Systemtreu

Der Urlaub ist vorbei, der Sommer auch bald, die Bundesligasaison hat begonnen. In der zweiten Liga wurden bereits mehrere Trainer entlassen, Barcelona fahndet europaweit nach Spielern, die den Verein dazu animieren könnten, sich nicht nur einen Weg aus dem Geld heraus freizuschaufeln, mit dem man zugeschissen wurde, sondern dann auch selbst einen Teil dieses Geldes dafür zu verwenden, besagte andere Spieler bzw. insbesondere deren bisherige Vereine zuzuscheißen. Was, etwas überraschend, nicht alle mit sich machen lassen wollen.

Ich weiß nicht, ob alles noch viel schlimmer ist als früher, viel aufgeregter, hektischer, unstrukturierter, irgendwas muss man doch mit dem vielen Geld anstellen, das in den Markt gespült wurde und allein zwischen Neymars Transfer und dem Ende der Transferperiode drei, fünf oder auch zehn Mal den Besitzer wechseln mag. Die Begehrlichkeiten sind enorm, der Leidensdruck mitunter auch, wenn auch nicht so groß, dass zum Beispiel Hannover 96 auf die “maßlosen Forderungen” eines seitens des Vereins namentlich genannten Spielerberaters eingehen würde.

In Köln bekommen sich derweil Fans in die Haare, weil sie sich nicht einig sind, ob es von Seiten ihres Vereins in Ordnung sei, demnächst für die noch nicht näher definierten Europapokal-Auswärtsfahrten konfektionierte Reisen anzubieten, die dem Vernehmen nach eine Ticketgarantie beinhalten sollen. Eine Diskussion, die wir so oder ähnlich auch schon andernorts erlebt haben und die mich ermüdet. Vermutlich bin ich nur neidisch.

Natürlich ist Ermüdung ein gutes Stichwort, eines, das wir immer wieder hören in diesen Zeiten, weil das Rad überdreht werde, zu viel Geld im Spiel sei, die Clubs sich zu sehr von den Fans entfernten. Die Blase werde platzen, Anzeichen seien ja schon zu erkennen, wie die einen behaupten und die anderen widerlegen zu können glauben, und bei genauer Betrachtung entfalten just diese Diskussionen ihrerseits eine ermüdende Wirkung, von der ich nicht weiß, wie sie sich zur zuvor genannten Ermüdung verhält, kumulierend womöglich.

Also halte ich mich raus, weitgehend. Die Gerüchteküche habe ich bereits früher weitestgehend zu ignorieren versucht; nunmehr gehen auch zahlreiche bereits abgewickelte Transfers mindestens bis zum Saisonstart an mir vorüber. Bundesliga-Sonderhefte kaufe ich für meinen Sohn, ohne selbst einen Blick hineinzuwerfen. Die 11 Freunde, die ich jahrelang abonniert hatte, habe ich im Frühjahr gekündigt. Auf sanften Druck meiner Frau, würde ich gerne sagen, doch so ist es nicht. Ich hatte selbst eingesehen, dass acht bis zehn noch in Folie verpackt herumliegende Hefte eine recht unmissverständliche Aussage über mein Interesse treffen.

Die Frage ist: woran? Der Umstand, dass ich die Freude an der Lektüre einer Zeitschrift verloren habe, die sich mit Fußball befasst, bedeutet nicht zwingend, dass mein Interesse am Fußball verloren gegangen ist. Was mich ganz offensichtlich nicht mehr packt, ist die Art und Weise, wie der Fußball dort erzählt wird, ist vielleicht der Humor, der sich anders entwickelt hat als meiner, ist womöglich die Absolutheit, mit der ich die Positionen zu Themen wie dem Videobeweis oder RB Leipzig wahrnehme – ohne dass ich zwingend konträre Meinungen vertreten würde. Wir haben uns wohl auseinandergelebt.

Vor ein paar Wochen mailte mich jemand von den 11 Freunden an, ich möge doch bitte wie in den vergangenen Jahren den vereinsbezogenen Fragebogen zur bevorstehenden Bundesligasaison ausfüllen und zurücksenden. Ich hatte das in den letzten Jahren gern gemacht und auch stets über Twitterkommentare hinweggelächelt, wonach Blogger ausgenutzt würden und für ein bisschen – kaum messbare – Publizität wertvolle Inhalte lieferten. Gleichzeitig hatte ich die Redaktion häufig darauf hingewiesen, dass es hinreichend andere geeignete, vermutlich geeignetere Kandidatinnen und Kandidaten gebe, ohne dass der jeweilige Redakteur darauf eingegangen wäre.

Hätte ich an seiner Stelle vielleicht auch so gehandhabt. Er wusste, was er von mir zu erwarten hatte: solide Antworten, mit einzelnen Ausreißern nach oben oder unten, das Ganze tendenziell zielgruppenkompatibel sowie nahezu innerhalb der vorgegebenen und in der Regel nicht allzu üppigen Frist – die Bloggerbeilage dürfte im Entstehungsprozess des Heftes nicht an der Spitze derjenigen Aufgaben stehen, die aufgrund ihrer Komplexität besonders viel Vorlauf benötigen.

Genau das habe ich auch dieses Jahr wieder abgeliefert. Glaube ich. Solide Antworten in überschaubarer Frist, und einige der solidesten wurden letztlich abgedruckt. Ich persönlich hätte anders ausgewählt, aber sei’s drum. Natürlich hätte ich auch absagen können. Wäre bestimmt konsequenter gewesen. Hätte den Aufwand des Redakteurs erhöht, aber das wäre a) überschaubar und b) nicht mein Problem gewesen. Hab ich aber nicht getan.

Hernach bat ich meinen Ansprechpartner allerdings explizit, im nächsten Jahr, so es diese Art der Beilage weiterhin gibt, jemand anderes anzusprechen. Weil mir die Originalität zunehmend abgehe. Schließlich, das schrieb ich so nicht, kann man, kann zumindest ich, ein und dieselbe Frage nur so und so oft annähernd kreativ und originell beantworten, und dieser Punkt ist, über den gesamten Fragebogen betrachtet, offenkundig überschritten. Die geneigte Leserin möge sich weiter unten gern davon überzeugen.

Zurück zum Fußball. Oder eben nicht zurück. Bisher schrieb ich ja vor allem von den ganzen anderen Dingen. Jenen, die mich ermüden. Erwähnte Transfergerüchte. Geld. Spielerberater und sonstige Gewinnler. Kommunikationsverhalten von Vereinen. Blase. Diskussionen über die Blase. Wahre und nicht so wahre Fans. Kommunikationsverhalten von Fans. Lauter Themen, über die man eine Menge sagen und intensiv diskutieren könnte. Wenn man denn Lust hätte. Vielleicht auch Zeit.

Ich hab keine. Zeit. Lust, vor allem. Aber ich freue mich auf und über Fußball. Habe auf den ersten Spieltag hingefiebert. Verfolgte im Sommer die U21-EM, die Frauen-EM, schreckte auch vor dem bösen Confed Cup nicht zurück. Nicht die Kirmesspiele, klar, nicht die hochdotierten Vorbereitungsturniere, aber wenn es um Punkte geht, bin ich dabei.

Zweifellos kann man mir vorwerfen, dem System zu dienen, wenn ich den Confed Cup anschaue, im nächsten Jahr auch die WM, obwohl sie in Russland stattfindet, wenn ich ganz selbstverständlich weiterhin ins Stadion gehe und kein Zeichen gegen so viele Dinge setze, die falsch laufen, wenn ich zuletzt, ganz entgegen meiner Gepflogenheit, mehrfach dafür bezahlt habe, Fußballspiele im Fernsehen anzuschauen, und dies künftig möglicherweise häufiger tun werde.

