Mandatsniederlegung

Bruno Labbadia hat es nicht leicht in diesen Tagen. Die Ergebnisse stimmen nicht, eine ästhetische Komponente ist im Spiel seiner Mannschaft nicht vorhanden, seine Verdienste werden nicht gewürdigt, die Herkunft der Mannschaft ignoriert, seine Bitte um Unterstützung durch die Fans wohl vor allem deshalb, weil sie von ihm kommt, müde belächelt, sein Kader ist nicht überwältigend, und die neuen Spieler sind eher nicht der Kategorie „Soforthilfe“ zuzuordnen.

Dies sind nur einige der Punkte, die ich mir in den Tagen vor dem Spiel gegen den HSV vor Augen führte, um mich selbst ein wenig zu besänftigen. Es gelang nur sehr bedingt, und doch griff ich des Trainers Argumente vor dem Anpfiff auf, um gegenüber meinen Mitsehern den Advocatus Labbadiae zu geben. Ich äußerte so etwas wie Verständnis dafür, dass er gegen Lazio Tamas Hajnal einwechselte, dessen Spiel jenem von Alexandru Maxim möglicherweise etwas stärker ähnelt als das von Raphael Holzhauser, ließ sogar den Hinweis, eben dieser Holzhauser sei körperlich nicht bereit für drei Spiele innerhalb einer Woche, durchgehen, ohne die Frage nach dem Verantwortlichen für den körperlichen Zustand der Spieler zu stellen, und vermied lautes Gelächter ob des gerne und von vielen Seiten ausgeschöpften komischen Potenzials, das Holzhausers Einwechslung in der 93. Minute in sich barg.

Es gelang mir ohne allzu große Überwindung, darauf hinzuweisen, dass Lazio derzeit wirklich nicht der Maßstab des VfB sein könne, unabhängig davon, ob die Italiener mit ihrer ersten Elf angetreten sind, und dabei zu betonen, dass all das Negative, das in diesem „derzeit“ mitschwingt, nur zum Teil dem Trainer anzulasten sei. Namen wie Mäuser, Ruf und Bobic fielen, selbst den Hinweis darauf, dass die Sache mit den „jungen Wilden“ auch schon vor Labbadia und Bobic nicht mehr so recht geklappt habe, ließ ich nicht außen vor. Und verstieg mich zu der Behauptung, dass mir der VfB nicht erst seit Labbadias Wirken, sondern bereits seit Jahren nicht mehr den Eindruck vermittelt habe, fußballerisch so stark und gefestigt zu sein, dass man gegen halbwegs gut organisierte Mannschaften regelmäßig nicht nur bestehen, sondern kreative Lösungen finden könne, um sie zu schlagen.

Ob ich mit meinen Argumenten zu den Zuhörern durchdrang, weiß ich nicht. Dass ich zu mir selbst nicht so recht durchdrang, kann ich indes mit Gewissheit sagen. Ich empfinde es als gewöhnungsbedürftig, wenn Bruno Labbadia einem Journalisten, der danach fragt, ob die vielen langen Bälle von ihm so gewollt seien, die Gegenfrage stellt, ob derjenige, der ihn nun seit zwei Jahren kenne, denn selbst glaube, dass der Trainer das so wolle, in der offenkundigen Absicht, ein „Nein“ zu hören. Und ich bedaure ein wenig das Ausbleiben einer Entgegnung im Sinne von:  „Offensichtlich ist das so. Oder tut die Mannschaft nicht, was Sie sagen?

Ok, das wäre billig. Und doch fällt es mir schwer, zu glauben, dass – es tut mir leid, dass ich schon wieder ihn heranziehe – Raphael Holzhauser von sich aus die Entscheidung traf, zu Spielbeginn regelmäßig sehr tiefe Positionen einzunehmen, mitunter hinter den Abwehrspielern, um von dort lange Diagonalbälle zu spielen, ehe die Verteidiger diese dann wieder selbst schlugen. Er müsse da auf die Entscheidung seiner Spieler vertrauen, oder so ähnlich, sagte Labbadia hernach, und wolle sie nicht „in den Tod reinschicken“, indem er sie zwinge, zu spielenspielenspielen, also auf besagte lange Bälle zu verzichten. Irgendwie wollte er es dann wohl doch, oder verstehe ich da was falsch?

Interessant, so eine Pressekonferenz. Die auch Klarheit darüber brachte, dass Holzhauser nicht etwa wegen der langen Bälle ausgewechselt worden war, sondern weil er, etwas verkürzt, keinen Zugriff auf das Spiel bekommen habe. Oder dass Molinaro nicht wegen der lautstarken Intervention der Zuschauer ob seiner bevorstehenden Einwechslung draußen blieb, sondern weil Harnik entgegen seiner eigenen urspünglichen Ansage doch nicht ausgewechselt werden musste. Ich will das gern glauben und hoffen, dass der VfB die nächste Stufe von deinfussballclub.stu doch noch nicht gezündet hat und die spieltaktischen Entscheidungen weiterhin denjenigen Personen obliegen, die dafür bezahlt werden. Unabhängig von der Qualität dieser Entscheidungen. (Aber ich zweifle ein bisschen.)

Vielleicht sollte ich noch sagen, dass ich nicht gut pfeifen kann. Bzw., an dieser Stelle relevanter: nicht laut. Man hätte mich also eher nicht gehört. Tatsächlich pfiff ich aber gar nicht. Ich war zu diesem Zeitpunkt längst über lautstarken Protest hinaus. Hatte mein Mandat als Advocatus Labbadiae niedergelegt. Aber wenn ich gepfiffen hätte, dann wären es Stellvertreterpfiffe gewesen. Sie hätten nicht Cristian Molinaro gegolten. Nicht einmal unbedingt dieser Auswechslung, denn ich konnte den Gedanken nachvollziehen, entweder ihn oder Boka nach vorne zu ziehen, um über links etwas zu bewegen.

Sie hätten Bruno Labbadia gegolten, für den Fußball, den er spielen lässt. Und, in meinem Fall, für sein anhaltendes Gejammer. Ich denke, mit dieser Stellvertreterregelung stehe ich keineswegs alleine da, und bin guter Dinge, dass Molinaro, ein kluger junger Mann, das sehr wohl einzuordnen weiß.

Der Umstand, dass die Zuschauer mit Blick auf Trainer und Vereinsführung noch ein wenig deutlicher wurden, erlaubt möglicherweise den Schluss, dass man ihnen diese Abstraktions- und Transferleistung nicht zutraut.

Abschließend noch kurz ein Gedanke, der mich im Lauf des Spiels befiel und bei mir blieb. Oder besser: eine Vorstellung. Ich versuche seit Mitte der ersten Halbzeit, mir vorzustellen, wie es wohl wäre, Christian Gentner in einer guten Fußballmannschaft zu sehen. In einer Mannschaft, deren Abläufe funktionieren, die taktisch auf der Höhe ist, die individuell so stark ist, dass Gentner einer von vielen guten Spielern ist und nicht der eine, der fast immer eine vernünftige Lösung findet, der mit Herzblut voranschreitet, der die langen Wege geht, das Tempo anzieht, die Linien schließt und nebenbei auch noch torgefährlich sein soll.

Gewiss, es wäre arg einfach, an dieser Stelle auf die Jahre 2009 und vor allem 2007 zu verweisen, aber als Illustration helfen sie durchaus. Schöne Vorstellung, irgendwie, für Gentner. Blöd nur, dass sie nichts mit dem VfB zu tun haben könnte.

Zuversicht

Woher kommt sie immer wieder, diese jeder rationalen Betrachtung zuwiderlaufende Zuversicht? Dieses unwiderstehliche Gefühl, das einen dazu bringt, mit leuchtenden Augen und voller Vorfreude ins Stadion zu eilen, unter Vernachlässigung nicht ganz unwichtiger Paralleltermine wie auch monetärer Erwägungen, die ans Prinzipielle heranreichen, ganz selbstverständlich davon ausgehend, dass der eigene Verein gegen einen Wettbewerber, der nachweislich in einer anderen Liga spielt, bestehen könne?

Wie kommt man dazu, sämtliche Vorleistungen zu ignorieren und zu glauben, die eigene Mannschaft, deren jüngster Catenaccio-Auftritt das eigene Selbstverständnis überdeutlich zur Schau stellte, zeige nun, ganz plötzlich, entgegen aller Wahrscheinlichkeit und dem Übungsleiter, ansehnlichen, gleichermaßen nach vorne gerichteten wie erfolgreichen Fußball, gegen eine Mannschaft, die mindestens zur gehobenen Mittelklasse des europäischen Vereinsfußballs zählt?

