Unendlicher Spaß

Neulich (tatsächlich ist „neulich“ während der stockenden Entstehungsgeschichte dieses Textes zu einem veritablen „vor einiger Zeit“ herangewachsen) habe ich den WM-Rückblick von The Football Ramble gehört. Er hieß ein bisschen anders, nicht nur der Sprache wegen, aber es war ein WM-Rückblick. Zum Ende hin ging es um die BBC, die sich wohl gedacht hatte, dass sie, wenn sie schon dieses fußballaffine Publikum vor den Fernsehern sitzen habe, doch gleich Werbung für die neue Premier-League-Saison machen könnte, Match of the Day, Sie wissen schon, Ähnliches galt für Sky. Die Antwort der Podcaster lautete, sinngemäß:

„Respect the mode we’re all still in […] Give us a break! […] We love the Premier League, we’re gonna be into it … but just … give us a moment!“

Dem möchte ich nichts entgegensetzen. Noch immer nicht, auch nicht nach einiger Zeit. Im Gegenteil: „Give us a moment!“ bringt meine Stimmungslage sehr gut auf den Punkt. Gewiss, der VfB Stuttgart hat noch viele Baustellen im Kader. Andernorts tut sich diesbezüglich sogar einiges. Auch manches, über das man den Kopf schütteln möchte, wie es der vierte Offizielle vehement tut.

Unabhängig davon möchte ich das alles im Moment überhaupt nicht hören. Möchte vielmehr schwelgen und schwärmen, dieser Weltmeisterschaft huldigen, sie als beste aller Zeiten verklären. Allein diese Gruppenphase! Die Niederlande gegen Spanien! Die „kleineren“ Südamerikaner! Die Concacaf-Teams (ja, ja, Honduras)! Sie alle haben mich, wie soll ich sagen, geblitzdingst, nein: geflasht.

Geflasht waren auch die jungen Männer beim Fehlpass, Sie wissen schon, jenem (bitte die Stimme kurz etwas anheben) fast (senken) täglichen WM-Podcast von und mit Yalcin Imre (@fehlpass), der während der WM häufig zu unchristlichen Zeiten aufgenommen wurde und doch so viele sinnvolle Gespräche zu Wege gebracht hat.

Diese jungen Männer blickten also begeistert auf die WM zurück und ließen mich kurz schmunzeln, als Herr @GNetzer Wert darauf legte, dem Schwelgen eine sehr deutliche, sehr angemessene Kritik an den nicht sportlichen Aspekten der Weltmeisterschaft in Brasilien voranzustellen, insbesondere mit Blick auf das Gebaren der FIFA, das an kolonialistische Zeiten gemahne. Wie gesagt: ich fand das gut. Besagtes Schmunzeln ließ sich dennoch nicht vermeiden, als nach gut fünf Minuten die „Alibi-fünf-Minuten-Einspieler“ im Fernsehen zur Sprache kamen.

Es ist ein Dilemma. Oder, wie ich drüben in der #doppelfuenf zu Turnierbeginn in fünf Zeilen darzulegen versuchte, ein

WM-Paradoxon

Das Geschehen vor Ort: schwer erträglich.
Die FIFA (per se?): rundum kläglich.
Das Gebaren: rigide.
Die Kritik: sehr valide.
Heut geht’s los, und ich freu mich unsäglich!

Wo waren wir? Ach ja, ich schmunzelte. Und distanziere mich auf das Entschiedenste von der Schlussfolgerung, ich stellte die einführenden letztlich siebeneinhalb Fehlpass-Minuten auf eine Stufe mit den Alibis der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung. Aber lustig war’s schon.

Nicht zwingend lustig, aber eine große Freude war indes tatsächlich die – fast – tägliche Fehlpass-[hier bitte ein auf das Hören bezogenes Pendant zu Lektüre einfügen], gerade mit den vielen verschiedenen Gesprächspartnern, und ich stelle gerne fest, dass gerade besagter @GNetzer viel zu selten zu hören ist in diesem meinem Internet. Die Stimme angenehm, der Stil ruhig, die Argumentation schlüssig, der Mann gescheit. Was nicht heißen soll, dass seine Gesprächspartner nicht auch gut gewesen seien.

Klar gab’s noch viele andere Podcasts, und vermutlich komme ich weiter unten auch noch darauf zu sprechen, weil das ganze Zeug, das sich so in meinem Kopf angesammelt hat, letztlich scho au irgendwie raus muss, oder zumindest ein Teil davon, um dann doch wieder Platz für die Bundesliga zu schaffen.

Zuerst aber: der Sport. Ein bisschen. Im Grunde ist ja alles gesagt. Die WM ist durchanalysiert, wir kennen den goldenen Handschuh, den goldenen Schuh, den goldenen Ball, die goldene Mannschaft, vermute ich, und auch das goldene Tor, will sagen: das schönste. Geschossen von James Rodriguez, diesem jungen, aufstrebenden 80-Millionen-Mann, der den Ball so wunderbar auf seiner Brust tanzen ließ und dann an und unter Musleras Latte schmetterte.

Weil wir Fußballfans aber gerne mal zur Distinktion neigen, gelegentlich auch zum Hipstertum, hab ich mich zwar auch für ein Tor jenes jungen Mannes entschieden, aber eben ein anderes; auch nicht jenes, das von der Jury zum drittschönsten Turniertreffer gewählt wurde, noch vor dem titelbringenden, technisch sehr bemerkenswerten von Herrn Götze, das die drei jungen Männer vom Fehlpass irgendwann einmal in einer umjubelten Inszenierung nachzustellen versuchen werden.

Mein höchstpersönliches Lieblingstor, das mir zumindest in der Livebetrachtung ganz außergewöhnlich vorkam, bei der nochmaligen Beschau indes, so ehrlich will ich sein, ein bisschen von seiner ursprünglichen Brillanz eingebüßt hat, weil es doch nur elf kolumbianische Ballkontakte waren, darunter ein eher zufälliger, die letztlich zum Torerfolg führten, war das 2:0 gegen Uruguay.

Sie erinnern sich? Der Angriff über rechts, die Verlagerung, die Räume, die geschaffen wurden, die Flanke auf das lange Fünfereck, die Kopfballablage, der banale Abschluss. Ich weiß nicht, ob es unter Hipstertum fällt, der relativen Geringschätzung schön herausgespielter Tore mit vergleichsweise gewöhnlichem Abschluss etwas überdrüssig zu sein und ihm möglicherweise übertriebene Lobhudeleien entgegensetzen zu wollen; unter Distinktionsbestreben dürfte es gleichwohl abzulegen sein.

Und ja, es gibt natürlich Ausnahmen, ganz herausragende Ausnahmen, Argentinien 2006 zum Beispiel, oder Brasilien 1970 (da war der Abschluss selbst auch nicht so schlecht), und natürlich auch Brasilien 1982, wobei man sich auch dort fragen kann, wieso ein Ranking aller brasilianischen Tore am Ende eine Art Antiklimax erfährt, zumindest aus Sicht einzelner distinguierter Möchtegern-Hipster, indem die vordersten Plätze schnöden Fernschüssen vorbehalten sind.

Ob ich ein Video von Rodriguez‘ 2:0 zu bieten habe? Na ja, nicht explizit. Die Zusammenschnitte im Videoportal meiner Wahl räumen dem 1:0 in der Regel so viel Platz bzw. Zeit ein, dass kein Speicherplatz mehr für eine ausführlichere Würdigung des 2:0 (sprich: den kompletten Angriff) übrig bleibt. Immerhin: die ARD-Mediathek hilft bis Ende Januar 2015, ab 03:55.

Genug überhöht. Das Tor, meine ich. Die WM überhöhe ich gerne auch weiterhin. Nenne sie einen unendlichen Spaß, ohne David Foster Wallace‘ Buch gelesen zu haben oder das Hamlet-Zitat einordnen zu können, und somit Gefahr laufend, den literarischen Kniff nicht zu erkennen, der dann möglicherweise gegen meinen Willen in meine Bewertung einfließt. Tja. Ich mein’s aber wörtlich, also fast.

Natürlich gab’s Spaßbremsen, und damit versuche ich nicht, einen Alibi-fünf-Minuten-Einspieler zu platzieren – Verzeihung, das klingt vermutlich viel zu flapsig für das wahrlich ernsthaft Thema jener Schere, die sich in Brasilien abseits des Sports so beschissen weit öffnete –, sondern bleibe beim Sport, beim einen oder anderen langweiligen Spiel, beim Schiedsrichter-Dilemma, das ich jüngst kürzlich vor einiger Zeit bereits ansprach, auch bei den brasilianischen Jagdszenen gegen Herrn James.

Und doch: was für eine Freude! Was für eine Gruppenphase! Und was sind die süd- und mittelamerikanischen Mannschaften gerannt, wie haben sie gespielt, sich taktisch geschickt verhalten, ihre Gegner mit zum Teil unerwarteten Aufgaben konfrontiert. Man denke an Chile, das Spanien aufgefressen hat, oder aus der Concacaf Costa Rica, das sich in der Dreiweltmeistergruppe lächelnd an die Spitze gesetzt hat. Wunderbar.

Ja, wissen Sie alles, ich weiß. Und was hatten wir, also Teile von uns, gejammert vor dem Turnier! Kolumbien ohne Falcao? Abgeschrieben. Deutsche Titelchancen ohne Reus? Dahin! Die Niederlande ohne Strootman? Puh. La France ohne Ribéry? Mon Dieu! Von den außen vor Gelassenen oder nicht Qualifizierten gar nicht zu reden. Indes: so richtig schmerzhaft würde es schon nicht werden:

Hicks!

Ein Jammer: die ganzen Absenzen,
abseits aller Flaggen und Grenzen!
Für Verletzte: bescheiden.
Das Turnier? Wird auch leiden –
wie bei Schluckauf und – hicks! – Flatulenzen.

Will sagen: schade für Falcao, um bei einem der genannten Beispiele zu bleiben, ziemlich schade für Kolumbien, aber dem Turnier ist’s letztlich egal.

Natürlich war der unendliche Spaß auch ganz stark mit der deutschen Mannschaft verknüpft, über die nun ja doch ziemlich viel geschrieben wurde, und nicht selten ziemlich Positives. Über Neuer. Über Schweinsteiger und Hummels und Boateng und so weiter. Darüber, dass jenes Halbfinale viele Leben lang in Erinnerung bleiben wird.