Es lässt sich wohl nicht anders sagen: Meine Lust auf Fußball, auf die 90 Minuten, ist ungebrochen. Bundesliga, Europapokal, Kreisliga, Länderspiele, suchen Sie es sich aus. Ermüdung hin, Begleiterscheinungen her. Steht übrigens auch in meinen Antworten für 11 Freunde, fällt mir grade auf:

Jetzt reicht’s: Das müsste passieren, damit ich nicht mehr ins Stadion gehe …

Solange dort Fußball gespielt wird, stellt sich die Frage auch weiterhin nicht.

Wie gesagt: systemtreu.

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Die nächste Saison wird eventuell legendär, weil…

… es klugen Fans an allen Bundesligastandorten gelingt, rassistische, homophobe und ähnlich idiotische Wortmeldungen komplett zurückzudrängen. Danach: Weltfrieden.

Wenn ich an die vergangene Saison denke, dann …

… möchte ich sie zwar in absehbarer Zeit nicht mehr erleben müssen; die zweite Liga hatte aber für den VfB zweifellos ihre Momente. Und Punkte, vor allem.

Auf diesen Videobeweis-Fauxpas freue ich mich besonders …

Ich stelle es mir ganz hübsch vor, wenn der vermeintlich unbeobachtete VAR, vielleicht Wolfgang Stark, bei der Analyse einer kniffligen Szene live und hochkonzentriert in der Nase bohrt. Via Großleinwand. Technische Kinderkrankheiten halt.

Für 50 Millionen in Richtung China verlässt uns im Winter …

Keiner. Der VfB hat sich ausgegliedert und ist jetzt selbst total reich.

Mein Verein muss an den DFB Strafe zahlen, weil …

… sich die Fans der jüngsten DFB-Anweisung (RESPECT!) verweigern, liebliche Lobgesänge auf Funktionäre und Sponsoren der jeweiligen Gastmannschaft anzustimmen. Im Übrigen hoffe ich doch sehr, dass die Strafen dann nicht der Verein bezahlt, sondern die AG.

Die neue Vereinshymne sollte komponiert werden von…

Wie heißen schon wieder die, die dieses Troy singen? Das wär doch mal was!

Aus unserem Team unverzichtbar für Jogi Löw ist in Russland …

Der Doppelochsensturm. Echte Neuner sind bei der WM das taktische Element schlechthin.

Fußball schön und gut, aber Weltmeister würde unsere Truppe in …

#SpielerfrauenTV

Auswärts schmeckt gut: Die beste Bratwurst gibt es in …

München im Mai 2018. So ein entspanntes Saisonfinale hatten wir lange nicht.

Dieser Filmtitel beschreibt meinen Klub perfekt …

Die Antwort liegt irgendwo zwischen Zurück in die Zukunft und Stirb langsam.

Dieser Twitter-Account ist für Fußballfans unverzichtbar …

Der, der gerade anderer Meinung ist und an dem man sich ein bisschen abreagieren kann.

Deutscher Meister vor dem FC Bayern wird …

Angesichts der Vorjahresplatzierung und der Rahmenbedingungen vielleicht eine etwas mutige Prognose, aber ich bringe mal den SC Sand ins Spiel.

Noch eher als Schalke entlässt seinen Trainer …

Oh, da dürfte es einige geben. Sagen wir Eintracht Frankfurt.

Wenn der HSV nicht absteigt, dann eben …

… zwei oder drei andere. Solange der VfB nicht dabei ist, ist mir alles recht.

♫ Da geht er hin, Maxim

Gewiss, es werden andere kommen, die wir beim Kosenamen rufen.
Aber es dürfte ein Weilchen dauern, bis wir sehr intim sind.

Erstmals tauchte Alexandru Maxim im März 2013 hier auf, also hier im Blog, nach dem Spiel gegen Lazio, seinem Startelfdebüt, übrigens, Pflichtspielstartelfdebüt, um genau zu sein. Er wurde kurz vor der Pause ausgewechselt, wegen einer Gehirnerschütterung und eines Nasenbeinbruchs, was ich komplett verdrängt hatte. Zur groben Einordnung: Für ihn kam Tamas Hajnal.

Seither hat er in jeder (kompletten) Saison 25-30 Ligaspiele absolviert, davon stets weniger als zehn über die komplette Distanz. Reiner Zufall dürfte es nicht sein, dass keiner seiner zahlreichen Trainer hier beim VfB je konsequent und vorbehaltlos auf ihn gesetzt hat. Vielleicht hat der letzte in dieser Reihe, Hannes Wolf, den Grund dafür auf den Punkt gebracht, als er die Erwartung formulierte, Maxim müsse das ganze Spiel tragen können. Und in der körperlichen Verfassung dazu sein.

Zwei Wochen nach dem Nasenbeinbruch stand er wieder auf dem Platz, in Frankfurt, eingewechselt in der 69., zum Eckball geschritten in der 71., Siegtreffer Niedermeier. Was mich zum leichten Überschwang veranlasste:

… eine Verneigung vor dem möglicherweise besten Stuttgarter Eckballschützen seit dem frühen Krassimir Balakov, Alexandru Maxim, …

Drüben beim Vertikalpass las ich etwas von “Ecken auf Kniehöhe”, mit denen er “uns [ihnen!] mächtig auf den Sack gegangen” sei. Das kann ich so natürlich nicht auf ihm sitzen lassen, aber gut, ich will ja nicht verhehlen, dass er den Erwartungen aus dem März 2013 im Lauf der Jahre möglicherweise nicht ganz gerecht geworden ist, wobei dann wiederum, nun, der beste seit Balakov kann er trotzdem noch gewesen sein. Oder möchte jemand Heldt ins Spiel bringen? Hleb? Lisztes? Kuzmanović? Didavi? Vielleicht Farnerud? Carević? Élson? Ok, Élson, einverstanden.

Damals jedoch hielt mein Überschwang an, und auch die bald folgende Heimniederlage gegen Dortmund konnte ihm nichts anhaben:

… das Spiel des VfB, den ich spielerisch seit langem nicht so gut, nicht so vielseitig sah wie gegen Dortmund – woran Alexandru Maxim nicht ganz unschuldig war.

Man könnte fast meinen, ich mochte ihn. Selbst nach dem Sieg gegen Freiburg am 21. April, immer noch 2013, fand sich in einem Text, der eigentlich eine einzige Lobhudelei auf Martin Harnik war, die ich im Übrigen, wie regelmäßige Mitlesende erahnen dürften, jederzeit wieder so schreiben würde, also, wie gesagt, auch da fand sich noch ein Plätzchen für ihn:

… Jenen Alexandru Maxim, dem gemeinsam mit Raphael Holzhauser die Aufgabe zugefallen war, in den letzten Spielminuten den Ball in einer Telefonzelle an der Eckfahne zu halten, und der es sich dabei nicht nehmen ließ, zum Rainbow Flick […] anzusetzen. Gelang nicht, wie ihm auch zuvor der eine oder andere unnötige Fehler unterlaufen war. Wie er indes auf wirklich engstem Raum immer wieder den Ball behauptete, imponierte mir sehr, weshalb ich, obschon der Aussagekraft wie auch dem Zustandekommen von Benotungen gewahr, hiermit Beschwerde gegen die „3“ der Stuttgarter Nachrichten einlege.

Dass ich mich tatsächlich einmal nicht entblöden würde, Spielernoten in Zeitungen zu kritisieren, nun, es muss wohl Liebe gewesen sein.

