Der Schiri hat's versaut.

Und davon lasse ich mich auch nicht abbringen. Der Schiri, und nur der Schiri, ist schuld daran, dass mein gestriger Tipp daneben ging. Ich hatte auf einen Sieg mit einem Tor Unterschied getippt, und wenn der Schiedsrichter nicht von einem Foul geträumt hätte, wo keines war, hätte das auch geklappt. Mit drei Punkten mehr läge ich jetzt auf Platz 2. Pfeife!

So aber pfiff Herr Coulibaly Edus reguläres 3:2 ab und die USA müssen um ihre Qualifikation für das Achtelfinale bangen – nach einem Spiel, das sie hätten gewinnen müssen, das sie aber gegen effiziente Slowenen lange zu verlieren drohten. Der geglückte Versuch des slowenischen Torwarts, sich im Tor zu verstecken, als Landon Donovan auf ihn zulief, brachte die Amerikaner nach der bitteren ersten Hälfte ins Spiel zurück. Oliver Kahn war indes der Ansicht, da gebe es nichts zu halten. Ok, wenn der Experte spricht, schweigt der Laie. Jostein Flo hätte seine helle Freude am amerikanischen Ausgleichstreffer gehabt, und das 3:2 hätte dem Ganzen die verdiente Krone aufgesetzt. Ach, Herr Coulibaly!

Über den anderen gestrigen Schiedsrichter ist mittlerweile alles gesagt. Ok, noch nicht von jedem, aber da will ich mal Mut zur Lücke beweisen. Dass man mit knapp 100 Länderspielen gelernt haben könnte, nicht nur auf das Verhalten des Gegners, sondern auch auf das des Schiedsrichters zu reagieren, scheint ebenfalls unstrittig zu sein. Etwas weiter gehen die Meinungen bei der Frage auseinander, ob ein Spieler, der gerade zwei Großchancen eher kläglich vergeben hat, zum Elfmeter antreten sollte – der Erklärungsansatz, der alternative Schütze sei körperlich nicht ganz auf der Höhe gewesen, ist möglicherweise nicht ganz von der Hand zu weisen.

Über die Defizite auf der Linksverteidigerposition bei Holger Badstuber im deutschen Aufgebot in der Bundesliga wurde vor der WM geredet, nach dem Australien-Spiel wurde das Thema ein wenig kleiner, nun ist es wieder da und wird uns durch die WM (wie lang auch immer sie für die deutsche Mannschaft dauern mag) und darüber hinaus erhalten bleiben. Krasic war gut, Badstuber nicht gut genug. Wieso Bastian Schweinsteiger vor dem Pass auf Krasic seine Energie in den Versuch gesteckt hat, den Passgeber von den Beinen zu holen, anstatt sich um den Ball zu bemühen, ist möglicherweise eine Frage, die sich nur wir Laien stellen.

Lahm gegen Zigic war das eine Duell des Spiels, Podolski gegen Stojkovic hätte das andere werden können, doch dafür schoss er zu schlecht. Ob Joachim Löws Ansicht, Mesut Özil sei nicht mehr frisch genug gewesen, zutrifft, kann ich nicht beurteilen, an andere Gründe glaube ich nicht. Besser wurde das Offensivspiel nach Özils Auswechslung jedenfalls nicht. Marko Marin kam in keine einzige der Zweikampfsituationen in Tornähe, deretwegen er eingewechselt worden war, Cacau war übermotiviert und Gomez hing gänzlich in der Luft. Auch als er von einem Serben von den Beinen geholt wurde, übrigens.

Was der deutschen Mannschaft indes völlig abgeht, ist der nötige Aberglaube. Ok, dass die Herren Löw und Flick ihre ganze Kollektion zeigen wollen: geschenkt. Aber dass Manuel Neuer nach dem großartigen 4:0 zum Auftakt sein Trikot wechselte, verwundert mich. Ernsthaft. Kein Torwart, den ich kenne und mit dem ich je zusammengespielt habe, hätte das getan. Das mag in Teilen daran liegen, dass in meinen Klassen nur selten eine ähnliche Auswahl an Trikots vorhanden war. In allererster Linie jedoch lag es am Aberglauben. Ohne Not nach einem beeindruckenden Sieg die Ausrüstung wechseln? No way.

