Liegengebliebenes und Aufgewärmtes

Die Nachspielzeit lief bereits, als Kai Dittmann berichtete, wie Sven Ulreich vor einem Stuttgarter Eckball Blickkontakt zu seinem Trainer gesucht habe, um von diesem ein Signal zu erhalten, ob er mit nach vorne eilen dürfe, solle, könne, müsse. Schließlich lag man in Augsburg zurück, nachdem man lange einen „Big Point“ vor Augen gehabt und viel für dessen Zustandekommen getan hatte. Sollte das alles vergebens gewesen sein?

Es ist nicht überliefert, ob Stevens Ulreich eine Absage erteilte oder ob der Blickkontakt gar nicht erst zustande kam. Sehr wohl überliefert ist indes die Reaktion des älteren Herrn in meiner Fußballkneipe, der Dittmanns Ausführungen unzweideutig kommentierte: “Was will der denn da vorne? Da fällt er bloß über die eigenen Füße.”  Die ungeteilte Liebe der Fans ist ihm im Lauf der Jahre wohl ein bisschen abhandengekommen.

Mein gequältes Lächeln signalisierte Zustimmung. Wehmütig denke ich regelmäßig an jene Zeit zurück, als jemand, vielleicht war es Eberhard Trautner, Timo Hildebrand Regionalliganiveau als Feldspieler attestierte. Das mag einem gewissen Überschwang geschuldet gewesen sein, zumal die Regional- damals die dritte Liga war, aber es lässt erahnen, worum es geht: Fußball. Und dessen grundlegende Techniken.

Auf Timo Hildebrand folgte mit Raphael Schäfer ein fußballtechnischer Antipode, und dass Schäfer dem jungen Ulreich auf Augenhöhe begegnete, kann man gerne als hübsche Randnotiz mit inhaltlicher Relevanz heranziehen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Oder anders: Sven Ulreichs Erfolgsaussichten im gegnerischen Strafraum vermute ich eher im Bereich von Oliver Kahn als von Jens Lehmann.

Aber daran lag es am Samstag nicht. Ulreich hat keine Hohle geschlagen, nicht im Dribbling den Ball verloren oder ihn sich selbst hinter die Linie geworfen. Und vermutlich entspränge es nicht nur einer sehr freien, sondern vielmehr einer boshaften Interpretation, Huub Stevens zu unterstellen, er habe den Blickkontakt mit Ulreich vermieden, weil er ihm nichts ins Gesicht sehen, weil er ihn nicht mehr sehen wollte nach zwei Gegentoren, die ihn zumindest nicht zum strahlenden Helden werden ließen. “Tapsig” wäre eine Beschreibung, die mir beim 1:0 in den Sinn käme, “unentschlossen” beim 2:1.

So läuft’s halt manchmal, und ja, es passt – daraus habe ich hier nie ein Hehl gemacht –  in mein Bild des jungen Mannes, das Bild eines durchschnittlichen Bundesligatorwarts mit großen Stärken, aber auch unübersehbaren und bis dato offenbar nicht auszumerzenden Schwächen. Und gewiss, es ist wohlfeil, jetzt darauf zurückzukommen. Schließlich hätte Ginczek ja auch einfach vor der Pause das 1:2 erzielen können. Hätte der eine oder andere die Chance gehabt, nach der Pause nachzulegen. Hätten vor dem 2:1 nicht alle stehen zu bleiben brauchen, während die Augsburger nachsetzten. Hätte sich Niedermeier einfach mal auf das sportliche Duell mit Bobadilla konzentrieren dürfen. Stimmt alles. Und hilft nichts.

Chance verpasst, hieß es allenthalben. Weil alle für den VfB gespielt hatten, es im Fall des HSV sogar danach noch taten. Aber eben auch: es ist nichts kaputtgegangen. Anders als von Giovane Elber vermutet, hat der VfB es nach wie vor komplett selbst in der Hand, die Klasse zu halten. Wenn er die verbleibenden fünf oder sieben Spiele gewinnt, können sich die anderen auf den Kopf stellen oder meinetwegen auch jeden einzelnen Schiedsrichter kaufen – es reicht nicht. Nun ist mir klar, dass weder der VfB sämtliche Spiele gewinnen noch irgendjemand einen Schiedsrichter schmieren wird, aber mein Gedanke dürfte klar sein: man hat es selbst in der Hand. Das ist weitaus mehr, als ich vor vier oder fünf Wochen erwartete.

Grade mal zwei Wochen ist es her, dass mich ein befreundeter Fan von Hannover 96 frug, ob ich “denn noch Hoffnung auf den Klassenverbleib des VfB” hätte. “Überraschenderweise ist meine Hoffnung deutlich größer als vor ein psar (sic!) Wochen”, antwortete ich. Daran hat sich nichts geändert, und ich weiß bis heute nicht, woran es gelegen hatte. Wir waren uns einig, dass nicht nur ein erneutes Schneckenrennen am Horizont dräue, sondern dass auch die B-Noten der einzelnen Schnecken durch die Bank verheerend seien, und doch war meine Zuversicht zurückgekehrt. „Trotz oder wegen Huub?“ wollte er wissen, und ich konnte oder wollte es nicht beantworten: „Mit Huub.“

Meine Zuversicht ist ungebrochen, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass beim VfB zwischenzeitlich Bewegung in die B-Note kam. Blöd nur, dass man sich davon nichts kaufen kann. Also zumindest nicht in Augsburg. In den Heimspielen sah das zuletzt, allen vorangegangenen Eindrücken zum Trotz, anders aus. Man spielte nicht nur anständig, sondern zog die A-Note gleich mit hoch, traf das Tor und punktete. Da konnten nicht mal die Wechselfehler was dagegen ausrichten.

Wechselfehler? Ok, ich sag’s, wie’s ist. Die Wechselfehler sind eigentlich durch. Hab ich schon vor Wochen drüber geschrieben. Zumindest angefangen. Und nie veröffentlicht. Jetzt liegt’s halt noch hier so rum und ist mir im Weg, also raus damit:

Vor zwei fünf Tagen Wochen gegen Frankfurt wollte Huub Stevens zur Pause wechseln. Ich kann das nicht mit Gewissheit sagen, aber alles andere würde mich sehr wundern. Oriol Romeu wärmte sich ernsthaft auf, ohne Eckle, ohne Jonglageübungen mit dem Ball auf der Schulter, sondern so richtig, mit ohne lange Hose und erhöhtem Tempo. Der Grund lag auf der Hand: Geoffroy Serey Dié, von dem die Wikipedien aller Länder, und nicht nur die, behaupten, er schreibe sich ohne Aigu, was ich aber bis zum endgültig erbrachten Beweis nicht mit meinem Sprachgefühl vereinbaren kann, hatte sich vor der Pause mit langem Atem um eine Verwarnung beworben und war in der 42. Minute endlich erfolgreich gewesen, würde also mit einer mehr als verdienten gelben Karte und einem deutlichen Eintrag im Notizblock des Schiedsrichters in die zweite Hälfte gehen, käme Romeu nicht zur Pause.

Ich unterhielt mich mit ein paar Umstehenden über die bevorstehende Auswechslung und war ehrlich gesagt etwas überrascht, dass sie diese eher nicht befürworteten. Zu wichtig schien Diés Aggressivität für das VfB-Spiel, um freiwillig auf ihn zu verzichten. Auch seine ärgerliche Angewohnheit, seine Mitspieler auch in engen Räumen und ohne Not gerne mal auf Knie-, Hüft- oder Schulterhöhe anzuspielen, tat da keinen Abbruch. Hoffnungsträger!

So ähnlich sah das dann wohl auch der Trainer. Er überlegte es sich in der Kabine noch einmal, dürfte seinem Königstransfer ins Gewissen geredet und ihn vor einer weiteren auch nur annähernd gelbwürdigen Aktion gewarnt haben, und ließ ihn auf dem Feld. Fünf Minuten später stellte er sich im Zweikampf ungeschickt an, verzichtete dann auf bissige Rückeroberungsbemühungen und war zum wiederholten Male an einem Gegentor beteiligt.

Stevens reagierte, nahm Dié nun doch vom Feld – und wurde ausgepfiffen. Um mich herum beklagten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, dass er doch nicht seinen auffälligsten, aggressivsten, besten, was auch immer, Mann vom Platz nehmen könne, Sie wissen schon, und ich frug mich, frage mich in der einen oder anderen stillen Minute noch immer, ob ich bis dahin vielleicht einfach ein anderes Spiel gesehen hatte.

In diesem meinem Spiel also schien der Trainer schlichtweg vercoacht zu haben, und wieder einmal sollte sich zeigen, dass ich keine Ahnung habe. Die Mannschaft hatte den Rückstand gebraucht, entwickelte plötzlich Torgefahr, Romeu spielte stark und Daniel Ginczek hob völlig unerwartet doch noch in der laufenden Saison den Fuß von der Bremse. Gewiss, Kopfballduell wird er auch auf absehbare Zeit keines gewinnen, aber er ist ja jung und kann noch wachsen.

Beim nächsten Heimspiel, gegen Bremen, wollte Huub Stevens wiederum wechseln. Ich kann das mit Gewissheit sagen, die medialen Regenbogengeschichten waren voll davon. Martin Harnik sollte nach zwei sehr unglücklichen Situationen vom Feld, vermutlich auch nach gewohnt engagiertem Spiel, aber das kann ich wiederum nicht mit Gewissheit sagen, weil ich das Spiel aus familiären Gründen verpasste. Immerhin war es diesmal eine unserer leichtesten Übungen gewesen, meine Karte an den Mann zu bekommen, schließlich hatte ich oft genug vom verpassten 4:4 gegen Bremen mi drei Bordon-Treffern erzählt. Mein Vertreter dürfte auch bei der diesjährigen Auflage mit dem Gebotenen nicht ganz unzufrieden gewesen sein.

Geboten wurde eben auch, um den Faden wieder aufzunehmen, der neuerliche Verzicht auf eine Auswechslung. Timo Werner stand bereit, dann bereitete Harnik den Führungstreffer vor, Stevens überlegte es sich anders und ließ Harnik auf dem Feld. Bis ihn der Schiedsrichter runterschickte. Und Bremen in Überzahl ausglich. Vercoacht, schon wieder.

