Niedermeier, Niedermeier, hey, hey!

Ich ziehe meinen Hut vor Georg Niedermeier und verneige mich tief. Was, unvoreingenommen betrachtet, mit dem Siegtor bei Eintracht Frankfurt zu tun haben könnte und dann wohl auch eine Verneigung vor dem möglicherweise besten Stuttgarter Eckballschützen seit dem frühen Krassimir Balakov, Alexandru Maxim, nach sich zöge – so denn auch Maxims andere Eckbälle, von denen ich allerdings nicht weiß, ob es sie gab, ähnlich gut gewesen sein sollten. Ich sah nämlich nichts vom Spiel. Oder so gut wie nichts. Ich las ein bisschen. Weiß von dem taktischen Kniff mit Boka auf der Sechs. Wer weiß, vielleicht hätten wir das neulich schon gesehen, wenn wir Molinaros Einwechslung nicht so gnadenlos weggepfiffen hätten? Aber dann hätte der Überraschungseffekt nicht so gut geklappt wie nun in Frankfurt. Also haben mal wieder alle alles richtig gemacht.

Entschuldigung, ich schweife ab. Ich wollte doch sagen, dass ich mich nicht wegen des Siegtreffers verneige, auch wenn mich die Entschlossenheit seiner fast schon an Toni Schumacher erinnernden Flugeinlage sehr wohl beeindruckte, sondern wegen eines kleinen Interviewschnipsels bei Sport im Dritten, von dem ich mir wünschen würde, dass er jedem einzelnen hiesigen Belastungsjammerlappen in einer Endlosschleife auf die Kopfhörer gesendet wird:

„Englische Wochen, das ist das, wofür man arbeitet. Dafür ist man Fußballer, um möglichst überall dabei zu sein, und da werden Sie mich nie jammern hören, haben Sie nicht und werden Sie auch in Zukunft nicht.“

(Hervorhebung durch mich.)

Ansonsten verweise ich gern auf Stefan Krieger vom Blog-G, der das sonntägliche Geschehen angenehm pointiert darstellt (aus Frankfurter Sicht):

„Eine Niederlage gegen die Witzmannschaft der Rückrunde, abgeschossen von einem Innenverteidiger wie ihn die Welt seit Karl-Heinz Förster und Christian Wörns nicht mehr gesehen hat, gegen eine Mannschaft, weniger lebendig als der Tod, geleitet von einem Trainer, dem die Ratlosigkeit vor der Partie mit riesigen Lettern ins Gesicht geschrieben stand.“

Wobei: Wörns. Pffft. Unverschämtheit.

They had me at hello the foreword

Fußballerbücher zählen in der Regel nicht zu meiner bevorzugten Lektüre. Also Bücher, die von Fußballern geschrieben wurden. Respektive ihnen in den Mund gelegt. Wobei ich zugeben muss, dass es sich dabei um einen der gar nicht so seltenen Fälle handelt, in denen man etwas ablehnt, ohne sich ernsthaft damit beschäftigt zu haben. Wenn ich mich nicht verzählt habe, beläuft sich die Anzahl von mir gelesener Fußballerbücher auf eines. Von Sepp Maier, 30 Jahre dürfte es her sein, und das einzige, an das ich mich erinnere, ist der Spruch mit dem großen M und den kleinen Eiern. Von wahrhaft bleibendem Wert, sowas.

Ok, die 1 steht nicht ganz. Ein paar großformatige Welt- oder Europameisterschaftsbücher, für die der eine oder andere Spieler mit seinem guten Namen stand, habe ich schon durchgelesen, oder zumindest die Bilder angesehen. Anpfiff steht hingegen nicht in meinem Bücherregal, auch keines der zahlreichen Kaiser- und Titanenbücher, keinloddarmaddäus, kein Philipp Lahm, weder die eine Halbzeit von Uli Stein noch die beiden von Jörg Berger, Letzteres bedaure ich ein wenig, und die Vorteile des Standfußballs erkannte ich bereits vor Jahren ohne Oliver Bierhoff.

Kürzlich stöberte ich dann in einem angeheirateten Bücherregal und sah dies:

Genau. So nah ging ich auch ran. Zog es heraus, und siehe da:

Interessante Hervorhebung des Autors.