Vorrundenweltmeister?

Die deutsche Mannschaft ist, wie wie alle wissen, mit einem 4:0 über Australien in die Weltmeisterschaft gestartet. Nicht schlecht, um mal ein schwäbisches Kompliment zu verteilen.

Die Kommentatoren bemühen sich, einerseits die phasenweise herausragende Offensivleistung zu würdigen, ohne andererseits die zumindest in diesem Spiel überschaubare Qualität des Gegners außer Acht zu lassen. Die Bewertungen schwanken bei Twitter zwischen dem augenzwinkernden „Auf Tage hinaus unschlagbar“ und „Bleibt mal auf’m Boden“ (@textundblog wird sich wohl beschweren, weil ich einen seiner sehr seltenen Tweets mit Rechtschreibfehler verlinkt habe), und auch in Blogs und klassischen Medien variiert die Bewertung irgendwo zwischen „Super gespielt, aber…“ und „Schwacher Gegner, aber…“.

@goonerportal bringt die immer wieder anklingende Sorge, die deutsche Elf verschieße ihr Pulver in der Vorrunde, mit einem spielerischen Kompliment auf den Punkt:

(1/2) Wenn Deutschland wie die Niederlande und die Niederlande wie Deutschland spielt, sollte das die meisten Fans nicht beunruhigen?Mon Jun 14 12:27:55 via web

Die gemeine Leserin weiß, dass die Elftal seit Jahr und Tag für überaus attraktiven, allerdings nur selten erfolgreichen Fußball steht, während die Turniermannschaft Deutschland buchstäblich legendär ist. Steht also zu erwarten, dass die Deutschen endlich einmal Weltmeister der Herzen Vorrundenweltmeister werden, um dann im Achtel- oder Viertelfinale mit wehenden Fahnen unterzugehen?

(2/2) Schließlich würden die Chancen für Jogis Jungs nach der Gruppenphase ziemlich mäßig stehen. #VorrundenweltmeisterMon Jun 14 12:29:34 via web

Man weiß es nicht. Aber man könnte sich möglicherweise ein wenig be(un?)ruhigen, indem man die Statistik bemüht: Was haben denn die großen Auftaktsieger vergangener Weltmeisterschaften gerissen?

Die Antwort lautet: ziemlich viel, zumindest in den Anfangsjahren der WM-Historie. 1934 gewannen der spätere Weltmeister und der Drittplatzierte ihr jeweiliges Auftaktmatch mit 7:1 bzw. 5:2, 1950 und 1954 begannen die Weltmeister mit 8:0 bzw. 9:0.

In späteren Jahren wurde es ein wenig dünner. Die Mannschaften sind ausgeglichener, Kleine gibt es ja ohnehin keine mehr, wie wir spätestens seit Rudi Völler und dem 8:0 gegen Saudi-Arabien wissen. Von den 6 Mannschaften, die seit 1970 ihr Auftaktspiel mit 4 oder mehr Toren Unterschied gewannen, schied eine gleich in der Vorrunde aus (Ungarn 1982 nach dem 10:1 gegen El Salvador), drei scheiterten im Achtelfinale (darunter Spanien 2006 nach einem 4:0 gegen die Ukraine, die nicht zwingend als drittklassig zu gelten hat), die Tschechoslowakei kam 1990 immerhin ins Viertelfinale und nur Deutschland erreichte 2002 das Finale.

Nimmt man noch diejenigen hinzu, die zum Auftakt mit 3 Toren Differenz gewannen, sieht die Bilanz vor allem 1958 und in den 70er Jahren, aber auch mit Blick auf Deutschland 1990 und Frankreich 1998, noch etwas besser aus, dafür kommt insbesondere der 2006er Mitfavorit Tschechien auf der Negativseite hinzu, der nach einem glanzvollen 3:0-Start gegen die USA ohne weiteren Treffer sang- und klanglos ausschied.

Quintessenz:
Man muss mit allem rechnen.

