Bestandsaufnahme

Man gibt ja so manchen Blödsinn von sich im Lauf einer langen Bundesligasaison. Als Spieler. Als Trainer. Als Manager oder Präsident. Aber auch als Blogger und Fan. Während die Erstgenannten gerne einmal von ihren Fehleinschätzungen eingeholt werden (von außergewöhnlich hell leuchtenden Ex-Spielern, Trainern, Präsidenten und WM-ins-Land-Holern soll hier nicht die Rede sein), kann sich der unscheinbare Beobachter gemeinhin darauf verlassen, dass ihm sein Geschwätz von gestern nicht um die Ohren fliegt. Wo kein Kläger und so, mangels Relevanz und Reichweite.

Das kann ich nicht akzeptieren. Ich stelle mich. Kurz vor Saisonende, in Erwartung der anstehenden Entscheidungen, lasse ich meine Torheiten Prognosen und Einschätzungen Paroli laufen und versuche zu überprüfen, ob die eine oder andere sich noch als richtig erweisen könnte und wo ich bereits heute einräumen muss, furchtbar daneben gelegen zu haben. Nach dem Ampelprinzip.

Teilweise handelt es sich dabei um die „großen“ Fragen wie „wer wird Meister“, „Wo landet der VfB“ oder ähnliches, teilweise aber auch um Kleinigkeiten. Sicherlich habe ich das eine oder andere übersehen, und an einigen Stellen kann man wohl auch über die Schriftfarbe diskutieren.

Genug der Vorrede. Hier die Übersicht, die ich nach Saisonende, vielleicht auch nach und nach, nochmals aktualisieren werde:

23. Juni 2009:

Klaas-Jan Huntelaar. No way.

14. Juli 2009:

Marica nicht explodiert, Julian Schieber noch ein paar Tage braucht und Cacau seinen Status als ganz guter Bundesligastürmer nicht entscheidend nach oben korrigieren wird

Irgendwann wird die erste Krise der Ära Babbel kommen, und wenn er dann nicht vor Ort ist, wird sich die Frage stellen, ob Neuvorstand Heldt ein weiteres mal so rasch und konsequent handelt wie bei Giovanni Trapattoni und Armin Veh.

habe den Eindruck, dass es [der Brustring] ein sehr schönes, ambitioniertes Projekt wird.

17. Juli 2009, rasenschachmagazin:

Wenn alles positiv verläuft, schätze ich, dass sich der VfB am Ende zwischen den Plätzen 3 und 5 befinden wird.

Für die Beiden [Träsch und Cacau] war es ein nettes Bonbon, aber ich sehe sie nicht zwingend auf Dauer als Nationalspieler.

Meine Geheimtipps sind Timo Gebhart und Georg Niedermeier, denen ich zutraue, einen Riesensprung zu machen.

7. August 2009, ballpodder:

So richtig kann das da vorne [im Sturm] noch nicht funktionieren. Den Abgang von Gomez kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

Ich glaube, das Khedira eine absolute Führungsposition übernehmen wird.

Ich glaube nicht, dass Hitzlsperger noch einmal so eine schlechte Hinrunde spielen kann wie im Vorjahr.

bin überzeugt, dass Lehmann noch einmal eine sehr gute Saison spielt.

8. August:

[Hleb], der sich hinter der Mittellinie in halblinker Position anspielen lässt und von dort in Serie zu begeisternden Soli aufbricht, die nicht selten zumindest in Tornähe enden, entweder mit einem eigenen Abschluss oder, häufiger, dem Zuspiel auf einen Mitspieler. Ich glaube nicht, dass er dieser Spieler noch ist.

Timo Gebhart setzte ein paar schön Duftmarken, denen zufolge die gegnerischen Hintermannschaften diese Saison auf den Außenbahnen möglicherweise recht flink sein müssen, um gegen Hleb und Gebhart zu bestehen.

4. Oktober 2009:

Auf der Gegengerade war ein erstes “Babbel raus!”-Plakat zu sehen, und ich habe wenig Zweifel, dass eben diese Diskussion deutlich an Fahrt aufnehmen wird.