Den Titel des Werks kannte ich indes noch immer nicht.  Doch auch da konnte Abhilfe geschaffen werden.

Aus dem Münchner Copress-Verlag, von 1954, sodass der Gedanke nahe lag, es könne sich mit der WM 54 befassen. Ich kenne das eine oder andere Buch darüber, auch Vaters Paninivorläuferheftchen habe ich über die Jahre häufiger in der Hand gehabt, aber die Fritz-Walter-Version war mir noch nicht untergekommen. Sicher, auch nur ein Fußballerbuch, aber wohl keine Biographie, kein Ratgeber für angehende Fußballstars, sondern die Erzählung eines konkreten Ereignisses, ein Zeitdokument (leider nur die zweite Auflage, aber immerhin), und das Happy End war auch vorprogrammiert. Kann man mal reinschauen.

Also las ich die ganzen Geschichten über Spiez, wie sie zum Teil auch im „Wunder von Bern“ angeklungen sind, von Pedalofahrten und Spaziergängen, verstand erstmals so richtig das damalige Setzsystem, wunderte mich, dass in den Qualifikationsspielen zur WM offensichtlich ausgewechselt werden durfte, staunte über die mitunter unwirklich anmutende Verehrung für den Chef, litt mit Erich Retter, und las vor allem: Kameradschaft. Und Sportsgeist.

Kam mir entgegen. „Elf Freunde müßt ihr sein“ stammt aus dem Jahr 1955, und so manches Mal hatte ich den Eindruck, dass beide Bücher den selben (Zeit-?)Geist atmen. Angefangen bei den sprichwörtlichen elf Freunden. Und gelegentlich blickte ich in einem etwas kruden Vergleich auch noch ein paar Jahre weiter zurück, zu Augustine Fouillées „Le tour de la France par deux enfants“, einem tugendhaften, wenn auch arg patriotisch daherkommenden, ähem, Road Novel, mit dem ich mich hier aber ebenso wenig auseinandersetzen möchte wie mit der Frage nach dem Genus der Road Novel. Hat man halt nicht immer im Griff, seine Assoziationen.

Als faszinierend, wenn auch nur bedingt überraschend, empfand ich in Walters Buch die Schilderungen der Interaktion mit den Zuschauern, die Nähe, die geteilten Hotels, insgesamt auch die hemdsärmelige Planung, die Anreisen vor dem Spiel, die wesentlich knapper kalkuliert waren als in den achtziger Jahren irgendwo in der Kreisliga.

Schöne Vorstellung auch, dass Joachim Löw im April 2014 vorschlägt, vor dem vorletzten Bundesligaspieltag außer der Reihe fünf Tage frei zu nehmen: „…wenn wir alle einmal ohne Training und ohne Probleme irgendwo zusammenkämen?“ Mit Tischtennisspielen (sic!) und Miniaturgolf, aber ohne Basketball.

Ja, es war eine andere Zeit. Eine Zeit, in der der frischgebackene Ehrenspielführer der Nationalmannschaft seine Adresse in Buchform unter die Leute bringen konnte:

„Dann stellen wir in meiner Wohnung, Beethovenstraße 44, für drei Tage Klingel und Telefon ab, stopfen die Finger in die Ohren, wenn wir etwas von Einladungen hören, erzählen, spielen Karten und „Mensch ärgere dich nicht!“

Ich habe nicht recherchiert, ob die Adresse tatsächlich stimmte. Habe aber keinen Grund, daran zu zweifeln. Zu ehrlich, zu offen klang das eine oder andere, was Walter drucken ließ. Bemerkenswert, wie offen er – gewiss, aus einer Position der Stärke heraus – über Selbstzweifel und die ihm so häufig zur Last gelegte Sensibilität schrieb. Ich bin mir ziemlich sicher, dass derlei jahrzehntelang kaum möglich gewesen wäre, und bin auch heute noch nicht überzeugt, dass es gegebenenfalls so funktioniert, wie wir uns das vermutlich alle wünschen.