Und über Herrn Löw natürlich. Faszinierend, wie viele Menschen sich freuen, dass nun das ständige Gerede über seine Titellosigkeit, um es harmlos auszudrücken, ein Ende hat. Faszinierend zudem und vielmehr, wie viele Menschen demnach tatsächlich schon immer gewusst haben, wie gut er ist. Vielleicht waren also jene fünf Zeilen, die ich vor Turnierbeginn dem einen oder anderen Skeptiker widmete, fernab jeder Realität und irgendeiner realen Person, sondern nur eine böse Fantasie:

Fangedanken: So nicht!

Der Kader: nicht mehr als ein Torso.
Wie stellt sich der Trainer das vor, so?
Kaum Stürmer, so’n Dreck –
der Jogi muss weg!
Im Juli dann: Auto raus, Korso!

 

Schöne Geschichte natürlich auch für Mario Götze. Ich hatte mir im Vorfeld des Finales eigentlich einen spielentscheidenden Özil gewünscht, aber ich nahm auch Götze recht klaglos hin. Auch er soll ja zwischenzeitlich gar nicht mal so gut gelitten gewesen sein, hörte ich. Quatsch. Natürlich habe ich das mitbekommen, und es stimmt ja auch, dass er nicht immer überzeugte, nachdem der Auftakt gegen Portugal durchaus vielversprechend gewesen war.

Was ich aber sagen wollte: mein unendlicher Spaß hatte gewiss auch damit zu tun, dass ich mich meist auf das Wesentliche konzentrierte: die Spiele. Die TV-Vorberichterstattung zu den Partien ging fast komplett an mir vorüber, was unter anderem dazu führte, dass mich die von meinem Sohn kurz vor Anpfiff übermittelte Information, dass Kramer für Khedira auf dem Platz stehe, aus ziemlich heiterem Himmel traf, nachdem eine knappe Stunde zuvor noch eine unveränderte Aufstellung vermeldet worden war.

Auch nach den Spielen zog ich mich meist recht rasch zurück, aber wenn ich doch was sah, dann war dies in aller Regel besser als ich erwartet hatte. Natürlich hat das mit Erwartungen zu tun, vielleicht auch mit einer deutsch-polnischen Ostseeinsel, doch ganz im Ernst: ich hatte mir die Olis schlimmer und die Herren Scholl und Opdenhövel genau so vorgestellt. Schlecht wäre, auf Basis einer überschaubar großen Stichprobe, anders gewesen.

Selbst die Kommentatoren ließen mich weitgehend kalt. Vielleicht waren sie wirklich besser als in früheren Jahren, vielleicht filterte ich schlichtweg effektiver, ich weiß es nicht. Am liebsten hörte ich erwartungsgemäß dem unaufgeregten Oliver Schmidt zu, auch dem sehr unaufgeregten Thomas Wark, der gefühlt seit Jahrzehnten die Back-Office-Spiele auffängt. Eigentlich hatte ich auch auf den vermeintlich unaufgeregten Gerd Gottlob gehofft, doch sein hemmungsloses „Wirzen“ bei zumindest einer Partie der deutschen Mannschaft ließ mich diese Hoffnung rasch begraben und in Sorge vor einem weiteren solchen Auftritt umwandeln.

Tom Bartels habe ich nur aus dem Finale in schlechter Erinnerung, und bei Steffen Simon kann ich schlichtweg nicht objektiv sein. Wenn ich es dennoch versuche, komme ich rasch an den Punkt, wo ich mich frage, ob es Erbsenzählerei meinerseits oder ein Mangel an Professionalität seinerseits ist, wenn ich mich darüber aufregen muss, dass er den italienischen Nationaltrainer Prandelli, einen Mann, der nicht nur in der jüngeren deutschen Fußballhistorie tiefe Spuren hinterlassen hat, sondern der auch außerhalb des Feldes eine bemerkenswerte Persönlichkeit darstellt, konsequent Pandrelli nennt. Hab’s mir überlegt: ja, ich zähle Erbsen. Und es ist unprofessionell.

Während also mein TV-Konsum für eine WM überschaubar blieb, was natürlich auch familiären Freuden und Zwängen geschuldet war, verbrachte ich ungewöhnlich viel Zeit mit dem Hören von Podcasts. Dem Fehlpass, wie gesagt, oder als zweitem, nein, sorry, eigentlich erstem fixem Programmpunkt, World Cup Football Daily, hinzu kamen mit zunehmender Regelmäßigkeit „Fear and Loathing in Sao Paulo“ beim Sportradio 360, und gelegentlich 5 live’s Football Daily. Tägliche Sachen halt. Und die Erben, eh klar. mit anderem Fokus.

Wohingegen ich das Gemeinschaftsprojekt des Textilvergehens mit den Mikrodilettanten nur selten hörte, wiewohl ich es mochte: es passte nur so überhaupt nicht zu meinem WM-Rhythmus. Immerhin lernte ich dort fürs Leben: „Die FIFA ist kein empathischer Mensch.“

Was übrigens auch nicht zu meinem Rhythmus passte: Blogs. Peinlich, nicht wahr? Im Grunde las ich überhaupt nichts systematisch, auch nicht in Sportportalen, ja noch nicht einmal die Link11 bei Fokus Fussball, die sonst mein steter Ausgangspunkt ist. Bei der WM war das anders, war diese Rolle anders besetzt: von Twitter. Twitter war meine völlig willkürliche Informationszentrale. Was dort zu einem günstigen Zeitpunkt in Linkform vorbeitrieb, wurde gelesen, alles andere nicht. War gut.

Auch abseits des Medienkonsums habe ich nicht so wirklich viel mitbekommen. Die Spiele sah ich zumeist zuhause, im Schoß der Familie, gewissermaßen. In zwei, höchstens drei Fällen, verfolgte ich die Partien in kleineren Gruppen von vielleicht 10 Leuten, eher weniger. Danach traf man mich nicht in der Stadt an, die Schlandisierung, von der ich immer wieder las, ging weitgehend an mir vorüber. Ich wollte nur Fußball. Pur, nahezu. Ein unendlicher Spaß!

Fußballgespräche mit beruflichen Kontakten, die sich meines Wissens sonst nicht besonders für Fußball interessieren, lenkte ich in der Regel so rasch in professionelle Bahnen, dass der eine oder die andere gedacht haben mag, ich interessierte mich nicht für Fußball. Ich kann nicht einmal ausschließen, dass ich selbst jahrelang eine ebensolche falsche Vorstellung von deren Fußballaffinität hatte bzw. noch immer habe. In Einzelfällen, meine ich.

Der Kollege, der mich als sehr fußballaffinen Menschen einschätzt und mich am Tag des Brasilien-Spiels frug, ob ich mir trotz der Uhrzeit gegebenenfalls auch noch eine Verlängerung ansehen würde, ehe er tags darauf verkündete, es auch gesehen zu haben und dass es ja sehr spannend gewesen sei, dürfte nicht zu denjenigen zählen, in denen ich mich getäuscht hatte.

Das heißt nicht, dass ich nichts mit solchen Leuten zu tun haben will, dass ich mich gar als würdigeren, echteren Fan begreife. Vielmehr haben wir schlichtweg keine gemeinsame Ebene, auf der wir über Fußball reden können. Ok, Fragen und Antworten wären eine, und gelegentlich betrete ich sie auch, mit Leuten, die ernsthaft fragen und Antworten suchen. Aber ich bin nicht in der Lage, mit Menschen über Fußball zu reden, die so tun, als kennten sie sich aus, und die auf dieser Basis ein bisschen fachsimpeln wollen. So wie jener Kommilitone, damals, der sich als großer Fußball-Fan gerierte und mir von VfB-Legende Effi Buttmayer erzählen wollte. Ein weites Feld. Oder war es Etty Buffmayer? Ich weiß es nicht mehr.

Überheblich? Vielleicht. Zumal mir klar ist, dass ich bei weitem nicht so viel (mehr oder weniger) nützliches Fußballwissen angehäuft habe wie manch(e) andere(r). Zweifellos habe ich Schwächen in der Beschreibung und oft genug auch im Erkennen taktischer Winkelzüge, und, um zum nützlichen Wissen zurückzukehren, kenne mich beispielsweise im Weltfußball um die Jahrtausendwende längst nicht so gut aus, wie ich es gerne hätte. Aber ich erinnere mich doch an manches, informiere mich zumeist recht aktuell und ausführlich, und bilde mir auch ein, zum einen das Spiel ganz gut zu verstehen, und dass zum anderen die eigene praktische Erfahrung durchaus hilft, den einen oder anderen Ablauf auf dem Spielfeld einzuordnen.

Um es kurz zu machen: ich möchte nicht mit Leuten über Abseits diskutieren, die nicht verstehen, inwiefern die Abseitslinie bei Freds Tor gegen Kamerun falsch war.

Was ich übrigens auch nicht so gern möchte, wenn auch in ganz anderem Kontext und auf ganz anderer Ebene: tagelang über eine kontrovers aufgenommene Feierchoreographie der frischgebackenen Weltmeister diskutieren bzw. Diskussionen darüber lesen. Ich hatte meinen ersten Eindruck in einem Tweet zusammengefasst:

Diese Sichtweise hat im Grunde nach wie vor Bestand. Das, was mich stört, ist die Häme, ist das Auslachen des unterlegenen Gegners. Beides gäbe es auch, und gibt es immer wieder, in deutlicherer Form. Aber es ginge auch ohne. Was mich nicht stört, weil ich es nicht erkenne, ist jener Nationalismus oder gar Rassismus, den manche darin zu sehen glauben. Kann ich nicht nachvollziehen, aber das ist wohl eine Frage der Lesart.

Dass diese Diskussion dann allerdings tagelang tobte, dass man bei Twitter auch am vierten Tag noch mit einem morgendlichen #gauchogate begrüßt wurde, konnte ich zunächst noch viel weniger nachvollziehen. Bis ich die Diskussion bei den bereits genannten Textilvergehensmikrodilettanten hörte, von der ich den Eindruck gewann, dass sie einen Großteil dessen, was ich online über Tage gelesen hatte, in der vielzitierten nutshell abbildete. Gescheite Menschen mit vernünftigen, diskussionswürdigen, aber nicht unvereinbaren Positionen, und doch zog sich das Ganze ewig in die Länge, mit deutlich abnehmendem  Grenznutzen, hier: Erkenntnisgewinn.

