Generationenfrage

Die ARD hat mich positiv überrascht am Mittwoch. Sie wissen schon, da war dieses Fußballspiel gegen Spanien, das die deutsche Nationalmannschaft erneut mit 0:1 verloren hat. Aber ich wollte ja eigentlich etwas zur ARD sagen. Bzw. zunächst zu Günter Netzer, der in seinem vermutlich vorletzten Einsatz als ARD-Experte noch einmal erahnen ließ, wieso die Kombination Netzer/Delling in ihren ersten Jahren so beliebt, so erfrischend, so anders war als das, was man davor im deutschen Fernsehen gekannt hatte. Also bevor die Kabbelei Selbstzweck war, bevor wir zum hundertsten Mal Variationen von “Sie waren doch eh ein Standfußballer” auf der einen und “Sie haben ja überhaupt keine Ahnung” auf der anderen Seite gehört hatten. Als Netzers nüchterne Analysen im Mittelpunkt standen und nicht deren Inszenierung durch Stichwortgeber Delling. Nüchtern? Wenn ich richtig gehört habe, hat Netzer zuletzt mehrfach “wir” gesagt, wenn er von der deutschen Mannschaft sprach – das gab’s früher doch nicht, oder?

Zurück zu Mittwoch: ich fand Netzers fassungslosen Blick großartig, als Gerhard Delling ernsthaft glaubte, eine abweichende Meinung vertreten zu müssen, nachdem der Bundestrainer und Netzer selbst die Großchance von Toni Kroos bzw. dessen mögliches Fehlverhalten gleich bewertet hatten. Nur ein Detail, klar, aber solche Dinge werde ich vielleicht sogar ein wenig vermissen. Richtig positiv hat mich derweil die Entscheidung der ARD gestimmt, das wichtigste von der ARD übertragene WM-Spiel nicht von Herrn Simon kommentieren zu lassen, sondern von Tom Bartels, dem meines Erachtens weitaus kleinsten Übel bei öffentlich-rechtlichen Fußballübertragungen. Ich weiß nicht, ob das an irgendeiner Quotenregelung lag, oder vielleicht doch daran, dass einmal jemand die Zuschauer gefragt haben könnte, was sie von Herrn Simon halten.

Wie auch immer: Tom Bartels machte seine Sache gut, wenn auch glottal [ Grüße an @gnetzer 😉 ], und er widerstand sogar lange der Versuchung, vor der Zeit die Zukunft dieser deutschen Mannschaft herbeizureden. Zwar ließ er immer mal wieder anklingen, dass das Team noch sehr jung sei, verband dies aber stets mit dem Hinweis, dass sich die Chance eines WM-Halbfinals nicht allzu oft ergebe, unabhängig vom Alter, und dass man sie natürlich nutzen sollte. Bei Toni Kroos indes spielte das Alter dann doch ein Rolle: vielleicht wäre es für ihn ja zu früh gekommen, wenn er in diesen jungen Jahren durch den Führungs-(und dann vielleicht auch Sieg-)Treffer gegen Spanien zum Helden geworden wäre. Für Toni Kroos. Zu früh. Da hat er ja Glück gehabt.

Letztlich hat man mit 0:1 verloren. Verdient. Die Mannschaft hat es nicht geschafft, dem Europameister und WM-Topfavoriten ihr Spiel aufzuzwingen. Ein Spiel, das uns alle begeistert hatte. Ein Spiel, von dem nur noch die Älteren unter uns glaubten, dass eine deutsche Nationalmannschaft so spielen könne. Ein Spiel, das meines Erachtens weitaus besser ist als das, was die bis dato zutage getretenen Fähigkeiten der einzelnen Spieler erwarten ließen. Ein Spiel, das ganz offensichtlich die viel zitierte Handschrift eines Trainers trägt. Meinetwegen auch eine Philosophie, deren Bedeutung Martin Blumenau -wenn auch vor dem Spanien-Spiel – so großartig beschrieben hat. Dieser Trainer heißt nicht Louis van Gaal, auch wenn er Joachim Löw sicherlich den einen oder anderen Gefallen tat.