Natürlich sieht man seine Fehleinschätzung im Lauf der 90 Minuten ein, meist wesentlich früher; selbstverständlich schüttelt man danach noch stundenlang den Kopf, ist sich der Situation in vielerlei Hinsicht bewusst – und kann es doch wieder nicht begreifen, obwohl die Fakten in beispielhafter Klarheit vor einem ausgebreitet wurden. Von einem souveränen, taktisch und körperlich präsenten Gegner. Und von der eigenen Mannschaft, immer wieder. Die individuellen Fehler vor den Toren bleiben hängen; die anderen mögen weniger schwerwiegende unmittelbare Folgen nach sich ziehen, bewegen sich aber häufig auf ähnlichem Niveau.

Im vorliegenden Fall exponierten sich bei den Toren zunächst Boka und Kvist, denen Hajnal und Gentner nur wenig nachstanden, ehe ihnen Rüdiger mit seiner Türsteherattitüde („Bis hierher und nicht weiter. Ich weiche keinen Schritt zurück; wenn Du vorbei willst, muss Du mindestens einmal mit dem Hintern wackeln.„) ein wenig den Rang ablief. Aber wie gesagt: viele andere taten es ihnen ähnlich. Lazio brauchte dem VfB die Grenzen im Grunde gar nicht aufzuzeigen, er selbst kam – so hoffe ich zumindest – nie in ihre Nähe.

Und während man so vor sich hinbrütet, irgendwie nach Lösungen suchend, die über den ohnehin als unumgänglich vorausgesetzten Trainerwechsel hinaus reichen, kommt von irgendwoher schon wieder diese irrationale Zuversicht:

„Ein Gutes hat das Ganze ja: das Thema Hajnal ist nun endgültig durch.“

Und man spürt, ja weiß, dass einen die Realität im Verbund mit Bruno Labbadia einmal mehr Lügen strafen wird.

Tags darauf sieht man sich dann tatsächlich Videos aus dem Landesmeisterpokal 1988/89 an, als die Bayern in San Siro 3:1 gewannen. Die spinnen doch, die Fußballfans.

Plagiattor

Es ist mir ein wenig unangenehm. Fast schäme ich mich meiner Gedanken. Aber es hilft ja nichts, sie waren da. Unvermittelt.

Ich habe zwei Tore miteinander verglichen. Und damit meine ich nicht die beiden von Messi und Maradona. Bei denen sich die Protagonisten in einem Bereich, den man zumindest aus meinem, Verzeihung, Blickwinkel als Augenhöhe bezeichnen könnte, bewegen.

Gleichwohl sprechen wir auch hier, zumindest im einen Fall, von einem recht profilierten Treffer. Oder anders: der eine wurde vor Jahrzehnten auf der ganz großen Bühne erzielt, der andere jüngst beim Neujahrsempfang der grauen Mäuse. Der eine Torschütze lief zehn Meter hinter der Mittellinie los, der andere nur zehn Zentimeter. Der eine wurde ein wenig ernsthaft angegriffen, dem anderen gewährte man Geleitschutz. Der eine war zweifellos ein Weltstar, der andere möchte gern. Der Weltstar marschierte im högschden Tempo durchs Mittelfeld, beim anderen hätte dafür gar keine Notwendigkeit bestanden. Der eine überwand den Torwart in unhaltbarer Art und Weise, der andere überwand den Torwart auch.

Die Unterschiede sind also unverkennbar. Die Parallelen in Ball- und Laufweg indes ebenso. Ballannahme halblinks, an der Mittellinie Tempo aufnehmen, kurzer Haken nach rechts, leicht diagonaler Lauf, Flachschuss aus halbrechter Position, links unten schlägt er ein: Diego kopierte Lothar Matthäus.

Wie ich schon sagt: der Gedanke ist mir unangenehm. Sowas entsteht halt, wenn man sich so ein Spiel ansieht. Fast hätte ich „ansehen muss“ geschrieben. Spaß hat das nämlich wahrlich keinen gemacht, Ballbesitzzahlen hin, „ordentliches Auswärtsspiel“ (Bruno Labbadia) her.

Dann denke ich doch wesentlich lieber über die WM 1990 nach, als über den völlig überraschend aufgetretenen personellen Engpass im Stuttgarter Angriff. Oder gar über die Begründung, weshalb Okazaki sich besser zurechtfinden sollte, wenn er Tamas Hajnal an seiner Seite hat. Oder hinter sich, wie auch immer. Ganz zu schweigen von der nach dem Spiel eröffneten Diskussion um den Wolfsburger Innenverteidiger Felipe Lopes, der den VfB in der Rückrunde verstärken soll.

Keine Ahnung, ob er das kann. Ich mache mir nur (also doch!) Gedanken. Über die Halbwertszeit von Aussagen zu Transferprioritäten. Über die, ganz vorsichtig ausgedrückt, Nasenstüber für Benedikt Röcker und vor allem Antonio Rüdiger. Und ein bisschen auch darüber, ob das Spiel gegen die Bayern die Trainervertragsverlängerungsdiskussion ihrer Dynamik ein wenig berauben könnte.

Die Empörung ist dahin

Ende der 90er Jahre empörte mich der FC Bayern München ein wenig. Indem er sich weigerte, Thomas Helmer einen neuen Vertrag zu geben. Jenem Thomas Helmer, dessen verbundene Knie wir noch alles aus Wembley in Erinnerung hatten (was dem FC Bayern egal sein konnte, mir persönlich aber sehr präsent war) und der in den Jahren zuvor ein Garant des Münchner Erfolgs gewesen war, eine verlässliche Führungsfigur. Meine romantische Ader war damals noch recht ausgeprägt.

In den Trennungswochen bis zum Saisonende und in die Sommerpause hinein musste ich bereits dem einen oder anderen Kommentator zustimmen, der den Münchner Verantwortlichen Respekt zollte für ihre Entscheidung, die Leistungen der Vergangenheit außen vor zu lassen, als es darum ging, die aktuelle Leistungsfähigkeit und die kurz- bis mittelfristigen Perspektiven zu bewerten. Vermutlich hatten sie recht: es reichte einfach nicht mehr für ganz oben. Und da wollten sie hin.

Im Lauf der Jahre bin ich abgeklärter geworden. Sah ein, dass manchmal jemand nicht mehr gut genug ist, man aber nicht von den Spielern erwarten kann, ihre Karriere zu beenden – wäre ja noch schöner! Konnte damit umgehen, dass Real Raúl auf seine alten Tage ein wenig umhertingeln ließ. Zuckte kurz, wenn auch ein wenig bedauernd, mit den Schultern, als Dedês Dienste nicht mehr so recht erwünscht waren. Verdrückte bei Pardos Abschied die eine oder andere Träne – nicht ohne gleichzeitig dem neuen starken Mann, Khedira, zu huldigen.

Und hätte auch kein Problem damit gehabt, wenn der VfB dem Helden der Fastabstiegssaison einen schnöden und wenig heroischen Wechsel nahegelegt hätte. Ein Problem habe ich eher jetzt. Dabei mag ich Tamas Hajnal. Sehr sogar. Ich schätze ihn als Typen, nehme ihn als freundlich, sympathisch, engagiert und außerordentlich professionell wahr. Wage zu behaupten, dass der VfB vor zwei Jahren ohne ihn abgestiegen wäre. Unabhängig von Bruno Labbadia. Im Spiel ist auch heute noch zu sehen, dass er immer vorangehen will. Als erster den Sprint anzieht, wenn es darum geht, vorne den Ball zu erobern. Die Bälle fordert, den entscheidenden Pass spielen will. Sich für ein Foul nicht zu schade ist.

Und doch: es reicht nicht. Vielleicht ist er nicht schnell genug, vielleicht hat sich sein Spiel überlebt, vielleicht war er auch nie ein Mann für ganz oben. Oder nur 2009, als er in Dortmund in tragender Rolle Platz 6 erreichte. 2009/10 waren seine Einsatzzeiten schon deutlich geringer, und ansonsten hatte er insbesondere dann überdurchschnittliche Werte erzielt, wenn seine Mannschaft in der zweiten Liga spielte (Kaiserslautern) oder in der Bundesliga unter ferner liefen rangierte (Karlsruhe 2008, Stuttgart 2011).

Im Vorjahr bereitete er, das soll nicht unter den Tisch fallen, beachtliche 10 Treffer vor, und wenn wir ehrlich sind, fragen wir, die wir die meisten Spiele sahen, uns noch heute, wie das passieren konnte. Hatte er sich doch vor allem dadurch ausgezeichnet, dass er das Spiel langsam machte. Doch sei’s drum: ich will auch die letzte Saison noch unter „gelungen“ ablegen. Bei einer Mannschaft, die immerhin – und wenn wir ehrlich sind, fragen wir, die wir die meisten Spiele sahen, uns noch heute, wie das passieren konnte – einen Europapokalplatz errang.

