Timo!

14! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Vierzehn!

Genau vierzehn Spieler mit dem Vornamen Timo spielten je in der Bundesliga. Ok, hinter das „genau“ setzten wir vielleicht mal ein Fragezeichen, zu unsicher war die Quellenlage, zu hopplahopp die Recherche. Von diesen 14 ziehen wir kraft souveräner Willkür jene fünf ab, die auf eine einstellige Anzahl an Einsätzen kommen (1-1-2-4-7), und es bleiben, genau: neun.

Zwei von ihnen gingen ihrem Tagwerk bei den baden-württembergischen Wettbewerbern (also: manchmal, der Wettbewerb) nach, wenn auch nicht übertrieben häufig, zwei weitere haben jeweils eine sehr stattliche Anzahl an Einsätzen vorzuweisen: Rostocks Timo Lange und, man möge mir den Ausdruck verzeihen, aber ich halte ihn allein schon aus Premierengründen für gerechtfertigt, Bundesligalegende Timo Konietzka.

Bleiben also fünf. Fünf von neun ernsthaften Bundesligatimos haben ihr Debüt beim VfB gegeben: Rost, Hildebrand, Wenzel, Gebhart, Werner.

Wundert sich also wirklich  jemand, dass der Stuttgarter Timohype nun so richtig einsetzt? Die Frage ist doch vielmehr: wieso erst jetzt? Schließlich wussten wir alle, die wir uns halbwegs mit dem VfB und dessen Nachwuchsarbeit befassen, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis die Timobegeisterung so richtig Fahrt aufnimmt.

Jetzt ist es also soweit, und wenn man ehrlich ist, hat es möglicherweise nicht nur mit der bundesweiten Timoisierung per se zu tun – der junge Herr Horn aus dem Rheinischen dürfte sich und uns im kommenden Jahr die Ehre geben, und auch hierzustadte scharren die Herren Baumgartl und Cecen möglicherweise mit den Hufen, mehr oder auch weniger berechtigt –, sondern auch mit dem jüngsten Auftritt des jüngsten und möglicherweise hypegebendsten Vertreters der Timobewegung: Timo.

Verzeihung, das war jetzt tatsächlich so nicht gewollt. Möglicherweise bin ich dem Hype anheimgefallen. Also: Werner.

Doppelpack. Mit 17. Und diese Chuzpe beim 1:3, dieser Affront gegen Ibisevic, diese Missachtung (Vorsicht, jetzt wird’s furchtbar:) der Timorder.

Es geschieht selten, dass ich „Mittendrin“ (Heißt doch so, oder?) im DSF (Heißt doch nicht mehr so, oder?) sehe, und noch seltener, dass ich den Diskutierenden explizit recht gebe und sie für ihre eventuell gar ein bisschen vom Mainstream abweichende Meinung preise, aber in dem Fall war ich dankbar für die Feststellung, dass Werners Risiko angesichts des sich bereits anderweitig orientierenden Oliver Baumann nicht mehr sonderlich groß war.

Aber klar, frech war es schon, und interessanterweise war nun auch die zweite öffentliche Äußerung, die ich von Vedad Ibisevic zu Timo Werner gehört habe – die erste dürfte nach dem Hoffenheim-Spiel erfolgt sein –, eine recht reservierte.

Und ich meine damit nicht jene Reserviertheit, die aus besorgten älteren Spielern oder Verantwortlichen spricht, die sehr wohl wissen, dass Rückschläge kommen werden, die einen jungen Mann schützen wollen, Sie wissen, wovon ich spreche.

Natürlich weiß auch Ibisevic, dass bei Werner nicht immer nur alles glatt laufen wird, dass auch mal was schiefgeht, aber meine Eindruck von vor einigen Wochen hat sich verfestigt: ich sehe da eher eine gewisse Platzhirsch-Reserviertheit. Und ohne Ahnung von Tiersoziologie zu haben, glaube ich zu wissen, dass Platzhirsche ein ganz gutes Gespür dafür haben, wer ihnen über kurz oder lang den Rang ablaufen könnte.

Dass hier niemand übersieht, wie stümperhaft sich die Freiburger Hintermannschaft angestellt hat, steht außer Frage, und wir haben ja auch schon Spiele gegen Mannschaften gesehen, die, anders als Hoffenheim, Werners Qualitäten auf dem Zettel hatten, oder die, anders als Freiburg, das Personal hatten, damit umzugehen, sodass der Hype in jenen Spielen nicht sonderlich befeuert wurde, und mir hoher Wahrscheinlichkeit steht auch in den nächsten Wochen das eine oder andere solche Spiel ins Haus. Aber ein kluger Mann – ich glaube, er heißt Christian Gentner – hat in diesen Tagen sinngemäß gesagt, man werde Timo Werners steile Karriere schlichtweg nicht verhindern können.

Und der Hype hat gerade erst begonnen.

Verbalbeurteilung 2012

Im abgelaufenen Jahr waren die Leistungen der Gruppe nicht nur erneut recht wechselhaft; vielmehr gelang es wiederum, durch konzentrierte Leistungen im zweiten Halbjahr ein noch vor wenigen Monaten kaum für möglich gehaltenes Abschlussniveau zu erreichen. Erstmals seit Jahren war es zudem möglich, Kontinuität beim Lehrpersonal zu gewährleisten.*

* Ein Umstand, der anderen Einrichtungen nicht vergönnt war und der sie mitunter zu ungewöhnlichen Lösungen (Pensionäre, Lehrpersonal mit fragwürdiger Ausbildung, Rückgriff auf ehemalige Schützlinge oder freigestellte Ehemalige, …) zwang.

Leider gelang es bei den jüngeren Jahrgängen wie auch bei der Ausbildungskoordination nicht, diese Kontinuität zu gewährleisten, was die Umsetzung des Leitbilds der Einrichtung, insbesondere mit Blick auf die Weiterentwicklung der nachrückenden Jahrgänge, erschwert. Eine entsprechend demütige Herangehensweise scheint geboten. Lehrpersonal und Verwaltung werden diesbezüglich auch weiterhin Beispiel gebend wirken.

Sven konnte im Lauf des Jahres mit guten, in Teilbereichen außergewöhnlichen Resultaten nicht nur die Gruppe und das Lehrpersonal von seiner Leistungsfähigkeit überzeugen. Nicht zuletzt dank zahlreicher erfolgreich absolvierter Einzelprüfungen und einer bemerkenswerten linearen Herangehensweise ist Svens Ansehen enorm gestiegen. Gelegentlich wären ihm eine höhere und stärker nach vorne gerichtete Gedankenschnelligkeit sowie ein spielerischer Umgang mit potenziell schwierigen Situationen zu wünschen. Sven erhält einen Preis. Einen hohen.

Arthurs Leistungen ließen zu keinem Zeitpunkt auf ein ernst zu nehmendes Interesse schließen, über den Sommer hinaus in der Einrichtung zu bleiben. Seine zahlreichen Fehlzeiten waren nur selten selbst gewählt, sondern meist durch das Lehrpersonal angeordnet. Angesichts eines möglichen Verbleibs aus sozialen Gründen durfte er zuletzt erneut an einigen Prüfungen teilnehmen, ohne ansprechende Leistungen zu erbringen. Zudem brachte er seinen Kameraden Sven wiederholt durch gegen diesen gerichtete Alleingänge in Bedrängnis.

Cristian gelang es auch im abgelaufenen Jahr nicht, seine teilweise sehr guten Leistungen mit der erwünschten Konstanz zu erbringen. Immer wieder vermischen sich die erfreulich offensiv vorgetragenen positiven Eindrücke mit Situationen, in denen er sich zu leicht in die Defensive drängen lässt und ein wenig den Überblick verliert. Der im Raum stehende Wechsel zu einer ausländischen Einrichtung hängt sicherlich von den Rahmenbedingungen ab, ist jedoch aus Sicht unserer Einrichtung nur bedingt zu empfehlen. Bemerkenswert ist im Übrigen Cristians konsequenter Umgang mit einschlägig bekannten Petzen.

Gotoku stieß im Winter aus einer ausländischen Einrichtung zur Gruppe und sollte aus Sicht der Leitung zunächst einen längeren Integrationskurs durchlaufen, den er aber dank außergewöhnlicher beiderseitiger Anstrengungen und einer ebensolchen Lernwilligkeit rasch abbrechen konnte, um statt dessen an exponierter Position und mit bemerkenswertem Erfolg an zahlreichen Prüfungen teilzunehmen. Im kommenden Jahr wird es, unserem Einrichtungsleitbild widersprechend, auch darum gehen, dass er vergisst, wo er herkommt, und lahme Vergleiche mit Leben füllt. Gotoku erhält ein Lob.

Khalid erbrachte in diesem Jahr verlässlich ansprechende Leistungen und konnte im Gegensatz zu den Vorjahren auch sein Interesse an einem erfolgreichen Abschluss vermitteln – sowohl am eigenen als auch an dem seiner Freunde, die er verschiedentlich vorbereitend unterstützte. Leider reichen seine Leistungen gleichwohl nicht aus, um sein Stipendium fortzuführen.