Was selbstverständlich auch für die eher zurückhaltend gestarteten Mannschaften gilt. Schließlich erinnern wir uns alle noch daran, wie der angehende Weltmeister Italien 1938, als es noch keine Gruppenphase gab, sein erstes Spiel gegen Norwegen nur mit Mühe und Not in der Verlängerung gewinnen konnte. Oder wie der spätere Vizeweltmeister Italien 1970 mit einem Torverhältnis von 1:0 durch die Vorrunde marschierte. Oder wie Italien 1982 mit drei alles andere als ruhmreichen Unentschieden startete, ehe man Weltmeister wurde. Oder wie Italien 1994 den Weg zur Vizeweltmeisterschaft mit 0:1, 1:1 und 1:0 anging.

Oder an Deutschland, das nicht nur 1982 zum Start gegen Algerien groß aufspielte, sondern auch vier Jahre später mit bescheidenen 3:3 Punkten und 3:4 Toren weiterkam. Die glorreiche Elftal startete 1978 ebenfalls mit lediglich 3 Punkten, genau wie die Tschechoslowakei 1962 und Argentinien, das 1990 zum Auftakt gegen Kamerun verlor. Lauter Vizeweltmeister – der einzige Weltmeister mit nur drei Vorrundenpunkten (nach alter 2-Punkte-Regel, natürlich) war Italien 1982. Lediglich drei spätere Finalisten gewannen alle drei Vorrundenspiele, und alle drei wurden dann auch Weltmeister: Brasilien 1970 und 2002 sowie Frankreich 1998.

Ungarn hatte 1954 zwar auch eine weiße Weste, musste aber als gesetzte Mannschaft lediglich zwei Vorrundenspiele bestreiten – eines bekanntlich recht erfolgreich gegen den später siegreichen Finalgegner. Diese Konstellation gab es übrigens nur ein weiteres Mal: 1962 trafen die angehenden Finalisten aus Brasilien und der Tschechoslowakei ebenfalls in der Vorrunde aufeinander und trennten sich 0:0.

Sehen Sie? Sie sehen nichts mehr.

FDP: Not just a pretty face?

Sicherlich war abzusehen, dass die deutsche Politik ihre Lehren aus dem US-Wahlkampf ziehen und sich stärker an Web 2.0-Ansätzen orientieren würde. Dass es jedoch so schnell und so explizit geschehen würde, überrascht mich ein wenig:

fdptweet_20081107

Ob ich wirklich überzeugt bin von der Innovationskraft? Naja, zumindest bringt die Formulierung „Web 2.0-Gesicht“ bei Google inhaltlich nur einen einzigen Treffer (nicht die FDP), Summize ebenfalls (eben obigen Tweet) – wenn das kein Indiz für Innovation ist…

Ernsthaft: ich hab mir die beworbene neue Seite noch nicht näher angesehen (könnte sie ohnehin mangels Kenntnis nicht mir der alten vergleichen), aber den Zeitpunkt finde ich schon sehr interessant. Natürlich ist mir klar, dass die Neugestaltung schon seit einiger Zeit in der Pipeline gewesen sein muss; dass man indes den Auftritt angesichts der allenthalben gezogenen Vergleiche des Wahlkampfes, der politischen Kultur und der digitalen Aufgeschlossenheit in den USA und hierzulande gerade jetzt live schaltet, ist vermutlich nicht die dümmste Idee, um sich als zweinullige politische Kraft darzustellen.

Abzuwarten bleibt jedoch, ob das „Web 2.0-Gesicht“ dem Anspruch „not just a pretty face“ gerecht wird, oder ob wir doch von Web 1.0 mit ein paar zeitgenössischen Gimmicks sprechen. Falls letzteres der Fall sein sollte, wäre der vermeintlich geschickte Zeitpunkt dann doch eher ein Eigentor gewesen.

PS: wenige Minuten zuvor hatte bereits ein Tweet der FDP-Fraktion die neue Webseite von Jan Mücke MdB beworben (ohne komplettes Web2.0-Gesicht, aber mit Tagwolke und Youtube-Verlinkung). Hat das System? Werden wir nun nach und nach von 61 Web 2.0-Gesichtern erfahren?