Den Blick nach vorne gerichtet

Wer kennt sie nicht, diese Situationen, in denen alle Beteiligten den Kopf senken, um nur ja nicht angesprochen zu werden. Damals, zu Schulzeiten, wenn es um Vokabeln ging. Oder heute noch, wenn in einer Sitzung eine offene Frage in den Raum gestellt wird, wie zum Beispiel “Wer schreibt das Protokoll?”

Beim VfB Stuttgart ist das Problem etwas anders gelagert. Die Blicke richten sich nicht nach unten, sondern nach vorne. Wörtlich. Wenn Sven Ulreich, den ich bereits des öfteren dafür kritisiert habe (oder gerne kritisiert hätte, es mir aber verkniff), das Spiel konsequent mit einfallslosen langen Abschlägen zu eröffnen, den Ball hat, wenden ihm im Schnitt neun Feldspieler den Rücken zu. Der zehnte heißt Pogrebnyak, steht 20 Meter in der gegnerischen Hälfte und gibt den Mitspielern vermutlich ein Zeichen, wenn der Ball in der Luft ist und sie sich darum bemühen sollten. Ok, das war gelogen. Aber nur der letzte Halbsatz.

Mit Fußball, wie ich ihn mir vorstelle, hat das wenig zu tun. Ich würde mir wünschen, dass der Spielaufbau hinten links oder hinten rechts beginnt. Und zwar nach unmittelbarem Zuspiel vom Torwart und nicht unter Zuhilfenahme des Kopfes eines gegnerischen Mittelfeldspielers. Der VfB fährt da eine andere Strategie. Ich weiß nicht, ob – um willkürlich einen Rechtsverteidiger herauszugreifen – Boulahrouz den Ball im Spielaufbau nicht will, ob er weiß, dass Ulreich ihn ohnehin nicht anspielen würde, oder ob die letzten Trainer es schlichtweg alle verboten haben. Wie auch immer: wenn der Torwart den Ball hat, schauen die Außenverteidiger nach vorne. Und die Innenverteidiger. Und wenn Kuzmanovic nicht auf dem Platz ist, das komplette Mittelfeld.

Es ist ja nicht grundsätzlich schlecht, nach vorne zu schauen. Gegenwärtig hat man gar keine andere Wahl. Nach vorne schauen, zeitlich. Die Vorrunde zwar analysieren, aber dann auch abhaken. Und nach vorne schauen, tabellarisch. Hoffen, dass diesbezüglich irgendwann im Lauf des Frühjahrs der eine oder andere Blick zurück möglich wird.

Mit welcher Mannschaft dies dann geschieht, ist eine spannende Frage. Wird man sich von unzufriedenen oder halbwegs ertragsträchtigen Spielern trennen, um, was weiß ich, einen ehemaligen Weltmeister zu engagieren? Wird, wie mir gestern von einem mit einer Menge fußballerischem Sachverstand gesegneten Freund voller Überzeugung vorgetragen wurde, in der Rückrunde “auf jeden Fall Marc Ziegler im Tor stehen”, um ein Zeichen zu setzen? Ein anderer warf die Frage auf, ob man Delpierre die Binde abnehmen müsse, was unangenehme Erinnerungen an die späte Ära Hitzlsperger weckte.

Ich weiß nicht, ob Bruno Labbadia so tickt. Ob er ein weithin sichtbares Signal geben will und wird, oder ob er das Ganze sachlicher angeht. Auch wenn ich nicht einmal finde, dass es unsachlich wäre, Delpierre in Frage zu stellen. Oder Ulreich. Aber irgendwie glaube ich nicht an gravierende Veränderungen in der Form, das jemand “rasiert” wird. Ich gehe von der einen oder anderen Verstärkung aus, wohl auch von Abgängen (wobei ich befürchte, dass man in dieser Hinsicht am ehesten Namen wie Pogrebnyak oder Kuzmanovic hören wird), und davon, dass Labbadia versuchen wird, an den inneren Strukturen der Mannschaft zu arbeiten. Vielleicht wünsche ich mir das auch nur. Genau wie ich mir wünsche, dass er seine Kritiker Lügen straft. Was er bisher getan und gesagt hat, findet meine Zustimmung. Der Schulterschluss mit den Fans hätte sich, so meine wenig fundierte Ansicht, ohne sein Zutun möglicherweise deutlich schwieriger gestaltet. Zudem setzt er auf Leute wie Pogrebnyak und Harnik, bringt die Mannschaft dazu, an ihre Grenzen zu gehen, ist engagiert, und die ersten spielerischen Eindrücke lassen zumindest mittelfristig wieder auf ein ansehnlicheres Angriffsspiel hoffen.

In Sachen Defensive, der er von Beginn an Priorität einräumte, besteht allerdings noch ein wenig Verbesserungspotenzial. Wobei es auch sehr irritierend wäre, wenn es dem neuen Trainer gelänge, innerhalb einer Woche all jene  katastrophalen Abwehrfehler abzustellen oder zumindest auf ein Minimum zu reduzieren, die sich wie ein roter Faden durch die bisherige Saison ziehen. Sechs rechte Verteidiger kamen zum Einsatz, von denen keiner überzeugte, die Innenverteidigung ändert sich fast wöchentlich – verletzungs-, leistungs- oder auch übermotivationsbedingt, selbst Gentner fiel nur unwesentlich ab -, und links ist Cristian Molinaro gesetz, obwohl er ein Schatten seiner selbst ist, weil Boka in der Offensive die derzeit beste Option darzustellen scheint.

Puh. Ich würde vorschlagen, dass der siebte Rechtsverteidiger, wie auch immer er heißt, den Rest der Saison durchspielt, und dass irgendjemand Herrn Delpierre davon abhält, alle paar Spiele mit völlig unsinnigen Fouls zeigen zu wollen, dass er das Effenberg-Gen in sich hat. Nicht immer endet das so glimpflich wie gestern im Pokal, als er anstelle einer gelb-roten auch zwei glatt rote Karten hätte bekommen können. Und wenn dann Gebhart links offensiv spielt, können Boka und Molinaro ernsthaft um den Platz hinten links kämpfen.