Was mich an der Diskussion, und damit entferne ich mich wieder von besagtem Podcast, mitunter dann doch zum Schmunzeln brachte, war der eine oder andere Beleg, der bei Twitter oder sonst wo ins Feld geführt wurde; exemplarisch sei kurz auf zwei verwiesen:

Zum einen auf einen Twitternutzer, der ein argentinisches Medium verlinkte und auf ironische Weise deutlich machte, dass das dort zum Ausdruck gebrachte Gefühl, verhöhnt zu werden, nicht überraschen könne. Mich überraschte das durchaus ein bisschen, sodass ich nachlas:

„El cántico terminó con los jugadores erguidos y gritando „Así caminan los alemanes„, lo cual ha sido señalado como un gesto de burla, según algunos comentaristas alemanes que transmitían los festejos.“
(Fettdruck wie im Original, kursive Hervorhebung durch mich)

Nun ist mein Spanisch kein besonders gutes, mit südamerikanischen Varianten kenne ich mich erst recht nicht aus, aber ich lese das ungefähr so, dass die Einlage der deutschen Spieler eine höhnische Geste gewesen sei, „laut einigen deutschen Kommentatoren, die die Feierlichkeiten übertrugen„. Für mich klingt das gar nicht so sehr nach argentinischer Empörung über den Spott, aber ich mag mich irren.

Zum anderen irritierte mich, auch dies exemplarisch und auch dies bei Twitter, der Hinweis, dass Dante, jener brasilianische Nationalspieler des FC Bayern München, in seinem Buch „Ich, Dante“, davon berichtet habe, wie seine Mannschaft dereinst mit dem Spruch „So geh’n die Dortmunder, die Dortmunder geh’n so“ gefeiert hätte, was beweise, dass #gauchogate Schwachsinn sei. Quod esset demonstrandum, möchte ich anfügen.

Genug. Nun also auch hier: zu viel über besagtes Thema. Sind jetzt doch wieder ein paar Zeilen mehr geworden, so insgesamt. Und, der eine oder die andere wird es ungern hören: so ganz ist die WM hier noch nicht abgeschlossen. Eine kleine Retrospektive zur #doppelfuenf, die ein unendlicher Spaß war, wird noch folgen.

Doppelfünf

Still hier in diesen Tagen, nicht wahr? Man kommt ja zu nichts. Ehrlich nicht, aus mancherlei Gründen, die nicht alle angenehm sind, aber das nur am Rande. Gerne hätte ich zwischenzeitlich mal wieder eine „Verbalbeurteilung“ zu Ende gebracht, oder meine, ähem, angedachten Bemerkungen zu vermeintlich toten Sportblogs zu Papier, allein: es sollte nicht sein. Bisher.

Im Idealfall begründet man so ein Schweigen überzeugend mit „anderen Projekten“, die man zwischenzeitlich vorangetrieben habe, und mit etwas Glück erblicken diese dann irgendwann das Licht der Welt. Öfter auch nicht. Bei mir ist es heute ausnahmsweise mal andersherum: Licht der Welt ja, Belastung durch anderes Projekt: eher nein, bestenfalls kaum.

Tatsächlich hat so ein kleines Projekt heute seine Tarnkappe abgelegt und ist öffentlich geworden. Erfreulicherweise eines, an dem ich nicht ganz allein beteiligt bin, sondern mit einem wunderbaren Mitstreiter. Ein Projektlein, das dem einen oder der anderen Mitlesenden kaum mehr als ein Gähnen entlocken wird: Fünfzeiler, schon wieder. Einfach in ein Tumblelog geschmissen, ohne großen technischen und gestalterischen Aufwand, wie man mich halt kennt, und wie man den geschätzten Mitschreiber Herrn @rebiger unter Umständen auch einzuschätzen versucht ist, bloß weil er sein Blog, in dem es primär um den HSV geht, saisonal auch mal in fünf Zeilen, nicht auf oder unter einer eigenen Domain betreibt.

Das Thema ist auch nicht besonders ausgefallen, in diesen (gerade noch vor-)weltemeisterschaftlichen Zeiten, aber sei’s drum: wie haben Spaß. Und auch wenn wir keine besonderen gestalterischen Ansprüche haben, so kennen wir doch Leute, bei denen das anders ist und die uns in gar wunderbarer Weise ein Logo gestalten, um die werte Leserschaft erst einmal abzulenken und davon abzuhalten, sich mit Schriftarten, optischen No-Gos oder gar den dahinter steckenden dilettantischen Code-Anpassungen zu befassen.

Genau genommen kennen wir erst einmal eine solche Person, nämlich die großartige Frau @rudelbildung, die wir alle nicht nur vom Textilvergehen schätzen und die uns ruck, zuck eine schicke Doppelfünf kredenzt hat:

 

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Doppelfünf, Sie wissen schon:
zwei Typen, fünf Zeilen. Und das Ganze für ein Turnier.

Bleibt die Hoffnung, dass sich noch der eine oder die andere Lesende in eine(n) Mitreimende(n) verwandelt und seine oder ihre FIFA-Fünfzeiler mit uns teilt. Zum einen müssen wir dann nicht alles alleine machen, zieht sich ja auch so’n bisschen hin, so ein Turnier.

Zum anderen zeigt die eigene adventskalendarische Erfahrung, und nicht nur die, dass in diesem Internet zahlreiche Reimeschmiede und -schmiedinnen unterwegs sind, die gelegentlich eines Anstoßes bedürfen, um in Anapäste oder Amphibrachys einzutauchen. Jetzt wäre wieder so ein Moment. Freiwillige für die fünfzeilige Aufarbeitung der Morgengrauen-Spiele werden dabei prioritär gesucht.

Wie auch immer: hier entlang, bitte. Bei Interesse.

 

 

zwölf/zwanzigdreizehn

Tuschekreisel, Weltniveau,
ja das macht den Jogi froh.

Spreewaldgurke, bester Mann
Tusche kann, was keiner kann.

Bockwurstprinzessin, Kapitän,
wir woll´n seine Freistöße seh´n.

Bei den Nutella-Boys wär er ein Star
auch wenn er mal in Cottbus war.

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Ich hatt’ nur den Titel gesehn.
Ein Wort, und schon war es geschehn.
Es nahm mich gefangen.
Bin nie mehr gegangen.
Textilvergehn* – klingt das nicht schön?

* Unverzeihlich, besagtes Wort aus metrischen Gründen zu verstümmeln.
Vielleicht verzeihlich, mich schamlos indirekt selbst zu verlinken.
Mehr als verzeihlich, vielmehr wunderbar, sogar acht Zeilen zu schreiben.

Und weil genau heute, wie ich gestern zufällig feststellte, mein allererster Kommentar im Textilvergehen exakt fünf Jahre alt wird, trage ich zur Feier des Tages – tatsächlich suchte ich nur einen Anlass, aber das wissen Sie selbst – noch kurz eine kleine Geschichte vor, die sich so möglicherweise nie abspielen wird:

Die Kaderbenennung läuft widrig,
nur noch einzelne Plätze sind übrig.
Tusche lächelt gequält,
wurde noch nicht gewählt.
Und la Lamm wird vorm Fernseher fiebrig.

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Weitere Adventsfünfzeiler gibt’s im Kalender.

Stadthallencharme

So ein weihnachtlicher Aufenthalt im benachbarten Ausland bietet neben viel Schnee, Familie, Essen, Zeit und einigen weiteren ausschließlich positiven Aspekten nicht zuletzt Gelegenheit und Anlass, sich endlich mal wieder eine ganze Ausgabe des Magazins zur offensiven Erweiterung des Fußballhorizonts, vulgo: ballesterer, in aller Ruhe und Detailtiefe durchzulesen. Und so stößt man nicht nur auf Ismuszitate der Welt Hertha Linke Textilvergehensredaktion oder auf Franz Binder, sondern vor allem auf Herbert Prohaska.

Prohaska – Austrianer, Held & Hawara“ lautet denn auch der Aufmacher, und wer sich nun wie ich frug, wieviel Platz man ihm wohl einräumen würde, dessen kühnste Träume wurden übertroffen: über 20 der knapp 60 redaktionellen Seiten waren dem offiziellen Jahrhundertfußballer sowohl der Wiener Austria als auch des österreichischen Fußballs gewidmet, und auch wenn der eine oder andere Schmäh dabei war, so blieb doch ein in doppelter Hinsicht vielseitiges Bild übrig, das den gemeinen Leser, in diesem Fall: mich, ein bisschen wehmütig an jene 7 Seiten zurück denken ließ, mit denen die 11 Freunde kurz zuvor ihren Titelhelden Bernd Schuster und insbesondere besagten egozentrischen Leser abgespeist hatten.

Sicher, Schuster hat hierzulande nicht den Status, den Prohaska in Österreich genießt (das Kriterium “ internationales Renommee“ lassen wir mal außen vor), und ohnehin verfolgen die 11 Freunde ein ganz anderes Konzept als der Ballesterer, und Schweinsteiger hatte neulich 11 Seiten, andere Titelgeschichten auch mehr, und überhaupt und sowieso. Kurz: ich hab mich gefreut über 22 Seiten Prohaska. Am Rande auch über Brigitte Xander.

Dabei stehe ich eigentlich Rapid viel näher als der Austria. Bzw. stand ich zumindest früher. Vermutlich lag es primär an der Trikotfarbe, violett war einfach nicht so meins, und die örtliche Kreisligatruppe war auch grün-weiß. Andere österreichische Vereine nahm ich kaum wahr, bzw. nur als Teil eines Doppelpacks (LASK/ VOEST oder Sturm/GAK), oder erfreute mich nur an ihrem Namen (Raika Flavia Solva) – Hansi Müllers FC Swarovski Tirol gab’s ja auch erst einige Jahre später –, und ein Faible für Hans Krankl tat sein Übriges dazu, dass es mich eher nach Hütteldorf zog. Meine drei Tags für Krankl lauten Lonely Boy, Düsseldorf und letztlich doch das kaum zu vermeidende Cordoba.