Und wieder hatte ich keine Ahnung. Die Mannschaft hatte den Ausgleich gebraucht, entwickelte plötzlich Torgefahr, Daniel Ginczek ließ den Fuß von der Bremse und traf nochmals. Gewiss, Kopfballduell wird er auch auf absehbare Zeit keines gewinnen, aber er ist ja jung und kann noch wachsen.

Gegen Augsburg beging der Trainer leider keinen derartigen Wechselfehler. Aber am Wochenende steht ja wieder ein Heimspiel an. Und ich bin erneut familiär verhindert. Beste Voraussetzungen also.

 

 

Ach so, Wechselfehler ist ja noch so ein Stichwort. Domenico Tedesco geht nach Hoffenheim. Vermutlich ist der Wechsel für ihn kein Fehler. Man scheint ihm dort seine Wertschätzung etwas konkreter zum Ausdruck gebracht zu haben, als sich der VfB dazu in der Lage sah. Von welchen Kategorien wir auch immer reden mögen.

Andreas Hinkel, Tedescos Co-Trainer in der U17, scheint man auch nicht uneingeschränkt wertzuschätzen. Zur neuen Saison sind sie also beide weg, der eine in Hoffenheim, der andere sonst wo, und Rainer Adrion entblödet sich nicht, in einem beispielgebenden Blabla-Interview darauf hinzuweisen, dass die Türen für Hinkel weiterhin offen seien.

Kommunizieren wie Karl-Heinz Rummenigge. Es ist zum Heulen.

Einzelfallinduzierter Paradigmenwechsel

Um das Abwehrverhalten von Fußballspielern grundlegend zu verändern, bedarf es häufig bahnbrechender Einschnitte. Regeländerungen, zum Beispiel, von der Rückpassregel über „gleiche Höhe ist kein Abseits“ bis hin zu passivem Abseits, unnatürlichen Handbewegungen und vergrößerten Körperflächen.

Vermutlich handelt es sich bei den genannten Beispielen zum Teil gar nicht um Regel-, sondern nur um Auslegungsänderungen, möglicherweise sind diese auch gar nicht so bahnbrechend, wie der Verfasser der geneigten Leserschaft suggerieren möchte, aber zum einen versteht das außer Collinas Erben ja eh keiner so genau, und zum anderen lasse ich mir meine Legendenbildung nicht von einer vergrößerten Körperfläche nehmen. Taktische Paradigmenwechsel funktionieren übrigens auch, wie wir seit dem erhellenden Viererkettenreferat eines Zweitligatrainers im altehrwürdigen Sportstudio wissen.

Manchmal genügt allerdings auch eine einzige Szene, um Generationen von Fußballspielern in ihrem Abwehrverhalten nachhaltig zu beeinflussen. So wie Rivelinos Freistoß.

Zugegeben: er hat einige geschossen und dabei gewiss nicht selten getroffen. Letztlich wissen wir aber alle, so wir ein gewisses Alter, elterliche Fußballbücher oder einen anderweitigen Zugang zur Fußballhistorie haben, dass es um jenen einen gehen muss, dem Croy kaum mehr als eine hilflose Gewichtsverlagerung entgegenzusetzen hatte, oder, wie Harry Valérien in seinem 74er WM-Buch schrieb:

„Ein verblüffender, raffinierter Freistoßtrick. Ein brasilianischer Spieler stellte sich in die Mauer der DDR und ließ sich zu Boden fallen; durch diese Lücke schoß Rivelino den Ball ins Tor. Reaktionslos schaut DDR-Torwart Croy dem Ball nach.“

 

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Möglicherweise war Rivelino gar nicht der erste. Ich kann es zumindest nicht ausschließen. Aber Sie wissen ja: zu viel Detailwissen schadet unter Umständen der Legendenbildung. Beziehungsweise meinen Theorien zum Abwehrverhalten.

Jeder, der auf einem Fußballplatz und ganz konkret in einer Mauer steht, oder auch jede, weiß – der Legende zufolge – seit jenem Tag im Sommer 1974, dass ein Angreifer, der sich in die Mauer stellt, nicht ad hoc die Seiten gewechselt hat, sondern dass er die Abwehr irritieren oder bedrängen und im Idealfall die Lücke für den Schuss reißen möchte.

Und jeder einzelne dieser genannten Menschen, die im genannten Kontext in der Mauer standen, angefangen in der Kreisliga, ach was, in der D-Jugend, spätestens, weiß seit dem 26. Juni 1974, dass er sich gefälligst hinter den scheinbar Fahnenflüchtigen zu stellen oder ihn, noch besser, ganz aus der Mauer zu entfernen hat.

Dass die Chance, auf einen zielgenauen Freistoßschützen zu treffen, in der Kreisliga B tendenziell gering ist, mag sein. Dennoch kann man sicher sein, dass sich im Erfolgsfall mindestens ein Kübel Häme über denjenigen ergießen würde, der die Lückenbildung nicht verhindert hat, gerne verbunden mit dem Hinweis, dass man das ja schon in der C-Jugend lerne.

Ein Anfängerfehler, wenn man so will. Ein Fehler also, der ganz gut in das Bild passt, das der VfB Stuttgart in den letzten Wochen vermittelte: irgendeiner ist immer für einen stümperhaften Lapsus gut, lässt sich als letzter Mann per Bauerntrick übertölpeln, verweigert die Deckungsarbeit bei einer Standardsituation, läuft orientierungslos aus seinem Tor heraus, man möge die Reihe gerne fortsetzen.

Nun also ein bauernschlauer Freistoß. Der noch nicht einmal so geplant war, wie der Schütze wohl einräumte, aber es hilft ja nichts. Und mir fällt es fast schwer, die allseitigen Bekundungen, der neue Trainer habe mehr Stabilität in die Defensive gebracht, nicht herzhaft auszulachen. Stichwort C-Jugend.

Ok, stimmt schon: das war defensiv besser. Wer konnte auch damit rechnen, dass man plötzlich mit einem Linksverteidiger antreten würde, der sich seiner dereinst nicht nur angedeuteten Fähigkeiten erinnert? Ohne weiter auf einzelne Spieler eingehen zu wollen, steht auf der Eben-nicht-Habenseite zu verbuchen, dass man die Bremer in der B-Note ausstach und so gewisse Hoffnungen schürte, die dann zwar jäh auf eine C-Jugend-Mauer prallten, grundsätzlich aber bestehen bleiben. Auch wenn ich ohne weitere Umschweife einräume, dass ich zunehmend dazu übergehe, mir einzureden, dass andere, tiefere Ligen auch schöne Spiele haben. Der Erfolg dieser autosuggestiven Bemühungen ist gegenwärtig noch überschaubar.

Zu den sehr wenigen Dingen, die mich bei einem Fußballspiel de facto überhaupt nicht interessieren, zählt der Sitzplatz des Sportdirektors. Es sei denn, er hat das Zeug zum Politikum. Dann ist es zwar immer noch nur ein Politikum und kein Sport, aber wenigstens irgendwie relevant. Fredi Bobics Umzug auf die Tribüne hat insofern das Zeug zum Politikum, als seine Beteuerungen, der besseren Sicht wegen den Platz zu wechseln, für meinen Geschmack einen Tick zu laut zu hören waren. Die Frage, ob es nicht doch der Trainer gewesen sein könnte, der eine gewisse Präferenz geäußert hat, erscheint nicht gänzlich unpassend.

Und der Schelm, der bei der einen oder anderen Sache Böses denkt, fragt sich dann auch gleich noch, was er davon halten soll, dass, während Bobic die Elfmeterproblematik mit dem brüsken Hinweis auf Ibisevics anstehende Rückkehr beiseite wischt, der Trainer erst einmal sehen will, ob Ibisevic nach fünf Wochen Pause für einen Startelfeinsatz bereit sei.

Immerhin wissen wir nun, in wessen Entscheidungsbereich die Mannschaftsaufstellung fällt, wenn es am Sonntag gegen den HSV geht. Und ich Kindergeburtstag feiere.

Wasen, Werder, Weltklasse

Es ist ja nicht so, dass ich alles gut finde, was in der Cannstatter Kurve, wo ich mich heimisch fühle, so gesagt, getan, gesungen und irgendwie auch gespielt wird. Manches ist mir inhaltlich fern, anderes gar zuwider. Bei vielem bin ich inhaltlich völlig einer Meinung mit den aktiveren Fans, ohne dass unsere Wortwahl übereinstimmen würde. Bestimmt hätte ich auch nicht von „Bazi“-Trachten gesprochen, einfach weil der Begriff Bazi nicht zu meinem aktiven Wortschatz zählt, ich hätte ihn bis zu einer vorhin durchgeführten Kurzrecherche inhaltlich nicht einmal einordnen können.

Aber hey, „Bazitrachten raus aus Stuttgart„! Selten hatte ich so große Sympathien für ein Spruchband. Ok, das mag übertrieben sein, ich bin ja immer wieder mal sehr angetan von der Kreativität der jungen Leute, die, also die Kreativität, und nicht nur die, am Wochenende auch die Spieler noch einmal würdigten.

Aber ich hatte schlichtweg nicht damit gerechnet. Nicht zuletzt der Zusammensetzung der Kurve wegen, und so war es in der Tat auch ein diebisches Vergnügen, so manche(n) Kurvenbesucher(in) beim hoffnungslosen Versuch zu beobachten, gute Miene zum gar nicht bösen Banner zu machen, vielleicht gar das eigene Karohemdchen oder das porneuse Möchtegerndirndl zu verbergen. Verzeihung, möglicherweise vermischen sich jetzt auch die Eindrücke mit jenen aus dem tags darauf gemeinsam mit dem Sohnemann absolvierten Volksfestbesuch. Zumindest lag die „Trachten“-Dichte auch in der Kurve, um es sehr vorsichtig auszudrücken, im deutlich messbaren Bereich.

