Gesucht: Neckar'scher Pointenproduzent

Dass aus Hoffenheim keiner kommen wollte, kann ich nachvollziehen. Wäre gewiss kein Spaß gewesen, Markus Babbels Medienpräsenz der vergangenen Woche in all ihren Facetten zu erklären, flankiert von Wiesegeschichten und Sparkursfragen. Freiburger und Stuttgarter Vertreter hätten indes durchaus bemerkenswerte Saisongeschichten zu erzählen und noch dazu Spaß daran gehabt.

Natürlich ist es denkbar, dass die Vereine ihren Spielern erst einmal ein wenig Frei- und vielleicht auch Feierzeit gönnen wollten, sei ihnen gegönnt, obschon ich derlei Auftritte als Teil ihres Berufs betrachte. Für leitende Angestellte gilt das erst recht. Noch dazu, wenn man, wie in Stuttgart, ein durchaus spektakuläres Saisonfinale erlebt hat, ein Spiel mit Höhen und Tiefen, eines, das zurecht verschiedentlich als Spielgelbild der Saison herangezogen wurde und das man durchaus noch ein wenig hätte analysieren dürfen.

Beim SWR sah man das ein wenig anders. Man holte sich stattdessen ein paar sympathische junge Menschen ins Studio, die man mit etwas Wohlwollen bestimmt in die zweite Reihe der Fußballfachleute einordnen darf und die mit noch mehr Wohlwollen, nun ja, gar keinen Bezug zum Sendegebiet vorzuweisen haben – abgesehen vom hiesigen Vorzeigereporter Jens Jörg Rieck natürlich –, ergänze um eine kurze Schalte (sagt man so?) zu Arnd Zeigler, der uns neben einigen lustigen Anekdötchen aus der abgelaufenen Saison auch noch, aus welchen Gründen auch immer, an seiner Trainingseinheit mit Thomas Schaaf teilhaben lässt, und schon hat man einen vergnüglichen Saisonrückblick beisammen.

Möchte sich eigentlich jemand über die Bezeichnung als „zweite Reihe“ echauffieren? Und wenn ja: mit welcher Stoßrichtung? Erste oder dritte? Ok, Hellmut Krug ist bestimmt ein Fachmann in Sachen Schiedsrichterei – die allerdings kaum eine Rolle spielte, es sollte ja vergnüglich sein. Reiner Calmund war zweifellos ein relevanter Gesprächspartner, damals, als er noch nicht ausschließlich der dicke, lustige Reiner Calmund war, oder, wie es Michael Antwerpes formulierte, „der rheinische Pointenproduzent“, und Nia Künzer, nun ja, wies darauf hin, dass der Verlust von Raúl auch ein optischer für die Damenwelt sei. [Hier bitte gedanklich eine populistische Forderung mit Verweis auf Fernsehgebühren einfügen.]

Wo waren wir stehen geblieben? Ach, beim Trainingserlebnis von Arnd Zeigler und Thomas Schaaf. Mich hätten ja eher Trainingserlebnisse interessiert, die Bruno Labbadia und Timo Gebhart betreffen, oder was auch immer zur vor wenigen Tagen zur Gewissheit gewordenen Ausbootung des Letztgenannten geführt haben mag. Ich hätte mir auch eine Ode an Matthieu Delpierre vorstellen können, aber vielleicht kommt die ja irgendwann noch, wenn man nicht mehr so in der Euphorie des pointenträchtigen Saisonfinals steckt. Oder einfach ein bisschen Fußball.

Nun denn. Vielleicht könnte man sich vornehmen, künftig nie mehr eine Mannschaft zu kritisieren, weil sie die letzten Spiele nicht mehr mit dem nötigen Ernst angegangen sei.

Die Stuttgarter Fans ließen diesen Ernst ganz gewiss nicht vermissen. Ganz im Gegenteil: Die Protagonisten der Cannstatter Kurve hatten eine mehr als ansehnliche Choreographie auf die Beine gestellt, und man ließ sich auch gesanglich nicht hängen, nicht zuletzt um für @BigEasyMuc die anständige Show auf dem Rasen mit einer anständigen Show auf den Rängen zu untermalen.

Anders als der Münchner Gast empfand ich indes nicht die Stimmung nach dem 3:2 als besonders intensiv, sondern jene, als der Führungstreffer von Hannover 96 eingeblendet wurde, was sofort zu lautstarken Europapokalgesängen in Richtung der Wolfsburger Gäste führte und fließend in den Jubel über den Anschlusstreffer des VfB überging. So fließend übrigens, dass ich zunächst nicht einmal Delpierres Abschiedsassist wahrgenommen hatte.

Der Rest war eine nach dem Spielverlauf so nicht mehr erwartete Saisonabschlusseuphorie mit zwei weiteren Torvorlagen des zu jedermanns Überraschung wahrscheinlich nicht für die EM nominierten Sakai und, man höre und staune, dem Siegtreffer durch Traoré, der zuvor gezeigt hatte, dass er schnell ist und manchmal in die richtigen Räume laufen kann. Wenn er in der Sommerpause lernt, den Ball dann auch zum Mitspieler zu bringen, könnte doch noch einmal ein wenig Hoffnung aufkommen.

Womit ich die Saison fürs Erste ohne den nötigen Ernst beende, über Verbalbeurteilungen nachdenke, mich mit dem Sohnemann und Panini-Aufkleberle sowie irgendwann mit der Europameisterschaft beschäftige. Und dem Stuttgarter Weg, wie immer.

Das ham wir uns verdient

Vor einem knappen Jahr hatte ich mich ein wenig gewundert über all jene, die Borussia Dortmund zum „verdienteste[n] Meister seit was weiß ich wann“ erkoren hatten. Nicht dass ich daran gezweifelt hätte, dass der BVB völlig zurecht und eben verdient Deutscher Meister geworden sei, ganz im Gegenteil; ich verstand und verstehe nur nicht so recht, wie man die Verdientheit einer Meisterschaft misst. Punktabstand? Meisterschaftssichernder Spieltag? Spielweise? Bilanz gegen die Bayern? Unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Anzahl verletzter Stammspieler pro Spieltag?

Die aufmerksame Leserin mag mittlerweile ganz leise erahnen, dass ich nichts vom Verdientheitsvergleich von Meisterschaften halte. In meinen Augen ist der Gewinn der deutschen Fußballmeisterschaft entweder verdient – oder er ist verdient. Etwas anderes gibt es nicht.

Aber wie gesagt: Das sagte ich sinngemäß schon vor einem Jahr. Dass mit Michael Zorc dem Vernehmen nach in diesem Jahr auch ein Vereinsvertreter in diese Kerbe schlägt und feststellt, dass es „selten einen verdienteren Deutschen Meister als dieses Jahr“ gegeben habe, hat einerseits noch einmal eine andere Qualität, andererseits hat er natürlich nach meiner Sichtweise recht: Wenn jede Meisterschaft gleichermaßen verdient ist, gab es in der Tat nicht nur selten, sondern noch nie einen verdienteren Meister. Aber auch noch nie einen weniger verdienten.

