Vatersohnfußballwochenende

Ein langes Fußballwochenende liegt hinter uns. Klar, das tut es meist, bei uns allen, aber aktuell erlaube ich mir, das in erster Linie auf meinen Sohn und mich zu beziehen. Ein Vater-Sohn-Fußballwochenende, quasi, das am Donnerstag mit dem Europapokaldebüt des jungen Mannes begann.

Der Gegner hieß Steaua Bukarest, und natürlich war das Neckarstadion gegen den ehemaligen Europapokalsieger – wer erinnert sich nicht an den Helden von Sevilla, Helmuth Duckadam ? – komplett nahezu halb nicht einmal zu einem Drittel ausverkauft, sondern trist und leer. Was immerhin den in diesem Fall positiven Nebeneffekt hatte, dass ich mich mit meinem Sohn etwas näher ans Spielfeld setzen (ja, setzen) konnte und er nicht wieder auf einem wackligen Klappstuhl versuchen musste, sich um die Vorderleute herumzuwinden. Was zum Zeitpunkt des Führungstreffers noch der Fall gewesen war, der ja schon nach vier Minuten fiel. Also unmittelbar vor dem Ausgleich, den zu beschreiben (der junge Mann muss ja viele Reize verarbeiten und lässt sich gerne mal die Geschehnisse auf dem Feld nacherzählen) mir körperliche Schmerzen verursachte. Ganz grundsätzlich, und vielleicht noch ein bisschen mehr, weil es nicht zuletzt Sakai betraf.

Ansonsten vermittelte das Spiel einen schönen Vorgeschmack dessen, was mich an den folgenden Tagen erwarten sollte, sah man doch zwei Mannschaften, die sich fernab taktischer Zwänge und ohne Abwehrreihen zeitweise darauf beschränkten, einen abgefangenen Ball entweder am Fuß oder per Luftpost so lange und unstrukturiert in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen, bis wieder der umgekehrte Effekt eintrat. Die Kopfbewegungen der an den Geraden positionierten Zuschauer mögen an Tennis erinnert haben. Leider war die Zahl der unforced errors verdammt hoch.

Der junge Mann war’s trotzdem zufrieden, zudem kennt er nun die Bedeutung der Fans für den Verein und weiß um die Vor- und Nachteile wie auch um die Bedeutung der einzelnen Tribünenbereiche. Nach meinen subjektiven Kriterien, wie es sich gehört.

Tags darauf setzte sich der von allen taktischen Zwängen befreite Fußball dahingehend fort, dass Kamke junior zu seinem ersten offiziellen Fußballtraining ging, um sich dort eben jenem zu widmen. Dieser Premiere war eine nicht ganz leichte Geburt vorausgegangen. Vier oder fünf Elternpaare, eine Großstadt, zahlreiche Fußballvereine, unzählige Termineinschränkungen, umfassende Internetrecherchen, beeindruckende Excelsheets, Sie wissen schon.

Letztlich ging der junge Mann am Freitag allein – d.h. ohne seine Freunde, aber natürlich mit dem den jugendlichen Übungsleitern gegenüber betont nonchalant auftretenden Vater – zum Training, bei einem Verein, dem der besagte Vater in gewisser Weise verbunden ist, und alles war gut. Der Nachwuchsspieler, der weder als Jahrhunderttalent noch als übertrieben mutig und kontaktfreudig gilt, machte völlig selbstverständlich mit, schlug sich wacker, hatte riesigen Spaß und konnte dies auch dem aus der Ferne zusehenden, meist aber in den eigenen Kick mit der etwas jüngeren Tochter vertieften Erziehungsberechtigten vermitteln.

Was dann dazu führte, dass besagter Vater (moi), als die Trainer den Sohn lobten und gemeinsam mit diesem die Frage stellten, ob er, der Sohn, denn bereits tags darauf beim Verbandsspieltag mitwirken könne und dürfe, nichts dagegen haben konnte. Aus einem Informationsdefizit heraus. Schließlich war ich noch in meinen eigenen Erfahrungen als Jugendtrainer verhaftet, damals, als die F-Jugend – als ob es bei uns in der Provinz Bambini gegeben hätte – samstags um zwei eine Dreiviertelstunde lang spielte. (Zudem brauchte man damals Spielerpässe und Vereinsmitgliedschaften, aber das nur am Rande.)