Dieses Jahr war’s noch nichts mit Scorerpunkten. Und keiner fragt sich, wie das passieren konnte. Es erscheint vielmehr als logisches Resultat dessen, was er auf dem Platz bringt. Ungeachtet des Umstands, dass er immer vorangehen will. Als erster den Sprint anzieht, wenn es darum geht, vorne den Ball zu erobern. Die Bälle fordert, den entscheidenden Ball spielen will. Sich für ein Foul nicht zu schade ist. Ohne Effektivität, ohne den einen oder anderen Moment, der nicht einmal genial sein, aber doch zumindest inspiriert wirken muss, ist das nichts.

Tamas Hajnal ist in meinen Augen ein Spieler, der dann ein bisschen besonders sein kann, wenn er Torgefahr kreiert. Für sich selbst oder, ungleich öfter, für andere. Als soliden Mittelfeldarbeiter braucht man ihn nicht zu beschäftigen. Da gibt es andere, bessere, effektivere. Und bestimmt auch jüngere, um kurz den in diesen Zeiten verdammt schlecht ausgeschilderten Stuttgarter Weg zu bemühen. In der laufenden Saison kann ich mich an keinen Torschuss von Hajnal erinnern, bundesliga.de hat deren 4 gezählt. (So viele hat selbst Kvist.)

Natürlich kann ich mir dennoch Argumente vorstellen, ihn im Kader zu behalten. Er ist professionell, pflegeleicht, verlässlich, kann dem einen oder anderen jungen Spieler möglicherweise als Mentor dienen. Man erinnert sich hierzustadte gerne an Markus Babbel (zumindest in diesem Kontext), der in der Meistersaison auf gerade mal zwei Einsätze kam, nachdem er einige Monate zuvor noch vorsichtig  in den Dunstkreis der Nationalmannschaft geredet worden war (ich bin mir sicher: Xavier Naidoo hätte ein Sprüchlein für ihn gefunden): Serdar Tasci war ihm schlichtweg einteilt, und zwar auch dank Babbels Anleitung. Bliebe die Frage, ob Hajnal dazu bereit und in der Lage wäre. Ersteres würde ich, rein aus dem Bauch heraus, klar bejahen, zweiteres mit einem Fragezeichen versehen.

Ich zögere schlichtweg, den zweifellos soliden Bundesligaprofi Hajnal mit Markus Babbel auf eine Stufe zu stellen, der mit reichlich Erfahrung auf höchstem Niveau gesegnet war. Ob Raphael Holzhauser und Daniel Didavi – inwieweit sie als Paradebeispiele für demütige, lernwillige Jungprofis gelten dürfen, sei dahingestellt – von Hajnal in diesem Maße profitieren könnten, kann ich letztlich natürlich nicht seriös beurteilen, ganz im Gegensatz zu den Herren Labbadia und Bobic. Aber ich erlaube mir, es zu bezweifeln. Und gegebenenfalls auf Christian Gentner als Vorturner und Ratgeber zu verweisen.

Letztlich zerbreche ich mir den Kopf ohnehin völlig umsonst. Zum einen ist das Thema durch, der Vertrag verlängert. Zum anderen bezweifle ich, dass die Motivation der erfolgten Vertragsverlängerung die eben angerissene war. Vielmehr gehe ich davon aus, dass Hajnal noch immer als ernsthafte Alternative gilt. Als potenzielles Kreativzentrum quasi. In einem Verein, der unter ferner liefen rangieren will.

Was mich nicht einmal mehr empört.

Mein Herz schlägt links

Ein wenig lag es auch daran, dass mein Sohn wieder Fußball gespielt hat. Erfolgreicher als in der Vorwoche, übrigens. Vor allem aber war war es ein grundsätzliches, (nicht nur) familienbedingtes Zeitproblem, das mich am Samstag daran hinderte, das Spiel des VfB in Nürnberg zu verfolgen. Natürlich könnte ich ergänzen, dass angesichts der jüngsten Leistungen auch mein Interesse, meine Lust, ihnen zuzusehen, geschwunden sei. Was nicht nur populistisch, sondern schlicht unwahr wäre.

So habe ich mich wohl oder übel auf die eine oder andere Zusammenfassung und viel Schriftliches beschränkt, habe von Labbadias zurückhaltendem Auftritt nach dem Spiel erfahren, von einem irgendwie augenthalersch anmutenden Mannschaftsabend ohne das Führungspersonal, von Mutmaßungen über des Trainers Anteil an der veränderten Taktik. In der örtlichen Qualitätspresse las ich Forderungen nach Führungsspielern, wie wir sie auch auf Bundesebene zur Genüge kennen, und mancherorts wurde berichtet, dass der Trainer vor drei Wochen ein richtungsweisendes Gespräch mit Raphael Holzhauser geführt habe. Interessant in diesem Zusammenhang die bereits vor dem Spiel angeklungene Frage, ob Labbadia mit dem ersten Startelfeinsatz des jungen Mannes nur gewinnen oder nur verlieren könne.

Für ersteres sprach, dass bei einer guten Leistung der Trainer rechtzeitig Konsequenzen haben würde (noch dazu nach besagter, zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannter vorhergehender verbaler Weichenstellung), während ein schlechter Holzhauser nur die seit langem regelmäßig wiederkehrenden Aussagen der sportlichen Leitung, wonach die jungen Leute noch nicht soweit seien, bestätigen würde.

Verfechter der zweiten These (Es war nicht nur in meinem Kopf. Aber hauptsächlich.) vertraten indes die Ansicht, dass eine gute Leistung des Hajnal–VertretersVerdrängers Labbadias Gerede der letzten Wochen ad absurdum führen würde (also: Verlierer!), während ein schwacher Holzhauser zum einen dem VfB und damit dem Trainer schaden würde und zum anderen ohnehin dem mangelnden Vertrauen (vulgo: Nachwuchsallergie) seitens der Entscheidungsträger geschuldet wäre. So wie Antonio Rüdigers kapitaler Fehler bei seinem jüngsten Drittligaeinsatz dem ständigen Hin und Her zwischen den beiden Mannschaften zuzuschreiben sei, wie man gelegentlich hörte.

Da rückblickend niemand so genau zu wissen scheint, wie gut Holzhauser tatsächlich spielte, und zudem vielerlei Interpretationsansätze über Bruno Labbadias Einsilbigkeit (gespickt mit einer grundsätzlichen Schelte, von der sich jeder oder niemand angesprochen fühlen durfte) verbreitet wurden, bleibt die obige Diskussion letztlich genau so obsolet, wie sie von vornherein war. Aber halt in meinem Kopf.

Was bei mir hängen blieb: Holzhausers Chance zum 2:0. Wie er zum Ball ging, wie er abschloss. Weil er in mir die Erinnerung daran weckte, wie ich dereinst als Kind Jugendlicher junger Erwachsener Fußballer gerne ein Linksfuß gewesen wäre.

Linksfüßer waren immer irgendwie lässiger, häufig eleganter, nicht selten genial bis genialisch, ob in der C-Jugend-Normalstaffel oder ganz oben, vor allem auf offensiven Kreativpositionen. Nicht von ungefähr war die 10 ursprünglich die Nummer des Halblinken, aber das wissen wir ja alle längst, und komm‘ mir keiner mit inversen Halbspielern oder solchem Zeug! Dieser Drang, Overath nachzueifern, oder Andi aus unserer Ersten, gerne Hagi oder Hansi Müller, dem Spielmacher der A-Jugend aus dem Nachbarort oder dem unvergleichlichen Uwe Bein, um nur einige wenige zu nennen, prägte mich schon ein wenig, auch wenn ich selbst im Lauf der Zeit zunehmend defensiver spielte.

Zumindest aber trug er dazu bei, dass mein linker Fuß für einen mit rechts Sozialisierten ganz passabel war, und früge man mich heute nach meinen schönsten Toren, was aus gutem Grund niemand tut, aber man kann sich ja mal in die Situation versetzen, so wäre wohl noch immer jener linke Chip aus der B-Jugend ganz vorne dabei, nach einer zu kurz abgewehrten Ecke, von der Strafraumgrenze.

Mir ist schon klar, dass es auch damals schon ganz gute Rechtsfüßer gab, und dass meine Wahrnehmung nicht immer völlig objektiv war. Ich hörte von Micouds Eleganz, von Zidanes Einzigartigkeit, Socrates‘ Lässigkeit und von Schuster im Allgemeinen. Netzer und Platini zählen insofern nicht, als ich sie gedanklich lange Zeit als Linksfüßer h.c. kategorisiert hatte.

Was ich sagen wollte: Wie Holzhauser an diesen Ball heranlief, mit langen, raumgreifenden Schritten, und wie er ihn ohne weitere Kontrolle mit einer gleichermaßen sparsamen wie effetheischenden Bewegung in der keinen Widerspruch duldenden Überzeugung, ihn um den Torwart herum in die kurze Ecke zu platzieren, neben das Tor zirkelte, war eines Linksfüßers würdig.