Stefano erfüllte die auf Basis seiner Vorleistungen angepassten Erwartungen in vollem Umfang. Sehr bemerkenswert ist seine Kompetenz im Bereich der sogenannten neuen Medien, die allerdings mit unserem Profil nur schwer in Einklang zu bringen ist. Gemeinsam mit der Verwaltung kam er einträchtig zu dem Schluss, die Einrichtung zu wechseln.

Antonio durfte im Lauf des Jahres erstmals an einigen Einheiten mitwirken und in einem Fall auch an einer Prüfung teilnehmen, worauf er sehr stolz war. Einem jüngeren Jahrgang entstammend, bereitete ihm dabei der Niveauunterschied noch(?) gewisse Probleme und hinderte ihn mitunter, elegantere Lösungen zu finden. Dabei ist festzustellen, dass auch der Randplatz für seine Integration gewiss nicht förderlich war.

Serdar erbrachte das gesamte Jahr über konstant und zuverlässig gute Leistungen. Erstmals gelang es ihm, sich gänzlich auf Übungseinheiten und Prüfungen zu konzentrieren, zudem hielt er die Fehlzeiten gering. Unaufgeregt trug er, spätestens im Frühjahr auch äußerlich sichtbar, Verantwortung für die Gruppe und konnte bedrohliche Situationen immer wieder mit der ihm eigenen Eleganz lösen. Dass ihm die Teilnahme an einem internationalen Sportfest verwehrt blieb, ist sehr bedauerlich und vermutlich nur einer zum Jahresende hin erlittenen Sportverletzung geschuldet. Serdar erhält einen Preis.

Georg gelang es in einer in diesem Maß unerwarteten Art und Weise – nach einem nicht zufrieden stellenden Vorjahr und einer längeren krankheitsbedingten Abwesenheit –, zum Jahreswechsel hin wieder verlässlich ansprechende Leistungen und entsprechende Prüfungsresultate zu erbringen. Seine Gruppenarbeiten mit Serdar verliefen in der Regel gleichermaßen harmonisch wie ergebnisorientiert. Sehr rasch übernahm er zudem wieder Verantwortung in der und für die Gruppe. Speziell sein häufig unterschätztes Faible für Technik setzte er dabei mitunter recht offensiv ein.

Francisco stieß vor dem abgelaufenen Jahr zur Gruppe und nahm gleich einen frei gewordenen zentralen Platz ein, was ihm die Integration deutlich erleichterte. Seine Leistungen waren von Beginn an solide; einzelne Ausrutscher, die zunächst nicht allzu sehr ins Gewicht fielen, trübten indes schon früh den Gesamteindruck. Dies setzte sich im zweiten Halbjahr nahtlos fort, sodass er nur noch seltener zu Prüfungsleistungen zugelassen werden konnte. Zuletzt handelte es sich offensichtlich um eine Kopfsache.

Matthieu hatte, zunächst krankheitsbedingt, erneut lange Fehlzeiten zu verzeichnen. Beim Versuch, das Versäumte durch Nachhilfestunden mit Jüngeren aufzuholen, schlug er leider über die Stränge und verschuldete damit weitere Fehlzeiten, die er in absehbarer Zeit nicht aufholen kann. Er wechselt daher an eine nahe gelegene traditionsreiche Einrichtung, die ihren regionalen Fokus somit weiter stärkt. Für seine langjährige Mitwirkung in den einschlägigen Gremien erhält Matthieu einen Preis.

William stieß im vergangenen Sommer zur Gruppe und beeindruckte vom ersten Tag an mit kurzen Hosen, Offenheit, Eloquenz, Humor und Ernsthaftigkeit. Speziell im ersten Halbjahr waren seine Prüfungsresultate trotz einiger Regelverstöße außerordentlich gut. Im Frühjahr machte ihm der Niveauunterschied zu seiner alten Einrichtung zeitweise ein wenig zu schaffen, zum Ende hin stabilisierte er sich wieder und nimmt derzeit an einer internationalen Sommeruniversität teil. Seine soziale Kompetenz ist beispielhaft und zeigt sich nicht zuletzt an seinem mitunter auch offensiv zur Schau getragenen Bestreben, den häufig am Rand stehenden Sven in nahezu jede Gruppenarbeit einzubeziehen.

Christian fand sich im abgelaufenen Jahr wesentlich besser zurecht als zuvor. Gerade im Sport zeigte er sich deutlich verbessert, auch unmusikalische Misstöne waren nur noch selten zu vernehmen. Er nahm am Großteil der Prüfungen teil, häufig als Nachrücker, oft mit – gelegentlich auch zählbarem – Erfolg, teilweise aber auch mit schwächeren Ergebnissen, die seiner großen Begabung nicht gerecht werden. Sein Ansehen in der Gruppe ist unverändert hoch; Verlässlichkeit, Engagement und Verantwortungsgefühl sind beispielhaft. Bemerkenswert ist zudem sein zuletzt verschiedentlich unter Beweis gestelltes Gespür für spektakuläre Abschlussprojekte.

Zdravko erzielte im abgelaufenen Jahr eher wechselhafte Ergebnisse, zeigte sich aber in kritischen Situationen einmal mehr punktgenau vorbereitet. Nach wie vor würde man sich wünschen, dass er seine Begabung noch entschlossener und vor allem schneller in entsprechende Prüfungsleistungen ummünzt. Möglicherweise wird er die Einrichtung im Sommer verlassen, um zu einer ausländischen Einrichtung zu wechseln – was mit Blick auf die anstehenden Prüfungen einen herben Verlust darstellen würde. Seinem Wunsch, sich in einem nicht nur internationalen, sondern dem Vernehmen nach auch berechenbareren Umfeld weiterzuentwickeln, trüge die Einrichtungsleitung (nach derzeitiger Quote) wohl dennoch Rechnung.

Mamadou nahm im vergangenen Jahr an sehr wenigen Prüfungen teil, was nur bedingt an Krankheiten oder der Mitwirkung bei einem internationalen Sportfest lag. Vielmehr gelang es schlichtweg nicht, seine Fähigkeiten zum Einsatz zu bringen. Anlässlich einer Sportprüfung im größtmöglichen Rahmen legte er indes, so der Übungsleiter, in einer kritischen Situation eine bemerkenswerte Ruhe an den Tag. Ein Gespräch ist erwünscht.

Tamas hatte dieses Jahr lange an dem – nicht ganz unerwarteten – Rückschritt nach einem beeindruckenden Vorjahr zu knabbern und konnte erst nach einer langen Phase ungebrochenen Fleißes wieder an einen erfolgreichen Abschluss denken – und auch seine Freunde dabei unterstützen. Ob er eine auch im neuen Jahr nicht unwahrscheinliche ähnliche Entwicklung noch einmal bewältigen könnte, erscheint fraglich. Möglicherweise käme ihm eine Mentorentätigkeit für ein junges Gruppenmitglied eher entgegen.

Raphael durfte, aus einem jüngeren Jahrgang kommend, sowohl an den Übungseinheiten als auch an einzelnen Prüfungen teilnehmen. Die Prüfungsleistungen stellten eine sehr vielversprechende Probe seiner überragenden Begabung dar, in den Übungen indes erwuchsen dem erfahrenen Lehrpersonal, das selbstverständlich nicht aus Idioten besteht, bisweilen Zweifel an seiner Seriosität. Ein Gespräch ist erwünscht. Thema: Haarschnitt.

Martin erzielte im Betrachtungszeitraum noch einmal deutlich verbesserte Prüfungsergebnisse. Dabei entstand phasenweise der Eindruck, dass er selbst in Ansätzen, vor allem aber sein Umfeld den Fokus etwas zu sehr auf seinen erfolgreichen Abschluss legte. Seine Technikaffinität erscheint nach wie vor verbesserungswürdig, seine Kommunikation nicht. Sieht man von einzelnen Reibereien mit seinem Freund Geronimo ab, ist es gleichermaßen wahrscheinlich wie wünschenswert, dass er der Einrichtung auch künftig mit seinem Auftreten zur Ehre gereicht. Martin erhält einen Preis in Form eines langjährigen Stipendiums.

Shinji wirkte in seinem ersten kompletten Jahr bei uns etwas zielstrebiger und arbeitete entschlossener – mitunter zudem sehr sehenswert – auf den Abschluss hin, ohne bereits all seine Potenziale auszuschöpfen. Er erleichterte maßgeblich die Integration seines Freundes Gotoku und machte Fortschritte bei der Ablaufkoordination mit anderen Mitgliedern seiner Arbeitsgruppe. Noch immer scheint indes unklar, ob er seinen Platz in der Gruppe gefunden hat.

Timo konnte sein Niveau aus dem Vorjahr nicht zuletzt deshalb zu keinem Zeitpunkt erreichen, weil er in aller Regel nicht zu den Prüfungen zugelassen wurde. Dies lag zum kleinen Teil an Krankheiten, zum großen Teil an anderen Gründen, die hier auszuführen zu kompliziert wäre. Seien Sie jedoch versichert, dass die Leitung nicht aus Idioten besteht und gute Gründe hatte. Wir beglückwünschen Timo zu seiner Entscheidung, an eine unserer traditionellen Kooperationseinrichtungen zu wechseln, die sich auf die Rehabilitierung begabter Drop-Outs anderer Einrichtungen spezialisiert hat.

