Manchmal ist es einfach

Vor dem VfB-Spiel gegen Nürnberg hatte ich zum zweiten Mal das Vergnügen, den Clubfans United, dem Fanmagazin rund um den Club, ein paar Fragen beantworten zu dürfen. Leider schaffte ich es diesmal nicht, den Kollegen meinerseits die eine oder andere Frage zu stellen, was nicht nur angesichts der aussagekräftigen damaligen Antworten bedauerlich ist.

Erneut empfand ich es als sehr angenehm, mich bei den Clubfans zu vielen verschiedenen Themen äußern zu dürfen, von der Lage des Fußballs im Allgemeinen über die Bundesliga im Spezielleren und die Bundesliga-Spielplangestaltung im ganz Besonderen bis hin zum Wesen von Trainerentlassungen und historischen Überlegungen zum besten Fußballer aller Zeiten, die dann auch in den Kommentaren aufgegriffen und vertieft wurden.

Ganz nebenbei sagte ich auch ein paar Sätze zum VfB, und, nun ja, habe diesem einen Absatz nach dem Spiel im Grunde nicht viel hinzuzufügen:

[Clubfans United] Sportlich läuft es bei euch ja so “lala”. Neben zwei Siegen (Braunschweig und Berlin) stehen vor allem Remis. Immerhin aber 12 Punkte, davon träumen wir. Wie schätzt du die Liga ein? Beginnt die Abstiegszone ab Platz 4?

“Empfinde ich gar nicht so, dass es so lala läuft. Was wenig damit zu tun hat, dass Du den Freaksieg gegen Hoffenheim unterschlagen hast, sondern vielmehr damit, dass die drei Niederlagen aus den ersten drei Saisonspielen stammen und die Bilanz nach dem Trainerwechsel drei Siege und drei Unentschieden ausweist. Das finde ich einerseits sehr ansprechend, zum Teil auch über das nackte Ergebnis hinaus; andererseits, und da kommt dann doch wieder “lala” ins Spiel, gelingt es bisher nicht, die Möglichkeiten, noch weiter nach vorne zu rücken, beim Schopf zu packen. Ohne dass man aus meiner Sicht bereits weiter nach vorne gehören würde.

Manchmal ist es eben einfach. Man nimmt ein paar Zeilen, die nicht nur vor dem jüngsten Spiel schon als halbwegs passende Situationsbeschreibung durchgingen, sondern bereits nach dem vergangenen. Und dem vorvergangenen. Aktuell hat der VfB weiter oben noch nichts verloren. Gerade nach dieser Partie, die ich als die schwächste mit Trainer Schneider wahrgenommen habe.

Hinten mag man gelten lassen, dass die aus bekannten Gründen (Sperre, Verletzung) notwendig gewordenen Veränderungen im Verbund mit den aus bekannten Gründen (Spielerkader) eigentlich notwendigen Veränderungen eine geringere Fehlerquote von vornherein nicht zuließen. Negativer Höhepunkt war dabei der gut zwanzigminütige Auftritt von Konstantin Rausch, den ich schlichtweg als verheerend empfunden habe. Vielleicht war er ja übernervös oder übermotiviert, weil er mal wieder eine Chance bekam. Zumindest hoffe ich, dass es daran lag.

Der Torwartwechsel dürfte auf die Abwehrleistung keinen Einfluss gehabt haben; dass er von den Verantwortlichen als völlig selbstverständlich dargestellt wurde, halte ich für eine interessante Randnotiz. Die Stuttgarter Nachrichten hatten denn auch vor Ulreichs Rückkehr nachgefragt und ein paar sportliche Argumente aus dem Trainerteam ins Feld geführt. Woraufhin man eine Lobhudelei auf Ulreich verfasste, der ich, gewissen Zweifeln zum Trotz, inhaltlich in weiten Teilen zustimmen würde.

Was mich stört, ist zum einen die angesprochene Selbstverständlichkeit seitens des VfB, was mich irritiert, dieser Satz in den StN: „Und auch beim Mitspielen nach Rückpässen schlägt Ulreich die Nummer zwei noch um Längen und bringt die Bälle präziser zum Mann.“ Ich kann das nicht nachvollziehen. Nicht einmal ansatzweise. Und irgendwie färbt das auf meine Haltung zum gesamten Text ab.

Dass das kreative Mittelfeldspiel mit Maxim steht und fällt, ist nichts Neues. Klappt ja auch ganz gut, selbst am Freitag, solange seine Kraft reicht. Danach aber tut es besonders weh, wenn Gentner einen eher durchschnittlichen Tag erwischt und auch Traoré nicht sonderlich viel einfällt. Dann ruhen die Hoffnungen des gemeinen VfB-Fans in Sachen Kreativität auf den Schultern der Herren Harnik und Kvist. Und dann ruhen sie eben.

Ernsthaft: ich habe mich sehr gefreut über William Kvists Rückkehr ins Team. Er ist ein wichtiger Stabilisator. Aber man muss dem Umstand, dass sich sein Beitrag zum Offensivspiel, und damit meine ich nicht nur eigene Abschlüsse oder den „letzten Pass“, in sehr engen Grenzen hält, Rechnung tragen. Maxim allein kann das nicht auffangen. Bleibt also zu hoffen, dass Christian Gentner künftig wieder ertragreicher nach vorne spielt und Moritz Leitner an die Eindrücke unmittelbar vor der Verletzungspause anknüpfen kann. Die Alternative würde wohl lauten, Kvists Position doch noch einmal zu hinterfragen.

Jetzt habe ich schon wieder viel mehr geschrieben, als ich eigentlich wollte. Zu lange und zu intensiv habe ich mich über das Spiel aufgeregt, und darüber, wie sehr ich mich beeilt habe, um das Spiel doch noch sehen zu können, inklusive beruflich diskutabler Priorisierungsentscheidungen, um jetzt auch noch so viel Zeit zu investieren. Bleibt also nur noch, Ibisevic zu loben. Für seine Aktion vor dem 2:1, so Martin Harnik getroffen hätte. So geschickt sieht man ihn im Mittelkreis sonst selten agieren. (Außer wenn es darum geht, den Ball abzudecken und zu behaupten, das schon, eh klar.)

Klingt jetzt alles recht negativ, ne? Fühlte sich ja auch so an, weil es einfach keinen Spaß gemacht hat. Und doch bin ich nach wie vor recht entspannt. Nicht nur, weil die Tabellensituation im Grunde seit Wochen unverändert bleibt, sondern weil ich weiterhin ein gutes Gefühl habe. Die Probleme wird man angehen, und zumindest auf den definitiven Außenpositionen bin ich guter Dinge, dass sich auch vernünftige Lösungen finden. Darüber hinaus erlaube ich mir, noch eine zweites Mal auf meine eigenen bei den Clubfans geäußerten Worte hinzuweisen:

„Der VfB ist […] ein ganz anderer Verein als damals. Ein anderer Präsident, ein anderer Aufsichtsratsvorsitzender, ein anderer Trainer, und in jedem einzelnen Fall wurden nicht nur Personen ausgetauscht, sondern, bitte verzeiht das große Wort, Weltanschauungen. Während ich damals eine “latente Unzufriedenheit” ausgemacht hatte, wirkt derzeit alles irgendwie zuversichtlicher und, wie soll ich sagen, leichter. Der Präsident ist allem Anschein nach ein positiver, umgänglicher und doch ehrgeiziger Typ, der Aufsichtsratsvorsitzende scheint willens und in der Lage zu sein, den vom Präsidenten vorgelebten Teamgedanken mitzutragen, und der Trainer beginnt nicht jede öffentliche Äußerung mit einer Klage über die Rahmenbedingungen. Kurz: irgendwie ist alles anders.”

Und zwar besser.

Kindertag und Altherrentour

Wie wir alle wissen und der Volksmund bestätigt, ist nichts so alt wie die Zeitung von gestern. Möglicherweise darf man heutzutage ergänzen, dass Texte zum vorletzten Spiel, noch dazu in einem elektronischen Medium, wie es zum Beispiel ein Blog darstellt, zumindest ähnlich alt sind, tendenziell eher noch etwas betagter. Vom vorvorletzten gar nicht zu reden.

