Stets pünktlich und bemüht

“Wenn ich sehe, dass jemand sehr akribisch arbeitet, sich aufopfert im Job und ambitioniert ist, dann decke ich ihm mit Überzeugung den Rücken.”

Das sagte Fredi Bobic vor dem letzten Bundesligaspieltag der Schwäbischen Zeitung, und er meinte Bruno Labbadia. Er sagte auch noch einiges mehr, zum Beispiel, dass Labbadia oftmals jungen Spielern “anhand von TV-Analysen zeigt, was sie besser machen können … das sind Dinge, die nicht mal der ein oder andere sogenannte Konzepttrainer macht.”

Nun weiß ich nicht genau, wen Bobic mit den sogenannten Konzepttrainern meint, und weiß demzufolge erst recht nicht, was diese in ihrer täglichen Arbeit so tun. Im Grunde würde es mich überraschen, wenn sie ihren Nachwuchsspielern nicht in Form von Videoanalysen den Spiegel vorhielten, aber Bobic wird schon wissen, was er sagt. Den obligatorischen Hinweis, dass ich noch immer hoffe, auch Bruno Labbadia orientiere sich an einem Konzept, erwähne ich nur der Vollständigkeit halber.

Ein bisschen erinnert mich das Interview an einen Arbeitgeber, der einem scheidenden Mitarbeiter ein gutes Zeugnis mit auf den Weg geben möchte, sich dabei aber ein wenig verheddert. Bobics Wertschätzung für den Trainer klingt durch, er geht auf die Rahmenbedingungen und Labbadias unbestrittene Verdienste ein, und doch: akribische Arbeit? Opfert sich im Job auf? Ist ambitioniert? War er vielleicht sogar pünktlich? Stets bemüht?

Sicher, ich übertreibe. Gewiss, ich habe selektiv zitiert. Aber so’n bisschen mehr über relevante Qualitäten des Trainers hätte er schon sagen können, so er sie denn sieht. Verzeihung, relevant ist Akribie schon. Auch Pünktlichkeit ist relevant. Notwendig, sogar. Nur nicht hinreichend. Die Weiterentwicklung junger Spieler und eine eigene Handschrift (wenn es denn eine geeignete wäre) könnten indes hinreichend sein. Leider liefert jedoch das Interview keine hinreichende Erklärung der Handschrift. Dabei wäre sie notwendig. Im Gegensatz zu diesem verqueren Absatz.

Vermutlich würde auch Bruno Labbadia unterschreiben, dass er mit der Handschrift, die man am Samstag möglicherweise hätte erahnen können, nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Bei Thomas Tuchel, dessen Mannschaft einen Fußball spielte, der auf mich wesentlich strukturierter, vielleicht auch intelligenter, was immer das heißen mag, wirkte, könnte das anders sein. Er dürfte sich die durch das Mainzer Tun insbesondere zu Spielbeginn offenbarte Handschrift gerne – und zurecht – zuschreiben lassen. Dass den Mainzern die Stuttgarter Trägheit dabei wunderbar in die Karten spielte, ist unstrittig. Und dass Trägheit nicht unbedingt zu den Eigenheiten von Labbadias Handschrift zählt, will ich ihm hier gerne zugestehen. Die Mannschaft war einfach im Kopf nicht ganz da, und ich kann es ihr nicht einmal verdenken.

Dann bekommt man halt ein Tor, nachdem ein eigener Innenverteidiger zunächst noch an der Mittellinie protestierte, anstatt gegen den Ball zu spielen, ein Tor, bei dem 4 oder 5 Weiße den im Grund schon nicht mehr gefährlichen Angriff zu leichtfertig laufen lassen und zwei Blauen beim Torschießen zusehen. Dann bekommt man eben ein zweites Gegentor, bei dem einige keine gute und der Torwart eine, nun ja, lustige Figur abgeben. Jener Torwart, der zuvor schon Glück hatte, nicht vom Platz gestellt zu werden, als er einen Ball völlig falsch eingeschätzt und außerhalb des Strafraums mit der Hand gespielt hatte, und der sich kurz darauf einen hohen Ball selbst ins Netz statt über die Latte gelöffelt hätte, wäre ihm nicht ein Verteidiger zur Seite gesprungen. Wird bestimmt alles besser in Berlin.