Ibrahima durfte in seinem ersten Jahr an unserer Einrichtung anfänglich sehr regelmäßig als Nachrücker an Prüfungsleistungen teilnehmen, ohne dabei die erhofften Resultate erzielen zu können. In der Folge musste er sich lange darauf konzentrieren, im Rahmen angeleiteter Übungsstunden an seinen Defiziten zu arbeiten; krankheitsbedingte Fehlzeiten und ein längerer Heimaturlaub kamen hinzu. Erst ganz am Ende des Betrachtungszeitraumes nahm er nochmals an einigen Prüfungen teil und punktete speziell im Rahmen eines Automobilprojekts. Ein Gespräch ist erwünscht.

Johan konnte krankheitsbedingt das ganze Jahr über nicht mit der Gruppe arbeiten, nachdem bereits im Vorjahr die Übernahme nur auf Probe erfolgt war. Gleichwohl wird er im neuen Jahr noch einmal die Möglichkeit erhalten, sich zu bewähren und die positiven Eindrücke, die er bei seinen allerersten Prüfungsleistungen vermittelt hatte, zu bestätigen.

Julian kehrte im vergangenen Sommer von einem Austauschprogramm zurück, in dessen Verlauf er so schwer erkrankt war, dass er bis zum Winter an keiner Prüfung teilnehmen konnte. Entsprechend schwer fiel ihm die Reintegration – das ganze Jahr über blieb ihm zumeist nur ein Platz am Rand der Gruppe –, entsprechend verbesserungswürdig waren auch die ersten Prüfungsergebnisse. Nach dem Winter stabilisierte er sich etwas, ohne jedoch die Erwartungen erfüllen zu können. Seine Abschlussfokussierung steht indes nicht in Frage, wie er jüngst in einem Geographieprojekt unter Beweis stellte. Das Thema lautete „Westfalen“ und gilt derzeit als sein persönliches Steckenpferd. Ein Gespräch ist unumgänglich.

Geronimo hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Nur 12 von mehr als 30 Prüfungen durfte er vollständig bearbeiten, 13 mal konnte er sich nur als Nachrücker einbringen, mit teilweise überschaubar positiven Ergebnissen. Parallel zu seiner mitunter zu deutlich zur Schau getragenen Unzufriedenheit litt auch sein Ansehen in der Gruppe. Gleichwohl ließ er in seinen Anstrengungen nicht nach und wirkte gerade zum Ende hin in seinem Auftreten wieder zielorientierter. Umso bedauerlicher ist es, dass er, wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen, nicht an der Sommeruni teilnehmen darf und so einen weiteren Rückschlag erleidet. Ein Gespräch ist erwünscht.

Vedad kam im Winter an unsere Einrichtung und beeindruckte von Beginn an mit seiner klaren Abschlussorientierung. Erfreulicherweise stellte er seine Vorbereitungsmaßnahmen auch seinen Freunden ausnehmend freigiebig zur Verfügung. Sein bereits nach kürzester Zeit ausgeprägtes Verständnis hiesiger Abläufe erleichterte seine Integration zudem und ermöglichte zielgerichtete Gruppenerarbeiten, insbesondere mit seinem Freund Martin. Vedad erhält ein Lob.

Pavel zeigte sich einmal mehr überaus bemüht und engagiert, ohne allerdings die erhofften Prüfungsergebnisse zu erzielen. Seine schwach ausgeprägte Technikaffinität und die grundsätzlichen Zweifel an seiner Abschlussfähigkeit führten letztlich dazu, dass wir seinen Wunsch, an einer ausländischen Einrichtung eine neue Sprache zu erlernen, beförderten.

Christoph wechselte im Sommer aus einer aufstrebenden Nachbareinrichtung zu uns und durfte im Herbst an einzelnen Prüfungen teilnehmen. Aufgrund der auch im Rahmen der regelmäßigen Übungsstunden gesammelten Eindrücke erscheint fraglich, ob der den Anforderungen gerecht werden kann. Ein Gespräch ist erwünscht.

Bruno begann sein erstes komplettes Jahr mit einer Reihe erfolgreicher Prüfungen, ohne dabei die im Vergleich zum Vorjahr erhofften eleganten Lösungsansätze zu finden. Im weiteren Verlauf ließen zunächst die Ergebnisse deutlich nach, und erst, als seine Jahresprüfungen und damit seine Zukunft in Frage standen, gelang es ihm wieder, die Konzentration auf das Wesentliche zu lenken und das Jahr erfolgreich zu beenden. Seine Herangehensweise wirkt gleichwohl mitunter althergebracht, frischen Lösungsansätzen kann er wenig abgewinnen oder sie gar selbst entwickeln. Seine Orientierung am Einrichtungsleitbild ist vorbildlich, seine Demut im Angesicht des großen Ganzen beispielgebend, sein Festhalten an der eigenen Herkunft mustergültig. Gespräche sind erwünscht.

Fredi machte sich im abgelaufenen Jahr in besonderem Maß um unsere Einrichtung verdient. Trotz geringer Spielräume gelang es ihm in einer koordinierenden Funktion, die Arbeitsgruppen ausgewogen zusammenzustellen und anzuordnen. Vor allem aber übernahm er zahlreiche kommunikative Aufgaben, die somit nicht von der Einrichtungsleitung wahrgenommen werden mussten. Zudem gelang es ihm, die Alumni und den Förderkreis vom Tagesgeschäft zu entlasten. Er machte sich um die stärkere Förderung jüngerer Jahrgänge verdient, indem er neue Mentoren und einen Koordinator gewann. Leider wurden die Pläne, die so geförderten Hochbegabten regelmäßig zu Prüfungsleistungen heranzuziehen, nicht in die Tat umgesetzt – was sowohl bei den jungen Leuten selbst als auch bei den Mentoren als auch im Umfeld zu Verdruss geführt hat. Fredi erhält ein Lob. Gegen den Frust.

Gerd kam im vergangenen Sommer nach langwierigen Aufnahmediskussionen an unsere Einrichtung und verhielt sich zunächst angenehm zurückhaltend. Erst zum Ende des Betrachtungszeitraums verdiente er sich im Bemühen um eine neue Einrichtungsuniform ein Sternchen. An Prüfungen durfte er nicht teilnehmen, andersartige Leistungsnachweise erbrachte er ansonsten nicht. Im Frühjahr zog er die Bedeutung deutscher Dichtkunst in Zweifel, wurde eines Literaturprojekts verwiesen und beleidigte Außenstehende, die sich vorsichtig kritisch zur Einrichtung geäußert hatten. Wie er vor diesem Hintergrund einem Verweis entgehen konnte, ist unergründlich. Gesprächskultur ist erwünscht, ein persönliches Gespräch nicht.

Gesucht: Neckar'scher Pointenproduzent

Dass aus Hoffenheim keiner kommen wollte, kann ich nachvollziehen. Wäre gewiss kein Spaß gewesen, Markus Babbels Medienpräsenz der vergangenen Woche in all ihren Facetten zu erklären, flankiert von Wiesegeschichten und Sparkursfragen. Freiburger und Stuttgarter Vertreter hätten indes durchaus bemerkenswerte Saisongeschichten zu erzählen und noch dazu Spaß daran gehabt.

Natürlich ist es denkbar, dass die Vereine ihren Spielern erst einmal ein wenig Frei- und vielleicht auch Feierzeit gönnen wollten, sei ihnen gegönnt, obschon ich derlei Auftritte als Teil ihres Berufs betrachte. Für leitende Angestellte gilt das erst recht. Noch dazu, wenn man, wie in Stuttgart, ein durchaus spektakuläres Saisonfinale erlebt hat, ein Spiel mit Höhen und Tiefen, eines, das zurecht verschiedentlich als Spielgelbild der Saison herangezogen wurde und das man durchaus noch ein wenig hätte analysieren dürfen.

Beim SWR sah man das ein wenig anders. Man holte sich stattdessen ein paar sympathische junge Menschen ins Studio, die man mit etwas Wohlwollen bestimmt in die zweite Reihe der Fußballfachleute einordnen darf und die mit noch mehr Wohlwollen, nun ja, gar keinen Bezug zum Sendegebiet vorzuweisen haben – abgesehen vom hiesigen Vorzeigereporter Jens Jörg Rieck natürlich –, ergänze um eine kurze Schalte (sagt man so?) zu Arnd Zeigler, der uns neben einigen lustigen Anekdötchen aus der abgelaufenen Saison auch noch, aus welchen Gründen auch immer, an seiner Trainingseinheit mit Thomas Schaaf teilhaben lässt, und schon hat man einen vergnüglichen Saisonrückblick beisammen.

Möchte sich eigentlich jemand über die Bezeichnung als „zweite Reihe“ echauffieren? Und wenn ja: mit welcher Stoßrichtung? Erste oder dritte? Ok, Hellmut Krug ist bestimmt ein Fachmann in Sachen Schiedsrichterei – die allerdings kaum eine Rolle spielte, es sollte ja vergnüglich sein. Reiner Calmund war zweifellos ein relevanter Gesprächspartner, damals, als er noch nicht ausschließlich der dicke, lustige Reiner Calmund war, oder, wie es Michael Antwerpes formulierte, „der rheinische Pointenproduzent“, und Nia Künzer, nun ja, wies darauf hin, dass der Verlust von Raúl auch ein optischer für die Damenwelt sei. [Hier bitte gedanklich eine populistische Forderung mit Verweis auf Fernsehgebühren einfügen.]