Sicher, es mag nicht nur so sein, dass die Mannschaft es nicht schaffte, dem Gegner ihr Spiel aufzuzwingen. Möglicherweise ist es auch dem Trainer nicht gelungen, die Mannschaft dahin zu bringen, dass sie tatsächlich so sehr von ihrer Stärke überzeugt war, wie sie zwischendurch schien. Schade. Ich sähe es gerne, wenn dieser Trainer versuchen würde, die nächsten Schritte mit dieser Mannschaft zu gehen. Denn natürlich müssen weitere Schritte folgen. Natürlich macht Platz 3 nicht glücklich. Aber daran kann man arbeiten, die sportliche Tendenz stimmt. Vielleicht hätte man für das Halbfinale aber auch Klaus Toppmöller engagieren sollen. Oder Christoph Daum. Hätte ein mutigeres Auftreten der Spieler befördert.

Um nicht falsch verstanden zu werden: ich hätte mir auch eine das Spiel bestimmende deutsche Mannschaft gewünscht. Und ich hielte es für zu kurz gesprungen, nur die Stärke der Spanier dafür verantwortlich zu machen, dass es nicht so kam. Vermutlich haben die Trainer in Sachen Spielvorbereitung und wohl auch Aufstellung nicht alles optimal gelöst. Aber sie hatten eine Mannschaft geformt, der man es endlich wieder zutrauen konnte, diese Herausforderung auf Augenhöhe anzunehmen und möglicherweise verdient zu bestehen. Oder wie der geschätzte Rob Alef schrieb:

Im Halbfinale von Durban waren die Spanier wieder die besseren Spanier, aber es ist nicht so schlimm, wenn von zwei überdurchschnittlichen Mannschaften die bessere gewinnt.

Und wie komme ich jetzt zurück zu Tom Bartels? Zu Toni Kroos, der nicht zu früh zum Helden werden soll? Und das zu einem Zeitpunkt, da man die Zeiten hinter sich glaubte weiß, als der 24-jährige Jeremies der Benjamin im deutschen Team war, während bei Frankreich die Herren Henry und Trezeguet (beide 20), bei England der 18-jährige Michael Owen Leistung trugen. Nein, 1998 soll nicht das Thema sein. Vielmehr geht es um die Sorge, dass ein Erfolg “zu früh kommen” könne. Ein entscheidendes Tor. Ein Weltmeistertitel. Oder im Kleinen: ein Aufstieg. Und wenn es nur aus der Kreisliga ist.

Was für ein Blödsinn. Man muss die Chancen ergreifen, wenn sie sich bieten. Aufsteigen. Tore schießen. Weltmeister werden. Oder zumindest den Europameister schlagen. Da kann der aktuelle Kader noch so jung und talentiert, die Mannschaft noch so unerfahren, vielversprechend und mit Juniorentiteln dekoriert sein: eine Garantie auf künftige Erfolge gibt es nicht. Ja, das ist eine Binsenweisheit. Und doch wuchern die Gräser nicht wild genug, um beispielsweise die “Morgenpost” oder die “Welt” davon abzuhalten, von der “Goldenen Generation” zu schreiben. Zu der zumindest bei der Welt auch Arne Friedrich zählt…

Die goldene Generation also. Ok, von der spricht man in Spanien auch. Nicht ganz zu Unrecht. Der Inbegriff goldener Generationen allerdings ist die um Luís Figo, Rui Costa, Vitor Baía, Pauleta und Nuno Gomes, die es unter diesem Begriff auch in die Wikipedia geschafft hat und in ihrer Glanzzeit… äh, was genau gewonnen hat? In England sprach man auch von einer goldenen Generation. Frank Lampard, Steven Gerrard und John Terry zählen zu ihren Protagonisten. Sowohl auf Vereins- als auch auf Nationalmannschaftsebene waren sie ähnlich erfolgreich wie jene goldene Generation, die von Edgar Davids und Clarence Seedorf geprägt war. Obwohl, wenn man ehrlich ist, haben sich die Niederländer etwas besser geschlagen. Insbesondere im Verein. Zico, Socrates, Falcão, Junior. Auch sie waren Teil einer goldenen Generation. Die 1982 und 1986 nicht einlösen konnte, was sie versprochen hatte. In Kroatien ist man genügsamer. Die goldene Generation wurde 1998 Dritter und hat wohl noch heute Heldenstatus. Jarni, Boban, Prosinecki, Suker und die anderen.