Zugegeben: so wirklich sympathisch finde ich meine ablehnende Haltung gegenüber der Volksfesttrachtenbewegung auch nicht. Ist ja irgendwie intolerant. Fast hätte ich was von Randgruppen gesagt; tatsächlich scheint die Realität aber eine andere zu sein, zumindest vor Ort in der Volksfest-Filterblase: allseits Trachten und deren Attrappen im trauten Stelldichein, die meisten fiktiv, manche württembergisch, viele bayrischen Ursprungs, wie auch das Volksfest-Merchandising weiß:

„Das Cannstatter Volksfest und Stuttgarter Frühlingsfest sind immer mehr von Besuchern geprägt, die das große Württemberger Volksvergnügen in Tracht besuchen. Sehr häufig tragen sie dabei Trachten bayrischen Ursprungs. Doch auch in Württemberg gibt es eine breite Trachten-Vielfalt.“

Trachten bayrischen Ursprungs. Ich verstehe das nicht, ehrlich nicht. Irritierte LeserInnen mögen sich fragen, ob ich nicht eigentlich was über Fußball schreiben wollte, ich würde antworten, dass ich ein bisschen vom Weg abgekommen sind, und besonders aufmerksame Mitlesende mögen zudem darauf hinweisen, dass ich Ähnliches schon einmal zu Papier (sie wissen schon) gebracht habe:

„Grundsätzlich sollen die Leute auf dem Cannstatter Volksfest meinetwegen anziehen, was sie wollen. Und wenn es Betreiber und Gäste gemeinsam für erstrebenswert halten, zu einer billigen Kopie des Münchner Oktoberfestes […] zu verkommen, dann sollen sie das halt tun. Es ist mir egal, ob sie tatsächlich die Zelte seit neuestem nach Münchner Vorbild angeordnet haben, und ich muss es nicht gutheißen, wenn Gott und die Welt in Dirndlgwand, Lederhose oder anderen Elementen der Brauchtumspflege auf den Wasen geht.“

Klingt nach meiner Einleitung ein bisschen so, als hätte ich mich mit der Zeit ein wenig radikalisiert, ne? Ist aber nicht so. Sollen sie machen. Was mir ein wenig auf die, Verzeihung, Eier, geht, ist der Versuch, so zu tun, als eifere man dem großen Bruder im Süden gar nicht nach, als habe man auf dem Volksfest schon immer Tracht getragen, württembergische natürlich. Zumindest in den 90ern scheint das eher nicht der Fall gewesen zu sein:

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Ich räume gerne ein, nicht die ganzen fünfzehn Minuten angesehen zu haben, und möchte auch niemanden dazu auffordern, aber ganz ehrlich: ich habe keine Trachten entdeckt. Vielleicht waren natürlich die 90er ganz besonders „anders“, wollte man damals mit Trachten und Traditionen nichts zu tun haben.

Übrigens, um der Wahrheit die Ehre zugeben, auch in München nicht, wenn analoge Aufnahmen nicht täuschen. Was meine Plagiatsthese zunächst einmal eher in den Bereich des Kloppesken rückt. Wo sie auch bleibt, mangels Interesse an weitergehender Recherche. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn das weitere Herumtreiben auf dem Videoportal meiner Wahl zu dem Ergebnis führen würde, dass die Dirndlquote in Stuttgart seit zehn Jahren stets höher lag als in München. man denke nur an die diplomatischen Verstrickungen!

Dann doch lieber Fußball. Da habe ich nicht so viel zu meckern, und kenne mich zudem ein bisschen besser aus. Weiß zumindest einzuschätzen, dass das sehr ordentlich war, was der VfB am Samstag gegen Bremen geboten hat. Wenn die VfB-Verantwortlichen in der Vergangenheit davon sprachen, dass man ein Spiel überlegen geführt habe und nur an der Chancenverwertung gescheitert sei, schüttelte ich häufig den Kopf, nachdem die Mannschaft zuvor ohne selbigen, also ihren, angerannt und lediglich durch eine geeignete Aneinanderreihung von Zufällen zu einigen Gelegenheiten gekommen war.

Auch am Samstag waren zwar klare und wirklich zwingende Chancen Mangelware, und wenn der Trainer meint, man könne keine Kreativität wie bei den Bayern erwarten, hat er zweifellos recht, ohne sich gleich labbadiahafter Kleinmacherei verdächtig zu machen; gleichwohl meinte ich, ein Konzept zu erkennen, Schemata, aber auch spontane Ideen und letztlich sehr wohl Elemente, die man guten Gewissens unter Kreativität rubrizieren darf.

Dass die Flanke oder der Querpass, wenn man es, wie sehr häufig, über außen versuchte, mitunter zu früh kam, zu ungenau sowieso, dass aus ganz guten (häufig Kopfball-) Chancen keine sehr guten oder gar Tore wurden, ist unstrittig, dass aus 13 Eckbällen, die allesamt nicht schlecht getreten waren, nicht mehr Gefahr erwuchs, bedauerlich, vielleicht auch ein bisschen enttäuschend, und doch: ich mache mir keine Sorgen, Die Richtung stimmt.

Es dürfte sich von selbst verstehen, dass ich dabei in erster Linie von der zweiten Halbzeit spreche. Die erste war, von den Anfangsminuten mit dem frühen Tor abgesehen, insgesamt dann doch eher beschaulich, um nicht gleich das böse Wort träge zu verwenden, eventuell gar mit Hilfe der Vokabel Selbstzufriedenheit illustriert. Naja, irgendwie ging’s und wohl allen so. Die Bremer stellten sich als, mit Verlaub, Klassenerhaltsaspirant vor, der hinten – zunächst – mit dem Stuttgarter Tempo über die Außenpositionen nicht klarkam und auch Angriffe durch die Mitte nur bedingt unterbinden konnte. Der VfB war gut gestartet und irgendwie glaubte man, dass die weiteren Treffer dann schon fallen würden.

Tatsächlich fiel nur noch eines, und ich frage mich noch immer, was Antonio Rüdiger nach der ersten, von Arthur Boka noch abgewehrten Hereingabe so dachte. An dieser Stelle könnte man sich eine absurde Top-Ten-Liste des frühen Harald Schmidt, meinetwegen auch des frühen oder auch späteren David Letterman, vorstellen, die einen träumend auf dem Rücken liegenden Rüdiger mit Gedankenblasen in der Art von „Soll ich nachher erst mit dem Riesenrad oder mit der wilden Maus fahren?“ zeigen, untermalt von passendem Sitcomgelächter. Hat man zudem seine beiden hanebüchenen Abspielfehler kurz vor Schluss vor Augen, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die durch Niedermeiers Rückkehr verschärfte Konkurrenzsituation kein Fehler ist.

Ganz nebenbei verblüfft mich immer wieder, wie sehr sich die Karrieren zweier Protagonisten einer großen Nürnberger Bundesligasaison (und eines schönen Doppelinterviews, bei dem ich damals als eigentlicher Ekici-Sympathisant erstmals das nicht näher zu bestimmende Gefühl entwickelte, dass Gündogan deutlich weiter und vielleicht auch bereiter sei) voneinander entfernt zu haben scheinen: der eine auf dem Weg in die Weltklasse, phasenweise auch schon dort angekommen, und der andere, nun ja, ich hätte mich am Samstag als Bremer Fan spätestens zur Pause gefragt, weshalb er noch auf dem Platz, bzw. wo er in den 45 Minuten zuvor gewesen ist.

Entschuldigung, ich hätte mich nicht gefragt, ich tat es tatsächlich, auch ohne Bremer Fan zu sein. Schon klar: so eine Bewertung auf Basis eines Spiels und sonst einiger Sportschau-Eindrücke ist unseriös. Ich bin wohl einfach ein bisschen enttäuscht darüber, dass er meinen hohen einstigen Erwartungen so deutlich hinterherhinkt.

Zurück zum VfB. Die absolute Schlussphase verlief ein bisschen enttäuschend, weil es nicht gelang, noch einmal echte Torgefahr zu entwickeln. Vielmehr schafften es die Bremer mit einem intensiven Lauf- und Verschiebespiel, den VfB in den letzten Minuten zu zahlreichen Rück-, Quer- und Fehlpässen zu zwingen – und dem Zuschauer eine Ahnung davon zu vermitteln, dass es hier des einen oder anderen Spielers mit den Fähigkeiten, zumindest der Passgenauigkeit, oder auch nur dem Mut, eines Mats Hummels beziehungsweise, etwas weiter vorne, eines Toni Kroos bedurft hätte, um die Bremer Verteidigungsreihen zu durchstoßen, anstatt den Ball nur handballähnlich kreiseln zu lassen. Auf Höhe der Mittellinie. Vielleicht schwang auch das bei Thomas Schneiders Kreativitätsvergleich mit.

Möglicherweise hätte ein etwas früherer Wechsel hier noch einmal für Impulse sorgen können. Aber ganz ehrlich: ich hätte mich auch schwergetan, Traoré oder Harnik herauszunehmen, eben weil sie, trotz gelegentlicher unglücklicher Aktionen, noch immer für den einen entscheidenden Querpass oder Abschluss (der eine fürs eine, der andere fürs andere) hätten gut sein können. Am ehesten hätte ich – in diesem Spiel – von den Offensivkräften wohl noch Ibisevic herausgenommen, aber was wäre das für ein Signal gewesen? Zumal die zwischenzeitliche Platzverweisgefahr zum Ende hin wieder verflogen schien. Der Trainer macht das schon richtig.

Und dann war da ja noch Thorsten Kirschbaums Heimdebüt. Ein gelungenes, finde ich. Quervergleiche zu Ulreich verbieten sich zum einen aufgrund der allem Anschein nach klaren Rollenverteilung, zum anderen, speziell auf Samstag bezogen, schlichtweg deshalb, weil er kaum geprüft wurde – und auch zuvor bei seinen beiden Auswärtspartien nicht in dem Maße Gelegenheit hatte, sein Können zu zeigen, wie es bei Ulreich in den letzten Monaten leider häufig der Fall war, Auch wenn er, also Kirschbaum, in Freiburg ein paar schöne Reflexe zeigte.

Dann vergleiche ich halt anderweitig quer. Zu Raphael Schäfer. Nicht nett, ne? Es ist nur so, dass mich die Art und Weise, wie Kirschbaum den Ball mehrfach so lange auf sich zu und an sich vorbei laufen ließ, bis er perfekt vor seinem linken Fuß lag, fatal an Schäfer erinnerte. Die hohe Genauigkeit der dann folgenden Pässe war indes keineswegs mit Schäfers zu vergleichen. Und auch nicht mit Ulreichs.