6. Oktober 2009:

Der Tag, an dem der erste VfB-Neuzugang in Lederhosen vorgestellt wird, ist auch der Tag, an dem ich meine Dauerkarte zurückgebe.

19. Oktober 2009:

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich ihn [Elson] nicht für den Spieler halte, der das Offensivspiel des VfB auf Dauer bestimmen kann; Impulse als Einwechselspieler kann er gleichwohl setzen.

21. Oktober 2009:

in der Champions League scheinen die Chancen auf ein Weiterkommen eher theoretischer Natur

Meine Prognose? Babbel bleibt bis zur Winterpause. Und dann vermutlich auch darüber hinaus. Oder Heldt geht mit ihm.

17. November 2009, mylaola:

Wenn ich ehrlich bin, kann ich mir eine Rückrunde wie in der Vorsaison derzeit nicht vorstellen.

Also: der VfB landet zwischen 7 und 9, wobei ich insgeheim noch auf Platz 5 oder 6 (dann mit einem „günstigen“ Pokalsieger) hoffe.

Meister wird wieder Wolfsburg.

30. November 2009:

…wenn er [Staudt] […] tatsächlich voll und ganz von Babbel überzeugt ist und keinen Deut von seinem Trainer abrücken will, ziehe ich meinen Hut. Ich kann nur nicht so recht daran glauben.

6. Dezember 2009:

Aliaksandr Hleb, dessen Verpflichtung sich zu einem gravierenden Fehlschlag entwickelt …  frage ich mich ernsthaft, ob er von Arsène Wenger wirklich so viel gelernt hat, wie man gemeinhin vermutet. Er wirkt wie ein egoistischer Fremdkörper…

10. Dezember 2009:

Der zurückgekehrte Khedira hat deutlich gemacht, dass es möglicherweise etwas voreilig war, Kuzmanovic zum neuen Platzhirsch auszurufen.

…dürfte es für Cacau und Schieber eng werden mit einem Startelfplatz.

Auf den äußeren Mittelfeldpositionen gehe ich davon aus, dass Hleb und Gebhart erst einmal vor Rudy stehen

Wird Hitzlsperger nach seiner Verletzung mehr als ein Ergänzungsspieler sein? Ich glaube nicht, und frage mich, ob der Verein ihn mit Blick auf die WM ziehen lässt.

Auch bezweifle ich, dass Elson bei Gross eine wichtige Rolle spielen wird.

13. Dezember 2009:

Kamke: Ich will ihn nicht mehr sehen!
Blogger hat den Glauben an Lehmanns Professionalität verloren

14. Januar 2010, allesaussersport:

[1] Grundsätzlich traue ich dem HSV und Werder [bzgl. Uefa-Cup] schon einiges zu […] Werder kommt ins Finale

Tatsächlich traue ich auch den Bayern in der CL einiges zu. Halbfinale, würde ich sagen.

Demel ist gerade auf dem Basar beim Afrika-Cup und wurde gestern bei Milan, heute eben bei Sunderland und morgen vielleicht bei Atlético gehandelt, das kann ich noch nicht so ernst nehmen.

[3] Meines Erachtens wird sich Hitzlsperger sehr schwer tun, im WM-Kader zu bleiben, weil er auch in der Rückrunde beim VfB einen schweren Stand hat. Ich wäre nicht gänzlich überrascht, wenn sich da auf dem Transfermarkt noch etwas täte.

In der Defensivzentrale ist nicht abzusehen, wie es mit Tasci weitergeht.

[4] Gerade bei Reus und Brouwers muss man damit rechnen, dass sie ihr Niveau bzw. ihre Effektivität nicht ganz halten können – dann wäre man wohl auf die Torausbeute der südländischen Spieler angewiesen.

Michael Frontzeck hat mich ein Stück weit positiv überrascht; dass es reicht, kann ich indes noch immer nicht glauben.

