweise hätte ich auch über Abdellaoue geschimpft, der auch auf dem Platz gewesen sein soll, und darüber, dass Labbadia nicht so recht wisse, was er mit ihm anfangen soll, wieso bzw. unter welchen Vorzeichen er ihn überhaupt geholt habe. Und unter Umständen hätte ich auch noch darauf hingewiesen, dass der Druck, der über die Außenpositionen ausgeübt wird, nach wie vor nur bei Verwendung sehr empfindlicher Geräte in die Randgebiete des messbaren Bereiches gelangt. Obwohl sich dort Spieler tummeln, die das könnten oder auch schon mal konnten.

Labbadia ist aber weg, Schneider noch nicht lange da, und so fasle ich ein bisschen was von einer Hypothek, die der alte Trainer im Zusammenspiel mit der alten Vereinsführung hinterlassen habe, um mich dann auf die Feststellung zu beschränken, dass das Kommunikationsverhalten der Trainer rund um das Pokalspiel verbesserungswürdig war.

Was ich von der Vokabel “Hass” auf und neben dem Fußballplatz halte, habe ich bei der einen oder anderen Gelegenheit zum Ausdruck gebracht, was ich von verweigerten Handschlägen halte, dürfte sich von selbst verstehen, und die Beteuerung, dass jemand Entschuldigungen immer annehme, verleiht dem Einzelfall eine gewisse Beliebigkeit. Tatsächlich ganz amüsant fand ich indes die Unfairness-Anekdote und hoffe inständig, dass nicht sie den Auslöser für die nachfolgenden diplomatischen Verwicklungen darstellte.

Was mir imponierte: wie Christian Streich seine Mannen in der 88. Minute bei eigener Führung und eigenem Einwurf zur Eile antrieb, weil sich möglicherweise eine Lücke im Stuttgarter Deckungsverbund aufgetan hatte. Und wie die Mannschaft sich daran hielt.

Gefühlt, wie man so schön oft sagt, spielten sie einander den Ball just in jener Szene weit in der gegnerischen Hälfte so oft und so schnell und mit so viel Zug zu, wie es dem VfB im ganzen Spiel nicht am Stück gelungen sein dürfte, außer vielleicht von Schwaab zu Rüdiger zu Sakai zu Rüdiger zu Schwaab zu Rausch zu (beliebiger Freiburger Spieler) zu (hoffentlich) Kvist zu Schwaab zu Rüdiger zu Sakai zu Ballvertändler Harnik zu (beliebiger Freiburger Spieler) zu Balleroberer Harnik zu Sakai zu Rüdiger zu …  ach, Verzeihung. Meist war da aber längst der lange Ball gekommen.

Die Heimfahrt war ein bisschen anstrengend. Frustrierend, möchte man sagen. Aber in angenehmer Gesellschaft. Und mit Überlegungen zur nächsten Fußballfahrt älterer Herren.

Stets pünktlich und bemüht

„Wenn ich sehe, dass jemand sehr akribisch arbeitet, sich aufopfert im Job und ambitioniert ist, dann decke ich ihm mit Überzeugung den Rücken.“

Das sagte Fredi Bobic vor dem letzten Bundesligaspieltag der Schwäbischen Zeitung, und er meinte Bruno Labbadia. Er sagte auch noch einiges mehr, zum Beispiel, dass Labbadia oftmals jungen Spielern „anhand von TV-Analysen zeigt, was sie besser machen können … das sind Dinge, die nicht mal der ein oder andere sogenannte Konzepttrainer macht.“

Nun weiß ich nicht genau, wen Bobic mit den sogenannten Konzepttrainern meint, und weiß demzufolge erst recht nicht, was diese in ihrer täglichen Arbeit so tun. Im Grunde würde es mich überraschen, wenn sie ihren Nachwuchsspielern nicht in Form von Videoanalysen den Spiegel vorhielten, aber Bobic wird schon wissen, was er sagt. Den obligatorischen Hinweis, dass ich noch immer hoffe, auch Bruno Labbadia orientiere sich an einem Konzept, erwähne ich nur der Vollständigkeit halber.

Ein bisschen erinnert mich das Interview an einen Arbeitgeber, der einem scheidenden Mitarbeiter ein gutes Zeugnis mit auf den Weg geben möchte, sich dabei aber ein wenig verheddert. Bobics Wertschätzung für den Trainer klingt durch, er geht auf die Rahmenbedingungen und Labbadias unbestrittene Verdienste ein, und doch: akribische Arbeit? Opfert sich im Job auf? Ist ambitioniert? War er vielleicht sogar pünktlich? Stets bemüht?