Wenn diese Unart des langen Wartens nicht wäre, könnte ich mich glatt zu der Behauptung versteigen, dass ich mich bei Rückpässen, vielleicht auch insgesamt fußballerisch, mit Kirschbaum ein wenig wohler fühle. Aber ich bin nur ein Sack Reis, der irgendwo in Asien umkippt. Und auf der Linie sowie in Eins-gegen-eins-Situationen müsste er noch einige sehr bemerkenswerte Spiele abliefern, um ernsthaft an Ulreich gemessen werden zu können.

Ganz zum Schluss noch ein letzter Eindruck vom Wochenende. Kein eigener, sondern einer von Herrn Rotebrauseblogger, der sich, kreative Leser mögen es erraten, sachkundige Leserinnen gewusst haben, gerne, oft und sachkundig mit Rasenballsport Leipzig befasst, wo der zu meinem großen Bedauern „geparkte“ (so es denn so ist) Joshua Kimmich bei seinem Startelfdebüt in Liga drei einen prächtigen Eindruck hinterlassen zu haben scheint. Das weiß nicht nur die dortige Presse zu berichten, sondern eben auch der nicht zu unbegründetem Überschwang neigende Rotebrauseblogger: „Phänomenale Granate“ ist doch mal eine Ansage.

(Ein kleines persönliches Drittligadilemma, von einem Drama möchte ich nicht reden, deutet sich an, nachdem ich kürzlich an dieser Stelle das Stehblog als mein „Lieblingsdrittligablog“ bezeichnet hatte, das Rotebrauseblog aber in ähnlicher, und doch ganz anderer Weise schätze. Vielleicht sag ich den beiden einfach nichts davon.)

 

Die Uerdingen-Uebertreibung

Die Bundesliga-Saison läuft noch, hörte ich. Es fallen tatsächlich auch noch einige relevante Entscheidungen, und ja, ich werde sie interessiert verfolgen. Ich werde auch ins Neckarstadion gehen, um dem VfB gegen irgendeinen Gegner, möglicherweise ist es Mainz, zuzuschauen. Ok, ich weiß, dass es Mainz ist, mir war nur grade nach einer billigen, Effekt heischenden (wohl aber nicht erzielenden) Illustration meines sehr überschaubaren Interesses an den verbleibenden (jenes in Gelsenkirchen zählte bereits dazu) Bundesligaspielen des VfB in dieser Saison. Vom Schalke-Spiel habe ich noch nicht einmal die Tore gesehen.

Nun könnte man einwenden, die Spiele seien allein deshalb interessant, weil es ja für alle Spieler darum gehe, so auch öffentlich von Trainer und Sportvorstand propagiert, sich für das Pokalfinale zu empfehlen. Was voraussetzen würde, dass es tatsächlich einen Konkurrenzkampf gibt. Tatsächlich suche ich gegenwärtig noch nach der Startelfposition, die nicht vergeben ist. Rechts hinten vielleicht?

Letztlich ist es ja ohnehin egal, wer gegen die übermächtigen Tripleaspiranten aus München aufläuft, hört man. Denkt man auch selbst. Manchmal. Meist. Aber gegen so ein bisschen Hoffnung ist ja nichts einzuwenden, kann und will man sich nicht einmal wehren, und Strohhalme sind schnell gefunden:

Tweets_Uerdingen_20130515

Der Reihe nach: Trainer Baade wünscht einigen VfB-Anhängern ein längeres Vergnügen als jenes, das er selbst (obschon Nicht-Vereinsanhänger, d. Red.) im Jahr 2011 mit Meiderich hatte. Er geht allerdings von einer geringen Eintrittswahrscheinlichkeit aus, was sich mit meiner Erwartungshaltung zu decken scheint. Martyn interveniert und verweist auf ein geschichtliches Vorbild: Bayer Uerdingen, vermutlich im Jahr 1985 (Sie wissen schon, wie auch in meiner Reaktion angedeutet: Wolfgang Schäfer, Pokal im Bett, undsoweiterundsofort).

Richtig interessant wird es in dem Moment, als Trainer Baade die Vergleichbarkeit bestätigt. Beinahe, fügt er fast ein wenig verschämt hinzu, und der gemeine Stuttgarter Anhänger interpretiert seine Relativierung dahingehend, dass der VfB, ein Traditionsverein und in diesem Jahrtausend einer der regelmäßigsten deutschen Europapokalteilnehmer, dann ja doch nicht auf ganz so verlorenem Posten stehe wie das mittlerweile ungefähr siebzehntklassige Bayer Uerdingen damals, ein Plastikverein von Bayers Gnaden, dessen anhaltende öffentliche Bekanntheit sich nahezu ausschließlich aus zwei Spielen speist, von denen das eine eben genannt wurde und das zweite sich bereits in den Köpfen der Mitlesenden eingenistet hat.

So zumindest meine Interpretation der Baade’schen Einschränkung, seiner Höflichkeit eingedenk. Möglicherweise meinte er es aber auch ganz anders. Möglicherweise gelang es ihm, die Stuttgarter Fans glauben zu machen, er bewerte die Chancen ihrer Mannschaft höher als die damaligen Uerdinger Aussichten, obwohl er eigentlich, die Fakten vor Augen, das Gegenteil meinte. Sicherlich wusste er, im Gegensatz zu den verblendeten VfB-Anhängern wie Martyn und mir selbst, dass Bayer Uerdingen zu jener Zeit wesentlich näher an den Bayern dran war, als es sich der VfB heute auch nur erträumen könnte:

Zum Zeitpunkt des Pokalfinales 2013 wird der VfB in der Liga rund 10 Plätze und mindestens 43 Punkte (maximal 49) hinter den Bayern liegen. Bayer Uerdingen lag damals – übrigens beim ersten Finale im sogenannten deutschen Wembley und zugleich dem letzten, so ich mich nicht vertan habe, das vor dem letzten Bundesligaspieltag stattfand – auf Platz 5, also 4 Ränge und 10 Punkte hinter dem Finalgegner, von denen letztere auch bei Umrechnung gemäß der 3-Punkte-Regel nur auf 15 anwachsen. Kein Vergleich zum VfB, wenn man ehrlich ist.

Momentaufnahme? Ja, wie immer. Aber nicht nur. Im Folgejahr, das Bayer mit einem 1:0-Sieg gegen den FC Bayern begann, belegte die Mannschaft am Saisonende Rang 3, 4(6) Punkte hinter dem Meister aus München, und scheiterte im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger an Atlético Madrid. Durchaus ehrenvoll, was gewiss auch für den FC Bayern gilt, der im Viertelfinale des Landesmeisterpokals gegen Anderlecht und den jungen Enzo Scifo den Kürzeren zog. Klingt aber – meiner eigenen anderslautenden Erinnerung zum Trotz – irgendwie so, als sei man sich sportlich damals annähernd auf Augenhöhe begegnet, zumal auch noch niemand das Bedürfnis verspürte, von spanisch-schottischen Verhältnissen zu sprechen.

Quintessenz: Uerdingen taugt nicht als Referenz. Mit viel Wohlwollen vielleicht als Strohhalm. Bleibt also die Frage, wo man die von Martyn angesprochene Hoffnung in der Geschichte des DFB-Pokals suchen und vielleicht doch noch finden soll.

Ich hab das dann mal übernommen, wenn auch eingeschränkt: seit der Gründungssaison der Bundesliga, weiter habe ich der Vergleichbarkeit wegen nicht zurückgeblickt, gewann in immerhin 15 Fällen die in der regulären Saison (kleine Ungenauigkeit: am Saisonende, nicht zwingend zum Zeitpunkt des Finales) schlechter platzierte oder unterklassige Mannschaft, angefangen gleich 1964 in Stuttgart, als der Bundesligasiebte 1860 gegen den Dritten (nach 3-Punkte-Zählung sogar Zweiten) aus Frankfurt, der 13 Punkte (3er) mehr erzielt hatte, siegreich blieb.

Mit dem heutigen Platzierungs-, Punkt und Leistungsunterschied zwischen den beiden Finalisten scheint so ein Ergebnis indes nur schwer vergleichbar zu sein, nicht einmal »(beinahe)«. Lediglich zweimal gelang es einer Mannschaft, die in der Bundesliga 20 oder mehr Punkte Rückstand auf ihren Finalgegner hatte, diesen dann tatsächlich zu besiegen: 1999 lag Werder Bremen (fast hätte ich gesagt: aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, um mich dann doch kurz der aktuellen Tabelle zu besinnen) als 13. satte 40 Punkte hinter dem Meister aus München, den es im Elfmeterschießen besiegte, und, tja, der frischgebackene Meister aus Stuttgart war im Jahr 2007 dem 5 Plätze und 22 Punkte hinter ihm eingelaufenen 1. FC Nürnberg nicht gewachsen. 1989 lag Pokalsieger Dortmund immerhin noch 13 Punkte und 4 Ränge hinter Finalgegner Bremen, 1996 schlug Absteiger Kaiserslautern im Finale den um 9 Plätze und (nur!) 12 Punkte besseren KSC.

Eine Sonderrolle nehmen schließlich, die gemeine Leserin wird die Protestnote bereits formuliert haben, noch die beiden Finale ein, bei denen ein unterklassiger Verein siegreich vom Platz ging: 1970 schlug Regionalligist (und Bundesliga-Aufsteiger) Offenbach den Bundesliga-Vierten aus Köln. Mit etwas Wohlwollen kann man von einer Differenz von 15 Rängen reden [Nachtrag: war alles anders, wie Trainer Baade in den Kommentaren erklärt.], bei den Punkten wird es dann gänzlich unseriös. Gleiches gilt im Falle von Hannover 96, das 1992 als fünfter der 2. Liga Nord den 13. der ersten Liga, Borussia Mönchengladbach, im Elfmeterschießen schlug. Aufsteiger aus der 2. Liga Nord war in jener Saison, genau, Bayer Uerdingen.

Was das nun für den VfB heißt? Man weiß es nicht. Oder zumindest ich nicht. Aber man könnte sich an Werder 1999 orientieren. Oder an, honi soit qui mal y pense, den beiden Zweitligisten.

Und dann erinnern wir uns, wie so oft in kritischen Situationen, des Buches von den Elf Freunden, in dem Heini, Matze und die anderen vor ihrem eigenen großen Spiel alte Ergebnislisten wälzten, um sich einen vergleichbaren Außenseitersieg zum Vorbild zu nehmen. Dass der letztlich für passend befundene 3:0-Sieg der Düsseldorfer Fortuna gegen Schalke im 33er Meisterschaftsfinale aus einer Zeit stammte, in der die Kräfteverhältnisse noch etwas andere gewesen waren, musste man ihnen ja nicht auf die Nase binden. Und es half.