Ich denke, dass irgendwann eine Phase kommen wird, in der er [Tuchel] nicht mehr ausschließlich gefeiert, sondern auch mal als Besserwisser kritisiert wird, und bin gespannt, wie er damit umgeht.

[5] Andererseits halte ich es durchaus für möglich, dass sich Wolfsburg in der Rückrunde fängt, weil man hinten wieder stabiler wird, Grafite im ersten zweiten Spiel doppelt trifft und plötzlich wieder alles von selbst läuft. Ohne Zutun des Trainers [Veh], von dem man sich anschließend unter Krokodilstränen trennt.

Er [Veh] ist bestimmt kein schlechter Trainer; als Manager  scheint er nur bedingt geeignet, und in Summe ist er meines Erachtens einfach überfordert.

In der vergangenen Saison assozierte man mit Hoffenheim vielerorts Dietmar Hopp, die Traditionsfrage, Disziplinlosigkeiten und das offensive, attraktive Spiel. Ohne letzteres dürften die Sympathien nicht unbedingt zunehmen.

Vor der Saison war ich überzeugt, dass man mit Simunic einen ganz wichtigen Transfer getätigt habe

1. Februar 2010:

Der Trainer hat immer recht

Nun gilt es, auf dem Boden zu bleiben, wobei ich auch in dieser Hinsicht […] viel Vertrauen in Christian Gross setze.

13. Februar 2010, NedsBlog:

inzwischen habe ich aber das Gefühl, dass er [Gross] sehr genau weiß, was er tut und was er will, und das setzt er dann auch konsequent um.

…geht sowas halt auch einmal nach hinten los. Christian Gross und Horst Heldt werden sich in den nächsten Wochen sehr genau überlegen, ob sie sich bemühen, ihn [Hleb] über den Leihvertrag hinaus zu halten.

[Nachwuchsspieler:] …bin ich überzeugt, dass man vom Großteil der Genannten noch einiges erwarten darf. Über allen steht dabei Khedira, aber gerade in Sebastian Rudy […] setze ich große Hoffnungen, und Gebhart ist natürlich auch ein Riesentalent, von dem ich hoffe, dass es in Christian Gross den richtigen Trainer zur richtigen Zeit bekommen hat.

Heute halte ich 5-16 noch für möglich, 6-11 für realistisch, und 6-8 für gut. 5 für überragend.

19. Februar 2010, Spielfeldrand Magazin:

Als Torschützenkönig sehe ich beide [Marica, Pogrebnyak] auf absehbare Zeit nicht.

Aus deutscher Sicht “unbedingt mit” muss meines Erachtens Sami Khedira, zudem würde ich Serdar Tasci und, wenn er sein Niveau beibehält, Christian Träsch mitnehmen. Weitere Kandidaten sehe ich für Joachim Löw (noch) nicht.

[Barcelona:] ich wäre zufrieden, wenn das Hinspiel nicht verloren ginge und der VfB mindestens ein Tor erzielte.

Ich gehe davon aus, dass der VfB die Partie bestimmen wird, was Ballbesitz und Spielanteile anbelangt. Köln wird defensiv gut stehen, ohne zu mauern, und seine Chance nach vorne auf jeden Fall suchen […]. Mein Tipp: 0-2

21. Februar 2010:

Und nein, ich sehe weder Cacau noch Hilbert in Joachim Löws Kader für Südafrika

24. Februar 2010:

wenn der VfB im Camp Nou nur 3 Tore schießt, müsste Barcelona schon 4 machen. Das schaffen die nie.

1. März 2010:

Der Abstieg ist nur noch eine theoretische Option. Der Uefa-Cup meines Erachtens auch. Würde mich interessieren, wer daran glaubt, dass man an Ostern noch ernsthaft vom internationalen Geschäft redet, nach den Spielen in Bremen, Gelsenkirchen und München.

14. März 2010:

Wobei die Wahrscheinlichkeit, dass Khedira in der nächsten Saison noch mit von der Partie ist, derzeit von Woche zu Woche sinken dürfte bzw. bereits jetzt ein all-time low erreicht haben könnte.