Immerhin: man wehrte sich, spielte zwar noch immer verdammt viele Fehlpässe oder schaffte es, wie Gotoku Sakai, drei oder vier Bälle völlig unbedrängt bei der Annahme ins Aus springen zu lassen, zeigte aber auch, dass man das Spiel gelegentlich schnell machen und dann auch konsequent abschließen kann (Boka!). Faszinierend die zweite Hälfte, als man sich wünschte, dass wenigstens eine der beiden Mannschaften in der Lage wäre, mal einen schnellen Angriff – Räume waren im Überfluss vorhanden – konsequent zu Ende zu spielen. Kurz: ein typisches letztes Saisonspiel bei nahezu entsprechenden Temperaturen.

Typisch für einen letzten Spieltag war auch das Geschehen auf den anderen Plätzen. Tore im Minutentakt, speziell in der ersten Hälfte, entschädigten für vieles, was man im Neckarstadion an Aktivität und Attraktivität vermisste, und ein bisschen fühlte man sich wie in der guten (?) alten Radiokonferenz. Champions League, Europa League, Abstieg – es ging hin und her, die Spannung war groß, die Ereignisse zahlreich, die Präferenzen im Stadion deutlich vernehmbar. Bei Schalke und Freiburg schienen sich viele schwer zu tun, Frankfurt hatte wohl leichte Vorteile gegenüber dem HSV, nur bei Hoffenheim schien sich der Großteil der Zuschauer in seiner Aversion einig. Umso spannender, dass sich gerade dort die Ereignisse zum Ende hin überschlugen, sodass die Fans, die das Treiben ihres VfB über weite Strecken vergleichsweise teilnahmslos verfolgten, auf diesem Wege einige Aggressionen loswerden konnten.

Nach dem Spiel äußerte ich meine Begeisterung über das nachmittägliche Geschehen via Twitter:

– was, nicht nur aus Sicht der gerade Abgestiegenen oder anderweitig Gescheiterten verständlich, keine uneingeschränkte Zustimmung erfuhr. Gleichwohl: solche Geschehnisse, gerade die in Dortmund, sind es doch, die einen ganz erheblichen Teil dessen ausmachen, was uns am Fußball so fasziniert. Freiburger Fans werden ihren Enkeln dereinst davon erzählen, wie Julian Schusters kurioses Eigentor die erste Champions-League-Qualifikation ihres Vereins verhinderte (wobei: möglicherweise erzählen Freiburger Fans ihren Enkeln auch auf Jahrzehnte hinaus nur von Christian Streichs Pressekonferenzen), und den nächsten Generationen Hoffenheimer Anhänger (hier darf sich jeder, dem so etwas gefällt, gerne einen beliebigen Witz mit den Schlagworten Hoffenheim, Fans, Tradition und Hopp denken) könnten, ein erfolgreiches Bestreiten der Relegation vorausgesetzt, ob der Namen Gisdol, Schipplock, Salihovic und nicht zuletzt Großkreutz irgendwann die Ohren bluten.

Ich selbst bin, um damit nicht hinter dem Berg zu halten, recht zufrieden mit dem Ausgang des letzten Spieltags. Ich freue mich, dass Frankfurt und Armin Veh für ihre starke Saison belohnt wurden. Freiburg hätte ich Platz vier gegönnt, verhehle aber nicht, dass auch Jens Kellers Weg mit den Schalkern aller Ehren wert ist. Dass ich letztlich ohnehin jede Platzierung, die man nach 34 Spielen erreicht, für verdient halte, wissen diejenigen, die hier mit einer gewissen Regelmäßigkeit mitlesen, ohnehin.