Wo waren wir stehen geblieben? Ach, beim Trainingserlebnis von Arnd Zeigler und Thomas Schaaf. Mich hätten ja eher Trainingserlebnisse interessiert, die Bruno Labbadia und Timo Gebhart betreffen, oder was auch immer zur vor wenigen Tagen zur Gewissheit gewordenen Ausbootung des Letztgenannten geführt haben mag. Ich hätte mir auch eine Ode an Matthieu Delpierre vorstellen können, aber vielleicht kommt die ja irgendwann noch, wenn man nicht mehr so in der Euphorie des pointenträchtigen Saisonfinals steckt. Oder einfach ein bisschen Fußball.

Nun denn. Vielleicht könnte man sich vornehmen, künftig nie mehr eine Mannschaft zu kritisieren, weil sie die letzten Spiele nicht mehr mit dem nötigen Ernst angegangen sei.

Die Stuttgarter Fans ließen diesen Ernst ganz gewiss nicht vermissen. Ganz im Gegenteil: Die Protagonisten der Cannstatter Kurve hatten eine mehr als ansehnliche Choreographie auf die Beine gestellt, und man ließ sich auch gesanglich nicht hängen, nicht zuletzt um für @BigEasyMuc die anständige Show auf dem Rasen mit einer anständigen Show auf den Rängen zu untermalen.

Anders als der Münchner Gast empfand ich indes nicht die Stimmung nach dem 3:2 als besonders intensiv, sondern jene, als der Führungstreffer von Hannover 96 eingeblendet wurde, was sofort zu lautstarken Europapokalgesängen in Richtung der Wolfsburger Gäste führte und fließend in den Jubel über den Anschlusstreffer des VfB überging. So fließend übrigens, dass ich zunächst nicht einmal Delpierres Abschiedsassist wahrgenommen hatte.

Der Rest war eine nach dem Spielverlauf so nicht mehr erwartete Saisonabschlusseuphorie mit zwei weiteren Torvorlagen des zu jedermanns Überraschung wahrscheinlich nicht für die EM nominierten Sakai und, man höre und staune, dem Siegtreffer durch Traoré, der zuvor gezeigt hatte, dass er schnell ist und manchmal in die richtigen Räume laufen kann. Wenn er in der Sommerpause lernt, den Ball dann auch zum Mitspieler zu bringen, könnte doch noch einmal ein wenig Hoffnung aufkommen.

Womit ich die Saison fürs Erste ohne den nötigen Ernst beende, über Verbalbeurteilungen nachdenke, mich mit dem Sohnemann und Panini-Aufkleberle sowie irgendwann mit der Europameisterschaft beschäftige. Und dem Stuttgarter Weg, wie immer.

Kein Erweckungserlebnis

Dem einen oder anderen Stuttgarter Spieler, vielleicht eher sowohl dem einen als auch allen anderen, hätte man ja am Samstag ein Erweckungserlebnis gewünscht, wie es Bastian Schweinsteiger am Mittwoch zuvor irgendwo zwischen Mittellinie und Elfmeterpunkt widerfahren sein soll. Leider trat es nicht ein, und der VfB konsequenterweise so auf, wie er es eben tut, wenn er gegen den FC Bayern antritt: mutlos.

Ist natürlich, so ehrlich muss man sein, auch kein Wunder. Schließlich ging es gegen den frischgebackenen Champions-League-Finalisten, der Bernabéu gerockt hatte, und vermutlich tauchen sie noch heute in den Alpträumen des José Mourinho auf, die Contentos, Rafinhas, Pranjics und wie sie alle heißen. Da kann einem als Gegner schon mal das Herz in die Hose rutschen. Blöd nur, dass man damit eben jenen Platz blockierte, den man für die Schweinsteiger’schen Fundstücke hätte brauchen können.

Sicher, anfänglich hatte man ein paar Chancen, gute Chancen sogar, und auch wenn Christian Gentner tendenziell kein Kopfballungeheuer mehr wird, lag eine Führung nicht im Bereich des Fantastischen. Wobei man nicht so recht gewusst hätte, wo sie hergekommen wäre, zu träge, zu wenig überzeugt wirkte das alles. Was zugegebenermaßen in ähnlicher Weise auch für mich galt, ertappte ich mich doch dabei, dem Spiel phasenweise ähnlich konzentriert zu folgen, wie die Herren mit dem Brustring spielten. War halt warm. Und was für mich als Ausrede gilt, wird ja wohl auch für die Spieler …

Bevor er zum VfB kam, war Bruno Labbadias Bilanz gegen die Bayern im Grunde gar nicht schlecht und beinhaltete nicht zuletzt ein bemerkenswertes 4:2 mit Bayer Leverkusen im Pokal-Viertelfinale 2009. Beim VfB sieht das anders aus. 35-36-12-12-02-02, um genau zu sein. Und irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Bilanz in den Köpfen der Spiel sehr präsent war. Dass man von vornherein in der Gewissheit nach München gefahren war, dort nichts zu ernten.

Nichts war zu spüren von einer breiten Brust, die man sich mit den Ergebnissen der letzten Monate erarbeitet hatte, zum Teil auch mit der Art und Weise, wie sie zustande gekommen waren. Wenig deutete darauf hin, dass hier eine Mannschaft wild entschlossen war, Platz 5 zu sichern und sich die theoretische Chance auf Platz 4 zu erhalten, gegen einen Gegner, von dem man wusste, dass er entweder körperlich angeschlagen oder in ungewohnter Formation auflaufen würde.

Aber das war ja alles gar nicht nötig, wie die Stuttgarter Zeitung treffend anmerkt:

„Nun aber müssen die Stuttgarter schlimmstenfalls als Sechster in der letzten K.-o.-Runde vor den Gruppenspielen der Europa League, den sogenannten Play-off-Partien am 23. und 30. August, ran. „Eine geordnete Vorbereitung ist also in jedem Fall möglich, dass ist beruhigend“, sagte Labbadia […]“

Na dann.

Ach, lassen wir das. Ich hab mich halt geärgert. Maßlos. Ärgere mich noch immer. Aber vielleicht nehme ich das alles einen Tick zu persönlich. Halbherzig ist nicht so meins. Und wenn ich dann noch nebenher davon ausgehen muss, dass man sich von Timo Gebhart trennt, dass es offensichtlich nicht gelungen ist, einen Spieler mit seinen Fähigkeiten so zu fördern, dass er jetzt da stünde, wo er stehen könnte, und mit ihm der Verein, und wenn ich gleichzeitig darauf hoffen muss, dass der selbe Trainer ab der kommenden Saison den Stuttgarter Weg mit anderen, ähnlich talentierten jungen Spielern ganz anders geht, dann wird mir ein wenig bang.

Aber das hat nur am Rande mit dem Spiel in München zu tun.

Und zum Schluss muss ich doch noch kurz fragen, ob da draußen noch einige weitere irritierte Zuschauer herumschwirren, die sich hätten vorstellen können, dass Sven Ulreich vor dem 1:0 seinen Strafraum entschlossen verlassen und das Duell mit Müller in Angriff genommen hätte.

Aber auch das: ganz am Rande. Und nächste Woche freue ich mich dann auch wieder über die gelungene Wendung, die die Saison in den letzten Monaten nahm. Bestimmt.

Und fast hätte ich vergessen, ganz am Ende mit einem raffinierten Kniff noch einmal zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Zu Bastian Schweinsteiger, dessen kurzes Mitwirken am Samstag noch einmal zu einem gänzlich anderen Spiel führte. Plötzlich, so schien es mir, traten die Bayern mit jener Selbstverständlichkeit auf, die dem VfB dann endgültig vor Augen führte, dass das Spiel verloren war. Das Münchner Spiel hatte eine ganz andere Struktur, auch einen Fixpunkt, und jeder Gedanke an ein Unentschieden war mit einem Mal undenkbar.

Vielleicht übertreibe ich. Aber ich muss sagen: Schweinsteigers Präsenz auf dem Platz hat mich in ihren Bann gezogen.

Grandioses Comeback: die englische Woche

Nach dem Stuttgarter Sieg in Augsburg hatte ich bei Sportradio360 im Liga Globus sinngemäß angekündigt, mir bei einem weiteren Erfolg gegen Bremen für die kommende Saison nur noch englische Wochen zu wünschen.

Nun, ich wurde erhört. Nicht nur schlug der VfB Werder mit 4:1; vielmehr hielten sich auch die anderen Uefa-Cup-Kandidaten an mein Drehbuch und ließen durch die Bank Punkte liegen, sodass die ersten englischen Wochen bereits gesichert sein dürften und wir von Ventspils, Molde, Györ oder Domzale träumen dürfen – die bestimmt auch Martin Harnik im Sinn hatte, als er auf den Zaun stieg und Europapokalträume befeuerte (wenn auch noch ein wenig schüchtern, wie mir unter akustischen Gesichtspunkten schien).

Und natürlich freue ich mich, ohne die Saison vor dem letzten Spieltag loben zu wollen, auf internationale Spiele, gegen wen auch immer. Dass sich der Uefa-Cup finanziell kaum lohnt, ist ein Webfehler des Wettbewerbs, und dass ich vor einiger Zeit sagte, mir sei eine vernünftige Vorbereitung auf die kommende Saison, insbesondere mit Blick auf den verstärkten Einbau junger Spieler, wichtiger als die Europapokalteilnahme, stimmt ebenso; das ändert nichts daran, dass ich mich darauf freue und eine Teilnahme als erstrebenswert wie auch dem Ansehen des VfB förderlich betrachte. Und, ja, auch der sportlichen Entwicklung.

