WM-Trends 2014: Der Libero

Ja, der Libero hat einen Trend gesetzt. So einen kleinen zumindest. Mit seinem Blogstöckchen do Brasil. Und weil er mich so nett gefragt hat, mache ich auch gerne mit.

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Mein erstes bewusstes WM-Erlebnis war?

Deutschland-Tunesien am 10. Juni 1978. Und den Termin musste ich nicht einmal nachschlagen. Meine Eltern heirateten. Ja, offensichtlich hatten sie in Sünde gelebt. Muss ich mir auch immer wieder vor Augen führen.

Im Nebenzimmer lief das besagte Spiel, ein Grottenkick, der in einem angemessenen 0:0 endete, ich sprang immer wieder hin und her. Rummenigge schoss relativ knapp (aber ungefährlich) daneben, mir entfuhr ein kurzer Ausruf, den ich nicht mehr genauer bezeichnen kann, und die Umsitzenden ließen den kleinen Steppke wissen, dass der Rummenigge mit seinen roten Bäckchen doch gar nichts könne, oder, ganz konkret: „Ach, Bub, der Rummenigge ist doch ein Blindgänger.” Da hat er, sportlich betrachtet, auch nicht so ganz recht behalten.

78 verfolgte ich gleichwohl noch eher kursorisch, verstand weder vom Modus noch vom Spiel selbst besonders viel. 1982 war das dann etwas besser, und noch heute kann man mich nachts um vier wecken, um mich einen Elfmeter schießen Ole España singen zu lassen.

 

Mit welcher WM-Legende würde ich gern einmal Doppelpass spielen?

Puh, Legenden. Mit einem von denen, die ich selbst nicht mehr in ihrer Blütezeit spielen sah, weil ich genau das dann könnte: ihnen zusehen. Oder sieht der Deal gar keine Zeitreise vor? Falls doch: Beckenbauer vor allem, und Cruijff. Auch Eusébio. Pelé a priori nicht einmal so sehr, vermutlich würde er mich aber vom Gegenteil überzeugen. Zidane sowieso, aber klar: beim Doppelpass läuft es immer wieder auf Beckenbauer hinaus. Kleines dickes Kamke.

Oder sprechen wir vom verbalen Doppelpass abseits des Platzes? Dann nehme ich, Sprachbarrieren in pfingstlicher Stimmung ignorierend, zeitreisend, nicht zwingend bis in seine sportliche Blütezeit, Sócrates, eine faszinierende Gestalt. Oder, dann vermutlich etwas kürzer, Ronaldo, um ihn zu fragen, was da wirklich los war anno 1998.

 

Welchem TV-Kommentator werde ich bei der WM gerne zuhören?

Gerd Gottlob und Oliver Schmidt fallen mir als erste ein. Weil sie als Kommentatoren das verkörpern, was man sich, klassisch, von Schiedsrichtern verspricht: sie fallen nicht auf. Und das ist doch viel mehr als das, was von den meisten anderen zu erwarten sein wird. Das andere Ende der Skala braucht an dieser Stelle nicht weiter thematisiert zu werden.

Nachtrag: Mir war nicht bewusst gewesen, vielleicht hatte ich es vergessen oder er seine Herangehensweise verändert, dass sich Gerd Gottlob nicht entblödet, als Kommentator eines Spiels der deutschen Mannschaft regelmäßig in der Wir-Form zu sprechen, im Sinne von (fiktiv): „Da haben wir aber dem Gegner zu viel Raum gelassen.“ Vor diesem Hintergrund ziehe ich meine Aussage zurück. Nein, ich höre ihm nicht gerne zu.

 

Die Iren haben sich für die WM am Zuckerhut leider nicht qualifiziert. Welchem weiteren Land drücke ich neben Jogis Jungs als »Zweitteam« die Daumen?

In der Gruppenphase gibt’s einige Zweit-, Dritt- oder auch Viertteams, einfach weil ich zum Beispiel lieber Chile als die Niederlande, lieber Südkorea als Russland oder auch lieber Klinsmanns USA als Portugal oder Ghana im Achtelfinale sähe.

Genereller betrachtet, hat mein Faible für die Franzosen chronische Züge, auch wenn es zwischenzeitlich auf harte Proben gestellt wurde und phasenweise zur Hassliebe mutierte, und dann natürlich Belgien, ewige Lieblinge seit Pfaff, Ceulemans (nicht Raymond) , Vanderelsteyckenbergh, van Moer, später Scifo. Und ja, irgendwie scho au die bereits genannten Südkoreaner. Können die eigentlich auf Italien treffen?

 

Zu Jogis Jungs: Meine beiden Lieblingskicker aus dem deutschen Kader sind?

Großkreutz. Seine, ja, Hingabe beeindruckt mich. Hatte ich hier auch schon das eine oder andere Mal thematisiert, dass ich ihn schätze und ihm manches (vermutlich mehr als anderen) verzeihe, auch (gerade?) abseits des Platzes. Rein sportlich gibt’s natürlich ne Menge Kandidaten. Müller und Özil in sehr hohem Maße, Khedira nicht nur aus lokalpatriotischem Antrieb.

Wenn ich mich aber entscheiden müsste, sagen wir für zwei Spieler, ihrer sportlichen Fähigkeiten wegen, dann für Lahm, der so unsagbar gut ist,

und für Götze, der so unsagbar gut ist, es aber noch nicht so oft zeigt, wie er könnte.

 

Wie weit kommen Jogis Jungs?

Ganz nach oben.

Klar ist da der Wunsch Vater des Gedanken. Der unmittelbare, klar, aber auch jener mittelbare, dass Herr Löw am 13. Juli eine ganz große Runde „in your face“ ausgeben können möge. Was er so vermutlich nicht täte.

 

(Wenn nicht Jogis Jungs:) Wer wird am 13.07.2014 im Maracanã Weltmeister?

Ich kann mir gar nicht recht erklären, wieso ich bei dieser Frage nie an Argentinien denke, obwohl ich doch zu glauben weiß, wie stark sie sind. Und doch lande ich immer bei Brasilien, halbherzig, und vor allem bei Italien, auf die ich mich, müsste ich mich entscheiden, wohl festlegen würde, noch vor Spanien. Ach, und Belgien. Einen aus dem offen geheimsten Favoritenkreis Belgien, Chile, Kolumbien muss man wohl nennen.

Wobei so ein geschlechterübergreifendes japanisches Double schon was hätte.

Nun also doch: die andere Tasci-Kehre

War ja ein recht ereignisreiches VfB-Wochenende, nicht wahr? Und ich war nicht da. Hab fremdgeschaut, bei der tabellarisch fast benachbarten Konkurrenz. Und selbst die Sky-Verfügbarkeit beim VfB-Spiel hing am seidenen Faden … Ob ich es doch noch zu sehen bekam, und wie sich Löwenfans in der Fremde so benehmen, lesen Sie möglicherweise demnächst auf diesem Bildschirm. Mal sehen.

Eher nicht mehr so oft wird die geneigte Leserschaft indes den Namen Serdar Tasci zu lesen bekommen, der hier bis dato in etwa 50 Texten Erwähnung fand (ich hatte mit mehr gerechnet). Vor einem guten Jahr hatte ich ihm eine kleine Widmung geschrieben, die im Tödlichen Pass, dem Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels, veröffentlicht wurde, und hatte stets gesagt, dass ich sie irgendwann, wenn die Gelegenheit günstig erscheine, hier zweitveröffentlichen würde.

Nun, ob die Gelegenheit günstig ist, weiß ich nicht so recht (die eine oder andere Formulierung wirkt etwas überholt), aber es dürfte bis auf Weiteres die einzig verbliebene sein.

Zuvor erlaube ich mir, noch ganz kurz eine Träne zum Karriereende von Thomas Hitzlsperger zu vergießen, der, so Ronald Reng vor einiger Zeit drüben bei catenaccio.de, „flache Steilpässe aus dem defensiven Mittelfeld spielen kann wie kein anderer Deutscher.“ Dass ich diese nur selten gesehen hatte, sei an dieser Stelle nur kurz erwähnt; meine Wertschätzung für ihn ist gleichwohl so groß, dass die fünf Zeilen, die ich ihm widmete, sie nicht annähernd zum Ausdruck bringen können.