Falls Gentner, Träsch und Kuzmanovic in der Rückrunde noch an Bord sind, werden sie sich wohl weiterhin um zwei Plätze streiten. Bzw.  wenn Träsch nicht grade rechts aushelfen muss, haben wir weiterhin das Duell zwischen Kuzmanovic und Gentner. Dessen Sieger meines Erachtens nur Kuzmanovic heißen kann. Aber er kommt nicht aus der Gegend und wird den Verein eher wieder verlassen als Gentner, dem man wohl etwas mehr Herzblut für den VfB unterstellen kann.

Ich wollte eigentlich keinen Rundumschlag angehen, zumal meine Gedanken von einer profunden Analyse weit entfernt sind. Nur noch zwei Sätze zum Sturm: Cacaus Gemecker ärgert mich. Pogrebnyak und Marica wären die Stürmer meiner Wahl. Wenn Harnik über rechts kommt. Sonst wird’s eng für Marica. Aber letztlich kommt alles ganz anders. Und wer weiß, wenn dieser japanische Stürmer…

Ach ja, gegen die Bayern ging’s gestern wieder. Ich hatte gehofft, dass man die starken ersten 30 Minuten vom Sonntag etwas ausweiten und mit einem 0:0 in die Pause gehen würde. Danach würde man sehen. Nun denn, es kam anders. Ottl war weiter weg als Ribéry am Sonntag, dafür schoss er genauer. Ulreich kennt die Ecke jetzt. Und vermutlich weiß er auch, dass ihm die Bayern gerne mal den Ball durch die Beine spielen. Es ist verdammt schwer, gegen Müller, Gomez und Ribéry zu verteidigen. Was nicht heißt, dass man sie dann am besten gleich gewähren lässt. Schweinsteiger ist, ich muss es so sagen, fantastisch. Alles, und ich meine alles, hat Hand und Fuß. Ich weiß, das ist nicht neu, das wussten auch Bruno Labbadia und die Spieler. Und doch ließen letztere sich nach dem 3:3, das man in Unterzahl kurz nach dem verschossenen Elfmeter doch noch schaffte, als Tölpel darstellen. Nach dem 3:4 war das Spiel gelaufen. Schade. Zumindest weiß man jetzt, dass man in der Lage ist, einen Rückstand wieder aufzuholen. Nicht nur gegen Molde.

Ist die geneigte Leserin der Ansicht, meine Gedanken seien unstrukturiert? Der Leser auch? Dann wird das wohl so sein. Nun denn, immerhin stimmt die Struktur dahingehend, dass ganz am Ende die guten Wünsche zu Weihnachten stehen, der herzliche Dank an Leser und Kommentierer sowie der Hinweis, dass es in den nächsten zwei Wochen hier recht ruhig sein könnte. Bei Fredi Bobic ist das hoffentlich anders.

 

Verbalbeurteilung 2010

In den verangenen Monaten hat sich die Gruppe wie bereits im Vorjahr sehr zielorientiert gezeigt. Auf schwache Leistungen im ersten Halbjahr, die zum Teil mit Defiziten bei der Disziplin und häufigen Platzwechseln bzw. der daraus entstehenden Unruhe zusammen hingen, folgte ein hervorragendes zweites Halbjahr unter neuem Lehrpersonal. Einmal mehr bereitete sich die Gruppe hervorragend auf die Abschlussprüfungen vor, was mit entsprechenden Ergebnissen belohnt wurde.

Jens war in seinem letzten Jahr noch einmal ein Vorbild in Sachen Motivation und Engagement. Seine in aller Regel überdurchschnittlichen Leistungen wurden indes durch regelmäßige Disziplinlosigkeiten erneut ein wenig in den Hintergrund gedrängt. Er legte sich mit Kleineren an und ging zum wiederholten Male sorglos mit fremdem Eigentum um. Im Sport zog ein Verstoß gegen Spielregeln einen mehrwöchigen Verweis nach sich. Die Altersgrenze für “Jugend trainiert für Olympia” hat er überschritten. Nach dem Abschluss wird er im Medienbereich tätig sein.

Sven hatte in diesem Jahr sehr viele Fehlzeiten, zuletzt aus gesundheitlichen Gründen. Sofern er diese in den Griff bekommt, könnte er sich im kommenden Jahr voll in die Gruppe integrieren. Speziell zu Beginn des zweiten Halbjahres deutete er an, dass er mithalten kann. Gleichwohl bestehen seitens des Lehrpersonals noch Zweifel, ob er das Leistungsniveau über einen längeren Zeitraum halten und bei Bedarf anderen Gruppenmitgliedern helfen kann.

Cristian stieß erst im Winter dazu und integrierte sich von Beginn an in vorbildlicher Weise. Seine Leistungen waren von vorne bis hinten ausnehmend gut, andere Gruppenmitglieder profitierten immer wieder von seiner Vorarbeit, und abseits des Pflichtprogramms initiierte er gar eine wöchentliche Tanz AG. Ein erneuter Wechsel nach so kurzer Zeit ist für seine weitere Entwicklung nicht wünschenswert.

Arthur verpasste aufgrund einer längeren Erkrankung den Großteil des zweiten Halbjahres. Angesichts des hohen Leistungsniveaus, das die Gruppe zwischenzeitlich erreicht hat, könnte es für ihn schwierig werden, sich wieder zu integrieren. Die Übernahme ins nächste Jahr erfolgt auf Probe. Letztmalig.

Ludovic konnte bereits im ersten Halbjahr die geforderten Leistungen nicht mehr erbringen und wechselte im Winter auf eigenen Wunsch in eine kleinere Einrichtung. Sein Weggang war ein herber Verlust für die Gemeinschaft, die ihn entsprechend verabschiedete.