„Wäre nicht Herberger mit seinem durch nichts zu erschütternden Glauben an meine spielerischen Qualitäten, vielleicht hätte ich schon längst kapituliert. […] Oft wünsche ich mir ein dickeres Fell, so wie es der Toni hat oder der Max Morlock, von denen man in Düsseldorf oder Nürnberg auch immer Wunderdinge sehen will. Wie häufig bin ich auf den Platz gegangen mit einem Gefühl, als habe ich Blei in den Gliedern. Nur weil mir die übertriebenen Erwartungen des Publikums schon vor dem Spiel auf den Magen geschlagen sind.“

Mein Lieblingsabschnitt aber, und letztlich der Grund, weshalb ich nicht zögerte, das Buch nach dem ersten Aufschlagen in der Hand zu behalten und zu lesen, war das Vorwort, geschrieben von nicht einem, nicht zwei, nicht drei, nein: 11 Weltmeistern.

10 Mitspieler und natürlich der Bundestrainer hatten ihrem Kapitän zum Erscheinen seines Erstlings je eine kurze Widmung geschrieben, die sich in vielfältiger, häufig ungelenker und nicht immer pointensicherer Art und Weise um Originalität in Gestalt einer geistreichen Querverbindung zwischen dem Fußball auf der einen und Walters Buch auf der anderen Seite mühte.

So verlieh beispielsweise Toni Turek der Hoffnung Ausdruck, Walter stürme „beim nächsten Länderspiel so gut, daß der Torwart in aller Ruhe Dein Buch lesen kann„, während es Werner Kohlmeyer in die Öffentlichkeit drängte: „Du bist als Retter in der Not oft bei uns in der Hintermannschaft aufgetaucht. Hoffentlich tauchen wir Verteidiger gelegentlich auch in Deinem Buch auf.“ Namensvetter Liebrich bot indes seine Dienste an: „Wenn allzu viele Erinnerungen auf Dich einstürmen, dann hole mich! Ich stoppe alles!

Die Reihe ließe sich lückenlos fortsetzen, von Morlocks Wirbelvergleich bis hin zu Eckels beinahe unterwürfig klingendem Dank an seinen „Lehrmeister“.
Mein Favorit bleibt jedoch Bruder Ottmar:

„Bruderherz, hoffentlich geht Dein Buch so gut wie meine Tankstelle in den ersten Tagen nach der Weltmeisterschaft.“

Verpasste Rekomposition des Mythos Magath

Rants seien ja etwas aus der Mode. Also halten wir weiterhin den Ball flach. Das Interview in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ vom 2. September (hier online), das sich knappe fünf Bildschirmseiten lang mit Felix Magaths Image beschäftigt, ist gleichwohl ein schönes Beispiel dafür, wie sinnlos der Versuch ist, seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit neu zu komponieren, wenn die Faktenlage allzu eindeutig ist.

Dabei findet man in diesem über viele Jahre hinweg aufgebauten Magath-Bild bestimmt einige Punkte, bei denen ihm unrecht getan wird. So will ich nicht ausschließen, dass er seit 1995 im Schnitt unterdurchschnittlich viele Spieler transferiert hat (Ernsthaft? Hat er so wirklich argumentiert?), vielleicht geht es ihm wirklich nur darum, Spieler besser zu machen, möglicherweise leidet er auch wie ein Hund, wenn irgendwo ein Provinzblatt noch immer mit dem ollen „Quälix“ um die Ecke kommt (auch wenn er das nicht zugeben würde, es also gar nicht Teil des Rekompositionsversuchs sein kann), und vermutlich zählt sein „Ich bin Sportler“ zu den besseren Antworten, die ich bis dato auf die Frage nach dem Selbstverständnis eines Trainers gelesen habe.

Aber letztlich war all das, war jede Chance auf eine offene, wohlwollende Auseinandersetzung mit Magaths Einlassungen zu seinem Image bereits in jenem Moment vertan, in dem die aufmerksame Leserin die allererste Antwort gelesen hatte und gewahr wurde, wohin der Hase lief: zum Gemüse:

„[…] ich erlaube mir schon den Luxus einer gesunden Ernährung. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter Wert auf gesundes Essen legte. Bei ihr habe ich das früh mitbekommen, das war damals im Grunde schon biologisch. Nicht viel Fleisch, einmal die Woche Fisch, viel Gemüse. „

 
 
Das ist ja alles gut und schön.
Allein, ich zweifle am Wahrheitsgehalt.
 
 

 
Jaja, ich weiß, möglicherweise musste er in den frühen 80ern kompensieren. Er sagt ja, um der Wahrheit die Ehre zu geben, auch im Interview, er habe „das dann irgendwann wieder“ für sich entdeckt.

