Wann war nochmal ganz früher?

Beim weihnachtlichen Zusammentreffen mit der Familie und vielen Freunden, die man tatsächlich kaum mehr als einmal im Jahr sieht, wurde wie so oft nicht nur viel und gern von früher gesprochen, sondern kaum weniger häufig auch von „ganz früher„. Ich dachte ja immer, dabei handle es sich um eine typische süddeutsche Unschärfe (etwa so, wie der gemeine Schwabe nicht selten „seither“ sagt, wenn er eigentlich „bisher“ meint). In anderen Regionen, wo man auch hochdeutsch kann, werde „ganz früher“ nicht im Sinn von „noch früher“, sondern ausschließlich in der vermeintlich korrekten Bedeutung „ganz zu Beginn“ (wovon auch immer) verwendet.

Zwischenzeitlich hat mir Mama Google recht deutlich vor Augen geführt, dass man auch weiter nördlich gerne „ganz früher“ sagt und dabei selbst innerhalb eines halbwegs abgeschlossenen thematischen (sagen wir: Bundesligafußball in Deutschland) und implizit auch zeitlichen Spektrums einen recht breiten Korridor im Sinn haben kann.

So liegt das ein Schalker ganz früher laut derwesten.de erst etwa eine Dekade zurück, als man seinen späteren Jahrhunderttrainer Huub Stevens feierte. Olaf Thons Sternstunde gegen die Bayern war vermutlich ganz ganz früher, Carmen Thomas und der Bundesligaskandal hatten mindestens drei ganz, und der Kreisel fällt glücklicherweise zu weit aus dem hier gewählten Vergleichszeitraum Bundesliga heraus, um ihn einzuordnen.

Für einen jungen Bremer Fan liegt ganz früher – durchaus nachvollziehbar- ebenfalls in den spätern 90ern, vielleicht auch etwas später, als Andree Wiedener noch von der Partie war, und damit liegt er gar nicht so weit von jenem ganz früher entfernt, als Willi Lemke und Uli Hoeneß sich nicht allzu sehr mochten. Dabei denkt man in München durchaus gelegentlich einen Tick weiter zurück – bis zu jenem ganz früher, als Franz Beckenbauer den Libero gab (und die ganz frühere Zeit im Mittelfeld bereits hinter sich gelassen hatte). Ein etwas späteres ganz früher datiert aus dem Jahr 1998, vor Ottmar Hitzfelds Amtsantritt, vielleicht gar aus 2008, kurz bevor Jürgen Klinsmann geheim trainierte.

In Stuttgart gab es ganz früher das Neckarstadion (auch wenn wir natürlich wissen, dass das kein erschöpfender Rückblick ist), in dem Wundermann Sundermann, Ehemann der ganz früheren Rosenthal-Assistentin Monika, Ende der 70er große Erfolge feierte. Ein wenig beißt sich dieses ganz früher im Neckarstadion mit jenem ganz, ganz früher im Gottlieb-Daimler-Stadion, das Kevin Kuranyi als Protagonisten der Champions League Saison 2003 sah.

Eher irritierend fand ich, dass auch schon im Zusammenhang mit der AOL-Arena, die ich -vermutlich völlig zu Unrecht- als den Sündenfall in punkto Stadionnamen abgespeichert habe, von ganz früher die Rede ist – man möchte dementsprechend meinen, dass Olli Dittrich (Jahrgang 1956) ein paar ganz vergessen hat, wenn er von ganz, ganz früher erzählt, wie er als Jugendlicher im Volksparkstadion in der Westkurve gestanden habe.

Überhaupt, die Fans: einer stand ganz, ganz früher (ohne nähere Zeitangabe, aber er sei schon sehr alt) im Block „G“ des Waldstadions, ein weiterer erlebte ganz früher, also vor etwa 20 Jahren, wie der Karlsruher Mehmet Scholl im Bochumer Ruhrstadion seinen VfL besiegte, und ein Dortmunder fasst sein ganz früher gar so weit, dass es vom Uefa-Cup-Finale 1993 über Günther Kutowski gegen Saragossa bis hin zum Stadion Rote Erde reicht, das die Bundesliga nur noch ein paar Jahre beherbergen durfte und so jenes ganz früher kaum noch erlebte, als Gladbach und Köln um die Meisterschaft kämpften.