Auch in Deutschland gab es schon einmal eine goldene Generation, die sich achtbar schlug. Ihre Protagonisten hießen Christian Schwarzer, Daniel Stephan und Stefan Kretzschmar, Weltmeister wurde aber nur Schwarzer.

Wenn es aus dem diesjährigen WM-Kader ebenfalls nur einer schaffen würde, fände ich das bedauerlich. Schließlich gehe ich davon aus, dass diese goldene Generation den Weltfußball bestimmen und auf Jahre hinaus unschlagbar sein wird.

Das ist es, was ich eigentlich sagen wollte.

Vorrundenweltmeister?

Die deutsche Mannschaft ist, wie wie alle wissen, mit einem 4:0 über Australien in die Weltmeisterschaft gestartet. Nicht schlecht, um mal ein schwäbisches Kompliment zu verteilen.

Die Kommentatoren bemühen sich, einerseits die phasenweise herausragende Offensivleistung zu würdigen, ohne andererseits die zumindest in diesem Spiel überschaubare Qualität des Gegners außer Acht zu lassen. Die Bewertungen schwanken bei Twitter zwischen dem augenzwinkernden “Auf Tage hinaus unschlagbar” und “Bleibt mal auf’m Boden” (@textundblog wird sich wohl beschweren, weil ich einen seiner sehr seltenen Tweets mit Rechtschreibfehler verlinkt habe), und auch in Blogs und klassischen Medien variiert die Bewertung irgendwo zwischen “Super gespielt, aber…” und “Schwacher Gegner, aber…”.

@goonerportal bringt die immer wieder anklingende Sorge, die deutsche Elf verschieße ihr Pulver in der Vorrunde, mit einem spielerischen Kompliment auf den Punkt:

(1/2) Wenn Deutschland wie die Niederlande und die Niederlande wie Deutschland spielt, sollte das die meisten Fans nicht beunruhigen?Mon Jun 14 12:27:55 via web

Die gemeine Leserin weiß, dass die Elftal seit Jahr und Tag für überaus attraktiven, allerdings nur selten erfolgreichen Fußball steht, während die Turniermannschaft Deutschland buchstäblich legendär ist. Steht also zu erwarten, dass die Deutschen endlich einmal Weltmeister der Herzen Vorrundenweltmeister werden, um dann im Achtel- oder Viertelfinale mit wehenden Fahnen unterzugehen?

(2/2) Schließlich würden die Chancen für Jogis Jungs nach der Gruppenphase ziemlich mäßig stehen. #VorrundenweltmeisterMon Jun 14 12:29:34 via web

Man weiß es nicht. Aber man könnte sich möglicherweise ein wenig be(un?)ruhigen, indem man die Statistik bemüht: Was haben denn die großen Auftaktsieger vergangener Weltmeisterschaften gerissen?

Die Antwort lautet: ziemlich viel, zumindest in den Anfangsjahren der WM-Historie. 1934 gewannen der spätere Weltmeister und der Drittplatzierte ihr jeweiliges Auftaktmatch mit 7:1 bzw. 5:2, 1950 und 1954 begannen die Weltmeister mit 8:0 bzw. 9:0.

In späteren Jahren wurde es ein wenig dünner. Die Mannschaften sind ausgeglichener, Kleine gibt es ja ohnehin keine mehr, wie wir spätestens seit Rudi Völler und dem 8:0 gegen Saudi-Arabien wissen. Von den 6 Mannschaften, die seit 1970 ihr Auftaktspiel mit 4 oder mehr Toren Unterschied gewannen, schied eine gleich in der Vorrunde aus (Ungarn 1982 nach dem 10:1 gegen El Salvador), drei scheiterten im Achtelfinale (darunter Spanien 2006 nach einem 4:0 gegen die Ukraine, die nicht zwingend als drittklassig zu gelten hat), die Tschechoslowakei kam 1990 immerhin ins Viertelfinale und nur Deutschland erreichte 2002 das Finale.

Nimmt man noch diejenigen hinzu, die zum Auftakt mit 3 Toren Differenz gewannen, sieht die Bilanz vor allem 1958 und in den 70er Jahren, aber auch mit Blick auf Deutschland 1990 und Frankreich 1998, noch etwas besser aus, dafür kommt insbesondere der 2006er Mitfavorit Tschechien auf der Negativseite hinzu, der nach einem glanzvollen 3:0-Start gegen die USA ohne weiteren Treffer sang- und klanglos ausschied.