„Schön, also bis morgen früh um acht“ war demnach auch nicht ganz die Reaktion, die ich nach meiner Zusage erwartet hatte. Dass es zudem bis zum frühen Nachmittag dauern sollte, war dann auch schon egal – bye-bye, Barcamp Stuttgart, aber was tut man nicht alles als engagierter TennisFußballvater. Also bereitete ich den frisch gebackenen Bambino schonend darauf vor, dass er damit rechnen müsse, relativ viel Zeit an der Seitenlinie zu verbringen, alldieweil seine Mitspieler ja schon länger dabei seien, mehr geübt hättn, besser wüssten, wie so ein Spiel ablaufe, und so weiter, aber was will man einem „Wieso? Ich bin doch auch gut!“ schon entgegensetzen?

Und tatsächlich durfte er im ersten Spiel von Beginn an auflaufen, was möglicherweise seiner Größe und einem Mangel an Innenverteidigern zuzuschreiben war. Quatsch, die Positionen beschränken sich bei nur vier Feldspielern dann doch eher auf „vorne“ und „hinten“, vielleicht ergänzt um „links“ und „rechts“, was beim einen oder der anderen allerdings bereits zu Verwirrung führen dürfte.

Wie auch immer: der junge Mann ist groß gewachsen, halbwegs schusskräftig und sehr engagiert, sodass man sich seitens der Trainer wohl eine gewisse defensive Stabilität versprochen hatte, zumal er durchaus in der Lage ist, sich je nach Spielsituation auch als abkippender Sechser in einem recht fluiden Gesamtsystem zurechtzufinden. Sagt der träumende Vater. Am Rande des Spielfelds hörte ich von einer Spielermutter oder -tante, dass das Spiel strukturierter ablaufe, als sie sich das gedacht hatte, und stimmte ihr, mich des donnerstäglichen Europapokalabends erinnernd, uneingeschränkt zu.

Insgesamt verlief der in Turnierform ausgetragene Spieltag, betrachtet man nur die Ergebnistafel, nicht allzu erfolgreich. Vier Niederlagen standen eher wenige Siege entgegen, doch immerhin traf man in der letzten Partie – gegen den stärksten Gegner – zweimal, sodass die Null nicht nur hinten, sondern auch vorne nicht stand. Der Spielfreude aller Jungs (zu meiner Überraschung war kein Mädchen dabei) tat der vermeintlich überschaubare Erfolg keinen Abbruch, Schuldzuweisungen gab es keine, die Trainer sitzen nach wie vor fest im Sattel, Kamke junior freute sich wie Bolle über angemessene Spielanteile und die Vielzahl an Toren, die er im Lauf des Tages – also zwischen den Spielen – erzielt hatte, gelegentlich auch alleine spielend, aber egal. Bewegung, Freude am Spiel, Fußballbegeisterung – Vaterherz, was willst Du mehr?

Und während der Vater am Nachmittag doch noch ein wenig zum Barcamp ging, löste der Sohn endlich die letztjährige Stecktabelle auf, nicht ohne dabei ein Infografikmassaker zu denEuropapokal-, Auf- und Abstiegsregelungen anzurichten, das ausschnittsweise so aussah:

… und gänzlich ohne väterliches Zutun den VfB (und den HSV) einerseits sowie die Bayern und Borussia Dortmund andererseits an entgegengesetzten Enden der Tabelle positionierte.

Wiederum einen Tag später hatte der VfB Gelegenheit, zum Erreichen der dargestellten Tabellensituation beizutragen, was indes nur bedingt gelang. Vater und Sohn pendelten zwischen Videotext, Livetickern und dem einen oder anderen animierten russischen Standbild, frugen sich, wo Holzhauser sei – schließlich steht er, wiederum ohne bewusstes väterliches Zutun, ganz selbstverständlich in jeder Aufstellung des Sohnes –, räumten aber eine deutliche Aufstellungs- wie auch Leistungssteigerung gegenüber den vorhergehenden Spielen ein.