Wortklauberei? Ja. Und das war noch nicht einmal alles. Als ungleich störender empfinde ich nämlich einen Satz von Jürgen Klopp, den ich ihm in dieser Form nicht zugetraut hätte: „Wenn es jemals einen verdienten Meister gab, dann sind wir das!

Was soll denn das nun schon wieder heißen? Mit großer Wahrscheinlichkeit gab es niemals einen verdienten Meister, aber wenn man dann doch unbedingt einen ausgucken müsste, dann wär’s halt der jetzige? Hat nämlich einen außergewöhnlichen Charakter, die Mannschaft, und verrückte Sachen macht sie.

Eine Meisterschaft ist eine Meisterschaft ist eine Meisterschaft. Verdient ist sie allemal, die Emotionen gehen völlig zurecht mit einem durch, man darf nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, und fremdsprachliche Lapsus sind sowas von egal. Und trotz alledem verstehe ich nicht, wieso man da Quervergleiche braucht. Rangfolgen erstellen und die Dinge vermeintlich historisch einordnen muss. Der nächste Meister wird wieder der verdienteste sein. Oder noch verdienter, wer weiß. Ob er Dortmund heißt (wenn es jemals einen Meisterschaftshattrick gab, dann in Dortmund) oder anders.

Herzlichen Glückwunsch, Borussia Dortmund, zum Meistertitel (dass er verdient war, steht ja … ach, lassen wir das), und vielen Dank für begeisternden Sport, wunderbaren Fußball mit bemerkenswerten Kombinationen und großartigen Einzelkönnern. Ich zähle auf Euch in Europa nächstes Jahr, und vermutlich werde ich Euch auch wieder als Meister tippen, nachdem ich Euch diese Saison nur die Herbstmeisterschaft zugetraut hatte. (Vorsicht, dieses Jahr hieß mein Meistertipp Bayer Leverkusen.)

Wenn es übrigens jemals eine Personalie gegeben hat, die ich nicht verstanden habe, dann ist es die von Marc Kienle. Der vor einem Jahr prominent inthronisierte und mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattete (zumindest wurde der Eindruck erweckt) sportliche Leiter für Jugend und Ausbildung des VfB geht wohl zu Bayern München, allerdings nicht als Funktionär, sondern als Trainer der dortigen U19.

Die Tragweite dieses Abgangs kann ich nicht seriös einschätzen, zumal bis dato kaum Hintergründe nach außen gedrungen sind. Ohne Zweifel aber ist für mich, der ich die Bedeutung (zugegeben: auch die Symbolkraft) dieser Position, gerade bei einem Ausbildungsverein (sic!) wie dem VfB, als außerordentlich hoch betrachte, nur sehr schwer verständlich, wie es dazu kommen konnte und wie vor allem Fredi Bobic nach eigenen Angaben so unvorbereitet getroffen werden konnte.

Spekulationsansätze gibt es zuhauf. Neben der Strahlkraft des FC Bayern, auch neben der dortigen Umstrukturierung der Nachwuchsarbeit, die ein spannendes Projekt sein dürfte, natürlich auch neben finanziellen Aspekten (gilt der Stuttgarter Weg in Sachen Gehaltsgefüge analog für die Ausbilder?), vielleicht auch neben Kienles Wunsch, selbst eine Mannschaft zu trainieren (was er in Stuttgart ebenfalls hätte tun können), fragt man sich unweigerlich, ob es vielleicht doch damit zu tun haben könnte, dass der VfB seinen eigenen Ansprüchen in Sachen Nachwuchsförderung nicht gerecht wird, dass seit Jahren kein eigener Jugendspieler dauerhaft den Sprung zu den VfB-Profis geschafft hat, dass gerade in der abgelaufenen Saison das Missverhältnis zwischen den Aussagen zu Saisonbeginn auf der einen und den Bundesligaeinsätzen oder auch nur -nominierungen der Nachwuchsspieler ein bemerkenswert krasses war.

Und man fragt sich ganz unschuldig, wie wohl das Verhältnis zwischen Bruno Labbadia und Marc Kienle gewesen sein mag. Ganz am Rande, aber wirklich nur ganz am Rande, man kennt ja seine Pappenheimer, stellt man sich auch noch die Frage, wieso diese Personalie bei Sport im Dritten keine Erwähnung fand. Könnte natürlich ganz schlicht daran liegen, dass sich meine Einschätzung ihrer Bedeutung von der des SWR unterscheidet.

Köln? Nun denn, wenn es jemals einen Bundesligaspieltag gab, von dem ich so gut wie nichts gesehen habe, dann war es dieser. Der trotz mäßigen Spiels die wohl verdienteste Uefa-Cup-Qualifikationsqualifikation seit einem noch zu definierenden Zeitpunkt mit sich brachte. Selten jedoch, so viel lässt sich bereits sagen, war sie verdienter. Wenn man jetzt noch in München gewänne … nicht in Worte zu fassen, dieser Verdienst dieses Verdienst diese Verdientheit von Platz 5.

Zum Schluss noch ein kurzer Hinweis für die Demutsskeptiker in Stuttgarter Reihen:

„Wenn man überlegt, woher wir kommen, das ist schon grandios.“

Sagt Herr Watzke. Und der ist verdienter Meister. Geht alles.

Da hab ich wohl was verpasst…

Aus guten Gründen konnte ich das Spiel des VfB in Nürnberg nicht sehen. Noch nicht einmal in der Zusammenfassung, außer man will die paar Szenen, die es bei Sport im Dritten zu sehen gab, als Spielbericht bezeichnen.

So kann ich also nichts über das Spiel sagen, und muss doch davon ausgehen, dass sich Bemerkenswertes ereignet hat. Die Stuttgarter Nachrichten schreiben von „Taktikfuchs“ Labbadia, der in die „Taktik-Kiste“ gegriffen habe, Bild hat zumindest einen „Taktik-Trick“ ausgemacht, und die Stuttgarter Zeitung will gar eine „Glanzleistung des Trainers“ gesehen haben.

Möglicherweise stimmen all diese Einschätzungen, und ich bin auch weit davon entfernt, „Glanzleistungen“ von Bruno Labbadia als Ding der Unmöglichkeit abzutun – der Klassenerhalt in der Vorsaison ist schließlich mit Glanzleistung noch zurückhaltend beschrieben, der Anteil des Trainers gewiss nicht gering, und die bisherige Bilanz der Saison 2011/2012 ist aller Ehren wert. Dass aus meiner Sicht manches im Argen liegt, dass man meines Erachtens über die Nachwuchsförderung sehr geteilter Meinung sein kann, dass mich die Personalien Leno und auch Gebhart sehr befremden, dürfte die halbwegs regelmäßige Leserin wissen. Dennoch: Tabellenplatz 5, Solidität, Kompaktheit, zum Teil gewiss auch die guten Neueinkäufe – Labbadia hat einige Gründe, zufrieden zu sein. Und wir, die wir mitunter schimpfen, seine Auswechslungen kämen zu spät oder falsch oder gar nicht, müssen vielleicht anerkennen, dass ein guter Trainer gar keine Auswechslungen braucht, um das Spielsystem so sehr zu verändern, dass aus einem verheerenden ein allem Anschein nach guter Auftritt wird. Oder so.