Tag Nummer vier wäre dann wohl Christian Keglevits gewesen. Nicht dass die beiden nach meiner Kenntnis eine besonders enge Beziehung hätten, bzw. wenn sie sie doch haben, hat mein Tagging nichts damit zu tun. Ich habe schlichtweg Keglevits‘  Länderspieldebüt vor Augen, im September 1980, wie ich nachgeschlagen habe, gegen Ungarn. Als 19-Jähriger traf er – beim Debüt, wie gesagt – gleich doppelt, der Reporter hyperventilierte nahezu durchgängig und redete, so meine Erinnerung, bereits die Nachfolge das damals 27-jährigen und beim FC Barcelona unter Vertrag stehenden Krankl herbei. Seither denke ich beim Namen Krankl zumeist auch kurz an Keglevits, der heute, gut 30 Jahre später, bei 18 Länderspielen und 3 Toren steht.

Ich schweife ab. Es ging um Prohaska. Also hier auch, vor allem aber im Ballesterer. In aller Ausführlichkeit und – so zumindest meine Wahrnehmung – nicht übertrieben kritisch, auch wenn jene Punkte, die einer noch bedeutenderen internationalen Karriere wohl im Weg standen, genau wie jene, die man ihm in seiner Zeit beim ÖFB zum Vorwurf machte, angesprochen (und durchaus verständnisvoll behandelt) werden. Sehr schön die Ausführungen zu seiner Zeit in Italien, wobei die Schilderung der damaligen Ausländerregelungen in der Serie A wie eine Zeitreise anmutet – ein Eindruck, den Namen wie Tonino Cerezo (sic!) oder Roberto Pruzzo verstärken. Oder das ausführliche Interview mit dem Protagonisten, oder der immer wieder auftauchende Andi Ogris, oder jenes violette Bild, das diesem hier aus dem Austria Wien Archiv so ähnlich ist, oder Polsters Einlassung über den ungustiösen Prohaska, oder, oder, oder.

War ja auch ein Großer, der Mann. Gewann nicht nur vielfach die Meisterschaft und den Pokal, sondern war auch – und die Statistik führt es völlig zurecht noch vor der italienischen Meisterschaft, und dem dortigen Pokal auf, auch vor dem Europacupfinale oder Prohaskas WM-Teilnahmen – Stadthallensieger 1977, 1979, 1980, 1984, 1985 und 1986, zudem auch noch als Trainer in den Jahren 1991, 1992 und 2000. Völlig unterschlagen hat man dabei, dass Prohaska zwischen 1976 und 1989 insgesamt zehn (!) Mal als bester Spieler des Stadthallenturniers ausgezeichnet wurde.

In der Hälfte der Fälle hätte ich vermutlich mit abstimmen können, so intensiv verfolgte ich das Geschehen in der Wiener Stadthalle zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag. Prohaska, Austria-Jahrhunderttorschütze Felix Gasselich, Ernstl Baumeister, hinten Sara, dann auch Polster und Nyilasi, und einfach nur Fußball. Noch bei der letzten Ausgabe 2009 fand das Turnier auf Parkett statt, ohne Kunstrasengedöns und dergleichen – zugegeben: ich kann nicht gänzlich ausschließen, dass das zwischenzeitlich einmal anders war, damals, als man das Turnier in einen Meisterschafts- oder Hallencup-Kontext befördern wollte, wovon niemand etwas hatte.

Wer übrigens meint, nur beim Rekordspieler Prohaska würden die Hallentriumphe so herausgehoben, der irrt. Man schaue sich einmal die Wikipedia-Einträge nicht nur der Vereine, sondern auch zahlreicher Spieler an, deren Erfolgserlebnisse in der Stadthalle nicht selten aufgeführt sind. Seien es Peter Schöttels 5 Siege, oder die ebenfalls 5 von Drabits, seien es die beiden Stadthallentitel, die Krankl als Trainer errang. Oder man frage nach bei Andreas Ivanschitz, dessen Lebenslauf auf der eigenen Website den folgenden Passus enthält:

„Im Jänner 2004 konnte er auch einen Titel mit seinem Klub feiern. Das in Wien mit einem sehr großen Stellenwert gesegnete Stadthallenturnier, das erstmals im Jahr 1959 ausgetragen wurde, ging nach einem packenden Finale gegen den großen Lokalrivalen Austria Wien an die Grün-Weißen, Ivanschitz erzielte in der Verlängerung das entscheidende Siegestor!
Ein Jahr später belegten sie den 2.Platz und Ivanschitz wurde zum „besten Spieler“ dieses Turniers gewählt werden.“

(Hervorhebung durch mich, Satzbau nicht.)

Bei der Vienna galt der einzige Sieg in der Stadthalle, trotz des lange und unübersehbar verblassten Glanzes des Turniers, im Jahr 2009 zumindest als Achtungserfolg und war in der Wikipedia eine eigene Überschrift wert, der FC Bayern hat ebenfalls noch keinen Löschantrag gestellt. Tatsächlich war er seit 1971 der einzige ausländische Turnierseiger, ehe ihm 2001 ein „Team Kroatien“ nachfolgte. Wobei es meines Erachtens keiner ausländischen Topstars bedurfte. Den Reiz machten vielmehr die zahlreichen Aufeinandertreffen der Wiener Vereine aus, und, ja, ich gebe es zu, ein wenig erbauten mich zumindest am Rande auch immer Namen wie der FavAC oder eine Zeit lang die Kombination Vienna/Simmering.

Doch ich will mich hier nicht zum Stadthallenexperten aufspielen. Wer mehr über die einzelnen Turniere ab dem Jahr 1959 erfahren möchte, möge sich einmal beim Fanclub Austria 80 umschauen, wo alle Ergebnisse nachzulesen sind. Was mich stattdessen ein wenig umtreibt, ist die Frage, wieso der Hallenfußball in Deutschland selbst in den 80ern und 90ern nie diesen Stellenwert erlangte, wieso es nie gelang, eine Institution wie das Stadthallenturnier aufzubauen. Sicher, Österreich, und auch der österreichische Fußball, ist kaum mit den hiesigen Gegebenheiten zu vergleichen – man betrachte allein die Anzahl der Wiener Erstligaklubs. Dem könnte man wohl entgegen halten, dass die Dichte in Nordrhein-Westfalen ähnlich hoch ist, und auch wenn der nationale Primus (der aktuelle schon, ich weiß) nicht dort angesiedelt ist, hätte da durchaus das Potenzial für ein gleichermaßen langlebiges wie attraktives Turnier vorhanden sein können. Oder gibt bzw. gab es dieses Turnier tatsächlich, und ich hab’s nur nicht wahrgenommen?

Schließlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass der Hallenfußball hierzulande ein paar Boomwinter erlebt hat. Damals, als – wenn ich mich nicht irre – Mirko Votava den Torwart gab und genau das auf Intervention des DFB bald nicht mehr tun durfte. Irgendwie habe ich das Gefühl, man hat sich ein wenig verzettelt, in Regelfragen, und Bandenfragen, und Kunstrasenfragen, und Verletzungsgefahrfragen, und Grätschenfragen. In Österreich hat man gespielt. Auf Parkett, auf 49 mal 30 Metern. In Deutschland dürfte so ziemlich der einzige Spieler, dessen Leistung Auftritt bei einem Hallenturnier im öffentlichen Gedächtnis präsent ist, Quido Lanzaat sein.

Wie viele der werten Leserinnen und Leser hätten gewusst, dass Borussia Dortmund mit weitem Abstand Rekordgewinner des DFB-Hallenpokals ist, sogar der einzige Verein, der sich mehrfach, und zwar gleich vier Mal, in die Siegerlisten eintragen durfte? Überraschte es jemanden, dass der gemeine Internetsucher auf bvb.de diese Information nicht findet, auch wenn er (also ich) nicht ausschließen kann, dass sie irgendwo dort versteckt ist, oder wundert man sich eher darüber, dass es wenigstens im Wikipedia-Eintrag vermerkt ist? Hätte überhaupt jemand den am Ende gültigen Namen der Veranstaltung gekannt und nicht viel eher Hallenmasters gesagt?

Weiß jemand, welcher Spieler DFB-Hallenpokal-Rekordsieger ist und ob es Spieler oder auch Trainer gibt, die mit mehreren Vereinen gewannen? Kann sich jemand an persönliche Ehrungen erinnern, abgesehen von der des besten Torwarts 2001? In individuellen Wikipedia-Einträgen findet sich auf Anhieb bei Oliver Schmidt der Hinweis auf seinen Turniersieg 2000, den er mit seinem Trainer gemein hat – offensichtlich pflegt man derlei Einträge in Fürth. Aber sonst? Aber sonst? Alles Lüge?

Eigentlich wollte ich ja Herbert Prohaska huldigen. Und dem Ballesterer. Ersteres tat ich ein wenig, auch wenn ich dabei den Faden verlor. Letzteres fällt mir seit jenem Moment schwer, als ich auf Seite 59 eine Einschätzung zu Steffen Simons Reporterleistung las, der zufolge ich wohl einräumen muss soll, ihm bisher stets bitter unrecht getan zu haben, indem ich ihn nach handwerklichen Kriterien beurteilte:

„Das, liebe Freunde, ist mit Sicherheit Kunst.
Und zwar richtige.“

Für mich klingt das ja irgendwie nach Surrealismus.

Wahlaufruf

Ein gutes neues Jahr erstmal.

Irgendwie hatte ich es versäumt, mich hier anständig in die Weihnachtspause zu verabschieden. Falls sich also jemand hierher verirrt haben sollte, beispielsweise nach dem Pokalspaziergang gegen den HSV, kann ich es zwar nicht ändern und werde mich auch gewiss nicht dafür entschuldigen, mich nicht dazu geäußert zu haben. Aber es wäre wohl ein freundlicher Service meinerseits gewesen, hier wenn schon keine Weihnachtsgrüße, so doch einen Hinweis auf die bis über den Dreikönigstag angedachte Offlinephase zu hinterlassen, wie ich es drüben bei Twitter zumindest ansatzweise tat.

