Kleeblatt

Jahre später nahm ich mit meinen beiden besten Freunden, nennen wir sie Matze Krause und Hermann Hinze, an einer Sitzung des DLRG-Jugendvorstands teil und sah dem Leiter zu, wie er die Namen der Anwesenden notierte. Sicher – Matze, Hermann und ich waren noch keine offiziellen Mitglieder, sollten erst gewählt werden, und doch wunderte ich mich ein wenig, dass wir nicht auf der Liste standen. Auf meine Nachfrage hin deutete er auf eine kleine Kritzelei in der Ecke seines Blattes: „Doch, natürlich hab ich Euch aufgeschrieben – da oben, das Kleeblatt, das seid Ihr.“

Kleeblatt. Ich war etwas verwirrt. Sprachlos, um genau zu sein. Und doch hatte er nicht unrecht. Wir waren tatsächlich jahrelang unzertrennlich gewesen, damals, und auch jetzt hingen wir noch oft und gerne zusammen herum. Damals aber waren wir nicht herum gehangen. Wir hatten Fußball gespielt. Auf der Straße. Im Garten. Auf dem Schulhof. Auf dem Bolzplatz.

Die Pausenkicks auf dem Schulhof sahen die Lehrer nicht gern. Könnte daran gelegen haben, dass es ein bisweilen recht anarchisches Treiben war und mindestens einmal – beim letzten Mal, um genau zu sein – an Shrovetide Football erinnerte. Auch die Gartenkickerei fand ein jähes Ende, an einem Freitagnachmittag im Frühling. Mein Cousin war zu Besuch gekommen und hatte mir, nachdem er selbst neue bekommen hatte, seine alten Fußballschuhe mitgebracht. Sie passten. Und wollten ausprobiert werden. Da traf es sich ganz gut, dass wir uns ohnehin bei Matze angekündigt hatten. Seine Eltern waren nicht da, es regnete, wir pflügten den Rasen um. Nicht gut.

Die Straßenfußball blieb uns länger erhalten. Tennisbälle ließen sich immer auftreiben, seitdem neben dem Fußballplatz vier Sandplätze gebaut worden waren, zumal die Tennisspieler durch die Bank unsympathische Snobs waren, die vermutlich für Stefan Nossek Pate standen. Auch der Straßenverkehr hielt sich in Grenzen, sodass das zentrale Problem darin bestand, den Ball von jener Kreuzung fern zu halten, von der aus es mit ansehnlichem Gefälle in Richtung See ging. Etwas unglücklich war zudem, dass direkt an der besten Straßenfußballstelle ein alter Giftzwerg wohnte, den man immer herausklingeln musste, wenn der Ball über die für unsere ländlichen Verhältnisse geheimniskrämerisch hohe Hecke geflogen war. Und nicht immer war er in der Stimmung, uns den Ball holen zu lassen. Kein Spaß.

Blieb der Bolzplatz. Der eigentlich kein Bolzplatz war, sondern das Trainingsplätzchen unseres Turn- und Sportvereins, vielleicht 70 Meter lang und 40 breit, eher weniger – als Kind kann man das ja nicht so recht abschätzen. Der örtliche Jugendfußball begann mit der B-Jugend, so dass auch keine tragbaren Jugendtore herum standen, sondern lediglich ein normal großes, das aus Kostengründen nicht wie ein Fußballtor aussah. Vielmehr wirkte es, und der Schein trog nicht, wie ein Metallkonstrukt aus recht kräftigen Rundrohren, das von einem örtlichen Handwerksbetrieb in der Größe eines Fußballtores zusammengeschweißt worden war. Es war solide, recht schwer, stand mitunter ein wenig wacklig und war mit keinerlei Vorrichtung ausgestattet, um es im Boden zu verankern. Sicherheitsfragen sind ohnehin überbewertet.

Dort spielten Nachmittag für Nachmittag zwischen drei und ungefähr zwanzig Kinder. Sofern es nur drei waren, hießen sie Matze, Hermann und Heini, nicht immer zur Freude meiner Oma, bei der ich den Nachmittag verbrachte, weil meine Eltern arbeiteten. Sie mochte Matze nicht besonders. Nein, das stimmt nicht. Sie mochte nicht, dass er Sturm klingelte (sagt heute noch jemand Sturm klingeln?), wenn ich kaum mit meinen Hausaufgaben fertig war. Er klingelte überhaupt immer Sturm. Auch am Sonntag, wenn er mich früh zur Kirche abholte. So dass es von vornherein zum Scheitern verurteilt war, ihm eines sonntags nicht nur zu sagen, dass ich nicht mitginge, sondern darüber hinaus meinen Eltern weismachen zu wollen, ich hätte sein Klingeln nicht gehört. Versucht hab ich’s trotzdem, und war danach kurzzeitig etwas seltener auf dem Fußballplatz zu finden.