Aber wenn sich nach so vielen Jahren die Gelegenheit ergibt, zum einen eine Überschrift (und einen halben Absatz) des Trainers und zum anderen die von Herrn jon dahl so gerne zitierte und auch aktuell zur Verfügung gestellte Magath’sche Fleischantwort zu rekomponieren, ist es halt um so manches und manchen geschehen. Fairness, Seriosität, Bildqualität, Humoranspruch, mich, um deren fünf zu nennen.

Und irgendwann werde ich mich bestimmt auch Robert Long widmen. Oder Toni Schumachers Lieblingsessen. Allen Lieblingsessen, am besten, unter besonderer Berücksichtigung der Kriterien Professionalität, Außendarstellung und Plagiarismus.

The class of '86

Nach 1982 und – schon länger her und inhaltlich nicht ganz passend – 1980 jetzt also 1986. Die WM, die in Sachen Fernsehzeit vermutlich meine intensivste war. Und die mir, wann immer ich daran zurückdenke, ein und dasselbe Bild als erste Assoziation liefert: Thomas Bertholds Gipsmanschette, die nach einer formvollendeten Drehbewegung der deutschen 14 von einem Mexikaner gebremst wird. Erst danach fällt mir der Burruchaga hinterher hechelnde Briegel ein, oder Bats‘ Geschenk im Halbfinale.

Ich denke an Querétaro, das von uns auch gerne mal „Geräteraum“ genannt wurde, das man im Nachhinein in allererster Linie mit den Herren Rummenigge, Schumacher und Stein in Verbindung bringt, und das doch irgendwie einen besseren Klang (wörtlich wie bildlich) hat als Schluchsee oder Ascochinga. Gegen Malente, Spiez oder Eppan kann es freilich abstinken.

Dann war da die Hitzeschlacht zwischen Brasilien und Frankreich, den beiden damals wohl spielstärksten Mannschaften, in deren Verlauf drei der weltbesten Spieler – Zico, Socrates und Platini – vom Elfmeterpunkt scheiterten, was gerade bei Socrates angesichts seines als arrogant wahrgenommenen Anlaufs nicht ohne Häme blieb.

In der Vorrunde spielte die damalige UdSSR groß auf und demontierte meinen (warum auch immer) Geheimfavoriten Ungarn, der den jungen Detari in seinen Reihen hatte, zum Auftakt mit 6:0. Wenn ich je bei einem Fußballspiel explizit das Gefühl hatte, eine Mannschaft könne gedopt gewesen sein, dann bei diesem. Zu rasend schnell kombinierten Lobanowskys Mannen, die zum größten Teil aus seine Kiewer Vereinsmannschaft stammten, zu wenig Luft ließen sie den Ungarn zum Atmen, zu sehr vermittelten sie den Eindruck, immer mindestens zwei Mann mehr auf dem Platz zu haben. Genutzt hat es (das großartige Spiel, nicht das Doping…) letztlich nichts.

Unvergessen auch der deutsche Nominierungsprozess. Beckenbauer hatte – damals zumindest ungewöhnlich, heute gang und gäbe – in der Vorbereitung einen etwas zu großen Kader und musste quasi in letzter Sekunde 3 oder 4 Spieler nach Hause schicken. Guido Buchwald war darunter, der Belgier Heinz Gründel und Wolfgang Funkel, zudem, wie ich gerade nachgelesen habe, auch noch Frankie Mill. Dafür fuhren Dieter Hoeneß, der viele Jahre zuvor einige wenige Länderspiele bestritten hatte, und Norbert Eder mit – beide vom FC Bayern, beide über 30, beide ohne nennenswerte Länderspielerfahrung. Eder bestritt in Mexiko alle Spiele, das gleiche galt für Karlheinz Förster und -mit einer Ausnahme- für Ditmar Jakobs. Gleich drei Vorstopper als Stammspieler warfen ein deutliches Licht auf die damaligen Qualitäten der DFB-Elf.

Der Turniermodus war peinlich. Man wollte nach der Vorrunde wieder auf einen KO-Modus umsteigen, was bei 24 Teilnehmern kein ganz einfaches Unterfangen war. Um auf die 16 Mannschaften für ein Achtelfinale zu kommen, qualifizierten sich neben den Erst- und Zweitplatziertzen der 6 Gruppen auch die vier besten Gruppendritten. Trikotfarbe und künstlerischer Wert waren indes kein Kriterium.