Die angesprochenen Fehler, tja, sie lassen sich nicht wegdiskutieren. Er war und ist ein Zocker, ein Fopper, einer, der den Gegner mit einer gewissen Freude schlecht aussehen lässt, oder im Negativfall sich selbst, und einer, der die zur Verfügung stehende Zeit gerne mal etwas überschätzt, beziehungsweise schlichtweg zu wissen glaubt, dass Eile nur etwas für Leute ist, denen die nötige Brillanz abgeht. Was bei ihm nicht der Fall ist, wie diese anlässlich des Pokalfinals 2013 frei erfundene Statistik aus meinem Blog eindeutig belegt:

(Produktive) Kabinettstückchen mit Ball (Gefühlt.)
1. Thomas Müller 7
2. Alexandru Maxim 6
3. Andere 2

Müller? Kabinettstückchen? Wer schreibt denn sowas? Nun denn.

Was dem verhinderten Spiritus Rector des Stuttgarter Mittelfelds indes immer ein bisschen abging, war Geschwindigkeit. Im Laufen wie zu oft auch im Handeln. Dabei hätte gerade er die Mittel, den Ball, das Spiel schnell zu machen. Beim Laufen, ok, dieser Knick in der Hüfte, der zweite Knick im Nacken, da wird’s vermutlich nicht viel schneller.

Von Anfang wurde ihm zudem nachgesagt, er sei nicht gewillt, nach hinten zu arbeiten. Das habe ich stets für eine Mär gehalten. Allerdings befürchtete ich, vermute noch, dass er schlichtweg nicht bereit war, körperlich. Und wie wir Kreisligabaslers wissen, geht’s dann zwar noch nach vorne, da findet sich ja immer noch mal ein verstecktes Sauerstoffreservoir, aber nach hinten, ernsthaft, da ist halt so eine muskuläre Sperre drin.  (Ja, ja, ich weiß, also doch der Wille.) Und so ist sein Abschied gerade vor dem Hintergrund, dass Hannes Wolf aus meiner Außensicht auf dem besten Wege war, dieses Problem zu lösen, noch einmal einen Tick bedauerlicher.

Im August 2013 beklagte ich erstmals explizit sein den genannten Gründen geschuldetes Dasein als Zaungast – eine Situation, die sich dann zwar in unterschiedlichen Ausprägungen, aber ebenso verlässlich wie trainerunabhängig durch seine Stuttgarter Jahre zog:

Insgesamt hätte ich der Offensive ein paar mehr Traoré-Momente gewünscht, und mitunter etwas mehr (oder andere) Bewegung in der Sturmmitte, um dem Mittelfeld die Zuarbeit ein wenig zu erleichtern – zumal für überraschende Maxim-Momente leider kein Platz war.

Im September wurde dennoch kurzzeitig alles gut. Schneider kam, Hoffenheim war zu Gast, Maxim schoss zwei und legte zwei auf, das Leben war schön:

Seit Jahren wollten wir schon den Werner sehen. Den Maxim sowieso, von Kvist, diesem elendigen Rückpassspieler großartigen Stabilisator gar nicht zu reden. Und dass der Schneider es drauf hat, wussten ja eh alle.

Im nächsten Spiel wurde die Hertha geschlagen, 1:0, der Siegtreffer war von Maxim aufgelegt worden. Der VfB war auf dem Weg zu großen Taten.

Also, fast. Schneiders Glanz verflog, der des VfB auch, Timo Werner war noch kein Heilsbringer, irgendwann kam Stevens, und doch spielte Maxim seine individuell erfolgreichste Saison: 29 Spiele, 7 Tore, 9 Vorlagen, das konnte sich sehen lassen.

Bald darauf war der Meistertrainer da, zudem Didavi wieder auf der Höhe, aber so recht funktionierte das alles noch nicht. Weder mit Veh, Verklärung galore, noch mit Didavi und Maxim, also schrieb ich im September 2014 folgendes:

Kürzlich hatte ich […] vollmundig behauptet, der VfB verfüge in der Offensive „insbesondere mit Maxim und Didavi über ein in den letzten Jahren selten gekanntes Kreativpotenzial“ und zudem bedauert, „dass Veh nur schwerlich Platz für beide in seiner Mannschaft finden“ werde. […]

Weniger schön, dass ich […] etwas verwechselt habe: technische Begabung mit Kreativität, möglicherweise. Sowohl Maxim als auch Didavi verstehen es, mit dem Ball umzugehen. Sie behandeln ihn liebevoll, er gehorcht ihnen, und sie verstehen auch, ihn zu treten. Freistöße, Ecken, auch Flanken, Pässe: sie können all das. Es ist ihr Handwerkszeug, ein gutes Handwerkszeug, und sie wissen es zu verwenden.

Kreativ ist das allerdings noch nicht. Kreativität erfordert nach meinem Verständnis Überraschungsmomente, Unerwartetes, mit oder ohne Schnörkel, die Fähigkeit, neue Situationen zu schaffen, etwas, das die Abwehr im Idealfall unvorbereitet trifft und ihr deshalb Schwierigkeiten bereitet. Von den beiden Technikern habe ich derlei am Samstag nicht gesehen.

Möglicherweise mit das kritischste, was ich in viereinhalb Jahren über Alexandru Maxim zu Papier brachte. Und inhaltlich fragwürdig. Bei Maxim würde ich zögern, über Daniel Didavi würde ich es heute definitiv nicht mehr schreiben. Seinen Zug zum Tor, seine Fähigkeit, für seine Mannschaften den gern zitierten Unterschied auszumachen, hatte ich wahrlich unter-, sein Phlegma überschätzt.

Beinahe hätte ich jetzt eine auf dem Wörtchen “überschätzt” basierende Überleitung zu Huub Stevens gewählt, aber das geht natürlich nicht. So geht man mit einem Europacupsieger und Jahrhunderttrainer Klassenerhaltstrainer nicht um. Ok, er ging mit Herrn Maxim auch nicht in meinem Sinne um, aber das steht wieder auf einem anderen Blatt. Auf diesem Blatt hier stand dann allerdings im Rahmen eines eher ungewöhnlichen dichterischen Adventsausflugs zu den sogenannten Leber- bzw. Lederreimen unter anderem dies:

Das Leder stammt aus der Fabrik
und nicht von Herrn Maxim.
Der ist ein großer Lederfreund,
doch Stevens nicht von ihm.

Unnötig zu betonen, dass Leberreime ihrem Wesen nach nicht zwingend zur Hochkultur gezählt werden wollen. Ebenso wenig erklärungsbedürftig, dass sich Maxims Spiel- und Stevens’ Herangehensweise dem Fußball aus unterschiedlichen Richtungen näherten, mit bekannten Folgen.

Und dann wurde es weniger. Im Blog im Allgemeinen und damit auch zu Maxim im Besonderen. Der VfB taumelte dem Abstieg entgegen, fast die komplette Rückrunde zierte man das Tabellenende, Maxim spielte keine wirklich große Rolle, wurde meist ein- oder ausgewechselt, wenn überhaupt. Um sich letztlich in Paderborn, gemeinsam mit Daniel Ginczek, so ein ganz kleines bisschen unsterblich zu machen:

… Herr Maxim, mit einer der effektivsten Stippvisiten, die wir in jüngerer Zeit von einem Ein- und Auswechselspieler gesehen haben: rein, Siegtor aufgelegt, raus. Bisschen abgekotzt, beim Abpfiff aber schon wieder vorne dabei. Guter Mann. Zu gut, vermutlich, um nur Didavis Backup bzw. de facto Ergänzungsspieler zu sein. Was für eine Offensivabteilung, in der Alexandru Maxim und Timo Werner pro Spiel in Summe auf zwanzig Minuten Spielzeit kommen, ohne dass das als Fehlleistung des Trainers anzusehen wäre!