Aber es hilft ja nichts. Die Textfragmente sind nun mal da, und was erst einmal geschrieben wurde, will letztlich auch veröffentlicht werden. Da trifft es sich ganz gut, wenn der Blogbetreiber, hier: ich, nicht der Aktualität verpflichtet ist und das Ganze als eine Art Reisehintergrundbericht (Arbeitstitel) verkaufen kann. Verschenken, um genau zu sein.

Vielleicht darf ich zuvor noch auf zwei persönliche Auswärtsspiele anderer Art hinzuweisen, deren eines ebenfalls längst von der Realität überholt wurde: das Spiel des VfB II beim SV Wehen Wiesbaden, in dessen Vorfeld ich mein überschaubares Wissen zur aktuellen Situation bei den VfB-Amateuren (sic!) drüben in meinem Lieblingsdrittligablog, dem Stehblog, bloßstellen durfte, liegt bereits hinter uns. 1:1, wie die geneigte Leserin weiß, natürlich ohne die von mir im Stehblog genannten Khedira und Lohkemper, was in beiden Fällen nicht ganz überraschend kam.

Zum anderen beobachtete mich Ermittler Dembowski (vom oberlippenbärtigen Peters gar nicht zu reden) beim Showdown in der Kugelbahn und stellte eines völlig zurecht fest: “Kamke sah gut aus.” Er beobachtete, wie es Ermittler eben so tun, auch noch einiges mehr, was man sich meines Erachtens zu Gemüte führen sollte.

Um diesem Text zwischendurch doch kurz, das propagierte Selbstverständnis ignorierend, einen Hauch von Aktualität zu verleihen, sei auf das Spiel des VfB in Braunschweig hingewiesen, von dem ich allerdings so gut wie gar nichts sehen konnte. Der Liveticker des kicker vermittelte mir indes bereits zur Pause, was ich wissen musste:

“Ein engagierter Auftritt der Eintracht, die zur Pause gegen effiziente Stuttgarter unglücklich zurückliegt.”

Effizient kann man ja so und so sehen. Ich betrachte es in aller Regel als gelungenen Euphemismus. In diesem Sinne hatte ich mir eben das vorgestellt: einen effizienten Sieg gegen die Braunschweiger, denen ich nach eigener Anschauung in Hamburg die Konkurrenzfähigkeit im Grunde abgesprochen hatte. Womit ich gewiss, und durchaus zu meinem Bedauern, nicht alleine dastehe. Wenn nun die Stuttgarter Nachrichten mit “VfB trumpft groß auf” aufmachen, dann, nun ja, ist das möglicherweise Ansichtssache.

Dessen ungeachtet: schön, dass es dann doch noch deutlich wurde, und wunderbar, dass sich Traoré wieder gefangen hat nach, ja, wonach denn? Ist es tatsächlich denkbar, dass sein bitterer Ballverlust, der das Ausscheiden gegen Rijeka quasi besiegelte, ihm so lange zu schaffen machte, ihn hemmte und verunsicherte? Oder machte er eher dem Trainer zu schaffen, der ihm danach die eine oder andere “Denkpause” verschrieb, die hierzustadte erfreulicherweise anders als in Gelsenkirchen nicht gleich “Suspendierung” genannt wird? Wie auch immer: fünftbeste Offensive, hey, hey!!

Dass die Braunschweiger Fans für ihre beeindruckende Anfeuerung bei aussichtslosem Spielstand, vielleicht bereits, auf die Saison bezogen, auf verlorenem Posten stehend, landauf, landab gefeiert werden, ist verständlich und berechtigt. Grundsätzlich. Und doch mutete es, wäre es nicht so traurig und vielmehr begreinens- und protestwürdig, wie ein Treppenwitz an angesichts der schwer zu fassenden vereinspolitischen Groteske, die sich in diesen Tagen abspielt und die die taz, soweit ich die Geschehnisse aus der Ferne beurteilen kann, in der ihr eigenen Art und überraschend gemäßigter Sprache inhaltlich angemessen deutlich kommentiert.

Zurück zum Ausgangspunkt und damit in die aktualitätsfreie Zone: zwei VfB-Spiele live und in Farbe innerhalb weniger Tage. Und vor Ort. Hatte ich auch schon ein Weilchen nicht mehr. Zuerst in der Bundesliga gegen Frankfurt, dann im DFB-Pokal in Freiburg. Und sie waren grundverschieden. Von den Rahmenbedingungen her, meine ich. Sportlich haben sie sich gar nicht so viel geschenkt. Nicht zuletzt traf man in beiden Fällen auf einen Gegner, dessen Fußball mir, wäre ich neutral gewesen, deutlich mehr Spaß bereitet hätte als der des VfB.

Weshalb ich mich erst einmal kurz mit den schönen Seiten befassen will. Mit dem kurzerhand geschaffenen Familienblock gegen Frankfurt. Plötzlich und unerwartet (die älteren LeserInnen werden sich an den Durbridge-Straßenfeger erinnern) befanden sich in unserem Block auf engstem Raum etwa acht Kinder im Vor- oder jungen Grundschulalter, die ihre Papas und in Einzelfällen auch ihre Mamas zum Spiel begleiten durften und dabei den Eindruck einer konzertierten oder gar inszenierten Aktion erwecken konnten.

Womit grundsätzlich eine veronafeldbuscheske (so hieß sie damals noch, als das relevant war) Überleitung zur fanseitigen Inszenierung des 120. VfB-Geburtstages gelungen wäre. Ich kann nur nicht so viel drüber sagen, man hat dann ja doch eher eine Art Schild vor dem Kopf und sieht nicht so viel von der Choreographie, die aber überaus gelungen gewesen sein soll. Quatsch, war! Natürlich habe ich sie mir hinterher auch angesehen. Ich ziehe meinen Hut vor all jenen, die sehr viel Zeit, Mühe und gewiss auch Geld investiert haben. Den Kindern hat es übrigens auch großen Spaß gemacht. Zumindest solange sie die Arme mit hochhalten konnten. Danach durften einzelne Papas, konkret kann ich nur für einen sprechen, quasi Doppelhalter spielen.

Irgendwie taten die Kinder der Atmosphäre gut, der eine oder die andere mag sich etwas länger überlegt haben, ob man die Gäste als “Hurensöhne” feiern solle oder nicht. Die Präferenzen waren allerdings hinreichend klar verteilt, um (vermutlich nicht nur) mir Gelegenheit zu geben, die Nein-mein-Kind-jetzt-nicht-Karte zu ziehen, um eine nicht ganz triviale Begriffsklärung bis auf Weiteres zu verschieben. Schließlich ginge es nicht nur um die Definition an sich, sondern auch um den grundsätzlichen Umstand der Verwendung im Fußballkontext. Im Quasi-Familienblock. Immerhin: die heimische Nachfrage bei anderen Familienmitgliedern scheiterte an der etwas undeutlichen Akustik im Neckarstadion.

So sehr es mir Freude bereitet, immer wieder Kinder im Fanumfeld zu sehen, und so sehr ich es genieße, meinen eigenen Sohn mitunter dabei zu haben, so argwöhnisch sehe ich mir die so sozialisierten Kinder auch immer wieder an. Bloß weil vor einigen Jahren ein Kind bei uns im Block stand, das unter väterlicher Begleitung – die mir persönlich deutlich weiter von bloßer Billigung entfernt zu sein schien als von aktiver Hinführung bis hin zur Anfeuerung – nach Möglichkeit immer ganz vorne dabei war, egal ob es um ein bloßes “die Hände!” ging oder auch um Verunglimpfungen des Gegners. Kann man mögen. Muss man nicht. Ich würde ihn schon gerne mal wieder sehen, einfach der Neugier wegen.

Das Spiel war eher so lala. Der Meistertrainer hatte seine Frankfurter gut eingestellt, bis zu deren Führungstreffer sah der VfB keinen Ball, die Gäste bestimmten – wie schon in der Vorsaison, und wie damals mit einem stets anspielbaren und nie um eine gute Lösung verlegenen Sebastian Rode – die Partie, der Stuttgarter Ausgleich fiel glücklicherweise recht früh und wäre kaum einer Erwähnung wert gewesen, wenn es sich nicht um den Debüttreffer von Timo Werner gehandelt hätte, der das Stadion tatsächlich ein bisschen erbeben ließ.