Es ist nur so ungewohnt, auf zahlreichen Kanälen Lobeshymnen auf den Trainer zu hören, nachdem er, nun ja, seinen Job gemacht hat, wenn auch anscheinend gut gemacht hat. Man würde gerne fragen, ob das so außergewöhnlich ist, und wieso. Und was es mit dem bemerkenswerten Medienecho auf sich hat, zumal Labbadia auch noch erstmals in seiner Zeit als VfB-Trainer im Sportstudio auftrat. Es stehen doch keine Vertragsverhandlungen an, oder?

Und wenn mir jetzt noch bitte jemand sagen könnte, ob die Ausführungen in einer der Stuttgarter Zeitungen, wonach Sven Ulreich nicht sehr souverän gewirkt habe, zutreffen? Und was ist da dran an den Tuscheleien über Gebharts gutes Verhältnis zu bzw. mögliche Abwerbeversuche von Hoffenheims Manager Tanner?

Oder wird das alles nur von einem medialen Taktikfuchs lanciert?

 

Im Rahmen des Regelwerks (hier: Regel 16)

Ich kenne die fußballspezifischen Statistikwerte von Felix Bastians nicht en détail. Bis zum VfB-Spiel in Freiburg kannte ich sie nicht einmal ungefähr, wenn ich ehrlich bin. Dass ich mich hernach ein wenig damit befasst habe, liegt daran, dass der VfB seine Taktik offensichtlich weitgehend auf ihn zugeschnitten hatte. 54,8 % seiner Kopfballduelle hat Bastians im Verlauf der bisherigen Saison gewonnen, sagt bundesliga.de. Ob das für einen Linksverteidiger viel ist? Ich weiß es nicht. Christian Molinaro kommt auf 60 %, Christian Schulz auf knapp 70 %, Philipp Lahm liegt etwa bei 45.

Wie auch immer: es war bemerkenswert, dass Sven Ulreich jeden einzelnen Abstoß an der rechten Torraumecke ausführte, selbst in Situationen, in denen man sich einen kurzen, raschen Abstoß auf der linken Seite hätte vorstellen können, und mehr oder weniger zielsicher die Herren Harnik und Bastians anvisierte. Sicher, die Regel besagt, dass der Abstoß „von irgendeinem Punkt innerhalb des Torraums ausgeführt“ werden soll, und doch erscheint es ungewöhnlich. Mag daran liegen, dass ich noch mit der alten Regel aufgewachsen bin: „Beim Abstoß wird der Ball auf diejenige Torraumecke gelegt, auf deren Seite er die Torlinie verlassen hat.“ Oder daran, dass es gefühlt noch immer häufig so gehandhabt wird.

Vielleicht fiel es mir auch deshalb besonders auf, weil ich, speziell nachdem Schiedsrichter Guido Winkmann sowohl Cacau als auch Molinaro wegen Zeitspiels verwarnt hatte (bei Cacau zurecht, bei Molinaro möglicherweise in Tateinheit mit mehreren falschen Einwürfen und dennoch meines Erachtens ungerechtfertigt), bei jedem Abstoß, bei dem Ulreich ein wenig umständlich die Seite wechselte, mit einer Verwarnung rechnete. Winkmann machte jedoch keinerlei Anstalten, und möglicherweise hätte er sich damit angesichts des Regelwerks auch gar nicht so leicht getan. War diese Regel nicht dereinst geändert worden, um eine schnellere Wiederaufnahme des Spiels zu ermöglichen? Ich hätte nichts gegen die Wiedereinführung der alten Regel.

Um nicht missverstanden zu werden: ich glaube nicht, dass Ulreich so handelte, um Zeit zu schinden – andernfalls hätte der jeweilige Seitenwechsel ja auch in die andere Richtung vonstatten gehen müssen. Tatsächlich aber schien es eine klare taktische Maßgabe zu sein, dass jeder Abstoß von der rechten Torraumecke ausgeführt und auf Martin Harnik gespielt werden solle, der dann auch tatsächlich das eine oder andere Luftduell gegen Felix Bastians gewann. Ohne dass daraus torgefährliche Situationen entstanden wären, aber das ist dann ja noch einmal eine ganz andere Frage – eine Stuttgarter Variation des vom hiesigen Hausherrn gewiss überschätzten und deshalb gerne mal wieder zitierten Flo Pass‚* liegt bisher jedenfalls nicht vor.

Das derzeitige Stuttgarter Erfolgsgeheimnis scheint vielmehr ein anderes zu sein: wie bereits gegen Hannover nutzte man die erste Torchance. Dass sie in der Vorwoche bereits nach etwa 10 und diesmal erst nach 30 Minuten entstanden war, ist, hm, nun mal so. Noch interessanter erscheint mir die positive Effizienzentwicklung: anders als gegen Hannover, als man das Spiel frühzeitig hätte entscheiden können, führte in Freiburg auch die zweite Torchance unmittelbar zum Erfolg. In der 73. Minute. Überraschend, was herauskommen kann, wenn man einfach mal einen aufrückenden Außenverteidiger ins Spiel einbezieht, anstatt ihn konsequent zu ignorieren, nicht wahr, Herr Cacau? Oder Herr Okazaki? Manchmal gar Herr Kuzmanovic?

Wie Martin Harnik jenes 2:0 dann erzielt hat, war aller Ehren wert. Sehr souverän, in aller Ruhe, und allem Anschein nach auch im Wissen um die eigene Stärke, trotz zuletzt wechselhafter Leistungen. Bemerkenswert zudem die nur kurz erschütterte Gelassenheit, mit der er die Frage eines SWR-Reporters, wie es dazu komme, dass er sich als Torjäger betätigt habe, letztlich weglächelte. 17 Tore und 11 Vorlagen in der Vorsaison sind als Pflichtspielbilanz gar nicht so schlecht, meine ich.

Der VfB kam also nicht zu vielen Chancen. Und ließ am Anfang zu viele zu, auch wenn sie selten als zwingend zu kategorisieren waren. Zu leicht kamen die Freiburger zum Abschluss, zu selten gelange es, die häufig langen Bälle in die Spitze bzw. deren Verarbeitung zu unterbinden. Dass man dennoch mit einer Führung in die Pause ging, war ein wenig glücklich. Dass es Freiburg dann aber auch in der zweiten Hälfte nicht gelang, zum Ausgleich zu kommen, war einer besser organisierten Stuttgarter Defensive geschuldet. Zwar lief man von der 45. bis zur 70. Minute im Grunde nur hinterher und vergab die eine oder andere Gelegenheit eher, wie soll ich sagen, uninspiriert; den Gastgebern gelang es jedoch nie, ihr aufwändiges Spiel in Torchancen umzumünzen, was meines Erachtens ein wenig an ihnen selbst und in hohem Maß am VfB lag. (Und möglicherweise auch daran, dass Garra Dembélé erst spät ins Spiel kam.)