Matthieu übernahm im Spätherbst Verantwortung für die Gruppe, der er vollauf gerecht wurde. Nach gesundheitlichen Problemen zu Beginn des zweiten Halbjahres brauchte er ein wenig Zeit, um den Rückstand wieder aufzuholen, was ihm letztlich in hervorragender Weise gelang. Mit seiner ruhigen Art gab er seinen Freunden in der Prüfungsphase Halt.

Serdar brachte weitgehend solide Leistungen, konnte sein Vorjahresniveau aber nicht halten. Er zeigte sich bisweilen fehleranfällig und wirkte gelegentlich etwas zu selbstbewusst. Mitunter entstand der Eindruck, er befasse sich zu intensiv mit einem möglicherweise anstehenden Umzug. Sein Umgang mit Kritik ist verbesserungswürdig. Bei “Jugend trainiert für Olympia” hat er zum Erreichen des Finalturniers beigetragen.

Georg wusste bei seinen Leistungsnachweisen, die er aus verschiedenen Gründen etwas zu selten ablegen konnte, stets voll zu überzeugen. Sein zurückhaltendes Auftreten, insbesondere im Umgang mit kleineren Enttäuschungen, ist bemerkenswert und wohltuend. Sein weiterer Verbleib ist ein Gewinn für die Gruppe.

Khalid konnte seine Leistungsfähigkeit nur sehr selten unter Beweis stellen, erbrachte aber bei den wenigen Prüfungen, an denen er teilnehmen durfte, stets zufrieden stellende, mitunter gar gute Leistungen. Sein Sozialverhalten gilt entgegen früherer Eindrücke als gut, Enttäuschungen bewältigt er angemessen und vorwärts gerichtet. Ein Wechsel in eine andere Einrichtung ist denkbar, ein Gespräch erwünscht.

Stefano kam im vergangenen Sommer von einer kleineren Einrichtung mir zweifelhaftem Ruf nach Cannstatt und brachte sich nach anfänglichen Schwierigkeiten im zweiten Halbjahr sehr gut in die Gruppe ein. Dem Vertrauen des Lehrpersonals wurde er jedoch nicht in vollem Umfang gerecht. Zu häufig unterliefen ihm Leichtsinnsfehler, die Zweifel an seinem vermeintlich großen Potenzial aufkommen ließen. Muss sich im neuen Jahr in den Punkten Kreativität und Zuverlässigkeit steigern.

Ricardo hatte bedauerlicherweise viele Fehlzeiten, sodass seine Leistungen nur bedingt bewertet werden können. Speziell unmittelbar vor den Abschlussprüfugen machte er indes deutlich, dass sich die Gruppe auf ihn verlassen kann und trug zu einem positiven Gesamtergebnis bei. Dennoch wird er sich im Sommer an einer anderen Einrichtung einschreiben.

Sami war während des gesamten Jahres ein Vorbild in Sachen Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Kreativität. Er übernahm stets Verantwortung, unterstützte seine Freunde in vielfältiger Weise und entwickelte sich, obwohl einer der Jüngsten, zu einem Sprachrohr der Gruppe. Sami ist ein engagierter Mistreiter bei “Jugend trainiert für Olympia” und hat klare Vorstellungen zu seiner beruflichen Laufbahn, was in absehbarer Zeit zu einem Umzug führen könnte.

Christian hat seine positive Entwicklung aus dem Vorjahr fortgesetzt und bringt in allen Bereichen konstant gute Leistungen. Er ist ausnehmend ehrgeizig, diszipliniert und lernfähig, was ihm in der Gruppe und beim Lehrpersonal eine außerordentliche Wertschätzung einbringt. Einige Abschlussarbeiten gelangen Christian ganz besonders gut. Parallel hat er sich die Teilnahme an “Jugend trainiert für Olympia” verdient.

Zdravko stieß erst während des bereits laufenden Jahre zur Gruppe und hatte einen denkbar schlechten Start, von dem er sich binnen weniger Wochen erholte, um dann seinen Freunden in einer schwierigen Phase mit strategischen Geschick Halt zu geben. Nach dem Wechsel des Lehrpersonals konnte er sein Potenzial nicht immer vollständig entfalten, trug aber gemeinsam mit Sami und Christian stets zur inneren Stabilität der Gruppe bei. Sein Engagement ist vorbildlich.

Thomas konnte seine Leistungen aus den vergangenen Jahren nur selten bestätigen und wechselte im Winter zu einer kleineren Einrichtung, so dass er leider auch bei “Jugend trainiert für Olympia” nicht mehr mitwirken kann. Wir bedauern seinen Weggang außerordentlich, da er stets Verantwortung übernommen und die Gruppe vorbildlich repräsentiert hatte.

Timo begann sein erstes komplettes Jahr mit wechselhaften Leistungen, ehe er unter neuem Lehrpersonal konstanter arbeitete. Nach wie vor ist er zu oft unkonzentriert, vielleicht auch verspielt, und entscheidet sich häufig für die falsche Lösung. Seine Arbeitsgeschwindigkeit, seine Kreativität und auch sein langsam steigendes Verantwortungsgefühl führen gleichwohl zu einer positiven Gesamtbewertung. Im nächsten Jahr wird eine weitere Steigerung erwartet.

Roberto war erneut ein Vorbild an Engagement, Begeisterung – was wie im Vorjahr mitunter in Übermotivation umschlug – und Identifikation mit der Gemeinschaft. Leichtsinnsfehler durchzogen seine Leistungsnachweise, dennoch übertrug ihm das neue Lehrpersonal standardmäßig Verantwortung, was sich mehrfach bezahlt machte. Sein voraussichtlicher Wegzug nach vier erfolgreichen Jahren ist äußerst bedauerlich.