War Werners eigene Freude bereits explosiv, so vermochten all jene Fans, die wir ihn spätestens seit Saisonbeginn adoptiert, im Grunde aber bereits seit Jahren seinen Weg als vorgezeichnet betrachtet hatten, diesen Ausbruch noch um ein Vielfaches zu steigern. Schon schön.

Ach, und dann war da ja noch diese Elfmetersache. Und die Abseitsstellung, mit der er den Führungstreffer ungültig machte. Und der – selbst großartig erarbeitete – Fehlschuss allein vor dem Tor. Da wäre der Elfer in der Tat ein schönes Happy End gewesen. Tja. Dem Spielverlauf entsprach das 1:1 ganz gut.

Drei Tage später fuhren sechs ältere Herren in drei Zweierreihen gen Freiburg. Bzw. sie wollten es. Gemächlich. Dumm nur, dass einer der sechs in einem beruflichen Termin gefangen war. Und dass dieser Herr, nennen wir ihn der besseren Lesbarkeit wegen Heinz, die Karten hatte. Also vier davon. Dass die anderen beiden noch fehlten, hatte ja im Vorfeld keiner zu wissen brauchen.

Etwa zu der Zeit, als Heinz den Termin rennend verließ, hätte er bereits gut 30 Minuten weiter südlich auf die anderen treffen sollen. Er verschickte ein paar zerknirschte Kurznachrichten, prüfte die Stau- und erfrug die Ticketsituation, beides eignete sich nicht, eine Besserung der Laune herbeizuführen, und fuhr mangels Alternativen geradewegs in den Feierabendverkehr. Nach wenigen Minuten blieb festzuhalten, dass alles noch viel schlimmer war, zumindest nahm er es so wahr, und er erinnerte sich kurz an Rudi Völlers Tiefpunkt-, ähem, Klimax.

Seine Sorgen erwiesen sich letztlich, wie man im entspannten Rückblick immer leicht sagen kann, als panikartig übertrieben, die Mitfahrer wirkten bei seiner Ankunft noch überraschend gelöst, was zum Teil antrainiert gewesen sein mag, zum Teil auch dem Umstand geschuldet, dass ihnen das Ticketdefizit noch nicht bewusst war, oder sie waren einfach cooler als er. Wie sonst ließe sich erklären, dass sie ihn erst noch einmal losschickten, um etwas zu essen zu holen?

Die Fahrt war erquicklich, die Kühltasche gefüllt, die von einem Mitspieler in Aussicht gestellte einstündige Baustellenverzögerung erwies sich als Schimäre (Bingo!), die Parkplatzsuche in Freiburg gelang. Blieb die Ticketfrage. Der großartige Herr @zugzwang74, Freiburger Vereinsmitglied, hatte sich um zwei Karten für den Feind (er selbst würde gewiss nicht so formulieren, was zu besagter Großartigkeit beiträgt) verdient gemacht und diese sogar, gegen seine eigene Überzeugung, an die Grenze zum Gästebereich platziert (er selbst war leider verhindert). Dumm nur, dass sein Verein nicht lieferte.

Wir haben alle schon unsere Erfahrungen mit der Post und ihren privaten Wettbewerbern gemacht. Auch negative. Und doch halten wir es, hatte es auch Heinz für unvorstellbar gehalten, dass zwei Karten, die der SC Freiburg an einem Dienstag in Rechnung stellte, dass also ein vermeintlicher Standardbrief nicht bis zum Mittwoch der Folgewoche in Stuttgart zugestellt würde. Tja. War aber so.

Und was Heinz vor allem nicht für möglich hielt: dass die schriftliche Beschwerde eines Vereinsmitglieds (über die vorausgegangene fernmündliche wollen wir nicht weiter reden), die am Vorabend des Spiels mit einem „EILT“-Vermerk und zahlreichen Ausrufezeichen im Betreff an mehrere Empfänger bei besagtem Verein gesandt wurde, bis zur Mittagszeit keinerlei Reaktion hervorrufen würde. Er hielt das, und an der Stelle schließe ich mich ihm gerne an, bin gar geneigt, mit ihm zu einer Person zu verschmelzen, für hochgradig unprofessionell und die eigenen Mitglieder nur so halb ernst nehmend.

Naja, vielleicht übertreibe ich ein wenig. Zum einen, weil vor Ort dann ja alles ganz gut klappte. Wir kamen recht knapp an, doch am dann doch noch per Mail angekündigten Ort, wo wir Ersatztickets bekommen sollten, hielt sich der Andrang in Grenzen, sodass auch der Umstand, dass wir nicht in der Kartei der Nachlöser erfasst waren, keine weiteren Probleme bereitete. Falls übrigens jemand neuwertige Karten für das DFB-Pokalspiel Freiburg-Stuttgart brauchen sollte: ich hätte einen bestens erhaltenen Satz im Angebot, sie kamen am Tag nach dem Spiel hier an.

Zum Spiel gibt es aus meiner Sicht nicht allzu viel zu sagen. Hätte es vielleicht gegeben, wenn Bruno Labbadia noch Trainer wäre. Dann hätte ich mich vermutlich über die Aufstellung gewundert. Nein, nicht gewundert – geärgert. Darüber, dass man es tatsächlich mit einem 4-4-2 versucht und die Frage, wer dann für ein Mindestmaß an Kreativität im Offensivspiel sorgen soll, getrost dem lieben Gott überlässt.

Insbesondere dann, wenn Christian Gentner en vogue sein und einen herauskippenden Sechser geben soll. Was ja grundsätzlich keine dumme Idee ist, wenn man spielstarke Aufbauspieler in der Innenverteidigung oder auch auf den offensiven Außenpositionen hat. Tja. Wenn. Beim VfB entsteht indes ein Vakuum in der Spielfeldmitte, das sich dann gerne mal mit langen Bällen überwinden lässt. So diese langen Bälle ankommen und behauptet werden können. Was am Mittwoch selten der Fall war.

Wäre Labbadia noch hier, hätte ich wohl auch lautstark gewettert, was denn Konstantin Rausch auch nach der Pause noch auf dem Platz wolle? Schließlich war nicht davon auszugehen, dass Freiburg auch in der zweiten Hälfte darauf verzichten würde, das nächste halbe Dutzend an Situationen ungenutzt verstreichen zu lassen, in denen man völlig unbehelligt über rechts in den Strafraum eindringen und mehr oder weniger überlegt zur Mitte passen darf. So schnell kann’s gehen, dass man doch eher rasch versteht, weshalb das vermeintlich personifizierte Sicherheitsrisiko Boka zuletzt stets spielen durfte: er ist nur die Zweitbesetzung. Das weniger gravierende Risiko, wenn man so will.

Möglicherweise hätte ich auch über Abdellaoue geschimpft, der auch auf dem Platz gewesen sein soll, und darüber, dass Labbadia nicht so recht wisse, was er mit ihm anfangen soll, wieso bzw. unter welchen Vorzeichen er ihn überhaupt geholt habe. Und unter Umständen hätte ich auch noch darauf hingewiesen, dass der Druck, der über die Außenpositionen ausgeübt wird, nach wie vor nur bei Verwendung sehr empfindlicher Geräte in die Randgebiete des messbaren Bereiches gelangt. Obwohl sich dort Spieler tummeln, die das könnten oder auch schon mal konnten.

Labbadia ist aber weg, Schneider noch nicht lange da, und so fasle ich ein bisschen was von einer Hypothek, die der alte Trainer im Zusammenspiel mit der alten Vereinsführung hinterlassen habe, um mich dann auf die Feststellung zu beschränken, dass das Kommunikationsverhalten der Trainer rund um das Pokalspiel verbesserungswürdig war.