Quintessenz:
Man muss mit allem rechnen.

Was selbstverständlich auch für die eher zurückhaltend gestarteten Mannschaften gilt. Schließlich erinnern wir uns alle noch daran, wie der angehende Weltmeister Italien 1938, als es noch keine Gruppenphase gab, sein erstes Spiel gegen Norwegen nur mit Mühe und Not in der Verlängerung gewinnen konnte. Oder wie der spätere Vizeweltmeister Italien 1970 mit einem Torverhältnis von 1:0 durch die Vorrunde marschierte. Oder wie Italien 1982 mit drei alles andere als ruhmreichen Unentschieden startete, ehe man Weltmeister wurde. Oder wie Italien 1994 den Weg zur Vizeweltmeisterschaft mit 0:1, 1:1 und 1:0 anging.

Oder an Deutschland, das nicht nur 1982 zum Start gegen Algerien groß aufspielte, sondern auch vier Jahre später mit bescheidenen 3:3 Punkten und 3:4 Toren weiterkam. Die glorreiche Elftal startete 1978 ebenfalls mit lediglich 3 Punkten, genau wie die Tschechoslowakei 1962 und Argentinien, das 1990 zum Auftakt gegen Kamerun verlor. Lauter Vizeweltmeister – der einzige Weltmeister mit nur drei Vorrundenpunkten (nach alter 2-Punkte-Regel, natürlich) war Italien 1982. Lediglich drei spätere Finalisten gewannen alle drei Vorrundenspiele, und alle drei wurden dann auch Weltmeister: Brasilien 1970 und 2002 sowie Frankreich 1998.

Ungarn hatte 1954 zwar auch eine weiße Weste, musste aber als gesetzte Mannschaft lediglich zwei Vorrundenspiele bestreiten – eines bekanntlich recht erfolgreich gegen den später siegreichen Finalgegner. Diese Konstellation gab es übrigens nur ein weiteres Mal: 1962 trafen die angehenden Finalisten aus Brasilien und der Tschechoslowakei ebenfalls in der Vorrunde aufeinander und trennten sich 0:0.

Sehen Sie? Sie sehen nichts mehr.

The class of '86

Nach 1982 und – schon länger her und inhaltlich nicht ganz passend – 1980 jetzt also 1986. Die WM, die in Sachen Fernsehzeit vermutlich meine intensivste war. Und die mir, wann immer ich daran zurückdenke, ein und dasselbe Bild als erste Assoziation liefert: Thomas Bertholds Gipsmanschette, die nach einer formvollendeten Drehbewegung der deutschen 14 von einem Mexikaner gebremst wird. Erst danach fällt mir der Burruchaga hinterher hechelnde Briegel ein, oder Bats’ Geschenk im Halbfinale.

Ich denke an Querétaro, das von uns auch gerne mal “Geräteraum” genannt wurde, das man im Nachhinein in allererster Linie mit den Herren Rummenigge, Schumacher und Stein in Verbindung bringt, und das doch irgendwie einen besseren Klang (wörtlich wie bildlich) hat als Schluchsee oder Ascochinga. Gegen Malente, Spiez oder Eppan kann es freilich abstinken.

Dann war da die Hitzeschlacht zwischen Brasilien und Frankreich, den beiden damals wohl spielstärksten Mannschaften, in deren Verlauf drei der weltbesten Spieler – Zico, Socrates und Platini – vom Elfmeterpunkt scheiterten, was gerade bei Socrates angesichts seines als arrogant wahrgenommenen Anlaufs nicht ohne Häme blieb.

In der Vorrunde spielte die damalige UdSSR groß auf und demontierte meinen (warum auch immer) Geheimfavoriten Ungarn, der den jungen Detari in seinen Reihen hatte, zum Auftakt mit 6:0. Wenn ich je bei einem Fußballspiel explizit das Gefühl hatte, eine Mannschaft könne gedopt gewesen sein, dann bei diesem. Zu rasend schnell kombinierten Lobanowskys Mannen, die zum größten Teil aus seine Kiewer Vereinsmannschaft stammten, zu wenig Luft ließen sie den Ungarn zum Atmen, zu sehr vermittelten sie den Eindruck, immer mindestens zwei Mann mehr auf dem Platz zu haben. Genutzt hat es (das großartige Spiel, nicht das Doping…) letztlich nichts.