Aliaksandr kehrte nach mehreren Jahren bei renommierten Einrichtungen im Rahmen eines Austauschprogramms zurück, konnte den hohen Erwartungen allerdings nur sehr bedingt genügen. Mit einer beeindruckenden Energieleistung bestand er die erste europaweite Zwischenprüfung mit Bravour, zeigte sich danach allerdings weder konstant noch selbstkritisch. Muss sich nach erneutem Umzug erheblich steigern.

Sebastian konnte in seinem ersten vollen Jahr seine Leistungsfähigkeit immer wieder andeuten, litt aber verschiedentlich unter gesundheitlichen Problemen. Zudem erweckte er mitunter den Eindruck, sich zu sehr auf seine sportliche Begabung zu verlassen. In musikalischer Hinsicht ist er unerreicht, doch nach starken Leistungen im Spätherbst erreichte er mit dem neuen Lehrpersonal nicht mehr ganz den alten Leistungsstand. Nachhilfe ist erwünscht.

Elson konnte zu Beginn punktuell überzeugen und wusste insbesondere beim landesinternen Benchmarking zu brillieren. Leider war er jedoch nicht in der Lage, sein Leistungsniveau über einen längeren Zeitraum zu stabilisieren, so dass sich ein Austauschprogramm mit einer kleineren (50+1) Einrichtung anbot. Er fasste dort sehr gut Fuß und denkt über einen endgültigen Umzug nach.

Jan hielt von Beginn an nicht Schritt und konnte so gut wie keine Leistungsnachweise erbringen. Er bewarb sich um verschiedene Austauschprogramme und wechselte im Winter zu einer aufstrebenden Einrichtung.

Martin verpasste wegen einer langwierigen Erkrankung fast das gesamte Jahr und wird es schwer haben, das Versäumte nachzuholen. Seine Umzugsgedanken erscheinen vor diesem Hintergrund vernünftig. Ein Gespräch ist erwünscht.

Claudemirs Leistungen ließen im ersten Halbjahr zu wünschen übrig, auch der Wechsel des Lehrpersonals brachte zunächst keine Besserung. Erst im neuen Jahr trug sein ungebrochenes Bemühen wieder Früchte und schlug sich in hervorragenden Abschlussarbeiten nieder. Bei “Jugend trainiert für Olympia” hat er noch die Chance, die Finalrunde zu erreichen. Dank eines spät vergebenen Stipendiums kann Claudemir auch im nächsten Jahr an unserer Einrichtung bleiben.

Ciprian blühte im zweiten Halbjahr enorm auf und deutete erstmals nachhaltig an, dass der Abschluss für ihn eine echte Alternative ist. Sprachlich hat er enorm aufgeholt und kann nun auch bei Bedarf die Interessen der Gruppe vertreten. Gelegentlich wirkt er noch ein wenig träge; das Lehrpersonal hat jedoch ein Auge darauf.

Pavel konnte erst relativ spät in die Gruppe integriert werden, war aber von Beginn an immer präsent und stets motiviert. Die Abschlussarbeiten, von denen er meinte, sie mit links erledigen zu können, fielen noch etwas dürftig aus. Sein beispielhafter Fleiß und das jederzeit spürbare Bemühen, der Gruppe zu helfen, führen zu einem positiven Fazit und einer zuversichtlichen Prognose.

Julian erlebte im abgelaufenen Jahr sehr unterschiedliche Phasen. Nachdem er zu Beginn immer wieder sein Potenzial andeuten konnte, gelang es ihm ab Mitte des ersten Halbjahres kaum noch, die nötigen Leistungsnachweise zu erbringen, was sich auch mit dem neuen Lehrpersonal nicht änderte. Zwar konnte er zuletzt wieder einige Teilaufgaben lösen; das angestrebte Austauschprogramm erscheint gleichwohl geboten. Ein Gespräch ist erwünscht.

Markus war leider nicht in der Lage, an seine überragenden Ergebnisse aus dem Vorjahr anzuknüpfen. Gemeinsam mit der Leitung kam er im Dezember zu dem Schluss, seine Defizite mit Hilfe von Privatlehrern aufzuarbeiten

Christian kam im Dezember zu der Gruppe und übernahm vom ersten Tag an in hohem Maß Verantwortung. Er ging die anstehenden Prüfungen mit großem Ernst, hohem Arbeitsaufwand und nicht zuletzt einem klaren System an, und wies so zahlreichen Gruppenmitgliedern den Weg zu besseren Ergebnissen. Christian erhält einen Preis.

Bestandsaufnahme

Man gibt ja so manchen Blödsinn von sich im Lauf einer langen Bundesligasaison. Als Spieler. Als Trainer. Als Manager oder Präsident. Aber auch als Blogger und Fan. Während die Erstgenannten gerne einmal von ihren Fehleinschätzungen eingeholt werden (von außergewöhnlich hell leuchtenden Ex-Spielern, Trainern, Präsidenten und WM-ins-Land-Holern soll hier nicht die Rede sein), kann sich der unscheinbare Beobachter gemeinhin darauf verlassen, dass ihm sein Geschwätz von gestern nicht um die Ohren fliegt. Wo kein Kläger und so, mangels Relevanz und Reichweite.

Das kann ich nicht akzeptieren. Ich stelle mich. Kurz vor Saisonende, in Erwartung der anstehenden Entscheidungen, lasse ich meine Torheiten Prognosen und Einschätzungen Paroli laufen und versuche zu überprüfen, ob die eine oder andere sich noch als richtig erweisen könnte und wo ich bereits heute einräumen muss, furchtbar daneben gelegen zu haben. Nach dem Ampelprinzip.

Teilweise handelt es sich dabei um die “großen” Fragen wie “wer wird Meister”, “Wo landet der VfB” oder ähnliches, teilweise aber auch um Kleinigkeiten. Sicherlich habe ich das eine oder andere übersehen, und an einigen Stellen kann man wohl auch über die Schriftfarbe diskutieren.