Dänemark begeisterte mit dem bekennenden Kettenraucher Preben Elkjaer Larsen – Deutschland als Gruppengegner war weniger begeistert -, um dann von den Spanien und dem vierfachen Butragueño abgeschossen zu werden, die wiederum an Belgien scheiterten, bei denen mit Scifo einer meiner damaligen Helden seine erste WM spielte. Die Deutschen als Gruppenzweiter trafen indes auf Marokko. Ein furchtbares Spiel, und als alle bereits eingeschlafen waren auf die Verlängerung warteten, erzielte Matthäus das 1:0, das Didi Hamann 14 Jahre später zum Abschied von Wembley kopieren sollte.

Drei der vier Viertelfinalspiele wurden im Elfmeterschießen entschieden – ich bezweifle, dass es das noch oft gab. Manuel Negrete erzielte nicht nur in der Vorrunde das Tor des Monats, sondern war auch der einzige, der Schumacher im Elfmeterschießen bezwingen konnte. Denk ich an Schumacher, denk ich an José Luis Brown.

Meine 11 des Turniers
(einziges Kriterium: wer mir besonders in Erinnerung blieb, ohne Rücksicht auf Leistung oder gar Positionen)

José Luis Brown
Der Name. Ich konnte einfach nicht recht nachvollziehen, wie „Brown“ zu so klangvollen Namen wie Burruchaga, Maradona, Pumpido oder – unvergessen – Olarticoechea passen sollte. Aber köpfen konnte er.

Thomas Berthold
Keine Ahnung, wie er es schaffte, nach seiner roten Karte nur für ein Spiel gesperrt zu werden. Chapeau.

Hugo Sánchez
Als Stürmer noch turnen konnten. Wozu er bei der WM allerdings lange nicht soviel Gelegenheit hatte wie bei Real.

Gordon Strachan
Traf gegen Deutschland. Der Fußballspieler mit den gefühlt rötesten Haaren.

Vasili Rats
Klar, der Name.

Pat Jennings
Das Alter. Vier Jahre zuvor schon als alter Mann verschrieen, war er nun mit über 40 noch immer dabei.

Manuel Negrete
Ein Seitfallzieher als Tor des Monats. Trug die Nummer 22, glaube ich. (Manche Sachen überprüft man einfach nicht)

Chris Waddle
Großartiger Kicker. Und über viele Jahre hinweg der Engländer mit der besten Frisur. Wurde eigentlich erst von Beckham abgelöst.

Carlos Manuel
Ende 1985 verlor Deutschland in der WM-Qualifikation mit 0:1 gegen Portugal, das sich dadurch qualifizierte. Torschütze: Carlos Manuel. Wenn ich mich nicht täusche, war dies das allererste WM-Qualifikationsspiel, das Deutschland verlor.

Silas
Ich konnte mir schon beim Durchblättern der Mannschaftskader Patrick Bach einfach nicht als Fußballspieler vorstellen. Allzu viele Einsätze hatte er dann auch nicht.

Maradona
War auch dabei.

Trainer:

Bora Milutinovic
Seine erste WM. Sorgte bei den 12 folgenden Austragungen dafür, dass man ihn nicht vergessen würde.

Cayetano Ré
Ok, Paraguay kam weiter. Aber eigentlich gibt es keinen Grund dafür, dass ich diesen Namen bis heute nicht vergessen habe.


Wann war nochmal ganz früher?

Beim weihnachtlichen Zusammentreffen mit der Familie und vielen Freunden, die man tatsächlich kaum mehr als einmal im Jahr sieht, wurde wie so oft nicht nur viel und gern von früher gesprochen, sondern kaum weniger häufig auch von „ganz früher„. Ich dachte ja immer, dabei handle es sich um eine typische süddeutsche Unschärfe (etwa so, wie der gemeine Schwabe nicht selten „seither“ sagt, wenn er eigentlich „bisher“ meint). In anderen Regionen, wo man auch hochdeutsch kann, werde „ganz früher“ nicht im Sinn von „noch früher“, sondern ausschließlich in der vermeintlich korrekten Bedeutung „ganz zu Beginn“ (wovon auch immer) verwendet.