Die Sache mit Niedermeier, der in Kinderaugen mit seinem Bandenjubel vom Donnerstag deutlich an Profil gewonnen hatte, war erneut eine schöne Geschichte, auch wenn Kamke senior nur bedingt versteht, was da gerade passiert. Über Jahre hinweg wurde er vielerorts, auch von mir, sportlich durchaus kritisch gesehen, nicht zuletzt der Spieleröffnung wegen, häufig aber als solider dritter Mann geschätzt. Mit Maza, in der Vorsaison ebenfalls ein anständiger dritter Mann, aber eben auch kein Top-Innenverteidiger, bei dem vor allem die Verlässlichkeit in Sachen „grobe, potenziell spielentscheidende Schnitzer“ ins Auge sticht, liefert er sich seit einem guten Jahr ein Duell auf Augenhöhe.

Dass er sich zu Saisonbeginn hinten anstellen musste, kam ein wenig überraschend, wurde aber mit Trainings- und Vorbereitungseindrücken hinreichend begründet. Unglücklich für ihn, sicherlich, vielleicht auch bedauerlich fürs Mannschaftsklima, aber ein „Schlag ins Gesicht“ sieht anders aus. Öffentlicher Widerspruch neutraler wie auch dem VfB wohlgesinnter Beobachter hielt sich in Grenzen.

Nun machte Niedermeier also seinem Ärger Luft, mehrfach, öffentlich, und sah sich von einer Welle der Solidarität getragen. Es bedarf keiner ausgeprägten Neigung zu freier Interpretation, um die Nachtigall trapsen zu hören. Der Schorsch, das ist ein Kerl! Der muckt gegen den Trainer auf, den wir alle nicht mehr so gerne hier sehen wollen. Weil er die jungen Spieler nicht einsetzt. Weil er Hajnal immer noch spielen lässt. Weil er sich nicht gegen die Stuttgarter-Weg-Farce durchsetzen kann. Weil die Mannschaft unansehnlich spielt, und dann noch nicht einmal erfolgreich. Weil wir einen anderen Anspruch haben. Der Schorsch ist gegen den Trainer, wir sind gegen den Trainer, und jetzt kommt irgendwas mit dem Feind meines Feindes.

Mich ärgert das alles auch. Hajnal, der Umgang mit den jungen Spielern, die Spielweise, die Kaderzusammenstellung, you name it. Aber ich bin auch der festen Überzeugung, dass sich kein Arbeitgeber wiederholte öffentliche Kritik in dieser Form gefallen lassen kann, und, wenn ich ehrlich bin, erst recht kein „Ich fühle mich davon nicht angesprochen“ als Reaktion auf eine deutliche Ermahnung.

Ich schätze Niedermeier als Typen, mir gefallen sein Engagement und seine Identifikation, ich jubelte ihm damals gegen Wolfsburg und auch jetzt gegen Bukarest oder Bremen zu – unabhängig davon, dass ich die taktische Maßnahme nicht allzu weit vom Armutszeugnis entfernt verorte –, aber ich bin eben auch der Meinung, dass er froh sein muss (und wir mit ihm), dass er zuletzt überhaupt im Kader sein konnte.

Dass sich indes der Sportdirektor gezwungen sah, sich an die Seite des Trainers zu stellen und diesem somit den Rücken zu stärken, ist nicht zuletzt Niedermeiers Verdienst.

Die Kamkes haben ihn dennoch gefeiert. Und Cacau. Traoré.

Der Kapitän, der Trainer und die Schieberoption

Das spielte sich ja alles in der entfernten Platzhälfte ab, ich konnte es also gar nicht so ganz genau sehen. Vielleicht war es demnach gar nicht so, dass Cacau relativ früh in der ersten Halbzeit irgendwo im Niemandsland der Kölner Hälfte einen Tick zu spät kam und seinen Gegenspieler am süddeutschen Fuß erwischte. Möglicherweise bilde ich mir nur ein, eine kurze entschuldigende Geste von ihm gesehen zu haben, ehe er bemerkte, dass der Schiedsrichter gepfiffen hatte, und er dementsprechend in den Rumpelstilzchenmodus wechseln musste.

Wie gesagt: ich kann nicht ganz ausschließen, dass besagte einsichtige Geste nur der Entfernung oder meiner blühenden Phantasie geschuldet ist; der aufgeführte Veitstanz, wenn auch in zu diesem Zeitpunkt des Spiels noch gemäßigter Version, war indes sehr real, und letztlich verdeutlichte er mir, dass der Mann schlichtweg nicht anders kann. Dass das was mit Pawlow zu tun hat. Wenn er der Presse erzählt, wie vor einigen Wochen geschehen, dass er sich doch deutlich geändert habe, nicht mehr so, um es in meinen Worten zu sagen, eigensinnig, selbstbezogen oder auch aufbrausend sei, dann bin ich überzeugt, dass er genau das glaubt. Dass er, wenn er die Szenen von außen oder am Fernseher sähe, fragen würde, wer denn diese Person sei, die sich da so unmöglich benehme. Er kann nichts dafür. Vielleicht sollte man ihn davor schützen.