Überhaupt, die sportliche Entwicklung: Seit Monaten kursiert, auch hier, die Forderung nach einem erkennbaren sportlichen Konzept, einer Handschrift, meinetwegen auch einer Philosophie, anstelle eines bloßen pragmatischen und anscheinend nicht perspektivisch angelegten Ringens um Punkte. Am Freitag diskutierte ich mit einem Freund darüber, dass der VfB gegen Werder genau den Fußball gezeigt hatte, den wir von Labbadias früheren Stationen kannten. Das war kein brillantes Offensivspiel in dem Sinne, dass wir ein Feuerwerk aus verwirrenden Kombinationen erlebt hätten – die Frage, wie der VfB zu Toren gekommen wäre, wenn die Standardsituationen, auch dank tätiger Bremer Unterstützung, nicht so überragend funktioniert hätten, bleibt unbeantwortet.

Aber es war insofern überzeugend, konzeptionell quasi, als die gegnerische Abwehr im Grunde erstickt wurde. Die Stuttgarter Offensive übte beim Bremer Spielaufbau derart viel Druck aus, dass die Bälle ein ums andere Mal rasch gewonnen wurden, angeführt von Hajnal, der bis zu seinem Ausscheiden immer wieder in högschdem Tempo die Außenverteidiger anlief. Wunderbar auch Sakai, der bei einem möglicherweise bedrohlichen Bremer Konteransatz eben nicht den Weg nach hinten antrat, sondern mit großer Entschlossenheit weit nach vorne sprintete, um den ersten Ball des Bremer Aufbauspielers zu verhindern.

Sowas kann auch schiefgehen. Eine spielstarke und selbstbewusste Mannschaft hätte beispielsweise in der gerade genannten Sakai-Situation, aber auch bei der einen oder anderen weiteren Gelegenheit, die fast schon übermütig anstürmenden Stuttgarter vielleicht ins Leere laufen lassen und die entstehenden Räume genutzt, und vermutlich wird so etwas, wenn man diese Spielweise beibehält, auch noch das eine oder andere Mal passieren. Gehört zum Lernprozess. Die Bremer waren dazu indes nicht in der Lage. Sie waren schon mit einer gehörigen Portion Verunsicherung angetreten, die im Lauf des Spiels zunahm und selbst ihrem nur selten an mangelndem Selbstvertrauen leidenden Torhüter immer wieder einfache Abspiele in Stuttgarter Füße abrang.

Vor dem Spiel hatte ich noch gesagt, man müsse darauf hoffen, dass keine Auswechslungen nötig würden. Zu gering erschien mir das Kreativpotenzial auf der Bank, und auch aus heutiger Sicht empfinde ich es noch immer als bemerkenswert, sich auf (in der Tat erfolgte) Geniestreiche von Hajnal und Gentner zu verlassen und auf der Bank weder Timo Gebhart noch einen zentralen Nachwuchsspieler sitzen zu haben. Doch auch hier gilt einmal mehr, dass derjenige, der gewinnt, recht hat. Also auch wir, die wir seit Wochen Molinaro für Boka forderten, um am Freitag zu sehen, wie vorne seine – unbedrängten – Hereingaben nicht ankamen und er hinten den Bock zum 0:1 schoss. Egal, gewonnen, recht gehabt.

Zwei der bemerkenswerteren Szenen der Partie spielten sich ganz in meiner Nähe an der Eckfahne ab. Zunächst die Ausführung eines trickreichen Eckballes, für die Sympathieträger Marko Marin und sein kongenialer Partner – ich glaube, es war Aleksandar Ignjovski – zur Freude des von Marin wiederholt herbeigerufenen Tobias Welz geschätzte fünf Minuten brauchten. Später folgte am selben Ort die (Achtung, Realitätsverlust!) Tiqui-Taqua-Einlage von Hajnal und Sakai, die sich Lukas Schmitz nach kurzem Mitwirkungsversuch nicht anschauen wollte. Er entschied sich statt dessen für Frustgelb, und man konnte es ihm nicht verdenken. Kein guter Tag für Werder.

Für den VfB war er indes, auch wenn man sich gegen Ende zielgerichtetere Konter gewünscht hätte, großartig. Zumal es am Torverhältnis eher nicht mehr scheitern sollte. Eines allerdings stellte sich als Mär heraus:

https://twitter.com/#!/heinzkamke/status/190903470088404992

Englische Wochen gibt’s trotzdem.

Die Rückkehr des Zehn-Millionen-Euro-Mannes

Zu den in negativer Hinsicht bemerkenswerteren Entscheidungen des Bundestrainers Berti Vogts, die mir bis heute im Gedächtnis haften geblieben sind, zählte die Einwechslung von Andreas Brehme in der 83. Minute des WM-Viertelfinals 1994. Bulgarien war, wem sage ich das, gerade mit 2:1 in Führung gegangen, das Spiel dauerte keine zehn Minuten mehr, und Vogts brachte den verdienten Linksverteidiger, nach Angaben des DFB sogar gegen Brehmes explizite Empfehlung, doch lieber einen Stürmer einzuwechseln, für den ähnlich verdienten Offensivkünstler Thomas Häßler, dem das kurz zuvor verlorene Kopfballduell zu schaffen machte.

Vielleicht sollte ich ergänzen, dass meine Einschätzung bemerkenswerter Entscheidungen von Herrn Vogts nicht allzu aussagekräftig ist, um es vorsichtig auszudrücken. Schließlich scheint nicht nur die aus meiner Sicht völlig unverständliche Auswechslung von Mehmet Scholl im EM-Finale 1996 historisch völlig anders bewertet zu werden; vielmehr war wohl auch die von mir damals als sachgerecht empfundene Begnadigung und Reaktivierung von Lothar Matthäus vor der WM 98 nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss.

Wie dem auch immer sei: an jene Brehme-Einwechslung fühlte ich mich am Freitag im Neckarstadion erinnert, als auch Bruno Labbadia seinen rechten offensiven Mittelfeldspieler aus dem Spiel nahm und durch einen auf den ersten Blick etwas unpassenden Linksfuß ersetzte, dessen robbenartig verdrehte Tempoläufe inklusive entsprechender Abschlüsse dem Schreiber dieser Zeilen bis dato entgangen sein müssen. Vielleicht war es auch ganz anders. Schließlich hatte sich auch Brehme damals dann doch links einsortiert, und tatsächlich rückte Schieber zumindest so weit nach innen, dass man ihn auch als Halbstürmer interpretieren konnte – um Boulahrouz die rechte Bahn zu dessen freier Entfaltung zu überlassen. Und man fragt sich, welcher der beiden wunderbaren Ideen der Trainer tatsächlich verfallen war. Wobei „verfallen“ möglicherweise zu sehr nach Schicksal und Langfristigkeit klingt, wenn man bedenkt, dass sich Bruno Labbadia nach 14 Minuten dann doch entschied, Schieber wieder nach links zu schicken.

8 Minuten vor Schluss kam also Timo Gebhart. Dies finde ich insofern nicht ganz uninteressant, als Labbadia in der Nachbetrachtung des Spiels vermutlich ganz treffend analysierte: „Uns fehlen die Einzelspieler, die über Eins-eins-Situationen solche Problemlagen auflösen können.“ Ich rate mal völlig ins Blaue und könnte mir vorstellen, dass von 10 Anhängern des VfB Stuttgart 2 gar keinen Spieler benennen könnten, dem man ein Offensivdribbling auf engem Raum zutraut, je ein Unverzagter würde Cacau, Hajnal und wahrscheinlich sogar Harnik nennen, einer dieser unverbesserlichen Nachwuchsverfechter Kevin Stöger ins Feld führen, und der Rest dächte an Timo Gebhart. Wahrscheinlich mit Einschränkungen, die in Richtung „Potenzial nicht gezeigt“, „zu oft verletzt“, „Problem sind nicht die Füße, sondern der Kopf“ gingen, aber eben doch: Timo Gebhart.