Sicher, ich übertreibe. Gewiss, ich habe selektiv zitiert. Aber so’n bisschen mehr über relevante Qualitäten des Trainers hätte er schon sagen können, so er sie denn sieht. Verzeihung, relevant ist Akribie schon. Auch Pünktlichkeit ist relevant. Notwendig, sogar. Nur nicht hinreichend. Die Weiterentwicklung junger Spieler und eine eigene Handschrift (wenn es denn eine geeignete wäre) könnten indes hinreichend sein. Leider liefert jedoch das Interview keine hinreichende Erklärung der Handschrift. Dabei wäre sie notwendig. Im Gegensatz zu diesem verqueren Absatz.

Vermutlich würde auch Bruno Labbadia unterschreiben, dass er mit der Handschrift, die man am Samstag möglicherweise hätte erahnen können, nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Bei Thomas Tuchel, dessen Mannschaft einen Fußball spielte, der auf mich wesentlich strukturierter, vielleicht auch intelligenter, was immer das heißen mag, wirkte, könnte das anders sein. Er dürfte sich die durch das Mainzer Tun insbesondere zu Spielbeginn offenbarte Handschrift gerne – und zurecht – zuschreiben lassen. Dass den Mainzern die Stuttgarter Trägheit dabei wunderbar in die Karten spielte, ist unstrittig. Und dass Trägheit nicht unbedingt zu den Eigenheiten von Labbadias Handschrift zählt, will ich ihm hier gerne zugestehen. Die Mannschaft war einfach im Kopf nicht ganz da, und ich kann es ihr nicht einmal verdenken.

Dann bekommt man halt ein Tor, nachdem ein eigener Innenverteidiger zunächst noch an der Mittellinie protestierte, anstatt gegen den Ball zu spielen, ein Tor, bei dem 4 oder 5 Weiße den im Grund schon nicht mehr gefährlichen Angriff zu leichtfertig laufen lassen und zwei Blauen beim Torschießen zusehen. Dann bekommt man eben ein zweites Gegentor, bei dem einige keine gute und der Torwart eine, nun ja, lustige Figur abgeben. Jener Torwart, der zuvor schon Glück hatte, nicht vom Platz gestellt zu werden, als er einen Ball völlig falsch eingeschätzt und außerhalb des Strafraums mit der Hand gespielt hatte, und der sich kurz darauf einen hohen Ball selbst ins Netz statt über die Latte gelöffelt hätte, wäre ihm nicht ein Verteidiger zur Seite gesprungen. Wird bestimmt alles besser in Berlin.

Immerhin: man wehrte sich, spielte zwar noch immer verdammt viele Fehlpässe oder schaffte es, wie Gotoku Sakai, drei oder vier Bälle völlig unbedrängt bei der Annahme ins Aus springen zu lassen, zeigte aber auch, dass man das Spiel gelegentlich schnell machen und dann auch konsequent abschließen kann (Boka!). Faszinierend die zweite Hälfte, als man sich wünschte, dass wenigstens eine der beiden Mannschaften in der Lage wäre, mal einen schnellen Angriff – Räume waren im Überfluss vorhanden – konsequent zu Ende zu spielen. Kurz: ein typisches letztes Saisonspiel bei nahezu entsprechenden Temperaturen.

Typisch für einen letzten Spieltag war auch das Geschehen auf den anderen Plätzen. Tore im Minutentakt, speziell in der ersten Hälfte, entschädigten für vieles, was man im Neckarstadion an Aktivität und Attraktivität vermisste, und ein bisschen fühlte man sich wie in der guten (?) alten Radiokonferenz. Champions League, Europa League, Abstieg – es ging hin und her, die Spannung war groß, die Ereignisse zahlreich, die Präferenzen im Stadion deutlich vernehmbar. Bei Schalke und Freiburg schienen sich viele schwer zu tun, Frankfurt hatte wohl leichte Vorteile gegenüber dem HSV, nur bei Hoffenheim schien sich der Großteil der Zuschauer in seiner Aversion einig. Umso spannender, dass sich gerade dort die Ereignisse zum Ende hin überschlugen, sodass die Fans, die das Treiben ihres VfB über weite Strecken vergleichsweise teilnahmslos verfolgten, auf diesem Wege einige Aggressionen loswerden konnten.

