Die Löw'sche Leverkusen-Legende

Es gilt bekanntlich als offenes Geheimnis, dass Joachim Löw ein besonderes Faible für Spieler von Bayer Leverkusen hat. Genau genommen gilt das, wer wüsste es nicht, auch für Werder Bremen, aber die haben nicht so gut in die Überschrift gepasst.

Wie auch immer: man hört und liest also allenthalben, off- wie online, der Bundestrainer sehe sich zum einen jedes Bremer Heimspiel an (Braunkohl-Connection), zum anderen sei er ein überzeugter Anhänger der sogenannten “Leverkusener Schule”. Wann immer sich die Gelegenheit biete, einen Spieler eines anderen Vereins zu brüskieren und statt seiner einen Durchschnittskicker aus Bremenkusen zu nominieren, nehme er diese genüsslich wahr. Das Ziel, mit der Nationalmannschaft möglichst gute Ergebnisse zu erzielen, eventuell gar Titel zu erringen, rücke dabei, obwohl es durchaus in seinem eigenen Interesse liegen müsste, weit in den Hintergrund.

Zwar kann ich es nicht so recht erklären, doch irgendwie kommt mir diese Sichtweise nicht in allen Punkten stimmig vor. Man möge mich steinigen, aber ich halte Löws Leverkusen-Liebe für eine Legende. Analog bei den Bremern, übrigens. Fundiert begründen kann ich diese Meinung nicht.

Was ich indes kann: malen, für den Hausgebrauch. Also habe ich mir ein paar Grafiken zusammengezimmert, die die Leverkusenlegende entlarven und das Bremen-Bashing als haltlos darstellen sollen.

Fangen wir mit der Frage an, ob Joachim Löw in seiner Amtszeit tatsächlich außergewöhnlich viele Spieler aus Bremen oder Leverkusen eingesetzt hat.
Und stellen fest: er hat.

Kein anderer Verein hat in der Ära Löw so viele Nationalspieler gestellt wie Werder und Bayer, der VfB Stuttgart ist knapp dahinter, Bayern, Schalke und gerade noch Wolfsburg zählen zur erweiterten Spitzengruppe.

Bis hierhin spricht in der Tat wenig gegen die These, dass Bremer und Leverkuser bevorzugt werden. Wobei die bloße Zahl der eingesetzten Spieler insofern eine zweifelhafte Größe ist, als sie beispielsweise einer Merchandisingreise nach Asien und den entsprechenden Notfallnominierungen geschuldet sein könnte. Etwas aussagekräftiger dürfte die Zahl der Nationalmannschaftseinsätze pro Verein sein.
Et voilà:

Die Bayern also. Kein Wunder, kommen doch allein die Dauerbrenner Lahm, Schweinsteiger und Podolski zusammen auf über 100 Einsätze. Bremen ebenfalls weit über dem Durchschnitt, genau wie Stuttgart sowie mit etwas Abstand Leverkusen und Schalke. Der HSV erreicht mit 32 Einsätzen genau den Schnitt der aktuellen Bundesligateams. Womit Leverkusen ein bisschen, Bremen indes noch nicht rehabilitiert wäre.

Noch gar nicht betrachtet haben wir bis hierher das viel zitierte Löw’sche Leistungsprinzip. Beispielsweise könnte man die Noten der betreffenden Spieler in den einschlägigen Magazinen betrachten und eine Korrelation zur Einsatzhäufigkeit überprüfen. Dazu habe ich weder Zeit noch Lust, vor allem aber sind Relevanz und Objektivität dieser Noten nicht endgültig erwiesen. Deutlich glaubwürdiger, wenn auch weniger individuell, erscheint mir in diesem Zusammenhang der Blick auf die zählbaren Fakten. Ich glaube tatsächlich, dass man tendenziell mehr gute Spieler bei denjenigen Mannschaften findet, die mehr Punkte sammeln. Das mag im Einzelfall ein Trugschluss sein; gleichwohl bin ich, insgesamt betrachtet, von dieser Sichtweise überzeugt. Demzufolge habe ich einmal die in der Ära Löw gesammelten Punkte aus der ersten Bundesliga addiert:

Hm. Mit etwas gutem Willen könte man wohl zu dem Schluss kommen, dass die Vereine, deren Spieler häufig in der Nationalmannschaft spielen, in aller Regel auch in der Bundesliga recht viele Punkte holen. Eine Korrelation. Über Kausalitäten will ich nicht spekulieren. Leverkusen und Bremen, Jogis Lieblinge, sind in der Spitzengruppe zu finden. Bremen zählt gar gemeinsam mit Bayern, dem VfB und Schalke zu den wenigen Vereinen, die seit der WM 2006 mehr als 200 Punkte gesammelt haben. Die vielnominierten Bremer waren also auch in der Bundesliga besonders erfolgreich, die etwas weniger häufig eingesetzten Leverkusener erzielten auch etwas weniger Punkte.

Schalke passt da nicht so ganz ins Bild – ein Eindruck, der sich verfestigt, wenn man die Summe der Platzierungen aus den letzten drei Spielzeiten betrachtet (Eine noch größere Spielerei als die vorhergehenden Grafiken? Mag sein.):

Wie dem auch sei: Schalke ist hinter Bayern und dem VfB Stuttgart die bestplatzierte Mannschaft der letzten drei Jahre, hat aber nur vergleichsweise wenig Länderspieleinsätze. Da schlagen nicht zuletzt die Fälle Kuranyi und Jones durch, die sportlich aus meiner Sicht nur schwer nachzuvollziehen sind. Bremen und Leverkusen auch hier in der Spitzengruppe, was erneut nicht unbedingt für eine unbotmäßige und systematische Bevorzugung spricht.

Neben den soliden Dortmundern und natürlich Frankfurt, das völlig durch das Raster fällt, könnte man zudem meinen, dass der HSV schlecht wegkommt: die sechstmeisten Punkte, fünftbeste Platzierungsbilanz, aber viel weniger Länderspiele als die Topmannschaften. Eines sollte man allerdings nicht ganz außer acht lassen:

Beim HSV hatten deutsche bzw. für die deutsche Nationalmannschaft spielberechtigte Spieler nur 569 mal die Gelegenheit, sich bei Joachim Löw zu empfehlen – 40% der maximal möglichen Einsätze, über 300 weniger als bei Bayer Leverkusen, das den Spitzenrang einnimmt und gemeinsam mit dem anderen vermeintlichen Hätschelkind Werder Bremen sowie dem VfB Stuttgart bei einer Deutschenquote von etwa 50 % liegt – faktisch liegt sie noch ein Stück höher, da nicht in jedem Spiel das Auswechselkontingent ausgeschöpft wird. Wo viele Deutsche spielen, können wohl auch viele nominiert werden.

Interessant übrigens die Hertha, die in der gesamten Saison 2008/09 insgesamt nur 6 deutsche Spieler eingesetzt hat, darunter der frühere DFB-Jugendspieler Sofian Chahed, der mittlerweile nicht mehr für Deutschland spielberechtigt ist. Maximilian Nicu, der meines Wissens nie für den DFB spielte und bereits in jener Saison für Rumänien antrat, könnte man mit etwas Wohlwollen noch hinzunehmen.

Was bleibt?
Für mich zunächst einmal die Bestätigung, dass man Joachim Löws Liebe zu Leverkusen und Bremen (oder war es doch ein anderer Verein?), auch wenn Fußball keine Mathematik ist, in mancher Hinsicht durchaus nachvollziehen kann – vielleicht haben wir es ja doch mit einer Legende zu tun. Dann die Erkenntnis, dass Schalke einerseits überraschend, andererseits angesichts der genannten Fälle dann doch nicht ganz unerwartet, keine sehr hohe Quote aufweist. Und die Feststellung, dass es keine annähernd proportionale Berücksichtigung von Spielern aus Vereinen gibt, die sich in den letzten Jahren abseits der Europapokalplätze tummelten. Was meines Erachtens zumindest statistisch (auch wenn ich beispielsweise bei Mats Hummels eine ganz andere Position vertrete als der Bundestrainer) mit dem Leistungsprinzip durchaus vereinbar ist.