2015/16 war er, seien wir ehrlich, kein Faktor. 25 Spiele, trotzdem und immerhin, davon 3 oder 4 über die komplette Distanz, im Schnitt dieser Spiele 41 Minuten auf dem Platz, 1 Tor, 4 Vorlagen. Ok.

Aber 16/17! Der beste Fußballspieler (Sie wissen schon, diese romantische Sicht des Spiels, im Gegensatz zur Arbeit) der zweiten Liga. Allen anderen weit überlegen! Sitzt im ersten Saisonspiel auf der Bank. Kommt rein und zeigt, dass er dieser beste Fußballspieler der zweiten Liga ist. Und taucht dann im Grunde ein gutes halbes Jahr lang ziemlich unter. Exemplarisch mein Kommentar zum dritten Spieltag:

(Ok, ich war auch im Urlaub.)

Aber am Ende ist er da. Als es drauf ankommt. Genau wie Ginczek, übrigens, dem ich zuvor schon das Allerbeste gewünscht hatte:

 

Und am Ende war er, Maxim, auf dem Feld, wie wir alle wissen. Einer, der dahin geht, wo es wehtut. Der für die Mannschaft alles gibt, spielt, kämpft, grätscht, Tore schießt und auflegt. Hier, ich, in meinem Blog, nach dem Union-Spiel, wortgewandt wie eh und je:

Der Maxim, meine Fresse!

Jetzt ist er weg. Es schmerzt.

 

 

Verbalbeurteilung 2017

Im zurückliegenden Jahr passte sich die Gruppe unerwartet rasch an eine neue Umgebung und deutlich veränderte Rahmenbedingungen an. Der mehrfache Wechsel des Lehrpersonals tat den Leistungen keinen Abbruch; vielmehr war das Gegenteil der Fall: Gerade der Wechsel hin zu jüngeren Lehrkräften mit frischeren Eindrücken aus der Ausbildung trug zu Entspannung und Lockerheit bei, um so die individuellen Leistungen zu verbessern und in vielen Fällen – deutlich häufiger als in den vergangenen Jahren – tatsächlich einen erfolgreichen Abschluss zu schaffen. Die weiterhin sehr hohe Fehlerhäufigkeit und die mitunter unzulänglichen Versuche, die guten Abschlussarbeiten hernach zu verteidigen – hier wäre ein selbstbewussteres Auftreten wünschenswert gewesen – lassen keinen Zweifel zu, dass für das kommende Jahr in der höheren Klasse noch die eine oder andere Lücke zu schließen ist und gleichzeitig mehr interne Vergleichsarbeiten herangezogen werden müssen.

Mitchell knüpfte zu Beginn an seine Leistungen des Vorjahres an, als er nach längerer Krankheit zwar an den Abschlussprüfungen teilgenommen, den Punkteschnitt aber nicht mehr entscheidend gehoben hatte. Mit zunehmender Dauer wurde deutlich, dass ihm etwas mehr Leistungsdruck guttäte – exemplarisch ist sein offensichtlicher, beinahe humoristischer Stillstand kurz vor Weihnachten zu nennen, der ein entsprechend schlechtes Ergebnis nach sich zog. In der finalen Gruppenarbeit reagierte er indes auf überraschende Herausforderungen beispielhaft und sicherte so den Wechsel in die höhere Klasse. Auch für die dortigen Anforderungen scheint er gescheitelt genug.

Jens konnte sich nur mittelbar in die Gruppe einbringen, an Prüfungen war nicht zu denken; seine Leistungen sind daher nicht zu bewerten. Außerhalb des Kerncurriculums wirkte er an einem praxisnahen Selbstverteidigungskurs sowie bei einem geschlechterübergreifenden Medienprojekt aktiv mit.

Kevin zeigte sich jederzeit leistungsbereit, ohne jedoch wieder jenes Niveau zu erreichen, durch das er sich in früheren Jahren für internationale Vergleichswettbewerbe und Sommerstipendien qualifiziert hatte. Er wirkte mitunter unvorbereitet, gepaart mit Übermotivation. Zudem überlagerte seine Affinität zu sozialen Medien aus Sicht der Einrichtungsleitung wie auch des Fördervereins seine fachlichen Beiträge bisweilen deutlich. Seine Mentorentätigkeit für Kinder jüngerer Jahrgänge nahm er sehr ernst, hielt sich dabei allerdings nicht immer an die verabredeten Inhalte. Aus diesem Grund war sein weiterer Verbleib der Elternschaft nicht vermittelbar.

Florian konnte im vergangenen Jahr nur etwa an der Hälfte der Prüfungen teilnehmen, blieb aber bis zum Ende stets im – engen – Stoff und konnte letztlich nicht nur an wichtigen Gruppenarbeiten zum Jahresende mitwirken, sondern schaffte in letzter Sekunde einen bemerkenswert erfolgreich Abschluss. Auch deshalb ist sein Ansehen beim Förderverein, der ihn lange Zeit kritisch beäugt hatte, zum Ende seiner Zeit in unserer Einrichtung noch einmal merklich gestiegen. Zum Abschied erhält er keinen Preis.

Jean konnte zu Jahresbeginn regelmäßig an Prüfungen teilnehmen, ohne allerdings überzeugende Ergebnisse zu erzielen. Obwohl Ihm zentrale Arbeitsweisen der Klasse aus seiner früheren Einrichtung gut bekannt gewesen sein müssten, fand er nie seinen Platz in der Gruppe und bedauerte dies explizit selbst. Ein Gespräch ist erwünscht.

Benjamin beeindruckte gleich bei seiner ersten Prüfung mit einem bemerkenswert direkten und hernach viel diskutierten Lösungsweg. Leider gelangen ihm derlei Lösungen in der Folge nur noch selten. Häufig hätte man ihm eine etwas offensivere Herangehensweise an seine Aufgaben gewünscht. So aber versäumte er es nicht nur, mit der ihm eigenen Virtuosität zielstrebig den Abschluss vorzubereiten; vielmehr unterliefen ihm regelmäßig Leichtsinnsfehler, die sowohl ihm selbst als auch der Gruppe mehrfach erheblichen Zusatzaufwand abverlangten. Benjamin erhält gerade noch ein Lob.

Timo übernahm, obwohl einer der Jüngsten, in der hinteren Reihe jederzeit Verantwortung, ohne ihr allerdings in jedem Fall gerecht zu werden: Beispielsweise hätten wir uns bei einzelnen Gruppenarbeiten gewünscht, dass er neben dem strategisch geschickten Anleiten seines Teams auch die eine oder andere konfrontative Teilaufgabe ohne zu zögern selbst löst. Daneben sollte er im kommenden Jahr noch etwas zielstrebiger auf seinen Abschluss hinarbeiten. Mit Blick auf die Kleiderordnung ist sein Verhalten vorbildlich – Hotpants sind bei ihm auch im kommenden Jahr nicht zu erwarten. Timo erhält ein Lob.

Toni genügte den Ansprüchen erwartungsgemäß weiterhin nicht. Zwar nahm er zu Beginn regelmäßig an Prüfungen Teil, doch ließen die Ergebnisse häufig zu wünschen übrig. Seine Arbeitsgeschwindigkeit reicht zur Bewältigung der vielfältigen Aufgaben in der Regel nicht aus, zudem mangelt es ihm an manch gängiger Grundtechnik. Die Teilnahme an einem internationalen Austauschprogramm war ebenfalls nicht von Erfolg gekrönt – auch dort blieben seine Beiträge zu den Gruppenarbeiten überschaubar. Ein finales Gespräch ist erwünscht.