Was ich von der Vokabel “Hass” auf und neben dem Fußballplatz halte, habe ich bei der einen oder anderen Gelegenheit zum Ausdruck gebracht, was ich von verweigerten Handschlägen halte, dürfte sich von selbst verstehen, und die Beteuerung, dass jemand Entschuldigungen immer annehme, verleiht dem Einzelfall eine gewisse Beliebigkeit. Tatsächlich ganz amüsant fand ich indes die Unfairness-Anekdote und hoffe inständig, dass nicht sie den Auslöser für die nachfolgenden diplomatischen Verwicklungen darstellte.

Was mir imponierte: wie Christian Streich seine Mannen in der 88. Minute bei eigener Führung und eigenem Einwurf zur Eile antrieb, weil sich möglicherweise eine Lücke im Stuttgarter Deckungsverbund aufgetan hatte. Und wie die Mannschaft sich daran hielt.

Gefühlt, wie man so schön oft sagt, spielten sie einander den Ball just in jener Szene weit in der gegnerischen Hälfte so oft und so schnell und mit so viel Zug zu, wie es dem VfB im ganzen Spiel nicht am Stück gelungen sein dürfte, außer vielleicht von Schwaab zu Rüdiger zu Sakai zu Rüdiger zu Schwaab zu Rausch zu (beliebiger Freiburger Spieler) zu (hoffentlich) Kvist zu Schwaab zu Rüdiger zu Sakai zu Ballvertändler Harnik zu (beliebiger Freiburger Spieler) zu Balleroberer Harnik zu Sakai zu Rüdiger zu …  ach, Verzeihung. Meist war da aber längst der lange Ball gekommen.

Die Heimfahrt war ein bisschen anstrengend. Frustrierend, möchte man sagen. Aber in angenehmer Gesellschaft. Und mit Überlegungen zur nächsten Fußballfahrt älterer Herren.

Eine Art Lesereise

War ja fast so’n bisschen kryptisch, was ich da vergangene Woche über mein verlängertes Wochenende geschrieben hatte, über eine auswärtige Begegnung mit Löwenfans, ein beinahe komplett verpasstes VfB-Aufbruchstimmungsspiel und ein paar Stuttgarter Abschiedstränen. Man hätte auf den Gedanken kommen können, ich eierte herum oder hätte gar etwas zu verbergen.

Eben diesen Gedanken scheint auch ein gelegentlich als zweitklassig verunglimpfter und gerne mal die Hardboiled-Karte ziehender Schnüffler gehabt zu haben, der in der Folge nicht nur der Sache auf den Grund ging, sondern ganz nebenbei besagte Verunglimpfungen als haltlos enttarnte. Vielmehr offenbarte seine erstklassige Recherche den Grund meiner Zurückhaltung: ich war auf Lesereise gewesen.

Eigentlich hatte ich das Thema totschweigen wollen, zu unbefriedigend war die Erfahrung gewesen. Aber man weiß ja, wie das ist, wenn die Spürhunde erst einmal Witterung aufgenommen haben – zumal dieser Dembowski wenig Zweifel daran lässt, dass er die ganze bittere Wahrheit nach und nach ans Tageslicht zu zerren gedenkt.

Das kann ich nicht zulassen. Zumindest nicht unkommentiert. Deshalb hier und in aller Offenheit: ja, ich war in Landau, Blaubeuren und Luckenwalde. Dass die Erfahrungen eher so mittelprächtig waren: geschenkt. Man zahlt halt Lehrgeld. Geht auch den Besten so, fragen Sie doch mal den Baade. Der war auch nicht immer die Rampensau, die er heute ist. Ok, natürlich war es ein Fehler, in Landau in einem vermeintlichen Anfall von Originalität „Dicke Kinder in kurzen Hosen“ auf die Plakate zu schreiben und damit sowohl die Einheimischen als auch die Baade-Jünger zu brüskieren. Aber hey, wie gesagt: Lehrgeld.

Zu Blaubeuren hat der Ermittler alles gesagt (Wilken!), und Luckenwalde, nun ja, ist halt Luckenwalde. Klingt in meinen Ohren immer so’n bisschen nach Wecker’schem Sprechgesang: Und Luckenwalde schweigt dazu. War zwar Programm, hatte ich aber, lernfähig wie ich bin, wenigstens nicht auf die Plakate gesudelt.

Und dann war ich noch in, Dingenskirchen, Sie wissen schon (also insbesondere Sie, Herr @rebiger), Hamburg. Wo, wenn nicht dort, sollten fünf Fußballzeilen vorgetragen werden, nicht wahr, von Dinos und Uhren und Torhütern und Dorschen, Sie verstehen? Aber darüber wird dann ja der Schnüffler berichten. Vielleicht auch darüber, dass ich es spätestens in jenem Moment hätte wissen müssen, als mein Techniker vor Ort bei dem Versuch, den Sky-Decoder (heißt das so?) zum Laufen zu bringen, um das Spiel des VfB gegen Hoffenheim zu sehen, nun ja, Lehrgeld bezahlte. Wer mit solchen Technikern auf Lesereise geht, hat, abseits aller Rüttelreime, ein Problem.

War ja eigentlich ein netter Zug gewesen von der Angestellten, uns in Abwesenheit des Chefs und eingedenk eigener Ahnungslosigkeit da ran zu lassen, wobei sicherlich die Selbstverständlichkeit, mit der mein Begleiter seine technische Kompetenz verbal durchscheinen ließ, jeden Zweifel im Keim erstickte. Dass uns der Chef kurz nach Anpfiff, eilends herbeigerufen und fluchend resettend, kein Hausverbot erteilte, war dann ja immerhin etwas.

Das Spiel entschädigte. Uns alle, und insbesondere uns alle, die wir es schon immer gewusst haben. Seit Jahren wollten wir schon den Werner sehen. Den Maxim sowieso, von Kvist, diesem elendigen Rückpassspieler großartigen Stabilisator gar nicht zu reden. Und dass der Schneider es drauf hat, wussten ja eh alle. Im Verein und drumrum. Schon immer. Schön auch, dass nun alle voneinander wissen, dass sie es schon immer … ach, egal.

Tags zuvor (ja, zwei Abende in einer Stadt – ein Privileg der ganz ganz Großen, irgendwo beim S-Bahnhof Othmarschen) hatte ich ebenfalls Fußball gesehen. So richtig live, im Stadion, in bemerkenswert ausdauernder, lautstarker und vor allem hingebungsvoller blau-gelber Gesellschaft. Man nimmt ja alles, was man so an Karten bekommt vor dem Stadion, zumal ich jenes im Volkspark einfach gerne mag, unabhängig vom jeweiligen Platz.

Ohnehin war die Konstellation für mich weniger problematisch als für meinen vor Ort ansässigen Mitstadiongänger, der die ungewohnt zahlreichen Jubelmomente mit dem Hintern auf den Händen sitzend verbrachte. Was dem unmittelbar vor uns sitzenden Nacken geschuldet gewesen sein dürfte, der Gerd Müllers Oberschenkel (oder selbst die von Gerd Wiesemes!*) wie einen Unterarm des jungen „Spillo“ Altobelli wirken ließ.

Nicht dem Nacken allein, gewiss, sondern auch der ihn umgebenden beeindruckenden Erscheinung, die nicht unwesentlich dazu beitrug, dass eine einmalige Intervention des jungen Mannes die vor ihm sitzenden Braunschweiger fortan davon abhielt, spiel- und supportabhängig aufzuspringen – und ihm damit die Sicht zu versperren.

Dumm nur (und diese Einschätzung schließt explizit das Sicherheitskonzept des Gastgebers mit ein), dass eine anhaltende Sichtbehinderung von einem ungeschickt platzierten Ordner ausging, der tatsächlich durch seine bloße Präsenz immer wieder Verrenkungen der Zuschauer erforderlich machte. Was den Nacken zu einer Schimpftirade, andere zu fliegenden Bierbechern animierte, ohne den Herrn jedoch aus der Ruhe bringen zu können. Hut ab, aber vielleicht hat er ja zwischenzeitlich doch noch mal mit seiner Chefin über die Platzierung gesprochen.