Im Übrigen wünschte ich mir als Jugendspieler auch O-Beine.

Vatersohnfußballwochenende

Ein langes Fußballwochenende liegt hinter uns. Klar, das tut es meist, bei uns allen, aber aktuell erlaube ich mir, das in erster Linie auf meinen Sohn und mich zu beziehen. Ein Vater-Sohn-Fußballwochenende, quasi, das am Donnerstag mit dem Europapokaldebüt des jungen Mannes begann.

Der Gegner hieß Steaua Bukarest, und natürlich war das Neckarstadion gegen den ehemaligen Europapokalsieger – wer erinnert sich nicht an den Helden von Sevilla, Helmuth Duckadam ? – komplett nahezu halb nicht einmal zu einem Drittel ausverkauft, sondern trist und leer. Was immerhin den in diesem Fall positiven Nebeneffekt hatte, dass ich mich mit meinem Sohn etwas näher ans Spielfeld setzen (ja, setzen) konnte und er nicht wieder auf einem wackligen Klappstuhl versuchen musste, sich um die Vorderleute herumzuwinden. Was zum Zeitpunkt des Führungstreffers noch der Fall gewesen war, der ja schon nach vier Minuten fiel. Also unmittelbar vor dem Ausgleich, den zu beschreiben (der junge Mann muss ja viele Reize verarbeiten und lässt sich gerne mal die Geschehnisse auf dem Feld nacherzählen) mir körperliche Schmerzen verursachte. Ganz grundsätzlich, und vielleicht noch ein bisschen mehr, weil es nicht zuletzt Sakai betraf.

Ansonsten vermittelte das Spiel einen schönen Vorgeschmack dessen, was mich an den folgenden Tagen erwarten sollte, sah man doch zwei Mannschaften, die sich fernab taktischer Zwänge und ohne Abwehrreihen zeitweise darauf beschränkten, einen abgefangenen Ball entweder am Fuß oder per Luftpost so lange und unstrukturiert in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen, bis wieder der umgekehrte Effekt eintrat. Die Kopfbewegungen der an den Geraden positionierten Zuschauer mögen an Tennis erinnert haben. Leider war die Zahl der unforced errors verdammt hoch.

Der junge Mann war’s trotzdem zufrieden, zudem kennt er nun die Bedeutung der Fans für den Verein und weiß um die Vor- und Nachteile wie auch um die Bedeutung der einzelnen Tribünenbereiche. Nach meinen subjektiven Kriterien, wie es sich gehört.

Tags darauf setzte sich der von allen taktischen Zwängen befreite Fußball dahingehend fort, dass Kamke junior zu seinem ersten offiziellen Fußballtraining ging, um sich dort eben jenem zu widmen. Dieser Premiere war eine nicht ganz leichte Geburt vorausgegangen. Vier oder fünf Elternpaare, eine Großstadt, zahlreiche Fußballvereine, unzählige Termineinschränkungen, umfassende Internetrecherchen, beeindruckende Excelsheets, Sie wissen schon.

Letztlich ging der junge Mann am Freitag allein – d.h. ohne seine Freunde, aber natürlich mit dem den jugendlichen Übungsleitern gegenüber betont nonchalant auftretenden Vater – zum Training, bei einem Verein, dem der besagte Vater in gewisser Weise verbunden ist, und alles war gut. Der Nachwuchsspieler, der weder als Jahrhunderttalent noch als übertrieben mutig und kontaktfreudig gilt, machte völlig selbstverständlich mit, schlug sich wacker, hatte riesigen Spaß und konnte dies auch dem aus der Ferne zusehenden, meist aber in den eigenen Kick mit der etwas jüngeren Tochter vertieften Erziehungsberechtigten vermitteln.

Was dann dazu führte, dass besagter Vater (moi), als die Trainer den Sohn lobten und gemeinsam mit diesem die Frage stellten, ob er, der Sohn, denn bereits tags darauf beim Verbandsspieltag mitwirken könne und dürfe, nichts dagegen haben konnte. Aus einem Informationsdefizit heraus. Schließlich war ich noch in meinen eigenen Erfahrungen als Jugendtrainer verhaftet, damals, als die F-Jugend – als ob es bei uns in der Provinz Bambini gegeben hätte – samstags um zwei eine Dreiviertelstunde lang spielte. (Zudem brauchte man damals Spielerpässe und Vereinsmitgliedschaften, aber das nur am Rande.)

„Schön, also bis morgen früh um acht“ war demnach auch nicht ganz die Reaktion, die ich nach meiner Zusage erwartet hatte. Dass es zudem bis zum frühen Nachmittag dauern sollte, war dann auch schon egal – bye-bye, Barcamp Stuttgart, aber was tut man nicht alles als engagierter TennisFußballvater. Also bereitete ich den frisch gebackenen Bambino schonend darauf vor, dass er damit rechnen müsse, relativ viel Zeit an der Seitenlinie zu verbringen, alldieweil seine Mitspieler ja schon länger dabei seien, mehr geübt hättn, besser wüssten, wie so ein Spiel ablaufe, und so weiter, aber was will man einem „Wieso? Ich bin doch auch gut!“ schon entgegensetzen?

Und tatsächlich durfte er im ersten Spiel von Beginn an auflaufen, was möglicherweise seiner Größe und einem Mangel an Innenverteidigern zuzuschreiben war. Quatsch, die Positionen beschränken sich bei nur vier Feldspielern dann doch eher auf „vorne“ und „hinten“, vielleicht ergänzt um „links“ und „rechts“, was beim einen oder der anderen allerdings bereits zu Verwirrung führen dürfte.

Wie auch immer: der junge Mann ist groß gewachsen, halbwegs schusskräftig und sehr engagiert, sodass man sich seitens der Trainer wohl eine gewisse defensive Stabilität versprochen hatte, zumal er durchaus in der Lage ist, sich je nach Spielsituation auch als abkippender Sechser in einem recht fluiden Gesamtsystem zurechtzufinden. Sagt der träumende Vater. Am Rande des Spielfelds hörte ich von einer Spielermutter oder -tante, dass das Spiel strukturierter ablaufe, als sie sich das gedacht hatte, und stimmte ihr, mich des donnerstäglichen Europapokalabends erinnernd, uneingeschränkt zu.

Insgesamt verlief der in Turnierform ausgetragene Spieltag, betrachtet man nur die Ergebnistafel, nicht allzu erfolgreich. Vier Niederlagen standen eher wenige Siege entgegen, doch immerhin traf man in der letzten Partie – gegen den stärksten Gegner – zweimal, sodass die Null nicht nur hinten, sondern auch vorne nicht stand. Der Spielfreude aller Jungs (zu meiner Überraschung war kein Mädchen dabei) tat der vermeintlich überschaubare Erfolg keinen Abbruch, Schuldzuweisungen gab es keine, die Trainer sitzen nach wie vor fest im Sattel, Kamke junior freute sich wie Bolle über angemessene Spielanteile und die Vielzahl an Toren, die er im Lauf des Tages – also zwischen den Spielen – erzielt hatte, gelegentlich auch alleine spielend, aber egal. Bewegung, Freude am Spiel, Fußballbegeisterung – Vaterherz, was willst Du mehr?

Und während der Vater am Nachmittag doch noch ein wenig zum Barcamp ging, löste der Sohn endlich die letztjährige Stecktabelle auf, nicht ohne dabei ein Infografikmassaker zu denEuropapokal-, Auf- und Abstiegsregelungen anzurichten, das ausschnittsweise so aussah:

… und gänzlich ohne väterliches Zutun den VfB (und den HSV) einerseits sowie die Bayern und Borussia Dortmund andererseits an entgegengesetzten Enden der Tabelle positionierte.

Wiederum einen Tag später hatte der VfB Gelegenheit, zum Erreichen der dargestellten Tabellensituation beizutragen, was indes nur bedingt gelang. Vater und Sohn pendelten zwischen Videotext, Livetickern und dem einen oder anderen animierten russischen Standbild, frugen sich, wo Holzhauser sei – schließlich steht er, wiederum ohne bewusstes väterliches Zutun, ganz selbstverständlich in jeder Aufstellung des Sohnes –, räumten aber eine deutliche Aufstellungs- wie auch Leistungssteigerung gegenüber den vorhergehenden Spielen ein.

Die Sache mit Niedermeier, der in Kinderaugen mit seinem Bandenjubel vom Donnerstag deutlich an Profil gewonnen hatte, war erneut eine schöne Geschichte, auch wenn Kamke senior nur bedingt versteht, was da gerade passiert. Über Jahre hinweg wurde er vielerorts, auch von mir, sportlich durchaus kritisch gesehen, nicht zuletzt der Spieleröffnung wegen, häufig aber als solider dritter Mann geschätzt. Mit Maza, in der Vorsaison ebenfalls ein anständiger dritter Mann, aber eben auch kein Top-Innenverteidiger, bei dem vor allem die Verlässlichkeit in Sachen „grobe, potenziell spielentscheidende Schnitzer“ ins Auge sticht, liefert er sich seit einem guten Jahr ein Duell auf Augenhöhe.