Und so verneige ich mich ziemlich tief vor Markus Weinzierl und seinen Augsburgern, bedaure die Düsseldorfer Fans, deren Verein zu lange eine zu schlechte Figur abgegeben hat, um bei mir einen nennenswerten Abschiedsschmerz auszulösen, und beglückwünsche Hoffenheim, das nicht nur den Trend und möglicherweise ein wenig den Spielplan zum Freund hatte, das auch nicht nur die sich bietende Chance entschlossen beim Schopf packte, sondern das auch seit Wochen Anzeichen einer einkehrenden Vernunft und entsprechenden Neuorientierung aussendet. Dass mich ganz nebenbei auch die Bayern mit ihrer überragenden Saison beeindruckt haben, ergänze ich gerne, auf all die anderen will ich jetzt nicht weiter eingehen.

Kurz eingehen möchte ich aber noch auf die VfB-Spieler, die sich mit einem sehr gelungenen Video bei den Fans bedankten (wie mittlerweile wohl jeder weiß):

Interessant, wie sie sich am Spieltag nach der Ankündigung des Videos im Mittelkreis sammelten, in – wie ich meine – gespannter Erwartung der Reaktion derjenigen, die sie da porträtierten (der Umstand, dass mir kein passendes Verb aus der Wortfamilie der »Hommage« bekannt ist, ersparte mir die Entscheidung, ob ich das Porträt vielleicht gar zur eben genannten erheben solle), in gespannter Erwartung, wie sie Kindern eigen ist, die etwas für ihre Eltern gebastelt haben und eigentlich wissen, dass diese begeistert reagieren werden, die aber doch, wegen irgendeiner Kleinigkeit (Mamas gute Stoffreste verwendet?), einen Ticken © Nervosität verspüren. Was natürlich völlig unnötig ist.

Was mir tatsächlich am besten gefallen hat: die Trikotvielfalt. Cacau mit diesem furchtbaren goldstichigen Göttinger-Gruppe-Verbrechen, Röcker als Verlaat, dann natürlich Südmilch, selbst das weinrote Gazi, Ulreich im gelben debitel – fast wie im richtigen Leben, die einfache Variante mit aktuellen Trikots (und dem aktuellen Sponsor) vermeidend.

Und am allerbesten, einmal mehr: Martin Harnik. Ich hatte überlegt, diesen Text ganz anders zu schreiben, unter der Überschrift “Ode an Martin Harnik”. Allein: ich weiß nicht, wie man eine Ode schreibt. Sagte ich hier übrigens schon einmal, in anderem Zusammenhang. Irgendwann muss ich mich wohl doch mal daran versuchen. Bis dahin sammle ich einfach weiterhin öffentliche Auftritte von und mit Martin Harnik, mit dem Wunsch, dass sie jedem anderen Berufsfußballspieler zum Selbststudium ans Herz gelegt werden mögen. Könnte allerdings auch deprimierend werden.

Tradition wird siegen!

Am Samstag war Hoffenheim zu Gast im Neckarstadion. Das geschickt angebrachte Spruchband, dessen Platzierung ich als originell empfand, hat mittlerweile wohl jeder irgendwo gesehen, die divergierenden Reaktionen zumindest der eine oder die andere gelesen. Ob man das Ganze auch weniger plump formulieren und dabei witziger sein könnte, soll jeder für sich beurteilen.

“Tradition wird siegen!” skandierte ein Teil der gefühlten Cannstatter Kurve Mitte der zweiten Halbzeit, ein anderer Teil schüttelte den Kopf ob des Wechselgesangs, dessen Klang ein wenig an Lagerfeuerlieder über 10 unbekleidete Menschen mit dunkler Haut gemahnte. U alele! Unabhängig von der Frage, ob Tradition auf lange Sicht tatsächlich siegen wird, und noch unabhängiger von der Frage, ob Tradition für sich genommen einen Wert darstellt, hätte ich mir kurzfristig schon sehr gewünscht, dass die Sänger recht behalten.