Doch nun zur Tasci-Kehre:

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„Nahezu gleichauf sprinteten ein Stürmer und ein Abwehrspieler zum Ball. Dem Verteidiger gelang es, den Angreifer ein wenig nach außen abzudrängen, um sich dann im Hüftumdrehen durch eine formvollendete Tasci-Kehre ein paar Meter Platz zu verschaffen und sich dem eigenen Spielaufbau zu widmen.“

So könnte das dereinst klingen, wenn Serdar Tasci nicht einfach nur Serdar Tasci wäre, sondern einer der ganz Großen des Weltfußballs, dem eine vielleicht nicht exklusiv, zumindest aber besonders häufig und außergewöhnlich behände ausgeführte Aktion zum Markenzeichen wird.

„It happens much faster than the time it takes to describe“, schrieb John Turnbull im Jahr 2006 in seinem erhellenden Blog „The Global Game“ über Zinédine Zidanes Roulette, und auch wenn es mir sehr fern liegt, Zidane und Tasci vergleichen zu wollen, kann ich mich Turnbull in dieser Einschätzung nur anschließen. Und ergänzen, dass das Lesen der Beschreibung nicht nur unbefriedigend, sondern darüber hinaus kaum nachvollziehbar ist, selbst bei einer hundertfach gesehenen und tausendfach kopierten Bewegung wie der Roulette. Wie soll man sich dann erst die kaum bekannte Tasci-Kehre vorstellen können? Gleichwohl will ich mich an einer kurzen Beschreibung versuchen.

In aller Regel bringt er sie auf der rechten Abwehrseite zum Einsatz. Der Ball läuft tendenziell in Richtung der Eckfahne, Tasci rückt nach außen, sein Laufweg und der des von links kommenden Angreifers scheinen sich einander asymptotisch anzunähern. Der Gegenspieler wird lange im Glauben gelassen, den Ball erreichen zu können, ehe Tasci einen geschickten langen Schritt mit dem linken Bein genau so setzt, dass er nahezu gleichzeitig mit dem rechten Außenrist den Ball in die entgegengesetzte Richtung bewegen kann. Bis der Stürmer seinen Weg zur Eckfahne abgebremst und die Laufrichtung geändert hat, ist Tasci bereits einige Schritte entfernt und hat den Ball weitergeleitet. Klingt unspektakulär? Ist es letztlich auch. Aber wirkungsvoll. Vielleicht auch weiter verbreitet, als ich glaube. Aber selten so elegant.

Ok, ein wenig mag das nach der Beckenbauer-Drehung klingen, und zweifellos sind die beiden Bewegungsabläufe verwandt. Wobei eine vergleichbare Verwandtschaft einschlägige Kreise auch nicht daran hinderte, eine eher geringfügige Variation von Zidanes Roulette – letztere läuft gelegentlich auch unter „the Maradona“ – als „Ribéry Spin“ zu feiern. Warum also nicht auch die „Tasci-Kehre“ in den fußballkulturellen Sprachgebrauch einführen? Meinetwegen auch, ein wenig wortkarg anmutend, den international tauglicheren Tasci Turn.

Tatsächlich ist es nicht zwingend den ganz Großen vorbehalten (Wer will im Übrigen schon entscheiden müssen, wie groß zum Beispiel Ribéry tatsächlich sei?), Tricks, Spielelemente, „Moves“ geprägt und hoffähig gemacht zu haben. So kennt die englischsprachige Wikipedia den Flo Pass, benannt nach Jostein Flo, der tatsächlich nur der Empfänger und Weiterverarbeiter besagten Passes war, und manche fußballhistorisch nicht gänzlich unbeleckte Französin mag nach Andrea Pirlos Elfmeter im EM-Viertelfinale ein verzücktes „une panenka!“ ausgerufen haben.

Mir persönlich imponiert, dies nur am Rande, zudem die in dieser Bezeichnung nicht gängige Lahm-Grätsche, bei der der Grätschende in einer fließenden Bewegung, den Ball quasi mit dem oberen Bein eingeklemmt, aufsteht und in die entgegengesetzte Richtung davon läuft. In Wahrheit war der erste Spieler, von dem ich eine solche Grätsche erfolgreich angewandt sah, Marco van Basten – und zwar gegen Jürgen Kohler. Aber mal ehrlich: Es gibt bessere Gründe, sich des Niederländers zu erinnern, als eine „van-Basten-Grätsche“.

Bei Serdar Tasci ist das anders. Er ist Verteidiger, einer der besten in Deutschland. Ohne seine Verletzung kurz vor Toreschluss wäre er mit zur EM gefahren, heißt es – was immer das heißen mag. Auf jeden Fall stünde ihm eine nach ihm benannte Defensivaktion gut zu Gesicht. Leider sucht man ein „Best of“ seiner schönsten Abwehraktionen, seines – im Guten wie im Schlechten – nicht immer den Zweikampf suchenden Defensivspiels, seiner Stärken in der Spieleröffnung und nicht zuletzt seiner gelungensten Tasci-Kehren im Videoportal unserer Wahl vergebens. Stattdessen gibt es Zusammenstellungen seiner Tore, häufig per Kopf, und einiger Torvorlagen. Kernqualifikationen eines Abwehrspielers, wenn man so will.

Eines Abwehr-Chefs, um genau zu sein. Zu eben jenem hat sich Tasci seit seinem Debüt 2007 entwickelt, als er mit 26 Einsätzen und 2 Toren (die erste, und bisher einzige, rote Karte, lassen wir geflissentlich außen vor) zur Stuttgarter Meisterschaft 2007 beitrug. Wirklich geradlinig verließ der vermeintlich vorgezeichnete Weg bis dahin allerdings nicht. Die Ruhe und Gelassenheit, mit der er als junger Verteidiger abgehoben war, drohte zwischenzeitlich als Phlegma zu landen, das oft und zu Recht gelobte zweikampfvermeidende, weil vorausschauende, Spiel schien gelegentlich zum Selbstzweck zu verkommen, phasenweise konnte man zudem den Eindruck gewinnen, seine Leistungen hielten mit seinem Selbstverständnis nicht ganz Schritt.

An der einen oder anderen Stelle fühlte er sich, vermutlich zu Recht, nicht hinreichend gewürdigt, bei Kapitänsernennungen brüskiert, speziell unter Christian Gross gar grundsätzlich in Frage gestellt, sodass die mal lauter, mal leiser zu vernehmenden Rufe von Juventus, Milan oder anderen internationalen Spitzenvereinen nicht nur in den Medien , sondern auch bei ihm selbst ein gewisses Echo hervorriefen.

Letztlich kam, zum Glück für den VfB Stuttgart, bis dato nie ein Wechsel zustande. In den letzten Spielzeiten stabilisierte sich Tasci auf deutlich höherem Niveau, emanzipierte sich vom langjährigen Abwehrchef Delpierre und zählte nicht nur zu den verlässlichsten Defensivspielern der Bundesliga, sondern führte dem regelmäßigen Neckarstadiongänger auch wieder vor Augen, weshalb vor Jahren selbst der Bundestrainer in überraschender Deutlichkeit festgestellt hatte, Tasci komme seiner „Idealvorstellung von einem Innenverteidiger sehr nahe“.

Auch vor diesem Hintergrund erschien es spätestens im Lauf der abgelaufenen Spielzeit verwunderlich, dass er im Grunde seit der WM 2010 nicht mehr für die Nationalelf berücksichtigt worden war. Im Januar 2012 erhielt er – endlich, möchte man sagen, angesichts der Bedeutung, die er dem Thema beizumessen scheint oder zumindest schien – mit der Kapitänsbinde beim VfB auch das äußerliche Zeichen seiner Bedeutung für die Mannschaft verliehen.

Längst haben seine Leistungen auch wieder Interessenten aus anderen Topligen auf den Plan gerufen, noch während der EM wurde er mit dem FC Barcelona in Verbindung gebracht. Tasci dementierte umgehend und bekannte sich zum VfB. In diesem Kontext sähe der gemeine Stuttgarter Anhänger eine Tasci-Kehre gewiss äußerst ungern.

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Tja. Ungern schon. Wegen des Zeitpunkts. Weil er Kapitän war. Und doch denke ich irgendwie auch: so oft hätte er nicht gespielt. Zu viele Verletzungen. Vielleicht rede ich es mir auch nur weniger unschön. Bisschen schade halt, dass es nun doch keiner der Vereine aus der allerersten Reihe geworden ist, die dereinst aus guten Gründen um ihn warben. Ich wünsche ihm, dass es wieder dazu kommen möge. Guter Mann, der Tasci.

Fünf* Zeilen, die der Fußball schrieb (XXIX)

Nie spielte ein Mann eleganter.
Gar weich und geschmeidig, so rannt’ er.
Nein: tanzte (von Kraft)
im Kreis: sagenhaft.
Grad so wie der Rilke’sche Panther.