Stephen nahm zu Jahresbeginn an einigen Prüfungen teil, zeigte sich aber, aus einer niedrigeren Klasse kommend, tendenziell überfordert. Nach enttäuschenden Vergleichsarbeiten mit einer Einrichtung aus einem hiesigen Mittelzentrum wurde seine Schnupperzeit beendet. Zum Halbjahr wechselte er folglich in ein benachbartes Bundesland.

Marcin wurde, aus dem Ausland kommend, sehr behutsam* an den Leistungsstand der Klasse herangeführt, ehe er selbst an Prüfungen teilnehmen durfte. Im Förderverein wurde sein Auftreten bisweilen als träge und linkisch wahrgenommen, was aber das Lehrpersonal nicht beeindruckte. Er positionierte sich geschickt und sicherte sich so einen Platz bei den (meist) großen Jungs in der hinteren Reihe, die ihm halfen, manchen Lapsus auszumerzen. Und die gelegentlich, mit Verlaub, gemeinsam mit ihm Mist bauten. Gegen Ende konzentrierte er sich zum perfekten Zeitpunkt auf seinen Abschluss.

*der Prozess ist auf drei Jahre ausgelegt

Emiliano wäre im vergangenen Sommer beinahe umgezogen. Dass es nicht so kam, ist nur aus heutiger Sicht ein Glücksfall. Er ging seine Aufgaben in diesem Jahr deutlich seriöser an und befasste sich erstmals ernsthaft mit dem Abschluss – gleichzeitig half er seinen Freunden, insbesondere Simon, bei dessen Vorbereitung enorm. In der Gruppe bewegte er sich nicht mehr ausschließlich am Rande, trat bewusst offensiver auf und vermittelte seine Freude regelmäßig und anschaulich. Die kontinuierliche Teilnahme an gruppeninternen Wettbewerben könnte ihm helfen, sich mitunter noch etwas konsequenter auf seine Kernaufgaben zu konzentrieren.

Philip hatte es bereits im Vorjahr nicht ganz leicht gehabt – eine mediale Show mit einem Haarknoten fiel symbolisch auf ihn zurück –, und auch dieses Jahr gelang es ihm nicht, durch gute Leistungen zu überzeugen und so, bis auf eine Ausnahme, überhaupt zu Prüfungen zugelassen zu werden. Sein Wechsel an eine zweitklassige Einrichtung zum Halbjahr war folgerichtig. Es ehrt ihn, dass er bei einem Vergleichswettbewerb der beiden traditionsreichen Institute seinen Freunden auf beiden Seiten assistierte.

Ebenezer stieß gerade noch zum zweiten Halbjahr zur Gruppe und absolvierte zunächst einen internen Vorbereitungskurs. Dort beeindruckte er das Lehrpersonal und verleitete bei seinen ersten öffentlichen Gruppenpräsentationen selbst den gewohnt kritischen Förderverein zu euphorischen (sic!) Äußerungen. Seine auch in schwierigen Situationen selbstsichere Arbeitsweise überzeugte, technisch herausfordernde Aufgabenstellungen löste er zumeist mit links. Im Lauf der Zeit wurde deutlich, dass es ihm im einen oder anderen Bereich noch an notwendigen Grundlagen fehlt, um dauerhaft eine zentrale Rolle in der Gruppe einzunehmen. Daran sollte er im Sommer arbeiten.

Anto hatte, aus dem Ausland kommend, im ersten Halbjahr einen schweren Stand, doch schon damals würdigte das Lehrpersonal seine gute Aufbauarbeit. Nach Weihnachten konnte er zunächst an zahlreichen Prüfungen teilnehmen und überzeugte mit seiner umsichtigen Arbeitsweise. Defizite hatte er weiterhin beim individuellen Arbeitstempo; zudem passte er sich allzu rasch an die traditionell niedrigen Standards unserer Einrichtung an. Auch deshalb war er zum Ende des Jahres meist nur Zuschauer. Es ist fraglich, ob sich dies in einer höheren Klasse ändern wird. Er wird dennoch auf Probe versetzt.  

Matthias war erneut ein Vorbild. Er bereitete sich auf jede Prüfung gewissenhaft vor, übernahm in Gruppenarbeiten häufig unangenehme Aufgaben und war sich nie zu schade, schmucklos aufzuräumen und für Ordnung zu sorgen, nachdem andere ihre Kreativität ausgelebt hatten. Auch als er zwischenzeitlich nur selten zu Prüfungen zugelassen wurde, was primär an seinen wohl nur schwer zu behebenden Defiziten in der Kombinatorik lag, unterstützte er die Gruppe und klagte nicht. Bereits früh im Jahr beeindruckte er zudem, als er den Abschluss eines Freundes sehr aufwändig vorbereitete; seinen eigenen Abschluss stellte er erst bei der finalen Prüfung sicher, dort aber auf fulminante Art und Weise.

Hajime konnte sich als Neuling aufgrund seiner Vorerfahrungen zu Beginn sehr rasch integrieren und setzte die Vorgaben des Lehrpersonals entsprechend routiniert um. Leider konnte er nach einer Krankheitsphase, in die zudem ein Lehrerwechsel fiel, nicht mehr richtig Fuß fassen und kehrte in seine ferne Heimat zurück.

Christian gewöhnte sich, für manche überraschend, extrem schnell an die Gepflogenheiten und Besonderheiten der niedrigeren Klasse. Sehr früh begann er, anders als in vorherigen Jahren, zielstrebig auf seinen Abschluss hinzuarbeiten – und das durchaus mit Erfolg. Er übernahm große Verantwortung innerhalb der Gruppe und war stets bestrebt, seine Freunde bei ihren Aufgaben zu unterstützen. Mitunter verlor er dabei seine eigentlichen Pflichten ein wenig aus dem Blick; gerade im Rahmen von Gruppenarbeiten nahm er zudem in taktischen Fragen häufig vogelwilde Positionen ein. Seine Identifikation mit der Einrichtung ist beispielhaft, sein Engagement vorbildlich. Seine Teilnahme an der Rhetorik AG trug weiterhin Früchte. Christian erhält einen Preis in Form einer Radkappe.

Berkay übersprang zu Jahresbeginn gleich mehrere Klassen und wurde trotz gewisser Defizite beim Arbeitstempo in Gruppenarbeiten sehr schnell mit zentralen Aufgaben betraut. Dies lag in erster Linie an seinem selbstverständlichen Umgang mit Grundtechniken sowie an einigen kreativen Ideen, die er offensiv vortrug. Seine Prüfungsleistungen schwankten altersentsprechend, doch er ließ sich nicht entmutigen und zeigte sich im Lauf des Jahres auch in Drucksituationen zunehmend abgehärtet. Erfreulich war zudem seine Bereitschaft, den Freunden aus seiner früheren Klasse bei ihren entscheidenden Prüfungen mit der Vorbereitung zu helfen, obwohl ihm selbst der Abschluss verwehrt blieb.

Alexandru gilt seit langem als hochbegabt, wirkte aber lange zu verspielt. Er hat Probleme, Ordnung zu halten und schnöde aufzuräumen. Dies zeigte sich besonders deutlich, als er trotz expliziter Aufforderung durch das Lehrpersonal nicht bereit war, ein ganzes Spiel zu tragen, sondern immer nur Fragmente auf den Platz brachte. Obwohl er in der Folge nur selten an Prüfungen teilnehmen durfte, blieb er in den Übungsstunden engagiert und half damit nicht nur sich selbst, sondern konnte bald auch seine Freunde in den hinteren Reihen besser unterstützen. In den letzten Wochen übernahm er, egal wo er eingeteilt wurde, in den Gruppenarbeiten Verantwortung und kam mit ungewohnter Zielstrebigkeit zu eleganten Lösungen. Dabei setzte er Standards im Bemühen um erfolgreiche Abschlüsse. Alexandru erhält einen Lob.