Unvergessen auch der deutsche Nominierungsprozess. Beckenbauer hatte – damals zumindest ungewöhnlich, heute gang und gäbe – in der Vorbereitung einen etwas zu großen Kader und musste quasi in letzter Sekunde 3 oder 4 Spieler nach Hause schicken. Guido Buchwald war darunter, der Belgier Heinz Gründel und Wolfgang Funkel, zudem, wie ich gerade nachgelesen habe, auch noch Frankie Mill. Dafür fuhren Dieter Hoeneß, der viele Jahre zuvor einige wenige Länderspiele bestritten hatte, und Norbert Eder mit – beide vom FC Bayern, beide über 30, beide ohne nennenswerte Länderspielerfahrung. Eder bestritt in Mexiko alle Spiele, das gleiche galt für Karlheinz Förster und -mit einer Ausnahme- für Ditmar Jakobs. Gleich drei Vorstopper als Stammspieler warfen ein deutliches Licht auf die damaligen Qualitäten der DFB-Elf.

Der Turniermodus war peinlich. Man wollte nach der Vorrunde wieder auf einen KO-Modus umsteigen, was bei 24 Teilnehmern kein ganz einfaches Unterfangen war. Um auf die 16 Mannschaften für ein Achtelfinale zu kommen, qualifizierten sich neben den Erst- und Zweitplatziertzen der 6 Gruppen auch die vier besten Gruppendritten. Trikotfarbe und künstlerischer Wert waren indes kein Kriterium.

Dänemark begeisterte mit dem bekennenden Kettenraucher Preben Elkjaer Larsen – Deutschland als Gruppengegner war weniger begeistert -, um dann von den Spanien und dem vierfachen Butragueño abgeschossen zu werden, die wiederum an Belgien scheiterten, bei denen mit Scifo einer meiner damaligen Helden seine erste WM spielte. Die Deutschen als Gruppenzweiter trafen indes auf Marokko. Ein furchtbares Spiel, und als alle bereits eingeschlafen waren auf die Verlängerung warteten, erzielte Matthäus das 1:0, das Didi Hamann 14 Jahre später zum Abschied von Wembley kopieren sollte.

Drei der vier Viertelfinalspiele wurden im Elfmeterschießen entschieden – ich bezweifle, dass es das noch oft gab. Manuel Negrete erzielte nicht nur in der Vorrunde das Tor des Monats, sondern war auch der einzige, der Schumacher im Elfmeterschießen bezwingen konnte. Denk ich an Schumacher, denk ich an José Luis Brown.

Meine 11 des Turniers
(einziges Kriterium: wer mir besonders in Erinnerung blieb, ohne Rücksicht auf Leistung oder gar Positionen)

José Luis Brown
Der Name. Ich konnte einfach nicht recht nachvollziehen, wie “Brown” zu so klangvollen Namen wie Burruchaga, Maradona, Pumpido oder – unvergessen – Olarticoechea passen sollte. Aber köpfen konnte er.

Thomas Berthold
Keine Ahnung, wie er es schaffte, nach seiner roten Karte nur für ein Spiel gesperrt zu werden. Chapeau.

Hugo Sánchez
Als Stürmer noch turnen konnten. Wozu er bei der WM allerdings lange nicht soviel Gelegenheit hatte wie bei Real.

Gordon Strachan
Traf gegen Deutschland. Der Fußballspieler mit den gefühlt rötesten Haaren.

Vasili Rats
Klar, der Name.

Pat Jennings
Das Alter. Vier Jahre zuvor schon als alter Mann verschrieen, war er nun mit über 40 noch immer dabei.

Manuel Negrete
Ein Seitfallzieher als Tor des Monats. Trug die Nummer 22, glaube ich. (Manche Sachen überprüft man einfach nicht)

Chris Waddle
Großartiger Kicker. Und über viele Jahre hinweg der Engländer mit der besten Frisur. Wurde eigentlich erst von Beckham abgelöst.