Zwischenzeitlich hat mir Mama Google recht deutlich vor Augen geführt, dass man auch weiter nördlich gerne „ganz früher“ sagt und dabei selbst innerhalb eines halbwegs abgeschlossenen thematischen (sagen wir: Bundesligafußball in Deutschland) und implizit auch zeitlichen Spektrums einen recht breiten Korridor im Sinn haben kann.

So liegt das ein Schalker ganz früher laut derwesten.de erst etwa eine Dekade zurück, als man seinen späteren Jahrhunderttrainer Huub Stevens feierte. Olaf Thons Sternstunde gegen die Bayern war vermutlich ganz ganz früher, Carmen Thomas und der Bundesligaskandal hatten mindestens drei ganz, und der Kreisel fällt glücklicherweise zu weit aus dem hier gewählten Vergleichszeitraum Bundesliga heraus, um ihn einzuordnen.

Für einen jungen Bremer Fan liegt ganz früher – durchaus nachvollziehbar- ebenfalls in den spätern 90ern, vielleicht auch etwas später, als Andree Wiedener noch von der Partie war, und damit liegt er gar nicht so weit von jenem ganz früher entfernt, als Willi Lemke und Uli Hoeneß sich nicht allzu sehr mochten. Dabei denkt man in München durchaus gelegentlich einen Tick weiter zurück – bis zu jenem ganz früher, als Franz Beckenbauer den Libero gab (und die ganz frühere Zeit im Mittelfeld bereits hinter sich gelassen hatte). Ein etwas späteres ganz früher datiert aus dem Jahr 1998, vor Ottmar Hitzfelds Amtsantritt, vielleicht gar aus 2008, kurz bevor Jürgen Klinsmann geheim trainierte.

In Stuttgart gab es ganz früher das Neckarstadion (auch wenn wir natürlich wissen, dass das kein erschöpfender Rückblick ist), in dem Wundermann Sundermann, Ehemann der ganz früheren Rosenthal-Assistentin Monika, Ende der 70er große Erfolge feierte. Ein wenig beißt sich dieses ganz früher im Neckarstadion mit jenem ganz, ganz früher im Gottlieb-Daimler-Stadion, das Kevin Kuranyi als Protagonisten der Champions League Saison 2003 sah.

Eher irritierend fand ich, dass auch schon im Zusammenhang mit der AOL-Arena, die ich -vermutlich völlig zu Unrecht- als den Sündenfall in punkto Stadionnamen abgespeichert habe, von ganz früher die Rede ist – man möchte dementsprechend meinen, dass Olli Dittrich (Jahrgang 1956) ein paar ganz vergessen hat, wenn er von ganz, ganz früher erzählt, wie er als Jugendlicher im Volksparkstadion in der Westkurve gestanden habe.

Überhaupt, die Fans: einer stand ganz, ganz früher (ohne nähere Zeitangabe, aber er sei schon sehr alt) im Block „G“ des Waldstadions, ein weiterer erlebte ganz früher, also vor etwa 20 Jahren, wie der Karlsruher Mehmet Scholl im Bochumer Ruhrstadion seinen VfL besiegte, und ein Dortmunder fasst sein ganz früher gar so weit, dass es vom Uefa-Cup-Finale 1993 über Günther Kutowski gegen Saragossa bis hin zum Stadion Rote Erde reicht, das die Bundesliga nur noch ein paar Jahre beherbergen durfte und so jenes ganz früher kaum noch erlebte, als Gladbach und Köln um die Meisterschaft kämpften.

Köln damals übrigens schon mit Toni Schumacher, der bei den Torleuten gerne mal unter ganz früher eingestuft wird. Dann dürfte Sepp Maier ein ganz mehr haben, und das ganz früher bei Toni Turek erscheint nicht ganz stringent. Er spielte allerdings auch nicht in der Bundesliga.

Einer seiner Mitweltmeister, Horst Eckel, hatte übrigens, so Dr. Theo Zwanziger, bereits ganz früher alle kaufmännischen Fragen seiner Spielerfrau übertragen, obwohl besagte Spielerfrauen ganz früher eigentlich nur dazu da sein sollten, den Spieler ruhig zu stellen. Aber das nur am Rande.