Nach dem Spiel äußerte ich meine Begeisterung über das nachmittägliche Geschehen via Twitter:

– was, nicht nur aus Sicht der gerade Abgestiegenen oder anderweitig Gescheiterten verständlich, keine uneingeschränkte Zustimmung erfuhr. Gleichwohl: solche Geschehnisse, gerade die in Dortmund, sind es doch, die einen ganz erheblichen Teil dessen ausmachen, was uns am Fußball so fasziniert. Freiburger Fans werden ihren Enkeln dereinst davon erzählen, wie Julian Schusters kurioses Eigentor die erste Champions-League-Qualifikation ihres Vereins verhinderte (wobei: möglicherweise erzählen Freiburger Fans ihren Enkeln auch auf Jahrzehnte hinaus nur von Christian Streichs Pressekonferenzen), und den nächsten Generationen Hoffenheimer Anhänger (hier darf sich jeder, dem so etwas gefällt, gerne einen beliebigen Witz mit den Schlagworten Hoffenheim, Fans, Tradition und Hopp denken) könnten, ein erfolgreiches Bestreiten der Relegation vorausgesetzt, ob der Namen Gisdol, Schipplock, Salihovic und nicht zuletzt Großkreutz irgendwann die Ohren bluten.

Ich selbst bin, um damit nicht hinter dem Berg zu halten, recht zufrieden mit dem Ausgang des letzten Spieltags. Ich freue mich, dass Frankfurt und Armin Veh für ihre starke Saison belohnt wurden. Freiburg hätte ich Platz vier gegönnt, verhehle aber nicht, dass auch Jens Kellers Weg mit den Schalkern aller Ehren wert ist. Dass ich letztlich ohnehin jede Platzierung, die man nach 34 Spielen erreicht, für verdient halte, wissen diejenigen, die hier mit einer gewissen Regelmäßigkeit mitlesen, ohnehin.

Und so verneige ich mich ziemlich tief vor Markus Weinzierl und seinen Augsburgern, bedaure die Düsseldorfer Fans, deren Verein zu lange eine zu schlechte Figur abgegeben hat, um bei mir einen nennenswerten Abschiedsschmerz auszulösen, und beglückwünsche Hoffenheim, das nicht nur den Trend und möglicherweise ein wenig den Spielplan zum Freund hatte, das auch nicht nur die sich bietende Chance entschlossen beim Schopf packte, sondern das auch seit Wochen Anzeichen einer einkehrenden Vernunft und entsprechenden Neuorientierung aussendet. Dass mich ganz nebenbei auch die Bayern mit ihrer überragenden Saison beeindruckt haben, ergänze ich gerne, auf all die anderen will ich jetzt nicht weiter eingehen.

Kurz eingehen möchte ich aber noch auf die VfB-Spieler, die sich mit einem sehr gelungenen Video bei den Fans bedankten (wie mittlerweile wohl jeder weiß):

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Interessant, wie sie sich am Spieltag nach der Ankündigung des Videos im Mittelkreis sammelten, in – wie ich meine – gespannter Erwartung der Reaktion derjenigen, die sie da porträtierten (der Umstand, dass mir kein passendes Verb aus der Wortfamilie der »Hommage« bekannt ist, ersparte mir die Entscheidung, ob ich das Porträt vielleicht gar zur eben genannten erheben solle), in gespannter Erwartung, wie sie Kindern eigen ist, die etwas für ihre Eltern gebastelt haben und eigentlich wissen, dass diese begeistert reagieren werden, die aber doch, wegen irgendeiner Kleinigkeit (Mamas gute Stoffreste verwendet?), einen Ticken © Nervosität verspüren. Was natürlich völlig unnötig ist.

Was mir tatsächlich am besten gefallen hat: die Trikotvielfalt. Cacau mit diesem furchtbaren goldstichigen Göttinger-Gruppe-Verbrechen, Röcker als Verlaat, dann natürlich Südmilch, selbst das weinrote Gazi, Ulreich im gelben debitel – fast wie im richtigen Leben, die einfache Variante mit aktuellen Trikots (und dem aktuellen Sponsor) vermeidend.

Und am allerbesten, einmal mehr: Martin Harnik. Ich hatte überlegt, diesen Text ganz anders zu schreiben, unter der Überschrift „Ode an Martin Harnik“. Allein: ich weiß nicht, wie man eine Ode schreibt. Sagte ich hier übrigens schon einmal, in anderem Zusammenhang. Irgendwann muss ich mich wohl doch mal daran versuchen. Bis dahin sammle ich einfach weiterhin öffentliche Auftritte von und mit Martin Harnik, mit dem Wunsch, dass sie jedem anderen Berufsfußballspieler zum Selbststudium ans Herz gelegt werden mögen. Könnte allerdings auch deprimierend werden.

Da kann man Waden sehn …

Es gibt eine Menge guter Gründe, Martin Harnik zu mögen. Sei es der Umstand, dass es eine Freude ist, Interviews mit ihm zu sehen und zu hören (in guten wie in schlechten Phasen), sei es sein Engagement auf dem Platz, sei es die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Mir gefällt, dass er sich nicht scheut, sich auch einmal kritisch über das Verhalten der Fans zu äußern, ohne in das zu verfallen, was man gemeinhin mimimi nennt.