Die Hintergründe des verspäteten Spielbeginns waren mir übrigens zunächst nicht klar. Kurz hatte der Gedanke von mir Besitz ergriffen, dass die Verlesung aller Co-, Torwart- und Athletiktrainer des SC Freiburg bei der offiziellen Mannschaftsaufstellung mehr Zeit als geplant in Anspruch genommen hatte; nach kurzem Überlegen tat ich diesen Ansatz jedoch als unangemessen unsachlich ab.

Wäre ich indes vorab über die Verspätung informiert gewesen, hätte ich mich vor dem Stadion noch etwas länger mit @MAGsein unterhalten können. Schade.

*Wenn mich dann bitte ein kompetenter Sprachpurist (w/m) über den korrekten Umgang mit einem aus dem Englischen übernommenen und noch dazu auf s endenden Begriff im zweiten Fall aufklären könnte?

C-Klasse, zweite Mannschaft

Am Freitag ging’s also los. Mein erstes TV-Saisonspiel. Also echter Fußball, menschliche Interaktion und so, anders als im Stadion. Etwas überraschend war nicht die übliche Riege da – weder der neunmalkluge VfB-Fan, der sich meist so lange auf die Seite des Gegners schägt, bis ein Sieg des VfB unabwendbar ist und selbstverständlich bejubelt wird, noch der „Japsen“-Beschimpfer mit der Frisur, noch der besoffene Chefkritiker, der weniger gut gelittene Spieler gerne als „Tote“ bezeichnet. Statt dessen fanden sich zwei etwas jüngere Herren ein, die offenbar schon ein paar Stündchen auf dem Weindorf verbracht hatten, deren Langzeitgedächtnis aber noch funktionierte und die dementsprechend den einen oder anderen Slogan aus den 80ern parat hatten. „Hau ihn um“ war der multipel einzusetzende Favorit, das in diesem Kontext auch gern genommene „der zappelt ja noch“ konnte mangels Umsetzung der ersten Aufforderung keine Anwendung finden. Lautstärke und Ahnungslosigkeit ließen mich dennoch vorübergehend im vernebelten Raucherbereich Zuflucht suchen. Trotz Nichtraucherschaft.

Fast noch einen Tick sympathischer war der ältere Herr, den ich dereinst für eine Idealbesetzung als Helga Beimers Onkel Franz gehalten hätte. Nach wenigen Minuten stellte er fest, dass das Spielniveau bestenfalls das der „C-Klasse, 2. Mannschaft“ erreiche. Abgesehen davon, dass der Widerspruch inhaltlich nicht in jeder Situation leicht zu begründen gewesen wäre, verfolgten wir rasch die Strategie, den Troll nicht zu füttern – zwei, drei anfängliche Einwürfe der Kategorie „na ja…“ hatten zu unergiebigen Diskussionsansätzen geführt. Er ließ sich nicht beirren und behielt seinen Stil, weitgehend auch die Wortwahl, bei, gerne begleitet von Zustimmung oder zumindest irgendeine Reaktion heischenden Blicken, denen wir mehr oder weniger geschickt auswichen. Die Frage, weshalb er sich das Spiel denn überhaupt anschaue, wenn es sich auf C-Klassen-Niveau bewege, gar Schmerzen bereite, wenn kein einziger von den 20 (die beiden Torhüter nahm er aus) etwas tauge, beantwortete er entwaffnend: „Weil nichts anderes kommt.“ Kurz vor Schluss begann er dann noch ein wenig zu schwelgen, von den Blauen, die in zwei Jahren wiederkämen, und von den 50er Jahren, von 1954, 56, 58 (54 und 58 war der VfB Pokalsieger, 56 erschließt sich mir nicht so recht, aber da war ich auch noch zu jung), nannte Namen wie Waldner und Bögelein, um im Hinausgehen noch einen echten Onkel Franz zu platzieren: „Aber heute, da spielen da ja nur noch Kanaken.“ Sieht so aus, als stünde unsere Fußballkneipe für diese Saison auf der Kippe.

Wie gesagt, es war mein erstes TV-Spiel dieses Jahr. Das Auftaktspiel hatte ich im Stadion verfolgt, danach war Urlaubszeit. Ohne Blogs, mit wenig Zeitungen, meist offline, weitgehend ohne Twitter. Von der Partie in Gladbach hatte ich nur Rudimente sehen können, gegen Leverkusen hatte ich jegliche ernsthafte Spielberichterstattung verpasst, aber das Aktuelle Sportstudio sowie Sport im Dritten gesehen. Im Sportstudio war, angesichts des „Duells“ mit Bernd Leno nicht ganz überraschend, Sven Ulreich zu Gast, der VfB-Torhüter, wo zweimal durch tiefe Tals gegangen war. Bei Sport im Dritten, wo William Kvist in kurzen Hosen zu Gast war, entblödete sich der Haus- und Hofsender des VfB nicht, zwei Wochen nach dem ersten Heimspiel und mindestens 10 Tage, nachdem sie bundesweit rauf- und runtergelaufen waren, die Sichtluken in der Herrentoilette schenkelklopfend zu zeigen. Ja, so sehen bittere Erinnerungen an die ersten Saisonspiele aus.

Fußball wurde natürlich auch gespielt am Freitag. Und wenn man den „Stimmen zum Spiel“ glauben darf, die der VfB auf seiner Website veröffentlicht hat, hätte man wohl verdient und haushoch gewonnen, wenn man nur seine Torchancen genutzt hätte. Dass man einfach nicht in der Lage war, genügend Druck auszuüben, um die Hertha zu mehr Fehlern zu zwingen, dass ein planmäßiges Vorgehen nur zu erahnen war, dass man vergeblich nach schnellen gemeinschaftlichen Aktionen suchte, egal ob mit oder ohne Ball, dass kein Spiel über die Außen stattfand, weil außer Harnik alle in die Mitte drängten, was dort aber auch nicht zu mehr Kreativität führte, spiegelt sich in den Stimmen zum Spiel nicht wider. Wäre vielleicht auch etwas viel verlangt.