Dass er sich zu Saisonbeginn hinten anstellen musste, kam ein wenig überraschend, wurde aber mit Trainings- und Vorbereitungseindrücken hinreichend begründet. Unglücklich für ihn, sicherlich, vielleicht auch bedauerlich fürs Mannschaftsklima, aber ein „Schlag ins Gesicht“ sieht anders aus. Öffentlicher Widerspruch neutraler wie auch dem VfB wohlgesinnter Beobachter hielt sich in Grenzen.

Nun machte Niedermeier also seinem Ärger Luft, mehrfach, öffentlich, und sah sich von einer Welle der Solidarität getragen. Es bedarf keiner ausgeprägten Neigung zu freier Interpretation, um die Nachtigall trapsen zu hören. Der Schorsch, das ist ein Kerl! Der muckt gegen den Trainer auf, den wir alle nicht mehr so gerne hier sehen wollen. Weil er die jungen Spieler nicht einsetzt. Weil er Hajnal immer noch spielen lässt. Weil er sich nicht gegen die Stuttgarter-Weg-Farce durchsetzen kann. Weil die Mannschaft unansehnlich spielt, und dann noch nicht einmal erfolgreich. Weil wir einen anderen Anspruch haben. Der Schorsch ist gegen den Trainer, wir sind gegen den Trainer, und jetzt kommt irgendwas mit dem Feind meines Feindes.

Mich ärgert das alles auch. Hajnal, der Umgang mit den jungen Spielern, die Spielweise, die Kaderzusammenstellung, you name it. Aber ich bin auch der festen Überzeugung, dass sich kein Arbeitgeber wiederholte öffentliche Kritik in dieser Form gefallen lassen kann, und, wenn ich ehrlich bin, erst recht kein „Ich fühle mich davon nicht angesprochen“ als Reaktion auf eine deutliche Ermahnung.

Ich schätze Niedermeier als Typen, mir gefallen sein Engagement und seine Identifikation, ich jubelte ihm damals gegen Wolfsburg und auch jetzt gegen Bukarest oder Bremen zu – unabhängig davon, dass ich die taktische Maßnahme nicht allzu weit vom Armutszeugnis entfernt verorte –, aber ich bin eben auch der Meinung, dass er froh sein muss (und wir mit ihm), dass er zuletzt überhaupt im Kader sein konnte.

Dass sich indes der Sportdirektor gezwungen sah, sich an die Seite des Trainers zu stellen und diesem somit den Rücken zu stärken, ist nicht zuletzt Niedermeiers Verdienst.

Die Kamkes haben ihn dennoch gefeiert. Und Cacau. Traoré.

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Zu Beginn der zweiten Halbzeit machte sich ein wenig Überraschung breit. Bei mir zumindest. Während der Pause hatten sich die Wolfsburger Ersatzspieler mit großer Ernsthaftigkeit aufgewärmt, anstatt einfach nur ein bisschen fünf gegen zwei zu spielen, während die Stuttgarter Platzhälfte zunächst verwaist geblieben war. Letzteres mag sich im Lauf der Pause geändert haben, ich selbst bekam es nicht mit, zu sehr beanspruchte Lady Ländle mit ihrem Jubelgewinnspiel meine Aufmerksamkeit – der kleine oder auch große Bruder von Trash-TV nun also auch im Neckarstadion, das Vorgängerprogramm „Fan des Tages“ entwickelt sich rückblickend unverhofft zur Qualitätsunterhaltung.

Während ich also noch meinen Gedanken zu besagter Dame in gelb nachhing, pfiff Schiedsrichter Tobias Welz (sagte ich, dass am Mittag im Schlienz Karl Valentin den Sieg der U17 gegen den KSC geleitet und ich mich nicht entblödet hatte, mir Liesl Karlstadt als Linienrichterin vorzustellen?) die zweite Halbzeit an, ohne dass ich bis dahin der Einwechslung von Tunay Torun gewahr geworden wäre. Wer kann auch damit rechnen, dass Bruno Labbadia bereits zum Seitenwechsel einen Spielerwechsel vornimmt? Man ist geneigt, von einem vernichtenden Urteil über die Leistung des ausgewechselten Tamas Hajnal zu reden. Also sprach ich etwas irritiert meinen Nebenmann auf den Vorgang, man möchte fast sagen Vorfall, an, der mir aber mit seiner gelassenen Antwort jeden Wind aus den Segeln nahm:

„Unser Trainer guckt halt zu.“

Ja, das musste es sein. Er guckt zu. Und zieht Konsequenzen. Er hatte tatsächlich gesehen, dass Hajnal weit davon entfernt war, dem Stuttgarter Angriffsspiel nennenswerte Impulse zu geben, und der eine oder andere mag sich gefragt haben, ob der Trainer das nicht auch schon früher hätte erkennen können, wenn er denn hingesehen hätte. Nein, nicht früher im Sinne von „nach einer Viertelstunde“, eher im Sinne von „in der Sommerpause“ – oder vielleicht hat er ja, und Tunay Torun ist tatsächlich, wie die örtliche Presse zu berichten weiß, der kommende Mann auf der „Zehn“. Dass Kevin Stöger in derlei Diskussionen überhaupt nicht vorkommt, ist überaus bedauerlich, scheint aber im Moment nicht nur bei der sportlichen Leitung Konsens zu sein.

Möglicherweise hatte der Trainer auch bei Maza genau hingeschaut und ihn zur Pause darauf hingewiesen, dass ein Bundesligaspiel nicht der richtige Anlass sei, die in der Stuttgarter Innenverteidigung traditionell beliebten Diagonalbälle („Delpierrsche Diagonale„) unermüdlich mit dem schwächeren Fuß zu üben – auf dass irgendwann doch mal einer ankommen möge. Tatsächlich hatte der Trainer nämlich auch gesehen, so vermute ich zumindest, dass Tim Hooglands Spielvorbereitung ganz wesentlich in einem Gespräch mit William Kvist bestanden hatte, dem zufolge er die Mittellinie nur in Ausnahmefällen übertreten sollte, nicht aber für bloße Diagonalbälle. Im Ernst: Hoogland zeigte ein solides Debüt – die gefährlichen Wolfsburger Situationen, und davon gab es reichlich, entstanden zumeist über deren rechte Angriffsseite –, doch in der Vorwärtsbewegung blieb er, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, sehr zurückhaltend. Zu zurückhaltend, um gemeinsam mit Martin Harnik eine Bedrohung darzustellen.

Bruno Labbadia beobachtete weiterhin treffend, dass Ibrahima Traoré in der ersten Halbzeit ein (besser: der) Aktivposten war, dass er aber in Halbzeit zwei, als man das Spiel endlich in die Hand nahm und lange Zeit kaum noch Wolfsburger Chancen zuließ, kaum mehr nennenswert in Erscheinung trat, und wechselte ihn folgerichtig aus. Aber das könnte was werden mit Traoré und Boka. In der Theorie. Praktisch braucht man sich nur die Großchancen von Dejagah und Olic in der ersten Halbzeit vor Augen zu führen, um besagte Theorie stark anzuzweifeln.

Was der Trainer auch gesehen haben dürfte: In der zweiten Halbzeit zeigte die Mannschaft phasenweise ein Engagement, wie es sonst meist Situationen vorbehalten ist, wenn der Gegner kurz vor Schluss führt. Am Samstag bemühte man sich schon zuvor sehr intensiv. Dummerweise sah Bruno Labbadia dabei allerdings kein sonderlich ideenreiches Vorgehen. Und im ganzen Spiel so gut wie keine Torchance. Ok, Cacaus Fernschuss, Mazas Abseitstor aus einer Standardsituation, und dann tatsächlich jene eine herausgespielte Chance aus einer schönen Kombinationen (Boka – Traoré, Sie wissen schon), als Benaglio knapp vor Ibisevic klären konnte.

Und dann war da halt noch die Schlussphase. Die hat der Trainer auch gesehen, und seine Geheimwaffe Niedermeier gezogen. Kann ich ihm nicht einmal verübeln.

Nicht gesehen hat er indes, im Gegensatz zu mir, den werten Herrn @LLcurly von der Gazzetta di Kalk. Sein Pech.

Was hingegen ich nicht sehen konnte, war das Hinspiel gegen Moskau. Dabei war ich selten so schnell von daheim zum Neckarstadion geradelt wie an jenem Mittwoch. Dummerweise hatte ich die selbst um die Mittagszeit verkündete Erkenntnis ignoriert:

Stattdessen kam ich erst kurz vor Anpfiff zum Stadion, starrte ungläubig auf eine 30 Meter lange Schlange vor dem Kassenhäuschen (der Singular ist eine lediglich geringfügige Übertreibung) und machte kehrt. Hernach erfuhr ich von Wartzeiten in der Größenordnung von einer halben Stunde. Alles richtig gemacht, selbst kicken gegangen.