13. April 2010:

Mittlerweile bin ich sehr guter Dinge, dass der VfB den HSV noch überholt; Wolfsburg mit seinem künftigen Weltfußballer macht mir da deutlich mehr Sorgen.

Köln und Barcelona

Der VfB hat in den nächsten Tagen zwei Spiele vor der Brust, deren Priorisierung eindeutig ist. Wie die Stuttgarter Zeitung heute zu berichten weiß, stellt Trainer Gross „ohne den leisesten Anflug von Ironie“ klar:

„Das Spiel gegen Köln ist viel wichtiger als das Spiel gegen Barcelona.“

Gross betonte, er sei „mit einem klaren Auftrag geholt worden.“ Der sehe nicht den Einzug ins Champions-League-Finale vor, sondern den Verbleib in der Bundesliga.

Dann trifft es sich ja gut, dass mich Andre vom Spielfeldrand-Magazin, dessen umfangreicher Inhalt dem eigenen Anspruch „Nachrichten, Meinungen und der 1. FC Köln“ hervorragend gerecht wird, um ein paar Einschätzungen zum morgigen Spiel bat. Dabei ging es unter anderem um den Stuttgarter Sturm, Christian Gross, die Spielerdecke im Mittelfeld, das Barcelona-Spiel (sorry, Herr Gross) und die morgige Partie gegen Köln.

Im Gegenzug ergriff ich wie in der Vorwoche die Gelegenheit, meinerseits ein paar Fragen zum Gegner zu stellen. Wiederum war ich sehr erfreut, wieviel Antwort man für so wenig Frage bekommen kann:

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1. Petit und Maniche: Unverzichtbar oder Belastung?

In der Hinrunde größtenteils eine Belastung. Mittlerweile wieder eine Bereicherung. Sie steigern sich wieder. Gerade durch die „Absicherung“ von Pezzoni. Mangels Alternativen deshalb aktuell eher unverzichtbar. Zur neuen Saison dürfte einer ruhig gehen oder als Backup fungieren.

2. Wen würdest Du nehmen: Daum oder Soldo?

SOLDO! Was Daum uns angetan hat, passt auf keine Kuhhaut. Allen Kredit verspielt. Sein Abschied war für mich bitterer, als die Drogengeständnisse.

3. Auf wen kann man verzichten: Overath oder Meier?

Puh. Overath ist ein Aushängeschild und Meier macht die Sache erstaunlich gut. Weil er näher am Sportlichen und damit wichtiger für den Erfolg ist, darf Meier bleiben.

4. Wer ist schuld: Podolski oder Kinhöfer?

Poldi, ganz klar. Wer sich so dumm anstellt, der hat es nicht anders verdient. Leider! Aber da hat man den Frust der Saison bei Poldi gesehen. Er sollte jetzt langsam wieder aufgebaut werden, um dann 2010/2011 voll anzugreifen. Diese Saison ist für ihn gelaufen.

5. Einstelliger Tabellenplatz oder Zittern bis zuletzt?

Zittern bis zuletzt. Trotz guter Ansätze fehlt dem Team noch einiges, um weiter nach oben zu blicken. Wolfsburg und Gladbach könnte man noch überholen. Aber an Hoffenheim und deinen Stuttgartern kommen wir nicht vorbei, deshalb ist der einstellige Platz nicht realistisch. Unten machen die (Abstiegs)Geschichte Freiburg, Hannover, Nürnberg und Berlin unter sich aus, so dass es kein panisches Zittern wird. Aber Vorsicht ist die Mutter in der Porzellankiste.

6. Geromel: Langfristiger Pfeiler oder zu gut für Köln?

Langfristiger Pfeiler! Klar, kann er auch woanders spielen, aber Köln will schließlich hoch hinaus 😉
Gerade diese Saison sieht man aber, dass ihm noch mindestens zwei Jahre Köln ganz gut tun. Danach muss man weitersehen, wo es mit dem Eff Zeh hingegangen ist.