Carlos Manuel
Ende 1985 verlor Deutschland in der WM-Qualifikation mit 0:1 gegen Portugal, das sich dadurch qualifizierte. Torschütze: Carlos Manuel. Wenn ich mich nicht täusche, war dies das allererste WM-Qualifikationsspiel, das Deutschland verlor.

Silas
Ich konnte mir schon beim Durchblättern der Mannschaftskader Patrick Bach einfach nicht als Fußballspieler vorstellen. Allzu viele Einsätze hatte er dann auch nicht.

Maradona
War auch dabei.

Trainer:

Bora Milutinovic
Seine erste WM. Sorgte bei den 12 folgenden Austragungen dafür, dass man ihn nicht vergessen würde.

Cayetano Ré
Ok, Paraguay kam weiter. Aber eigentlich gibt es keinen Grund dafür, dass ich diesen Namen bis heute nicht vergessen habe.


The class of '82

Morgen beginnt also dieses Turnier, dessen Namen ich mich aufgrund rechtlicher Unsicherheiten hinsichtlich seiner Verwendung gelegentlich nicht so ganz unbeschwert auszusprechen traue. Und weil sich das Warten auf das Turnier nun schon ein Weilchen hinzieht, kennen wir mittlerweile wohl einen Großteil der Themen, mit denen uns die Qualitätsmedien darauf vorbereiten. Sicher, zwischendurch verletzt sich immer mal wieder ein Star, einmal rückt gar die Personalplanung in der Premier League in den Mittelpunkt der Berichterstattung, aber ansonsten wissen wir Bescheid. Man hat uns informiert, wer warum welche Mannschaft unterstützt, wen unsere Altinternationalen als künftigen Weltmeister erwarten (Littbarski: “Spanien, Argentinien und England”) oder dass Australien ganz gewiss kein Kleiner ist. Wir kennen die Funknetzqualität im Velmore Grande Hotel, sind mit dem nordkoreanischen Torwartspiel vertraut und fragen uns noch immer, wieso Piotr Trochowski in Südafrika weilt.

Und nicht zu vergessen: wir sind uns darüber im Klaren, dass Honduras und Neuseeland keine Exoten sind, weil sie schon 1982 mitspielen durften. Wir wussten das natürlich auch ohne den entsprechenden Hinweis, nicht zuletzt das 1:1 der Honduraner gegen ihren diesjährigen Gruppengegner aus Spanien macht Lust auf mehr.

Soviel zu unserer gemeinsamen Erinnerung. Ganz besonders -man möge mir die Egozentrik verzeihen- interessierte mich indes gerade gestern, was ich selbst noch so abgespeichert hatte von damals. Über Michael Schanze hinaus, meine ich, und abgesehen vom Schlucksee, der in den vergangenen Wochen, wie vor jeder Weltmeisterschaft, bereits hinreichend thematisiert wurde.

Natürlich erinnere ich mich an Ungarn und El Salvador, an jenes 10:1, das die Ungarn (vermutlich müsste ich hier eigentlich Magyaren schreiben) dennoch nicht in die zweite Finalrunde brachte. An das traditionell bittere Ausscheiden der Schotten (auch wenn ich damals noch nicht wusste, dass eine solche Tradition bestand), die damals illustre namen am Start hatten: Dalglish, McLeish, Souness, Archibald, Strachan, Jock Stein. Und an den Schatten von Falkland, den ich – anders als den zweiten politischen Schatten, der mit Solidarność zu tun hatte -ganz gut zu verstehen meinte.

Ich machte meine erste Erfahrung mit dem Italien-(gerne auch Juve-)Prinzip, dem zufolge eben diese Italiener sich gerade so eben durch die Vorrunde mogeln (nein, ich unterstelle keinen Betrug), um irgendwann dann doch einen jener berühmten Schalter umlegen zu können. Auch Maradonas Tritt gegen den Brasilianer Batista (ja, ich habe den Namen nachgeschlagen) ist natürlich unvergessen, genau wie seine nahezu Dante’sche Frisur und die kurze Hose.

Der kuwaitische Scheich, großartig. Winkte seine Spieler wegen eines vermeintlich irregulären Treffers (der Franzosen, wie ich nachgeschlagen habe) vom Feld, um hinterher -so ist zumindest meine Erinnerung, Belege habe ich keine gefunden- zu argumentieren, dass seine Handzeichen falsch interpretiert worden seien: in der arabischen Welt bedeute ein Heranwinken, man möge wegbleiben. Wie auch immer: der Scheich war erfolgreich, der Treffer wurde aberkannt. Was wiederum der FIFA nicht gefiel, die der Karriere des Schiedsrichters tags darauf ein Ende setzte.