Josip kam im Winter im Rahmen eines Austauschprogramms von einer ebenfalls branchennahen Einrichtung zu uns. Trotz seines jungen Alters zeigte er gleich bei seiner ersten kompletten Prüfung, noch dazu einer landesweiten Vergleichsarbeit, einen fulminanten Lösungsweg auf, der in Fachkreisen auf hohe Anerkennung stieß und mit einem Preis bedacht wurde. In der Folge tat er sich kurzzeitig etwas schwer mit dem Gewöhnlichen und erhielt verstärkt die Gelegenheit, sich in Übungsstunden zu versuchen, ehe er wieder an vollwertigen Gruppenarbeiten teilnehmen durfte. Zum Jahresende hin steigerte er sich noch einmal merklich und beeindruckte insbesondere bei einer eisenharten abendlichen Prüfung mit seinem enorm hohen Arbeitstempo und bemerkenswerter technischer Kompetenz.

Tobias hat ein hartes Jahr hinter sich. Als Neuling in der Gruppe musste er zunächst mit einer sehr schwierigen familiären Situation umgehen, später folgten längere Krankheitsphasen, während derer sich seine Freunde längst in zunehmend funktionierenden Arbeitsgruppen zusammengefunden hatten. Seine Leistungen sind vor diesem Hintergrund kaum zu bewerten. In der Gruppe ist er beliebt und wird auf Probe in die höhere Klasse versetzt.

Carlos benötigte zu Beginn seines Austauschprogramms ein paar Wochen, ehe er erstmals an einer Prüfung mitwirken durfte, hinterließ dort aber binnen kürzester Zeit einen formidablen Eindruck, als er einen von Benjamin aufgezeigten direkten Lösungsweg veredelte. Fortan war er fixes Mitglied seiner Arbeitsgruppe, die häufig auf seine individuellen Lösungsansätze setzte, mit denen er manch gutes Gruppenresultat ermöglichte – so auch bei der letzten Teamarbeit vor seiner Erkrankung, als er, bereits sichtlich geschwächt, kurz vor Schluss einen Lösungsweg erkannte und sich darauf stürzte. Wir wünschen ihm eine baldige vollständige Genesung und hoffen, dass er sich danach etwas zielstrebiger um seinen Abschluss kümmert.

Julian hatte sich in den vergangenen Jahren mit wechselndem Erfolg an verschiedenen alteingesessenen, im Hier und Jetzt indes deutlich auseinanderdriftenden Einrichtungen versucht, ehe er im Winter zu uns kam. Er nahm rasch an einigen Prüfungen teil, schaffte aber mit einer Ausnahme nicht die erwarteten Ergebnisse. Oft wirkte er in seinen Lösungsansätzen etwas eingefahren, ohne erkennbaren Willen, andere Wege zu versuchen oder gar seine Freunde zur Unterstützung einzubeziehen – Emiliano wäre zweifellos bereit gewesen. Ein Gespräch ist erwünscht.

Takuma kam im Sommer durch ein voraussichtlich zweijähriges Austauschprogramm an unsere Einrichtung und beeindruckte von Beginn an mit seiner außergewöhnlichen Arbeitsgeschwindigkeit. Leider legt er etwas zu viel Wert auf das Tempo und vergisst dafür gelegentlich zentrale Elemente. Es gelang ihm noch nicht, über einen längeren Zeitraum hinweg konstante Leistungen zu erbringen. Dass er in der gesamten Einrichtung und insbesondere beim Förderverein gleichwohl sehr hohes Ansehen genießt, liegt in hohem Maße an seinem überdurchschnittlichen Beitrag zum Ergebnis einer prestigeträchtigen landesweiten Vergleichsprüfung.

Simon zeigte sich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase – er kannte die Klasse sehr gut – außergewöhnlich fokussiert. Er arbeitete engagiert und entschlossen auf den Abschluss hin, wofür er kaum eine Gelegenheit ungenutzt ließ. Sein hoher Aufwand ist stets zielgerichtet, seine mitunter kopflastige Arbeitsweise präzise und schnörkellos. Dadurch löste er den Großteil seiner Abschlussaufgaben im ersten Versuch, bewies bisweilen aber auch die Fähigkeit zu kreativen, nicht ganz geradlinigen Lösungen. Sein Ansehen ist enorm, was neben seinen Leistungen am Einsatz für die Gruppe sowie an seiner kommunikativen und sozialen Kompetenz liegt. Umso erfreulicher ist es, dass sein kurzzeitig erwogener Umzug nicht zustande kommt. Simon erhält einen – etwas martialisch anmutenden – Preis.

Daniel kehrte im Lauf des Jahres nach einer – erneut – langen Erkrankung in die Gruppe zurück. Es fiel ihm nicht leicht, sich in etwas veränderter Rolle wieder einzufinden, zumal er die eine oder andere Enttäuschung bei der Zusammensetzung der Arbeitsgruppen hinnehmen musste – glücklicherweise hat er ein breites Kreuz. Das Lehrpersonal integrierte ihn sehr behutsam, indem es seinen Anteil an den Gruppenpräsentationen wöchentlich erhöhte. Erfreulicherweise konnte er schon bald wichtige Zuarbeit leisten, die zwar nicht immer gewürdigt wurde, für das Gruppenergebnis aber von Belang war. Zum Ende hin gelang es ihm ferner, auf seinen eigenen Abschluss hinzuarbeiten – die Ochsentour der vergangenen Monate hat sich gelohnt. Daniel erhält einen Prohibitivpreis.

Boris durfte zu Beginn des Jahres an einigen Gruppenarbeiten mitwirken, trug dabei aber, wie bereits in den Vorjahren, kaum zur Lösungsfindung bei. Ab dem Winter nahm er an einem Austauschprogramm teil, in dessen Rahmen er ein neues Land kennenlernen durfte, einem erfolgreichen Abschluss aber kaum näher kam. Ein Abschiedsgespräch ist erwünscht.

Hannes kam im Spätsommer etwas unerwartet aus einem externen jüngeren Jahrgang zu uns und stand dementsprechend unter Beobachtung, mit der er, Verzeihung, sie sehr souverän umgingen. Als Neuling gelang es ihm, der Gruppe mehr Freude an ihrem Tun sowie einige neue Ansätze für ihr Miteinander zu vermitteln. Etwas überraschend entschied er sich gegen eine Vertiefung in Philosophie, um sich stattdessen einer intensiveren individuellen Prüfungsvorbereitung zu widmen. Diese schlug sich häufig in guten Ergebnissen nieder; die klassische rückwärtsgewandte Strategie “Mut zur Lücke” konnte indes auch er nicht ausmerzen. Obwohl er zudem bei einzelnen Projekten nicht gut aufgestellt schien, hat er die Versetzung in die höhere Klasse redlich verdient. Hannes erhält ein Lob: net schlecht.

Jos wurde im Sommer mit offenen Armen empfangen, weil er die schwierige Situation der Klasse kannte. Dank seiner disziplinierten, an klassischen Werten orientierten Arbeitsweise schien er gut zur Gruppe zu passen. Als in seinem Schlepptau immer mehr Freunde zur Gruppe stoßen wollten, entstanden indes erste Probleme mit der Einrichtungsleitung, die auch noch einige Plätze für jüngere Nachrücker freihalten wollte. Eine Einigung schien schwierig. Er zweifelte zunehmend an der Versetzung und verließ daraufhin konsequenterweise die Gruppe. Jos hätte einen Preis erhalten, verzichtete jedoch.