7. Freis: Guter Zweitligastürmer oder Topwühler in der Bundesliga?

Beides! Ich mag sonne Spieler, wie ihn, die sich nie aufgeben und Gras fressen. Da verzeihe ich dann auch mal technische Mängel oder Aussetzer. Wilmots und Streit sind Typen, die ich immer mochte. Freis gehört ebenso dazu und solche Typen braucht ein Typ. Wie er 2010 auftrumpft, Hut ab!

8. Kapitänsfrage: Wanderpokal oder Kontinuität?

Kontinuität. Du brauchst einfach eine klare Hierarchie. Mohamad ist ein Musterkapitän. Er müsste nur etwas weiter vorne spielen, dann wäre es perfekt.

9. Köln oder Stuttgart? Und wie hoch?

Muss ich? Ich wünsche mir ein Remis, aber rechne eigentlich mit ner Niederlage. Nach eurem letzten Spiel nicht haushoch, deshalb 1:2.

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Nach besagtem 2:1-Sieg in Köln steht dann tatsächlich das Hinspiel im Achtelfinale der Champions League an. Mal wieder gegen Barcelona, was dann doch irgendwann langweilig wird immer wieder ein Fest ist. Eben dieses Fest hat Kollege hirngabel im Brustring zum Anlass für eine kleine Barcelona-Serie in Kooperation mit dem spanisch-katalanischen Blog diarioyoya.com genommen: „FC Barcelona für Anfänger„.

Leseempfehlung, auch für Nicht-Anfänger.

mancos

In der vergangenen Woche hat der 20-jährige Alejandro Sánchez von Real Saragossa sein Debüt in der Primera División gefeiert. Er wurde 15 Minuten vor Schluss eingewechselt und kurz darauf wegen einer Schwalbe verwarnt. Nicht sonderlich spektakulär, würde man meinen, wenn es sich bei Álex, so lautet sein Sportlername, nicht um den ersten einhändigen Spieler in der Primera División handeln würde. Sein Debüt traf dementsprechend auf ein gewisses öffentliches Interesse, beispielsweise am Spielfeldrand sowie insbesondere in Spanien selbst, wo sich die Fußballsendung „El día después“ ausführlich mit dem jungen Mann befasste und dabei bemerkte, dass Álex entgegen der Aussage seines Sportdirektors Gerhard Poschner, wonach man dafür „neun andere Feldspieler“ habe, auch einwerfen kann; darüber hinaus wurden einige Amateurspieler gezeigt, die mit weitaus schwerwiegenderen Behinderungen ihrer Leidenschaft Fußball frönen. Einen anderen Aspekt hoben die Kommentatoren unter einem Text bei El País hervor: wenn das Gewicht des Armes ausreiche, um das Gleichgewicht zu halten, stelle die fehlende Hand kein größeres Problem dar – die eigentlich bemerkenswerte Nachricht sei doch, dass sich Álex, obwohl Fußballspieler, mit guten Noten der Juristerei widme und darüber nachdenke, sich zudem mit Politikwissenschaften zu befassen.

Interessanter Ansatz, auch wenn ich ihn nicht so recht teilen kann. In einer Zeit, in der Fußballerkarrieren bereits durch einen unbedacht gewählten Zeugungszeitpunkt den ersten Knick bekommen können („Siebzig Prozent aller Spieler bei der U17-WM sind […] im ersten Quartal geboren“), beeindruckt Sanchez‘ Erfolg einen unbedarften Laien wie mich ganz enorm. Im Amateurfußball habe ich gelegentlich Spieler mit ähnlichen Beeinträchtigungen erlebt und kürzlich von einem einarmigen Spieler auf dem Weg in die Verbandsliga gelesen; dass jedoch jemand den Weg in die erste Liga schaffen kann, hätte ich nicht gedacht (auch wenn das „bloße“ Fehlen einer Hand in fußballerischer Hinsicht weniger gravierend sein mag).