Also doch unsere Hoffnung: Bayer Uerdingen!

Dysfunktional

Komischer Kerl, der Kamke.

Auf der einen Seite betrachtet er die Entwicklung des Fußballs völlig nüchtern. Wundert sich über den Kampf „gegen den modernen Fußball“, und das nicht nur, weil er froh ist, keinen Libero mehr zu sehen, sondern unter anderem auch deshalb, weil er nicht mehr auf unüberdachten Tribünen in 60er-Jahre-Stadien stehen will und betriebswirtschaftliche Themen nicht per se als das Böse betrachtet. Macht kein Hehl daraus, dass er das „Projekt Hoffenheim“ vor Jahren als spannenden Feldversuch betrachtete und noch heute interessiert verfolgt.

Hat keine Berührungsängste mit einem deutschen Meister VfL Wolfsburg und ziemlich wenig Verständnis für die noch immer hoffähigen Hinweise auf den bösen Leverkusener „Plastikclub“, der seit 1979 ununterbrochen in der Bundesliga ist (was nur vier andere Vereine von sich behaupten können). Und heißt dereinst RasenBallsport Leipzig in der Bundesliga willkommen, so sie sich denn sportlich qualifizieren.

Und auf der anderen Seite ist er ein Sozialromantiker. Den ein ungutes Gefühl beschleicht, wenn er, wie seit geraumer Zeit üblich, liest oder hört, dass ein Spieler „funktioniere“, oder eben nicht.

Dass es im aktuellen Fall gerade – zufällig, möchte er sagen – Klaus Allofs ist, der sich bei den 11 Freunden gleich doppelt (das erste Mal durch die Fragestellung dahin gedrängt, das zweite Mal aus freien Stücken) so zitieren lässt, dürfte er – angesichts seiner Wertschätzung für den besonnen wirkenden Bremer Vorstand – nebenbei ein wenig bedauern; der Irritation tut das keinen Abbruch, vielleicht im Gegenteil.

„Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass ein Wesley oder Marko Marin vor fünf Jahren beim SV Werder Bremen, unter anderen Vorzeichen, richtig gut funktioniert hätten.“

Zwei kleine Rädchen im Getriebe der Bremer Angriffsmaschinerie, sozusagen. Abnutzungsteile, womöglich, die man jederzeit austauschen kann. Oder anders gesagt: eine treffende Zustandsbeschreibung des Profifußballs? Vielleicht.

Dennoch: dem Kamke, also mir, gefällt sie nicht, die Reduktion des Fußballspielers auf seinen Anteil am Produktionsprozess. Klingt so entmenscht, irgendwie.

(Wäre ich firm in Sachen Kapitalismuskritik oder in dem, was gerne einmal pejorativ als Klassenkampfrhetorik bezeichnet wird, könnte ich mein Unbehagen vermutlich besser ausdrücken.)

Kapitalismuskritik am Beispiel von Fußballprofis. Hat was. Veröffentlicht, wie ich grade mitbekomme, am Tag, an dem besagter Klaus Allofs zunehmend ernsthaft nachgesagt wird, im Winter zu besagtem VfL Wolfsburg zu wechseln.

Ich habe mich wohl ein bisschen verlaufen. Was ich sagen will (falls man es nicht erahnen kann):
Gefällt mir nicht, wenn Menschen „funktionieren“ sollen.

Vatersohnfußballwochenende

Ein langes Fußballwochenende liegt hinter uns. Klar, das tut es meist, bei uns allen, aber aktuell erlaube ich mir, das in erster Linie auf meinen Sohn und mich zu beziehen. Ein Vater-Sohn-Fußballwochenende, quasi, das am Donnerstag mit dem Europapokaldebüt des jungen Mannes begann.

Der Gegner hieß Steaua Bukarest, und natürlich war das Neckarstadion gegen den ehemaligen Europapokalsieger – wer erinnert sich nicht an den Helden von Sevilla, Helmuth Duckadam ? – komplett nahezu halb nicht einmal zu einem Drittel ausverkauft, sondern trist und leer. Was immerhin den in diesem Fall positiven Nebeneffekt hatte, dass ich mich mit meinem Sohn etwas näher ans Spielfeld setzen (ja, setzen) konnte und er nicht wieder auf einem wackligen Klappstuhl versuchen musste, sich um die Vorderleute herumzuwinden. Was zum Zeitpunkt des Führungstreffers noch der Fall gewesen war, der ja schon nach vier Minuten fiel. Also unmittelbar vor dem Ausgleich, den zu beschreiben (der junge Mann muss ja viele Reize verarbeiten und lässt sich gerne mal die Geschehnisse auf dem Feld nacherzählen) mir körperliche Schmerzen verursachte. Ganz grundsätzlich, und vielleicht noch ein bisschen mehr, weil es nicht zuletzt Sakai betraf.

Ansonsten vermittelte das Spiel einen schönen Vorgeschmack dessen, was mich an den folgenden Tagen erwarten sollte, sah man doch zwei Mannschaften, die sich fernab taktischer Zwänge und ohne Abwehrreihen zeitweise darauf beschränkten, einen abgefangenen Ball entweder am Fuß oder per Luftpost so lange und unstrukturiert in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen, bis wieder der umgekehrte Effekt eintrat. Die Kopfbewegungen der an den Geraden positionierten Zuschauer mögen an Tennis erinnert haben. Leider war die Zahl der unforced errors verdammt hoch.

Der junge Mann war’s trotzdem zufrieden, zudem kennt er nun die Bedeutung der Fans für den Verein und weiß um die Vor- und Nachteile wie auch um die Bedeutung der einzelnen Tribünenbereiche. Nach meinen subjektiven Kriterien, wie es sich gehört.

Tags darauf setzte sich der von allen taktischen Zwängen befreite Fußball dahingehend fort, dass Kamke junior zu seinem ersten offiziellen Fußballtraining ging, um sich dort eben jenem zu widmen. Dieser Premiere war eine nicht ganz leichte Geburt vorausgegangen. Vier oder fünf Elternpaare, eine Großstadt, zahlreiche Fußballvereine, unzählige Termineinschränkungen, umfassende Internetrecherchen, beeindruckende Excelsheets, Sie wissen schon.

Letztlich ging der junge Mann am Freitag allein – d.h. ohne seine Freunde, aber natürlich mit dem den jugendlichen Übungsleitern gegenüber betont nonchalant auftretenden Vater – zum Training, bei einem Verein, dem der besagte Vater in gewisser Weise verbunden ist, und alles war gut. Der Nachwuchsspieler, der weder als Jahrhunderttalent noch als übertrieben mutig und kontaktfreudig gilt, machte völlig selbstverständlich mit, schlug sich wacker, hatte riesigen Spaß und konnte dies auch dem aus der Ferne zusehenden, meist aber in den eigenen Kick mit der etwas jüngeren Tochter vertieften Erziehungsberechtigten vermitteln.

Was dann dazu führte, dass besagter Vater (moi), als die Trainer den Sohn lobten und gemeinsam mit diesem die Frage stellten, ob er, der Sohn, denn bereits tags darauf beim Verbandsspieltag mitwirken könne und dürfe, nichts dagegen haben konnte. Aus einem Informationsdefizit heraus. Schließlich war ich noch in meinen eigenen Erfahrungen als Jugendtrainer verhaftet, damals, als die F-Jugend – als ob es bei uns in der Provinz Bambini gegeben hätte – samstags um zwei eine Dreiviertelstunde lang spielte. (Zudem brauchte man damals Spielerpässe und Vereinsmitgliedschaften, aber das nur am Rande.)

„Schön, also bis morgen früh um acht“ war demnach auch nicht ganz die Reaktion, die ich nach meiner Zusage erwartet hatte. Dass es zudem bis zum frühen Nachmittag dauern sollte, war dann auch schon egal – bye-bye, Barcamp Stuttgart, aber was tut man nicht alles als engagierter TennisFußballvater. Also bereitete ich den frisch gebackenen Bambino schonend darauf vor, dass er damit rechnen müsse, relativ viel Zeit an der Seitenlinie zu verbringen, alldieweil seine Mitspieler ja schon länger dabei seien, mehr geübt hättn, besser wüssten, wie so ein Spiel ablaufe, und so weiter, aber was will man einem „Wieso? Ich bin doch auch gut!“ schon entgegensetzen?

Und tatsächlich durfte er im ersten Spiel von Beginn an auflaufen, was möglicherweise seiner Größe und einem Mangel an Innenverteidigern zuzuschreiben war. Quatsch, die Positionen beschränken sich bei nur vier Feldspielern dann doch eher auf „vorne“ und „hinten“, vielleicht ergänzt um „links“ und „rechts“, was beim einen oder der anderen allerdings bereits zu Verwirrung führen dürfte.

Wie auch immer: der junge Mann ist groß gewachsen, halbwegs schusskräftig und sehr engagiert, sodass man sich seitens der Trainer wohl eine gewisse defensive Stabilität versprochen hatte, zumal er durchaus in der Lage ist, sich je nach Spielsituation auch als abkippender Sechser in einem recht fluiden Gesamtsystem zurechtzufinden. Sagt der träumende Vater. Am Rande des Spielfelds hörte ich von einer Spielermutter oder -tante, dass das Spiel strukturierter ablaufe, als sie sich das gedacht hatte, und stimmte ihr, mich des donnerstäglichen Europapokalabends erinnernd, uneingeschränkt zu.

Insgesamt verlief der in Turnierform ausgetragene Spieltag, betrachtet man nur die Ergebnistafel, nicht allzu erfolgreich. Vier Niederlagen standen eher wenige Siege entgegen, doch immerhin traf man in der letzten Partie – gegen den stärksten Gegner – zweimal, sodass die Null nicht nur hinten, sondern auch vorne nicht stand. Der Spielfreude aller Jungs (zu meiner Überraschung war kein Mädchen dabei) tat der vermeintlich überschaubare Erfolg keinen Abbruch, Schuldzuweisungen gab es keine, die Trainer sitzen nach wie vor fest im Sattel, Kamke junior freute sich wie Bolle über angemessene Spielanteile und die Vielzahl an Toren, die er im Lauf des Tages – also zwischen den Spielen – erzielt hatte, gelegentlich auch alleine spielend, aber egal. Bewegung, Freude am Spiel, Fußballbegeisterung – Vaterherz, was willst Du mehr?