Wie auch immer: ich bin wieder hier und war nie wirklich weg und so. Anders als die großartige Frau Jekylla. Die ist zwar ebenfalls wieder hier, aber sie war zwischendurch durchaus wirklich weg. Mo-na-te-lang. Ursprünglich sollte es zwar für immer sein, oder so ähnlich, aber das hatte ja damals schon niemand ernst genommen. Mittlerweile ist sie seit einigen Wochen wieder da, vielleicht sogar daer als zuvor, und hat sich über Weihnachten kurzfristig bereit erklärt, die diesjährige Wahl zum Sportbloggerbeitrag des Jahres zu beherbergen.

Die Wahl war dereinst in Jürgen Kalwas damaliger American Arena, die heute in ganz anderem Licht erstrahlt, ins Leben gerufen worde, darbte dann ein Weilchen und wurde im Vorjahr unter dem Dach des Sportbloggernetzwerks in den Räumen von Trainer Baade wiederbelebt.

Nun finden sich also bei Frau Jekylla erneut 11 zum Teil grandiose Beiträge, die gelesen und in Form einer simplen Abstimmung gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Ich würde gerne in eine allgemeine Lobhudelei verfallen, laufe dann aber aufgrund des Umstands, dass auch einer meiner Texte auf die Shortlist gesetzt wurde (im Lauf des Jahres waren im Sportbloggernetzwerks kontinuierlich Beiträge in eine längere Liste aufgenommen worden, die eine kleine und hoch kompetente Jury aus den Reihen des Netzwerks „zwischen den Jahren“ kürzte), Gefahr, des Eigenlobs verdächtig zu werden.

Die Auswahl ist natürlich wie immer eine sehr subjektive, und viele (mich auch) mag es irritieren, dass beispielsweise Fitzelkönig Catenaccio, der Rotebrauseblogger, die Textilvergeherinnen und-vergeher oder zahlreiche andere von der jeweiligen Leserin besonders geschätzte Blogs nicht vertreten sind. Gleichzeitig bin ich gleichermaßen begeistert von den ausgewählten Texten (also von den anderen zehn, klar) wie erfreut ob der Qualität und Vielzahl der im Lauf des Jahres nominierten Kandidaten (und die Liste war gewiss nicht einmal ansatzweise vollständig), dass ich die Auswahl letztlich als eine begreife, bei der es, je nach gewünschter Darstellung, keinen Falschen hätte treffen können oder eben immer die Falschen getroffen hätte.

Versteht keiner? Egal. Hier geht’s lang.

 

Fußballwochenende. Ein Zwischenruf Bericht.

So ein Fußballwochenende ist ja mehr als nur 90 Minuten Fußball. Oder zweimal 90 Minuten. So ein Fußballwochenende beinhaltet eine angemessene Vorbereitung, wunderbare Gesellschaft, ausgefuxxte Fachsimpeleien und manches mehr. Mein jüngstes Fußballwochenende hatte all das. Es hatte zudem etwas ziemlich, wie soll ich sagen, Unparteiisches: beim ersten Spiel war ich mehr oder weniger neutraler Beobachter, beim zweiten hatte ich das, was man leicht überhöht einen journalistischen Auftrag nennen könnte, der meinen parteiischen Ansatz ein wenig konterkarierte.

Der Reihe nach. Am vergangenen Freitag hatte ich das Vergnügen, der Partie zwischen den beiden anderen Vereinen der zweiten Liga beizuwohnen. Sie wissen schon, die, die anders sind, die ihr Stadion selbst gebaut haben auf der einen und die ihre bundes-und-darüber-hinaus-weiten Fans zu Rettern machten auf der anderen Seite. Bösartige Menschen würden von Kultvereinen sprechen. Wohlmeinende Menschen häufig auch, müssten sich aber die Frage gefallen lassen, wie wohlmeinend das beim 1. FC Union Berlin und beim FC St. Pauli (das „von 1910“ habe ich mir geschenkt, Namenspuristen mögen es mir auch in diesen Zeiten verzeihen) ankommt.

Ich bin für sowas ja in einem gewissen Rahmen durchaus anfällig. Für Vereine, oder deren Fans, die versuchen, ihre Identität und ihre Ideale zu bewahren, und es vielleicht auch ein Stück weit schaffen. Vereine und ihre Anhänger, die an der einen oder anderen Stelle an das gallische Dorf erinnen, ob sie nun damit kokettieren oder nicht, die eben tatsächlich das Stadion selbst umbauen oder eine explizit politische Fanszene haben, die auf dumpfes „Sieg“-Gebrüll verzichten (so es denn gelingt), die meinetwegen auch, um von den genannten Beispielen ein Stückchen wegzukommen, lauter radfahrende Studenten im Kader haben. Wenn ich sage, ich sei anfällig, dann meine ich, dass ich eine gewisse Grundsympathie entwickle, die in der Regel ungefähr so lange hält, bis man den Eindruck gewinnt, das Image verselbständige sich zu sehr, oder wie auch immer man es ausdrücken mag, wenn alles nur noch Kult ist und nichts mehr, oder zumindest viel zu wenig, Fußball.

Wie glaubwürdig so ein Image abseits des Sportlichen letztlich ist, hängt wie so oft an Menschen. An den Vereinsverantwortlichen, ein Stück weit, aber nicht nur. Es sind in nicht zu vernachlässigendem Maße andere Menschen, die letztlich das Image eines Vereins transportieren, die es vielleicht auch begründen. Menschen, die einem vermitteln können, warum sie „ihren“ Verein so lieben (ja, lieben), ohne überhaupt explizit sagen zu müssen, dass sie ihn lieben, und ohne dabei zu klingen wie eine mehr oder weniger gut gelungene Adaption von Nick Hornby. Mir scheint, Matti Michalke ist so einer. Dabei habe ich ihm nur ein paar Minuten zugehört. Am Freitag, ein paar Stunden vor dem Spiel zwischen Union und St. Pauli (ja, ja, Namenspuristen), in der Eisernen Botschaft, einem Etwas, das zum einen ein Fanclub, zum anderen dessen Clubraum, zum dritten ein Ausstellungsraum ist, und noch einiges mehr, was Steffi vom Textilvergehen schon vor vielen Monaten in viel mehr Worten als ich viel deutlicher auf den Punkt gebracht hat, noch dazu viel schöner und kenntnisreicher. Zurück zu Matti Michalke. Er führte uns, ein kleines Häufchen aus Fans beider Seiten oder, vielleicht auch und, des Fußballs im Allgemeinen, durch diese Eiserne Botschaft. Er war witzig, in anderem Kontext würde man vielleicht Parallelen zu einem Conférencier herausarbeiten, er war informativ, selbstironisch, manchmal schnoddrig und stets liebevoll, ganz besonders dann, wenn er Geschichten von alten Unionern zum Besten gab, oder von neuen oder jungen, Geschichten, die vielleicht gar nicht besonders lustig waren, zumindest nicht für die Betroffenen, und die doch so viel Respekt für die Protagonisten vermittelten, auch wenn man mal über sie lacht.

Nein, ich möchte Matti Michalke nicht heiraten. Dafür kennen wir uns dann doch zu kurz. Haben noch nicht einmal miteinander gesprochen. Und meine Spende war nun auch wieder nicht so groß (der einheimische Begleiter hatte mir keinen Geldautomaten vermitteln können), dass man sie als Mitgift ansehen könnte. Aber ich erlebte zweifellos eine bemerkenswerte halbe Stunde in der Eisernen Botschaft.

Wie ich dahin kam? Nun, das lag an anderen Menschen, deren Liebe zu Union man … und so weiter. Textilvergeher und Textilvergeherinnen, Sie wissen schon, nicht zum ersten Mal (wer echte oder vermeintliche Widersprüche entdeckt, hat auf den ersten Blick vielleicht recht). Der werte Herr @saumselig hatte ein Rundum-Sorglos-Paket arrangiert, inklusive historischer S-Bahn-Rundfahrt, Köpenicker Stadtrundgang mit Frau @rudelbildung und dem wunderbar allzeitgegenwärtigen @keanofcu, den @hoenower durfte ich auch erneut treffen, und erneut zu kurz. Nur das Treffen mit Frau @unrund kam quasi ungeplant zustande. Schön, das.

Genug des Namedroppings. Soll ja auch um Fußball gehen. Und um dieses wunderbare Stehplatzstadion, von dem wir gerüchteweise nicht wissen, wie es in wenigen Wochen oder Monaten heißen wird, und das ganz ohne Fankarte einen reibungslosen Wurstverkauf garantieren kann. Voll war’s an der Alten Försterei. Und angenehm, trotz einzelner Becherzweckentfremdungen, angesichts zweier Vereine, deren Fans nicht zu den üblichsten Verdächtigen zählen, wenn es um Ausschreitungen geht, und die nach meinem Eindruck auch nur halbherzig dementieren, wenn ihnen eine gewisse Seelenverwandtschaft nachgesagt wird. Schön gesungen haben sie, auf beiden Seiten, auch wenn ich, soviel Ehrlichkeit muss sein, die Einheimischen bei meinem ersten Besuch als sangesstärker und standardliedgutferner wahrgenommen hatte. Ersteres hatte zur Folge, dass der junge Mann hinter mir mehr Zeit zum Meckern hatte. Mir wär’s ja gar nicht so aufgefallen, aber sowohl er selbst als auch mein Nebenmann wiesen mich recht früh auf das hin, was mich erwarten würde. Sodass ich es dann doch wahrnahm. Angenehm unschwäbisch war’s.

Bemerkenswert war, nicht nur bei ihm, die lautstarke Schiedsrichterschelte allenthalben, als Mosquera möglicherweise elfmeterreif zu Fall gebracht wurde kam. Dass er vor dem Zweikampf alle Zeit der Welt gehabt hätte, den Ball quer auf Christopher Quiring zu spielen, der sich dann schon sehr ungeschickt hätte anstellen müssen, um nicht zu vollenden, trat indes völlig in den Hintergrund. Überhaupt, Quiring: Er allein brachte die Abwehr des FC St. Pauli in der ersten halben Stunde mehrfach in Verlegenheit, bis sich Jan-Philipp Kalla auf ihn eingestellt hatte und dann auch nichts mehr anbrennen ließ. Womit das Offensivspiel der Berliner quasi beendet war, da auch Parensen auf der anderen Angriffsseite nach einem ersten Strohfeuer kaum mehr Zug nach vorne entwickelte. Anders gesagt: in der ersten Hälfte wirkte St. Pauli defensiv ein wenig ungeordnet, doch Union schlug daraus kein Kapital. Danach setzten sich nicht nur die individuellen Stärken der Gäste durch, sondern auch der erfolgreiche Ansatz, der mit hüftsteif nicht sonderlich ungerecht beschriebenen Union-(Innen-)Verteidigung ein paar bewegliche und flexible Offensivspieler entgegen zu stellen (bzw. eher laufen zu lassen als zu stellen). Bartels, Kruse, Naki und auch Bruns wechselten häufig die Positionen, die Abwehr ließ sich herausziehen und öffnete der Gästeoffensive, die sich beim Nutzen der Gelegenheiten dann aber nicht mit übertrieben viel Ruhm bekleckerte, die Korridore für einfache Bälle in die Tiefe.