Nebenbei sah ich auch gelegentlich auf den Platz. Was ich dabei konkret sah, hat Herr @nedfuller meines Erachtens treffend auf den Punkt gebracht. Den Spielverlauf, meine ich, nicht die anscheinend sehr aufwändige Choreo, die leider nicht für spätentschlossene Stadiongänger wie mich gedacht war. Maximilian Beister hat mich überzeugt, so körperlich hatte ich ihn bisher nie wahrgenommen, und bei Zoua, von dem ich nach den ersten Minuten dachte, seine Bewegungsabläufe schlössen ein Talent für Ballsportarten aus, muss ich Abbitte leisten. Oder zumindest gedanklich ein wenig zurückrudern.

Ob ich hinsichtlich der während des Spiels aus meiner Sicht unvermeidlichen Einschätzung, dass Braunschweig schlichtweg nicht konkurrenzfähig sei, ebenfalls zurückrudern muss, wage ich zu bezweifeln. Ich täte es gerne. Allein schon, um es den Besserwissern ins Gesicht schleudern zu können: „Nicht konkurrenzfähig, Kamke, oder wie?“ oder „Piss-Verein, wa, Lieberknecht?!“

Oh, ich vergaß Hakan Çalhanoğlu. Bzw. seinen Freistoß, der mir im Stadion, ohne Zeitlupenwissen sozusagen, die Behauptung entlockte, diese Mischung aus Schärfe und Effet hierzulande seit Thomas Häßler nicht mehr gesehen zu haben. Mit ein bisschen Recherche käme ich davon vielleicht ab; aber ich verzichte gern darauf. Man muss auch mal schwelgen können.

Nun bin ich ein bisschen vom Thema Lesereise abgekommen. Darf gern so bleiben, der Schnüffler wird sich früh genug wieder zu Wort melden. Oh, hat er ja schon wieder getan. Aber wer ist dieser Peters?

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* Genau genommen war die Hamburgfahrt tatsächlich eine Lesereise. Ich las in jeder freien Minute. Aber keine Fünfzeiler, sondern Ronald Rengs „Spieltage„. Ein wunderbares Buch, ein großes Lesevergnügen, und hinreichend Wissenshäppchen für künftige Kneipendiskussionen. Zum, Beispiel, wenn mal wieder einer Gerd Müllers Oberschenkel bemüht.

Moment!

Kurz ertappte ich mich bei dem Gedanken an eine Konstellation, in der Sven Ulreich bei dieser letzten Ecke der regulären Spielzeit mit nach vorne gehen würde, um das entscheidende 3:1 zu erzielen und eine Verlängerung zu vermeiden. Ähnlich kurz ertappte ich mich zudem bei dem Gedanken, mich für so viel Chuzpe begeistern zu können, so es denn Chuzpe wäre. Vielleicht sollte ich es aber unterlassen, Sven Ulreich wilde Theorien und kontrafaktische Überlegungen unterzujubeln.

Fakt ist vielmehr, dass auch ohne einen vogelwilden Ausflug des Torhüters aus eben diesem Eckstoß der entscheidende Gegentreffer entstand (Traoré hatte eine Art Camoranesi-Moment, die Älteren werden sich an Nürnberg erinnern). Ein bisschen fühlte ich mich schuldig, weil auch ich das 3:1 noch in der regulären Spielzeit herbeigesehnt hatte, anstatt – dass es fallen würde, stand ja außer Frage – bis in die Verlängerung zu warten.

Und noch während der Konter lief, hatte ich einen Burruchaga-Moment. Ernsthaft: quasi im Moment des Passes sagte ich „Burruchaga“, und dann war Schweigen. Tatsächlich hatte den Burruchaga-Moment ja der eingewechselte Goran Mujanovic, eine Interpretation allerdings, die dem ebenfalls spät aufs Feld gekommenen Ivan Mocinic einen möglicherweise etwas übertriebenen Maradona-Moment verschaffen würde.

Leider hatte der VfB niemanden von der – nicht nur körperlichen – Statur eines Hans-Peter Briegel vor Ort, der (also Briegel) sich gewiss kein zweites Mal hätte abhängen lassen, sondern nur Daniel Schwaab und Arthur Boka. Ersterer war zu weit weg, letzterer ging angesichts der Aussichtslosigkeit relativ bald in einen Laufstil über, in dem man mit etwas Wohlwollen einen Usain-Bolt-auf-den-letzten-20-Metern-im Vorlauf-einer-Gaumeisterschaft-Moment erkennen könnte. Und Ulreich hatte dummerweise einen Schumacher-Moment.

Schön für Benedikt Röckers Jacketkronen, dass sein Torwart eine gute Stunde zuvor, in der 30. Minute, eben keinen Schumacher-Moment gehabt hatte, sondern dass es sich lediglich um einen gemeinsamen Laurel-und-Hardy-Moment handelte. Die Regie lag dabei meines Erachtens bei Ulreich, was nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass Röcker insgesamt den einen oder anderen Rui-Marques-Moment hatte. Ulreichs Möller-Inzaghi-undsovieleandere-Moment Mitte der zweiten Halbzeit sei an dieser Stelle nur kurz seiner Absurdität wegen erwähnt.

Bereits sehr früh im Spiel, die Stadionuhr zeigte eine gespielte Zeit von ziemlich genau zwei Minuten an, hatte William Kvist einen Kvist-Moment gehabt, als er seinen ersten Rückpass zu Sven Ulreich spielte – der aber für längere Zeit der einzige bleiben sollte. Kvist machte meines Erachtens ein ziemlich gutes Spiel, eroberte viele Bälle und nahm seine alte Rolle als Defensivanker ein. Dass der dort verdrängte Boka nun wieder als Linksverteidiger agieren durfte, trieb mir ein paar Sorgenfalten auf die Stirn, die noch einmal tiefer wurden, als der erste typische Boka-Moment in Form einer sehr strafstoßgefährdeten Situation keine Viertelstunde auf sich warten ließ. So bleibt es links hinten also bei der Qual der Wahl – meine präferierte Lösung bleibt Gotoku Sakai, trotz Mainz.

Ich weiß nicht, was für einen Moment Christian Gentner hatte, als er den Ball aus 15 Metern halb kniend in die Ecke schlenzte, so’n bisschen (und nur so’n bisschen) weckt er Erinnerungen an Littbarskis Tor des Jahres 1985, auf jeden Fall war es großer Sport. Anders als seine speziell zu Spielbeginn häufig versuchten und nahezu ebenso oft missglückten langen Bälle auf die Außenpositionen. Später wurden sie etwas besser, und es fiel auf, dass nicht nur, aber vor allem Gentner offensichtlich große Hoffnungen in Timo Werner setzte, dem ich einen qualifikationssichernden Manuel-Fischer-Moment gewünscht hätte. Insgesamt hätte ich der Offensive ein paar mehr Traoré-Momente gewünscht, und mitunter etwas mehr (oder andere) Bewegung in der Sturmmitte, um dem Mittelfeld die Zuarbeit ein wenig zu erleichtern – zumal für überraschende Maxim-Momente leider kein Platz war.

Fernab aller Wahrscheinlichkeit mache ich mir, einfach aus Interesse, gerade einen kleinen Spaß aus der Frage, wie es sich wohl auf die Stimmung unter den Anhängern auswirken würde, wenn das eine Eigengewächs, der mit einem großen Vertrauensvorsprung ausgestattete Thomas Schneider, sich einen Armin-Veh-Moment gönnen und das andere Eigengewächs brüskieren würde, indem er einen offenen Konkurrenzkampf auf der Torwartposition ausruft.

Was indes abseits verrückter Gedankenspiele in der Wirklichkeit bleibt: ausgeschieden. Das kann man schönreden, auf die vergleichsweise geringe sportliche und finanzielle Bedeutung dieses Wettbewerbs verweisen, oder darauf, dass es der Mannschaft in der aktuellen Situation bestimmt gut tut, nicht auf drei Hochzeiten tanzen zu müssen, und ich will diese Punkte gar nicht in Abrede stellen. Oder nur zum Teil, schließlich wäre die sportliche Bedeutung gewiss auch in Stuttgart, wie bei so vielen Cup-der-Verlierer-Sagern, groß genug, um einen Uefa-Cup-(jaja)-Sieg gebührend zu feiern. Was mich zurück zu dem bringt, was ich grade sagen wollte: mich kotzt dieses Ausscheiden ziemlich an.