Abschließend soll nicht verschwiegen werden, dass man auch in Hoffenheim von ganz früher spricht. Von damals, 1899, als Dietmar Hopp noch selbst für den Verein spielte.

Turniere meines Lebens: EM 1980

Um es gleich vorweg zu nehmen: der Titel ist ein infamer Diebstahl beim eine vorauseilende Hommage an das 11Freunde-Projekt „Spiele unseres Lebens„.

Die EM 1980 war die erste Europameisterschaft, die ich bewusst verfolgt habe. Turniermäßig begann es eigentlich schon mit der WM 78, aber aus aktuellem Anlass, der weiter unten zur Sprache kommt, befasse ich mich zunächst einmal mit der 80er Endrunde – im Rückblick traut man sich kaum, von einem „Turnier“ zu sprechen, wenn man an die gerade mal vier Spiele der Finalteilnehmer denkt, die nicht einmal eine Vorschlussrunde beinhalteten. Dabei war die Teilnehmerzahl gegenüber 1976 bereits auf acht verdoppelt worden, doch offensichtlich hatte die Uefa die Geldvermehrung damals noch nicht zum primären Daseinszweck erhoben.

Interessanterweise lautet meine erste Assoziation beim Stichwort EM 1980 immer „Bernd Schuster“, obwohl doch Hrubesch die Tore im Finale machte, obwohl „der blinde Allofs“ (Zitat: mein Vater) den Holländern Albträume bereitete und obwohl Schuster damals lediglich zwei der vier Spiele bestritt. Dennoch bin ich mit dieser Sichtweise wohl nicht alleine, und man liest immer wieder, er sei es gewesen, der als aufgehender Stern dem Turnier seinen Stempel aufgedrückt habe.

Hrubesch hingegen bringe ich gar nicht so sehr mit der EM in Verbindung – es mag daran liegen, dass ich das Finale der Uhrzeit wegen nicht anschauen durfte -, sondern in erster Linie mit seinem seltsamen Hopserlauf nach dem entscheidenden Elfmeter im 82er Halbfinale gegen Frankreich (als er sich den Ball noch nicht einmal selbst zurecht gelegt hatte) – was einem so im Gedächtnis bleibt…

Hansi Müller war natürlich auch dabei, damals als „Bravo-Boy“ in vieler Munde, und Rummenigge, der im Eröffnungsspiel gegen die Tschechoslowakei das 1:0 köpfte und die Ecke zu Hrubeschs titelbringendem Tor schoss. Enatz Dietz natürlich, und all die anderen, die sich zum Entsetzen meiner Eltern eines Nachmittags plötzlich in Form von Duplo- und Hanuta-Stickern (die damals noch schlicht „Aufkleber“ oder „Klebebilder“ hießen) an meiner Zimmertür wiederfanden. Und dort jahrelang bleiben sollten. Ergänzt um ein Jubelposter, bei dem mich die feminine Armhaltung des von mir bewunderten Rummenigge immer wieder irritierte.

Das Holland-Spiel, in dem Schuster 2 der 3 Allofs-Treffer vorbereitete, darunter das 3:0, bei dem er die Abwehr der Elftal verdammt alt aussehen ließ, konnte ich wegen der Geburtstagsfeier eines nur bedingt fußballinteressierten Freundes lediglich in einer Zusammenfassung sehen, und mein Verzicht auf die bedeutungslose Partie gegen die Griechen war Teil der Verhandlungsmasse, um vielleicht doch das Endspiel anschauen zu dürfen. Vergeblich.

Wenn man es also genau nimmt, habe ich nur das vergleichsweise langweilige Eröffnungsspiel live und in Farbe gesehen, und dennoch erscheint mir das Turnier unheimlich präsent. Das mag auch am Rückblick in Buchform liegen, den mein Vater sich wie immer nach solchen Anlässen zu Weihnachten wünschte und der meinen Freunden und mir manch spannenden Nachmittag bescherte:

„Nee, heute will ich mal das 74er Buch, Du kannst das von 1980 haben.“

„Ok, solang ich nicht das schwarzweiße 62er oder 1978 nehmen muss.“

Das Lästern über „Häuptling Silberlocke“ hielt sich noch in Grenzen, „Jupp, der Wal“ war noch nicht in den Witzspalten zu finden, Toni Schumacher hatte es sich noch nicht mit Fußballeuropa verscherzt – und dennoch war der spannendere Torwart des Turniers Jean-Marie Pfaff, der mich mit seinen Abschlägen bis zum gegnerischen Tor beeindruckte (offensichtlich verstand ich nicht so wahnsinnig viel vom Torwartspiel). Probleme mit Einwürfen hatte er nicht.