Die Unionanhänger um mich herum fanden sich dann auch recht frühzeitig mit der Niederlage ab – bei der Hereinnahme von Halil Savran in der 37. Minute, wenn man es genau nimmt – und diskutierten fürderhin vieles, was sich interessanterweise auch im jüngsten Texttonvergehen wiederfindet und was ich in ähnlicher Form auch schon bei der Tiefenanalyse am Graffito gehört hatte. Versteht keiner? Egal. Ich hatte Spaß und danke herzlich, auch den schwedischen Hipsters und dem unbekannten Evertonian.

Nach dem Spiel war vor dem Spiel

In der Tat, noch in der Nacht begann die Vorbereitung auf das samstägliche Bundesliga-Spitzenspiel zwischen dem VfB und Borussia Dortmund. Die nicht zuletzt darin bestand, alle verfügbaren Twitterclients mit Aktualisierungen und die Endgeräte mit Strom zu versorgen. Und bereits ein wenig zu beten, dass die guten Wünsche, die mir @saumselig später mit auf den Weg geben sollte, in Erfüllung gehen würden:

„Wünsche @heinzkamke immer eine Handbreit Netz unter dem Kiel beim Twittern für @zeitonlinesport

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wem der Wunsch Befehl sein sollte, aber ich weiß, dass er überhört wurde. So wie damals halt. Nun saß ich diemal also wenigstens auf der Pressetribüne, war auch rechtzeitig vor Ort, hatte das vor dem Spiel noch halbwegs verfügbare Mobilfunknetz genutzt, um ein disaster waitung to happen vorsichtig anzudeuten. Nebenbei verfluchte ich (ja, das tat ich) „meinen“ Verein, der den Medienvertretern und mir kein WLAN oder einen anderen verlässlichen Onlinezugang zur Verfügung stellt, und machte mich daran, zunächst noch zurückhaltend, später unter zunehmendem Verlust der Selbstachtung, Menschen mit einem Zugang zu besserer Infrastruktur um Teilhabe anzubetteln. Einzelheiten behalte ich für mich. Wie auch immer:  etwa 15 Minuten nach Spielbeginn – dem standardmäßig verspäteten Anpfiff sei Dank – stand eine recht verlässliche Verbindung, mein Fatalismus begab sich allmählich auf den Rückzug, und ich konzentrierte mich auf das Spiel. Oder, ehrlicher gesagt, auf den mehr oder weniger erfolgreichen Versuch, mehr oder weniger geistreiche Tweets, gerne auch mal platte Pointen zum Spielgeschehen abzusetzen, das ich eben deswegen nur mit einem Auge verfolgte, was irgendwie in ein Teufelskreischen (sic!) mündete.

Bisschen schade, ehrlich gesagt, wenn man hinterher zwar guten Gewissens in den Tenor all jener einstimmen kann, die betonen, dass die erste Halbzeit, nach der anfänglichen Duselphase, die beste VfB-Leistung der bisherigen Saison mit sich gebracht habe, gleichzeitig aber eingestehen muss, das ganze Hin und Her immer nur ausschnittsweise verfolgt und den Anspruch aufgegeben zu haben, die dahinter steckenden taktischen Kniffe zu erkennen und zu benennen. Dass Molinaro stark war, vor allem in der Offensive, konnte nun wirklich niemand übersehen, der Freistoßtrick ist ohnehin zur Genüge durchgekaut. Dass er übrigens wirklich gut war, sieht man ganz besonders an der Reaktion von Jürgen Klopp, der sich sehr beeilte, zu betonen, dass es sich ja doch eher um einen, wenn auch gut umgesetzten, alten Hut gehandelt habe.

Wenn ich mich kurz selbst zitieren dürfte, um meine Stimmung angesichts dieser ersten Halbzeit relativ knapp zusammenzufassen:

https://twitter.com/#!/zeitonlinesport/status/130289025775960065

Kam allerdings nicht überall so an, meine Stimmungslage. Nachdem ich zunächst noch die Sorge gehabt hatte, mich als „Twitterreporter“ eines Qualitätsmediums allzu offen zum VfB bekannt zu haben, entpuppte sich diese Befürchtung relativ rasch als unbegründet. Glaube ich zumindest, ganz sicher bin ich mir nämlich nicht, ob ich diesen Tweet eines Mitlesenden richtig interpretiert habe:

„Es nervt extrem wie parteiisch sie gegenüber dem VfB sind. Boah. Die führen 1-0 und beherrschen das Spiel. @zeitonlinesport

Gegenüber heißt hier schon eher gegen als für, oder? Das redete ich mir auf jeden Fall ein und bemühte mich fortan, etwas weniger gegen den VfB zu sein.

Fiel mir gar nicht so schwer, zumal die Stuttgarter nicht nur weniger begeisternd auftraten, sondern auch den Eindruck machten, jede Unterstützung gebrauchen zu können. Letztlich ging es nicht zuletzt deshalb dann doch ohne externe Hilfe, weil Sven Ulreich phasenweise groß aufspielte. Sicherlich hatte er in der einen oder anderen Situation ein wenig oder auch ein bisschen mehr Glück; mehrfach reagierte er jedoch schlichtweg überragend. Natürlich hätte er Neven Subotics Kopfball kurz vor Schluss kaum ausweichen können – der anschließende, beinahe artistisch anmutende Befreiungsschlag bot indes Anlass zur Legendenbildung. Hätte ich ja nicht gedacht, dass ich Ulreich hernach als den im Vergleich zu Weidenfeller nicht nur reaktionsstärkeren, sondern insgesamt souveräner wirkenden Torhüter bezeichnen würde.

Vermutlich müsste man sich nach diesem Spiel fragen, woran es lag, dass der VfB endlich wieder einmal entschlossen offensiv auftrat und dabei vor allem auch spielerisch zu gefallen wusste. Es ließen sich Überlegungen anstellen, die mit der offensiven Spielweise der Dortmunder zu tun haben, die auch dem noch nicht immer ausgereiften Stuttgarter Angriffsspiel viele Freiräume eröffnete, und auf der anderen Seite mit Götze und Kagawa, die ihre Mannschaft nach vorne führten, was mitunter auf beiden Seiten zu Lasten der defensiven Ordnung ging. Man könnte auch über die taktische Aufstellung philosophieren, über die Offensivleistung der Stuttgarter Außenverteidiger, über Hajnals wiedergefundene Kreativität.

Oder aber man freut sich einfach über ein wunderbares Fußballspiel und nicht zuletzt über zwei Trainer, die ihre Mannschaften bis weit in die zweite Hälfte hinein nach vorne trieben.  Klopp behielt das bis zum Abpfiff bei, Labbadia nahm am Ende doch das Tempo aus dem Spiel und brachte Gentner.

Das meinte ich übrigens mit den platten Pointen.

Das neue Schwarz? Wird bald bunt!

Vermutlich bin ich nicht der einzige, dem gelegentlich ein Gedanke, vielleicht auch ein ganzer Blogtext, im Kopf herumschwirrt, den er irgendwie nicht so recht zu fassen bekommt, der sich einfach nur einnistet und darauf wartet, verarbeitet zu werden, ohne dass man selbst zunächst weiß, wohin die Reise geht. Von Zeit zu Zeit komme ich dann zu dem Schluss, dass sich zu viele frei schwebende Texte in meinem Kopf herumtreiben und ich den einen oder anderen loswerden muss – sei es, indem ich versuche, ihn nach und nach zu vergessen, sei es, indem ich ihn frei schwebend in die Tastatur fließen lasse. So wie die nachfolgenden Gedanken über die taktische Fußball-Blogwelt.

Ja, Taktik ist das neue Schwarz. Finde ich gut, grundsätzlich, sowohl im Fernsehen als auch im Print als auch, und darum soll es hier in erster Linie gehen, in Blogs. Wir alle (Wenn sich jemand nicht vereinnahmt sehen möchte, möge er Bescheid geben. Oder sie.) erfreuen uns seit geraumer Zeit an den taktischen Analysen bei Zonal Marking, wir verfolgen die aufwändigen und leider zu seltenen Analysen der Taktiktafel, Kenner wissen schon seit geraumer Zeit die Ausführungen im Werder-Fußball-Blog zu schätzen.

Gerade Zonal Marking dürfte dem einen oder anderen Blogger den Anstoß gegeben haben, sich mit System- und taktischen Fragen nicht nur intensiv zu befassen, sondern seine Eindrücke sowohl verbal als auch grafisch zu Papier zu bringen. Beim Textilvergehen tat man das wörtlich (zu Papier bringen), in verschiedenen anderen Blogs unter technischen und grafischen Gesichtspunkten zunehmend elaboriert, in Nedsblog wurde das Projekt 442 zu einer Art (ernst gemeintem) Running Gag, mit Blick auf die österreichische Nationalmannschaft befasst sich Martin Blumenau stets kritisch und nicht weniger kompetent mit dem, was er nicht als taktisches Konzept anzuerkennen bereit ist, und ebenfalls in Österreich, aber mit internationalem Bezug, hat Ballverliebt.eu in den letzten Monaten den taktischen Fokus enorm verstärkt. Ob das mit dem Erfolg von Zonal Marking zu tun hat, weiß ich nicht. Es ist mir letztlich auch egal. Beim relativ neuen „Taktikguru“ ist das etwas anders. Falsch. Auch dort ist mir die Motivation egal. Anders ist indes der explizite Bezug auf Zonal Marking als Referenzpunkt, womit die Latte gleich auf einer ganz anständigen Höhe liegt. Kann man machen, wenn man das nötige Selbstvertrauen hat.