Was ich noch sagen wollte:
Meine Argumentation ist nicht wissenschaftlich fundiert, sie ist sehr leicht angreifbar, die Daten sind selektiv, manchmal willkürlich, ich bin mit einer vorgefassten Meinung herangegangen, kurz: es ist die Light-Version eines Gefälligkeitsgutachtens. Als Diskussionsbasis dürfte es allerdings auch nicht schlechter sein als apodiktische Aussagen zur Stuttgarter Leverkusener Schule oder Spätzle-Braunkohl-Connection.

Wann war nochmal ganz früher?

Beim weihnachtlichen Zusammentreffen mit der Familie und vielen Freunden, die man tatsächlich kaum mehr als einmal im Jahr sieht, wurde wie so oft nicht nur viel und gern von früher gesprochen, sondern kaum weniger häufig auch von “ganz früher“. Ich dachte ja immer, dabei handle es sich um eine typische süddeutsche Unschärfe (etwa so, wie der gemeine Schwabe nicht selten “seither” sagt, wenn er eigentlich “bisher” meint). In anderen Regionen, wo man auch hochdeutsch kann, werde “ganz früher” nicht im Sinn von “noch früher”, sondern ausschließlich in der vermeintlich korrekten Bedeutung “ganz zu Beginn” (wovon auch immer) verwendet.

Zwischenzeitlich hat mir Mama Google recht deutlich vor Augen geführt, dass man auch weiter nördlich gerne “ganz früher” sagt und dabei selbst innerhalb eines halbwegs abgeschlossenen thematischen (sagen wir: Bundesligafußball in Deutschland) und implizit auch zeitlichen Spektrums einen recht breiten Korridor im Sinn haben kann.

So liegt das ein Schalker ganz früher laut derwesten.de erst etwa eine Dekade zurück, als man seinen späteren Jahrhunderttrainer Huub Stevens feierte. Olaf Thons Sternstunde gegen die Bayern war vermutlich ganz ganz früher, Carmen Thomas und der Bundesligaskandal hatten mindestens drei ganz, und der Kreisel fällt glücklicherweise zu weit aus dem hier gewählten Vergleichszeitraum Bundesliga heraus, um ihn einzuordnen.

Für einen jungen Bremer Fan liegt ganz früher – durchaus nachvollziehbar- ebenfalls in den spätern 90ern, vielleicht auch etwas später, als Andree Wiedener noch von der Partie war, und damit liegt er gar nicht so weit von jenem ganz früher entfernt, als Willi Lemke und Uli Hoeneß sich nicht allzu sehr mochten. Dabei denkt man in München durchaus gelegentlich einen Tick weiter zurück – bis zu jenem ganz früher, als Franz Beckenbauer den Libero gab (und die ganz frühere Zeit im Mittelfeld bereits hinter sich gelassen hatte). Ein etwas späteres ganz früher datiert aus dem Jahr 1998, vor Ottmar Hitzfelds Amtsantritt, vielleicht gar aus 2008, kurz bevor Jürgen Klinsmann geheim trainierte.

In Stuttgart gab es ganz früher das Neckarstadion (auch wenn wir natürlich wissen, dass das kein erschöpfender Rückblick ist), in dem Wundermann Sundermann, Ehemann der ganz früheren Rosenthal-Assistentin Monika, Ende der 70er große Erfolge feierte. Ein wenig beißt sich dieses ganz früher im Neckarstadion mit jenem ganz, ganz früher im Gottlieb-Daimler-Stadion, das Kevin Kuranyi als Protagonisten der Champions League Saison 2003 sah.