Olaf half seiner Gruppe im Spätsommer kurzfristig aus, um trotz eines unerwarteten Ausfalls zwei Prüfungen absolvieren zu können – das erzielte Rekordergebnis spricht für sich. Weitere anstehende Herausforderungen beobachtete er loyal, ehe er im Spätherbst an eine andere Einrichtung mit ausgeprägteren Schwerpunktfächern (Politik, Marketing) wechselte und dort rasch Verantwortung für die Gruppe übernahm. Olaf erhält einen Preis in Form eines Rettershirts.

Jan hatte an einer anderen Einrichtung seine Laufbahn vor einigen Jahren trotz vielversprechender Perspektiven abrupt abgebrochen und stieg erst im vergangenen Sommer wieder ein, begleitet von mancherlei Zweifeln in und außerhalb unserer Institution. Tatsächlich fand er sich aber zügig wieder zurecht und konnte nach einer kurzen Meinungsverschiedenheit mit dem Lehrpersonal einige seiner kreativen, aber nicht ganz risikofreien Vorschläge durchsetzen – wenn auch teilweise nur zeitlich befristet, zunächst. Seine ruhige Art kam in der Gruppe wie beim Förderverein gut an, allerdings wird er sich angesichts der Versetzung in die höhere Klasse demnächst noch an wesentlich größeren Herausforderungen beweisen müssen. Hierzu könnte die eine oder andere althergebrachte, vielleicht rückwärtsgewandte Lösungsalternative notwendig sein.

Wolfgang wurde im Herbst am Ende eines für alle Seiten anstrengenden Verfahrens und trotz einiger kontroverser Episoden aus seiner Vergangenheit aufgenommen. Er bestätigte sogleich, dass er nicht nur Verantwortung übernehmen will, sondern Konflikten nicht aus dem Weg geht und sein Herz bisweilen auf der Zunge trägt. Nach einem dreisten initialen Versuch, Einfluss auf die Einrichtungsordnung zu nehmen, verhielt er sich in den ersten Monaten recht unauffällig, arbeitete offenbar fleißig und mischte sich selten vernehmlich ein; gleichwohl wurde deutlich, dass ihm daran gelegen war, die Kräfteverhältnisse – mit hohem persönlichem Engagement und letztlich bemerkenswertem Erfolg – grundlegend in seinem Sinne zu verändern. Zu diesem Behufe verteilte er großzügige Geschenke und Versprechungen, über deren Haltbarkeit es unterschiedliche Sichtweisen gibt. Einwände aus den Reihen des Fördervereins fochten ihn nicht an, zumal er wichtige Akteure aus dem Freundeskreis auf seiner Seite wusste. Einigen Alumni, die Ja zu seiner Sache sagten, hätte man gewünscht, sie hätten im Philosophiekurs bleiben können. Einen Preis lehnt Wolfgang ab. Sagt er.

 

Frühere Verbalbeurteilungen.

 

Keine Lust

Am Montagabend gewann der VfB Stuttgart gegen einen unmittelbaren Konkurrenten mit 3:1, und das war ziemlich schön. Neutrale Beobachter zogen den Hut, Fans, soziale Netzwerke und Medien überschlugen sich vor Begeisterung, rund um das Stadion blickte man in verzückte Gesichter, deren Strahlen man bisweilen auch tags darauf beim Bäcker oder im Büro noch erahnen konnte.

Und wie sie alle darüber redeten! Menschen, mit denen ich so gut wie nie über Fußball spreche, die vermutlich von meinem Interesse ebenso wenig wussten wie ich von ihrem, konnten nicht an sich halten, die Begeisterung platzte buchstäblich aus ihnen heraus, ob sie nun nur ferngesehen oder die gemeinschaftliche Freude im Stadion erlebt hatten.

Meensch, der VfB! Endlich! So hatten wir uns das von Anfang vorgestellt! Der Maxim, meine Fresse! Und Brekalo, dieses Büble, aber mit allen Wassern gewaschen. Fällt a bissle leicht, Jugo halt, woisch, und dann noch Asano, schnell wie d’Sau, kommt ja von Arsenal. Der Gintschek und sein Kollege, der Terodde, was für ein Sturm, da wäre in der Bundesliga so mancher froh, und die können ja auch richtig gut miteinander, und sie schwärmen und schwelgen, und fast erschrecken sie darob ein bisschen.

Aber, sagen sie dann, und jeden Tag ist es seither ein bisschen deutlicher zu vernehmen, noch ist ja nichts  … und auch am Montag hätte ja, wenn Union oder der Schiedsrichter  … hoffentlich heben Sie jetzt nicht … und wir kennen ja alle unsern VfB, Sie wissed scho, die haben schon so oft …

Ach, lasst mich doch in Ruhe! Ja, die Saison ist noch nicht zu Ende. Ja, da kann noch ne Menge schiefgehen. Aber ganz ehrlich: Ich werde es nicht verhindern können. Ob ich heute am Rad drehe, mir schon mal das Outfit für die Aufstiegsfeier zurechtlege und dem Chef sage, dass ich am 22. Mai keine Lust habe, vielleicht auch schon am 15. oder gar am 8., oder ob ich mich zur Ordnung rufe und mir für jeden überschwänglichen Satz den Mund mit Seife auswasche, ehe ich mich als Flagellant versuche, nun, es macht keinen Unterschied.

Kein Spieler, kein Trainer, niemand aus dem Funktionsteam wird wegen meiner Euphorie auch nur einen Hauch unkonzentrierter an die nächsten Aufgaben herangehen. Auch dann nicht, wenn es da draußen 50.000 andere wie mich gibt. Und wenn mein Stadionnachbar vom Uefa-Cup-Finale 2019 im Neckarstadion träumt, nun, dann sei es eben so. Maxim ist es egal. Brekalo auch, und Insúa erst recht.

Montag war toll, es folgen noch vier weitere Spiele in der zweiten Liga, auf die das Trainerteam die Spieler in aller gebotenen Ernsthaftigkeit vorbereiten und die diese Mannschaft dann mit hinreichendem Erfolg bestreiten wird, oder eben nicht, aber das hat dann nichts mit mir zu tun. Ich freue mich riesig auf diese Spiele, hoffe, wie es Fußballfans eben tun, auf ähnliche Auftritte wie am Montag, und am Ende steht der Aufstieg. Falls nicht, erfahre ich es noch früh genug. Aber Chef, am 22. Mai hab ich keine Lust.

 

 

 

Lieber Kevin Großkreutz,

es ist mir ein bisschen unangenehm, ein gleichsam franzjosefwagnereskes Format zu wählen, gerade angesichts des Umstands, dass sein Organ der Niedertracht auch in Ihrem Fall seinem Ruf gerecht zu werden scheint. Und es ist mir ein ganz kleines bisschen unangenehm, dass ich Ihrem Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, je nach Lesart möglicherweise nicht nachkomme. Da es sich jedoch um einen dieser albernen offenen Briefe handelt, die der vorgebliche Adressat ohnehin nie zu lesen bekommen wird, kann ich mit Letzterem umgehen. Und Ersteres, nun ja – wo kämen wir denn hin, wenn wir denen ein ganzes Format überließen? Also, von vorn:

Lieber Kevin Großkreutz,

ich will der Wahrheit die Ehre geben und festhalten, dass ich Ihnen gegenüber nicht objektiv bin. Es ist bald sechs Jahre her, dass ich mich an dieser Stelle zum “Kevinismus” bekannt habe – nicht zu jenem Kevinismus, wohlgemerkt, der es für lustig hält, junge Leute ob ihres Vornamens schenkelklopfend zu kategorisieren und zu stigmatisieren, sondern zu einem positiven Kevinismus, einer Begeisterung sowohl für Ihre Art, Fußball zu spielen, als auch für die Überzeugung, mit der sie ihren Verein und mit der sie Fanperspektiven vertraten – und dieser Kevinismus steckt noch immer in mir.