Gegen 10 Hoffenheimer, von denen noch dazu nur wenige einen richtig guten Tag erwischt hatten, hätte man sich einen Sieg durchaus vorstellen können. Der Trainer scheint diesbezüglich zumindest vor dem Spiel, als noch mit 11 Gästen gerechnet wurde, nicht ganz so zuversichtlich gewesen zu sein: er verstärkte die Defensive. Erinnerte sich wohl an Matthias Sammer, den Mann, der dereinst den Libero vor der Abwehr hoffähig machte, und rief Mamadou Bah zu dessen Nachfolger aus. Leider bin ich mir nicht ganz sicher, ob die beiden Christians auf der Doppelsechs, von der man angesichts der neuen Entwicklungen nicht so genau wusste, ob sie eine etwas zurückhängenden Doppelzehn sein sollte, gegenüber dem Zuschauer einen Informationsvorsprung hatten, oder ob die drei die neue Konstellation on the job erlernen sollten.

Bah bewies in der ersten Hälfte verschiedentlich, dass er in der Vorwärtsbewegeung über ein gutes Auge verfügt, als er in aller Ruhe vernünftige Bälle spielte. Ja, die Ruhe. Von der hat er manchmal auch ein bisschen zuviel. Wenn er als gefühlter letzter Mann in enge Dribblings geht, ohne sein Tempo zu erhöhen, zum Beispiel. Wobei ich nicht ausschließe, dass Beschleunigung einfach nicht sein Ding ist. Da kann man dann wohl nichts machen. Besonders glücklich war auch der zaghafte Querpass über 40 Meter an der Mittellinie nicht, und auch das Foulspiel gut 20 Meter vor dem Tor, als Delpierre schon den Ball am Fuß hatte, darf nicht als übertrieben clever gelten. Oder die reihenweise verlorenen Zweikämpfe gegen Ba.

Aber immerhin: Jens Keller hat taktische Flexibilität bewiesen. Er hat die Systemfrage gestellt. Hat das Gross’sche 4-4-2 in ein 4-1-4-1 umgewandelt. So ist zumindest meine Vermutung. Schade, dass die vordere 1 sehr lange den alten Fehler alleiniger Spitzen begangen hat, nämlich zu glauben, dass die alleinige Spitze alleinige Spitze sei und das Spiel auf eigene Faust entscheiden müsse. Bis zum 1:1 ließ Cacaus Übermotivation meist schon die Ballannahme misslingen.

Doch zurück zur Systemfrage: letztlich hat sich der VfB für das System Zufall entschieden. Es ist, rein statistisch betrachtet, nur eine Frage der Zeit, bis blindwütig in Richtung des gegenerischen Tores gespielte Bälle, gerne bei Freistößen von der Mittellinie, aber auch aus dem Spiel heraus (-> Halbfeld, das) oder gar vom Fuß des Torwarts, irgendwann doch für Gefahr sorgen. Natürlich könnte man sich das Ganze etwas strukturierter vorstellen, natürlich würde man sich gerade in Überzahl erhoffen, dass nicht nur Timo Gebhart, aus dem wohl nie ein zweiter Klaus Fischer wird, den Platz auf den Außenbahnen nutzt und dabei Andi Beck nicht immer gut aussehen läst, sondern dass man auch rechts gegen Ibertsberger und Salihovic (!) zu gefährlichen Hereingaben kommen möge. Wenn aber Martin Harnik, ein Mann mit Stürmerblut,  lieber vor der Strafraumeck quer passt, als sein Tempo in einer wahrlich günstigen Situation in den 16er mitzunehmen, und wenn vor allem Cristian Molinaro und Christian Träsch, zwei Spieler, denen ich unterstellen würde, dass sie das Spiel ganz gut verstanden haben, reihenweise Willy-Sagnol-Gedächtnisflanken schlagen, ohne Pizarro und Ballack in der Mitte stehen zu haben, muss ich wohl davon ausgehen, dass das so gewollt ist. Halbfeldflanken als probates Mittel bei Überzahl.

Ja, ich weiß, das ist eines meiner Lieblingsthemen. Und natürlich ist es zu kurz gegriffen, die Misere an diesem Punkt festzumachen. Misere? Welche Misere? Wenn die Mannschaft so weiter spielt, wird sie die nötigen Punkte holen. Sagt zumindest der Kapitän. Wobei sich ganz nebenbei auch noch die Frage stellt, wie viele Punkte denn nötig sein werden. Und wen man hinter sich lassen will. Mit Freiburg, Hannover und Mainz sind einige der üblichen Verdächtigen verdammt weit weg. Frankfurt ist zu solide, um einzubrechen, Schalke  und Wolfsburg eine andere Kragenweite.