Zurück zu den Hausaufgaben. Matze nahm es damit nicht immer so genau, mal machte er sie, nicht sonderlich akkurat, schon im Bus, mal verschob er sie auf den Abend, und nicht selten auf den morgendlichen Schulweg, in der – meist berechtigten – Hoffnung auf tatkräftige Mithilfe meinerseits. Oma ließ ihn unbarmherzig warten, bis ich fertig war, und erst dann radelten wir zum Bolzplatz: Matze mit seinem blauen Staiger-Rad, mit Stange, ich mit meinem roten Bonanzarad, das cool war, aber nicht immer praktisch, und Hermann, den wir danach abholten und der zunächst noch ein grünes Kinderrad sein Eigen nannte, dann aber bald ein Rennrad mit zehn Gängen bekam.

Am Rande des Platzes lag eine rostige alte Walze, die wohl nicht mit heutigen Vorgaben für Kinderspielplätze zu vereinbaren gewesen wäre, daneben stand eine Holzhütte, in der ein Bauer landwirtschaftliches Material lagerte und unter deren Vordach wir unsere Klamotten ablegten. Während die anderen sich noch umzogen – im Gegensatz zu ihnen hatte ich die Fußballschuhe meist schon an -, legte ich mir den Ball zurecht und zielte auf den rechten Winkel. Von diesem Schlenzer hing es ab, ob ich den Nachmittag erfolgreich gestalten würde. Tatsächlich war das Erfolgs- oder Misserfolgserlebnis spätestens nach dem ersten Spiel vergessen, aber so ist das halt mit Ritualen.

Drei ist nicht immer eine gute Zahl. Auch (oder gerade?) bei Kleeblättern entstehen immer wieder Fronten, und zwei gegen einen ergibt in der Regel ein starkes Ungleichgewicht. Für unsere Bolzplatznachmittage war drei indes die ideale Anzahl, schließlich wurde grundsätzlich nur auf ein Tor gespielt. Natürlich gab es den einen oder anderen Bestechungsversuch, oder auch Bemühungen des Torwarts, aus Eigeninteresse Einfluss auf die Gesamtbilanz zu nehmen; grundsätzlich aber war eins gegen eins auf ein Tor perfekt. Doch auch mit 18 Leuten spielten wir auf ein Tor.

Wäre ich ein großer Fußballspieler geworden, könnte ich heute sagen, dass die Kombination aus dem häufigen Eins gegen Eins mit all seinen Zweikämpfen und seinen Dribblings, aus dem vielbeinigen, kleinräumigen Spiel auf ein Tor, bei dem sich ständig neue Situationen ergeben, bei dem man häufig in Sekundenbruchteilen vom Verteidiger zum Torschützen wird, und nicht zuletzt, vielleicht auch vor allem, aus dem ständigen Messen mit zumeist deutlich älteren Spielkameraden, die ideale Fußballschule gewesen sei. War es auch. Nur mein Talent hat nicht gereicht.

Für den Dorfkick war es zumeist ausreichend. Irgendwann zahlte sich das ständige Zusammenspiel mit Matze und Hermann aus (die Leser von „Elf Freunde müßt ihr sein“ hätten an Hermanns Stelle wohl eher Gerd Hoffmann vermutet), und wir ließen den Ball auch gegen die Größeren mitunter recht erfolgreich kreiseln. Was gelegentlich zur Selbstüberschätzung führte. Und dazu, dass vermeintlich weniger talentierte Spieler nicht nur ihre körperliche Überlegenheit ins Spiel brachten, sondern uns letztlich unbedingt zeigen wollten, wo der Hammer hängt. Mit Erfolg. Besonders faszinierend fand ich Leute, und ich habe mindestens zwei von ihnen ganz konkret vor Augen, die im Grunde gar nicht Fußball spielen konnten, die aber im Tor einen thomfordesken Ehrgeiz entwickelten und sich in einer Weise in des Spiel hinein steigerten, die mich damals zwar ein wenig hämisch (und möglichst leise) darüber lästern ließ, dass sie nur als Torwart konkurrenzfähig seien – was ich gewiss weniger verschwurbelt und tendenziell unfreundlicher ausdrückte -, die mich aber insgeheim schwer beeindruckte.