Bruno Labbadia ist dann halt der elfte Befragte. Er setzte auf Julian Schieber. Diesmal. Und wir erinnern uns, wie er in den ganz engen, manche würden sagen: bereits verlorenen Spielen auf Raphael Holzhauser setzte, um ihn dann, wenn man mal etwas fürs Selbstvertrauen hätte tun können, auf der Bank sitzen zu lassen. Schließlich brauchen auch die Cacaus und Gentners dieser Welt Selbstvertrauen. Und die Jungen sind noch so jung, die können ruhig erst noch einmal in die dritte Liga zurückkehren – 10-Millionen-Mann Holzhauser war leider bei den Amateuren unabkömmlich. Dabei erfahren wir doch gerade in diesen Tagen in den Stuttgarter Nachrichten die wahren Baupläne des Stuttgarter Wegs: „Architekt Labbadia baut auf das Potenzial von Eigengewächsen wie Patrick Bauer und Antonio Rüdiger (beide Innenverteidiger), Steffen Lang (Rechtsverteidiger), Christoph Hemlein (Sturm), Kevin Stöger und Raphael Holzhauser (beide Mittelfeld), …“

Ja, ich bin ein wenig angefressen. Dabei kam es ja nicht ganz unerwartet, dass man gegen Kaiserslautern nicht gewinnen konnte. Der Gast stand tatsächlich sehr tief und sehr massiert, und wir wissen alle, dass der VfB nicht* in der Lage ist, gegen so eine Abwehr überzeugend anzuspielen. Mit etwas Glück hätte man früh in Führung gehen können, dann wäre alles leichter geworden. Oder man hätte eine der zwar nicht übertrieben häufigen, aber doch mehrfach zu verzeichnenden Schusschancen nutzen können, die zu entschärfen es keines Torwarts vom Schlage Tobias Sippels bedurft hätte. Die klassische Bahnschranke hätte gereicht. Aber auch das passiert, vermutlich erst recht einem übermotivierten Angreifer wie Cacau. Was mich wirklich ärgert, ist – neben der Rückversetzung Holzhausers – zum einen die bereits angesprochene Reaktion des Trainers während des Spiels (Hihi, wir schmeißen einfach nach und nach die Stürmer rein), zum anderen die im Nachgang vermittelte Selbstwahrnehmung beim VfB, die in der Überschrift des vereinseigenen Spielberichts wunderbar zum Ausdruck kam:

Remis trotz Dominanz

Wenn ich mich an dieser Stelle einmal kurz selbst zitieren dürfte (die eine oder andere Anpassung möge der geneigte Leser gedanklich selbst vornehmen):

„[…] Dennoch: nach meinem Verständnis hatte das, was wir am Samstag vom VfB gesehen haben, mit Dominanz nicht viel zu tun.

Sicher, man hatte “mehr vom Spiel”. Mehr Ballbesitz, mehr Spielanteile, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mehr Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte. Und die VfB-Hintermannschaft, allen voran Serdar Tasci, hat die Berliner Offensive in der Tat weitestgehend dominiert. Aber sonst? Gelungene Spielzüge, die bis zum Ende ausgespielt wurden und an deren Ende die Zuschauerin vom Sessel aufsprang, weil der VfB-Angreifer den Ball nur hauchdünn am Pfosten vorbei geschoben oder weil der Hüter brillant pariert hätte? Rasches Kombinationsspiel, das ein ums andere Mal Lücken in die Hertha-Abwehr gerissen hätte, in die Stuttgarter Angreifer entschlossen hinein gestoßen wären? Oder gar die viel zitierten Überraschungsmomente? Ganz ehrlich: daran kann ich mich nicht erinnern. […]“

Ich halte Holzhauser ja für einen Dominanzspieler.
Allein schon von der Körpersprache her.
Wird wohl an den bionischen Körperteilen liegen.

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* Die aufmerksame Leserin wird bemerkt haben, dass in derlei Sätzen, unmittelbar vor dem „nicht“, in aller Regel das Wörtchen „noch“ eingebaut wird. Dummerweise fehlt mir da ein wenig der Glaube.

Irgendwas Defätistisches …

… sollte ursprünglich hier stehen. Nur ein Satz, und es wäre wohl genug gesagt gewesen. Aber man muss sich ja auch noch was für das Pokalspiel aufbewahren.

Es war schon schön, am Samstag zu sehen, dass sich der VfB offensichtlich auf den Gegner vorbereitet, dessen Schwächen analysiert und sein Angriffsspiel daraus ausgerichtet hatte. Es war bedauerlich, und ja, ärgerlich, dass man in den ersten 25 Minuten nichts daraus machte. Und es war schwer zu ertragen, dass man nicht in der Lage war, irgendetwas zu verändern, nachdem sich der Gegner besser sortiert und auf die Stuttgarter Angriffe eingestellt hatte.

Wenn William Kvist derjenige ist, der den Ball in der zweiten Halbzeit nicht nur durch das Mittelfeld, sondern auch bis an den gegnerischen Strafraum schleppen – ja: schleppen – muss, dann läuft meines Erachtens nicht nur ein bisschen was verkehrt. Oder aber es ist gelungen, nicht nur den Gegner, sondern auch die eigenen Anhänger komplett zu überraschen. Ob es wohl der Spieler selbst vorher wusste? Oder wenn mit Timo Gebhart einer der individuell begabtesten Stuttgarter auf der rechten Außenbahn spielt, aber keinen einzigen wirklichen Offensivzweikampf führen kann – was gewiss nicht nur an Tascis verheerenden anfänglichen Versuchen lag, ihn chippend einzusetzen.

Aber ich will das jetzt nicht alles noch einmal durchgehen – zu miserabel war das Spiel von beiden Seiten, in dem Wolfsburg, betrachtet man die gesamte Partie, die etwas weniger schlechte Mannschaft und damit der verdiente Sieger war, zu ernüchternd die Erkenntnisse aus Stuttgarter Sicht, zu desillusionierend die Hilflosigkeit auf und wohl auch neben dem Platz.

Desillusionierend? Nein: es gibt Hoffnung. Immer wieder hört man ja heutzutage, der moderne Fußball bedürfe eingeübter, choreographierter Routinen, die der Mannschaft in Fleisch und Blut übergehen und die sie auch in Drucksituationen jederzeit reproduzieren kann. Als Paradebeispiel darf der lange, hohe, drucklose Ball auf Mittelstürmer Niedermeier gelten, den der VfB von verschiedenen Positionen aus gleichermaßen erfolglos einzusetzen weiß. Und im Vorbeigehen hat man auch gleich noch mit der Mär aufgeräumt, der Trainer sei nicht in der Lage, ein System, ein Konzept, eine Spielphilosophie auf den Rasen zaubern zu lassen.

Vom früheren „Hoffen auf Harnik und Hajnal“ ist er zwar aus gutem Grund abgerückt – bei Harnik war der gute Grund vor allem am Samstag gegeben, bei Hajnal nicht nur -, doch in besagtem Niedermeier hat der Trainer bereits einen neuen Hoffnungs- und Konzeptträger gefunden, dessen erneute Einwechslung der sich wahrlich nicht immer auf der Höhe des Geschehens (was angesichts des nicht allzu beeindruckenden Geschehens dann doch eine gar nicht so positive Bewertung ist) befindende Kommentator Marc Hindelang treffend mit der Bemerkung kommentierte, dass Bruno Labbadia seinen Werkzeugkasten durchsucht und eine Brechstange gefunden habe.

Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass Niedermeier kein van Buyten ist, ungeachtet seines für den Klassenerhalt in der Vorsaison kaum in Gold aufzuwiegenden magischen Moments gegen Wolfsburg, und dem großen Schönheitsfehler, dass es nach der 30. Minute nie mehr gelang, den Ball überhaupt in die Nähe des Wolfsburger Tores zu bringen.  Auf den Laien wirkt es daher leider so, als sei das System Brechstange tendenziell fehl am Platze, zumindest aber noch nicht ausgereift. Kann ja noch werden, man sollte es halt mal von Anfang an so versuchen.

In Wolfsburg wäre es ja grundsätzlich auch denkbar gewesen, eher dort etwas zu ändern, wo der Ball nach vorne gebracht wird, dort, wo Zdravko Kuzmanovic – und es war mir in dieser Phase des Spiels sehr egal, ob er bereits einen Vertrag in wo auch immer unterzeichnet hat – in der Lage ist, das Spiel auch einmal schnell zu machen, anstatt es wie Tamas Hajnal mit hübsch anzusehenden Pirouetten zu verlangsamen. So aus Fansicht.

Ja, ich weiß, dass Niedermeier fast noch den Ausgleich erzielt hätte. Nach einer Standardsituation, die Timo Gebhart mit einem Dribbling erzwungen hatte. Auf Flanke von Traoré, dem ich zuvor – nicht zuletzt nach 5 Standards auf Brusthöhe – jede Teilnahmeberechtigung abgesprochen hatte. Womit alles, was ich schrieb und dachte, ad absurdum geführt wäre. Das wäre mal ein Schönheitsfehler gewesen.

Schattierungen von gelb

Beide Vereine hatten weder Kosten noch Mühen gescheut. Der VfB hatte Pavel Pardo, den Meister von 2007, der eine makellose Heimbilanz gegen den FC Bayern vorzuweisen hat, als Glücksbringer einfliegen lassen, und den Bayern war es in einer bemerkenswerten Demonstration ärztlicher Heilkunst gelungen, ihren Protagonisten den tödlichen Männerschnupfen auszutreiben. Es war also angerichtet.

Vermutlich hatte Bruno Labbadia seiner Mannschaft Aggressivität gepredigt. Die Hereinnahme von Gebhart und Boka passte in dieses Bild, und im Grunde war ich mir sicher, dass die beiden Linksaußenduelle zwischen Boka und Ribéry auf der einen sowie Gebhart und Rafinha auf der anderen Seite nicht nur hohen Unterhaltungswert haben, sondern auch mindestens einen Platzverweis mit sich bringen würden. Nun ja, es sollte anders kommen. Doch zurück zur Aggressivität, die ich irgendwie anders interpretiere als die Stuttgarter Spieler. Mir wäre es darum gegangen, präsent zu sein, Stärke und Selbstvertrauen zu signalisieren, Zweikämpfe zu führen. Der VfB aber kam gar nicht in den Infight. Vielmehr begann man in der Defensive einerseits mit übertriebenem Respekt, der sich in ehrfürchtigem Zusehen und überängstlichem Zur-Ecke-Klären äußerte, weil ja theoretisch einer dieser brandgefährlichen Münchner Angreifer in der Nähe sein könnte; andererseits erinnerte man sich immer wieder in ungünstigen Momenten der Aggressivitätsvorgabe und ging entsprechend übereifrig in einzelne Zweikämpfe, was unnötige Freistöße und Verwarnungen nach sich zog.

