Kinderfasching

So schrieb ich am vergangenen Freitag, und ich meinte es nur zur Hälfte ernst. Tatsächlich stand der Titel fest, aus Gründen, auf die weiter unten kurz einzugehen sein wird; ein Verzicht stand indes allein schon deshalb – und ungeachtet des Umstands, dass zu keinem Zeitpunkt davon auszugehen war, das Spiel in Gänze verfolgen zu können – nicht zur Debatte, weil ich darauf hoffte, die Doppeldeutigkeit des titelgebenden Begriffs genüsslich verwenden zu können.

Während also das eine Teekesselchen jene Veranstaltung bezeichnen sollte, an der ich am Samstag um – genau! – genau 15 Uhr 30 im Familienkreise tatsächlich teilnehmen würde, spielte das andere Teekesselchen, das man streng genommen wohl gar nicht als Teekesselchen bezeichnen dürfte, da es letztlich keine andere Wortbedeutung vermittelt, sondern lediglich als metaphorische Verwendung in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist, auf die Leichtigkeit des Tuns (in diesem Fall einer Fußballmannschaft) an. Die Frage, ob einem Kinderfaschingsnachmittag in seiner wörtlichen Ausprägung tatsächlich die auf der Bildebene vermittelte Leichtigkeit innewohnt, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden.

Wie auch immer: „Kinderfasching“ hätte wohl nicht zu den Vokabeln gezählt, die mir bei unvoreingenommener Annäherung an den Stuttgarter Auftritt in Düsseldorf auf Anhieb in den Sinn gekommen wären. Zu verkrampft, zu träge, zu uninspiriert, zu frustrierend war der Nachmittag in all jenen Phasen verlaufen, die ich halbwegs guten Gewissens im Fernsehzimmer des glücklicherweise nicht nur mit der nötigen Infrastruktur ausgestatteten, sondern auch ähnlich leidensfähigen Gastgebers verbrachte.

Etwas überraschend drängte sich dann doch das eine oder andere karnevaleske (die Faschingskarnevalsdiskussion mögen berufenere Menschen führen, ich selbst weiß, dass es Fasnet heißt) Element in meinen Kopf: die clownesken Einlagen der Stuttgarter Hintermannschaft faszinierten mich in ähnlicher Weise wie Tunay Toruns leichtfüßiger Auftritt, der einem, wenn auch stolpernden, Funkenmariechen zur Ehre gereicht hätte. Möglicherweise fiele zudem jemandem eine mehr oder weniger passende Kombination aus den Begriffen „neilasse“ und „Ulreich“ ein?

Auch die Büttenrede, die Bruno Labbadia vor dem Spiel gehalten haben muss, dürfte zu reichlich Gelächter geführt haben, als er die Nichtberücksichtigung von Antonio Rüdiger zugunsten von Sakai (Haha!), Molinaro (Hahaha!) und Lopes (Hahahaha!) zu erklären versuchte, so er es denn versuchte. Letztlich scheinen die Spieler aber das getan zu haben, was auch ich schon als Kind bei „Mainz bleibt Mainz“ regelmäßig tat: sie schliefen ein. Oder stellten die Ohren auf Durchzug. Was dann wiederum die Vertragsverlängerung mit dem zuletzt etwas glückloseren Trainer in einem angemessen karnevalesken Licht erscheinen ließe. Aber genug der Offensichtlichkeiten.

Der Kinderfasching entpuppte sich hernach übrigens als sehr gelungene Nachmittagsgestaltung. Zu denken gibt mir lediglich jene Mutter, die sich in ein VfB-Fan-Outfit geworfen hatte, auf eine gleichermaßen entschiedene wie glaubwürdige Klarstellung jedoch großen Wert legte:

„Natürlich ist das nur eine Verkleidung!“

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Zu Beginn der zweiten Halbzeit machte sich ein wenig Überraschung breit. Bei mir zumindest. Während der Pause hatten sich die Wolfsburger Ersatzspieler mit großer Ernsthaftigkeit aufgewärmt, anstatt einfach nur ein bisschen fünf gegen zwei zu spielen, während die Stuttgarter Platzhälfte zunächst verwaist geblieben war. Letzteres mag sich im Lauf der Pause geändert haben, ich selbst bekam es nicht mit, zu sehr beanspruchte Lady Ländle mit ihrem Jubelgewinnspiel meine Aufmerksamkeit – der kleine oder auch große Bruder von Trash-TV nun also auch im Neckarstadion, das Vorgängerprogramm „Fan des Tages“ entwickelt sich rückblickend unverhofft zur Qualitätsunterhaltung.