Vermutlich sollte ich hinzufügen, dass ich nicht zu denen gehöre, die ihm jeden Abschluss vorwerfen. Oft genug habe ich schon zum Meckern angesetzt, als er aus aussichtsloser Position einfach mal draufhielt  – und mich Sekundenbruchteile später zum Torjubel zwang. (Und nein, es bedarf nicht der Reminiszenz an Bielefeld in der Meistersaison, um das zu untermauern.) Ich finde es in Ordnung, wenn er auch mal aus spitzem Winkel den Abschluss sucht oder den besser postierten Nebenmann nicht beachtet. Nicht immer, aber manchmal. Wenn aber dazu kommt, wie ebenfalls am Samstag erlebt, dass er Mitspieler zur Schnecke macht, die sich erlauben, aufs Tor zu schießen, obwohl er gar nicht viel schlechter postiert war als sie, dann geht mir der Hut hoch. Unabhängig davon, dass auch Christian Gentner in der zweiten Hälfte nicht allzu gut daran tat, von seiner Wolke aus jeden Ball in Richtung Tor zu pusten. Und unabhängig davon, dass es allen Spielern erlaubt ist, einem Schuss nachzusetzen, anstatt sich über das ausgebliebene Abspiel zu beschweren. Selbst der stets engagierte Martin Harnik hätte da noch Luft nach oben gehabt und mit viel Glück sogar den Angriff unterbinden können, der zum 2:2 führte – aber ich will nicht ausschließen, dass mich da der erste Eindruck, einer gewissen Erregung geschuldet, ein wenig trog.

Im Übrigen bin ich hin- und hergerissen. Ich rechne es Bruno Labbadia hoch an, dass er Julian Schieber ein paar Comebackminuten schenkte. Habe mich auch über dessen Unterstützung aus der Kurve sehr gefreut (wie übrigens auch darüber, dass Teile eben dieser Kurve den Pfiffen bei Cacaus Auswechslung einen kurzen Aufmunterungsgesang für den Kapitän entgegneten). Gleichzeitig aber nagt in meinem Hinterkopf ein wenig die Frage, ob das Spiel anders verlaufen wäre, also besser, wenn der Trainer, anstatt sich die Schieberoption offen zu halten, früher und anders gewechselt hätte. Traoré gebracht und Okazaki nach vorne gestellt, zum Beispiel. Gelegentlich erwische ich mich gar bei dem Gedanken, dass man – im zunehmenden Bewusstsein, selbst bei allem Bemühen kein Tor mehr zu erzielen – einen zusätzlichen defensiven Spieler hätte einbauen können. In diesen schwachen Sekunden fällt mitunter gar der Name Niedermeier.

Und dann vergegenwärtige ich mir ganz schnell, dass ich mich erst vor wenigen Tagen wieder einmal zur Übergangssaison bekannt habe, und implizit dazu, dass der konzeptuelle Ansatz mitunter höher zu bewerten ist als ein oder zwei ermauerte Punkte. Und dann wünsche ich mir in meiner Naivität, dass Labbadia genau deshalb keinen defensiven Spieler gebracht haben möge: weil er nunmehr begonnen hat, alles auf die kommende Saison auszurichten. Weil Julian Schieber sein Mann ist. Weil der VfB dominant auftreten und immer ein 3:1 suchen soll, anstatt ein 2:2 mit deutschen Tugenden zu verteidigen. Weil er in Kauf nimmt, dass man im Überschwang auch mal etwas falsch macht und daraus ganz viel lernt. Egal, ob derjenige nun Schieber oder Okazaki, vielleicht gar Kvist oder demnächst eben Bauer, Hemlein oder Holzhauser heißt. Geht doch eh nur um die goldene Ananas dieses Jahr, schließlich wissen wir alle, wo der VfB herkommt und dass wir uns in Demut üben müssen. Das ist ein Stuttgarter Weg, mit dem ich mich anfreunden kann. Guter Entschluss, Herr Labbadia.