Eher irritierend fand ich, dass auch schon im Zusammenhang mit der AOL-Arena, die ich -vermutlich völlig zu Unrecht- als den Sündenfall in punkto Stadionnamen abgespeichert habe, von ganz früher die Rede ist – man möchte dementsprechend meinen, dass Olli Dittrich (Jahrgang 1956) ein paar ganz vergessen hat, wenn er von ganz, ganz früher erzählt, wie er als Jugendlicher im Volksparkstadion in der Westkurve gestanden habe.

Überhaupt, die Fans: einer stand ganz, ganz früher (ohne nähere Zeitangabe, aber er sei schon sehr alt) im Block “G” des Waldstadions, ein weiterer erlebte ganz früher, also vor etwa 20 Jahren, wie der Karlsruher Mehmet Scholl im Bochumer Ruhrstadion seinen VfL besiegte, und ein Dortmunder fasst sein ganz früher gar so weit, dass es vom Uefa-Cup-Finale 1993 über Günther Kutowski gegen Saragossa bis hin zum Stadion Rote Erde reicht, das die Bundesliga nur noch ein paar Jahre beherbergen durfte und so jenes ganz früher kaum noch erlebte, als Gladbach und Köln um die Meisterschaft kämpften.

Köln damals übrigens schon mit Toni Schumacher, der bei den Torleuten gerne mal unter ganz früher eingestuft wird. Dann dürfte Sepp Maier ein ganz mehr haben, und das ganz früher bei Toni Turek erscheint nicht ganz stringent. Er spielte allerdings auch nicht in der Bundesliga.

Einer seiner Mitweltmeister, Horst Eckel, hatte übrigens, so Dr. Theo Zwanziger, bereits ganz früher alle kaufmännischen Fragen seiner Spielerfrau übertragen, obwohl besagte Spielerfrauen ganz früher eigentlich nur dazu da sein sollten, den Spieler ruhig zu stellen. Aber das nur am Rande.

Abschließend soll nicht verschwiegen werden, dass man auch in Hoffenheim von ganz früher spricht. Von damals, 1899, als Dietmar Hopp noch selbst für den Verein spielte.

Abschalten!

Als VfB-Anhänger hat man es in dieser Saison nicht leicht. Das gilt für mich genauso wie für viele andere, vermutlich gilt es sogar für den viel geschmähten “Erfolgsfan”, auch wenn er oder sie sich nun samstags anderen, aus individueller Sicht gegenwärtig schöneren Dingen widmen kann. Ich ziehe meinen Hut vor den Leuten, die gerade in dieser Spielzeit zu (fast) jedem Auswärtsspiel fahren und sich dort ein ums andere mal fragen lassen müssen, ob der Aufwand angesichts der gezeigten Leistungen gerechtfertigt sei. Ganz bitter war sicherlich die Erfahrung in Leverkusen am vergangenen Wochenende, als man sich auf dem Weg aus der Krise wähnte und brutal eines Besseren belehrt wurde.

Vor diesem Hintergrund gibt es beachtenswerte Gründe, die Unterstützung für Mannschaft und Verein zu hinterfragen, von denen man sich ent- und vielleicht auch getäuscht fühlt. Die Cannstatter Kurve hat sich in der vergangenen Woche dafür entschieden, die Mannschaft im gestrigen Spiel gegen den VfL Bochum nicht zu unterstützen. Die Wortführer vom Commando Cannstatt schrieben dazu in ihrem “Cannstatter Blättle”:

“…Der Einfluss von uns Fans ist begrenzt, aber wir müssen jetzt ein klares Zeichen setzen. Deshalb haben wir uns entschieden, beim nächsten Heimspiel gegen Bochum auf jegliche Art der organisierten Stimmung zu verzichten. […] Die Sorge um das Wohl unseres Vereins lässt uns aber momentan keine andere Wahl als zu diesem Mittel zu greifen. Keiner hat Lust noch einmal einen Abstiegskrimi wie 2001 zu erleben. Die Erfahrung aus dieser Zeit lehrt uns auch, dass es wichtig ist, Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen und auf Veränderungen hinzuwirken. […]”