So auch im Fall von Christian Molinaro, bei dessen erstem Foul, so viel Ehrlichkeit muss sein, ich im Stadion zunächst froh war, dass er nicht direkt vom Platz geflogen war – bei der Nachbetrachtung im Fernsehen sah ich dieses Szenario dann nicht mehr als ganz so bedrohlich realistisch an; gleichwohl kann ich mir nur schwer vorstellen, wie man gegen diese Karte argumentieren will. Und wer fünf Minuten nach einer solchen Verwarnung inklusive unmissverständlicher Geste von Herrn Gräfe meint, es sei eine gute Idee, irgendwo an der Außenlinie einen vergleichsweise unwichtigen Ball im höchsten Tempo von hinten erobern zu müssen, der darf sich über die Quittung nicht beschweren. Ich bin nicht Arjen Robbens Meinung, dass es sich hier um eine dunkelgelbe Karte handelte, wie ich auch nicht der Ansicht bin, dass es ihm gut zu Gesicht steht, sich nach dem Spiel so zu äußern. Wenn ich nur das Foul an sich betrachte, würde ich vielleicht eher von zitronenfaltergelb sprechen. Manche würden von eierschalen- oder blassgelb reden, andere über senf- oder neapelgelb diskutieren, letzteres in hell oder dunkel, wieder andere, und darauf würde ich mich jetzt mal festlegen, plädieren für Massikot.

Viele Stuttgarter Zuschauer neigten indes eher zu neuschneegelb und projizierten ihre Verärgerung auf Arjen Robben. Anders als der sehr geschätzte Baziblogger drüben sehe ich darin keine Anzeichen für den Untergang des Abendlandes. Entschuldigung, das tut er natürlich auch nicht; ich finde nur, dass es etwas weit gesprungen ist, bei Beschimpfungen eines gegnerischen Spielers Quervergleiche zu Robert Enke ins Feld zu führen. Mit den „Arschloch“-Rufen kann ich – als Zuhörer, wohlgemerkt – leben, und damit muss auch ein Profi umgehen – zumindest, solange es von den gegnerischen Fans kommt und damit per se eine recht hohe Auszeichnung ist. Das betrifft im Übrigen, um ganz kurz eine andere Baustelle zu streifen, nicht nur Spieler, sondern auch, zum Beispiel, Herrn Hopp. Wenn indes die Schmähungen von den eigenen Anhängern kommen, sieht die Sache meines Erachtens völlig anders aus. Da wäre ich dann schon recht nah beim Baziblogger. Aber ich schweife gleich doppelt ab. Nicht nur von Christian Molinaro, sondern auch gleich noch von den Beschimpfungen für „Ari-Jen“ Robben, die – ungeachtet der obigen Ausführungen zu Arschlöchern und sonstigen Beleidigungen – dann jenseits meiner persönlichen Grenze sind, wenn sie rassistisch, homophob oder in anderer Form diskriminierend sind. Und das waren sie zum Teil. Aber dazu habe ich mich schon an anderer Stelle etwas ausführlicher geäußert.

Besagte massikotgelbe Karte hat Molinaro selbst zu verantworten. Er muss wissen, wie es wirkt, wenn er in einer Situation, in der er im relativ gemächlichen Tempo heranlaufen könnte, ohne dadurch wesentlich schlechtere Optionen zu haben, mit dem Messer zwischen den Zähnen von hinten an Robben heransprintet, er muss sich des Rahmens bewusst sein, den Gräfe mit seinen etwas zu zahlreichen Karten bereits abgesteckt hat, er muss die gerade einmal fünf Minuten zuvor ausgesprochene Warnung des Schiedsrichters im Ohr haben, und ja, er muss auch wissen, das Arjen Robben kein heuriger Hase ist. Vier Anforderungen, die ich an einem professionellen Fußballspieler stelle. Es hätte gereicht, eine davon zu erfüllen.

Womit das Spiel beendet war. Wenn Thomas Müller hinterher flapsig erklärt, der Platzverweis habe eher dem VfB geholfen, dann ist das ein netter Spruch, von dem man weiß, wie man ihn zu nehmen hat. Wenn indes Jupp Heynckes ernsthaft der Meinung ist, der Platzverweis sei nicht spielentscheidend gewesen, bin ich doch etwas irritiert. Wohlgemerkt: ich behaupte nicht, dass der VfB mit elf Mann nicht verloren hätte, die Chancen dafür standen trotz allem gut. Mit dem Platzverweis hatte sich das erledigt, das Spiel war entschieden. Der VfB ließ von einer Sekunde auf die andere alle Hoffnung fahren, ein ansatzweise zwingendes Offensivspiel aufzuziehen. Und genau so trat er fürderhin auf. Was durchaus nachvollziehbar ist, wenn man beispielsweise bedenkt, dass der vermeintlich kreativste und vor allem unerschrockenste Offensivspieler, Timo Gebhart, als linker Verteidiger alle Hände voll zu tun hatte, einen Weltklassespieler in Schach zu halten – mit beachtlichem Erfolg, im Übrigen. Ich gehe fest davon aus, dass Bruno Labbadia in den nächsten Tagen im Training das eine oder andere Mal ausprobiert, ob er Gebhart in Wolfsburg als Rechtsverteidiger aufbieten kann. Solange keine Dauerlösung daraus wird – schließlich würde ich ihn in der Rückrunde gerne mal zehn Spiele am Stück im offensiven Mittelfeld sehen, am liebsten auf der Hajnal-Position -, kann ich mich damit anfreunden.

Wo war ich? Ah ja, Hoffnung fahren lassen, mutlos, und so weiter. Und gerade deshalb war es mir unverständlich, dass der Trainer nicht früher gewechselt hat. Julian Schieber war in seinem zweiten Einsatz nach langer Verletzungspause schlichtweg überfordert, und zwischendurch musste ich, weit übertrieben, gelegentlich an Ermin Bicakcic‘ Sebescen-Moment aus dem Vorjahr denken, und niemand schien auch nur in der Lage zu sein, sich überhaupt vorzustellen, dass man die gegnerische Hälfte überhaupt noch einmal betreten würde. Da hätte ich mir schon ein Signal von der Bank gewünscht. Wobei es aus meiner Sicht keineswegs so ist, dass falsch gewechselt wurde, ganz im Gegenteil – nur eben zu spät. Andererseits: Hätte Cacau mit seiner sehr bemerkenswerten Aktion kurz vor Schluss das 2:2 erzielt, wäre alles richtig gewesen. Und meine (nicht sehr innovative) These zur spielentscheidenden Szene widerlegt.

Noch ein Wort zu Serdar Tasci. Im Spiel war ich in einigen Situation drauf und dran, enorm kluge Dinge wie „deshalb reicht’s nicht mehr für die Nationalelf“ zu sagen, oder gar „weiter oben wird die Luft halt dünn“ von mir zu geben – nicht nur beim 1:1, sondern vor allem vor der Chance von Thomas Müller, die Sven Ulreich einmal mehr hervorragend vereitelte, als Tasci gefühlt auf fünf Metern drei verlor, auch weil er Angst vor dem Körperkontakt und einem möglichen Elfmeter hatte. Doch dann führte ich mir noch einmal vor Augen, gegen wen er da alt aussah: gegen Mario Gomez, vermutlich einen der besten und zweifellos einen der dynamischsten unter den Topstürmern weltweit, bei dessen Ausgleichstor ich bezweifle, dass man fünf weitere Stürmer fände, die es erzielen könnten. Natürlich habe ich ihm gestern alles Schlechte gewünscht, aber das ändert nichts daran, dass ich vermutlich einer seiner größten Bewunderer bin. Und er lernt immer weiter dazu. Neu in seinem Repertoire ist zum Beispiel die eingesprungene Grätsche, die er kurz vor Schluss Timo Gebhart spüren ließ. Interessanterweise war in keinem Spielbericht etwas davon zu sehen, nur im einen oder anderen Ticker las ich nach, dass man dafür „auch schon andere Karten“ als Gomez‘ gelbe gesehen habe. Wie gesagt: ich hatte keine Möglichkeit, die Situation anhand von Fernsehbildern noch einmal zu bewerten, im Stadion und unter nennenswertem Adrenalineinfluss war der Fall für mich aber klar: kirschgelb.

Eine Frage der Zieldefinition

„Wir sind trotz allem auf einem guten Weg.“

So lässt sich Fredi Bobic nach der Niederlage in Bremen in den Stuttgarter Nachrichten zitieren, und man fragt sich, wohin dieser Weg führen soll.