Genug der Vorrede. Hier die Übersicht, die ich nach Saisonende, vielleicht auch nach und nach, nochmals aktualisieren werde:

23. Juni 2009:

Klaas-Jan Huntelaar. No way.

14. Juli 2009:

Marica nicht explodiert, Julian Schieber noch ein paar Tage braucht und Cacau seinen Status als ganz guter Bundesligastürmer nicht entscheidend nach oben korrigieren wird

Irgendwann wird die erste Krise der Ära Babbel kommen, und wenn er dann nicht vor Ort ist, wird sich die Frage stellen, ob Neuvorstand Heldt ein weiteres mal so rasch und konsequent handelt wie bei Giovanni Trapattoni und Armin Veh.

habe den Eindruck, dass es [der Brustring] ein sehr schönes, ambitioniertes Projekt wird.

17. Juli 2009, rasenschachmagazin:

Wenn alles positiv verläuft, schätze ich, dass sich der VfB am Ende zwischen den Plätzen 3 und 5 befinden wird.

Für die Beiden [Träsch und Cacau] war es ein nettes Bonbon, aber ich sehe sie nicht zwingend auf Dauer als Nationalspieler.

Meine Geheimtipps sind Timo Gebhart und Georg Niedermeier, denen ich zutraue, einen Riesensprung zu machen.

7. August 2009, ballpodder:

So richtig kann das da vorne [im Sturm] noch nicht funktionieren. Den Abgang von Gomez kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

Ich glaube, das Khedira eine absolute Führungsposition übernehmen wird.

Ich glaube nicht, dass Hitzlsperger noch einmal so eine schlechte Hinrunde spielen kann wie im Vorjahr.

bin überzeugt, dass Lehmann noch einmal eine sehr gute Saison spielt.

8. August:

[Hleb], der sich hinter der Mittellinie in halblinker Position anspielen lässt und von dort in Serie zu begeisternden Soli aufbricht, die nicht selten zumindest in Tornähe enden, entweder mit einem eigenen Abschluss oder, häufiger, dem Zuspiel auf einen Mitspieler. Ich glaube nicht, dass er dieser Spieler noch ist.

Timo Gebhart setzte ein paar schön Duftmarken, denen zufolge die gegnerischen Hintermannschaften diese Saison auf den Außenbahnen möglicherweise recht flink sein müssen, um gegen Hleb und Gebhart zu bestehen.

4. Oktober 2009:

Auf der Gegengerade war ein erstes “Babbel raus!”-Plakat zu sehen, und ich habe wenig Zweifel, dass eben diese Diskussion deutlich an Fahrt aufnehmen wird.

6. Oktober 2009:

Der Tag, an dem der erste VfB-Neuzugang in Lederhosen vorgestellt wird, ist auch der Tag, an dem ich meine Dauerkarte zurückgebe.

19. Oktober 2009:

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich ihn [Elson] nicht für den Spieler halte, der das Offensivspiel des VfB auf Dauer bestimmen kann; Impulse als Einwechselspieler kann er gleichwohl setzen.

21. Oktober 2009:

in der Champions League scheinen die Chancen auf ein Weiterkommen eher theoretischer Natur

Meine Prognose? Babbel bleibt bis zur Winterpause. Und dann vermutlich auch darüber hinaus. Oder Heldt geht mit ihm.

17. November 2009, mylaola:

Wenn ich ehrlich bin, kann ich mir eine Rückrunde wie in der Vorsaison derzeit nicht vorstellen.

Also: der VfB landet zwischen 7 und 9, wobei ich insgeheim noch auf Platz 5 oder 6 (dann mit einem „günstigen“ Pokalsieger) hoffe.

Meister wird wieder Wolfsburg.

30. November 2009:

…wenn er [Staudt] […] tatsächlich voll und ganz von Babbel überzeugt ist und keinen Deut von seinem Trainer abrücken will, ziehe ich meinen Hut. Ich kann nur nicht so recht daran glauben.

6. Dezember 2009:

Aliaksandr Hleb, dessen Verpflichtung sich zu einem gravierenden Fehlschlag entwickelt …  frage ich mich ernsthaft, ob er von Arsène Wenger wirklich so viel gelernt hat, wie man gemeinhin vermutet. Er wirkt wie ein egoistischer Fremdkörper…

10. Dezember 2009:

Der zurückgekehrte Khedira hat deutlich gemacht, dass es möglicherweise etwas voreilig war, Kuzmanovic zum neuen Platzhirsch auszurufen.

…dürfte es für Cacau und Schieber eng werden mit einem Startelfplatz.

Auf den äußeren Mittelfeldpositionen gehe ich davon aus, dass Hleb und Gebhart erst einmal vor Rudy stehen

Wird Hitzlsperger nach seiner Verletzung mehr als ein Ergänzungsspieler sein? Ich glaube nicht, und frage mich, ob der Verein ihn mit Blick auf die WM ziehen lässt.

Auch bezweifle ich, dass Elson bei Gross eine wichtige Rolle spielen wird.

13. Dezember 2009:

Kamke: Ich will ihn nicht mehr sehen!
Blogger hat den Glauben an Lehmanns Professionalität verloren

14. Januar 2010, allesaussersport:

[1] Grundsätzlich traue ich dem HSV und Werder [bzgl. Uefa-Cup] schon einiges zu […] Werder kommt ins Finale

Tatsächlich traue ich auch den Bayern in der CL einiges zu. Halbfinale, würde ich sagen.

Demel ist gerade auf dem Basar beim Afrika-Cup und wurde gestern bei Milan, heute eben bei Sunderland und morgen vielleicht bei Atlético gehandelt, das kann ich noch nicht so ernst nehmen.