Brillierte in jenen Momenten,
die die Großen von Möchtegerns trennten:
traf laut Blatters Annalen
in beiden Finalen.
Und bewundernde Kusener flennten.

Effektiv auch, da gibt’s keine Fragen,
sein Spiel mit dem Kopf, sozusagen:
sehr robust, selten brav –
sein Meisterstück traf
Materazzi knapp über dem Magen.

Sein Stil war das Häubchen, die Sahne,
auf dass auch der Letzte sie ahne:
die Schönheit des Spiels.
Auch Völler gefiel’s.
Ich neige mein Haupt vor Zidane.
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* Zwanzig, oh je.  Aber für wen, wenn nicht für ihn?

Das Dromedar passte einfach nicht in die Teekanne

Irgendwann in grauer Vorzeit verbrachte ich einige Zeit an einer Hochschule in Frankreich. Der geneigten Leserin ist natürlich bewusst, dass Marseille eigentlich gar nicht zu Frankreich gehört, der nicht geneigten ist es egal, sodass ich es bei dieser Vereinfachung belassen möchte. Zumal der Ort des Geschehens für die nächsten Zeilen nicht von Relevanz ist, da in allererster Linie die französische Sprache Gegenstand der Betrachtung sein wird, die – mancher mag es bedauern – auch ganz im Süden Amtssprache ist.

Jene Hochschule bildete sich einiges auf ihre Internationalität ein und lockte Studierende aus mancher Herren (w/m) Länder an, die wiederum mit recht heterogenen Vorkenntnissen der französischen Sprache ausgestattet waren. Der Besuch eines Sprachkurses war obligatorisch, den Unterricht hielt eine attraktive jüngere Dame, was indes nicht ausschlaggebend dafür gewesen sein dürfte, dass meine englischen Kommilitonen ihr bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit musikalische Jane-Birkin-Zitate zuhauchten.

Der Unterricht war eher unspektakulär, um nicht zu sagen: langweilig, und vermutlich hätte ich ihn längst vergessen, wenn es nicht diese eine, etwas länger nachhallende Wahrnehmungsdiskrepanz zwischen uns beiden gegeben hätte. Aus heutiger Sicht will ich gar nicht bestreiten, dass sie vermutlich recht hatte; damals aber erschien es mir ziemlich, wie sage ich das jetzt am besten, doof, einen Lückentext über ein beliebiges Thema zu erstellen.

Wobei „Lückentext“ die Sache nicht trifft; vielmehr war, betrachtet man die prozentuale Verteilung von Lücken und Text, das Gegenteil der Fall. Man sollte also einen Text um einige vorgegebene Worte herum schreiben. Bei diesen Worten bzw. Wortkombinationen handelte es sich indes nicht um einzelne Begriffe, die dem Text einen inhaltlichen Rahmen geben würden, sondern vielmehr um Konjunktionen, Fügungen, idiomatische Wendungen.

Nichts Besonderes also, und zweifellos eine gute Übung für Leute, die sich in einer Sprache vernünftig ausdrücken wollen, vermutlich auch in der eigenen. Weshalb mich diese (Haus-) Aufgabe so störte, kann ich gar nicht mehr so genau sagen; ich weiß noch, dass wir eine andere, sozusagen: ernsthafte Klausur vor Augen hatten, dass mein Zeitplan ohnehin recht voll war, und dass, so ehrlich will ich dann ja auch sein, ich (selbstgefällig rückblickend: möglicherweise zurecht) der Meinung war, der Großteil der zu betrachtenden Wendungen sei ohnehin Teil meines aktiven Wortschatzes. Meine Missfallensäußerungen fruchteten nicht, sie wurde ungewohnt schmallippig und klar in ihrer Ansage.

Also fertigte ich, möglicherweise nicht in einem Zustand völliger Gelassenheit, einen entsprechenden Text an. Er trug – sinngemäß, genau bekomme ich es nicht mehr zusammen – den Titel „Die Bedeutung von Kreuzworträtseln im Sprachunterricht“ und dürfte bei meinen Eltern auf dem Dachboden liegen. Die Argumentation war möglicherweise ein bisschen lückenhaft, die Sprache direkt, der Tonfall in Ansätzen rotzig. Wir sprachen danach eine Weile gar nicht mehr so herzlich miteinander.

Vermutlich hatte ich seither ein latent schlechtes Gewissen. Excusez-moi, Stéphanie! So nahm ich also 20 Jahre später den unverhofften Auftrag des geschätzten Herrn @DerUebersteiger gerne an, auch wenn ich die offene Rechnung mit mir selbst auf diesem Wege nur in Ansätzen begleichen würde:

Ein Text zu einer vorgegebenen Überschrift also. Einer Überschrift, die anders als die damaligen Satzverknüpfungen und Übergänge durchaus ein gewisses inhaltliches Schlaglicht setzt. Wer an dieser Stelle einwenden möchte, dass ein Metatext, wie er sich seit ein paar (also allen) Zeilen andeutet, nicht Sinn der Sache sei, mag recht haben. War auch gar nicht geplant.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: ich tat mich ein bisschen schwer mit dem Sujet. Natürlich lag der Gedanke nahe, etwas über Kamele und Nadelöhre zu schreiben, um dann einen formvollendeten Bogen hinüber zu Dromedaren (leicht!) und Teekannen (so mittel) zu schlagen. Allein, es misslang.

Misslungen ist auch der Versuch, einfach die Assoziationen wirken zu lassen. Die erste war eine schöne, aber auch sie brachte mich nicht weiter: „Tee im Harem des Archimedes“. Sie erinnern sich, damals in den 80ern? Ein paar Jahre vor den Beduinen von Paris, lange vor La haine. Natürlich auch ganz anders. Aber eben irgendwie so, wie man sich, kulturell beflissen, den französischen Film an sich vorstellte. Kein Grand Bleu, keine Visiteurs, auch kein Belmondo mehr. Sozialkritisch, und gut.

Das mag jetzt ein bisschen flapsig geklungen haben, war aber gar nicht so gemeint. „Tee im Harem des Archimedes“ liegt auch nach wie vor zuhause herum, nicht auf dem elterlichen Dachboden, sondern bei uns daheim. Allerdings müsste ich wohl erst ein VHS-Abspielgerät organisieren. Dann könnte ich wenigstens auch die ganzen Kaurismäki-Filme mal ansehen. Oder Stop Making Sense oder Monterey Pop. Polanskis Macbeth vielleicht, oder was ich sonst noch nie zu Ende sah.

Mist, die Kurve wieder nicht  bekommen. Also, fürs Protokoll: Tee im Harem des Archimedes fand ich ganz großartig. Ich bezweifle nur, dass mir das, einer gewissen, hoffentlich auch für Außenstehende ersichtlichen (wenn nicht: egal, sind ja meine Assoziationen) Sinnfreiheit Ähnlichkeit bei der Namensgebung zum Trotz, nicht so recht weiterhelfen wird. Wer soll denn bei „Dromedar“ was falsch verstanden haben, bzw. was? Rommedahl? Teekanne statt Cezanne? Oder gar Zidane à la Völler? Der Rommedahl passte einfach nicht zu dem Zidane?

Bisschen weit hergeholt, ne? Weiß schließlich jeder, dass der Spieler, der nicht zu Zidane passt, den Zidane nicht besser macht, nicht geboren wurde. Selbst Materazzi machte er zum finalen Matchwinner.

Meine Güte, was erzähle ich hier? Ich sollte es an dieser Stelle bewenden lassen. Korrekter: hätte es etwa dreizehn Absätze früher tun sollen. Noch besser: drei Sekunden, nachdem ich den Übersteiger’schen Auftrag erhalten hatte. Zu spät. Und auch wenn ich hoch und heilig verspreche, beim nächsten Mal keine selbstbezogene Metadiskussion anzuzetteln, so befürchte ich doch, dass eines klar ist:

Eher passt ein Dromedar in eine Teekanne,
als dass der Übersteiger den Kamke noch einmal beauftragt.

Instinktiv nachgefragt

„Traoré hat das Spiel nicht verstanden. Wie soll ich meiner E-Jugend erzählen, dass egal ist, wer das Tor schießt, wenn die dann dem zuschauen?“

Diese SMS erreichte mich irgendwann im Lauf der ersten Halbzeit des VfB-Spiels in Hamburg, Auslöser dürfte Traorés Abschluss aus spitzem Winkel gewesen sein, als in der Mitte zwei Mitspieler auf den Querpass warteten, vielleicht auch noch die oder andere Szene mehr.