Und während der Vater am Nachmittag doch noch ein wenig zum Barcamp ging, löste der Sohn endlich die letztjährige Stecktabelle auf, nicht ohne dabei ein Infografikmassaker zu denEuropapokal-, Auf- und Abstiegsregelungen anzurichten, das ausschnittsweise so aussah:

… und gänzlich ohne väterliches Zutun den VfB (und den HSV) einerseits sowie die Bayern und Borussia Dortmund andererseits an entgegengesetzten Enden der Tabelle positionierte.

Wiederum einen Tag später hatte der VfB Gelegenheit, zum Erreichen der dargestellten Tabellensituation beizutragen, was indes nur bedingt gelang. Vater und Sohn pendelten zwischen Videotext, Livetickern und dem einen oder anderen animierten russischen Standbild, frugen sich, wo Holzhauser sei – schließlich steht er, wiederum ohne bewusstes väterliches Zutun, ganz selbstverständlich in jeder Aufstellung des Sohnes –, räumten aber eine deutliche Aufstellungs- wie auch Leistungssteigerung gegenüber den vorhergehenden Spielen ein.

Die Sache mit Niedermeier, der in Kinderaugen mit seinem Bandenjubel vom Donnerstag deutlich an Profil gewonnen hatte, war erneut eine schöne Geschichte, auch wenn Kamke senior nur bedingt versteht, was da gerade passiert. Über Jahre hinweg wurde er vielerorts, auch von mir, sportlich durchaus kritisch gesehen, nicht zuletzt der Spieleröffnung wegen, häufig aber als solider dritter Mann geschätzt. Mit Maza, in der Vorsaison ebenfalls ein anständiger dritter Mann, aber eben auch kein Top-Innenverteidiger, bei dem vor allem die Verlässlichkeit in Sachen „grobe, potenziell spielentscheidende Schnitzer“ ins Auge sticht, liefert er sich seit einem guten Jahr ein Duell auf Augenhöhe.

Dass er sich zu Saisonbeginn hinten anstellen musste, kam ein wenig überraschend, wurde aber mit Trainings- und Vorbereitungseindrücken hinreichend begründet. Unglücklich für ihn, sicherlich, vielleicht auch bedauerlich fürs Mannschaftsklima, aber ein „Schlag ins Gesicht“ sieht anders aus. Öffentlicher Widerspruch neutraler wie auch dem VfB wohlgesinnter Beobachter hielt sich in Grenzen.

Nun machte Niedermeier also seinem Ärger Luft, mehrfach, öffentlich, und sah sich von einer Welle der Solidarität getragen. Es bedarf keiner ausgeprägten Neigung zu freier Interpretation, um die Nachtigall trapsen zu hören. Der Schorsch, das ist ein Kerl! Der muckt gegen den Trainer auf, den wir alle nicht mehr so gerne hier sehen wollen. Weil er die jungen Spieler nicht einsetzt. Weil er Hajnal immer noch spielen lässt. Weil er sich nicht gegen die Stuttgarter-Weg-Farce durchsetzen kann. Weil die Mannschaft unansehnlich spielt, und dann noch nicht einmal erfolgreich. Weil wir einen anderen Anspruch haben. Der Schorsch ist gegen den Trainer, wir sind gegen den Trainer, und jetzt kommt irgendwas mit dem Feind meines Feindes.

Mich ärgert das alles auch. Hajnal, der Umgang mit den jungen Spielern, die Spielweise, die Kaderzusammenstellung, you name it. Aber ich bin auch der festen Überzeugung, dass sich kein Arbeitgeber wiederholte öffentliche Kritik in dieser Form gefallen lassen kann, und, wenn ich ehrlich bin, erst recht kein „Ich fühle mich davon nicht angesprochen“ als Reaktion auf eine deutliche Ermahnung.

Ich schätze Niedermeier als Typen, mir gefallen sein Engagement und seine Identifikation, ich jubelte ihm damals gegen Wolfsburg und auch jetzt gegen Bukarest oder Bremen zu – unabhängig davon, dass ich die taktische Maßnahme nicht allzu weit vom Armutszeugnis entfernt verorte –, aber ich bin eben auch der Meinung, dass er froh sein muss (und wir mit ihm), dass er zuletzt überhaupt im Kader sein konnte.

Dass sich indes der Sportdirektor gezwungen sah, sich an die Seite des Trainers zu stellen und diesem somit den Rücken zu stärken, ist nicht zuletzt Niedermeiers Verdienst.

Die Kamkes haben ihn dennoch gefeiert. Und Cacau. Traoré.

Grandioses Comeback: die englische Woche

Nach dem Stuttgarter Sieg in Augsburg hatte ich bei Sportradio360 im Liga Globus sinngemäß angekündigt, mir bei einem weiteren Erfolg gegen Bremen für die kommende Saison nur noch englische Wochen zu wünschen.

Nun, ich wurde erhört. Nicht nur schlug der VfB Werder mit 4:1; vielmehr hielten sich auch die anderen Uefa-Cup-Kandidaten an mein Drehbuch und ließen durch die Bank Punkte liegen, sodass die ersten englischen Wochen bereits gesichert sein dürften und wir von Ventspils, Molde, Györ oder Domzale träumen dürfen – die bestimmt auch Martin Harnik im Sinn hatte, als er auf den Zaun stieg und Europapokalträume befeuerte (wenn auch noch ein wenig schüchtern, wie mir unter akustischen Gesichtspunkten schien).

Und natürlich freue ich mich, ohne die Saison vor dem letzten Spieltag loben zu wollen, auf internationale Spiele, gegen wen auch immer. Dass sich der Uefa-Cup finanziell kaum lohnt, ist ein Webfehler des Wettbewerbs, und dass ich vor einiger Zeit sagte, mir sei eine vernünftige Vorbereitung auf die kommende Saison, insbesondere mit Blick auf den verstärkten Einbau junger Spieler, wichtiger als die Europapokalteilnahme, stimmt ebenso; das ändert nichts daran, dass ich mich darauf freue und eine Teilnahme als erstrebenswert wie auch dem Ansehen des VfB förderlich betrachte. Und, ja, auch der sportlichen Entwicklung.

Überhaupt, die sportliche Entwicklung: Seit Monaten kursiert, auch hier, die Forderung nach einem erkennbaren sportlichen Konzept, einer Handschrift, meinetwegen auch einer Philosophie, anstelle eines bloßen pragmatischen und anscheinend nicht perspektivisch angelegten Ringens um Punkte. Am Freitag diskutierte ich mit einem Freund darüber, dass der VfB gegen Werder genau den Fußball gezeigt hatte, den wir von Labbadias früheren Stationen kannten. Das war kein brillantes Offensivspiel in dem Sinne, dass wir ein Feuerwerk aus verwirrenden Kombinationen erlebt hätten – die Frage, wie der VfB zu Toren gekommen wäre, wenn die Standardsituationen, auch dank tätiger Bremer Unterstützung, nicht so überragend funktioniert hätten, bleibt unbeantwortet.

Aber es war insofern überzeugend, konzeptionell quasi, als die gegnerische Abwehr im Grunde erstickt wurde. Die Stuttgarter Offensive übte beim Bremer Spielaufbau derart viel Druck aus, dass die Bälle ein ums andere Mal rasch gewonnen wurden, angeführt von Hajnal, der bis zu seinem Ausscheiden immer wieder in högschdem Tempo die Außenverteidiger anlief. Wunderbar auch Sakai, der bei einem möglicherweise bedrohlichen Bremer Konteransatz eben nicht den Weg nach hinten antrat, sondern mit großer Entschlossenheit weit nach vorne sprintete, um den ersten Ball des Bremer Aufbauspielers zu verhindern.

Sowas kann auch schiefgehen. Eine spielstarke und selbstbewusste Mannschaft hätte beispielsweise in der gerade genannten Sakai-Situation, aber auch bei der einen oder anderen weiteren Gelegenheit, die fast schon übermütig anstürmenden Stuttgarter vielleicht ins Leere laufen lassen und die entstehenden Räume genutzt, und vermutlich wird so etwas, wenn man diese Spielweise beibehält, auch noch das eine oder andere Mal passieren. Gehört zum Lernprozess. Die Bremer waren dazu indes nicht in der Lage. Sie waren schon mit einer gehörigen Portion Verunsicherung angetreten, die im Lauf des Spiels zunahm und selbst ihrem nur selten an mangelndem Selbstvertrauen leidenden Torhüter immer wieder einfache Abspiele in Stuttgarter Füße abrang.

Vor dem Spiel hatte ich noch gesagt, man müsse darauf hoffen, dass keine Auswechslungen nötig würden. Zu gering erschien mir das Kreativpotenzial auf der Bank, und auch aus heutiger Sicht empfinde ich es noch immer als bemerkenswert, sich auf (in der Tat erfolgte) Geniestreiche von Hajnal und Gentner zu verlassen und auf der Bank weder Timo Gebhart noch einen zentralen Nachwuchsspieler sitzen zu haben. Doch auch hier gilt einmal mehr, dass derjenige, der gewinnt, recht hat. Also auch wir, die wir seit Wochen Molinaro für Boka forderten, um am Freitag zu sehen, wie vorne seine – unbedrängten – Hereingaben nicht ankamen und er hinten den Bock zum 0:1 schoss. Egal, gewonnen, recht gehabt.

Zwei der bemerkenswerteren Szenen der Partie spielten sich ganz in meiner Nähe an der Eckfahne ab. Zunächst die Ausführung eines trickreichen Eckballes, für die Sympathieträger Marko Marin und sein kongenialer Partner – ich glaube, es war Aleksandar Ignjovski – zur Freude des von Marin wiederholt herbeigerufenen Tobias Welz geschätzte fünf Minuten brauchten. Später folgte am selben Ort die (Achtung, Realitätsverlust!) Tiqui-Taqua-Einlage von Hajnal und Sakai, die sich Lukas Schmitz nach kurzem Mitwirkungsversuch nicht anschauen wollte. Er entschied sich statt dessen für Frustgelb, und man konnte es ihm nicht verdenken. Kein guter Tag für Werder.