So gehe ich halt davon aus, dass man sich intern damit befasst. Dass man sich fragt, wann die schnellen, überraschenden Bälle, die man so gerne vertikal nennt, von Zdravko Kuzmanovic verschütt gegangen sind, und wo seine Torgefährlichkeit hin ist. Dass man sich überlegt, ob es sinnvoll sei, anstelle einer erkennbaren gemeinschaftlichen Offensivstrategie ausschließlich auf die Ideen von Tamas Hajnal zu setzen, die bestimmt irgendwann wieder einmal kommen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Timo Gebhart Hajnals Position momentan wesentlich schlechter ausfüllen würde. Andererseits täte Gebhart auch über außen gut, wenn er denn fit ist, was ich zugegebenermaßen nicht seriös beurteilen kann. Das Spiel des VfB braucht mehr Tempo. Da ist es mir auch recht egal, ob auf dem Rasen 30 Grad Celsius herrschen oder nicht. Tempo über außen, Tempo auch in der Mitte, speziell dort gerne auch mit etwas Präzision und gelegentlichen Kreativitätsschüben angereichert. Es ist bezeichnend, dass Fredi Bobic ein wenig weinerlich wirkte, als er feststellte, dass es die Heimmannschaft dem VfB überlassen habe, das Spiel zu machen. Wo der das doch nicht kann.

An eine nennenswerte Offensivaktion von Cristian Molinaro kann ich mich nicht erinnern, was zum einen mit dem nach wie vor verbesserungswürdigen Zusammenspiel mit Okazaki, zum anderen wohl auch mit dem starken Patrick Ebert zu tun gehabt haben dürfte. Stefano Celozzi machte seine Sache meines Erachtend überraschend ordentlich. Fredi Bobic begründete seine Auswechslung hernach mit einer Verletzung, anderswo hörte ich diese Begründung nicht. Falls dem nicht so sein sollte, dürfte klar sein, dass Labbadia nicht mehr auf Celozzi zählt, nachdem er ihn gar durch Linksverteidiger Boka ersetzt hat. Dann möge man aber bitte auch die Konsequenzen ziehen und Andreas Hinkel verpflichten, oder sonst jemanden, der den Anforderungen genügt.

Und dann war da noch Serdar Tasci, der dem Vernehmen nach auf den Unterschied im Umgangston beim Männerfußball einerseits und Frauensport andererseits hingewiesen hat. Leider kursieren unterschiedliche vermeintlich oder auch tatsächlich wörtliche Zitate, und einen Mitschnitt habe ich noch nicht gefunden. Ob ich mich ein wenig empören will, hängt von eben diesem Wortlaut ab. Bisher neige ich nicht dazu, auch wenn der Vergleich bestimmt nicht sonderlich clever war. Anlass war ein kleiner Disput mit Sven Ulreich nach dem Spiel, den ich im Fernsehen gesehen und bei dem ich mich darüber gefreut hatte, dass Sky ihn nicht zum Gegenstand der Berichterstattung nach Spielschluss machte. War aber wohl etwas vermessen, darauf zu hoffen, dass so etwas einfach unter „zwei unzufriedene Mannschaftskameraden sagen sich nach dem Spiel kurz die Meinung, das gehört dazu“ abgelegt würde, fällt schließlich in die Kernkompetenz des aktuellen Sportstudios.

Um doch noch einen Sieg des VfB zu erleben, sah ich mir am Samstag im Schlienz das Bundesligaspiel der U19 gegen Mainz an, das zuletzt die Frankfurter Eintracht mit 8:0 vom Platz gefegt hatte. Der VfB-Nachwuchs war speziell in der ersten Hälfte die stärkere Mannschaft und agierte mit hohem Tempo über die Außen sowie mit einer dominanten Zentrale, also wie man es sich auch bei den Großen in höherem Maß wünschen würde. Wenn also im November Tayfun Korkut… Rani Khedira und Lukas Kiefer hatten das Spiel in der Mitte im Griff, hinten erinnerte Robin Yalcin einmal mehr (im positiven Sinne) an Serdar Tasci, Torhüter Odisseas Vlachodimos wirkte präsent und selbstbewusst, und vorne traf man, nun ja, eben auch über Standardsituationen, für die der agile Ndriqim Halili verantwortlich zeichnete. In der zweiten Hälfte war Mainz, das auch zuvor schon ansehnlich gespielt hatte, etwas zielstrebiger, speziell Lucas Röser, und schuf kurzzeitig noch einmal ein wenig Spannung, doch letztlich gewann der VfB mit 3:1. Ob außer mir und meinen Begleitern weitere Zuschauer zugegen waren, die weder Spielerberater noch Scouts noch Eltern sind, weiß ich nicht.

Vom abendlichen Bundesligaspitzenspiel blieb mir – neben den Schiedsrichterdiskussionen, die andernorts zur Genüge geführt werden, und den großartigen Torhüterleistungen – letztlich in erster Linie Jürgen Klopps Frisur in Erinnerung. Sie erinnerte allzu sehr an die von Patrick Ebert.

Die Bundesliga hat mich wieder. Das ist ihr egal, ich weiß.
Aber ich hab sie wieder. Schön.
Länderspielpause, pah.

Zwei Tore zu wenig

Ich hätte mir gewünscht, dass das Spiel 7:1 ausgeht, meinetwegen auch 7:3. Dass die Bayern es konsequent und konzentriert zu Ende spielen. Oder dass sie zumindest das 5:1 so verwalten, wie sie es früher mal konnten taten. Dann müssten wir uns jetzt, oder morgen, oder in der ganzen Winterpause, nicht anhören, dass man ja auf dieser zweiten Halbzeit aufbauen könne, die der VfB schließlich mit 3:2 für sich entschieden habe. Zumal in dieser zweiten Hälfte ja auch mitunter richtig schöne Kombinationen zu sehen gewesen seien, die teilweise gar zu Toren geführt hätten. Stimmt. Gegen einen Gast, der das Spiel längst abgehakt hatte, der nur noch Dienst nach Vorschrift leistete und bei dem lediglich der eine oder andere darauf hoffte, irgendwann mit überschaubarem Aufwand zu einem Treffer zu kommen. Ja, da kann man schon mal zaubern.

Gezaubert hatte auch Bruno Labbadia. Aus dem Hut kam Rechtsverteidiger Ermin Bicakcic, den ich bisher immer als Innenverteidiger gesehen hatte – zuletzt am Donnerstag gegen Odense, wo er einen guten, bissigen, engagierten Eindruck hinterließ. Das hatte wohl auch Labbadia so gesehen und hielt es daher für eine gute Idee, Bicakcic bei seinem Bundesligadebüt auf – soweit ich weiß – ungewohnter Position gegen Franck Ribéry antreten zu lassen. Hätte gut gehen können. Ging nicht gut. Was nicht nur beim 0:1 deutlich wurde, sondern auch bei einigen weiteren Situationen, insbesondere zu Beginn der zweiten Hälfte, als er, offensichtlich zutiefst verunsichert, verheerende Mängel im Stellungsspiel offenbarte. Er ist jung, er darf Fehler machen. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass der Trainer ihn nicht bis zur 60. Minute leiden lässt. Unter seiner (des Trainers) eigenen Fehleinschätzung.