Bleibt also das Ziel, die beiden Traditionsvereine vom Rhein hinter sich zu lassen, und die Hoffnung, dass die beiden Traditionsclubs aus Franken und der Pfalz auch noch in den Abstiegskampf einsteigen, gemeinsam mit dem Traditionskultclub.

Stuttgarter Haupttribünen-Hooligans und ein Rumpelstilzchen aus Sinsheim

Als Schiedsrichter Michael Kempter nach dem 3-3 zwischen dem VfB und den Sinsheimer Gästen das Feld verließ, zeigte die Haupttribüne ungewohnte Emotionen: Getränkebecher, Stadionzeitschriften,… ohne den schützenden Kunststofftunnel hätte Kempter wohl riskiert, mit Boninsegna in einem Atemzug genannt zu werden.

Auch wenn man einräumen muss, dass der Elfmeter, den Kempter in letzter Sekunde gegeben hat und der offensichlich die Gefühlswallungen der Haupttribünen-Hooligans auslöste, durchaus in Ordnung ging: die harsche Kritik war alles andere als unangebracht. Kempter stand zu keiner Zeit im Verdacht, das Spiel im Griff zu haben.

Offensichtlich hatte Markus Babbel seinen Mannen vor dem Spiel eingeimpft, sich auch mal auf Kosten einer gelben Karte Respekt zu verschaffen: Khedira, Hitzlsperger, Cacau und weitere Rote taten alles dafür, der Anweisung des Trainers Folge zu leisten – allein, Kempter spielte nicht mit. Er verweigerte ihnen, wie auch dem einen oder anderen Gästekicker, die wohlverdiente Verwarnung. Sicher, insbesondere der VfB war mit einer aggressiven, teilweise ruppigen Marschroute ins Spiel gegangen; dass die Stimmung aber zunehmend giftig wurde, hat sich der Unparteiische selbst zuzuschreiben. Der von ihm gewählte Versuch, eine aus dem Ruder gelaufene Spielleitung dadurch zu retten, dass er in der zweiten Hälfte eine Weile jeglichen Körperkontakt abpfiff, war ein untauglicher und verstärkte den Unmut von Spielern und Zuschauern so weit, dass man eben auch auf der Haupttribüne seine Kinderstube vergaß.

Über Jens Lehmanns Kinderstube möchte ich an dieser Stelle nicht mutmaßen, zumal meine kritische Haltung zu seinem Verhalten der regelmäßigen Leserin bekannt sein dürfte. Die viel diskutierte Schuhszene habe ich während des Spiels nicht mitbekommen. Mag einerseits sein, dass sein Verhalten nicht fair war, mag andererseits sein, dass er angesichts der Spielsituation keine andere Wahl hatte, als den Schuh rasch wegzuschmeißen (wenn er übrigens, wie die Verschwörungstheoretiker der Sportschau unterstellten, tatsächlich in der Lage ist, einen Schuh mit einem Rückhandwurf von außerhalb des Strafraums unerreichbar für den Besitzer auf dem Tornetz zu platzieren, dürfte seiner Anschlusskarriere im Zirkus nichts im Wege stehen). Wie auch immer: in Lehmanns Aktion das Unsportlichste zu erkennen, das er je auf einem Fußballplatz gesehen habe, ist selbst für die Standards des Sinsheimer Rumpelstilzchens Ralf Rangnick eine ungewöhnliche Sichtweise.

Zum Spiel:
Wie bereits oben geschrieben, gingen die Stuttgarter sehr aggressiv in die Partie und ließen so dem Gast aus Hoffenheim wenig Möglichkeiten, sein Kombinationsspiel zu entwickeln. Die einzige Ausnahme bildete überraschenderweise der müde Schatten eines Kannibalen, der zudem erschreckende technische Mängel erkennen ließ: vor dem 0-1 missglückte Khalid Boulahrouz eine einfache Ballannahme derart, dass der Ball ins Aus sprang. Aus dem Einwurf entstand die Führung, an der wiederum der Niederländer seinen Gegenspieler nicht hinderte.