Zuversicht

Woher kommt sie immer wieder, diese jeder rationalen Betrachtung zuwiderlaufende Zuversicht? Dieses unwiderstehliche Gefühl, das einen dazu bringt, mit leuchtenden Augen und voller Vorfreude ins Stadion zu eilen, unter Vernachlässigung nicht ganz unwichtiger Paralleltermine wie auch monetärer Erwägungen, die ans Prinzipielle heranreichen, ganz selbstverständlich davon ausgehend, dass der eigene Verein gegen einen Wettbewerber, der nachweislich in einer anderen Liga spielt, bestehen könne?

Wie kommt man dazu, sämtliche Vorleistungen zu ignorieren und zu glauben, die eigene Mannschaft, deren jüngster Catenaccio-Auftritt das eigene Selbstverständnis überdeutlich zur Schau stellte, zeige nun, ganz plötzlich, entgegen aller Wahrscheinlichkeit und dem Übungsleiter, ansehnlichen, gleichermaßen nach vorne gerichteten wie erfolgreichen Fußball, gegen eine Mannschaft, die mindestens zur gehobenen Mittelklasse des europäischen Vereinsfußballs zählt?

Natürlich sieht man seine Fehleinschätzung im Lauf der 90 Minuten ein, meist wesentlich früher; selbstverständlich schüttelt man danach noch stundenlang den Kopf, ist sich der Situation in vielerlei Hinsicht bewusst – und kann es doch wieder nicht begreifen, obwohl die Fakten in beispielhafter Klarheit vor einem ausgebreitet wurden. Von einem souveränen, taktisch und körperlich präsenten Gegner. Und von der eigenen Mannschaft, immer wieder. Die individuellen Fehler vor den Toren bleiben hängen; die anderen mögen weniger schwerwiegende unmittelbare Folgen nach sich ziehen, bewegen sich aber häufig auf ähnlichem Niveau.

Im vorliegenden Fall exponierten sich bei den Toren zunächst Boka und Kvist, denen Hajnal und Gentner nur wenig nachstanden, ehe ihnen Rüdiger mit seiner Türsteherattitüde („Bis hierher und nicht weiter. Ich weiche keinen Schritt zurück; wenn Du vorbei willst, muss Du mindestens einmal mit dem Hintern wackeln.„) ein wenig den Rang ablief. Aber wie gesagt: viele andere taten es ihnen ähnlich. Lazio brauchte dem VfB die Grenzen im Grunde gar nicht aufzuzeigen, er selbst kam – so hoffe ich zumindest – nie in ihre Nähe.

Und während man so vor sich hinbrütet, irgendwie nach Lösungen suchend, die über den ohnehin als unumgänglich vorausgesetzten Trainerwechsel hinaus reichen, kommt von irgendwoher schon wieder diese irrationale Zuversicht:

„Ein Gutes hat das Ganze ja: das Thema Hajnal ist nun endgültig durch.“

Und man spürt, ja weiß, dass einen die Realität im Verbund mit Bruno Labbadia einmal mehr Lügen strafen wird.

Tags darauf sieht man sich dann tatsächlich Videos aus dem Landesmeisterpokal 1988/89 an, als die Bayern in San Siro 3:1 gewannen. Die spinnen doch, die Fußballfans.

vier

Ich frag mich, ob Ihr wohl ne List wisst,
um einen zu finden, der Kvist disst.
Weil er, hm, lauter Mist isst?
Auf der Suche nach Zwist ist?
Nein? Mist. Keiner disst Kvist.
(Verzeihung.)

Stets freundlich und nett ist Herr Kvist
auch höflich, humorvoll, nie trist.
Er ist selten gehässig,
auf dem Platz zuverlässig.
Ob er heimlich wohl Kinderlein frisst?

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Weitere Adventsfünfzeiler gibt’s im Kalender.

Rekordhinrunde

Der VfB Stuttgart setzt seine Rekordjagd fort. Nachdem die Schwaben bereits am Mittwoch die alte Bestmarke aus der Saison 1966/67 (zum wiederholten Male) egalisiert hatten, gelang es ihnen durch den Sieg am Wochenende erstmals, in einer einzigen Bundesligahinrunde 9 Punkte gegen die Bayern zu sammeln.

Dies ist insofern umso bemerkenswerter, als die neue Rekordmarke zum einen bereits zwei Spieltage vor Abschluss der Vorrunde erreicht werden konnte, und als zum anderen die Wettbewerber aus dem Freistaat nicht nur Rekordmeister sind, sondern ihrerseits in den ersten 15 Spieltagen bereits 70 Punkte anhäufen konnten.

Angesichts dieser beeindruckenden Bayern-Bilanz ist sicherlich auch die eher zurückhaltende Art und Weise („Videotext-Fußball“), mit der der VfB seine Punkte errang, nicht nur nachvollziehbar, sondern aller Ehren Wert. Einmal mehr zeigte sich am Samstag, dass das Offensivspektakel der letzten Jahre schlichtweg überholt ist. Eine solide Defensive, die sich mit großer Verve bis zur letzten Minute dem vermeintlich übermächtigen bayerischen Gegner in den Weg stellt, und ein guter Stürmer – das reicht. Wie man auch in Bayern weiß.

„Kaum spielt man mal ohne Kvist und Tasci, schon steht hinten die Null“, bemerkte anschließend ein Sympathisant aus dem Umfeld des Vereins, ehe er nochmals einen kritischen Blick auf das Spiel gegen die Bayern vom vergangenen Mittwoch warf:

„Ich hab genau auf die Uhr gesehen: 12 Minuten und 12 Sekunden lang zeigten sie gleichermaßen sehenswerten wie zielgerichteten Fußball, danach aber wirkten sie wie paralysiert. Das reicht nicht.“

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Ja, ich weiß, dass Bundesländer zum Teil mehrere Regionen umfassen.
Kann ich nichts für.

Variabilität

„Das hätte ich im Leben nicht gedacht, dass hier zur Pause so eine entspannte Stimmung herrschen würde“, sagte ich zu meinem Nebenmann. Zum Nebenmann meines Sohnes, um genau zu sein, der nun auch endlich seine erste Stadionniederlage erlebt hat. „Endlich“ deshalb, weil man ja nicht früh genug erfahren kann, was ein Dasein als Fußballfan so mit sich bringt. Für einen umfassenden Eindruck hatte ich mir ja eigentlich noch Nacktkontrollen gewünscht; diesbezüglich scheint jedoch die symbolträchtige Pilotphase beim Marktführer noch nicht abgeschlossen zu sein. Es ist also davon auszugehen, dass noch ein paar Wochen ins Land ziehen, ehe man sich hierzustadte anschließt.

Die entspannte Pausenstimmung hatte ich mir übrigens deshalb nicht vorstellen können, weil ich Hannover als laufstarke, unangenehme, im besten Sinne solide und nicht zuletzt torgefährliche Mannschaft eingeschätzt hatte, letztlich also als all das, was in der ersten Halbzeit statt ihrer der VfB verkörperte – weshalb er auch, dem Spielverlauf angemessen, mit 2:0 führte.

So ließ ich mich neben der Entspanntheitsaussage auch noch zu der im stillen Kämmerlein meiner Fußballseele geäußerten These hinreißen, dass der VfB mit Kuzmanovic und ohne Kvist in der Offensive variabler agieren und im besten Fall den – seinerseits für seine offensiven Qualitäten bekannten – Gegner vom eigenen Tor fernhalten könne. Sehr fern, im Idealfall.

Nach dem Spiel vertrat ich dann mir selbst gegenüber etwas kleinlaut die Position, dass man ohne Kvist auch in der Abwehr variabler sei. Anders als zu Saisonbeginn bei den Bayern, wo man den Eindruck gewinnen konnte, immer wieder das selbe Tor zu sehen, war das Ganze gegen Hannover etwas vielseitiger. Zwar war die linke Abwehrseite meist involviert (und durfte Rechtsaußen Stindl dreimal als Vorbereiter in Aktion treten), aber insgesamt war dann doch die gesamte Defensivarbeit unorganisiert, war auch niemand da, der sich dafür verantwortlich fühlte, den zur Pause eingewechselten Jan Schlaudraff gelegentlich durch etwas körperliche Nähe daran zu hindern, das Spiel komplett in die Hand zu nehmen – mit dem Ergebnis, dass dieser an allen vier Gästetoren beteiligt war. Ich wage zu bezweifeln, dass ihm das gegen den unvariabel nach hinten spielenden Kvist gelungen wäre.

