Aus der Zenitkabine

“Jetzt kommt mal wieder runter, Männer. So toll ist das nun auch wieder nicht, hier kurz vor der Pause ein Tor zu schießen – das kann mittlerweile jeder.

Wenn nämlich dieser Deutschbrasilianer ein Torjäger wäre, könntet Ihr jetzt nicht so ausgelassen feixen: 15 Meter, zentrale Position, freie Schussbahn – ein guter Stürmer schießt den nicht an den Pfosten, von seiner anderen Chance gar nicht zu reden. Wir wackeln ganz schön da hinten – zum Glück haben die Stuttgarter so viel Angst vor uns, dass sie sich gar nicht trauen, uns richtig zu attackieren.

Mir ist ja noch nicht so ganz klar, ob dieser Babbel das Thema “Flügelspiel” einfach für altmodisch hält, oder ob er bloß darauf verzichtet, weil er nicht die Spieler dazu hat. Wie wir wissen, haben die im ganzen Kader nur zwei Leute, die grundsätzlich daran interessiert sind, auch mal bis zur Grundlinie zu gehen. Der eine, dieser Schweizer, ist krank, und der andere, Hilbert, ein übermotiviertes Nervenbündel, das keinen Ball an den Mann bringt.

Die werden jetzt sicherlich nochmal alles versuchen. Das sieht dann so aus, dass der Mexikaner hinten rechts lange, hohe Bälle in das Sturmzentrum spielt. Gomez soll dann wohl den Ball per Kopf auf sich selbst verlängern, unsere gesamte Abwehr ausspielen und locker abschließen. Und passt auf, falls irgendwann doch mal einer der Mittelfeldstrategen in Tornähe kommt – schießen können die, sie tun’s nur eher selten.

Ich vermute mal, dass sie zunächst unverändert weiterspielen. Für die Außenbahnen haben sie niemanden, die Abwehr werden sie auch noch nicht auflösen, und dem Rumänen für den Sturm trauen sie nicht viel zu. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass sie im Lauf der zweiten Halbzeit noch zwei weitere zentrale Mittelfeldspieler bringen. Die sind dann allerdings nicht nur technisch stark, sondern auch offensiv ausgerichtet. Der kleine Brasilianer hat ganz gute Standards drauf und könnte in ein, zwei Jahren auch körperlich dem europäischen Fußball gewachsen sein, und diesen Gebhart, den sie aus dem Hut gezaubert haben, habe ich schon in verschiedenen Jugendspielen gesehen. Der wirkt zwar auf den ersten Blick auch nicht dynamischer als die anderen Mittelfeldspieler, aber er hat was drauf. Verliert nur manchmal ein wenig die Prioritäten aus den Augen. Kann natürlich auch sein, dass Babbel doch noch den kleinen Linksfuß einwechselt, über den wir sonst leider gar nichts wissen, oder diesen großen Blonden, damit sie auch im Offensivbereich mal einen Kopfball gewinnen.

Ok, Männer, wir gehen jetzt da raus und spielen ganz entspannt weiter. Natürlich auch mit der nötigen Härte – der Schiedsrichter ist Schotte, der pfeift auf beiden Seiten nicht so viel, hat das Ganze aber ordentlich im Griff. Irgendwann werden sich dann Gelegenheiten auftun, der Torwart kommt uns da sicher noch ein wenig entgegen. Und lasst Euch von den Stuttgarter Fans nicht irritieren, die haben da draußen so einen Fahnenlängenwettbewerb initiiert.”

Alles wird gut?

Eigentlich wollte ich ja hier auf Friede, Freude und auch auf Eierkuchen machen – jetzt, da The Artists Formerly Known as Rote Tor Fraktion wieder auftreten und “VfB ein Leben lang” singen dürfen, sei es doch erst recht ein Klacks, Sinsheim zu schlagen und im UefaCup die Ukrainer zu verabschieden. Jene Ex-UdSSRler, die gestern auf einem Rübenacker zum Tanz baten und im Rückspiel auf ihren prominentesten gerade noch verbliebenen Spieler verzichten müssen. Auch Chancentod Progrebnyak würde ja nicht grade nächste Woche plötzlich alles besser machen. Also: Klare Sache, kurze Randnotiz im Blog.

Aber dann habe ich gelesen, dass unsere Führungsspieler Alarm schlagen. Jens Lehmann hatte ja bereits während des Spiels auf seine ganz persönliche Art seine Meinung zu Stirnbändern zum Ausdruck gebracht, und Mario Gomez ärgerte sich, dass “einige zu schnell zufrieden” gewesen seien.