Die Beweggründe, die zu dieser Entscheidung führten, kann ich nachvollziehen, auch wenn ich sie letztlich für falsch halte. Wenn man -wie es die organisierten Fans gewiss nicht zu unrecht tun- davon ausgeht, dass die Unterstützung durch die Kurve einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Erfolg der Mannschaft hat, ist es gewagt, dieses Pfund vor dem Spiel gegen einen unmittelbaren Konkurrenten aus der Hand zu geben, quasi nach dem Motto: “Diese 3 Punkte setzen wir aufs Spiel, wenn wir dafür eine neue sportliche Leitung bekommen.” Freundlicherweise wurden den zuwider Handelnden übrigens keine Sanktionen angedroht, was zu Beginn des Spiels durch eine Ansage bekräftigt wurde, der zufolge man anfeuern dürfe, wenn man denn wolle – die Geisteshaltung, die hinter dieser gnädigen Geste steckt, lässt mich schaudern. Hätte ich ohne dieses Zugeständnis Prügel erwarten müssen, weil ich mit gar nicht so wenigen Mohikanern Unterstützungsgesänge für die eigene Mannschaft anstimmte?

Wie gesagt: die Überlegungen, die zum Verzicht auf “Support” führten, kann ich nachvollziehen, und vielleicht wird es ja heute bereits personelle Veränderungen geben. Ungeachtet dessen hat Markus Babbel natürlich recht, dass die Stimmung der Mannschaft nicht geholfen hat, und wenn jemals das Bild von der greifbaren Verunsicherung zutraf, dann in der ersten Halbzeit des gestrigen Spiels (aus vielerlei Gründen, wohlgemerkt). Gleichwohl hätte ich es begrüßt, wenn er seine Erklärungssuche nicht bei den Fans begonnen hätte. Es gab genügend andere Baustellen im bzw. rund um das Spiel des VfB. Die unangenehmste heißt für mich in zunehmendem Maße Aliaksandr Hleb, dessen Verpflichtung sich zu einem gravierenden Fehlschlag entwickelt (den man Horst Heldt aber kaum zum Vorwurf machen kann, nachdem er vor Monaten von allen Seiten dafür gefeiert wurde). Bisher dachte ich immer, er habe persönliche Gründe, den auf der linken Seite mutterseelenallein stehenden Cacau nie anzuspielen. Nachdem er gestern Magnin in der gleichen Weise aus dem Spiel nahm, in der Hoffnung, irgendwann einmal mit einem Dribbling nach innen zum Tor durchzukommen, frage ich mich ernsthaft, ob er von Arsène Wenger wirklich so viel gelernt hat, wie man gemeinhin vermutet. Er wirkt wie ein egoistischer Fremdkörper, bei dem es ins Bild passt, dass er beleidigt und mit einer wegwerfenden Handbewegung von dannen zieht, wenn der Trainer aus gutem Grund entscheidet, dass Elson und nicht Hleb einen Freistoß aus dem Halbfeld treten soll (unabhängig von der Frage, ob Trainer während des Spiels solche Entscheidungen treffen müssen).