[3] Meines Erachtens wird sich Hitzlsperger sehr schwer tun, im WM-Kader zu bleiben, weil er auch in der Rückrunde beim VfB einen schweren Stand hat. Ich wäre nicht gänzlich überrascht, wenn sich da auf dem Transfermarkt noch etwas täte.

In der Defensivzentrale ist nicht abzusehen, wie es mit Tasci weitergeht.

[4] Gerade bei Reus und Brouwers muss man damit rechnen, dass sie ihr Niveau bzw. ihre Effektivität nicht ganz halten können – dann wäre man wohl auf die Torausbeute der südländischen Spieler angewiesen.

Michael Frontzeck hat mich ein Stück weit positiv überrascht; dass es reicht, kann ich indes noch immer nicht glauben.

Ich denke, dass irgendwann eine Phase kommen wird, in der er [Tuchel] nicht mehr ausschließlich gefeiert, sondern auch mal als Besserwisser kritisiert wird, und bin gespannt, wie er damit umgeht.

[5] Andererseits halte ich es durchaus für möglich, dass sich Wolfsburg in der Rückrunde fängt, weil man hinten wieder stabiler wird, Grafite im ersten zweiten Spiel doppelt trifft und plötzlich wieder alles von selbst läuft. Ohne Zutun des Trainers [Veh], von dem man sich anschließend unter Krokodilstränen trennt.

Er [Veh] ist bestimmt kein schlechter Trainer; als Manager  scheint er nur bedingt geeignet, und in Summe ist er meines Erachtens einfach überfordert.

In der vergangenen Saison assozierte man mit Hoffenheim vielerorts Dietmar Hopp, die Traditionsfrage, Disziplinlosigkeiten und das offensive, attraktive Spiel. Ohne letzteres dürften die Sympathien nicht unbedingt zunehmen.

Vor der Saison war ich überzeugt, dass man mit Simunic einen ganz wichtigen Transfer getätigt habe

1. Februar 2010:

Der Trainer hat immer recht

Nun gilt es, auf dem Boden zu bleiben, wobei ich auch in dieser Hinsicht […] viel Vertrauen in Christian Gross setze.

13. Februar 2010, NedsBlog:

inzwischen habe ich aber das Gefühl, dass er [Gross] sehr genau weiß, was er tut und was er will, und das setzt er dann auch konsequent um.

…geht sowas halt auch einmal nach hinten los. Christian Gross und Horst Heldt werden sich in den nächsten Wochen sehr genau überlegen, ob sie sich bemühen, ihn [Hleb] über den Leihvertrag hinaus zu halten.

[Nachwuchsspieler:] …bin ich überzeugt, dass man vom Großteil der Genannten noch einiges erwarten darf. Über allen steht dabei Khedira, aber gerade in Sebastian Rudy […] setze ich große Hoffnungen, und Gebhart ist natürlich auch ein Riesentalent, von dem ich hoffe, dass es in Christian Gross den richtigen Trainer zur richtigen Zeit bekommen hat.

Heute halte ich 5-16 noch für möglich, 6-11 für realistisch, und 6-8 für gut. 5 für überragend.

19. Februar 2010, Spielfeldrand Magazin:

Als Torschützenkönig sehe ich beide [Marica, Pogrebnyak] auf absehbare Zeit nicht.

Aus deutscher Sicht “unbedingt mit” muss meines Erachtens Sami Khedira, zudem würde ich Serdar Tasci und, wenn er sein Niveau beibehält, Christian Träsch mitnehmen. Weitere Kandidaten sehe ich für Joachim Löw (noch) nicht.

[Barcelona:] ich wäre zufrieden, wenn das Hinspiel nicht verloren ginge und der VfB mindestens ein Tor erzielte.

Ich gehe davon aus, dass der VfB die Partie bestimmen wird, was Ballbesitz und Spielanteile anbelangt. Köln wird defensiv gut stehen, ohne zu mauern, und seine Chance nach vorne auf jeden Fall suchen […]. Mein Tipp: 0-2

21. Februar 2010:

Und nein, ich sehe weder Cacau noch Hilbert in Joachim Löws Kader für Südafrika

24. Februar 2010:

wenn der VfB im Camp Nou nur 3 Tore schießt, müsste Barcelona schon 4 machen. Das schaffen die nie.

1. März 2010:

Der Abstieg ist nur noch eine theoretische Option. Der Uefa-Cup meines Erachtens auch. Würde mich interessieren, wer daran glaubt, dass man an Ostern noch ernsthaft vom internationalen Geschäft redet, nach den Spielen in Bremen, Gelsenkirchen und München.

14. März 2010:

Wobei die Wahrscheinlichkeit, dass Khedira in der nächsten Saison noch mit von der Partie ist, derzeit von Woche zu Woche sinken dürfte bzw. bereits jetzt ein all-time low erreicht haben könnte.

13. April 2010:

Mittlerweile bin ich sehr guter Dinge, dass der VfB den HSV noch überholt; Wolfsburg mit seinem künftigen Weltfußballer macht mir da deutlich mehr Sorgen.

Verletzungspech

Am 31. Januar hat Thomas Hitzlsperger den VfB Stuttgart nach viereinhalb Jahren verlassen. In 125 Bundesligaspielen erzielte er 20 Tore, darunter der beeindruckende Weckruf zum 1:1 im Meisterschaftsfinale 2007 gegen Cottbus. Weiterhin bestritt er in seiner Zeit beim VfB 26 Europapokal- und 42 Länderspiele (6 Tore). In den letzten anderthalb Jahren war er Kapitän, hat den Verein stets vorbildlich repräsentiert und auch nach den unglücklichen letzten Monaten kein böses Wort über den VfB verloren.

Dementsprechend hat man seitens des Vereins entschieden, ihn in der Stadionzeitschrift  “Stadion aktuell” auf Seite 8 angemessen zu verabschieden:

“31. Januar: Ciao Hitze

Nach viereinhalb Jahren beim VfB
löste Thomas Hitzlsperger seinen
bis zum Sommer laufenden Vertrag
auf und wechselte zum italienischen
Erstligisten Lazio Rom.”