Die Belgier machten die Abseitsfalle hoffähig, von der ich naturgemäß nicht verstand, wieso sie eine Falle sei, hatte ich doch gerade erste die Geheimnisse des Abseits begriffen, doch ob das Turnier darüber hinaus relevante Erkenntnisse zur Entwicklung des Fußballs brachte, werde ich wohl nie erfahren, weil es damals entweder noch keine hochrangigen Fifa- bzw. Uefa-Kommissionen gab, die sich mit eben dieser Frage befassten, oder weil ihre Arbeit im Verborgegen ablief. Vielleicht waren Holger Osieck und Berti Vogts einfach noch zu jung.

Ansonsten kann ich mich an wenige Spieler der anderen Mannschaften erinnern. Jan Ceulemans natürlich, Gerets und Frankie van der Elst. Bei den Tschechen Panenka, dessen Rolle im 76er Finale schon damals etwas zu oft zitiert wurde, und bei den Holländern der Mann mit dem netten Namen Kees Kist (in der Schule hatte man gerade begonnen, auf der Rückseite von Quartettkarten „Käsekiste“ zu spielen) sowie die van de Kerkhofs. Die Italiener hatten Zoff und den, so ließ ich mir sagen, großartigen Antognoni, England Clemence, Keegan und Woodcock, und bei Spanien stand Arconada im Tor und der im Jahr darauf entführte (Réthy-Content) Quini im Sturm. Bei den Griechen kann ich mich nicht einmal mit Hilfe von fussballdaten.de an jemanden erinnern.

Interessanterweise gab es auch bei den Deutschen einen Spieler, den ich nie so richtig einordnen konnte, nicht nur hinsichtlich seiner Leistungsfähigkeit, sondern auch optisch: Herbert Zimmermann. Ich weiß, dass er in Köln spielte, und erfuhr irgendwann, dass er auch bei den Bayern war, aber das war’s dann auch – was vielleicht auch daran liegt, dass er bei der EM 80 als einziger Feldspieler nicht zum Einsatz kam. (Oder daran, dass der Name Herbert Zimmermann in Fußballdeutschland einfach anders besetzt ist.)

Und eben dieser Zimmermann war nun ein Stein des Anstoßes, diesen Text zu schreiben. Die Herren von kickandwrite.de, die sich übrigens grade ein schickes neues Design gegeben haben, luden neulich zu einem Gewinnspiel, in dem es darum ging, vier Spieler aus dem 1980er Kader zu identifizieren:

Zwei waren völlig eindeutig (Junghans und Magath), der dritte, Schuster, war etwas unglücklich von der Seite getroffen, sodass es mit etwas Phantasie auch Del’Haye hätte sein können, und beim Vierten habe ich, eher nach dem Ausschlussprinzip, auf besagten Zimmermann getippt. Zuerst ins Blaue, dann irgendwann unter Zuhilfenahme der Kaderliste – aus meiner Sicht wurde immer deutlicher, dass es Zimmermann sein musste. Die Ausrichter bestritten dies im Rahmen eines vergnüglichen Kommentaraustauschs und ließen mir letztlich gar ihre Quelle zukommen, wonach mein Zimmermann tatsächlich Caspar Memering sei.

Wenn die Bildunterschrift von Mirko Votava gesprochen hätte, wäre ich angesichts des halb verdeckten Kopfes und des Schnauzbarts wohl geneigt gewesen, dem Glauben zu schenken, aber Memering? Da hat die Quelle versagt, behaupte ich einfach mal.

Da ich solche Behauptungen jedoch nicht ohne kompetente Überprüfung stehen lassen will, folgt nach etwas längerer Einleitung nun meine eigentliche Frage: wer ist der zweite Herr von rechts?

kickandwrite01

[Screenshot: kickandwrite.de]

Im Übrigen schließt sich der Kreis beim Gewinn ganz vortrefflich: „De Pfaffs“ auf DVD.