Natürlich dürfen nicht nur junge Spieler Fehler begehen. Selbst Kapitäne dürfen das. Dennoch irritiert es, wie billig sich Matthieu Delpierre von Mario Gomez abkochen ließ. Oder wie unbehelligt Ribéry Anlauf nehmen konnte vor dem 0:3, über dessen Haltbarkeit es unterschiedliche Meinungen gibt. Anders als beim 1:4. Das 1:5 war Slapstick. Oh, da stand ja mittlerweile eine 1 beim Gastgeber. Harnik hatte getroffen. Vielleicht sollte man das Video von diesem Tor gelegentlich Sven Ulreich vorführen, schließlich hatte sein erster Abwurf der Saison (nach etwa 280 mit dem Fuß geschlagenen langen Bällen) einen beispielhaften Angriff eingeleitet, den Cacau mit schönem Zuspiel (!) und Pogrebnyak mit dem rechten Fuß (!) zum Torschützen Martin Harnik trugen. Später traf Harnik noch einmal, danach Gentner. Vielleicht führt dieses Spiel ja wenigstens dazu, dass Harnik nach seiner erneut effektiven Vorstellung künftig mehr Einsatzzeiten bekommt.

Positiv war auch der Einstieg in die Partie. Zwar habe ich ihn nicht ganz so stark gesehen wie Bruno Labbadia; bis zum Rückstand sagte mir die disziplinierte Defensivleistung gleichwohl zu. Laufbereitschaft, Engagement und eine Einsatzfreude, die bisweilen die Grenzen des Erlaubten austestete, ließen hoffen, dass der Trainer die passende Ansprache gefunden bzw. die viel zitierten richtigen Knöpfe gedrückt hatte. 3 Tore später war die Zuversicht diesbezüglich etwas geringer, individuelle Fehler hin, Einzelkönner wie Gomez oder Ribéry her.

Zu den Fanprotesten, die gerade die Nachrichten bestimmen, kann ich nichts sagen, da ich das Stadion entgegen meiner Gewohnheit unmittelbar nach dem Schlusspfiff verließ und dabei die berühmten drei Affen imitierte. Bei Sport im Dritten erfuhr ich, dass Erwin Staudt versucht habe, die richtigen Worte an die Protestierenden zu richten, was aber nicht gelungen sei. Möglicherweise war er auch irritiert ob der Kritik am Vorstand, da die Verantwortung für die sportlichen Leistungen doch bekanntlich beim Übungsleiter liege.

Abschließend sei der Hinweis erlaubt, dass es auch eine Leistung ist, gegen diese Stuttgarter Mannschaft drei Tore zu kassieren. Wäre schön, wenn die Bayern sie am Mittwoch noch einmal erbringen könnten. Was noch nichts über den Sieger besagen würde.

Standardfloskeln

Endlich habe ich wieder einmal ein VfB-Spiel anschauen können, nachdem ich von den Partien in Chemnitz und gegen St. Pauli so gut wie nichts gesehen hatte. Soviel zum Positiven.

Ok, war vielleicht auch nicht anders zu erwarten. Schließlich hatte die Stuttgarter Zeitung schon morgens über die aktuellen Problemfelder der Mannschaft informiert.

Über Zdravko Kuzmanovics „Gehabe“ bei Freistößen, beispielsweise, und darüber, dass „die Qualität seiner Freistöße mit der Show davor nur selten mithalten“ könne. Interessante Sichtweise, wenn man sich mit einem Verein beschäftigt, der in Sachen Freistöße noch immer dem frühen Balakov nachtrauert, bei dem der letzte vor Kuzmanovic direkt verwandelte Freistoß vermutlich der von Toni da Silva im DFB-Pokal-Halbfinale 2007 war [Korrektur: Hitzlsperger traf zuletzt im Mai 2009, zudem gab es noch mindestens drei weitere] und wo Kuzmanovic nach nicht einmal einem Drittel der laufenden Saison drei direkte Freistoßtore in Pflichtspielen zu verbuchen hat. Da ist es mir – das mag an meiner Oberflächlichkeit liegen – eigentlich ziemlich egal, was er vor dem Schuss tut. Und wie er hinterher jubelt. Aber meine Psychologiekenntnisse sind bestenfalls rudimentär. Vielleicht spaltet ein gemeinsamer, noch dazu eingeübter Torjubel zweier Spieler ja tatsächlich die Gruppe und verstärkt die Isolation von Ersatzkapitän Cacau. Vermutlich haben die Experten recht. Das Spiel in Wolfsburg hat sie zumindest nicht widerlegt.

Auf die schlechte Kommunikation und das nicht funktionierende Team wurden wir ebenfalls hingewiesen. Es mag durchaus sein, dass die Mannschaft interne Reibereien hat, auch Martin Harnik hat sich gestern bei Sport im Dritten nicht gegen die Andeutung gewehrt. Das jedoch daran festzumachen, dass in Chemnitz Ciprian Marica zum Elfmeter antrat, „obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich klar war, dass er an diesem Tag kein Glück haben würde“ und dass es „in einem funktionierenden Team […] Spieler gegeben [hätte], die Marica zumindest auf die Gefahren bei diesem Strafstoß hingewiesen hätten“, finde ich, nun ja, ungewöhnlich.

„Elfmeter? Ich mach ihn rein!“
„Bist Du sicher, Cipi?
„Klar bin ich sicher. Ich bin Stürmer!“
„Dann lass mich Dich wenigstens kurz auf die Gefahren hinweisen. Bist Du Dir darüber im Klaren, dass Du auch scheitern könntest, gerade heute, wo Du ohnehin keinen Ball triffst? Dann scheiden wir möglicherweise aus, der Trainer muss gehen und Du sitzt am Wochenende nur auf der Bank.“

Entschuldigung, da ging wohl was mit mir durch.

Zurück zum Wolfsburg-Spiel. Mit einer gewissen Berechtigung wies der Sky-Reporter verschiedentlich darauf hin, dass der VfB von Verletzungen geplagt sei, dass 8-10 Spieler fehlten. Ich nickte wissend, um mich dann zu fragen, wie vielen der 10 ich zutrauen würde, der Mannschaft zu einem Leistungssprung zu verhelfen. Dem gesperrten Delpierre. Und, äh, keinem. Ok, anders gefragt: wie viele von den 10 ich bei völliger Fitness in der Startelf hätte sehen wollen. Didavi. Und, hm, Audel. Ach nee, gleiche Position.

Tja. Wie bereits verschiedentlich gesagt: der VfB hat einen soliden Bundesligakader mit braven Bundesligaspielern. Spieler von internationalem Format, wie man sie im Vorjahr mit Khedira, Lehmann (ja, ja) und gelegentlich Hleb hatte, sind gegenwärtig eher spärlich gesät. Extrem spärlich.