Ok, sein Torjubel reißt mich nicht zu Begeisterungsstürmen hin, auch sein Spiel gab in der aktuellen Saison nicht immer Anlass dazu. Was indes kaum Auswirkungen auf meine Grundsympathie hat. Natürlich mag ich es auch, um aktuelle Geschehnisse mit einzubinden, dass er eine klare Meinung zum Artenschutz im Fußball hat und vertritt, und ganz besonders mag ich in diesen Tagen: seine Stutzen.

Stutzen? Sagt man heute überhaupt noch Stutzen, oder hießen die formal nur zu jener Zeit so, als sie noch Stege anstelle von Fußteilen hatten? Wie auch immer, Sie wissen schon, jene Strümpfe, die in zunehmendem Maß die Knie der Spieler bedecken, zumindest aber die Scheinbeine. Keine Sorge, ich will jetzt nicht zu einem Overknee-Bashing ansetzen, ich habe mich im Grunde damit abgefunden – auch wenn ich zugeben muss, dass, wenn es einen Punkt gibt, an dem ich gerne in die verbreitete Kritik an Cristiano Ronaldo einstimme, es die von mir so empfundene (erstmals 2003, als er in Stuttgart Champions League spielte), einer genaueren Überprüfung aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht Stand haltende, Einführung der Oberschenkelstutzen in den Fußball ist.

Abseits der Overkneehipsterfrage also scheint es mir heutzutage doch so zu sein, dass der gemeine Fußballspieler (bei den Spielerinnen kann ich es zugegebenermaßen nicht seriös einschätzen, die Stichprobe ist zu klein) seine Stutzen mindestens bis knapp unter die Kniescheibe zieht und während des Spiels auch Wert darauf legt, dass sie dort bleiben mögen. Ist ja auch nicht weiter verwunderlich. Man trägt von frühester Jugend an Schienbeinschoner, auch im Training, und wer im letzten Jahrzehnt einmal Jugendmannschaften trainiert oder eigene Kinder auf den ersten Vereinsfußballschritten begleitet hat, der weiß, dass allein das Längenverhältnis von Schoner und Beinen gar keine andere, beinfreiere Lösung zulässt.

Die Generation, die noch schonerfrei antreten durfte, hat sich aus dem aktiven Sport längst zurückgezogen. Im Profibereich sowieso, aber auch bei unsereinem muss man zumindest zu den Ü40ern gehen, um noch auf Leute zu treffen, die aus eigener Erfahrung von jenen Zeiten schwärmen, als man noch mit heruntergerollten Stutzen kicken durfte, auf Leute also, die Schienbeinschoner noch heute eher als störendes Übel denn als selbstverständliches Accessoire betrachten. So’n bisschen wie beim Sicherheitsgurt oder bei der Helmpflicht, ne? Vom V-Stil gar nicht zu reden.

So war es auch kein Wunder, dass speziell zu Beginn der neuen Zeitrechnung gerade von den langjährigen Verweigerern Schienbeinschoner getragen wurden, die bei wohlwollender Betrachtung knapp über den Knöchel reichten, um die lieb gewonnene Beinfreiheit nicht aufgeben zu müssen. Hatte was Archaisches, irgendwie. Hat irgendjemand, wenn er an Briegels Sportlerwaden oder Kaltz‘ lange Rehbeine im Nationaltrikot denkt, Stutzen vor Augen, Schienbeinschoner gar? Oder wer wüsste noch, dass Littbarski 82 in der regulären Spielzeit die Schoner noch an und die Stutzen oben hatte? Eben.

Als es ums Ganze ging, waren sie unten. Ganz unten. Geht heute nicht mehr. Aber ums Ganze geht’s heute auch noch, manchmal. So am Mittwoch gegen Freiburg, und spätestens Mitte der zweiten Halbzeit lief Martin Harnik herum, als hätte er sich eine Zigarettenschachtel als Scheinbeinschonerattrappe in die Stutzen gesteckt. Zugegeben: kurzzeitig war ich versucht, mich zu bücken, um die eigenen Strümpfe hochzuziehen, des Phantomkribbelns an der Wade wegen. Doch von Minute zu Minute gefiel mir der ungewohnte Anblick, gefielen mir seine Waden besser, interpretierte ich die hängenden Stutzen als moderne Form des Ärmelhochkrempelns. (Ohne nach Ärmelhochkremplern vom alten Schlag rufen zu wollen.)