Ich war ein wenig hin- und hergerissen. Einerseits hatte der Absender, dessen Fußballsachverstand ich sehr schätze, schlicht und ergreifend recht, was die Bewertung mindestens jener einen Szene anbelangt, vermutlich auch darüber hinaus. Andererseits war Traoré gleichwohl eine positive Erscheinung im VfB-Spiel, ein ständiger Unruheherd, der sich auch vom einen oder anderen Ballverlust nicht beirren ließ und weiterwuselte.

Ehe ich mich’s versah, hatte ich auch schon geantwortet:

„Freundlich ausgedrückt: Instinktfußballer.
Im Guten wie im Schlechten.“

Bleibt die Frage, was ich gemeint hatte. Vermutlich war es der Versuch, die Wendung „hat das Spiel nicht verstanden“ durch die Betonung anderer, möglicherweise im Gegensatz dazu stehender Qualitäten gleichzeitig zu bestätigen und zu konterkarieren.

Wobei ich mir gar nicht sicher bin, was „man“ gemeinhin mit einem Instinktfußballer verbindet. Ist es grundsätzlich positiv gemeint? Gilt Thomas Müller als Instinktfußballer, weil er sich keinen Kopf macht? Ist Lukas Podolski einer, weil er sich mancher Lesart zufolge gar keinen Kopf machen könnte? Ist ein Instinktfußballer jemand, der nicht dafür geschaffen ist, strategisch zu agieren? Oder handeln vielmehr auch, vielleicht sogar gerade, die großen Strategen des Spiels in hohem Maße instinktiv? Sind Ronaldo oder Rooney typische Instinktfußballer, Pirlo und Micoud indes gerade nicht?

Zu welcher Kategorie zählt, so man diese Kategorisierung für annähernd passend hält, der große Stratege Zidane, der instinktiv so vieles richtig machte? Ist es eine typische arrogant-akademische Herangehensweise, Spieler wie Rooney, Podolski oder Fritz Walter (junior) ohne allzu viel Federlesens in die Instinktschublade zu stecken? Kann es sein, dass William Kvist die Bälle vielleicht doch instinktiv meist nach hinten spielt, völlig unabhängig davon, dass er nicht auf den Kopf gefallen und strategisch begabt scheint?

Trifft es zu, dass „Instinktfußballer“, gemeinsam mit dem „Straßenfußballer“ das höchste Lob ist, das wir zu vergeben haben? Oder ist „hat das Spiel verstanden“ noch etwas höher anzusiedeln? Hat schon mal jemand „der hat das Spiel instinktiv verstanden“ gesagt? Trügt der Instinkt eigentlich eher als strategische Überlegungen?

Das letzte Wort hatte am Sonntag mein SMS-Partner, der nach Traorés Großchance kurz vor Schluss lakonisch feststellte:

„Ein Instinktfußballer macht den cool und abgezockt.“

Vermutlich hatte er recht. Wobei man dann wieder die Frage stellen könnte, ob wir da nicht den Instinkt des gemeinen Instinktfußballers mit dem spezielleren Torinstinkt in einen Topf schmeißen. Und falls dem so ist, ob das beiden Instinkten gerecht wird. Beziehungsweise den beiden Ausprägungen des einen.

Egal. Fürs Erste. Ob Raphael Holzhauser ein Instinktfußballer ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Wie es um das strategische Geschick auf dem Platz bestellt ist, kann ich auch noch nicht seriös sagen, neige aber zu einem „gut“. Ohne erneut die Holzhauser-Cam verwendet zu haben heranzuziehen, möchte ich doch kurz auf einen Punkt eingehen, der mir aufgefallen ist:

Ich hatte den Eindruck, dass er mehr kurze, einfache, unspektakuläre Bälle spielte als in seinen bisherigen Einsätzen. Wie man es von klassischen Ballbesitzmannschaften kennt. Und von Spielern, die sich ihrer Sache sicher sind, die sich nicht unter dem Druck sehen, einen tödlichen Pass nach dem anderen zu spielen, die wissen, dass sie den Ball gleich wieder bekommen, weil die anderen wissen, dass derjenige meist etwas Vernünftiges damit anstellt. Im Idealfall kann der betreffende Spieler sogar bereits erahnen, dass er auch mal den einen oder anderen Fehler machen darf. (Man wäre geneigt, von einem „Privileg der Jugend“ zu sprechen, wüsste man nicht, dass es bisher in der Tendenz eher älteren Herren eingeräumt worden war.)

Nun zögere ich sehr, dem Trainer mit Blick auf Holzhauser ein Lob auszusprechen, zumal der Nachweis, dass sich der junge Mann tatsächlich einen gewissen Kredit erarbeitet hat, erst noch zu erbringen ist – wiewohl ich es vorzöge, wenn der Kreditrahmen bis auf Weiteres nicht in Anspruch genommen zu werden bräuchte. Ausdrücklich loben möchte ich indes die Art und Weise, wie der VfB in Hamburg aufgetreten ist. Ich glaube nicht, dass Thorsten Fink und seine Mannen damit gerechnet hatten, von einem derart selbstbewusst auftretenden Gegner in dieser Form attackiert zu werden.

Der werte Herr @nedfuller, mit dem (und nicht nur mit ihm, sondern darüber hinaus mit @direktvrwandelt und @voegi79) ich mich im Sportradio 360 ein bisschen über das vergangene Wochenende unterhalten durfte, zeigte sich ebenfalls überrascht und beinahe beeindruckt – was auch damit zu tun haben mag, dass seine Erwartungen an Bruno Labbadia aus dessen Hamburger Historie heraus überschaubar hoch sind.

Gut gemacht, Herr Labbadia! Und wenn ich schon dabei bin: starkes Spiel, Christian Gentner! Klasse Leistung, William Kvist!

(Es gäbe noch einige andere zu loben, ich will jetzt gar keine weiteren Beispiele nennen – heute sollen mal diejenigen Erwähnung finden, die ich ansonsten meist (Labbadia, Gentner) oder zumindest in jüngerer Zeit (Kvist) instinktiv sehr bewusst eher zurückhaltend bewerte.

Mal sehen, ob sie am Wochenende auch dem Meistertrainer gewachsen sind. Dem instinktsicheren Strategen.

 

Mein Herz schlägt links

Ein wenig lag es auch daran, dass mein Sohn wieder Fußball gespielt hat. Erfolgreicher als in der Vorwoche, übrigens. Vor allem aber war war es ein grundsätzliches, (nicht nur) familienbedingtes Zeitproblem, das mich am Samstag daran hinderte, das Spiel des VfB in Nürnberg zu verfolgen. Natürlich könnte ich ergänzen, dass angesichts der jüngsten Leistungen auch mein Interesse, meine Lust, ihnen zuzusehen, geschwunden sei. Was nicht nur populistisch, sondern schlicht unwahr wäre.

So habe ich mich wohl oder übel auf die eine oder andere Zusammenfassung und viel Schriftliches beschränkt, habe von Labbadias zurückhaltendem Auftritt nach dem Spiel erfahren, von einem irgendwie augenthalersch anmutenden Mannschaftsabend ohne das Führungspersonal, von Mutmaßungen über des Trainers Anteil an der veränderten Taktik. In der örtlichen Qualitätspresse las ich Forderungen nach Führungsspielern, wie wir sie auch auf Bundesebene zur Genüge kennen, und mancherorts wurde berichtet, dass der Trainer vor drei Wochen ein richtungsweisendes Gespräch mit Raphael Holzhauser geführt habe. Interessant in diesem Zusammenhang die bereits vor dem Spiel angeklungene Frage, ob Labbadia mit dem ersten Startelfeinsatz des jungen Mannes nur gewinnen oder nur verlieren könne.

Für ersteres sprach, dass bei einer guten Leistung der Trainer rechtzeitig Konsequenzen haben würde (noch dazu nach besagter, zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannter vorhergehender verbaler Weichenstellung), während ein schlechter Holzhauser nur die seit langem regelmäßig wiederkehrenden Aussagen der sportlichen Leitung, wonach die jungen Leute noch nicht soweit seien, bestätigen würde.