Natürlich wäre es deutlich zu kurz gesprungen, allein Kuzmanovic die Schuld zu geben und Kvist zu lobpreisen. Zu viel lief in der zweiten Halbzeit aus dem Ruder. Vor allem aber, und da stimme ich Bruno Labbadia ausdrücklich zu, zeigte sich die Mannschaft nicht mehr so lauf-, einsatz- und spielfreudig wie zuvor. Ob sie nicht mehr konnte oder nicht mehr wollte, kann ich nicht seriös beurteilen; mich beschlich allerdings der Verdacht, dass sie die Halbzeit ähnlich entspannt verbracht hatte wie ich.

Oder sogar entspannter. Vermutlich hatten die Spieler nämlich gar keinen Sechsjährigen dabei, der plötzlich und unerwartet, wie das bei jungen Leuten halt mitunter so ist, furchtbar dringend seine Notdurft verrichten musste und dessen Panik ob der üblichen Halbzeitschlange in kürzester Zeit auch vom Vater Besitz ergriff. Aber lassen wir das. (Ging gut.)

Kann René Adler eigentlich mit flachen, scharfen Hereingaben von der Seite umgehen? Falls dem so sein sollte, wäre das ein Erklärungsansatz. Von oder für Herrn Löw, meine ich. Oder er, also Adler, hat eine Abwehr, die eben diese Hereingaben unterbindet. Hülfe auch.

Kamke junior will übrigens weiterhin mit ins Stadion, ungeachtet seiner negativen Tendenz. Siege seien ihm zwar lieber, sagt er, aber eine gewisse Variabilität legt er durchaus an den Tag. Bleibt zu hoffen, dass sie in Sachen Verein nicht gilt. Zumindest nicht, solange er seine Füße unter meinen Tisch … ach, lassen wir das.

Griffigkeit

Es ist wieder einmal an der Zeit, Abbitte zu leisten. Der Adressat ist in diesem Fall Christian Gentner, den ich häufig, mitunter hart und gelegentlich auch giftig kritisiert habe. Sowohl hier als auch beim einen oder anderen Podcast, im privaten Umfeld sowieso.

Nun wird es Christian Gentner ziemlich egal sein, was ich im privaten Umfeld, beim einen oder anderen Podcast oder eben hier so von mir gebe. Was zu der Schlussfolgerung führen könnte, ich bräuchte gar keine Abbitte zu tun. Was wiederum insofern in die Irre geht, als ich zum einen nicht in erster Linie um Gentners Seelenheil besorgt bin, sondern um meines, will sagen: weil es mir ein Bedürfnis ist. Zum anderen geht es keineswegs darum, in der Vergangenheit geäußerte Kritik ungeschehen, ungesagt machen zu wollen. Ich hielt sie in jedem Fall für angebracht und auch angemessen.

Aber ich räume gerne ein, den Eindruck erweckt zu haben, möglicherweise nicht mehr an eine Verbesserung geglaubt zu haben. Und ich räume darüber hinaus ein, dass dieser Eindruck korrekt war.

Nun indes ziehe ich meinen Hut. Es ist aller Ehren wert, was Gentner in den letzten Wochen spielt. Mittlerweile habe ich sogar den Punkt erreicht, wo ich, wenn Leute aus meinem Umfeld im Stadion aus alter Gewohnheit (oder aktueller Überzeugung, auch das mag es geben) über Gentner herziehen, nicht mehr, wie in den ersten Wochen der Saison, lächelnd in mich gehe, sondern auch aktiv widerspreche.

Laufbereitschaft, Engagement, Spielverständnis und einen feinen Fuß hatte ich ihm stets attestiert, doch häufig schien der letzte Wille zu fehlen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, immer wieder in die Lücken zu stoßen, auch mal das offensive Laufduell zu suchen, anstatt abzudrehen und auf den Ball zu stehen.

Das ist zur Zeit anders. Gegen Eintracht Frankfurt räumte er hinten neben Kvist ab, spielte in der Mitte gute Bälle (wie schon in Hamburg), traf vorne zum 1:0, und mir persönlich imponierte nicht zuletzt (ja, natürlich war das auch seine Aufgabe), wie er speziell in der ersten Hälfte ein ums andere Mal den Sprint aus der Mitte in Richtung der linken Eckfahne anzog – wohl wissend, dass Molinaro den Ball ohnehin ins Aus spielen würde.

Vermutlich wäre es passend, Gentners Auftreten als „griffig“ zu bezeichnen. Zwar weiß ich nicht, was „griffig“ im Fußballkontext bedeutet, schließlich scheint es nicht um die Beschaffenheit des Bodens zu gehen, doch Gentner selbst betonte nach dem Spiel, seine Mannschaft habe nicht zuletzt deshalb gewonnen, „weil wir griffig waren von der ersten Minute an“. Wie gesagt, ich kann den Begriff nicht so recht greifen, möglicherweise kommt er aus jener Denkschule, die auch den „Zugriff“ auf ein Fußballspiel fest in unserem Vokabular verankert hat – aber wenn Gentner schon einen, wenn nicht den Exponenten des VfB-Spiels darstellte, dann dürfte wohl auch seine Griffigkeit stellvertretend für die der Mannschaft stehen können.

Parallel habe ich vernommen, wie in Schiedsrichterkreisen davon gesprochen wird, dass ein guter Schiedsrichter, der seine Ermessensspielräume sinnvoll nutze, dazu beitrage, das Spiel „griffig“ zu machen – zumindest wird das bei „Collinas Erben“ so gesagt, bzw. bei @lizaswelt, der im Podcast eben jenes Namens die Griffigkeit ins Spiel bringt.

Ich schweife ab, aber wenn ich schon dorthin geschweift bin, kann ich auch noch kurz bei Collinas Erben bleiben, oder vielmehr bei deren Mutterschiff namens Fokus Fussball, einer ebenso arbeitsintensiven wie wunderbaren Blog- und Presseschau, die Jens Peters und Klaas „soon to be RefeReese“ Reese, neben ihren hauptberuflichen und nicht minder lesenswerten Blogs Catenaccio bzw. Reeses Sportkultur, Tag für Tag mal eben im Vorübergehen erstellen.

Zurück zum funktionierenden Stuttgarter Mittelfeld. Ich will (und kann) gar nicht bewerten, welchen Anteil die taktischen Veränderungen der letzten Wochen, konkret insbesondere der Umstieg auf ein System, das gemeinhin griffig mit „4-1-4-1“ beschrieben wird, daran haben, und ich will auch nicht räsonieren, ob Holzhauser Gentner gut tut oder Gentner Holzhauser. Auf jeden Fall scheint’s zu passen, und gerne darf Gentner seinem Nebenmann bei Bedarf den einen oder anderen verbalen Motivationsschub verpassen, wenn er ihn für nötig erachtet.

So zum Beispiel, wenn Holzhauser meint, nur noch per Hacke spielen zu sollen – wonach es am Sonntag zwischenzeitlich aussah. Wobei ich nicht verhehlen will, ganz im Gegenteil, dass darunter auch mindestens eine echte Perle zu finden war, im Doppelpass mit Sakai, dessen Hereingaben immer noch nicht gut genug waren, aber doch schon besser als am Donnerstag gegen Kopenhagen. Perlenartig auch die langen Bälle, zum Teil zentimetergenau, wenn auch am Sonntag nur bedingt effektiv.

Es wäre schade, wenn der junge Mann größeres Augenmerk darauf legte, seine Fähigkeiten vorzuführen, als sie möglichst effektiv, gerne auch unspektakulär, einzusetzen. Gerne ähnlich unspektakulär und effektiv wie jene, wie sagt man, Schnittstellenpässe in die Spitze, die Schiedsrichter Gagelmann zweimal wegen Abseitsstellungen abpfiff, die ich im Stadion entschieden verneinte. Neuere Informationen habe ich nicht.