Während ich also noch meinen Gedanken zu besagter Dame in gelb nachhing, pfiff Schiedsrichter Tobias Welz (sagte ich, dass am Mittag im Schlienz Karl Valentin den Sieg der U17 gegen den KSC geleitet und ich mich nicht entblödet hatte, mir Liesl Karlstadt als Linienrichterin vorzustellen?) die zweite Halbzeit an, ohne dass ich bis dahin der Einwechslung von Tunay Torun gewahr geworden wäre. Wer kann auch damit rechnen, dass Bruno Labbadia bereits zum Seitenwechsel einen Spielerwechsel vornimmt? Man ist geneigt, von einem vernichtenden Urteil über die Leistung des ausgewechselten Tamas Hajnal zu reden. Also sprach ich etwas irritiert meinen Nebenmann auf den Vorgang, man möchte fast sagen Vorfall, an, der mir aber mit seiner gelassenen Antwort jeden Wind aus den Segeln nahm:

„Unser Trainer guckt halt zu.“

Ja, das musste es sein. Er guckt zu. Und zieht Konsequenzen. Er hatte tatsächlich gesehen, dass Hajnal weit davon entfernt war, dem Stuttgarter Angriffsspiel nennenswerte Impulse zu geben, und der eine oder andere mag sich gefragt haben, ob der Trainer das nicht auch schon früher hätte erkennen können, wenn er denn hingesehen hätte. Nein, nicht früher im Sinne von „nach einer Viertelstunde“, eher im Sinne von „in der Sommerpause“ – oder vielleicht hat er ja, und Tunay Torun ist tatsächlich, wie die örtliche Presse zu berichten weiß, der kommende Mann auf der „Zehn“. Dass Kevin Stöger in derlei Diskussionen überhaupt nicht vorkommt, ist überaus bedauerlich, scheint aber im Moment nicht nur bei der sportlichen Leitung Konsens zu sein.

Möglicherweise hatte der Trainer auch bei Maza genau hingeschaut und ihn zur Pause darauf hingewiesen, dass ein Bundesligaspiel nicht der richtige Anlass sei, die in der Stuttgarter Innenverteidigung traditionell beliebten Diagonalbälle („Delpierrsche Diagonale„) unermüdlich mit dem schwächeren Fuß zu üben – auf dass irgendwann doch mal einer ankommen möge. Tatsächlich hatte der Trainer nämlich auch gesehen, so vermute ich zumindest, dass Tim Hooglands Spielvorbereitung ganz wesentlich in einem Gespräch mit William Kvist bestanden hatte, dem zufolge er die Mittellinie nur in Ausnahmefällen übertreten sollte, nicht aber für bloße Diagonalbälle. Im Ernst: Hoogland zeigte ein solides Debüt – die gefährlichen Wolfsburger Situationen, und davon gab es reichlich, entstanden zumeist über deren rechte Angriffsseite –, doch in der Vorwärtsbewegung blieb er, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, sehr zurückhaltend. Zu zurückhaltend, um gemeinsam mit Martin Harnik eine Bedrohung darzustellen.

Bruno Labbadia beobachtete weiterhin treffend, dass Ibrahima Traoré in der ersten Halbzeit ein (besser: der) Aktivposten war, dass er aber in Halbzeit zwei, als man das Spiel endlich in die Hand nahm und lange Zeit kaum noch Wolfsburger Chancen zuließ, kaum mehr nennenswert in Erscheinung trat, und wechselte ihn folgerichtig aus. Aber das könnte was werden mit Traoré und Boka. In der Theorie. Praktisch braucht man sich nur die Großchancen von Dejagah und Olic in der ersten Halbzeit vor Augen zu führen, um besagte Theorie stark anzuzweifeln.

Was der Trainer auch gesehen haben dürfte: In der zweiten Halbzeit zeigte die Mannschaft phasenweise ein Engagement, wie es sonst meist Situationen vorbehalten ist, wenn der Gegner kurz vor Schluss führt. Am Samstag bemühte man sich schon zuvor sehr intensiv. Dummerweise sah Bruno Labbadia dabei allerdings kein sonderlich ideenreiches Vorgehen. Und im ganzen Spiel so gut wie keine Torchance. Ok, Cacaus Fernschuss, Mazas Abseitstor aus einer Standardsituation, und dann tatsächlich jene eine herausgespielte Chance aus einer schönen Kombinationen (Boka – Traoré, Sie wissen schon), als Benaglio knapp vor Ibisevic klären konnte.

Und dann war da halt noch die Schlussphase. Die hat der Trainer auch gesehen, und seine Geheimwaffe Niedermeier gezogen. Kann ich ihm nicht einmal verübeln.

Nicht gesehen hat er indes, im Gegensatz zu mir, den werten Herrn @LLcurly von der Gazzetta di Kalk. Sein Pech.

Was hingegen ich nicht sehen konnte, war das Hinspiel gegen Moskau. Dabei war ich selten so schnell von daheim zum Neckarstadion geradelt wie an jenem Mittwoch. Dummerweise hatte ich die selbst um die Mittagszeit verkündete Erkenntnis ignoriert:

Stattdessen kam ich erst kurz vor Anpfiff zum Stadion, starrte ungläubig auf eine 30 Meter lange Schlange vor dem Kassenhäuschen (der Singular ist eine lediglich geringfügige Übertreibung) und machte kehrt. Hernach erfuhr ich von Wartzeiten in der Größenordnung von einer halben Stunde. Alles richtig gemacht, selbst kicken gegangen.

And now for something completely different:
Tusche looking at things.