Konnte man Boulahrouz’ Schwäche noch einigermaßen kompensieren, so war dies nach dem verletzungsbedingten Ausscheiden des diesmal ganz gut aufgelegten Boka und der Hereinnahme des zweiten Unsicherheitsfaktors “Lude” Magnin ein weitaus schwierigeres Unterfangen. So konnte es kaum überraschen, dass der dem Vernehmen nach kränkliche Magnin den Sinsheimer Gästen nach der zwischenzeitlichen VfB-Führung den kurz vor der Pause obligatorischen Gegentreffer auf dem Silbertablett präsentierte. Es ist einfach zu wenig, auf der linken Verteidigerposition die Wahl zwischen, naja, keinesfalls Pest und Cholera, aber vielleicht einem Reizhusten und einer rätselhaften Allergie zu haben.

In der zweiten Hälfte ließ Hoffenheim den VfB deutlich weniger zur Entfaltung kommen als zuvor und zwang den VfB in der Vorwärtsbewegung immer wieder zu riskantem Spiel und den entsprechenden Fehlern. Eher überraschend dann die neuerliche Führung durch Mario Gomez, der einen Pass des sehr starken Osorio zwar etwas glücklich, letztlich aber in beeindruckender Manier ins Netz hob. Wie nicht anders zu erwarten, war die Freude erneut von sehr kurzer Dauer: ein langer Pass von Innenverteidiger Compper reichte aus, um die VfB-Abwehr auszuhebeln (ich verzichte darauf, den Vergleich mit ähnlichen Situationen im Kreisligafußball auszuformulieren). Dabei sah zwar auf den ersten Blick Serdar Tasci nicht gut aus; meines Erachtens war es aber erneut Boulahrouz, der mit einer seltsamen Vorwärtsbewegung Ba die entsprechenden Meter Platz und Tasci das Nachsehen gegeben hatte.

Kurz vor Schluss dann eine folgerichtige Entwicklung: Salihovic verschoss den Elfmeter, für den er selbst durch sein rüdes Foul an Boka den Grundstein gelegt hatte. Dessen Vertreter Magnin hatte geduldig gewartet, bis der Hoffenheimer Angreifer in den Strafraum eingedrungen war, um ihn dann mit einer ungeschickten Schrittfolge eher zufällig -gleichwohl strafstoßwürdig- zu Fall zu bringen.

Insgesamt war es ein sehr sehenswertes Derby mit einer effizienten Hoffenheimer Mannschaft und einem selbstbewusst auftretenden VfB, der jedoch in der zweiten Hälfte zwar noch die Leidenschaft, aber nicht mehr die spielerischen Mittel hatte, Hoffenheim unter Druck zu setzen, und der vor allem ein Defensivproblem hat.

Für mich als Zuschauer war es eine emotional außergewöhnlich anstrengende Partie, eines Derbys weitaus würdiger als beispielsweise die letzten Spiele gegen den KSC. Packender Fußball “hier und jetzt” ist mir persönlich deutlich wichtiger als die Dauer der Zugehörigkeit zum Profifußball. Aber da vertrete ich wohl eine Minderheitenmeinung.

Ungeachtet des gerade Gesagten ziehe ich meinen Hut vor der gelungenen Choreographie des Commando Cannstatt, die das Thema Tradition geschickt anhand der eigenen Historie illustrierte.


Tor des Tages: Müller

Einige potenzielle Toren drängten sich am Samstag natürlich auf, man denke nur an Magnin, Boulahrouz oder Salihovic. Die Auszeichnung geht jedoch eindeutig an Hansi Müller. Mir fehlen die Worte, wenn einer der besten Spieler, die der Verein je hervorgebracht hat, unmittelbar vor dem Spiel ein Interview gibt, dessen einziger -sicherlich gut bezahlter- Inhalt die aktuelle Rabattaktion eines regionalen Möbelhauses ist. Ich hoffe sehr, dass sich Stadionsprecher Christian Pitschmann, der im wahren Leben Journalist ist, dabei zumindest auch ein wenig unwohl gefühlt hat.