Elson hat zwar zwei Zeilen mehr bekommen, war aber auch schon ein halbes Jahr früher im Verein. Passt also.

Möglicherweise hatte Christian Gross die Geschichte der schleichenden Degradierung des ehemaligen Kapitäns Hitzlsperger mit im Kopf, als er in den letzten Wochen stets betonte, dass der neue Kapitän Matthieu Delpierre auf jeden Fall spielen werde, wenn er seine Verletzung auskuriert habe. Angesichts der jüngsten Leistungen von Georg Niedermeier und des wieder stabilisierten Serdar Tasci hat mir diese Haltung zwar Bauchschmerzen bereitet; nachvollziehen konnte ich sie gleichwohl, und möglicherweise hätte ich sogar gleich gehandelt. Und einen Fehler gemacht, wie man seit dem 1:3 gegen den HSV weiß.

Gegen einen HSV, den ich Mitte der zweiten Halbzeit abgeschrieben hatte, der im Grunde gar nicht mehr auf dem Platz war und nur noch zu hoffen schien, dass Rost seine Form bis zum Spielende konservieren und die Stuttgarter weiterhin an ihren Halbfeldflanken arbeiten mögen, anstatt wie vor dem Ausgleich (Christian Träsch “mit dem Außenrist”, wie man vom Stadionsprecher erfuhr) öfter konsequent zur Grundlinie zu gehen (ja, ich wiederhole mich).

Irgendwann stand dann Ruud van Nistelrooy zur Einwechslung an der Seitenlinie, und der eine oder andere Hamburger muss gedacht haben, er sollte dem berühmten Mitspieler mit einem Mindestmaß an Gegenwehr imponieren, während mancher Stuttgarter darüber nachdachte, ob man gegen den ehemaligen Welttorjäger (was weiß ich, was er sonst noch alles ist oder war) vielleicht doch eine zusätzliche Sicherung einbauen sollte. Leider blieb es nicht so recht beim darüber Nachdenken – vielmehr zogen sich alle ein wenig zurück (abgesehen von Kuzmanovic, der wohl im rechten Mittelfeld spielen sollte, häufig aber zwischen “10” und “9” pendelte) und ließen den HSV zurück ins Spiel kommen.

Der Rest ist bekannt. Möglicherweise dachte Christian Gross nach dem 1:3, dass dem VfB ein Weltklassestürmer auf der Bank ein Stürmer von internationalem Topformat (im gesamten Kader) irgendein Stürmer auf der Bank gut zu Gesicht gestanden hätte. Dass es den nicht gab, kann man mit Verletzungspech begründen, wenn man möchte.

Schiedsrichter der Partie war Deniz Aytekin.
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Abschließend möchte ich festhalten, dass van Nistelrooy nur getroffen hat, weil er die Cannstatter Kurve grüßen wollte. Die hatte zur Begrüßung Gefallen an der nicht ganz neuen Weise “Schwuler, schwuler Holländer” (nach der Melodei des gerade in diesen karnevalistischen Tagen offensichtlich noch immer beliebten Klassikers “Sierra Madre del sur”) gefunden und wird sich, nachdem der Schuss nach hinten losgegangen ist, künftig vielleicht leider im Leben nicht überlegen, derlei Liedgut daheim zu lassen.

Der Trainer hat immer recht

Christian Gross, so sagt man, legt Wert auf starke Außenpositionen im Mittelfeld, und dabei insbesondere auf Schnelligkeit und Dynamik -womit er genau meinen Geschmack trifft. Als der Trainer beim gestrigen Spiel des VfB gegen Borussia Dortmund Mitte der zweiten Halbzeit die linke Position mit einem zwar dynamischen Spieler besetzte, der allerdings aus dem Spiel heraus nicht einmal mit seinem stärkeren rechten Fuß als Flankengeber zu brillieren weiß, und rechts einen großartigen zentralen Mittelfeldspieler brachte, bei dessen Stärken selbst dem wohlwollenden Zuschauer nicht sofort Stichworte wie Schnelligkeit und Dynamik einfallen (ganz abgesehen von der Frage, wie groß seine Begeisterung für diese Position ist), begann ich tatsächlich kurz am Trainer, seinem taktischen Konzept und seinen Wechseln zu zweifeln. Ich Unwürdiger!

Der linke Hilbert hatte zwar seine üblichen Stockfehler; er bereitete aber auch ein Tor wunderbar vor, war wie immer ein Vorbild an Laufbereitschaft und tanzte seinen Gegenspieler einmal im Strafraum aus, dass es eine Freude war. Sein letztes vergleichbares Dribbling auf Rechtsaußen liegt sehr lange zurück. Dort indes zeigte Kuzmanovic, dass man mit einer guten Technik, strategischem Geschick und einem Auge für die Mitspieler auch ohne augenfällige Sprinterqualitäten auf der Außenposition glänzen kann. Wenn man dann noch in der Lage ist, einen Freistoß durch die von drei Mitspielern gerissene Lücke durch die Mauer zu schießen, dann kann man Stadionsprecher Christian Pitschmann schon mal das Wort Weltklasse in den Mund nehmen. Kurz bevor er der schreibenden Zunft die Schlagzeile “Kloppo verkloppt” ans Herz legte, übrigens.

Gut gemacht, Herr Gross. Als sehr positiv empfand ich auch des Trainers Zurückhaltung bei der Bewertung des Spiels:

“Nicht gefallen hat mir, dass wir zu viele Ballverluste hatten, den Elfmeter nicht verwandelt haben und die Abstimmung auf den Außenpositionen nicht passte.[…] Der Sieg ist verdient, aber zu hoch ausgefallen.”