Wenn also die Individualisten fehlen, trifft es sich ja ganz gut, dass der Trainer in verschiedenen Medien dahingehend zitiert wird, dass man für taktische Einheiten gegenwärtig „keine Zeit“ habe. Ist ja auch nicht nötig, schließlich sei man gegen Wolfsburg, so Trainer Keller, gut gestanden und habe nur wenig zugelassen. Nur die Standards, an denen müsse man wohl noch arbeiten. Ganz ehrlich: ich habe diese Trennung noch nie verstanden. Wenn ich im „normalen“ Spiel ganz gut verteidige, bei jedem einzelnen Eckball und jeder Freistoßflanke jedoch ein Gegentor in der Luft liegt, dann habe ich einfach nicht gut verteidigt. Standardsitauationen sind Teil des Spiels. Integraler Bestandteil. Für viele Mannschaften eines der wichtigsten taktischen Mittel. Zum Beispiel für Mannschaften, die einen Spieler wie Diego in ihren Reihen haben, der mit ruhenden Bällen durchaus etwas anzufangen weiß. Da könnte man sich vielleicht drauf vorbereiten. Und bitte nicht hinterher sagen, dass man doch bis auf die Standards ganz gut ausgesehen habe.

Ach, egal. Ich bin sauer. Schon wieder. Und unstrukturiert. Und kann gar nicht all die Dinge aufzählen, über die ich mich ärgere. Egal, ob es Celozzis unsinnige Halbfeldflanken sind, Molinaros(!) unsinnige Halbfeldflanken, Gentners Alibispielweise, Cacaus Aufstellung als Stoßstürmer, Boulahrouz‘ Kerze, Kuzmanovics Handlungsgeschwindigkeit, Harniks überhasteter Abschluss, Ulreichs… Halt, Schweigegelübde! Undsoweiter undsoweiter.

Aber natürlich wendet sich alles zum Guten – vielleicht noch nicht gegen Getafe, aber am Sonntag gegen Werder.

Ehre, wem Ehre gebührt

Am Wochenende war ich unterwegs. Irgendwo in Bayern, wo die Wahrscheinlichkeit, eine Premiere-Kneipe (ich weiß, dass das mittlerweile anders heißt) zu finden, die das Spiel des VfB beim FC Schalke 04 übertragen würde, eher überschaubar war. So begnügte ich mich mit 90elf und gelegentlichen gestreamten Standbildern und bin zu keiner seriösen Bewertung des Spiels imstande. Zumal sich der Webradioreporter ob der hohen Qualität beider Mannschaften mitunter überschlug, was nicht der Wahrnehmung aller am späten Sonntag nachgelesenen Quellen entsprach.

Immmerhin weiß ich, dass dem VfB erneut ein reguläres Tor aberkannt wurde und dass der Schalker Ausgleich nach einer nicht geahndeten Abseitsstellung entstand. Letztere war, nach den Bildern, die ich dann doch noch gesehen habe, meines Erachtens zu knapp, um dem Schiedsrichtergespann einen Vorwurf zu machen. Schließlich sind wir sonst auch immer die ersten, die die Unparteiischen an die Vorgabe „im Zweifel für den Angreifer“ erinnern. Der Linienrichter hat sich um Sekundenbruchteile und Zentimeter vertan, Tasci indes sekundenlang geschlafen.

Den nicht gegebenen Treffer zum 0:2 muss man Florian Meyer und seinem Team natürlich ankreiden. Dies gilt umso mehr, wenn es selbst im diesbezüglich sonst eher zurückhaltenden Brusting Schirischelte gibt – nicht zuletzt und auch nicht ganz überraschend unter Verweis auf die zeitliche Nähe zu den Magathschen Verschwörungstheorien der Vorwoche.

Ansonsten weiß ich, dass der VfB entweder im 4-4-1-1 mit Cacau als Spielmacher (Stuttgarter Nachrichten) oder doch im 4-4-2 (Ballverliebt, Taktikguru) mit hängender Spitze agierte, dass Träsch defensiv wie offensiv Akzente setzte, dass die erste Halbzeit stark, die zweite durchwachsen war, habe natürlich gehört, dass ein Ruck durch die Mannschaft gegangen sei, ferner, dass der neue Trainer der richtige Mann sei, der alte aber vielleicht auch der richtige gewesen wäre.

Bei Sport im Dritten habe ich dann endlich auch die Bilder zu Jens Kellers Abgrenzungsversuchen gegenüber Christian Gross sowie Armin Vehs Reaktion im Sportstudio gesehen und zunächst einmal festgestellt, dass Kellers Outfit Erinnerungen an Stielikes Sakko weckt. Abgesehen davon empfand ich seine Aussagen als unangemessen, unangemessener noch als Vehs Reaktion. Auch wenn ich bei beiden davon ausgehe, bzw. in Vehs Fall der Überzeugung bin, dass sie zumindest teilweise Recht haben. Fredi Bobic hat Jens Keller verteidigt (ab ca. 7:00). Das ist seine Pflicht, und der ist er nachgekommen.

Überhaupt kann ich die teilweise scharfe Kritik, die in meiner Timeline (das ist ein Twitter-Fachbegriff für die Menschen, deren Tweets ich lese) an Bobics Interview im SWR laut wurde, nur bedingt, besser: nur abschnittsweise teilen. Meines Erachtens ist Bobic insofern ganz passabel in das Gespräch eingestiegen, als er zunächst einen Teil seiner Hausaufgaben abgearbeitet hat. Er hob nicht nur die sportliche Verantwortung des neuen Trainers hervor, sondern schaffte es insbesondere, bereits nach 45 Sekunden erstmals den Begriff „Cheftrainer“ einzubringen, von dem ich ehrlich gesagt bis vor kurzem gar nicht wusste, dass er in der Bundesliga gebräuchlich ist, der aber ganz offensichtlich das peinliche Herumgeeiere von Präsident Erwin Staudt in der Pressekonferenz nochmals kontern sollte.

Auch die Nachfrage von Moderator Johannes Seemüller nach den Protagonisten der Entlassung (Wer ist „wir“?) beantwortete er mit einem geschichtsbewussten konsequenten „Wir sind der CKlub“. Nun könnte man natürlich kritisieren, dass „der CKlub“ vor allem „die Mitglieder“ sind, doch in Verbindung mit seiner nachgeschobenen Erläuterung „die sportliche Führung mit dem Vorstand, alle komplett“ und der in den Mund gelegten Ergänzung um den Aufsichtsratsvorsitzenden, ist seine Aussage ok, hielt er sich an den im Sprechzettel vorgesehenen Fraktionszwang. Alles andere wäre in der aktuellen Situation auch reichlich töricht.

Später verteidigte er dann, wie bereits angesprochen und in der Sache unumgänglich, Jens Keller gegen Armin Veh, der schließlich Trainer des HSV sei und sich nicht um Stuttgarter Belange kümmern möge, und wies bezüglich Sebastian Rudy in durchaus angebrachter Deutlichkeit (und das sage ich als großer Rudy-Fan) darauf hin, dass diesem von drei Trainern, besser: Cheftrainern, bescheinigt worden sei, er werde sich in Stuttgart nicht durchsetzen. Sehe ich, mit großem Bedauern, ähnlich.