Verfechter der zweiten These (Es war nicht nur in meinem Kopf. Aber hauptsächlich.) vertraten indes die Ansicht, dass eine gute Leistung des Hajnal–VertretersVerdrängers Labbadias Gerede der letzten Wochen ad absurdum führen würde (also: Verlierer!), während ein schwacher Holzhauser zum einen dem VfB und damit dem Trainer schaden würde und zum anderen ohnehin dem mangelnden Vertrauen (vulgo: Nachwuchsallergie) seitens der Entscheidungsträger geschuldet wäre. So wie Antonio Rüdigers kapitaler Fehler bei seinem jüngsten Drittligaeinsatz dem ständigen Hin und Her zwischen den beiden Mannschaften zuzuschreiben sei, wie man gelegentlich hörte.

Da rückblickend niemand so genau zu wissen scheint, wie gut Holzhauser tatsächlich spielte, und zudem vielerlei Interpretationsansätze über Bruno Labbadias Einsilbigkeit (gespickt mit einer grundsätzlichen Schelte, von der sich jeder oder niemand angesprochen fühlen durfte) verbreitet wurden, bleibt die obige Diskussion letztlich genau so obsolet, wie sie von vornherein war. Aber halt in meinem Kopf.

Was bei mir hängen blieb: Holzhausers Chance zum 2:0. Wie er zum Ball ging, wie er abschloss. Weil er in mir die Erinnerung daran weckte, wie ich dereinst als Kind Jugendlicher junger Erwachsener Fußballer gerne ein Linksfuß gewesen wäre.

Linksfüßer waren immer irgendwie lässiger, häufig eleganter, nicht selten genial bis genialisch, ob in der C-Jugend-Normalstaffel oder ganz oben, vor allem auf offensiven Kreativpositionen. Nicht von ungefähr war die 10 ursprünglich die Nummer des Halblinken, aber das wissen wir ja alle längst, und komm‘ mir keiner mit inversen Halbspielern oder solchem Zeug! Dieser Drang, Overath nachzueifern, oder Andi aus unserer Ersten, gerne Hagi oder Hansi Müller, dem Spielmacher der A-Jugend aus dem Nachbarort oder dem unvergleichlichen Uwe Bein, um nur einige wenige zu nennen, prägte mich schon ein wenig, auch wenn ich selbst im Lauf der Zeit zunehmend defensiver spielte.

Zumindest aber trug er dazu bei, dass mein linker Fuß für einen mit rechts Sozialisierten ganz passabel war, und früge man mich heute nach meinen schönsten Toren, was aus gutem Grund niemand tut, aber man kann sich ja mal in die Situation versetzen, so wäre wohl noch immer jener linke Chip aus der B-Jugend ganz vorne dabei, nach einer zu kurz abgewehrten Ecke, von der Strafraumgrenze.

Mir ist schon klar, dass es auch damals schon ganz gute Rechtsfüßer gab, und dass meine Wahrnehmung nicht immer völlig objektiv war. Ich hörte von Micouds Eleganz, von Zidanes Einzigartigkeit, Socrates‘ Lässigkeit und von Schuster im Allgemeinen. Netzer und Platini zählen insofern nicht, als ich sie gedanklich lange Zeit als Linksfüßer h.c. kategorisiert hatte.

Was ich sagen wollte: Wie Holzhauser an diesen Ball heranlief, mit langen, raumgreifenden Schritten, und wie er ihn ohne weitere Kontrolle mit einer gleichermaßen sparsamen wie effetheischenden Bewegung in der keinen Widerspruch duldenden Überzeugung, ihn um den Torwart herum in die kurze Ecke zu platzieren, neben das Tor zirkelte, war eines Linksfüßers würdig.

Im Übrigen wünschte ich mir als Jugendspieler auch O-Beine.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (V)

Die Halbfinals liegen noch vor uns, doch mein Spieler des Turniers steht schon fest. Sage ich, der ich bei aus meiner Sicht voreiligen, wenn auch im Kern zweifellos berechtigten Elogen auf Andrea Pirlo, Sami Khedira oder andere, wie wir sie in den letzten Tagen bereits gehört haben (sinngemäß: „Pirlo muss MVP werden!“), gerne mal auf die Erfahrungen vergangener Turniere verweise. Auf den besten Spieler 2006, Zinedine Zidane, auch seine Auszeichnung im Kern berechtigt, oder auf Oliver Kahn, den herausragenden Spieler 2002, oder so ähnlich, nicht wahr?

Wie auch immer: Mein Spieler des Turniers steht fest, stand bereits nach der Vorrunde fest. Schon bei seinem ersten internationalen Titel, damals mit der U21, hatte ich sein Spiel genau verfolgt und sah mich auch in den Folgejahren, wenn ich ihn in seiner nationalen Liga gelegentlich spielen sah, in meiner Einschätzung stets bestätigt. Umso schöner, dass er all meinen Erwartungen – und nicht nur meinen, wie ich aus verlässlicher Quelle, vulgo: Twitter, weiß – nun auch auf der größeren Bühne mehr als nur gerecht wurde. Seine Leistungen in den drei Vorrundenspielen überzeugten selbst die Verhandlungsführer des VfB Stuttgart, auf die Verpflichtung von Sebastian Boenisch zu verzichten. Wunderbar.

Für meinen Sohn war Boenisch bei seinem ersten Turnier nicht mehr als eine Randerscheinung, vermutlich nicht einmal das. Einige in der irgendwann anstehenden Rückschau vielleicht relevantere Erinnerungsfetzen habe ich erneut für ihn aufgeschrieben:

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Anderthalb der vier Viertelfinalspiele durfte ich sehen. Oder sagen wir andertdrittel, wenn man die etwas längere Partie zwischen Italien und England angemessen einbezieht. Ich sah damals ja nur den Teil, in dem England noch halbwegs mitspielen durfte, und in dem Joe Hart den Ball wesentlich lauter traf als alle anderen. Nebensächlich? Vielleicht. Aber so nahm ich Fußballspiele halt wahr. Aufmerksam, detailverliebt, hochkonzentriert – mein Vater war begeistert. Schließlich kommentierte auch er selbst mit großem Vergnügen die Bügelfalten der englischen Hosen.

Weniger begeistert, um es vorsichtig auszudrücken, war der Herr Papá noch am Tag nach dem Spiel ob der vielfältigen Pirlo-Vergleiche. Ribéry war da genannt worden, Zidane, irgendwo hatte es wohl auch Wynton-Ruferesk geheißen. Nicht umsonst gebe es schließlich Sprachen,so der väterliche Besserwisser [Hey!] in denen Pirlos Elfmeter ganz selbstverständlich als „une panenka“ oder dergleichen Eingang in den fußballerischen Alltagswortschatz gefunden habe. Vielleicht war es dann ja doch kein Zufall, dass unter den vermeintlichen Vorbildern und tatsächlichen Nacheiferern Laudatoren zwei Franzosen waren.

Ansonsten kann ich zu den Franzosen bei dieser EM übrigens nicht viel sagen. Ribéry gefiel mir gut, Nasri ärgerte mich nicht halb so sehr wie meinen marseilleverliebten Vater, und dass sie gegen Spanien ausschieden, nun gut, war angesichts des übergeordneten EM-Planes, an den ganz Deutschland glaubte, unvermeidlich.

Was indes vom Italienspiel noch hängen blieb, war der mir bis dahin völlig unbekannte Name Jürgen von der Lippe, den mein Vater für einen der Umsitzenden – wir hatten das zweifelhafte Vergnügen, im bayerischen Urlaubsdomizil inmitten von Fremden schauen zu müssen – gefunden hatte, und wie ich hernach herausfinden sollte, bezog sich der Kosename sowohl auf dessen Idiom als auch auf den feinen Charakterzug, seinen Zuhörern die komplizierte Welt zu erklären. Inklusive kompetenter Einlassungen zu den wie so oft völlig übertriebenen Nachspielzeiten.

Mein erstes semipublic Viewing hatte ich allerdings bereits zuvor erlebt, als die runderneuerte deutsche Mannschaft durch Griechenland spazierte und mein alter Herr angesichts der Nominierung von Marco Reus nicht nur über den Wechsel in der Mittelstürmerposition hinwegsah, sondern sich in seiner Aufstellungseuphorie sogar dazu hinreißen ließ, ihn für richtig zu halten. Hinterher sollte er gleichwohl zu jenen zählen, die sich beim einen oder anderen Abpraller Mario Gomez auf den Platz gewünscht hätten.

Einer von Papas Freunden feierte seinen Geburtstag standesgemäß mit einer Deutschlandgrillerei, ich trug standesgemäß mein neues grünes DFB-Shirt. Andere junge Zuschauer verfolgten die EM übrigens, wie mein Vater per E-mail von einem Leser seines „Weblogs“ (die Älteren werden sich erinnern) erfuhr, in einem seiner Vorrundenlieblinge.