Wenn ich ehrlich bin, war der Gedanke, den ich eigentlich im Kopf zu haben glaubte, ein ganz anderer. Es ging mir nicht darum, einen Marktüberblick zu geben. Den habe ich selbst nicht. Mich beschäftigt vielmehr der Umstand, dass ich mir nie im Leben zutrauen würde, derartige taktische Analysen zu erstellen. Obwohl ich mich für einen nicht gänzlich unbeleckten Laien halte. Letztlich kenne ich, um ein Beispiel zu nennen, die theoretischen Grundlagen zur Funktionsweise einer Viererkette nicht gut genug, um seriös beurteilen zu können, ob der linke Verteidiger zwei Meter zu weit hinten stand (wenn er nicht gerade dadurch eine Abseitsstellung aufhob).

Nicht nur vor diesem Hintergrund frage ich mich gelegentlich – und das ist überhaupt nicht polemisch gemeint – was wohl ausgewiesene Taktikexperten aus der professionellen Fußballszene zu den Analysen der Blogger sagen würden. Würde Urs Siegenthaler einen Beitrag von Zonal Marking als Kindergeburtstag abtun? Oder Jürgen Klopp? Werner Lorant? Marcel Koller? Holger Osieck? Jürgen Klinsmann? Irgendein Fußballlehrer? A-Lizenz-Inhaber?

Ok, ernsthaft: mir ist klar, dass a) José Mourinho eher selten bei Zonal Marking nachlesen dürfte, auch nicht beim Taktikguru, und b) professionelle Analysen mit deutlich mehr Aufwand und auf einer völlig anderen Datenbasis erstellt werden. Kaum zu vergleichen. Mit den Videoanalysen, die wir meinetwegen im ZDF-Sportstudio oder in der Spieltagsanalyse beim DSF (ja, ja) sehen, schon eher. Und da gehen die Meinungen ja deutlich auseinander. Während Jürgen Klopp dereinst bejubelt wurde, fällt das bei Thomas Strunz oder Oliver Kahn durchaus zurückhaltender aus – obwohl sie sich schon ein paar Jahre mit dem Spiel auseinandersetzen.

Ich habe keine Ahnung, wie intensiv sich die Betreiber von Taktikblogs mit fußballtheoretischen Fragen befassen oder befasst haben. Ob sie Trainerlizenzen haben, seit Jahren als Scouts tätig sind, die einschlägige Literatur aus dem Effeff kennen oder eben „nur“ gebildete Laien sind. Letztlich ist das zwar irrelevant, wenn die Inhalte gut sind (was ich auf Basis der Analysen und deren Vergleich mit meiner eigenen Wahrnehmung – die wiederum die eines Laien ist, klar – beurteile), und doch muss ich zugeben, dass ich zunächst ein wenig irritiert war, als ich vor einigen Wochen las, der Mann hinter Zonal Marking, Michael Cox, sei zwar schon immer an Taktik interessiert gewesen, hätte aber genauso gut und wohl auch gern über etwas anderes schreiben können, wenn er einen Markt dafür gesehen hätte:

On a less romantic note: because to create a successful blog/site, there has to be a niche, a particular area of interest. It seemed like a bit of a gap in the market.  […] I love tactics, but if ZM already existed, I would have done it about something else; another niche area.

Fair enough. Und doch irgendwie seltsam.

Wie auch immer. Wir haben jetzt also einen Markt für taktische Analysen. Wir sind endlich, und zwar nicht erst seit heute, an dem Punkt, wo Taktik auch ein Thema für vertiefte öffentliche Diskussionen über Fußball ist. Diskussionen, die zwar noch immer recht zahlenfixiert sind (4-5-1 vs. 4-2-3-1 vs 4-4-1-1 etc…), die sich aber auch mit Fehlentwicklungen während des Spiels befassen, falsche Laufwege aufzeigen und bei der Entstehung kritischer, vielleicht gar entscheidender Situationen nicht nur die letzten anderthalb, sondern drei, vier oder fünf Züge betrachten. Oder noch besser, die aufzeigen, was drei Züge später geschehen wäre, wenn nicht…

Mag sein, dass diese Diskussionen auch künftig einen etwas nerdigen Anstrich haben werden. Aber sie werden geführt. In dedizierten Taktikblogs, aber auch in ganz normalen Schlurchblogs. Und wir werden sehen, dass es in unserer Blogwelt gute und nicht ganz so gute Taktikblogs gibt, genau so, wie wir schon heute überragende und mittelprächtige Glossen lesen, die Augen öffnende und eher langweilige Hintergrundanalysen, besondere Spielberichte und Schilderungen von der Stange.

Schön, dass sich die Taktikfüchse rasch vermehren. Der Reiz des per se Außergewöhnlichen wird sich bald verlieren, der Reiz des in Sachen Kompetenz und Umsetzung Außergewöhnlichen wird bleiben.

Ich hab ein gutes Gefühl

Heute geht’s also wieder los. Das erste Saisonspiel im Neckarstadion, und gleich ein internationales Topspiel. Und die Feuertaufe für die Untertürkheimer Kurve, die erstmals nach dem Umbau wieder Gästefans aufnehmen darf, ehe gegen Dortmund auch die Einheimischen dorthin müssen.

Gänzlich uninformiert bin ich also nicht, trotz Elternzeit, trotz weitgehender Stille hier im Blog in den letzten Wochen.

Ein bisschen was habe ich ja doch geschrieben, zum Beispiel die Antworten für’s 11Freunde-Sonderheft, das ich jetzt nicht noch einmal explizit erwähnen würde, wenn ich nicht noch drei Exemplare unter die Leute bringen dürfte: Windhundverfahren in den Kommentaren.

Etwas weiter entfernt von der fußballerischen Tagesaktualität lag das, was ich den Urlaubern vom Textilvergehen ins Stammbuch Blog schreiben durfte. Dort ging es um Harry Valérien, Katsche Schwarzenbeck und natürlich Ove Grahn.

Das war’s dann auch mit der Selbstvermarktung. Kommen wir zurück zum tatsächlichen Geschehen. Hier in Stuttgart. So richtig viel hat sich ja nicht getan in den letzten Wochen. Also, abgesehen von Sami Khediras Abschied natürlich. Bitter für den Verein, vermutlich ein richtiger und wichtiger Schritt für ihn. Den auch der Neue nicht verhindern konnte, trotz Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei Karstadt oder Breuninger. Obwohl er Namensgeber und Teilhaber einer Sportsbar ist, konnte er auch Olympique Marseille noch nicht zum Verkauf von André Ayew bewegen, und auch seine Anteile an einem Sportgeschäft in Winterbach – wo er sogar jeden Mitarbeiter persönlich kenne – haben den FC Augsburg bis dato nicht dazu gebracht, Ibrahima Traoré abzugeben. Möglicherweise war es aber sein Praktikum bei der DFL, in Verbindung mit den Inhalten seines Fernstudiums im Sportmanagement, das den Liverpool FC überzeugte, Philipp Degen mehr oder weniger günstig zu verleihen.

Ok, jetzt mal im Ernst: ich hätte schon gern einen Manager gesehen, der etwas mehr Erfahrung vorzuweisen hat als die von den Stuttgarter Nachrichten so wunderbar zusammengetragenen Schlüsselqualifikationen und ein gutes Jahr als Geschäftsführer an der Schwarzmeerküste. Jan Schindelmeiser wäre der Mann meiner Wahl gewesen, wobei ich die Umstände seines Abschieds aus Hoffenheim und die in diesem Kontext genannten gesundheitlichen Gründe nicht einschätzen kann. Stattdessen betätigt sich der VfB erneut als Managerausbilder. Und doch habe ich ein gutes Gefühl. Ein Gefühl, das ich nur sehr bedingt rational erklären kann und das ganz sicher nichts mit einer kaufmännischen Ausbildung im Einzelhandel zu tun hat. Es ist eher der möglicherweise anachronistische Glaube an den Typen Bobic, an einen Mann, der in seiner aktiven Karriere ein beachtliches Durchsetzungsvermögen an den Tag gelegt hat, der Konflikten nur selten aus dem Weg ging und der in Vertragsdingen, soweit man das von außen beurteilen konnte, nicht die schlechteste Figur abgab. Es gibt den einen oder anderen früheren Weggefährten, der heute den Hut zieht, wie weit es Bobic als nicht überragend begabter Fußballer bringen konnte, durch seinen Ehrgeiz, Willen und nicht zuletzt Zielstrebigkeit. Nicht die schlechtesten Züge. Das Handwerkszeug können sie sicher nicht ersetzen, aber sie können helfen, es schneller zu erlernen und anzuwenden. Ich hab ein gutes Gefühl.

Noch nicht ganz so gut ist mein Gefühl, was den Saisonstart anbelangt. Zu unklar ist noch die Zusammensetzung der Mannschaft. Zwar bin ich überzeugt, dass auch kurzfristige Neuzugänge ihren Dienst nicht in einem so desolaten körperlichen Zustand antreten werden wie die ehemalige Zaubermaus aus Weißrussland im Vorjahr; ein wenig Eingewöhnungszeit sollte man den Neuen gleichwohl einräumen. Besonders ärgerlich ist das erneute lange Warten insbesondere deshalb, weil man Spieler für die offensiven Außenpositionen sucht – Schlüsselpositionen, deren Bedeutung für sein System Christian Gross unermüdlich betont. Eine weitere Schlüsselposition scheint er mit Philipp Degen besetzt zu haben. Wenn ich das Gemurmel in Cannstatt richtig interpretiere, trägt mancher Fan gewisse Zweifel an dessen Leistungsfähigkeit im Herzen. Zweifel, die ich einerseits teile. Andererseits bin ich froh, dass man einen weiteren Rechtsverteidiger verpflichtet. Zu wechselhaft waren die Leistungen von Stefano Celozzi, zu wichtig scheint Christian Träsch in der Zentrale zu sein. Ob Degen indes ein adäquates Pendant zu Cristian Molinaro sein kann, wie der Trainer es sich wünscht, bleibt abzuwarten. Mein Grundvertrauen in Christian Gross lässt mich zumindest darauf hoffen.