Antonio Rüdiger hatte die Stutzen oben. Dennoch machte auch er mir sehr viel Freude. Während des Spiels, klar. Ganz besonders aber auch im Moment des Schlusspfiffs, als er im Vollsprint, und ich meine im Vollsprint, auch wenn mir da die Verklärung einen Streich spielen mag, zu den Fans rannte, Alexandru Maxim im Schlepptau. Jenen Alexandru Maxim, dem gemeinsam mit Raphael Holzhauser die Aufgabe zugefallen war, in den letzten Spielminuten den Ball in einer Telefonzelle an der Eckfahne zu halten, und der es sich dabei nicht nehmen ließ, zum Rainbow Flick (ja, hab ich nachgeschlagen) anzusetzen. Gelang nicht, wie ihm auch zuvor der eine oder andere unnötige Fehler unterlaufen war. Wie er indes auf wirklich engstem Raum immer wieder den Ball behauptete, imponierte mir sehr, weshalb ich, obschon der Aussagekraft wie auch dem Zustandekommen von Benotungen gewahr, hiermit Beschwerde gegen die „3“ der Stuttgarter Nachrichten einlege.

Zwei kurze Punkte noch: zum einen ziehe ich den Hut vor Bruno Labbadia. Wie der VfB die Freiburger, die in der laufenden Saison nach meiner Kenntnis nicht allzu oft überrascht wurden, in den ersten Minuten unter Druck setzte und mit langen Bällen und zielstrebigem Flügelspiel zu Chancen kam, war bemerkenswert und sah so aus, als stecke System dahinter. Wie nahezu im gesamten Spiel.

Zum anderen bin ich unverändert zuversichtlich, am 1. Juni Labbadias großes Interview in der Süddeutschen lesen zu dürfen. Da darf er sich dann gerne noch einmal über die bösen und böswilligen Berichterstatter beschweren. Und meinetwegen, ich gönne es ihm, danach noch den Pokalsieg mitnehmen. Natürlich sollte man sich seiner Sache nicht zu sicher sein und den Finalgegner keineswegs unterschätzen, genau wie damals gegen Cottbus, aber ein bisschen Demut dürfte der VfB noch im Köcher haben, dann wird das schon.

Bedauerlicherweise hat der Finalgegner in Thomas Müller einen Spieler, der, wenn es drauf ankommt, gerne ähnlich tief blicken lässt wie Harnik, wadenmäßig. Fifty-fifty also, würde ich sagen.

Willenssache

Das war also wieder einer Nachmittage, an denen man sich seiner Zeit beraubt fühlt. Zunächst will man die Spieler des Diebstahls bezichtigen, dann den Trainer, den Vorstand – nun gut, über die Reihenfolge wäre wohl noch zu diskutieren –, möglicherweise auch noch kurz den Schiedsrichter, um irgendwann dann doch wieder bei sich selbst anzukommen. Nein, nicht in seiner Mitte ruhend, sondern bei der Suche nach dem Dieb.

Ich hatte es in der Hand. Die Familie hatte mir attraktive Angebote zur Sonntagnachmittagsgestaltung unterbreitet, ich hatte unverzüglich und berechnend mit einem vermeintlich attraktiven Sonntagnachmittagsaktivitätsbegleitungsangebot an den Sohnemann gekontert. Und gewonnen. Vermeintlich.

Hatte ja auch gute Argumente gehabt. Eines vor allem: das Spiel vom Donnerstag, in Bukarest. Das ich nur rudimentär in irgendwelchen dunklen osteuropäischen Ecken des Internets hatte verfolgen können, der Familie zuliebe. Noch einmal würde ich so eine Anfangsviertelstunde nicht verpassen. Sagte ich mir. Noch einmal sollte ich so eine Anfangsviertelstunde nicht verpassen. Sagte sich meine Frau. Zu präsent war nach wie vor jenes 4:4 gegen Werder, damals, bei dem ich meine Karte hergegeben hatte. Und noch das eine oder andere Spiel mehr. Sicher, da hatte es sich stets um verpasste Stadionbesuche gehandelt. Dennoch: Ich wollte die nächste Gala auf einem vernünftigen Bildschirm sehen. Ohne Schlieren.

Was für eine beschissene Idee! Von der ersten Minute an fiel jeder Abpraller, jeder „zweite Ball“, jeder Pressschlag den Freiburgern vor die Füße. Und das war kein Zufall. Es hatte damit zu tun, dass sie spritzig waren, gedankenschnell, konzentriert, entschlossen. Der VfB leider nicht. Stockfehler, Konzentrationsfehler, Ideenlosigkeit, man möge sich ein beliebiges negatives Attribut denken, das man einer schwachen Mannschaft (bzw. einer schwachen Leistung) gemeinhin zuschreibt, und wird immer ins Schwarze treffen.