Ich hatte ja das, wie mir viele Leute ungefragt bestätigten, große Glück, das Spiel gegen Augsburg nicht sehen zu können. Unglücklicherweise versäumten diese Leute, mir zu sagen, dass ich auch die Partie in Bremen lieber mit der Familie als in irgendeiner Fußballkneipe verbringen solle. Womit ich nicht diesen Menschen die Schuld geben will. Ich hätte es ja selbst merken können, spätestens in dem Moment, als mir die Fußballkneipe meines Vertrauens recht lapidar eröffnete (mit einem banalen Schildchen, quasi lapidar as lapidar can), dass ihre Pforten bis 17 Uhr geschlossen bleiben würden. Doch anstatt nach Hause zu gehen, brach ich in betriebsame Hektik aus und machte mich mit dem Mitschauer, ebenfalls meines Vertrauens, auf die Suche nach kurzfristig verfügbaren Alternativen. Sind ja schließlich immer spektakuläre Spiele in und gegen Bremen.

Und spektakulär war es. Zumindest in der Phase, als Ulreich allein gegen den Bremer Sturm antrat – also in den ersten 40 Minuten. Halbwegs spektuläre Angriffsaktionen (befördert durch Abwehrfehler, die man fast schon als, tja, spektakulär bezeichnet werden könnte) wurden durch spektakuläre Paraden zunichte gemacht.

Vielleicht hätte Fredi Bobic bei Martin Harnik nachfragen sollen, wie der denn das Spiel gesehen habe („Wenn wir so spielen, müssen wir uns Sorgen machen“), oder gerne auch bei Serdar Tasci („Man sieht, dass wir da oben nichts zu suchen haben“), ehe er von einem „guten Weg“ sprach. Aber vielleicht ist „da oben“ ja auch gar nicht da, wo sein Weg hinführen soll. Vielleicht sollte man einfach nicht vergessen, wo man herkommt. Sich daran erinnern, wo man vor einem Jahr stand, demütig sein.

Sarkasmus hin, Zynismus her: ich bin demütig. Mir ist sehr wohl bewusst, dass man sich in Cannstatt glücklich schätzen darf und muss, diese Saison noch in der Bundesliga zu spielen. Im Grundsatz wäre ich noch immer, wie mehrfach gesagt und geschrieben, zufrieden, wenn der VfB in der ganzen Saison zu keinem Zeitpunkt mit Sorge auf die Abstiegsplätze sehen müsste, könnte mit dem Schlagwort „Übergangssaison“ leben. Allein: eine Übergangssaison zeichnet sich dadurch aus, dass man Weichen stellt. Dass man definiert, wo die Reise hingehen soll, und vor allem wie, und dass sich das auch in der Spielweise andeutet. Finde ich. „Hoffen auf Harnik und Hajnal“ ist nicht das, was ich mir unter einer solchen Spielweise vorstelle.

Ein seriöses Urteil über die Entwicklung der Nachwuchsspieler kann ich mir nach wie vor nicht erlauben, und natürlich weiß ich nicht, welche Eindrücke die Spieler im Training hinterlassen. Aber es erscheint mir nicht richtig, wenn Christoph Hemlein (den ich keineswegs für einen Heilsbringer halte) am Fernseher zusehen muss, wie Pavel Pogrebnyak die (zugegebenermaßen sehr wenigen) Bälle, die er bekommt, nahezu ausnahmslos binnen Sekunden dem Gegner übergibt. Es irritiert mich, dass auch ein angeschlagener Okazaki den Vorzug vor Timo Gebhart erhält, über den man wohlwollend wenigstens sagen könnte, dass der, der viel macht, auch viele Fehler macht.

Es will mir nicht in den Kopf, dass man „auf einem guten Weg“ sein soll, wenn Dinge, die in dieser Saison schon hervorragend funktioniert haben, nunmehr wieder so weit entfernt scheinen. Die Stabilität und Solidität in der Abwehr, nicht zuletzt dank des Zusammenspiels zwischen Tasci und Maza: dahin. Die Effektivität, Souveränität und gelegentlich auch Brillanz im Zentrum, verkörpert von Kvist, Kuzmanovic und Hajnal: perdu. Mutiges Offensivspiel, wie wir es insbesondere gegen Dortmund gesehen haben: Fehlanzeige.

Dabei hat sich Werder gar nicht komplett eingeigelt – dass der VfB dann noch immer, und man möchte fast sagen: traditionell, Schwierigkeiten hat, ist unstrittig, und ist auch eine Herausforderung, die sich möglicherweise nur Zug um Zug angehen und bewältigen lässt. Genauso wenig sind die Bremer eine Übermannschaft, gegen die man nicht aus der eigenen Hälfte herauskommt. Außer natürlich, man ist nicht in der Lage, den Ball über drei, zwei oder auch nur eine Station aus der eigenen Abwehr heraus in die gegnerische Hälfte zu tragen. Dann wird es schwierig, wie wir gestern gesehen haben – in besonderem Maße, aber beileibe nicht nur, bei Kuzmanovic.

Mir wäre nach schwadronieren. Über Boulahrouz‘ (und nicht nur seines) Abwehrverhalten vor dem 1:0. Über Hajnals Kopfball vor dem 2:0, der mich verblüffend an Matthäus‘ Rückpass auf Wörns erinnerte, damals, Sie wissen schon. Nur dass Kvist nicht den Wörns gab, sondern – richtigerweise – zurückzog. Und das Foul Boulahrouz überließ, wofür Naldo dankte. (Eine Frage an möglicherweise anwesende Experten: Aus meiner Sicht war Wolfs Sperren gegen Kvist, der sich aus der Mauer heraus in den Weg werfen wollte, grenzwertig. Vielleicht mehr als das. Abgesehen davon, dass Wolf Kvist einen Gefallen getan haben mag, und dass ich weit davon entfernt bin, am Ergebnis und an Herrn Kinhöfers Leistung herumdeuteln zu wollen: Kann man das abpfeifen? Sollte man das abpfeifen?)

Aber wer weiß? Vielleicht waren die VfB-Spieler ja auch nur abgelenkt ob der historischen Bedeutung dieses 27. November. Vielleicht beschäftigte sich Boulahrouz im Spiel intensiv mit Tunnelbauweisen? Möglicherweise entschied sich Harnik tatsächlich in letzter Sekunde gegen die Kopfvariante? Hatte Bobic bei seinem Interview die ersten Abstimmungsergebnisse im Sinn?

(Verzeihung, ich stehe ein wenig neben mir.)

Da hab ich wohl was verpasst…

Aus guten Gründen konnte ich das Spiel des VfB in Nürnberg nicht sehen. Noch nicht einmal in der Zusammenfassung, außer man will die paar Szenen, die es bei Sport im Dritten zu sehen gab, als Spielbericht bezeichnen.

So kann ich also nichts über das Spiel sagen, und muss doch davon ausgehen, dass sich Bemerkenswertes ereignet hat. Die Stuttgarter Nachrichten schreiben von „Taktikfuchs“ Labbadia, der in die „Taktik-Kiste“ gegriffen habe, Bild hat zumindest einen „Taktik-Trick“ ausgemacht, und die Stuttgarter Zeitung will gar eine „Glanzleistung des Trainers“ gesehen haben.

Möglicherweise stimmen all diese Einschätzungen, und ich bin auch weit davon entfernt, „Glanzleistungen“ von Bruno Labbadia als Ding der Unmöglichkeit abzutun – der Klassenerhalt in der Vorsaison ist schließlich mit Glanzleistung noch zurückhaltend beschrieben, der Anteil des Trainers gewiss nicht gering, und die bisherige Bilanz der Saison 2011/2012 ist aller Ehren wert. Dass aus meiner Sicht manches im Argen liegt, dass man meines Erachtens über die Nachwuchsförderung sehr geteilter Meinung sein kann, dass mich die Personalien Leno und auch Gebhart sehr befremden, dürfte die halbwegs regelmäßige Leserin wissen. Dennoch: Tabellenplatz 5, Solidität, Kompaktheit, zum Teil gewiss auch die guten Neueinkäufe – Labbadia hat einige Gründe, zufrieden zu sein. Und wir, die wir mitunter schimpfen, seine Auswechslungen kämen zu spät oder falsch oder gar nicht, müssen vielleicht anerkennen, dass ein guter Trainer gar keine Auswechslungen braucht, um das Spielsystem so sehr zu verändern, dass aus einem verheerenden ein allem Anschein nach guter Auftritt wird. Oder so.

Es ist nur so ungewohnt, auf zahlreichen Kanälen Lobeshymnen auf den Trainer zu hören, nachdem er, nun ja, seinen Job gemacht hat, wenn auch anscheinend gut gemacht hat. Man würde gerne fragen, ob das so außergewöhnlich ist, und wieso. Und was es mit dem bemerkenswerten Medienecho auf sich hat, zumal Labbadia auch noch erstmals in seiner Zeit als VfB-Trainer im Sportstudio auftrat. Es stehen doch keine Vertragsverhandlungen an, oder?

Und wenn mir jetzt noch bitte jemand sagen könnte, ob die Ausführungen in einer der Stuttgarter Zeitungen, wonach Sven Ulreich nicht sehr souverän gewirkt habe, zutreffen? Und was ist da dran an den Tuscheleien über Gebharts gutes Verhältnis zu bzw. mögliche Abwerbeversuche von Hoffenheims Manager Tanner?

Oder wird das alles nur von einem medialen Taktikfuchs lanciert?