Ich selbst war im Tor eher unbegabt, was ich lange Zeit nur schwer akzeptieren konnte, schließlich fand ich mich als Ronnie Hellström ziemlich gelungen. Immerhin: ich hatte keine Skrupel, mich in den tiefsten Schlamm zu werfen, sodass ich zumindest in dieser Hinsicht zunächst noch einen kleinen Vorsprung hatte und auch bei meinen ers
ten Schritten im Vereinsfußball
gerne mal dem diesbezüglich zunächst zurückhaltenden Hüter vormachte, wie er sich in den Dreck schmeißen solle. Fand meine Mutter voll cool.

Ganz selten spielten auch Mädchen mit. Na ja, eigentlich nur eines. Sie war ein paar Jahre älter als ich, und sie konnte kicken. Als sie das erste Mal dabei war, spielten wir in einer Mannschaft. Ich kannte sie noch nicht, verriet ihr aber nach einer gelungenen Aktion meinerseits – man ist ja Mann – meinen Lieblingstrick, den die Bild-Zeitung einmal Felix Magath zugeschrieben und „Doppelpass mit sich selbst“ (so eine rechts-links-Kombination, die geneigte Leserin weiß, was ich meine) genannt hatte. Im nächsten Spiel – bei zehn wurden neue Mannschaften gemacht, ist klar – stand sie auf der Gegenseite und verriet unmittelbar nach Spielbeginn meinen Trick. Ich war halt jung und naiv. Noch nicht einmal verliebt.

Der unangenehmste Kicktag war der Mittwoch. Da mussten wir auch noch zum Kinderturnen, und zwar mitten am Nachmittag. Wenn es gut lief, reichte es davor und danach für ein bisschen Fußball, aber nicht selten durften wir nur davor oder nur danach. Unserer Präferenzstruktur folgend, ließen wir das Kinderturnen, in dem nie Fußball gespielt wurde, gelegentlich ausfallen. Was aus drei Gründen keine gute Idee war: erstens fand das Turnen in Sichtweite des Bolzplatzes statt, zweitens war die Leiterin eine gute Freundin meiner Mutter, und drittens musste beim Kinderturnen jeweils ein Obolus von einer Mark entrichtet werden. In dem meist unsinnigen Versuch, unser Schwänzen zu kaschieren, mussten wir also die Eltern nicht nur anlügen, sondern noch dazu Geld unterschlagen. Keine gute Idee.

Als wir nicht mehr zum Kinderturnen gingen, tat sich wiederum mittwochs ein neues Hindernis auf: Wochenzeitungen austragen. Geld verdienen. Man würde sich ja nicht immer und ewig einzig und allein für Fußball interessieren können. Zumindest ließen wir uns das einreden. Also brauchte man Geld. Für Schallplatten, bald auch CDs. Vielleicht auch, um abends wegzugehen. Oder erst einmal nachmittags. Um sich die Bravo zu kaufen. Für coole Klamotten. Ohrringe. Erste Computerspiele. Für den C16. Hermann hatte einen C64, die ersten bald auch einen Amiga. Der Fußball hatte seine absolute Vorrangstellung verloren. Die Schule gewann an Bedeutung, oder sie nahm zumindest mehr Zeit in Anspruch. Mädchen wurden auch abseits des Fußballplatzes zu einem relevanten Faktor. Der Snobismus des weißen Sports ging ein wenig verloren, vielleicht waren wir auch einfach aufgeschlossener, und plötzlich standen wir in den Ferien täglich um 9 auf dem Tennisplatz, wo drei keine richtig gute Zahl war. Boris Becker und Steffi Graf lösten einen Boom aus, und Stefan Nossek war irgendwie doch ganz cool. Tanja Schildknecht auch.

Fußball fand häufig nur noch zweimal wöchentlich im Training und bei den Spielen am Wochenende statt, später gerne samstags in der B- und sonntags in der A-Jugend. Der Trainingsplatz wurde auf Fußballfeldgröße erweitert, Jugendtore standen herum, irgendwann half ich, die F-Jugend zu trainieren. Die Hütte am Spielfeldrand stand noch eine Weile, genau wie die Walze. Ich wurde volljährig, spielte aktiv Fußball, mein Mathe-LK-Lehrer war Vorstand des größten Konkurrenten im Kampf um die Meisterschaft, der für mich triumphal endete, was wiederum für das Mathe-Abi nicht uneingeschränkt zutraf. Mein erstes Auto fand am Fußballplatz ein jähes Ende, als ich mit meinem R4 eine Kurve verpasste und um Haaresbreite die Walze verpasste, nicht aber den Graben. Die Walze wurde kurz darauf entfernt. 