Natürlich gab es in der Vergangenheit berühmte Fälle großer Spieler mit möglicherweise vergleichbaren Behinderungen, die aber in aller Regel weit zurück liegen. Als Stuttgarter denke ich sofort an Robert Schlienz, den Namensgeber des VfB-Amateurstadions, dessen Weggefährte Lothar Weise eine klare Meinung über Schlienz‘ Stellenwert hat:

Er war für mich der größte Fußballer, den es je beim VfB gegeben hat. Erstens ist er der einzige Spieler auf der Welt, der mit nur einem Arm in der Nationalmannschaft gespielt hat. Und zweitens hält er mit 45 Toren in der Süddeutschen Oberliga 1945/46 – allerdings noch mit beiden Armen – immer noch den Torrekord in einer Erstligasaison, noch vor Gerd Müller.

Die 11Freunde haben über Schlienz, dessen Karriereende kein Ruhmesblatt für den VfB war, geschrieben, der Spiegel hat es übernommen; mit den ganz Großen des deutschen Fußballs wird er außerhalb Stuttgarts allerdings nur selten in einem Atemzug genannt – was angesichts der lediglich drei Länderspiele wohl nicht weiter verwunderlich ist. Alfredo di Stefano war gleichwohl beeindruckt („Der beste Mann auf dem Platz war der Einarmige. Was ich von dem gesehen habe, war für mich bis jetzt unvorstellbar“), und Hans Blickensdörfer brachte Schlienz‘  sportliche Bedeutung in seinem Nachruf auf den Punkt: „Man hat zu Hause einfach deshalb nicht verloren, weil Schlienz es nicht wollte.“

Einige Jahrzehnte zuvor hatte „El divino mancoHéctor Castro mit Uruguay nicht nur die olympische Goldmedaille 1928 gewonnen, sondern war 1930 auch Weltmeister geworden, wobei er das erste und das letzte Tor des Turniers erzielt hatte – das erste war zudem das Premierentor im berühmten „Estadio Centenario“ gewesen. Der Geschichtskanal der niederländischen Rundfunkgesellschaft VPRO hat zu dem Castro gewidmeten Artikel „De voetballer met één hand“ auch ein Filmdokument von Olympia 1928 ausgegraben, und „BBC’s disability site“ Ouch! befasst sich wenig zimperlich mit dem Womanizer, Spieler und Kettenraucher Castro.

Olympisches Edelmetall eroberte 2004 auch Julio González: Paraguay holte in Athen Silber. González stand bereits bei Vicenza Calcio in der Serie B unter Vertrag, war aber mangels Perspektive zurück zu Tacuary nach Paraguay verliehen worden. Nach dem olympischen Erfolg kehrte er nach Vicenza zurück und fasste dort allmählich Fuß. 2005/06 wies er Anfang Dezember eine sehr gute Torquote auf, als ein Autounfall zum Verlust seines Armes und zum vermeintlichen Karriereende führte. González sah das anders und arbeitete auf ein Comeback hin, das er im November 2007, erneut bei Tacuary, tatsächlich schaffte. Nach zwei weiteren Einsätzen und einer sturzbedingten Verletzung am Schlüsselbein wechselte er noch in die zweite Liga zu Presidente Hayes und kam dort zu weiteren Einsätzen, ehe er im Lauf des Jahres 2008 seine aktive Karriere beendete. Neben seinem sozialen Engagement im Rahmen einer Zusammenarbeit von Inter Mailand mit SOS-Kinderdörfern tat er das, was wohl alle Fußballprofis irgendwann tun, ob mit oder ohne Behinderung: er eröffnete eine Fußballschule.

Die Damen und Herren von Hotclip Youtube haben zwei aktuelle Porträts von González im Angebot, wobei man sich gut überlegen muss, ob man Blondie galore im zweiten neun Minuten lang ertragen will.

Jetzt bin ich doch ein wenig vom ursprünglichen Thema weggekommen. Was ich eigentlich sagen will: ich würde mich freuen, wenn sich Alejandro Sánchez auf Dauer etablieren könnte. Viel Glück, Álex!