Fest in meinem Gedächtnis verankert ist auch die Nummernvergabe der Spanier und der Argentinier. Letztere hatte ihre Rückennummern wie bei den vorherigen Austragungen gemäß Alphabet durchnummeriert, machten aber für Maradona und seine 10 eine Ausnahme (Kempes sei Dank), während erstere es tatsächlich schafften, bei ihrem Auftaktspiel mit einer Mannschaft aufzulaufen, die die Nummern 1 bis 11 auf den Rücken trug. Trainer Santamaria war sich seiner Sache wohl sehr sicher gewesen, auch mit Blick auf den im Jahr zuvor entführten Quini, der mit der 20 erst im weiteren Verlauf des Turniers zum Einsatz kam.

Deutschland trat ohne Gaby und Bernd Schuster an, dafür mit einem vollbartbefreiten Paul Breitner, der sich für 150.000 DM von Pitralon hatte rasieren lassen. Über Battiston ist alles gesagt. Über Gijón auch.

Meine 11 des Turniers
(einziges Kriterium: wer mir besonders in Erinnerung blieb, ohne Rücksicht auf Leistung oder gar Positionen)

Norman Whiteside
Der (zumindest bis dahin) jüngste WM-Spieler aller Zeiten. Ich bin fasziniert, dass ich mich sogar noch an sein Alter erinnern konnte: 17 Jahre und 41 Tage. Nordirland kam als Gruppenerster weiter.

Ossie Ardiles
Trug als Mittelfeldspieler die Nr. 1 auf dem Trikot, spielte damals bei Tottenham.

Lakhdar Belloumi
Als Star der Algerier angepriesen, wurde er den Erwartungen im ersten Spiel gerecht und erzielte den Siegtreffer gegen Deutschland.

Valdir Perez
Brasilianischer Torwart, der hier eigentlich fehl am Platz ist. Ehrlich gesagt steht er auf meiner Liste, weil er bereits ein Jahr zuvor im Freundschaftsspiel gegen Deutschland einen Elfmeter des damals unfehlbaren Breitner gleich doppelt gehalten hatte.

Giuseppe Bergomi
Was freute sich die BILD damals, dass der große Rummenigge im Finale gegen einen 17-jährigen Grünschnabel antreten würde. Tja.

Bryan Robson
27 Sekunden.
Auch diese Zahl wird mich wohl noch lange begleiten.

Marius Trésor
Was hat mich der Kerl beeindruckt. Der Name. Seine Wucht. Und dann auch noch dieses Tor im Halbfinale.

Wilfried van Moer
Der Mann war 37. Wusste ich aus meinem ersten Panini-Album. Monate zuvor hatte ich einen anderen uralten 38-Jährigen bewundert, der in der Kreisliga noch mithalten konnte.

Jesús María Zamora
Der Name. Ein Mann!, der Jesús! María! hieß.

Grzegorz Lato und Andrzej Szarmach
Ok, das sind zwei. Aber sie gehörten für mich einfach zusammen. Zwei Helden aus dem 74er WM-Buch meines Vaters, die immer noch dabei waren.

Meine Edelreservisten:

Paolo Rossi
Gesperrt wegen verschobener Spiele. begnadigt. Erst einige Wochen vor der WM wieder spielberechtigt, um in der Zwischenrunde zum Nationalhelden zu werden.

Eder
Hieß wie Norbert, konnte aber Technik. Und hart. Mit links.

Bruno Conti
Ein großartiger Fußballer.

But trust me on the sunscreen.

Pressefreiheit und Kommentarmoderation. Heute: Spanien.

Anfang November hat Markus von textundblog mit diesem Tweet auf den spanischen Journalisten Carlos Otto-Reuss aufmerksam gemacht, der entlassen wurde, weil er in seinem privaten (spanischsprachigen) Blog deutliche Kritik am Geschäftsgebaren verschiedener Unternehmer bei der Inbetriebnahme des Flughafens von Ciudad Real übte. Einer dieser Unternehmer, Domingo Díaz de Mera, ist gleichzeitig Miteigentümer der Zeitung El Día de Ciudad Real, für die Otto-Reuss bis dahin gearbeitet hatte. Im Kündigungsschreiben hieß es sinngemäß, Otto-Reuss habe das verfassungsmäßige Recht auf freie Meinungsäußerung und gesunde Kritik mit Beleidigung und Diffamierung verwechselt.