Unfair? Vielleicht. Undifferenziert? Zweifellos. Und irgendwie bin ich auch schon wieder  zur Ruhe gekommen. Solche Tage gibt es. Man gewöhnt sich daran. Was nichts daran ändert, dass die Frequenz zu hoch ist, aber das Grundsätzliche hatten wir ja schon. Stuttgarter Weg. Labbadia. Kader. Und so weiter.

Was mir indes recht wäre: wenn man nicht mit den Europapokalstrapazen argumentierte. Auch wenn das Herrn Streich ehrt. Und auch wenn die Uefa-Cup-Teams am Wochenende fast durch die Bank zu knabbern hatten.

Gerne erkenne ich dem Ergebnis im Übrigen die immer mal wieder genommene Wendung „auch in der Höhe verdient“ zu. Mir ist schon klar, dass die Verantwortlichen das anders sehen, von vergebenen Chancen reden, damit auch recht haben, und wer weiß, theoretisch hätte das Spiel ja tatsächlich ein wenig anders laufen können, hätte Kuzmanovic die Führung erzielt, hätte Ulreich einen jener Tage erwischt, die er diese Saison schon häufig hatte, oder wäre der Freistoß vor dem 2:0 nicht wiederholt worden.

Allein: es übersteigt meine Vorstellungskraft, dass die Mannschaft ein völlig anderes Gesicht gezeigt hätte. Dann wären die Gegentore halt anders gefallen. Weil immer noch niemand in der Lage gewesen wäre, Kruse und Rosenthal zu stoppen. Oder auch nur einmal vor ihnen an den Ball zu kommen.

Vielleicht sollte ich nicht noch mehr Zeit drauf verwenden.
Auch nicht auf Aufstellung, Taktik oder Auswechslungen.
Letztlich war halt alles nichts.

Ob ich beim nächsten Mal meinen Willen wieder durchsetzen werde? Wollen werde? Wir werden sehen. Kamke junior wird zumindest weiterhin auf meiner Seite stehen. Es sei denn, der Alternativplan sieht ein innerfamiliäres Fußballspiel vor. Da ist zumindest die fulminante Anfangsviertelstunde garantiert.

Berückende Bundesliga

Betrachtet man die zurückliegende Saison des VfB Stuttgart noch einmal etwas intensiver und beschäftigt sich insbesondere mit der ausnehmend guten Rückrundenbilanz, so kommt man keinesfalls umhin, Gotoku Sakai, Vedad Ibisevic und Georg Niedermeier in absoluter Objektivität als ausschlaggebend zu bezeichnen, bzw. vor allem den Umstand, dass sie Boulahrouz, Maza und Cacau bzw. Pogrebnyak verdrängen konnten. War man in der Hinrunde auf der einschlägigen 11er-Skala meist noch zwischen 4 und 6 gependelt, so erreichte man in der Rückrunde dank der drei genannten Herren regelmäßig Werte von 7 oder 8.

Besonders bemerkenswert, wenn auch nicht im Einklang mit dem Startelfgebot, war die Phase zwischen der 46. und 58. Minute am 30. Spieltag in Augsburg, als der VfB tatsächlich mit den Nummern 1-9 auf dem Platz stand. Bedenkt man zum einen, dass die 10 nicht vergeben und die 11, Audel, das ganze Jahr über verletzt war, und zum anderen, dass von den beiden Ergänzungsspielern der eine, Hajnal, als klassischer Zehner ebendort spielte und der andere, Schieber, als Linksaußen auf der 11 agierte, darf man wohl ohne Übertreibung von den besten gut zwölf Minuten der Saison sprechen.

Beeindruckend auch der 34. und 25. Spieltag, als zunächst sowohl der HSV als auch der VfB mit jeweils 8 aus 11 in die Partie gingen und eine Woche darauf der VfB mit acht der ersten elf begann, während Kaiserslautern gar mit deren neun aufhörte. Aufschlussreich war dabei nicht zuletzt, dass die beiden Mannschaften noch in der Hinrunde mit vier gegen vier ins Spiel gegangen waren.

Der eben schon angesprochene HSV trat bei mindestens 5 Partien mit 9 klassischen Nummern an, am 16. Spieltag fehlte zwischen der 69. und 84. Minute gar nur die 3, Michael Mancienne, um ein rundum stimmiges Bild abzugeben. Im Saisonschnitt standen beim HSV pro Spiel knapp 8 Spieler mit Rückennummern zwischen 1 und 11 beim Anpfiff auf dem Platz, was angesichts der durchwachsenen Hamburger Saison dem Schluss, dass eine Orientierung an traditionellen Werten nicht zwingend zum Erfolg führt, nicht im Wege steht.