Um es kurz zu machen: wenn das Spiel montags im DSF gelaufen wäre, hätte ich als neutraler Zuschauer spätestens nach einem Viertel der Spielzeit Peter Lustigs Rat befolgt: “Abschalten!” Dann hätte ich allerdings auch die Szene verpasst, die mir wieder einmal überdeutlich meine eigene Inkonsequenz als Fußballfan vor Augen führte – aber auch die Distanz, die der VfB noch zum Thema “Abstiegskampf” hat: taktische Fouls machen mich normalerweise rasend. Beim Gegner sowieso, aber auch als neutraler Zuschauer. Dass Elson jedoch in der 89. Minute nicht nur davon absieht, Christian Fuchs 40 Meter vor dem Tor zu foulen, sondern nach meinem Eindruck im Stadion fast noch das Bein zurückzieht, verstehe ich nicht. Ja, ich gebe zu, hier habe ich ein taktisches Foul gefordert. Eines dieser Fouls, bei denen man Spielern wie Mark van Bommel oder Christian Poulsen und selbst einem Sympathieträger wie Philipp Lahm anmerkt, dass sie das Spiel verstehen, Gefahren erkennen und sich für den Mannschaftserfolg auch mal zum Buhmann machen lassen. Das mag keine ehrenvolle Qualität sein – für die Tabelle ist sie viel wert. Und mit Blick auf gestern bezweifle ich, dass Fuchs auch aus 40 Metern getroffen hätte.

Detailliertere Aussagen zum Spiel selbst gibt’s einmal mehr im Brustring.

PS: Ja, ich habe gelesen, dass bei den Fanprotesten vor und/oder nach dem Spiel Ordner verletzt worden seien. Ich verurteile es. Aber ich habe keine Lust, mich hier intensiver mit Dummköpfen zu beschäftigen, die dem Vernehmen bzw. der hiesigen Sonntagszeitung nach Dinge wie “Wenn Ihr absteigt, schlagen wir Euch tot” skandiert haben sollen.

Und mit Udo Latteks bzw. Thomas Herrmanns Analyse der Fanszene im DSF-Doppelpass will ich mich auch nicht befassen.

[Nachtrag 6.12., 13:05: nach Medienberichten wurde Markus Babbel entlassen.]

Fußballtrainer

Es gibt ja diese Themen, bei denen jede(r) glaubt, mitreden zu können. Bildungsfragen, beispielsweise. Schließlich waren wir alle mal Schüler und wissen folglich von der Lehrerausbildung über die Unterrichtsgestaltung bis hin zur Leistungsbewertung Bescheid. Oder die verkehrlichen und umweltbezogenen Auswirkungen von Tempolimits. Oder, zugegeben (man stelle sich bildlich vor, wie sich der Schreiber an die Nase fasst), beim Thema Doping. Oder… was weiß ich.

Und natürlich beim Fußball. Dass die Deutschen (nicht nur die) ein Volk von Bundestrainern sind, ist altbekannt. In unseren Blogs geizen wir nicht mit Ratschlägen für die Trainer und Funktionäre des jeweils “eigenen” Vereins, Qualifikation hin, Kompetenz her. Selbstverständlich haben wir Begriffe wie den Target Player, die flache Vier, das vertikale Spiel und die Doppelsechs bereits mit der Muttermilch zu uns genommen (da kann Thomas Schaaf ruhig lachen) und brachten auf dem Platz schon in den späten 80ern Symmetrie ins Spiel.

Für all diejenigen, die in punkto Trainerausbildung dennoch das eine oder andere Defizit aufzuweisen haben, gibt es seit einiger Zeit die Möglichkeit, von einem Profi zu lernen. Von einem echten Fußballprofi. René Renno, der in der Saison 2007/08 vorübergehend die Nummer 1 beim VfL Bochum war und dort nach wie vor, wie sagt man, Vertrag hat, gibt sein Wissen an ambitionierte Nachwuchsfußballlehrer weiter. Das Resultat ist eine wunderbare Win-Win-Win-Situation:

  • Zahlreiche Fußballtrainer und die von ihnen trainierten Mannschaften profitieren unmittelbar, teilweise bereits in Form von Titeln, wie die gesammelten Testimonials belegen. Zurecht verweist Renno also darauf, dass er mit seinem Report “schon sehr, sehr vielen Fussballtrainern und Fussballspielern geholfen” habe.
  • Webseitenbetreiber, Blogger und Email-Versender können an einem Affiliate-Programm teilnehmen und verdienen damit viel Geld. Mit Hilfe zur Verfügung gestellter Formulierungsvorschläge kann man beispielsweise 500 € erwirtschaften, indem man lediglich 1000 Leute dazu motiviert, den Gratisreport “Die 5 Erfolgsfaktoren, mit denen Sie Ihre Mannschaft und Ihr Training massiv verbessern” anzufordern. Schafft man es indes, überschaubare 100 Abonnenten für das kostenpflichtige Fußballtraining-Vollpaket zu gewinnen, erzielt man gar einen monatlichen Verdienst von 500 €. Ein kleiner Wermutstropfen besteht jedoch darin, dass der Verdienst nicht unbegrenzt gesteigert werden kann. Im Dokument “Die 5 geheimen Erfolgsfaktoren, mit denen Sie Ihr Training und Ihre Spieler verbessern” verweist Renno völlig zurecht auf folgenden Umstand: “Damit die Anwendung der geheimen Profitipps auch wirklich effektiv bleibt, möchte ich nicht zu vielen Trainern dieses Insiderwissen preisgeben. Deshalb sind nur 1000 Plätze verfügbar. Wenn jeder diese Profitipps und -tricks anwenden würde, gäbe es zu viel Konkurrenz. Daher habe ich die Zahl der Fußballtraining-Vollpakete auf exakt 1000 begrenzt.”
  • René Renno legt bereits während seiner Zeit als Spieler den Grundstein für seine Fußballschule. Oder für die Trainerkarriere. Oder aber -schließlich liegt ihm offensichtlich die Trainerausbildung am Herzen- er macht sich um ein Anliegen von Oliver Fritsch verdient und eröffnet uns “einen zweiten (privaten?) Weg […], Fußballlehrer zu werden”.

Wahrscheinlich gibt es übrigens noch deutlich mehr Gewinner. Rennos ehemalige Trainer, zum Beispiel, deren “geheimste Insider-Spielbesprechungstipps” (ja, die bekommt man!) ihre Kompetenz in neuem Glanz erstrahlen lassen, oder Menschen wie ich, die sich an der bloßen Existenz dieses Angebots erfreuen, und möglicherweise auch der Homeshoppingkanal, der vielleicht irgendwann das Vollpaket verkaufen kann, ohne eigene Formulierungen suchen zu müssen.

Der wunderbaren Überleitungen zu einem viel wichtigeren Thema gäbe es nun viele. Beispielsweise die nachgewiesene Kommunikationskompetenz des twitternden und youtubenden Webseitenbetreibers René Renno, die jene des Sportartikelherstellers Jako weit in den Schatten stellen dürfte. Oder die Einsicht, dass, wenn wir alle Trainer sind, auch die Süddeutsche recht hatte, als sie Trainer Baade primär als Trainer sah und nicht so sehr als den “Autor, der die besten Fußball-Glossen in Deutschland schreibt“, wie Jürgen Kalwa so schön formulierte. Oder die Erkenntnis, dass Renno als Fußballprofi nicht allzu sehr darunter leiden dürfte, wenn die Abonnentenzahl seines Vollpaketes mal eine Weile stagniert, während Frank Baade an 5100 € zu knabbern hätte. Schließlich die Frage, ob René Renno mich Schlurchblogger wegen des angedeuteten Vergleichs mit einem Homeshoppingkanal abmahnen würde, wenn er nur die richtigen Anwälte hätte.