Dieser Vorgang hat unter spanischen Journalisten und in der dortigen Blogosphäre (hat die Blogosphäre nationale Grenzen?) naturgemäß Wellen geschlagen, die sich auch in deftigen Kommentaren in Otto-Reuss’ eigenem Blog niederschlugen. Einige dieser Kommentare haben nun dazu geführt, dass Otto-Reuss seit dem 7. Januar drei Schreiben erhalten hat. Sie stammen vom genannten Domingo Diaz de Mera, von Flughafenchef  Juan Antonio León Triviño und von der Herausgeberin (?) des El Día de Ciudad Real, Carmen García de la Torre. Es handelt sich um Drohschreiben Vergleichsangebote (nach meinem Verständnis; weder mein Spanisch noch meine juristischen Kenntnisse reichen für exakte Angaben aus), in denen Bedingungen gestellt werden, um Beleidungs- bzw. Verleumdungsklagen abzuwenden.

In allen drei Schreiben wird Otto-Reuss zur Zahlung von jeweils  6000 EURO (immerhin für einen guten Zweck) aufgefordert. Weiterhin soll er die mutmaßlich beleidigenden Kommentare entfernen und sich öffentlich für die Beleidigungen entschuldigen. Zukünftige “ähnliche oder vergleichbare” Kommentare dürften ebenfalls nicht zugelassen werden.

Otto-Reuss’ Anwälte Javier de la Cueva und David Bravo kritisieren in einem Blogbeitrag neben dieser “präventiven Zensur” insbesondere den Aspekt, dass die Verantwortliche einer Zeitung gemeinsam mit anderen Druck ausübe,  um -etwas frei interpretiert- das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken:

Consideramos especialmente grave que la gerente de un periódico se involucre en este tipo de medidas de presión que inyectan miedo al ejercicio del derecho a la libertad de expresión, derecho constitucional éste que, lejos de ser un “pretexto” como se le califica en las demandas, es aquél en el que se fundamenta toda la profesión periodística de la que la demandante forma parte.

Natürlich stehe ich,  angesichts der (kommunizierten) Gründe für die Kündigung wie auch des nun gewählten Vorgehens der Gegenseite, auf der Seite des Journalisten und Bloggers. Gleichwohl bin ich eingedenk der Erfahrungen von Stefan Niggemeier geneigt, Otto-Reuss zumindest ein gewisse Sorglosigkeit im Umgang mit seinen Kommentaren zu attestieren – zumal sie bei ihm nicht nur wenige Stunden, sondern monatelang online standen. Wie beleidigend die Kommentare im einzelnen waren, kann ich dabei mangels ausreichend nuancenreicher Sprachkenntnisse nicht verlässlich bewerten.

Eine Grundsatzfrage, die sich bereits angesichts der Fälle Niggemeier ./. Callactive und Zwanziger ./. Weinreich gestellt hat, muss auch hier betrachtet werden (wobei ich mich hüten werde, die rechtliche Situation in Spanien und die in Deutschland miteinander vergleichen zu wollen):

Wer ist für Kommentare in einem Blog verantwortlich und kann/soll ggf. zur Rechenschaft gezogen werden?

Bei Herrn Niggemeier richtete man sich gegen den Betreiber, während Oliver Fritsch vom Direkten Freistoß das Glück hatte, dass Jens Weinreich unter seinem eigenen Namen kommentierte, der noch dazu beim DFB bekannt gewesen sein dürfte. Bei Otto-Reuss richtet man sich nun wieder gegen den Betreiber, was insofern aus Klägersicht auch die einfachere Lösung sein dürfte, als eine ganze Reihe grenzwertiger Kommentare von verschiedenen Personen abgegeben wurde.

Vermutlich ist die Antwort auf die Frage nach dem zu Beklagenden recht einfach: immer derjenige, der den Klägern ohnehin unbequem ist.

Zumindest scheint das der Status Quo zu sein.