Matze und Hermann nahmen den Fußball nicht mehr ganz so ernst. Sie kickten noch eine Weile in der zweiten bzw. dritten Mannschaft, wir spielten weiterhin zusammen Tennis, bis es uns aus beruflichen Gründen mal mehr, mal weniger in die Ferne trieb. Sehr unregelmäßig sehen wir uns, meist zufällig, im Heimaturlaub, die beiden spielen dort auch noch gelegentlich Tennis, und vor ein paar Jahren bestritten wir gemeinsam ein Nostalgie-Fußballspiel. Der Ball lief nicht mehr so rund wie zu Kleeblattzeiten. Die Entfremdung dürfte bereits an jenem Tag in der sechsten Klasse begonnen haben, an dem mir Matze ein Buch, das ich ihm ausgeliehen hatte, besudelt zurückgab:
Elf Freunde müßt ihr sein.

Auch mal was für sich behalten

Irgendwann Mitte der 80er Jahre sah ich eine Dokumentation über Mark David Chapman, von der mir vor allem eines im Gedächtnis haften blieb: dass sein Handeln stark von der Seelenverwandtschaft mit Holden Caulfield beeinflusst worden sei. Als Heranwachsender mit einem gewissen Interesse an Literatur konnte ich also gar nicht anders, als kurz darauf selbst den Fänger im Roggen zu lesen.

Es wird niemanden überraschen, dass ich schwer beeindruckt war (vielleicht auch ein wenig glaubte, es sein zu müssen), und in der Tat ging ich gar so weit, erstmals überhaupt auch noch die englische Originalversion eines Buches zu lesen (was damals noch etwas Geduld erforderte, weil Amazon noch nicht täglich eine Fuhre Bücher nach Deutschland brachte). Kurz: ich wurde sowas wie ein Fan, wenn auch ohne Gewaltfantasien.

Einige Zeit später stellte mein Englischlehrer die Klasse vor die Wahl, Animal Farm, Brave New World oder The Catcher in the Rye zu lesen. Es kam, wie es kommen musste: Animal Farm kannten manche aus dem Fernsehen und hielten es für ein Kinderbuch, Brave New World sagte niemandem etwas, und da der Catcher in the Rye zumindest einen glühenden Befürworter hatte, fiel die Entscheidung recht schnell.

Oh, wie ich das bereut habe. Vielleicht lag es ein Stück weit auch am  Lehrer oder an der Tatsache, dass die Herangehensweise im schulischen Unterricht einfach eine andere ist als im heimischen Jugendzimmer; letztlich glaube ich aber, dass es in erster Linie um den Verlust an Exklusivität ging: ich wollte nicht hören, wie meine Mitschüler über „meinen“ Fänger im Roggen diskutierten, für ihn schwärmten, ihn meinetwegen auch beschimpften.  Hätte ich meinen Enthusiasmus für mich behalten, hätte es womöglich nicht über 10 Jahre gedauert, bis ich das Buch erstmals wieder in die Hand nahm.

Salinger selbst hat, wie wir seit seinem Tod vor zwei Tagen allenthalben lesen können, sehr viel für sich behalten. Oder zumindest nicht in die Öffentlichkeit getragen. Seit Mitte der 50er Jahre hat er so gut wie keine Interviews gegeben, seit 1965 nicht mehr veröffentlicht – obwohl er weiterhin schrieb, wie er 1974 in einem Interview mit der New York Times deutlich machte:

„There is a marvelous peace in not publishing. It’s peaceful. Still. Publishing is a terrible invasion of my privacy. I like to write. I love to write. But I write just for myself and my own pleasure.“

Klingt irgendwie ungewohnt in diesen Tagen, dass jemand etwas schreibt und es nicht mit einem „Share this“-Button versieht. Etwas ernsthafter betrachtet ist es natürlich eine sehr spannende Frage, welche Werke in all den Jahren aus dieser Liebe zum Schreiben heraus entstanden sein mögen, und vermutlich werden wir früher oder später die eine oder andere Veröffentlichung in die Finger bekommen.

Ob ich diese dann lesen möchte, werde ich wohl zu gegebener Zeit entscheiden müssen. Vielleicht will ich meinen Salinger gar nicht mit andere Werken in Verbindung bringen, vielleicht will ich nicht ein zweites Mal meine Begeisterung riskieren. Mal schauen. Vielleicht fühle ich mich auch gerade nur in meine Adoleszenz zurückversetzt und argumentiere dementsprechend. Das Beste wird sein, zunächst einfach mal wieder den Fänger im Roggen zu lesen. Und Indochine zu hören.

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