Irgendwie habe ich  mich angesprochen gefühlt – also:

So geht’s nicht weiter, VfB!
Ihr könnt Euch nicht allein auf die Jungs von TAFKARTF verlassen, und auf den Pfeffer an den Füßen erst recht nicht. Da muss schon ein bisschen mehr kommen.

Ok, jetzt ist aber genug, denn eigentlich war ich schon ganz zufrieden. Natürlich ist mir klar, dass Zenits feine Fußballer gepflegt kontern können und man nicht allzu sehr auf einen 1:0-Sieg spekulieren sollte. Dennoch: wir sprechen vom Titelverteidiger, auch wenn er zugegebenermaßen nicht mehr ganz so stark besetzt ist und wenig Spielpraxis hat. Da darf man über ein Auswärts-2:1 nicht ganz so laut meckern, zumal die Sache, Gomez Ausgleichschance zum Trotz, auch deutlich höher hätte ausgehen können.

PS: Stimmt, der Informationsgehalt dieses Beitrags ist überschaubar. Musste aber sein, da ich mich nicht nur von Mario Gomez’ Kritik, sondern bereits zuvor von Jens’ Bloggerdisserei angesprochen fühlte 😉

Standard war gestern, jetzt geht's zu(m) Zenit

Der VfB Stuttgart hat gestern letztlich souverän das Achtelfinale im Uefa-Cup erreicht, wo er gemäß der heutigen Auslosung auf Titelverteidiger Zenit St. Petersburg trifft. Zweifellos gab es aus sportlicher Sicht angenehmere Gegner im Lostopf, und ob die Einschätzung von Teammanager Horst Heldt zutrifft, dass “das Stadion voll sein wird und wir wieder richtige Europapokal-Atmosphäre in der Mercedes-Benz Arena haben werden”, ist auch sehr ungewiss. Schließlich handelte es sich auch gestern um ein enorm wichtiges Spiel gegen einen Gegner mit nennenswerter Vergangenheit und einer -im Grundatz- auch aktuell stark aufspielenden Mannschaft – interessiert hat’s keinen.

Das gestrige Spiel stand zwar im Zeichen eines starken VfB, der -erneut durch Khedira- bereits nach wenigen Minuten mit dem 1-0 die Richtung vorgab; gleichzeitig muss man aber einräumen, dass ihre bereits feststehende Qualifikation die Belgier sicher nicht zur Höchstleistung animiert hat, womit sie sich in ein unschönes -wenngleich menschlich nachvollziehbares- Bild halbmotivierter Gijon-Veteranen einfügten, das bei Saffti sehr treffend dargestellt ist. Seine wehmütige Forderung nach dem klassischen Europapokalmodus unterstütze ich sofort; daran glauben kann er vermutlich genauso wenig wie ich.

Wie auch immer: der VfB zeigte bis zur Pause ein paar Unsicherheiten und konnte in einigen wenigen Situationen froh sein, dass die Liégois wenig Lust hatten, Lehmann in Bedrängnis zu bringen. So ging man mit dem 1-0 in die Kabine, erzielte kurz darauf das zweite und wenig später auch das dritte Tor. Weitere Treffer wären möglich gewesen. Die Korrelation zwischen der Leistung auf dem Platz und auf den Rängen war wieder einmal verblüffend.

Verblüffend auch die Tatsache, dass der wiederholt seltsame Fehlpässe und Stockfehler produzierende Roberto Hilbert bei genauer Betrachtung nicht nur das 2-0 erzielte, sondern bereits nach einer gelungenen Kombination den entscheidenden Pass vor Khediras Führungstreffer gespielt hatte. Nehmt dies, Ihr Hilbertkritiker!

Schließlich möchte ich noch kurz etwas zum Schiedsrichter sagen. Ich weiß nicht, ob Herr Rasmussen so gepfiffen hat, wie sich die Uefa das vorstellt. Wenn dem aber so gewesen sein sollte, dann braucht man sich über die Diskussion um den Unterschied zwischen internationaler Härte und kleinlichem Gepfeife in der Bundesliga nicht zu wundern – ich bin überzeugt, dass ein willkürlich zugeteilter Bundesligaschiedsrichter gestern ein halbes Dutzend (Rasmussen: eine) gelber Karten verteilt und Boka mit gelb-rot vom Platz gestellt hätte. Hat mir gefallen.

Was mir heute beim ersten Hinsehen nicht so gefallen hat, und damit mache ich dann wirklich Schluss, ist die Trennung von Mittelfeldtalent José-Alex Ikeng. Allerdings habe ich, wie bereits zuvor im Fall von Manuel Fischer angedeutet, keinerlei Einblick in das Verhalten der Nachwuchsspieler im und abseits des Trainingsbetriebs. Ich gehe zunächst davon aus, dass sich die Vereinsführung das genau überlegt hat, und spare mir den Hinweis auf andere abgewanderte Talente.