And now for something completely different:
Tusche looking at things.

Berückende Bundesliga

Betrachtet man die zurückliegende Saison des VfB Stuttgart noch einmal etwas intensiver und beschäftigt sich insbesondere mit der ausnehmend guten Rückrundenbilanz, so kommt man keinesfalls umhin, Gotoku Sakai, Vedad Ibisevic und Georg Niedermeier in absoluter Objektivität als ausschlaggebend zu bezeichnen, bzw. vor allem den Umstand, dass sie Boulahrouz, Maza und Cacau bzw. Pogrebnyak verdrängen konnten. War man in der Hinrunde auf der einschlägigen 11er-Skala meist noch zwischen 4 und 6 gependelt, so erreichte man in der Rückrunde dank der drei genannten Herren regelmäßig Werte von 7 oder 8.

Besonders bemerkenswert, wenn auch nicht im Einklang mit dem Startelfgebot, war die Phase zwischen der 46. und 58. Minute am 30. Spieltag in Augsburg, als der VfB tatsächlich mit den Nummern 1-9 auf dem Platz stand. Bedenkt man zum einen, dass die 10 nicht vergeben und die 11, Audel, das ganze Jahr über verletzt war, und zum anderen, dass von den beiden Ergänzungsspielern der eine, Hajnal, als klassischer Zehner ebendort spielte und der andere, Schieber, als Linksaußen auf der 11 agierte, darf man wohl ohne Übertreibung von den besten gut zwölf Minuten der Saison sprechen.

Beeindruckend auch der 34. und 25. Spieltag, als zunächst sowohl der HSV als auch der VfB mit jeweils 8 aus 11 in die Partie gingen und eine Woche darauf der VfB mit acht der ersten elf begann, während Kaiserslautern gar mit deren neun aufhörte. Aufschlussreich war dabei nicht zuletzt, dass die beiden Mannschaften noch in der Hinrunde mit vier gegen vier ins Spiel gegangen waren.

Der eben schon angesprochene HSV trat bei mindestens 5 Partien mit 9 klassischen Nummern an, am 16. Spieltag fehlte zwischen der 69. und 84. Minute gar nur die 3, Michael Mancienne, um ein rundum stimmiges Bild abzugeben. Im Saisonschnitt standen beim HSV pro Spiel knapp 8 Spieler mit Rückennummern zwischen 1 und 11 beim Anpfiff auf dem Platz, was angesichts der durchwachsenen Hamburger Saison dem Schluss, dass eine Orientierung an traditionellen Werten nicht zwingend zum Erfolg führt, nicht im Wege steht.

Wenn man dann noch bedenkt, dass Absteiger Hertha den zweithöchsten Wert erreicht (ohne Berücksichtigung der Nummerierung in der Relegation, vor Gericht und auf hoher See), lässt das bereits tief blicken. Möglicherweise hat also der VfB seinen Uefa-Cup-Platz letztlich eher trotz als wegen seiner noch immer deutlich über 6 Klassiker in der, man muss es so sagen, Durchschnittself erreicht.

Darüber hinaus lassen auch die Bilanzen von Kaiserslautern, das in der Hinrunde, als man (zugegeben: nur stichprobenartig überprüft) häufiger mit höheren Nummern antrat, immerhin noch den einen oder anderen Zähler holte, und des SC Freiburg, der in der ersten Saisonhälfte mit den Herren Bastians (Nr. 3), Butscher (5), Abdessadki (6), Cissé (9) und Nicu (10) eher überschaubar punktete, in der Rückrunde aber, als aus den ersten elf zum Teil nur noch Baumann und Makiadi aufliefen, eine bemerkenswerte Bilanz erzielte, aufhorchen.

Sicher, all das sind nicht mehr als schwache Indizien, wenn überhaupt, man könnte vielleicht auch von Scharlatanerie sprechen. Und doch möchte man es sich ja nicht nehmen lassen, auch einmal an jenes Ende der Skala zu schauen, wo die Mannschaften erscheinen, die nur wenige Spieler aus den ersten elf zum Einsatz kommen lassen. So wie der FC Bayern im vorletzten Saisonspiel gegen den VfB, als nur einer auflief, noch dazu die 11, die halt grade noch so dazugehört.

Ja, ja, ich weiß, gegen den VfB reichte auch die B-Elf der erfolgsverwöhnten Münchner, war ein nicht repräsentatives Beispielspiel.

Betrachtet man nämlich die gesamte Saison, so stellt sich die Situation völlig anders dar. Also fast. Immerhin 2,8 Bayern standen im Schnitt beim Anpfiff mit einer Standardnummer auf dem Feld, was – ich verkneife mir Sätze, die mit immerhin oder wenigstens beginnen – den ligaweiten Spitzenwert darstellt. Knapp dahinter Schalke, das 2,9 klassische Starter zu verzeichnen hatte. Der einzige weitere Verein, der weniger als 4 Spieler mit einer Traditionsnummer auf das Feld schickte, war mit einem Wert von 3,8 wer? Genau: Borussia Dortmund.

Schlussfolgerungen bezüglich Korrelationen oder gar Kausalitäten zwischen sportlichem Erfolg und dem Einsatz der von mir so geschätzten Spieler zwischen 1 und 11 seien der geneigten Leserin selbst überlassen.

Man könnte sich natürlich überlegen, was das für die Duelle Schmelzer (3) – Boateng (20), Hummels (5) – Mertesacker (17), Klose (11) – Gomez (23) oder gar Neuer (1) – Wiese (12) bedeuten mag.

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Falls sich jemand für die Bilanzen der anderen Bundesligisten interessiert: Ich hatte mir überlegt, sie in Form einer 18-teiligen Klickstrecke, möglicherweise um die eine oder andere Werbeeinblendung ergänzt, zur Verfügung zu stellen. Leider fehlt mir die technische Kompetenz. Ergo.

Fehler sind wahrscheinlich, Hinweise willkommen.

Verbalbeurteilung 2012

Im abgelaufenen Jahr waren die Leistungen der Gruppe nicht nur erneut recht wechselhaft; vielmehr gelang es wiederum, durch konzentrierte Leistungen im zweiten Halbjahr ein noch vor wenigen Monaten kaum für möglich gehaltenes Abschlussniveau zu erreichen. Erstmals seit Jahren war es zudem möglich, Kontinuität beim Lehrpersonal zu gewährleisten.*

* Ein Umstand, der anderen Einrichtungen nicht vergönnt war und der sie mitunter zu ungewöhnlichen Lösungen (Pensionäre, Lehrpersonal mit fragwürdiger Ausbildung, Rückgriff auf ehemalige Schützlinge oder freigestellte Ehemalige, …) zwang.

Leider gelang es bei den jüngeren Jahrgängen wie auch bei der Ausbildungskoordination nicht, diese Kontinuität zu gewährleisten, was die Umsetzung des Leitbilds der Einrichtung, insbesondere mit Blick auf die Weiterentwicklung der nachrückenden Jahrgänge, erschwert. Eine entsprechend demütige Herangehensweise scheint geboten. Lehrpersonal und Verwaltung werden diesbezüglich auch weiterhin Beispiel gebend wirken.

Sven konnte im Lauf des Jahres mit guten, in Teilbereichen außergewöhnlichen Resultaten nicht nur die Gruppe und das Lehrpersonal von seiner Leistungsfähigkeit überzeugen. Nicht zuletzt dank zahlreicher erfolgreich absolvierter Einzelprüfungen und einer bemerkenswerten linearen Herangehensweise ist Svens Ansehen enorm gestiegen. Gelegentlich wären ihm eine höhere und stärker nach vorne gerichtete Gedankenschnelligkeit sowie ein spielerischer Umgang mit potenziell schwierigen Situationen zu wünschen. Sven erhält einen Preis. Einen hohen.

Arthurs Leistungen ließen zu keinem Zeitpunkt auf ein ernst zu nehmendes Interesse schließen, über den Sommer hinaus in der Einrichtung zu bleiben. Seine zahlreichen Fehlzeiten waren nur selten selbst gewählt, sondern meist durch das Lehrpersonal angeordnet. Angesichts eines möglichen Verbleibs aus sozialen Gründen durfte er zuletzt erneut an einigen Prüfungen teilnehmen, ohne ansprechende Leistungen zu erbringen. Zudem brachte er seinen Kameraden Sven wiederholt durch gegen diesen gerichtete Alleingänge in Bedrängnis.