Eigentlich wäre ich jetzt erst einmal durch, aber wie könnte ich Ibrahima Traoré unerwähnt lassen, über dessen Instinkte hier kürzlich geredet wurde, und der an beiden Toren maßgeblich beteiligt war. Die Energieleistung vor dem 2:1, als er den Ball von rechts hinten nach links vorne trug, hätte ich ihm zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zugetraut. Chapeau, Herr Traoré! Und natürlich Kompliment an Sven Ulreich.

Natürlich gibt’s das eine oder andere zu kritisieren, aber ich trau mich nicht so recht. Dem Trainer gefällt das nämlich nicht. Ein wenig befürchte ich, er hatte genau mich im Sinn, als er bei Sport im Dritten beklagte, dass „jeder über jeden Dreck ausschütten kann im Internet, wie er grade möchte“. Das hat mich ein bisschen verletzt.

Armin Veh hat auch was gesagt, in der Pressekonferenz. Er suchte nach Journalisten, die er noch aus seine Stuttgarter Zeit (die Älteren werden sich erinnern, war eine ganz erfolgreiche Zeit) kannte, fand aber zunächst keine und entdeckte sie erst allmählich:

„Dahinten stehen sie jetzt, ah. Wärt wahrscheinlich vorne, wenn der VfB verloren hätt‘ heut?“

Guter Mann, der Herr Veh.

Instinktiv nachgefragt

„Traoré hat das Spiel nicht verstanden. Wie soll ich meiner E-Jugend erzählen, dass egal ist, wer das Tor schießt, wenn die dann dem zuschauen?“

Diese SMS erreichte mich irgendwann im Lauf der ersten Halbzeit des VfB-Spiels in Hamburg, Auslöser dürfte Traorés Abschluss aus spitzem Winkel gewesen sein, als in der Mitte zwei Mitspieler auf den Querpass warteten, vielleicht auch noch die oder andere Szene mehr.

Ich war ein wenig hin- und hergerissen. Einerseits hatte der Absender, dessen Fußballsachverstand ich sehr schätze, schlicht und ergreifend recht, was die Bewertung mindestens jener einen Szene anbelangt, vermutlich auch darüber hinaus. Andererseits war Traoré gleichwohl eine positive Erscheinung im VfB-Spiel, ein ständiger Unruheherd, der sich auch vom einen oder anderen Ballverlust nicht beirren ließ und weiterwuselte.

Ehe ich mich’s versah, hatte ich auch schon geantwortet:

„Freundlich ausgedrückt: Instinktfußballer.
Im Guten wie im Schlechten.“

Bleibt die Frage, was ich gemeint hatte. Vermutlich war es der Versuch, die Wendung „hat das Spiel nicht verstanden“ durch die Betonung anderer, möglicherweise im Gegensatz dazu stehender Qualitäten gleichzeitig zu bestätigen und zu konterkarieren.

Wobei ich mir gar nicht sicher bin, was „man“ gemeinhin mit einem Instinktfußballer verbindet. Ist es grundsätzlich positiv gemeint? Gilt Thomas Müller als Instinktfußballer, weil er sich keinen Kopf macht? Ist Lukas Podolski einer, weil er sich mancher Lesart zufolge gar keinen Kopf machen könnte? Ist ein Instinktfußballer jemand, der nicht dafür geschaffen ist, strategisch zu agieren? Oder handeln vielmehr auch, vielleicht sogar gerade, die großen Strategen des Spiels in hohem Maße instinktiv? Sind Ronaldo oder Rooney typische Instinktfußballer, Pirlo und Micoud indes gerade nicht?

Zu welcher Kategorie zählt, so man diese Kategorisierung für annähernd passend hält, der große Stratege Zidane, der instinktiv so vieles richtig machte? Ist es eine typische arrogant-akademische Herangehensweise, Spieler wie Rooney, Podolski oder Fritz Walter (junior) ohne allzu viel Federlesens in die Instinktschublade zu stecken? Kann es sein, dass William Kvist die Bälle vielleicht doch instinktiv meist nach hinten spielt, völlig unabhängig davon, dass er nicht auf den Kopf gefallen und strategisch begabt scheint?

Trifft es zu, dass „Instinktfußballer“, gemeinsam mit dem „Straßenfußballer“ das höchste Lob ist, das wir zu vergeben haben? Oder ist „hat das Spiel verstanden“ noch etwas höher anzusiedeln? Hat schon mal jemand „der hat das Spiel instinktiv verstanden“ gesagt? Trügt der Instinkt eigentlich eher als strategische Überlegungen?

Das letzte Wort hatte am Sonntag mein SMS-Partner, der nach Traorés Großchance kurz vor Schluss lakonisch feststellte:

„Ein Instinktfußballer macht den cool und abgezockt.“

Vermutlich hatte er recht. Wobei man dann wieder die Frage stellen könnte, ob wir da nicht den Instinkt des gemeinen Instinktfußballers mit dem spezielleren Torinstinkt in einen Topf schmeißen. Und falls dem so ist, ob das beiden Instinkten gerecht wird. Beziehungsweise den beiden Ausprägungen des einen.

Egal. Fürs Erste. Ob Raphael Holzhauser ein Instinktfußballer ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Wie es um das strategische Geschick auf dem Platz bestellt ist, kann ich auch noch nicht seriös sagen, neige aber zu einem „gut“. Ohne erneut die Holzhauser-Cam verwendet zu haben heranzuziehen, möchte ich doch kurz auf einen Punkt eingehen, der mir aufgefallen ist:

Ich hatte den Eindruck, dass er mehr kurze, einfache, unspektakuläre Bälle spielte als in seinen bisherigen Einsätzen. Wie man es von klassischen Ballbesitzmannschaften kennt. Und von Spielern, die sich ihrer Sache sicher sind, die sich nicht unter dem Druck sehen, einen tödlichen Pass nach dem anderen zu spielen, die wissen, dass sie den Ball gleich wieder bekommen, weil die anderen wissen, dass derjenige meist etwas Vernünftiges damit anstellt. Im Idealfall kann der betreffende Spieler sogar bereits erahnen, dass er auch mal den einen oder anderen Fehler machen darf. (Man wäre geneigt, von einem „Privileg der Jugend“ zu sprechen, wüsste man nicht, dass es bisher in der Tendenz eher älteren Herren eingeräumt worden war.)

Nun zögere ich sehr, dem Trainer mit Blick auf Holzhauser ein Lob auszusprechen, zumal der Nachweis, dass sich der junge Mann tatsächlich einen gewissen Kredit erarbeitet hat, erst noch zu erbringen ist – wiewohl ich es vorzöge, wenn der Kreditrahmen bis auf Weiteres nicht in Anspruch genommen zu werden bräuchte. Ausdrücklich loben möchte ich indes die Art und Weise, wie der VfB in Hamburg aufgetreten ist. Ich glaube nicht, dass Thorsten Fink und seine Mannen damit gerechnet hatten, von einem derart selbstbewusst auftretenden Gegner in dieser Form attackiert zu werden.

Der werte Herr @nedfuller, mit dem (und nicht nur mit ihm, sondern darüber hinaus mit @direktvrwandelt und @voegi79) ich mich im Sportradio 360 ein bisschen über das vergangene Wochenende unterhalten durfte, zeigte sich ebenfalls überrascht und beinahe beeindruckt – was auch damit zu tun haben mag, dass seine Erwartungen an Bruno Labbadia aus dessen Hamburger Historie heraus überschaubar hoch sind.

Gut gemacht, Herr Labbadia! Und wenn ich schon dabei bin: starkes Spiel, Christian Gentner! Klasse Leistung, William Kvist!

(Es gäbe noch einige andere zu loben, ich will jetzt gar keine weiteren Beispiele nennen – heute sollen mal diejenigen Erwähnung finden, die ich ansonsten meist (Labbadia, Gentner) oder zumindest in jüngerer Zeit (Kvist) instinktiv sehr bewusst eher zurückhaltend bewerte.

Mal sehen, ob sie am Wochenende auch dem Meistertrainer gewachsen sind. Dem instinktsicheren Strategen.