Wenn man dann noch bedenkt, dass Absteiger Hertha den zweithöchsten Wert erreicht (ohne Berücksichtigung der Nummerierung in der Relegation, vor Gericht und auf hoher See), lässt das bereits tief blicken. Möglicherweise hat also der VfB seinen Uefa-Cup-Platz letztlich eher trotz als wegen seiner noch immer deutlich über 6 Klassiker in der, man muss es so sagen, Durchschnittself erreicht.

Darüber hinaus lassen auch die Bilanzen von Kaiserslautern, das in der Hinrunde, als man (zugegeben: nur stichprobenartig überprüft) häufiger mit höheren Nummern antrat, immerhin noch den einen oder anderen Zähler holte, und des SC Freiburg, der in der ersten Saisonhälfte mit den Herren Bastians (Nr. 3), Butscher (5), Abdessadki (6), Cissé (9) und Nicu (10) eher überschaubar punktete, in der Rückrunde aber, als aus den ersten elf zum Teil nur noch Baumann und Makiadi aufliefen, eine bemerkenswerte Bilanz erzielte, aufhorchen.

Sicher, all das sind nicht mehr als schwache Indizien, wenn überhaupt, man könnte vielleicht auch von Scharlatanerie sprechen. Und doch möchte man es sich ja nicht nehmen lassen, auch einmal an jenes Ende der Skala zu schauen, wo die Mannschaften erscheinen, die nur wenige Spieler aus den ersten elf zum Einsatz kommen lassen. So wie der FC Bayern im vorletzten Saisonspiel gegen den VfB, als nur einer auflief, noch dazu die 11, die halt grade noch so dazugehört.

Ja, ja, ich weiß, gegen den VfB reichte auch die B-Elf der erfolgsverwöhnten Münchner, war ein nicht repräsentatives Beispielspiel.

Betrachtet man nämlich die gesamte Saison, so stellt sich die Situation völlig anders dar. Also fast. Immerhin 2,8 Bayern standen im Schnitt beim Anpfiff mit einer Standardnummer auf dem Feld, was – ich verkneife mir Sätze, die mit immerhin oder wenigstens beginnen – den ligaweiten Spitzenwert darstellt. Knapp dahinter Schalke, das 2,9 klassische Starter zu verzeichnen hatte. Der einzige weitere Verein, der weniger als 4 Spieler mit einer Traditionsnummer auf das Feld schickte, war mit einem Wert von 3,8 wer? Genau: Borussia Dortmund.

Schlussfolgerungen bezüglich Korrelationen oder gar Kausalitäten zwischen sportlichem Erfolg und dem Einsatz der von mir so geschätzten Spieler zwischen 1 und 11 seien der geneigten Leserin selbst überlassen.

Man könnte sich natürlich überlegen, was das für die Duelle Schmelzer (3) – Boateng (20), Hummels (5) – Mertesacker (17), Klose (11) – Gomez (23) oder gar Neuer (1) – Wiese (12) bedeuten mag.

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Falls sich jemand für die Bilanzen der anderen Bundesligisten interessiert: Ich hatte mir überlegt, sie in Form einer 18-teiligen Klickstrecke, möglicherweise um die eine oder andere Werbeeinblendung ergänzt, zur Verfügung zu stellen. Leider fehlt mir die technische Kompetenz. Ergo.

Fehler sind wahrscheinlich, Hinweise willkommen.

Assistassistenten

Über Janniks Buch zur Gladbacher Nichtabstiegsrückrunde hatte ich ja schon vor geraumer Zeit berichtet, und dabei auch vorsichtig darauf hingewiesen, dass sein Blog seit einiger Zeit brach liege. Aus gutem, in diesem Fall beruflichem, Grund, hatte er eine Blogpause ausgerufen. Na ja, was sollte nach dieser Rückrunde auch noch kommen, was auch nur annähernd so spannend, mitreißend, letztlich bloggenswert sein sollte?

[Dieser Absatz ist Janniks Lesegewohnheiten gewidmet.]

Dann kam der Gladbacher Vorrundenlauf mit noch mitreißenderem Fußball, überragendem Erfolg, einigen guten Geschichten und interessanten Protagonisten, und es würde mich sehr wundern, wenn Jannik unter seiner Blogabstinenz nicht gelitten hätte wie ein, wie soll ich sagen, begossener Pudel. Schlechtes Timing, irgendwie, und natürlich hat er das Ganze längst rückgängig gemacht. Zum Glück.