Cristian gelang es auch im abgelaufenen Jahr nicht, seine teilweise sehr guten Leistungen mit der erwünschten Konstanz zu erbringen. Immer wieder vermischen sich die erfreulich offensiv vorgetragenen positiven Eindrücke mit Situationen, in denen er sich zu leicht in die Defensive drängen lässt und ein wenig den Überblick verliert. Der im Raum stehende Wechsel zu einer ausländischen Einrichtung hängt sicherlich von den Rahmenbedingungen ab, ist jedoch aus Sicht unserer Einrichtung nur bedingt zu empfehlen. Bemerkenswert ist im Übrigen Cristians konsequenter Umgang mit einschlägig bekannten Petzen.

Gotoku stieß im Winter aus einer ausländischen Einrichtung zur Gruppe und sollte aus Sicht der Leitung zunächst einen längeren Integrationskurs durchlaufen, den er aber dank außergewöhnlicher beiderseitiger Anstrengungen und einer ebensolchen Lernwilligkeit rasch abbrechen konnte, um statt dessen an exponierter Position und mit bemerkenswertem Erfolg an zahlreichen Prüfungen teilzunehmen. Im kommenden Jahr wird es, unserem Einrichtungsleitbild widersprechend, auch darum gehen, dass er vergisst, wo er herkommt, und lahme Vergleiche mit Leben füllt. Gotoku erhält ein Lob.

Khalid erbrachte in diesem Jahr verlässlich ansprechende Leistungen und konnte im Gegensatz zu den Vorjahren auch sein Interesse an einem erfolgreichen Abschluss vermitteln – sowohl am eigenen als auch an dem seiner Freunde, die er verschiedentlich vorbereitend unterstützte. Leider reichen seine Leistungen gleichwohl nicht aus, um sein Stipendium fortzuführen.

Stefano erfüllte die auf Basis seiner Vorleistungen angepassten Erwartungen in vollem Umfang. Sehr bemerkenswert ist seine Kompetenz im Bereich der sogenannten neuen Medien, die allerdings mit unserem Profil nur schwer in Einklang zu bringen ist. Gemeinsam mit der Verwaltung kam er einträchtig zu dem Schluss, die Einrichtung zu wechseln.

Antonio durfte im Lauf des Jahres erstmals an einigen Einheiten mitwirken und in einem Fall auch an einer Prüfung teilnehmen, worauf er sehr stolz war. Einem jüngeren Jahrgang entstammend, bereitete ihm dabei der Niveauunterschied noch(?) gewisse Probleme und hinderte ihn mitunter, elegantere Lösungen zu finden. Dabei ist festzustellen, dass auch der Randplatz für seine Integration gewiss nicht förderlich war.

Serdar erbrachte das gesamte Jahr über konstant und zuverlässig gute Leistungen. Erstmals gelang es ihm, sich gänzlich auf Übungseinheiten und Prüfungen zu konzentrieren, zudem hielt er die Fehlzeiten gering. Unaufgeregt trug er, spätestens im Frühjahr auch äußerlich sichtbar, Verantwortung für die Gruppe und konnte bedrohliche Situationen immer wieder mit der ihm eigenen Eleganz lösen. Dass ihm die Teilnahme an einem internationalen Sportfest verwehrt blieb, ist sehr bedauerlich und vermutlich nur einer zum Jahresende hin erlittenen Sportverletzung geschuldet. Serdar erhält einen Preis.

Georg gelang es in einer in diesem Maß unerwarteten Art und Weise – nach einem nicht zufrieden stellenden Vorjahr und einer längeren krankheitsbedingten Abwesenheit –, zum Jahreswechsel hin wieder verlässlich ansprechende Leistungen und entsprechende Prüfungsresultate zu erbringen. Seine Gruppenarbeiten mit Serdar verliefen in der Regel gleichermaßen harmonisch wie ergebnisorientiert. Sehr rasch übernahm er zudem wieder Verantwortung in der und für die Gruppe. Speziell sein häufig unterschätztes Faible für Technik setzte er dabei mitunter recht offensiv ein.

Francisco stieß vor dem abgelaufenen Jahr zur Gruppe und nahm gleich einen frei gewordenen zentralen Platz ein, was ihm die Integration deutlich erleichterte. Seine Leistungen waren von Beginn an solide; einzelne Ausrutscher, die zunächst nicht allzu sehr ins Gewicht fielen, trübten indes schon früh den Gesamteindruck. Dies setzte sich im zweiten Halbjahr nahtlos fort, sodass er nur noch seltener zu Prüfungsleistungen zugelassen werden konnte. Zuletzt handelte es sich offensichtlich um eine Kopfsache.

Matthieu hatte, zunächst krankheitsbedingt, erneut lange Fehlzeiten zu verzeichnen. Beim Versuch, das Versäumte durch Nachhilfestunden mit Jüngeren aufzuholen, schlug er leider über die Stränge und verschuldete damit weitere Fehlzeiten, die er in absehbarer Zeit nicht aufholen kann. Er wechselt daher an eine nahe gelegene traditionsreiche Einrichtung, die ihren regionalen Fokus somit weiter stärkt. Für seine langjährige Mitwirkung in den einschlägigen Gremien erhält Matthieu einen Preis.

William stieß im vergangenen Sommer zur Gruppe und beeindruckte vom ersten Tag an mit kurzen Hosen, Offenheit, Eloquenz, Humor und Ernsthaftigkeit. Speziell im ersten Halbjahr waren seine Prüfungsresultate trotz einiger Regelverstöße außerordentlich gut. Im Frühjahr machte ihm der Niveauunterschied zu seiner alten Einrichtung zeitweise ein wenig zu schaffen, zum Ende hin stabilisierte er sich wieder und nimmt derzeit an einer internationalen Sommeruniversität teil. Seine soziale Kompetenz ist beispielhaft und zeigt sich nicht zuletzt an seinem mitunter auch offensiv zur Schau getragenen Bestreben, den häufig am Rand stehenden Sven in nahezu jede Gruppenarbeit einzubeziehen.

Christian fand sich im abgelaufenen Jahr wesentlich besser zurecht als zuvor. Gerade im Sport zeigte er sich deutlich verbessert, auch unmusikalische Misstöne waren nur noch selten zu vernehmen. Er nahm am Großteil der Prüfungen teil, häufig als Nachrücker, oft mit – gelegentlich auch zählbarem – Erfolg, teilweise aber auch mit schwächeren Ergebnissen, die seiner großen Begabung nicht gerecht werden. Sein Ansehen in der Gruppe ist unverändert hoch; Verlässlichkeit, Engagement und Verantwortungsgefühl sind beispielhaft. Bemerkenswert ist zudem sein zuletzt verschiedentlich unter Beweis gestelltes Gespür für spektakuläre Abschlussprojekte.

Zdravko erzielte im abgelaufenen Jahr eher wechselhafte Ergebnisse, zeigte sich aber in kritischen Situationen einmal mehr punktgenau vorbereitet. Nach wie vor würde man sich wünschen, dass er seine Begabung noch entschlossener und vor allem schneller in entsprechende Prüfungsleistungen ummünzt. Möglicherweise wird er die Einrichtung im Sommer verlassen, um zu einer ausländischen Einrichtung zu wechseln – was mit Blick auf die anstehenden Prüfungen einen herben Verlust darstellen würde. Seinem Wunsch, sich in einem nicht nur internationalen, sondern dem Vernehmen nach auch berechenbareren Umfeld weiterzuentwickeln, trüge die Einrichtungsleitung (nach derzeitiger Quote) wohl dennoch Rechnung.

Mamadou nahm im vergangenen Jahr an sehr wenigen Prüfungen teil, was nur bedingt an Krankheiten oder der Mitwirkung bei einem internationalen Sportfest lag. Vielmehr gelang es schlichtweg nicht, seine Fähigkeiten zum Einsatz zu bringen. Anlässlich einer Sportprüfung im größtmöglichen Rahmen legte er indes, so der Übungsleiter, in einer kritischen Situation eine bemerkenswerte Ruhe an den Tag. Ein Gespräch ist erwünscht.

Tamas hatte dieses Jahr lange an dem – nicht ganz unerwarteten – Rückschritt nach einem beeindruckenden Vorjahr zu knabbern und konnte erst nach einer langen Phase ungebrochenen Fleißes wieder an einen erfolgreichen Abschluss denken – und auch seine Freunde dabei unterstützen. Ob er eine auch im neuen Jahr nicht unwahrscheinliche ähnliche Entwicklung noch einmal bewältigen könnte, erscheint fraglich. Möglicherweise käme ihm eine Mentorentätigkeit für ein junges Gruppenmitglied eher entgegen.

Raphael durfte, aus einem jüngeren Jahrgang kommend, sowohl an den Übungseinheiten als auch an einzelnen Prüfungen teilnehmen. Die Prüfungsleistungen stellten eine sehr vielversprechende Probe seiner überragenden Begabung dar, in den Übungen indes erwuchsen dem erfahrenen Lehrpersonal, das selbstverständlich nicht aus Idioten besteht, bisweilen Zweifel an seiner Seriosität. Ein Gespräch ist erwünscht. Thema: Haarschnitt.