Nach dem Spiel verpasste Papa den Absprung und konnte sich nicht von Joachim Löw und all den anderen Interviewpartnern losreißen. Ich selbst hatte ja während des Spiels aufgepasst und konnte getrost auf eine Bierbank einschlafen, um auf dem Heimweg im Spätkauf („Rewe“) wieder zu großer Form aufzulaufen und eine Reihe fehlender DFB-Sammelkärtchen abzustauben – die Strategie „Mitleid wegen Müdigkeit“ hatte beim freundlichen Kassenpersonal gefruchtet.

Gefruchtet hatten die monothematischen Gespräche mit meinem Vater übrigens auch bei meiner kleinen Schwester. „Khedira kommt“ sagte sie tagelang bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit – wobei: welche Gelegenheit sollte schon unpassend sein, den herausragenden Spieler des Turniers in ein Gespräch einfließen zu lassen, noch dazu für eine junge Stuttgarterin?

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Ich habe im Übrigen große Angst vor dem Spiel gegen Italien. Nicht Respekt, sondern echte Angst. Das hat aber nichts mit Balotelli zu tun, auch nicht mit dem wie immer furchteinflößenden de Rossi, nicht einmal mit Andrea Pirlo.
Es liegt schlicht an Jürgen von der Lippe.

Coup de boule

„… il va reculer progressivement au poste de libéro. Je sais que c’est une tradition allemande …“

Die These lautet also, es sei eine deutsche Tradition, dass offensive Spieler nach und nach nach hinten rücken, bis sie irgendwann als Libero enden. Offensichtlich bezieht sie sich nicht auf den heutigen Fußball, der seit einigen Jahren bekanntlich selbst in Deutschland ohne nominellen Libero auskommt. Auch wenn man angesichts der erfolgten Rückwärtsbewegung von Bastian Schweinsteiger oder auch der angedeuteten von Toni Kroos ins Grübeln kommen könnte.

Aber wie gesagt: Das ist nicht gemeint. Also die Rückversetzung auf die Sechs. Glaube ich zumindest. Genauer könnte es uns sicherlich der Macher des wunderbaren Blogs Old School Panini, Alex Bourouf, sagen. Aber so genau brauchen wir es vermutlich gar nicht zu wissen.

Es reicht ja, wenn wir ein wenig in die Vergangenheit schauen und ein paar der bekannten Liberos des DFB zu Rate ziehen. Herrn Beckenbauer, zum Beispiel, der in seiner ersten Regionalligasaison meist als Linksaußen oder im Mittelfeld auflief und dabei 16 Tore erzielte. Oder Matthias Sammer, der mich damals gegen und in Uerdingen nicht sonderlich überzeugen konnte – eine Einschätzung, derer ich mich noch heute mitunter schäme und die ich dann zumeist nur aus dem Kopf bekomme, indem ich des Freundes gedenke, der Dennis Bergkamp zeit seines (also dessen) Fußballerlebens für eine Pfeife hielt, aber das nur am Rande – und der jeweils gegen Sturmkollege Torsten Gütschow ausgetauscht wurde. Oder nehmen wir Olaf Thon, den 17-jährigen Schalker, der 1998 möglicherweise eine überragende WM als Libero gespielt hätte – wenn nicht Lothar Matthäus im letzten Moment reaktiviert worden wäre, der seinerseits der Auslöser für Alex Bouroufs, nun ja, Wehklagen, über den Drang der Deutschen zum Libero war, „car pour moi MATTHAÜS en milieu de terrain c’est ça, tout simplement alors le meilleur joueur du monde et il avait été (avec les Yougoslaves) quasiment la seule satisfaction de ce mondial italien.“

Matthäus sei also der beste Spieler der Welt gewesen, damals, im Mittelfeld, und im Grunde neben den Jugoslawen der einzige, der bei jener WM Wohlgefallen ausgelöst habe. Um so unverständlicher sei es, dass sich eben jener großartige Spieler von seiner Schokoladenposition, die man heute wohl als „Achter“ bezeichnen würde, freiwillig in die Abwehr zurückfallen lassen habe. Der einzige Grund für dergleichen bestehe darin, „de continuer à joueur le plus longtemps et battre les records“, also so lang wie möglich weiterzuspielen und Rekorde aufzustellen. Was nachweislich geklappt hat.

Vermutlich ist diese Argumentation ein wenig kurz gesprungen, und doch ist sie nicht ganz von der Hand zu weisen. Nicht unbedingt wegen der Rekorde; aber der Ansatz, die Karriere ein wenig (oder auch deutlich, wenn man an die EM 2000 denkt) zu verlängern, ist ja ein überaus menschlicher. Ciriaco Sforza wurde dereinst mit dem schönen Satz „Nach meiner Verletzung ist es wunderbar, wenn ich als Libero einen langsamen Aufbau machen kann“ zitiert, und auch in Diskussionen, wie man sie zum Beispiel in Österreich zu Ivica Vastic (der sich erfolgreich widersetzte) oder hierzulande zu Bernd Schuster (der von Erich Ribbeck demontiert wurde) führte, stößt man immer wieder auf Satzfragmente wie „außerdem könnte er auf diesem posten bestimmt noch vier, fünf jahre lang spielen“ – in diesem Fall bezogen auf Vastic, der, nun ja, fünf Jahre später und weiterhin als Offensivspieler das einzige österreichische EM-Tor erzielte.

Vielleicht darf ich die geneigte Leserin ja auch in die Niederungen des Kreisligafußballs entführen, zu meinem Vater, der irgendwann den Weg nach hinten antreten musste und durfte, oder zu zwei weiteren Sturm“helden“ meines Heimatvereins, die irgendwann nach hinten weggelobt wurden, weil sie eben alles hatten, „was ein guter Libero braucht“. Und wenn man sich heute auf den Plätzen der Kreisliga umsieht, entdeckt man nicht so selten ältere, nicht mehr ganz durchtrainierte Herren, die mit ihrem Auge, ihrem Stellungsspiel und ihrer Erfahrung jeder Viererkettendiskussion trotzen und den Laden zusammen halten. Jede Wette, dass nur ein geringer Teil von ihnen vor seinem 30. Geburtstag den Libero gab.

Doch zurück auf die große Bühne. Und nun auch zu der Frage, ob diese Rückwärtsbewegung eine typisch deutsche Sache sei. Eine Frage, die ich mangels Wissen und mangels Recherchezeit nicht seriös beantworten kann. Die eine oder andere Ahnung habe ich. Dass zum Beispiel das benachbarte Ausland nicht ganz außen vor ist. Bei Vastic klappte es nicht, Manfred Zsak war meines Wissens auch im Mittelfeld nie so richtig offensiv, und doch habe ich den Eindruck, dass man auch in Österreich mitreden kann in Sachen Rückwärtsbewegung. Ob Gerald Vanenburg, der bei 1860 den Libero gab, in Holland eine Ausnahme ist, weiß ich ebenso wenig wie bei Sforza in der Schweiz (ganz davon abgesehen, dass beide von der Bundesliga geprägt gewesen sein mögen), und dass Zbigniew Boniek bei der Roma und für Polen den Libero gegeben haben soll, will ich seit vielen Jahren für ein Gerücht halten. Ich wüsste indes nicht, dass Scirea, Baresi oder auch Laurent Blanc nennenswerte Erfahrungen auf einer offensiveren Position gehabt hätten. Vielleicht kann ja der eine oder die andere Wissende für Erhellung sorgen und ein paar prominente Beispiele benennen, die die Deutschenthese in sich zusammenfallen lassen.