Mir ist bewusst, dass in diesen sechs Jahren bei Ihnen eine Menge passiert ist, sportlich wie auch abseits des Spielfeldes, und nicht alles hat mir Freude bereitet. Sportlich verloren sie einerseits beim BVB zusehends an Boden und Status, trafen zudem eine Wechselentscheidung, die sich als unglücklich erwies; andererseits wurden Sie Weltmeister, und lassen Sie sich bloß nicht einreden, Sie seien ein Weltmeister zweiter Klasse! Neben dem Platz lief immer mal wieder etwas schief, nicht zuletzt im unmittelbaren zeitlichen Umfeld der Weltmeisterschaft, und obschon ich stets dafür plädierte, nicht alles auf die Goldwaage zu legen, junge Männer auch mal übers Ziel hinausschießen zu lassen, frug ich mich auch als Kevinist das eine oder andere Mal, ob sie nicht einen Moment länger hätten nachdenken und zu einem anderen Schluss kommen können.

Vor einem guten Jahr kamen Sie dann zum VfB, von vielen Unkenrufen und ebenso viel Vorfreude begleitet, und Sie können sich vorstellen, welches Gefühl bei mir nicht nur überwog, sondern die alleinige Stimmungslage darstellte.

In mancherlei Hinsicht erfüllten Sie meine hohen Erwartungen. Sie gingen voran, zeigten sich mutig, suchten die Nähe zu den Fans, waren gerade in einer Phase, die für den gesamten Verein eine Zerreißprobe darstellte, die im Übrigen noch lange nicht überwunden ist, ein immens wichtiges Bindeglied zwischen Mannschaft und Fans – wenn schon das Tischtuch zwischen Fans und Vereinsführung fast komplett zerschnitten schien.

Ihr rasches und deutliches Bekenntnis, mit dem VfB in die zweite Liga zu gehen, war beispielhaft, wenn auch leider nicht im erhofften Ausmaß Beispiel gebend, und hat Ihnen – genau wie Ihre Entscheidung, zu früh und noch zu verletzt auf den Platz zurückzukehren, um den Klassenerhalt zu sichern – viel Anerkennung eingebracht. Eine Anerkennung, von der ich glaube, dass Sie Ihnen wichtig ist, wichtiger als vielen anderen Fußballspielern, und wenn ich ehrlich bin, halte ich Anerkennung für einen zu schwachen Begriff. Es geht vielmehr darum, und mehr Pathos habe ich heute nicht zu bieten, in den Herzen der Fans zu sein.

Gewiss, Sie haben auch in der zweiten Liga eine Menge Geld verdient, und es wäre naiv zu glauben, dass der VfB so besonders wäre, dass Sie andernorts, wo auch immer ihr Weg Sie sonst hingeführt hätte, nicht auch eine ähnliche Bindung zu den jeweiligen Fans aufgebaut hätten. Sie interagieren mit den Fans, häufig bekommen Sie viel zurück. Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, dass die Anerkennung, um zu diesem neutralen Begriff zurückzukehren, von Seiten der Fans in Ihrer Prioritätenliste möglicherweise einen Tick zu hoch angesiedelt ist. Das macht sie sympathisch, mir zumindest, aber ich zweifle, ob es Ihrem fußballerischen Fortkommen immer zugutekam.

Ich sagte zuvor, Sie hätten meine hohen Erwartungen in mancherlei Hinsicht erfüllt. In sportlicher Hinsicht war dem leider nur bedingt so. Ich sah sie ohnehin ungern als Rechtsverteidiger, einfach weil ich Sie noch aus Ihrer ersten Meistersaison vor Augen hatte, speziell damals, in Leverkusen, Sie wissen schon. Doch leider waren Sie nicht mehr auf diesem Niveau, und, nicht zu vergessen, Ihre Mitspieler auch nicht. Ich erinnere mich an eines Ihrer ersten Spiele im VfB-Trikot, als Sie von einem Ihrer Mitspieler in eine ganz akzeptable Schussposition gebracht wurden, dann aber nicht abschlossen, sondern noch einmal Ihren Mitspieler einzusetzen versuchten, und vor meinem geistigen Auge spritzte Lukasz Piszczek in diesen Ball, den er dann von der Grundlinie nach innen spielen würde, fein vollendet von Shinji Kagawa. Ihr Stuttgarter Mitspieler war indes stehen geblieben. Tja.

Gerne hätte ich Sie weiter vorne gesehen. Mit der nötigen Spritzigkeit, mit Tempo und Dynamik, mit der Torgefahr, die sie einst ausstrahlten und in Stuttgart nur selten zeigten. Ihr Körper schien mir nicht in dem Zustand, dessen es dafür bedurft hätte, und wie groß Ihr Anteil an dieser Situation war, vermag ich nicht zu beurteilen.

Es wäre mir eine Freude gewesen, Sie noch einmal in bestechender Form für den VfB spielen zu sehen, zunächst in der zweiten und bald auch wieder in der ersten Bundesliga, dazwischen als Feierbiest, doch es wird weder mir noch vor allem Ihnen vergönnt sein, dieses Szenario zu erleben.

Und ja, ich bin enttäuscht, dass Sie es anscheinend, Verzeihung, verkackt haben. Ich bin sauer, weil Sie eine Dummheit begangen haben, die das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen brachte, anstatt einen Moment länger darüber nachzudenken. Vielfach habe ich gehört und gelesen, der VfB Stuttgart habe keine andere Wahl gehabt, als sich von Ihnen zu trennen. Vielleicht ist das so. Ich weiß nicht, was Sie genau getan haben, habe nicht die Informationen, die diesen Leuten vermutlich vorliegen, doch offenbar gibt es mindestens einen Aspekt an der Geschichte, der die Vereinsführung bewog, den Stab über Sie zu brechen. Ich hatte mir das nicht vorstellen können und hoffe nur (für sie) bzw. befürchte (für Sie), dass es dafür valide Gründe gibt.

So sehr ich mir übrigens von meinem Verein Transparenz wünsche, so dankbar bin ich ihm aktuell, dass er uns an dieser Stelle mit Allgemeinplätzen abspeist und Sie zu schützen sucht.

Lieber Kevin Großkreutz, ich war tief beeindruckt von Ihrer Entscheidung, sich vor der versammelten Presse zu der Trennung zu äußern und nicht durch die Hintertür zu gehen. Wegducken ist Ihre Sache nicht, dafür zolle ich Ihnen hohen Respekt. Aber mein Respekt ist ebenso irrelevant wie mein Mitgefühl, wie die Tränen, die ich, wie so viele andere, bei Ihrem Abschied nicht zurückhalten konnte.

Vielmehr wünsche ich Ihnen, dass Sie bei denjenigen, die Sie um Entschuldigung gebeten haben, bei denjenigen, die auch lange nach dem VfB und lange nach dem Fußball noch um Sie herum sein sollen, Gehör finden und gemeinsam wieder in eine bessere Spur finden. Alles Gute dafür!

Betrübt,
Ihr

@heinzkamke