Aber wirklich Neues gibt es zu diesem anderen Thema aktuell gar nicht zu sagen. Wie hinreichend bekannt ist, hat Jako vorgestern eine Pressemitteilung veröffentlicht, über die sich viele, mich eingeschlossen, aus mancherlei Gründen sehr geärgert haben, die aber, wenn Jako Wort hält, zumindest darauf hinausläuft, dass dem Trainer aus dieser Auseinandersetzung “keine finanziellen Nachteile erwachsen”. Da er sich jedoch selbst noch nicht öffentlich zu Wort gemeldet hat, zweifle ich noch – man möge mir den Vergleich verzeihen, aber der VfB hat diesen Sommer zu viele Transfers vermeintlich abgeschlossen gehabt, die dann doch nicht realisiert wurden, als dass ich jubeln würde, bevor beide Seiten sich geäußert haben. Ganz zu schweigen von der dritten Seite, der Anwaltskanzlei, deren Rolle in der Auseinandersetzung zwischen Jako und Trainer Baade nach wie vor dringend der Klärung bedarf, wie Jens Weinreich bereits ausgeführt hat.

Zunächst aber gilt es, Jako auf die Finger zu schauen und auf den Trainer zu warten.

Ach Mensch, ich freu mich!

Jetzt ist es also vorbei. Keine Fußballspiele mehr, bei denen man sich die Fragen nach Sinn, Regelwerk und Aussagekraft stellt. Keine erklärungsbedürftigen Elfmeterschießen mehr (Nein, ich meine nicht den DFB-Pokal, wobei auch da die erste Runde nicht so richtig ernst zu nehmen war – außer für Herrn Andersen, klar), keine Auswechslungen en bloc, keine konkurrierenden Live-Übertragungen aus Schlagmichtot und Hastenichgesehn. Keine Diskussionen mehr um Kaisers Bart So weit wollen wir dann doch nicht gehen.

Die diversen Sonderhefte sind durchgelesen, teilweise bereits etwas abgegriffen, die Neuzugänge wurden, äh, abschließend bewertet, die Printmedien haben ihre Saisonvorschau-Serien zu Ende gebracht und die Abschlusstabelle ermittelt, die Vereinsblogger haben sich selbst und gegenseitig zu den jeweiligen Aussichten befragt, in den “überparteilichen” Blogs wird die Prognosephase abgeschlossen, Pay-TV-Verträge sind erneuert oder verworfen worden, das ModeratorInnen-wechsle-Dich hat seinen Abschluss gefunden.

Aber irgendwie ist jetzt mal gut.

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, morgen abend Fußball zu sehen. Echten Fußball, um Punkte. Und dann schauen wir einfach mal, wie die Wahrheit aussieht, die da in der kommenden Saison auf dem Platz herumliegt.

Ob Tuchel der bessere Rangnick ist. Wie Hertha künftig Tore schießt. Ob Kuranyi Löw in Erklärungsnöte bringt.  Ob die Eintracht glamourös spielt. Wie Soldo seine neuen Stars integriert (hat).  Ob Feulner sich endlich in der Bundesliga beweist. Wie modern Heynckes ist. Ob Mintal wieder einmal Torschützenkönig wird. Wie Frings gegen die Zeit ankämpft. Ob Schmadtke Kind die Ruhe bewahrt.  Ob Martins die Wolfsburger Torquote verbessert. Wie sehr Bailly fehlt. Ob jemand Gomez stoppen kann. Ob Boateng so auftrumpft wie bei der U21. Welcher Freiburger Nobody beeindruckt. Ob Hoffenheim wieder zaubert. Ob Bochum fünf Jahre am Stück schafft. Was Hleb so gelernt hat in der großen weiten Welt. Fußball eben.

Und ich bin gespannt auf die Analysen in all den großartigen Blogs da draußen, auf spannende Diskussionen, objektive Berichterstattung, gezielte Provokationen und das gelegentliche Bashing des jeweils eigenen Vereins.

Aus Stuttgarter Sicht freue ich mich, da wiederhole ich mich gerne, ganz besonders über den Brustring, in den Hirngabel seinen Fußballcontent ausgelagert hat und wo er derzeit ein enormes Tempo vorlegt. Er hat sich im Übrigen auch dahingehend verdient gemacht, dass er die ihm bekannten VfB-Blogs kurz vorgestellt hat.

Dann lasst jetzt mal die Spiele beginnen.