Mir ist das ja im Grunde gar nicht so wichtig, auch wenn ich die Ausgangsthese sehr spannend finde. Viel wichtiger ist mir, endlich zu der Stelle im oben genannten Matthäus-Blogeintrag zu kommen, deretwegen ich all das aufgeschrieben habe. Alex Bourouf spinnt nämlich den Gedanken der Karriereverlängerung durch Rückwärtsbewegung weiter und projiziert sie auf die jüngere Geschichte der französischen Nationalelf – eine Vorstellung, an der ich mich zugegebenermaßen gar nicht satt denken kann:

„… sinon Zizou aurait été en Afrique du Sud en 2010 pour jouer en défense avec Gallas et à Knysna le bus serait repartit car notre Zizou n’aurait pas attendu 30 minutes avant de péter un coup de boule à ce maudit chauffeur qui refusait de repartir.“

„… sonst wäre Zizou 2010 in Südafrika gewesen und hätte mit Gallas in der Abwehr gespielt, und in Knysna wäre der Bus losgefahren, weil unser Zizou keine 30 Minuten gewartet hätte, ehe er diesem verdammten Fahrer, der sich geweigert hat, weiterzufahren, einen Kopfstoß verpasst hätte.“

Und natürlich hätte Zidane alles, was ein guter Libero …

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PS:Auf einen möglicherweise interessanten Nebenaspekt der sogenannten deutschen Rückwärtsbewegung, der an anderer Stelle vertieft werden könnte, deutet der Umstand hin, dass die dritte Stürmerposition im deutschen EM-Kader allem Anschein nach an einen der Herren Cacau, Schlaudraff oder Hanke vergeben werden dürfte.

Dugarry!

Dugarry! Dugarry! Dugarry!

Wir schrieben den 20. November 1993, im Stade Vélodrome zu Marseille war die AJ Auxerre zu Gast, und die (korrekter: der) Virage Sud skandierte ausdauernd den Namen eines jungen Stürmers aus Bordeaux? Irgendetwas stimmte da nicht, und wir würden herausfinden, was es war.

Ich blickte zwei Monate zurück, auf den 18. September, meinen ersten Besuch im Vélodrome, der gleichzeitig auch die Gelegenheit war, bei der ich besagten Dugarry erstmals hatte spielen sehen:

Bordeaux reiste als Tabellenführer an. OM hatte wenige Monate zuvor die Champions League gewonnen, in gedoptem Zustand, wie es heißt. Gar nur wenige Tage zuvor hatte man durch ein gekauftes Spiel gegen Valenciennes die Meisterschaft gewonnen, wie man weiß. Auf sanften Druck der Uefa wurde der französische Meistertitel aberkannt, in der Champions League durfte man nicht antreten, und der gemeine Marseillais sah sich in seiner herzlichen Abneigung gegen den französischen Verband bestätigt, manche würden wohl sagen (ich gehöre dazu): gegen so ziemlich alles, was aus Paris kommt. Marseille, c’est pas la France, Sie wissen schon.

Angesichts dieser Gemengelage brachte das Spiel gegen den Spitzenreiter – der ebenfalls nicht im Verdacht stand, zu den beliebtesten Gästen zu zählen, was dem einen oder anderen verbreiteten Fangesang noch heute zu entnehmen ist – eine gewisse Brisanz mit sich. Mit meiner 4L hatte ich mich kurzfristig auf den Weg gemacht, es war ja nicht weit, aber eben zu spät, um noch auf den Bus zu warten, mit drei Engländern im Auto, die die ganze Zeit von Chris Waddle redeten, von seinen drei großartigen Jahren in Marseille. Dass ich seiner in erster Linie als Elfmeterschütze gedachte, behielt ich für mich. Entgegen aller Erwartungen fand sich ein mehr oder weniger regulärer Parkplatz auf dem Boulevard Michelet, der Schwarzmarkt florierte, ohne dass die Preise bereits ins Unermessliche gestiegen wären: 100 Franc, Stehplatz, Virage Sud, alles gut. Eher zufällig aß ich noch rasch mein allererstes Sandwich Merguez Frites, das fortan zum Stadionbesuch gehörte wie heute eine rote Wurst, und betrat dann erstmals das Vélodrome. Quelle ambiance! So kritisch ich heute pyrotechnischen Aktivitäten in Fußballstadien gegenüberstehe – damals war der bunte Rauch elementarer Bestandteil einer Atmosphäre, die mich vom ersten Moment an gefangen nahm.

Mein Platz war zunächst beschissen, unmittelbar neben einem stark frequentierten Durchgang, sodass ich immer wieder einen Schritt zur Seite gehen und in der Folge Verrenkungen machen musste, um aufs Spielfeld zu sehen. Von den Gesängen verstand ich erst einmal kein Wort, um mich herum sprachen Menschen in Zungen – erst Jahre später, als ich erstmals Snatch sah, sollte ich wieder ähnlich verständnislos zuhören -, und zu allem Überfluss ging der Gast in der ersten Minute in Führung. Unschön, aber: egal. Ich fühlte mich großartig. Auf dem Feld standen Leute wie Boli, Deschamps, der phänomenale Boksic und der wunderbare Piksi Stiojkovic, natürlich Völler und Barthez, Boghossian, der am Beginn seiner ersten starken Saison stand, und nicht zuletzt Éric di Meco, dessen Kultstatus sich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht so recht erschloss. Marcel Desailly sollte an diesem Tag die besondere Ehre zuteil werden, das erste in einer Reihe mehr oder weniger prominenter Opfer von Zinédine Zidane zu werden, der sein professionelles Platzverweisdebüt stilecht mit einem Faustschlag beging. Der Heldenstatus in seiner Heimatstadt Marseille würde noch ein Weilchen auf sich warten lassen.

Im Lauf des Spiels gewöhnte ich mich an die Gesänge, erinnerte lautstark an den 26. Mai, auch wenn ich jenes Spiel nur in Teilen gesehen hatte, stimmte mit zunehmender Inbrunst ins „Aux Armes!“ ein und merkte vor allem eines: „Quand le virage se met à chanter, c’est tout le stade qui va s’enflammer!“ Möglicherweise lag es indes nicht nur an der Kurve, sondern auch ein wenig am Spielverlauf: di Meco glich gleich nach der Pause aus, Dutuel erhöhte und Prunier, William Prunier, der in der Vorsaison noch im Uefa-Cup-Halbfinale gegen Dortmund für AJ Auxerre den Haudrauf gegeben hatte, setzte kurz vor dem Ende den Schlusspunkt. 3:1, der Tabellenführer war zwar nicht gestürzt, aber man war jetzt punktgleich mit den Bordelais und hatte gezeigt, dass es l’OM, den Ungerechtigkeiten der Welt zum Trotz, an die wir fortan wie selbstverständlich auch glaubten, allen erst recht zeigen würde. Christophe Dugarry wurde bei den Girondins eingewechselt – ein Name (und ein junger Mann), den ich bald darauf und auf Jahre Jahrzehnte hinaus mit der WM 1994 assoziieren würde.

In der Liga sollte sich indes schon beim nächsten Heimspiel gegen Metz mehr als nur andeuten, dass bei OM einiges im Argen lag – nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern auch und ganz besonders neben dem Platz: kurz vor Schluss musste die Partie beim Stand von 0:3 wegen eines Platzsturms abgebrochen werden. Es sollte nicht mein einziger Spielabbruch im Vélodrome bleiben. Anderthalb Jahre später, man war zwischenzeitlich als Spätfolge der Valenciennes-Sache in die zweite Liga versetzt worden, lag man gegen Nancy mit 0:2 zurück, als erneut Sitzschalen und was weiß ich alles flogen – und mir nicht so ganz wohl war in meiner Haut. Barthez war früh vom Platz geflogen, Casoni später auch, und natürlich war die Welt wieder einmal ungerecht. Genau wie am Ende jener Zweitligasaion, die man zwar als Meister beendete; aufsteigen durfte man dennoch nicht und musste sich noch ein weiteres Jahr gedulden.

Aber ich war ja eigentlich in der Saison 93/94. Großartige Spiele wie jenes gegen Bordeaux wechselten sich lange Zeit mit furchtbaren Auftritten wie dem gegen Metz ab, ehe man sich in der Rückrunde auf Platz zwei festsetzte. Nicht zuletzt dank Sonny Anderson, der eine herausragende Saison spielte (und danach nach Monaco wechselte), gewann Rudi Völler das Nationalstürmerduell gegen Klinsmanns Monaco, und ich verpasste kein Heimspiel.

Was ich indes ein wenig stiefmütterlich verfolgte, war der Fußball in Deutschland, und war nicht zuletzt die Endphase der WM-Qualifikation. Die Niederlage der Franzosen gegen Israel hatte ich nur so halb verfolgt, und auch beim entscheidenden Spiel gegen Bulgarien am 17. November saß ich nicht vor dem Fernseher, sondern streifte ein wenig durch die Stadt. Könnte mit einer Frau zu tun gehabt haben. Im Vorbeigehen hörten wir Jubel aus einer Kneipe, die Uhrzeit verriet, dass das Spiel gerade so vorbei sein dürfte, beim Blick durch die Eingangstür waren jubelnde Menschen in OM-Trikots zu sehen. Da hätte man stutzig werden können. Als einer von ihnen herauskam, frug ich nach dem Ergebnis, und ob Frankreich es nun doch noch geschafft habe, was er, offensichtlich hocherfreut, verneinte. Ich gebe zu, ich war, obwohl ich schon einige Zeit in Marseille verbracht und die, vorsichtig ausgedrückt, verbandskritische Stimmung im Stadion im Grunde alle zwei Wochen erlebt hatte, ein wenig überrascht. Naiv, offensichtlich.