Sagte ich vorhin, alles andere als eine „Wir sitzen alle im selben Boot“-Einstellung wäre töricht gewesen? Nun denn, einen kleinen Ansatz, sich entweder zu vergaloppieren oder aber Profil zu zeigen, hatte er sich dann doch gestattet: der angesprochenen Erläuterung, wer denn dieses „wir“ sei, das die sportlichen Entscheidungen treffe, ließ er einen kurzen Hinweis in eigener Sache folgen (ab ca. 2:25):

„…aber glauben Sie mir eins, die sportliche Führung gibt, und das sind Jochen Schneider und ich, geben die Vorgaben…[sic!]“

Herr Hundt, Herr Staudt, Herr Ruf, ziehen Sie sich warm an!

Ach, vielleicht ist das doch nicht nötig, wenn man die letzten gut vier Minuten des Interviews noch einmal Revue passieren lässt, die bei „Zimmer frei“ vermutlich problemlos als „ultimative Lobhudelei“ durchgehen würden: das Wiederkäuen der Hundtschen Aussagen zum Stuttgarter Personalbudget, das unter den Top 6 der Liga rangiere, die Rüge für den Ex-Trainer, der sich unbotmäßig zu Vereinsbelangen geäußert habe, die außerhalb seines Kompetenzbereichs lagen, die demütige Feststellung, dass sich „Professor Hundt“ keineswegs (zu) häufig öffentlich äußere, und natürlich die Erkenntnis, dass besagter Professor aus Uhingen, „wenn mal die ganze Emotionalität raus lässt, […] richtig gehandelt“ habe.

Natürlich. Wäre ja noch schöner.
Bis zum nächsten Mal lernt Herr Bobic auch noch den Rest:

Senator E.h. Professor h.c. Dr. sc. techn. Dieter Hundt
(ohne Gewähr)

Siehst Du, Timo, so wird das gemacht!

VfB-Hoffenheim 3-1: Während Carlos Eduardo mit seinen hochgezogenen Schultern und -zumindest abseits des Balles- vorsichtig und bedächtig gesetzten Schritten von der ersten Minute an so aussah, als wolle er so schnell wie möglich ausgewechselt werden, war der Chefposten auf dem Platz 90 Minuten lang unumstritten – zu dominant trat Sami Khedira auf. Er eroberte die Bälle, behauptete sie, verteilte sie und stellte nicht zuletzt nachlässige Kollegen in den Senkel. Mit Timo Gebhart soll er sich nach dessen Großchance 10 Minuten vor Schluss auch unterhalten haben:

„Timo, was soll der Scheiß? Spiel den Cacau an oder mach ihn rein!“

„Ja, aber…ich wollte erst…und dann wusste ich nicht recht…und der Torwart hat so gezögert…und dann dachte ich…“

„Nicht denken, Timo!
Wenn Du so zentral auf den Hüter zuläufst, zieh ein bisschen nach links oder rechts, um einen besseren Winkel zu bekommen.“

„Hä?“

„Ach komm, gib mir einfach mal den Ball, dann zeig ich’s Dir!“

Gebhart lieferte, Khedira auch.

Gemeinsam mit seinem etwas defensiveren Partner Christian Träsch ließ der Chef kaum geordnetes Offensivspiel der Hoffenheimer zu, sodass es im Grunde nur dann, wenn der beeindruckend ballgewandte Maicosuel ins Spiel kam (was zu Beginn und Ende der ersten Halbzeit etwas zu häufig der Fall war), gefährlich werden konnte.  Träsch war auch in der Vorwärtsbewegung erneut der Spieler, der die meisten Torschüsse abgab (im ZDF Videotext sind lächerliche zwei verzeichnet, dabei würde ich für mindestens fünf die Hand ins Feuer legen). Träfe er den Ball gelegentlich so wie 2008 gegen Werder oder wie Toni Kroos Woche für Woche, bräuchte sich der VfB derzeit keine Sorgen um die Torausbeute zu machen. So aber bleibt vor allem eines haften: Träsch gewinnt all jene Bälle zurück, die die Mitspieler (am Samstag gelegentlich auch er selbst) dem Gegner in den Fuß spielen, und leitet energisch, manchmal ungestüm, den eigenen Angriff ein – im günstigsten Fall heißt die nächste Station Khedira.

Ansonsten: verdienter Sieg gegen einen Gegner, der sich derzeit wohl zurecht im Niemandsland der Tabelle befindet, der aber immerhin, wie Ralf Rangnick nach dem Spiel in seiner gewohnt sympathischen Nonchalance korrekt feststellte, 9 Punkte mehr als der VfB hat und noch im DFB-Pokal vertreten ist. Wo er recht hat, hat er recht. Genau wie Schiedsrichter Manuel Gräfe, der die traditionsgemäß reflexartig umherhüpfenden Caspars Melchiors Balzers Rippenbiester Hammelswaden Schnürbeine Stehaufmännchen von der Hoffenheimer Bank lässig in ihre Schranken verwies und dabei ein wenig an die Eiche und ihren Umgang mit der Sau erinnerte.

Mit Bedauern war erneut festzustellen, dass die Cannstatter Kurve personalisierte Fangesänge weitgehend verbannt hat. Während man vor Jahren noch individuelle Rufe für zahlreiche Spieler hatte (Tomasson, Meissner, Meira, Hleb, zum Beispiel) und im Vorjahr zumindest noch Mario Gomez aus dem Standardrepertoire bediente, sind derlei Bekundungen mittlerweile verpönt. Was insofern schade ist, als beispielsweise dem verletzt am Boden liegenden Khedira, dem zu Spielbeginn vermutlich nicht völlig entspannten Sven Ulreich und dem zum Abschied noch kurz eingewechselten Ludo Magnin ein wenig individuelle Betreuung sicher nicht geschadet hätte. À propos Magnin: schöne Geste vom Trainer, die ich zwar erhofft, aber nicht unbedingt erwartet hatte.

Überhaupt, der Trainer: bei Sport im Dritten korrigierte er das in einem Beitrag gezeichnete Bild des Disziplinfanatikers mit autoritärem Führungsstil, das Valeska Homburg vorsichtig aufgenommen hatte. Er versuche vielmehr, seinen Spielern Wärme zu geben*, die sie benötigten, um zu rennen. Insgesamt ein sehenswertes Interview, in dem wir erfahren, dass Gross bisher nur mit den Leistungsträgern ausführlicher geredet hat, dass die Antwort auf die Frage, auf welche Spieler man in diesem harten Abstiegskampf wirklich zählen kann, über die Winterpause Veränderungen mit sich bringen kann, dass die Bundesliga keine Wohlfühloase sei, sondern man sich in einem Leistungsbusiness befinde, dass Gross in den nächsten Tagen Spiele(r) in England beobachten wird, dass Aliaksandr Hleb in punkto Commitment noch Luft nach oben hat, und einiges mehr.

Kalt war’s übrigens.

* Im Video ab ca. 8:40.