Für den VfB war er indes, auch wenn man sich gegen Ende zielgerichtetere Konter gewünscht hätte, großartig. Zumal es am Torverhältnis eher nicht mehr scheitern sollte. Eines allerdings stellte sich als Mär heraus:

https://twitter.com/#!/heinzkamke/status/190903470088404992

Englische Wochen gibt’s trotzdem.

Eine Frage der Zieldefinition

„Wir sind trotz allem auf einem guten Weg.“

So lässt sich Fredi Bobic nach der Niederlage in Bremen in den Stuttgarter Nachrichten zitieren, und man fragt sich, wohin dieser Weg führen soll.

Ich hatte ja das, wie mir viele Leute ungefragt bestätigten, große Glück, das Spiel gegen Augsburg nicht sehen zu können. Unglücklicherweise versäumten diese Leute, mir zu sagen, dass ich auch die Partie in Bremen lieber mit der Familie als in irgendeiner Fußballkneipe verbringen solle. Womit ich nicht diesen Menschen die Schuld geben will. Ich hätte es ja selbst merken können, spätestens in dem Moment, als mir die Fußballkneipe meines Vertrauens recht lapidar eröffnete (mit einem banalen Schildchen, quasi lapidar as lapidar can), dass ihre Pforten bis 17 Uhr geschlossen bleiben würden. Doch anstatt nach Hause zu gehen, brach ich in betriebsame Hektik aus und machte mich mit dem Mitschauer, ebenfalls meines Vertrauens, auf die Suche nach kurzfristig verfügbaren Alternativen. Sind ja schließlich immer spektakuläre Spiele in und gegen Bremen.

Und spektakulär war es. Zumindest in der Phase, als Ulreich allein gegen den Bremer Sturm antrat – also in den ersten 40 Minuten. Halbwegs spektuläre Angriffsaktionen (befördert durch Abwehrfehler, die man fast schon als, tja, spektakulär bezeichnet werden könnte) wurden durch spektakuläre Paraden zunichte gemacht.

Vielleicht hätte Fredi Bobic bei Martin Harnik nachfragen sollen, wie der denn das Spiel gesehen habe („Wenn wir so spielen, müssen wir uns Sorgen machen“), oder gerne auch bei Serdar Tasci („Man sieht, dass wir da oben nichts zu suchen haben“), ehe er von einem „guten Weg“ sprach. Aber vielleicht ist „da oben“ ja auch gar nicht da, wo sein Weg hinführen soll. Vielleicht sollte man einfach nicht vergessen, wo man herkommt. Sich daran erinnern, wo man vor einem Jahr stand, demütig sein.

Sarkasmus hin, Zynismus her: ich bin demütig. Mir ist sehr wohl bewusst, dass man sich in Cannstatt glücklich schätzen darf und muss, diese Saison noch in der Bundesliga zu spielen. Im Grundsatz wäre ich noch immer, wie mehrfach gesagt und geschrieben, zufrieden, wenn der VfB in der ganzen Saison zu keinem Zeitpunkt mit Sorge auf die Abstiegsplätze sehen müsste, könnte mit dem Schlagwort „Übergangssaison“ leben. Allein: eine Übergangssaison zeichnet sich dadurch aus, dass man Weichen stellt. Dass man definiert, wo die Reise hingehen soll, und vor allem wie, und dass sich das auch in der Spielweise andeutet. Finde ich. „Hoffen auf Harnik und Hajnal“ ist nicht das, was ich mir unter einer solchen Spielweise vorstelle.

Ein seriöses Urteil über die Entwicklung der Nachwuchsspieler kann ich mir nach wie vor nicht erlauben, und natürlich weiß ich nicht, welche Eindrücke die Spieler im Training hinterlassen. Aber es erscheint mir nicht richtig, wenn Christoph Hemlein (den ich keineswegs für einen Heilsbringer halte) am Fernseher zusehen muss, wie Pavel Pogrebnyak die (zugegebenermaßen sehr wenigen) Bälle, die er bekommt, nahezu ausnahmslos binnen Sekunden dem Gegner übergibt. Es irritiert mich, dass auch ein angeschlagener Okazaki den Vorzug vor Timo Gebhart erhält, über den man wohlwollend wenigstens sagen könnte, dass der, der viel macht, auch viele Fehler macht.

Es will mir nicht in den Kopf, dass man „auf einem guten Weg“ sein soll, wenn Dinge, die in dieser Saison schon hervorragend funktioniert haben, nunmehr wieder so weit entfernt scheinen. Die Stabilität und Solidität in der Abwehr, nicht zuletzt dank des Zusammenspiels zwischen Tasci und Maza: dahin. Die Effektivität, Souveränität und gelegentlich auch Brillanz im Zentrum, verkörpert von Kvist, Kuzmanovic und Hajnal: perdu. Mutiges Offensivspiel, wie wir es insbesondere gegen Dortmund gesehen haben: Fehlanzeige.

Dabei hat sich Werder gar nicht komplett eingeigelt – dass der VfB dann noch immer, und man möchte fast sagen: traditionell, Schwierigkeiten hat, ist unstrittig, und ist auch eine Herausforderung, die sich möglicherweise nur Zug um Zug angehen und bewältigen lässt. Genauso wenig sind die Bremer eine Übermannschaft, gegen die man nicht aus der eigenen Hälfte herauskommt. Außer natürlich, man ist nicht in der Lage, den Ball über drei, zwei oder auch nur eine Station aus der eigenen Abwehr heraus in die gegnerische Hälfte zu tragen. Dann wird es schwierig, wie wir gestern gesehen haben – in besonderem Maße, aber beileibe nicht nur, bei Kuzmanovic.

Mir wäre nach schwadronieren. Über Boulahrouz‘ (und nicht nur seines) Abwehrverhalten vor dem 1:0. Über Hajnals Kopfball vor dem 2:0, der mich verblüffend an Matthäus‘ Rückpass auf Wörns erinnerte, damals, Sie wissen schon. Nur dass Kvist nicht den Wörns gab, sondern – richtigerweise – zurückzog. Und das Foul Boulahrouz überließ, wofür Naldo dankte. (Eine Frage an möglicherweise anwesende Experten: Aus meiner Sicht war Wolfs Sperren gegen Kvist, der sich aus der Mauer heraus in den Weg werfen wollte, grenzwertig. Vielleicht mehr als das. Abgesehen davon, dass Wolf Kvist einen Gefallen getan haben mag, und dass ich weit davon entfernt bin, am Ergebnis und an Herrn Kinhöfers Leistung herumdeuteln zu wollen: Kann man das abpfeifen? Sollte man das abpfeifen?)

Aber wer weiß? Vielleicht waren die VfB-Spieler ja auch nur abgelenkt ob der historischen Bedeutung dieses 27. November. Vielleicht beschäftigte sich Boulahrouz im Spiel intensiv mit Tunnelbauweisen? Möglicherweise entschied sich Harnik tatsächlich in letzter Sekunde gegen die Kopfvariante? Hatte Bobic bei seinem Interview die ersten Abstimmungsergebnisse im Sinn?

(Verzeihung, ich stehe ein wenig neben mir.)

375 – 163g – 91u – 121v

Vor ein paar Tagen sagte ich Herrn nedfuller, dass es mich keineswegs überraschen würde, wenn der VfB „wieder einmal“ den Aufbauhelfer gäbe und einem Tabellenletzten den Weg zurück in die Tabelle ebnete. Und es ward.

Wieder einmal. Wieder einmal? Wenn man ehrlich ist, trifft das nur sehr bedingt zu. Seit der Saison 2000/01 traf der VfB 23 mal auf einen Tabellenletzten und ging in 11 Fällen als Sieger vom Platz. Sieben Unentschieden sind kein Ruhmesblatt, fünf Niederlagen ok: im Schnitt holte der VfB 1,74 Punkte pro Spiel, wenn man beim oder gegen das Schlusslicht antrat.  Deutlich besser als die gefühlte Bilanz, oder?

Gefühlt dürfte sie ohnehin bei allen schlecht sein, wie oft hört man jenes „das ist doch mal wieder typisch für [meinen Verein]!“, wenn die Mannschaft des Vertrauens gegen ein Kellerkind Punkte abgegeben hat. Klar, die Negativerlebnisse bleiben stärker im Gedächtnis haften, und doch bin ich wild entschlossen, jedem Schalker, der künftig dergleichen von sich gibt, ein feuriges „Unsinn“ entgegen zu schleudern. 15 von 25 Spielen haben sie gewonnen, nur deren fünf verloren, zwei Punkte pro Spiel errungen – ein Wert, der nur von drei Vereinen getoppt wird, deren Resultate von geringem statistischen Wert sind: Mainz hat immerhin sieben Spiele gegen den Letzten absolviert und bemerkenswerte fünf gewonnen, keines verloren, 2,43 Punkte geholt; Aachen und Unterhaching mit jeweils drei Punkten aus nur einem Spiel darf man indes komplett vernachlässigen.

Interessant noch Gladbach, das von seinen 15 Spielen nur vier verlor. Weil man gar nur drei gewann, hat die Borussia als Unentschiedenkönig mit 1,13 Punkten pro Spiel den schlechtesten Wert aller aktuellen Erstligisten. Der Zweitletzte aus Köln liegt mit durchschnittlich 1,33 Punkten aus ebenfalls 15 Spielen bereits deutlich besser, gefolgt von der Hertha, die in 20 Spielen1,50 Punkte pro Spiel erreichte. Letztlich auch nicht gerade brillant, wenn man bedenkt, dass es 20 mal gegen den jeweils schwächstmöglichen Gegner ging und nur acht mal ein Sieg heraussprang. Den absolut niedrigsten Wert erreicht der KSC, dem in drei Spielen gegen das Schlusslicht kein einziges Pünktchen vergönnt war. Die 0,75 Punkte, die Cottbus durchschnittlich in acht Partien erzielte, wirken im Vergleich dazu geradezu großartig.