Drei Tage später spielte OM im Vélodrome gegen Auxerre, wir waren recht früh da, um vor dem Spiel ein wenig von der Stimmung mitzubekommen. Als sich das Stadion langsam füllte, wurden die ersten Gesänge angestimmt.

„Dugarry! Dugarry! Dugarry!“

hieß es da, wir sahen uns zunächst verwirrt an, da der Betreffende nach wie vor für Bordeaux aktiv war, auch noch nicht für die Nationalelf, und für OM sollte er erst viele Jahre später auflaufen. Also hörten wir noch etwas genauer hin:

„Bulgarie!“

Schön, dass sich Frankreich für die EM 2012 qualifiziert hat.

Damals, als die Bayern noch in Aachen gewannen

Drüben bei El Fútbol [Link entfernt, Blog ist offline]  hat Sidan seine Leser dazu aufgerufen, ihre jeweiligen „Lieblingsspieler“ vorzustellen – sei es im eigenen Blog, sei es direkt bei ihm. Er selbst ging sogleich mit Georghe Hagi in Vorleistung. Mir gefällt die Idee, und mir gefällt vor allem der Gedanke, so etwas blogübergreifend anzugehen*.  Deshalb mache ich gerne mit, auch wenn ich eigentlich nicht den einen Lieblingsspieler benennen kann.

Mit dem Lieblingsspieler ist es ja ein wenig anders als mit dem Lieblingsverein. Letzterer kann sich zwar auch mal ändern, aber insgesamt geschieht das doch eher selten. Bei Spielern verschiebt man die Präferenzen nach meiner Einschätzung bereitwilliger, schneller und häufiger – was nicht zuletzt mit gekränkten Eitelkeiten zu tun haben dürfte, wenn wieder mal ein verwöhnter Söldnermillionär in jungen Jahren zum falschen Verein gewechselt ist. Oder so. Wie auch immer: einen all time favourite hab ich nicht.

Was es natürlich gab, waren Spieler, deren Namen Identität und Spielkunst man auf dem Bolzplatz mit Vorliebe annahm – bei mir war das lange Zeit Falcão, später gerne mal, warum auch immer, Michailitschenko (falls @saumselig dies liest, haut er mir vermutlich die Schreibweise um die Ohren). Natürlich sind Maradona und Schuster zu nennen. Freistöße hätte ich gerne geschossen wie Allgöwer, war verzaubert von Sigurvinsson, wollte Hansi Müllers linken Fuß, verwandelte mich im Tor zu Ronnie Hellström, bewunderte Butragueño, huldigte 1984 Scifo und auch Platini, obwohl ich Giresse eigentlich lieber mochte, und war zeit seiner Karriere ein großer Fan von Mehmet Scholl. Savićević und Stojković ließen mich genauso anders schwärmen wie als Stoichkov und Romario; Rooney und, ja, Mario Gómez sind jeder für sich noch einmal ganz anders. Deschamps, Desailly und Rijkaard waren eher beeindruckend als begeisternd, bei Waddle und Gascoigne war’s anders herum, und irgendwann kam Zidane und stand über allen anderen. Zeit ist übrigens eine Illusion, Chronologie erst recht.

Mein allererster Lieblingsspieler aber, um den es hier gehen soll, ergab sich aus einer Mischung aus Trotz und Zufall. Im letzten deutschen Gruppenspiel bei der WM 1978, gegen Tunesien, feuerte ich als sechsjähriger Steppke nach einem zugegebenermaßen nicht sonderlich gefährlichen Schüsschen den jungen Mann mit den roten Bäckchen und den blonden Löckchen an, dessen Name mir schon im Lauf des in jener Saison erstmals ein wenig verfolgten Bundesligageschehens zu schaffen gemacht und der, das wusste ich, zuvor gegen Mexiko zweimal getroffen hatte. Ein aus damaliger Sicht älterer Zuschauer zeigte sich angesichts des Grottenkicks von meinem jugendlichen Eifer unbeeindruckt und antwortete nüchtern: „Ach, Bub, der Rummenigge ist doch ein Blindgänger.“

Das hatte gesessen. Pah! Meine jugendliche Leidenschaft, mein Glaube an den sicherlich auch diesmal bevorstehenden Sieg – schließlich hatte man Mexiko mit 6:0 aus dem Stadion gejagt – wurde von jenem Kritiker, vermutlich bereits desillusioniert vom eher mäßigen Spiel, so lapidar beiseite gewischt. Fortan galt es also für uns beide, Herrn Rummenigge und mich (auch wenn Herr Rummenigge sich dieser Aufgabe gar nicht so recht bewusste sein dürfte), diesem Bruddler das Gegenteil zu beweisen. Rummenigge oblag es, anständig zu spielen, mein Part bestand darin, ihn zu bewundern und bei Bedarf zu verteidigen. Was in seiner aktiven Karriere keine allzugroße Herausforderung darstellte. Seine Torausbeute bei den Bayern war überragend, 1980 und 1981 war er mit 26 bzw. 29 Treffern Torschützenkönig, in beiden Jahren wurde er zu Europas Fußballer des Jahres gewählt; in der Nationalelf war seine Quote mit 45 Treffern in 95 Länderspielen auch nicht ganz schlecht. Meine Begeisterung war übrigens lange Zeit derart prägend, dass ich die genannten Zahlen, und auch einige mehr, darunter zu meinem großen Erstaunen sein Geburtsdatum, noch heute kenne.

Er war der Grund dafür, dass ich mir 1984 oder 85 einen Geldbeutel im Inter-Design schenken ließ, obwohl der Verein nach dem zuvor nur bedingt geglückten Intermezzo von Hansi Müller eigentlich keine allzu guten Karten bei mir hatte, und der Verlust der Picture Disc des, äh, Superhits von Alan & Denise im Rahmen einer Party anno 1989 schmerzt noch heute.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=nWHL0HsusvU]

(deutsche Fassung – schickes Plattencover)

Aber zurück zu Sportlichem. Oder auch nicht, da der Schiedsrichter bei einem seiner zahlreichen Tore des Monats im Juli 1981 – die Bayern gewannen damals in Aachen mit 5:1, wenn auch nicht gegen die Alemannia  – eine Unsportlichkeit erkannt hatte. Was zur Folge hatte, dass derlei Tore, obwohl dort seit langem gang und gäbe, fortan auf deutschen Bolzplätzen zu intensiven Diskussionen führten, ob der Treffer denn nun zähle oder nicht.

Unumstritten waren indes die Tore, die all diejenigen, die die deutsche Nationalmannschaft in den 80ern begleiteten, noch deutlich vor Augen haben dürften: der technisch feine und gleichzeitig entschlossene Anschlustreffer in der Nacht von Sevilla, das 1:2 gegen Argentinien, der Siegtreffer gegen die CSSR zum Auftakt der EM 1980, der sehenswerte Seitfallzieher gegen Finnland, damals, als es noch Kleine gab, und viele mehr.

Gerne war mal etwas Akrobatik dabei, oft ein Dribbling und ein schneller Antritt, bei den Freistößen stufte ihn Max Merkel in den frühen 80er Jahren in der Bundesliga nur auf Platz 2 hinter Michael Kutzop ein, der seinerseits später nicht bei jedem Elfmeter das nötige Glück haben sollte. Wenn ich den Fußballspieler Rummenigge mit einem Wort beschreiben müsste, würde ich wohl „dynamisch“ wählen, gefolgt von „zielgerichtet“. Was meines Erachtens besonders gut zum Ausdruck kommt, wenn man sich seinen Ausgleich im Mailänder Derby 1985 ansieht:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=XIu3jUtPZBc&start=354“]

„Al vantaggio rossonero risponde a modo suo il panzer: Kalle Rummenigge“ – wozu seine auf mich stets feminin wirkende Jubelfaust allerdings nicht so recht passen will. Egal.

Auf dem Platz war er ein ganz Großer.

* Irgendwo liegen ja auch hier im Blog noch ein oder zwei vergleichbare, leider reichlich verkümmerte Ansätze für derlei Projekte herum.