Martin erzielte im Betrachtungszeitraum noch einmal deutlich verbesserte Prüfungsergebnisse. Dabei entstand phasenweise der Eindruck, dass er selbst in Ansätzen, vor allem aber sein Umfeld den Fokus etwas zu sehr auf seinen erfolgreichen Abschluss legte. Seine Technikaffinität erscheint nach wie vor verbesserungswürdig, seine Kommunikation nicht. Sieht man von einzelnen Reibereien mit seinem Freund Geronimo ab, ist es gleichermaßen wahrscheinlich wie wünschenswert, dass er der Einrichtung auch künftig mit seinem Auftreten zur Ehre gereicht. Martin erhält einen Preis in Form eines langjährigen Stipendiums.

Shinji wirkte in seinem ersten kompletten Jahr bei uns etwas zielstrebiger und arbeitete entschlossener – mitunter zudem sehr sehenswert – auf den Abschluss hin, ohne bereits all seine Potenziale auszuschöpfen. Er erleichterte maßgeblich die Integration seines Freundes Gotoku und machte Fortschritte bei der Ablaufkoordination mit anderen Mitgliedern seiner Arbeitsgruppe. Noch immer scheint indes unklar, ob er seinen Platz in der Gruppe gefunden hat.

Timo konnte sein Niveau aus dem Vorjahr nicht zuletzt deshalb zu keinem Zeitpunkt erreichen, weil er in aller Regel nicht zu den Prüfungen zugelassen wurde. Dies lag zum kleinen Teil an Krankheiten, zum großen Teil an anderen Gründen, die hier auszuführen zu kompliziert wäre. Seien Sie jedoch versichert, dass die Leitung nicht aus Idioten besteht und gute Gründe hatte. Wir beglückwünschen Timo zu seiner Entscheidung, an eine unserer traditionellen Kooperationseinrichtungen zu wechseln, die sich auf die Rehabilitierung begabter Drop-Outs anderer Einrichtungen spezialisiert hat.

Ibrahima durfte in seinem ersten Jahr an unserer Einrichtung anfänglich sehr regelmäßig als Nachrücker an Prüfungsleistungen teilnehmen, ohne dabei die erhofften Resultate erzielen zu können. In der Folge musste er sich lange darauf konzentrieren, im Rahmen angeleiteter Übungsstunden an seinen Defiziten zu arbeiten; krankheitsbedingte Fehlzeiten und ein längerer Heimaturlaub kamen hinzu. Erst ganz am Ende des Betrachtungszeitraumes nahm er nochmals an einigen Prüfungen teil und punktete speziell im Rahmen eines Automobilprojekts. Ein Gespräch ist erwünscht.

Johan konnte krankheitsbedingt das ganze Jahr über nicht mit der Gruppe arbeiten, nachdem bereits im Vorjahr die Übernahme nur auf Probe erfolgt war. Gleichwohl wird er im neuen Jahr noch einmal die Möglichkeit erhalten, sich zu bewähren und die positiven Eindrücke, die er bei seinen allerersten Prüfungsleistungen vermittelt hatte, zu bestätigen.

Julian kehrte im vergangenen Sommer von einem Austauschprogramm zurück, in dessen Verlauf er so schwer erkrankt war, dass er bis zum Winter an keiner Prüfung teilnehmen konnte. Entsprechend schwer fiel ihm die Reintegration – das ganze Jahr über blieb ihm zumeist nur ein Platz am Rand der Gruppe –, entsprechend verbesserungswürdig waren auch die ersten Prüfungsergebnisse. Nach dem Winter stabilisierte er sich etwas, ohne jedoch die Erwartungen erfüllen zu können. Seine Abschlussfokussierung steht indes nicht in Frage, wie er jüngst in einem Geographieprojekt unter Beweis stellte. Das Thema lautete „Westfalen“ und gilt derzeit als sein persönliches Steckenpferd. Ein Gespräch ist unumgänglich.

Geronimo hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Nur 12 von mehr als 30 Prüfungen durfte er vollständig bearbeiten, 13 mal konnte er sich nur als Nachrücker einbringen, mit teilweise überschaubar positiven Ergebnissen. Parallel zu seiner mitunter zu deutlich zur Schau getragenen Unzufriedenheit litt auch sein Ansehen in der Gruppe. Gleichwohl ließ er in seinen Anstrengungen nicht nach und wirkte gerade zum Ende hin in seinem Auftreten wieder zielorientierter. Umso bedauerlicher ist es, dass er, wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen, nicht an der Sommeruni teilnehmen darf und so einen weiteren Rückschlag erleidet. Ein Gespräch ist erwünscht.

Vedad kam im Winter an unsere Einrichtung und beeindruckte von Beginn an mit seiner klaren Abschlussorientierung. Erfreulicherweise stellte er seine Vorbereitungsmaßnahmen auch seinen Freunden ausnehmend freigiebig zur Verfügung. Sein bereits nach kürzester Zeit ausgeprägtes Verständnis hiesiger Abläufe erleichterte seine Integration zudem und ermöglichte zielgerichtete Gruppenerarbeiten, insbesondere mit seinem Freund Martin. Vedad erhält ein Lob.

Pavel zeigte sich einmal mehr überaus bemüht und engagiert, ohne allerdings die erhofften Prüfungsergebnisse zu erzielen. Seine schwach ausgeprägte Technikaffinität und die grundsätzlichen Zweifel an seiner Abschlussfähigkeit führten letztlich dazu, dass wir seinen Wunsch, an einer ausländischen Einrichtung eine neue Sprache zu erlernen, beförderten.

Christoph wechselte im Sommer aus einer aufstrebenden Nachbareinrichtung zu uns und durfte im Herbst an einzelnen Prüfungen teilnehmen. Aufgrund der auch im Rahmen der regelmäßigen Übungsstunden gesammelten Eindrücke erscheint fraglich, ob der den Anforderungen gerecht werden kann. Ein Gespräch ist erwünscht.

Bruno begann sein erstes komplettes Jahr mit einer Reihe erfolgreicher Prüfungen, ohne dabei die im Vergleich zum Vorjahr erhofften eleganten Lösungsansätze zu finden. Im weiteren Verlauf ließen zunächst die Ergebnisse deutlich nach, und erst, als seine Jahresprüfungen und damit seine Zukunft in Frage standen, gelang es ihm wieder, die Konzentration auf das Wesentliche zu lenken und das Jahr erfolgreich zu beenden. Seine Herangehensweise wirkt gleichwohl mitunter althergebracht, frischen Lösungsansätzen kann er wenig abgewinnen oder sie gar selbst entwickeln. Seine Orientierung am Einrichtungsleitbild ist vorbildlich, seine Demut im Angesicht des großen Ganzen beispielgebend, sein Festhalten an der eigenen Herkunft mustergültig. Gespräche sind erwünscht.

Fredi machte sich im abgelaufenen Jahr in besonderem Maß um unsere Einrichtung verdient. Trotz geringer Spielräume gelang es ihm in einer koordinierenden Funktion, die Arbeitsgruppen ausgewogen zusammenzustellen und anzuordnen. Vor allem aber übernahm er zahlreiche kommunikative Aufgaben, die somit nicht von der Einrichtungsleitung wahrgenommen werden mussten. Zudem gelang es ihm, die Alumni und den Förderkreis vom Tagesgeschäft zu entlasten. Er machte sich um die stärkere Förderung jüngerer Jahrgänge verdient, indem er neue Mentoren und einen Koordinator gewann. Leider wurden die Pläne, die so geförderten Hochbegabten regelmäßig zu Prüfungsleistungen heranzuziehen, nicht in die Tat umgesetzt – was sowohl bei den jungen Leuten selbst als auch bei den Mentoren als auch im Umfeld zu Verdruss geführt hat. Fredi erhält ein Lob. Gegen den Frust.

Gerd kam im vergangenen Sommer nach langwierigen Aufnahmediskussionen an unsere Einrichtung und verhielt sich zunächst angenehm zurückhaltend. Erst zum Ende des Betrachtungszeitraums verdiente er sich im Bemühen um eine neue Einrichtungsuniform ein Sternchen. An Prüfungen durfte er nicht teilnehmen, andersartige Leistungsnachweise erbrachte er ansonsten nicht. Im Frühjahr zog er die Bedeutung deutscher Dichtkunst in Zweifel, wurde eines Literaturprojekts verwiesen und beleidigte Außenstehende, die sich vorsichtig kritisch zur Einrichtung geäußert hatten. Wie er vor diesem Hintergrund einem Verweis entgehen konnte, ist unergründlich. Gesprächskultur ist erwünscht, ein persönliches Gespräch nicht.