Noch größer ist die Hoffnung, dass Zdravko Kuzmanovic eine große Saison spielt. Er wird gefordert sein, Khediras Rolle als Chef auf dem Platz zu übernehmen. Träsch ist fußballerisch nicht stark genug, Gentner sehe ich nicht als „Leader“, und Funk wird wohl erst langsam in die Mannschaft hineinschnuppern können – gerne lasse ich mich gerade in seinem Fall vom Gegenteil überzeugen. Genau wie von Sven Ulreich, der mich, wie verschiedentlich angeklungen, bis dato nicht vollends überzeugen konnte. Zwar glaube ich nicht, dass Marc Ziegler das Stuttgarter Pendant zu Jörg Butt werden kann; aber es gibt ja auch noch andere Torhüter beim VfB.

In Sachen Innenverteidigung wird sicherlich vieles davon abhängen, wie Serdar Tasci die Enttäuschung der Weltmeisterschaft wegsteckt. Nachdem es aber Niedermeier nicht gelang, im ersten Pflichtspiel in Molde Souveränität auszustrahlen und vielleicht ein Ausrufezeichen zu setzen, und Boulahrouz nach den Eindrücken des Vorjahrs nicht als Liebling des Trainers gelten kann, gehe ich davon aus, dass Delpierre und Tasci wieder den Stamm bilden werden. Im Sturm ist die Situation ungleich offener. Zu Cacau, Marica und Pogrebnyak gesellt sich Martin Harnik, der gegebenenfalls auch über die Außenbahnen kommen kann, als Pendant zu dem vermutlich gesetzten Timo Gebhart – vor allem solange die Neuverpflichtungen ausbleiben und Sebastian Rudy es weiterhin an Schlagkraft mangeln lässt.

Eigentlich wollte ich hier keine Saisonvorschau schreiben, zumal das alles schon nach dem Spiel gegen Molde heute abend wieder ganz anders aussehen kann, aber man kommt halt manchmal so ins Plaudern. Kurz: meine Zuversicht für das erste Saisondrittel hält sich noch ein wenig in Grenzen, aber danach wird das schon – wenn es gelingt, auf den Außenbahnen nachzulegen. Ich hab ein gutes Gefühl.

Und falls es doch nicht klappen sollte, liegt es bestimmt daran, dass man wieder einmal versucht hat, am großen Rad zu drehen. Dabei hat Thomas Haid doch davor gewarnt. Der VfB soll sich auf seine Eigengewächse stützen. Da kann man mit Hilfe des Verweises auf Nischenmärkte dann auch mal Verpflichtungen wie den 835fachen mexikanischen Nationalspieler Pavel Pardo mit rein packen. Und locker auf die Meisterschaften der 80er und 90er zurückblicken, „mit Spielern, die vorwiegend aus dem Talentschuppen auf dem Wasen stammten oder wie Karl Allgöwer, Jürgen Klinsmann, Guido Buchwald und Walter Kelsch von den Stuttgarter Kickers ausgebildet wurden.“

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie Asgeir Sigurvinsson und Matthias Sammer als Vertreter der Meistermannschaften 1984 und 1992, zu diesem Ansatz stehen. Und die Mitte der Neunziger, die bundesweit vermutlich nach wie vor am nachhaltigsten erinnerlichen Phase Stuttgarter Spielkunst, und mit ihr die Herren Balakov und Elber, kann man ohnehin als belanglos beiseite lassen.

Ich sollte aufhören.

Klostrabacher Alpirs… (II)

Die Fußballbloggertreffenstädtereise ging weiter. Von München aus führte mein Weg direkt nach Berlin, wo ich im Auftrag des Berliner Kurier den werten Kollegen @bunkinho unterstützen sollte, den Klassenerhalt des FC Union endgültig zu sichern. Oder so ähnlich.

Von vorne: Nachdem bei meinem ersten Treffen mit dem geschätzten Herrn @saumselig vom Textilvergehen (damals noch ohne schicke Visitenkarte) ein besonderes Highlight den anschließenden beruflichen Termin ein wenig erschwert hatte, meinten es sowohl der eigene Terminplan als auch ILOG diesmal deutlich besser: ich hatte Zeit, und Union ein Heimspiel.

Noch dazu war das Wetter gut, sodass einer Spielvorbereitung zu Wasser nichts im Wege stand – @saumselig hatte für mich einen Platz auf einem der Boote ergattert, die ganz Union, ein paar Bielefelder und eben mich nach Köpenick schipperten. „Ganz Union“ umfasste für mich, neben vielen anderen singenden Menschen, ganz konkret die mitreisenden @rüpel und @hoenower sowie @rudelbildung, @bunkinho und @NuSajaz auf den anderen Booten, während ich mit dem verhinderten @spielbeobachter, mit @keanofcu und der nicht zwingend Union zuzurechnenden @Maria_Berlin immerhin in der gleichen Stadt, später gar im selben Stadion war und per Twitter austauschte.

Genau. Das Stadion. Hatte für mich etwas sehr viel Amateurhaftes. Also was zum Liebhaben, meine ich. Wie bereits angedeutet, hatte mir die Sportredaktion des Berliner Kurier einen Pressezugang ermöglicht, sodass ich mich recht frei im Stadion bewegen und mir alles -unter kundiger Führung von @saumselig- ganz genau ansehen konnte – natürlich das Stadionbauerdenkmal, die Anzeigetafel, den, hm, ungewöhnlichen Spielertunnel, die ebenso ungewöhnliche Mixed Zone, undsoweiterundsoweiter. War schön.

Vielleicht sollte ich zwischendurch erwähnen, dass ich Berichten über „etwas andere“ oder auch Kultvereine durchaus zurückhaltend gegenüber stehe und auch Bezeichnungen wie „Magischer FC“ oder „1. FC Wundervoll“ eher reserviert zur Kenntnis nehme, egal ob man dort im Training Schopenhauer zitiert, eine explizit politische Fanszene hat oder eben sein Stadion selbst baut. Nicht dass ich die jeweiligen Leistungen klein reden wollte, weit entfernt – letztlich müssen sich jedoch auch diese Vereine im sportlichen Wettbewerb beweisen. Mag sein, dass sie auch mit Misserfolg anders umgehen – völlig abnabeln von sportlichen Kriterien können sie sich gleichwohl nicht. Holger Stanislawski hat sich in den letzten Monaten, soweit ich das verfolgen konnte, mehrfach in diese Richtung geäußert, Jürgen Klopp und Thomas Tuchel haben nach meinem Verständnis deutlich gemacht, dass es nicht reicht, ein Karnevalsverein zu sein, und auch Uwe Neuhaus lässt sich am sportlichen Erfolg messen.

Nach diesem kurzen Exkurs stelle ich gleichwohl fest, dass mir die Stimmung und das Drumherum in der Arena im Stadion an der Alten Försterei verdammt gut gefallen haben. Ganz besonders hat es mir ein Fangesang angetan, der zu den großartigsten zählt, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Sicher, es mag auch ein Verdienst der Union-Anhänger sein, dass „Du bist der beste Mann“ aus der betulichen Ecke von „Good Night Ladies“ oder „Rucki Zucki“ herausgeholt und mit Hilfe von Hartmut Torsten Mattuschka dem schmissigeren Frankie Valli zugeführt wurde; vor allem aber haben sie mich mit ihrer Ode an den Verein im Hardchorus-Stil mächtig beeindruckt:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=NWby6GBPRvY]

Wie das Spiel war? Naja, so wie’s im zugehörigen Texttonvergehen gesagt wird: Ich habe schon bessere Konter gesehen. Union gewann 3:0 und sicherte so endgültig den Klassenerhalt. Mit etwas mehr Struktur in den Kontern hätte man das Spiel sicherlich noch früher noch klarer entscheiden können. Brunnemann war stark, die Mitte mit Peitz und Younga-Mouhani drängte sich als Alternative zu Schweinsteiger – Khedira auf, Menz steigerte sich, Dogans Freistoß gefiel.

Um mich an Mattuschkas Laufstil zu gewöhnen, brauche ich wohl noch ein paar Tage, aber die 7 Spiele bis zum Finale sollten reichen.

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Herzlichen Dank an @saumselig, @rudelbildung und @bunkinho – ich freu mich auf ein nächstes Mal, möglichst auch dann ohne chinesisches Essen.

Erzählt Geschichten!

Gestern habe ich hier einen Schwank aus meiner Jugend (naja, Jugend) zum Besten gegeben und mich sehr über die Reaktionen gefreut, die in mehreren Fällen so aussahen, dass Kommentatoren eigene Geschichten zum Thema (bzw. ihr eigenes Polk High)  in den Kommentaren versenkten.

Ganz sicher stellen diese paar Reaktionen keine gute Basis für allgemeingültige Schlussfolgerungen dar, und doch stärken sie meine Überzeugung, dass in unserer Blogwelt recht viele Leute einfach gerne Geschichten lesen. Oder sie aufschreiben. Aus dem Stegreif fallen mir ein paar großartige Blogbeiträge der letzten Monate ein, die – um beim fußballnahen Teil meines Feedreaders zu bleiben – nicht in erster Linie Tabellenbilder interpretieren, Nationalmannschaftsnominierungen hinterfragen oder Begleiterscheinungen „unseres“ Sports kommentieren, sondern die in erster Linie Geschichten erzählen. So wie nolookpass in seiner als Glückwunsch daher kommenden Hommage an Kutte, wie Sebastian in einer Schilderung der legendären Nacht in Chisinau, der Trainer in der Ode an den Hagebuttentee, bunki in seiner Liebesgeschichte oder Jannik mit einer als Spielbericht getarnten Chronik einer Familienreise nach Cottbus. Oder viele andere, die ich jetzt grade nicht vor Augen habe.

Bitte nicht falsch verstehen: ich will auch die Kommentare zum aktuellen sportlichen Geschehen lesen und die Texte, in denen gesellschaftsrelevante Komponenten des Fußballs erörtert werden, unbedingt. Und wenn dann gelegentlich eine persönliche sportliche Heldensage dabei ist, oder auch eine Chronik des eigenen Scheiterns, nostalgisches Zeug, irgendsowas, dann habt Ihr mich.

Bitte, erzählt (weiterhin) Geschichten!