Dass das alles mit sehr viel Skepsis zu betrachten ist, steht außer Frage. Möglicherweise wäre es aussagekräftiger gewesen, wenn man statt des Tabellenletzten die drei Vereine auf den Abstiegsrängen betrachtet hätte, und vielleicht auch erst ab dem fünften oder gar zehnten Spieltag, weil davor die Aussagekraft der Tabelle zu gering ist, was man auch mittels einer Gewichtung hätte berücksichtigen können, von Heim- bzw. Auswärtsspielen gar nicht zu reden, und so weiter und so fort. Ungeachtet dessen:

Spiele gegen den Tabellenletzten, 08/2001 - 09/2011

Aktuelle Bundesligisten sind gelb hervorgehoben, grün und rot drücken eine mehr oder weniger willkürlich vorgenommene Kategorisierung in besonders gute oder schlechte Werte aus.

Und da die Daten nun schon einmal vorlagen, habe ich mir noch kurz die Ergebnisse der Tabellenletzten angesehen. Der 1. FC Köln, der im betrachteten Zeitraum am häufigsten mit der Laterne in der Hand antreten musste, errang in 48 Spielen im Schnitt genau einen Punkt, die Hertha lag in ihren 31 Partien sogar knapp darunter. Unter der Einpunktgrenze lagen zudem, mit etwas weniger Versuchen, Bochum (23 Spiele / 5 Siege), Sankt Pauli (18/3) der SC Freiburg (14/2) und Aachen (1/0).

Gute Bilanzen haben hier ausschließlich Mannschaften vorzuweisen, die maximal 10 Auftritte als Schlusslicht hatten. Der HSV, Hannover und der VfB gewannen je sechs von zehn Spielen, Werder (2 Spiele), Bielefeld und Dortmund (je 1) tragen eine blütenweiße Weste. Überraschen kann das natürlich nicht: wer nur sehr wenige Spiele als Letzter bestritten hat, muss nun einmal erfolgreich gewesen sein, um die rote Laterne schnell wieder abzugeben.

Spiele als Tabellenletzter, 08/2001 - 09/2011

Kommen wir zum praktischen Nutzen.

Am Sonntag empfängt das Schlusslicht aus Hamburg den FC Schalke 04. Schalke hat nur eine von jeweils fünf Partien gegen einen Tabellenletzten verloren und drei gewonnen, ist also klarer Favorit. Der HSV wiederum hat von den 10 Partien, die er als Laternenträger bestritt, 6 gewonnen, ist also ebenfalls klarer Favorit.

Na dann.

Datenquellen: fussballdaten.de, weltfussball.de
Fehlerquelle: ich 

Lauter Volltreffer

Im Vorjahr hatte ich einige Wochen vor Ende der Saison eine Bestandsaufnahme vorgenommen, d.h. ich hatte meine im Lauf der Saison  mehr oder weniger fundiert abgegebenen Prognosen einer kritischen Würdigung unterzogen.

Dieses Jahr hat sich das irgendwie nicht ergeben. Vielleicht, weil ich außerhalb dieses Blogs nur wenige Vorhersagen getroffen habe, vielleicht, weil die im Blog abgegebenen Einschätzungen zu weit von der Wirklichkeit entfernt waren, um sie hier ohne allzu großen Gesichtsverlust noch einmal aufzuwärmen. Angefangen beim Spieler der Saison.

Um mich dennoch ein wenig bloßzustellen, habe ich zumindest meine Antworten aus dem 11Freunde-Fragebogen noch einmal hervorgekramt und durfte feststellen, dass ich g l ä n z e n d abgeschnitten habe.

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Deshalb wird die neue Saison unvergesslich…
Unvergesslich ist ein großes Wort. Bemerkenswert ist aber, dass die Bundesliga erstmals das Unwort des Jahres stellen dürfte: Torfabrik.

Nun ja. Unwort des Jahres ist es nicht geworden. „Torfabrik“ finde ich dennoch nach wie vor billig unglücklich. Da hilft auch das Redesign nicht sonderlich. Eher gar nicht. Überhaupt nicht.

Aus der alten Saison wird in Erinnerung bleiben…
In allererster Linie das Schicksal von Robert Enke.

Wenn man sich dann doch an sportliche Themen erinnern möchte, bleiben aus Stuttgarter Sicht eine fürchterliche Vorrunde, eine unnötige Arbeitsplatzgarantie mit minimaler Halbwertszeit, grenzüberschreitende Fanproteste, eine grandiose Rückrunde und die erste Halbzeit gegen Barcelona. Und dann noch die Entwicklung von Christian Träsch.

Wie sehr das Schicksal von Robert Enke nachhält und nachhallt, wurde bereits in der vergangenen Saison und auch in dieser Spielzeit wieder des öfteren in Frage gestellt, nicht zuletzt im Kontext der Buchveröffentlichung von Andreas Biermann.

Die fürchterliche Stuttgarter Vorrunde der Vorsaison blieb dann doch nicht sooo lange in Erinnerung. Die wurde überflügelt. Und anstelle einer starken Halbzeit gegen Barcelona hatte man dieses Jahr eine halbe Stunde gegen Hamburg. Immerhin.

Welche Schlagzeile würdest Du gerne in der kommenden Saison verfassen?
Interview mit Sami Khedira: „Jeder Wechsel wäre ein Rückschritt!“

So hat er es nicht gesagt. Aber „Esto es un sueño hecho realidad“ drückt in meinen Augen durchaus so was Ähnliches aus.

Drei Wünsche frei:
Im Rahmen einer Transparenz- und Demokratieinitiative der FIFA tritt Joseph Blatter zurück.

Christian Gross ist im Dezember noch VfB-Trainer. Dezember 2013.
Ciprian Marica gewinnt den Goldenen Schuh.

Nr. 1 hat nicht ganz geklappt. Aber ich glaube, er war nahe dran.
Nr. 3 scheiterte ausschließlich an der Engstirnigkeit der Herren Bobic und Labbadia.
Und Nr. 2 kann ja noch klappen. Wer sich an dem „noch“ stört: bei einem Verein, der ungeniert „nie mehr“ durch „niemals“ ersetzt, wird man ja wohl mal ein „noch“ unter den Tisch fallen lassen können.

Dein größter Albtraum:
Christoph Daum wird Trainer des VfB Stuttgart. Wobei selbst das noch eine positive Seite hätte: ich wäre samstags bei der Familie. Bzw. sonntags oder freitags.

Gar so viel scheint da ja nicht gefehlt zu haben.

Lieblingsspieler im aktuellen Team:
Die defensiven Mittelfeldspieler. Und ich hoffe weiterhin auf Sebastian Rudy.

Check. Rudy hat eine starke Saison gespielt.
Träsch auch, Kuzmanovic eine halbe, und Gentner ist ja Innenverteidiger.

Messer zwischen den Zähnen! Dein Lieblingsfeind:
Vom Konzept Feindschaft halte ich nicht viel, und ganz gewiss nicht beim Fußball. Dafür ist er mir zu wichtig.

Oder, um konkret zu werden: es ist mir egal, wie der KSC spielt. Es ist mir auch egal, in welcher Liga er spielt. Wenn er zufällig grade in der Bundesliga ist, sind mir die 6 Punkte für den VfB wichtig. Ansonsten habe ich weder Veranlassung noch Lust, den kleinen Nachbarn zu verunglimpfen, während der VfB gegen Dortmund, Nürnberg, Timisoara oder wen auch immer spielt.

Nichts hinzuzufügen. Ich hab nicht darauf gehofft, dass der KSC aus der zweiten Liga absteigen möge.

Dein Lieblingsspieler aller Zeiten:
Zvonimir Soldo. Asgeir Sigurvinsson. Guido Buchwald, bevor er meinte, es zähle zu den Pflichten eines Ehrenspielführers, sich mit zweifelhaften Attacken gegen den Trainer als dessen Nachfolger ins Gespräch zu bringen.

Und ja, ich war immer ein großer Bewunderer von Mehmet Scholl.

Guido Buchwald. Auf dem Weg in die dritte Liga (von unten). Glückwunsch.

Lustigster Fanchoral/Spruch der letzten Saison:
Speziell zum Saisonende war die Stimmung in der scheidenden Kurve weniger lustig als vielmehr wehmütig, manch einer sprach vom „Fado in Stuttgart“. Letztlich war „Cannstatter Kurve – wir sind die Cannstatter Kurve!“ vielleicht nicht besonders originell, aber schön, und laut, und was fürs Herz.

Lustig war’s dieses Jahr eher selten. Tradition wird siegen belustigte gleichwohl ein wenig.

Wo stehst oder sitzt Du im Stadion? Und warum?
Erst stehe ich mit einer Wurst beim PSV, dann in der, nun ja, Untertürkheimer Kurve. Warum? Weil die Cannstatter Kurve umgebaut wird.

Zugegeben: hier lag ich falsch. Wer konnte auch damit rechnen, dass der Fritz-Walter-Weg gesperrt und der PSV in eine Sackgasse verlegt würde. Also am Schlienz. Und danach in der gefühlten Cannstatter Kurve.

Auf dieses Auswärtsspiel freust Du Dich besonders:
17. Mai 2011, Dublin, Lansdowne Road.

Der Gegner steht noch nicht fest.

Völlig überraschend wurde das Spiel nicht nur auf den 18. verschoben, sondern die Uefa lud auch noch, einer iberischen Quote folgend, zwei portugiesische Mannschaften ein. Der VfB war immerhin auch gegen Potrugiesen ausgeschieden (auch wenn in beiden Spielen bei Benfica nur je einer in der Startelf stand und einer eingewechselt wurde). Wird wohl dennoch schwierig, meine Prognose in einen Treffer umzuinterpretieren.

Du wirst überraschend zum Doppelpass eingeladen. Deine Traumbesetzung für die anderen Sessel?
Steffen Simon, Udo Lattek, Christoph Daum, Raimund Hinko, Dr. Theo Zwanziger, Manfred Breuckmann.

Ach nee, ich hab die Frage falsch verstanden. Nochmal:
Kai Pahl, Raphael Honigstein, Trainer Baade, Christian Gross, Klaus Allofs, Christian Eichler (Eichler, nicht Eichner)

Wurde auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Holt der FC Bayern das Quadrupel? Oder wer wird Meister?
Quadrupel? Fuji-Cup, Hallen-Masters, T-Home-Supercup, Champions League? Einverstanden.

Um die Meisterschaft streiten dann Bremen, Leverkusen und der VfB.

Zwei Punkte: Bayern ist nicht Meister, Leverkusen hat ein wenig drum gestritten. Immerhin.