Köln damals übrigens schon mit Toni Schumacher, der bei den Torleuten gerne mal unter ganz früher eingestuft wird. Dann dürfte Sepp Maier ein ganz mehr haben, und das ganz früher bei Toni Turek erscheint nicht ganz stringent. Er spielte allerdings auch nicht in der Bundesliga.

Einer seiner Mitweltmeister, Horst Eckel, hatte übrigens, so Dr. Theo Zwanziger, bereits ganz früher alle kaufmännischen Fragen seiner Spielerfrau übertragen, obwohl besagte Spielerfrauen ganz früher eigentlich nur dazu da sein sollten, den Spieler ruhig zu stellen. Aber das nur am Rande.

Abschließend soll nicht verschwiegen werden, dass man auch in Hoffenheim von ganz früher spricht. Von damals, 1899, als Dietmar Hopp noch selbst für den Verein spielte.

Ganz einfach.

Der gemeine Leser und die ebenso gemeine Zuhörerin entwickeln nach meiner Beobachtung von Zeit zu Zeit gewisse – unterschiedlich lange vorhaltende – Sensibilitäten für einzelne Begriffe oder Audrucksweisen. Dies bezieht sich häufig, aber keineswegs ausschließlich, auf importierte Ausdrücke aus Fach-, Szene- oder Fremdsprachen wie beispielsweise „sexy“, „fett“, „nicht wirklich“ oder „One Touch Football“, die man von Anfang an bzw. nach einer mehr oder weniger ausgeprägten Hochphase schlichtweg nicht mehr hören kann will.

Die Gründe dafür sind vielfältig: den einen stört die grammatische Fragwürdigkeit, der nächsten missfällt eine Konnotation, andere sind Sprachpuristen aus Überzeugung, wieder andere werden der häufig gehörten Ausdrücke bloß überdrüssig, etc…

Beispielsweise ist die Sensibilität für das grammatische Geschlecht von Blogs in vielen Fällen nicht nur Gegenstand einer gewissen Sensibilität; häufig erscheint es eher gerechtfertigt, von „Obsession“ zu sprechen. Ein anderes Beispiel ist das eines Freundes, der erst vor einigen Jahren lernte, dass „der einzige“ als Superlativ ausreicht, und dem es seither schlicht unmöglich ist, „der einzigste“ großzügig zu überhören.

Mein persönliches Unwort lautet derzeit „einfach“. Ich kann es nicht ertragen, wenn man mir ganz grob folgendes erklärt:

„Das ist ein Kinderspiel. Verbinde einfach das Soundso-Kabel mit einem xyz-Adapter, den Du dann einfach in die Z-Buchse steckst. Vorher musst Du diese Buchse nur mit Hilfe des ABC-Tricks manipulieren, und dann fügst Du’s einfach zusammen.“

Meine Wahrnehmung schließt in solchen Fällen unweigerlich eine Einleitung ein, die ungefähr folgendermaßen lautet:

So, mein kleines Dummerchen, jetzt hör mir mal gut zu. Papa erklärt’s Dir ganz idiotensicher. Das haben schon ganz andere Schwachköpfe hinbekommen.

Mir ist völlig klar, dass diese Interpretation den hilfsbereiten Mitmenschen in den seltensten Fällen gerecht wird. Vermutlich verwenden sie das Wörtchen „einfach“, gerne auch mal „nur“, lediglich, um mir die Scheu zu nehmen, um mein Selbstbewusstsein zu stärken, und um zu betonen, dass es wirklich nicht allzu schwierig sei. Wenn es aber so einfach ist, wieso hab ich’s dann nicht selbst hinbekommen?

Gestern hat übrigens mein Vater angerufen, weil er wieder mal mit seinem Computer nicht zurecht kam. Meine Antwort begann mit „Versuch‘ einfach mal, …“

#FAIL