Nun will ich meine derzeitige geringe Schreibfrequenz, deren Hintergrund an anderer Stelle kurz zur Sprache kam, nicht mit Janniks zeitweiligem Komplettausstieg vergleichen, und mich nicht mit ihm, aber ich klopfe mir zumindest in Sachen Timing schon ein wenig selbstverliebt auf die Schulter. Mal im Ernst: Wer hätte schon was über die erniedrigende Pokalvorführung durch die Bayern schreiben wollen? Über die als Debakel abgesprungene und letztlich als Euphemismus gelandete Niederlage in Hannover? Über die zwei Punkte, die Leverkusen hergeschenkt hat? Über den deutlichen Sieg gegen eine von allen guten Geistern verlassene Hertha, mit dem man sich nun wirklich nicht ernsthaft zu beschäftigen brauchte, oder über jenen gegen eine ohne Abwehr angetretene Freiburger Mannschaft? Am Ende hätte ich gar über Standardsituationen schreiben müssen, und das kann nun wirklich in niemandes Sinne sein. (Außerdem steht ja schon alles drüben im Brustring.)

Was ich allerdings nicht versäumen möchte: Abbitte zu leisten. Bei Sven Ulreich. Schon wieder. Nicht wegen der konstant guten Leistungen auf der Linie und im Eins-gegen-eins, das hatten wir schon. Auch nicht wegen der hohen Flanken, da sehe ich den Bedarf noch nicht. Sondern wegen seiner Scorerqualitäten. Wie oft habe ich über seine gemächliche Spieleröffnung gemeckert, an technischen Defiziten herumgemäkelt, über seine Abstöße wechselweise geschimpft und gelacht, die zu Vehs Zeiten kurz und ungenau, später dann nur noch ungenau waren.

Und dann: dieser Assistassist gegen Freiburg, der in den von mir verfolgten Medien viel zu wenig Beachtung fand. Jener lange Ball auf Harnik, den sie schon im Hinspiel intensiv geübt hatten, wobei der damalige Freiburger Linksverteidiger keiner Schülerabwehr entsprungen war, jener lange Ball also, den ich ganz selbstverständlich im Aus sah, um mich dann zum einen zu erinnern, dass er gar nicht von Niedermeier geschlagen worden war, und um zum anderen einzusehen, dass ich Martin Harniks derzeit aus gutem Grund breite Brust unterschätzt hatte, machte also dessen Weg frei zu einem Tor, das nicht nur bei manch anderem Verein, exemplarisch sei Hannover 96 genannt, den Anlass für eine mediale Zeitmessung geboten hätte, sondern das eben zudem Ulreichs ersten mir bewusst gewordenen Assistassist besiegelte.

Überhaupt sind Assistassists ja eine zu unrecht vernachlässigte Kategorie der Damen und Herren Opta, Impire, und wie sie alle heißen. Bemerkenswert, wie Ibisevic vor dem 4:1 in der Luft stand und mit seiner Verlängerung Hajnals Torvorbereitung einleitete. Ob indes auch Sakais Diagonalball vor dem 1:0 ein lupenreiner Assistassist war oder letztlich doch bloß ein Assist, wird in Fachkreisen heftig debattiert. Kann Ibisevic den Assist bekommen, obwohl er den Ball nicht berührt hat? Kann ein Durchlassen, das die Gefahr erst heraufbeschwört, als assistwürdige Leistung gelten? Ganz abgesehen von der Frage, ob Ibisevic den Ball nur versehentlich nicht getroffen hat. Natürlich ist die Antwort klar: Wenn wir das Ganze konsequent weiterdächten, könnte sich dann ja auch jemand frenetisch als Torschütze feiern lassen, nachdem und weil er sich weggeduckt hat, um einem Torerfolg nicht im Weg zu stehen. Öhm.

Überhaupt: Ibisevic. Und überhaupt: Sakai. Hatte ich bei Ersterem nicht kürzlich eher überschaubare Assistquoten (mangels verfügbarere Assistassistquoten, klar) angeführt und ihn implizit auf einen reinen Torjäger reduziert? Und dann legt er Harnik einen nach dem anderen auf – die der dann nicht verwertet. Abbitte, auch hier. Über Zweiteren hatte ich bis dato noch gar nichts geschrieben. Dabei macht es so viel Spaß, ihm zuzusehen (aber wie gesagt: Abstinenz).  Sicher, defensiv hätte es sich phasenweise auch gut in besagte Freiburger Schülerabwehr einsortieren lassen, ohne dort groß aufzufallen – den Fehler gegen Harnik vor dem 2:0 hätte ich ihm in ähnlicher Weise auch zugetraut. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass er ihn wieder ausgebügelt hätte, wäre deutlich höher gewesen. Im Vollsprint, wie immer. Irgendwie erinnert er mich an den jungen Sammy Kuffour. Nicht die Spielweise. Irgendwas anderes. Sowas wie … Begeisterung, Elan, Siegeslust?

Irgendwie ist es trotz allem schade, dass ich morgen so gut wie nichts vom Spiel beim HSV sehen kann.