Die vielen Ballverluste und Fehlpässe waren in der Tat frappierend. Das mag zum Teil an der aggressiven Balloberung auf beiden Seiten gelegen haben; teilweise fehlte aber auch schlichtweg die Ruhe, in der einen oder anderen Situation wohl auch das technische Vermögen, den Ball in den eigenen Reihen zu behalten. Seitens des VfB widersetzte sich vornehmlich der um Struktur bemühte Sami Khedira jenem Aktionismus, der in viel zu vielen überhasteten, zum Teil auch von vornherein aussichtslosen Bällen in die Spitze resultierte. Insbesondere Stefano Celozzi, der defensiv sehr stark agierte, spielte den Dortmundern zahlreiche Bälle in die Füße und Köpfe.

Interessanterweise sind die Reaktionen auf das Spiel ansonsten sehr positiv ausgefallen, wie der geschätzte Kollege vom Brustring bei seinem Blick durch die Nachberichterstattung auf verschiedenen Kanälen festgestellt hat. Keine Frage: Engagement und Laufbereitschaft haben auf beiden Seiten gestimmt, auch das eine oder andere fußballerische Glanzlicht war zu sehen. Zudem hat der VfB einen großen Siegeswillen gezeigt und zum Spielende hin endlich einmal die sich bietenden Chancen konsequent genutzt. Dennoch würde ich es, man lese und staune, dieses Mal eher mit dem Kicker halten:

“Spielnote 3,5, extrem zerfahren mit vielen Fehlern, lebte von der Dramaturgie.”

Noch einen Tick kritischer sahen das Ganze einige meiner Stadionnachbarn. Sätze wie “Die sollen endlich mal nach vorne spielen und nicht um Gegentreffer betteln!”, “Das ist ja fußballerisch noch schlechter als unter Babbel.” oder “So langsam bewegt sich das Spiel auf Regionalliganiveau zu.” waren, wenn auch nicht nicht in ihrer Schärfe, so doch in der Grundaussage repräsentativ.

Sei es, wie es sei. Auf jeden Fall geht der VfB weiter gestärkt aus diesem Spiel hervor, auch weil man ein kritisches Spiel, das zu kippen drohte, doch noch gewonnen und dabei erstmals seit dem zweiten Spieltag vier Treffer erzielt hat. Die eingespielte Formation bewährt sich, von der Bank kommt Qualität nach, die Stürmer treffen weiter, über Träsch und Khedira will ich gar nicht reden, und das nötige Selbstvertrauen, um demnächst auch spielerisch noch zwingender aufzutreten, wächst weiter. Nun gilt es, auf dem Boden zu bleiben, wobei ich auch in dieser Hinsicht, wie oben bereits angedeutet, viel Vertrauen in Christian Gross setze.

Übrigens will ich mir, trotz des erneuten Sieges, immer noch nicht Gagelmann wünschen. Meines Erachtens hat er einfach nicht die nötige Klasse. Das dürften mit Blick auf das gestrige Spiel beide Seiten so sehen.

Abschließend noch ein paar Worte zu den Stuttgarter Transferaktivitäten. Vier Mittelfeldspieler (Simak, Bastürk, Hitzlsperger, Elson) in einer Transferperiode abzugeben, noch dazu im Winter, und keinerlei Ersatz zu verpflichten, ist in der Tat ungewöhnlich. Während sich bei Simak und Bastürk alle mir bekannten Beobachter in ihrer Bewertung einig sind, vernimmt man bei Elson, dessen Gehaltszahlungen die Vereinsfinanzen nicht allzu sehr belasten dürften und der immer wieder für großartige Momente gut war, und bei Hitzlsperger, den mancher gerne als Back-Backup behalten würde, unterschiedliche Meinungen.

Ich selbst hatte beide Transfers für richtig. Beide Spieler haben nach aktuellem Stand unter Christian Gross keine Chance, und in beiden Fällen stimme ich mit ihm überein. Die klassische Spielmacherposition, die sich für Elson anbietet, dürfte beim VfB auf absehbare Zeit nicht vergeben werden, und für die Außenpositionen ist er zu langsam. Gute Freistöße und Eckbälle reichen nicht aus. Bei Hitzlsperger ist die Situation insofern vergleichbar, als auch er nach meiner Wahrnehmung über außen nicht den Anforderungen des Trainers entspricht. Seine Lieblingsposition, die “Sechs”, ist – anders als bei Elson – zwar vorgesehen, sogar doppelt; er hat dort aber drei der derzeit besten Stuttgarter vor sich und nur wenig Aussichten, in die Mannschaft zu rutschen.

Dass er vor diesem Hintergrund an sein persönliches Fortkommen (sprich: die Nominierung für die WM) denkt und der Verein ihm in dieser Situation keine Steine in den Weg legt, halte ich für richtig, von beiden Seiten. Den in Sport im Dritten vorgebrachten Egoismusvorwurf kann ich nicht in Ansätzen teilen. Die ebenfalls dort geäußerte Einschätzung, er werde sich auch im italienischen Abstiegskampf schwer tun, sich bei Joachim Löw zu empfehlen, indes schon. Nur: wo waren die Alternativen?

Abseits der rein sportlichen Komponente bedaure ich den Abgang von Thomas Hitzlsperger sehr. Er hat sich in seiner nicht ganz einfachen Anfangsphase stets loyal und unheimlich professionell gezeigt, und den VfB seit 2005 immer hervorragend repräsentiert. Überhaupt steht er dem Typus Fußballspieler sehr gut zu Gesicht, nicht nur wegen seine Engagements als Störungsmelder – inwieweit Letzteres mit den tifosi Laziali harmoniert, wird man sehen. Ich wünsche ihm in jeder Hinsicht viel Glück und Erfolg.

Und natürlich muss ganz zum Schluss dann doch noch einmal das sportliche Ausrufezeichen herhalten, das Thomas Hitzlsperger in seiner Zeit beim VfB gesetzt hat:

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