Soundsoviele Zeilen, die der Fußball schrieb (LII). Ein langer, selbstreferenzieller Abgesang.

Vor ‘nem Jahr hatt’ ich mir einen Plan gemacht –
meine Reimlust war weihnachtlich angefacht:
wollt’ Erinn’rungen teilen
– jede Woche fünf Zeilen.
Geschichten zum Fußball war’n angedacht.

Hab’s terminlich (erstaunlich!) gepackt,
nur die zweinfuffzich ziemlich verkackt.
(Da hätt’s eh keiner g’lesen,
ist nach Weihnachten g’wesen.)
Darum nun: neues Jahr, letzter Akt:

 

Der Fußball hat klare Statuten:
das Spiel dauert 90 Minuten.
Elf Spieler pro Mannschaft,
wovon einer per Hand schafft,
und am Ende gewinnen die Guten.

Die Guten? Die Bess’ren. Erkoren
wird der Bess’re ausschließlich nach Toren.
Mancher Sieg sei zwar “dreckig”,
doch was zählt: rund in eckig.
(Wird gern aus den Augen verloren.)

Denn es geht bei dem Sport nicht um viel:
“ein Tor mehr” – letztlich ‘s einzige Ziel.
Klingt arg digital?
Wird auch mal zur Qual!
Doch es ist halt kein B-Noten-Spiel.

 

 

Ist jetzt fast ‘n bisschen getragen, so als Abschluss, ne? Kein Anekdötchen, keine Aneinanderreihung von Dopern, Schwalbenkönigen oder Pechvögeln, keine Hommage an einen Spieler oder auch eine Spielerin, einfach nur was Grundsätzliches zum Spiel, das ich noch dazu so bzw. in anderer Form schon gelegentlich zu Blog gegeben habe. Und keine Geschichte im unmittelbaren Sinne.

Mittelbar schon, wenn man sich manch böse Defensivtaktik (Was erlauben die sich!?) oder das eine oder andere späte Tor vor Augen führt, das den Spielverlauf klassisch auf den Kopf gestellt habe, wenn man über Pech oder gar überragende Torwartleistungen philosophiert, oder auch über Rory Delaps Einwurfstärke, die ja eigentlich gar nicht so recht zum Fußball gehöre: Geschichten über Geschichten.

Wer nun in Fußballgeschichten über vermeintlich unverdiente Siege, ungerecht verpasste Europapokalsiege oder Meisterschaften der Herzen schwelgen oder sonst etwas Sinnvolles tun möchte, anstatt sich mit der weinerlichen Selbstreferenzialität des Hausherrn zu befassen, dem sei für die Lektüre gedankt und ein fröhliches “Bestmögliche Entscheidung!” mit auf den Weg gegeben. Sollte sich jemand anders entscheiden, so heiße ich ihn oder sie herzlich willkommen in meiner kleinen rückblickenden Seelenwelt.

“Getragen”, hatte ich oben mit Blick auf den 52. Akt geschrieben. Das mag vielleicht nicht die richtige Vokabel sein; zumindest aber könnte man den Eindruck gewinnen, dass es zum Projektende so’n bisschen ums große Ganze gehen soll, gerade so, als wollte man, also ich, abschließend noch etwas von Belang sagen. Was vermutlich weder abwegig noch verwerflich ist, wenn man ein längeres Projekt abschließt.

Ein Projekt, das einen über ein Jahr lang tatsächlich kontinuierlich begleitet hat. Das einen dazu bringt, Alltagssituationen nicht mehr stets – mitlesende Twitternutzer werden mit dem Kopf nicken – möglichst originell in 140 Zeichen zu packen, sondern vielmehr dazu, fußballspezifische Inhalte, die einem so über den Weg laufen, und das sind gar nicht so wenige, konsequent in Anapäste oder auch Amphibrachys pressen zu wollen, noch dazu mit vorgegebenem Reimschema. Was immerhin den Vorteil hat, dass man sich abends, wenn die Lust, sich unwillentlich mit hängengebliebenen beruflichen Themen oder dergleichen zu beschäftigen, sehr überschaubar ist, stattdessen in den Schlaf reimen kann.

Zudem kommt so ein erschlafener Reim, vermutlich der Prägnanz geschuldet, nach dem Aufstehen viel eher wieder zurück als eine möglicherweise ganz gelungene Prosa-Formulierung für einen Text mit weniger strikten Formalkriterien. Letztere habe ich – reden wir nicht drumherum – im Lauf des Projekts natürlich nicht konsequent erfüllt, was zum Teil gewollt, zum Teil ungewollt mangels besserer Lösungen, zum Teil auch von mir selbst unbemerkt erfolgte. Vor allem, aber nicht nur, am Anfang.

Also jenem Anfang, der streng genommen noch gar nicht zu besagtem Projekt zählte, sondern eine adventliche Vorstufe war, damals, im Dezember 2012, als der VfB-Kader in Fünfzeilern beschrieben wurde. Was insofern nicht ganz trivial ist, als man vereinfachen, verkürzen, letztlich auch beugen muss. Nein, nicht muss. Aber man tut es. Nein, nicht man. Ich tat es. Des Reims wegen, der Metrik wegen, möglicherweise auch der Pointe wegen.

Nicht fair, ne, den Betrachteten gegenüber? Stimmt. Das habe ich dann beim Adventskalender 2013, den man mit der nötigen Freiheit in der Interpretation dann wohl auch zum Projekt zählen darf, sehr deutlich erkannt. Nachdem es mir gelungen war, für die 24 Türchen liebenswerte Internetmenschen für je einen Fünfzeiler zu gewinnen, versäumte ich es, mir schlicht die Hände zu reiben und für die abgenommene Arbeit zu danken. Vielmehr verfiel ich auf den Gedanken, eben jenen Menschen anstelle einer kurzen Hinführung zu ihrem Werk und einer Verlinkung zu ihren Online-Veröffentlichungsorten jeweils zuzusätzlich ein ebenfalls fünfzeiliges Porträt zu widmen.

Verzeihung, da steckten jetzt mindestens zwei Ungenauigkeiten drin: zum einen handelt es sich nicht um Porträts. Um Ausschnitte davon vielleicht, pointierte Ausschnitte. Zum Teil auch nur um von mir als witzig wahrgenommene Anekdoten, um Einzelaspekte, Charakterzüge, zum Teil längst vergessene Konversationen, die niemand mehr nachvollziehen kann.

Zum anderen hatte ich zu Beginn keineswegs vor, 24 (bzw. 26, glaube ich) solcher “Porträts” zu erstellen. Dummerweise dachte ich aber nicht groß nach, ehe ich dem ersten Spenderfünfzeiler aus einer Laune heraus fünf eigene Zeilen zur Seite stellte – und dann nicht mehr recht zurück konnte. So lief ich einerseits Gefahr, dem Dichter oder der Dichterin ein wenig von ihrem verdienten Rampenlicht (auf einer ohnehin spärlich ausgeleuchteten Bühne) zu rauben bzw. der Raubabsicht verdächtigt zu werden; andererseits sieht es eben auch ein bisschen seltsam aus, wenn man einzelne Gäste formgerecht würdigt, eine ebensolche Behandlung aber nicht allen zuteilwerden lässt.

Also doch: Porträts für alle. Beziehungsweise Ausschnitte, pointierte Ausschnitte, von mir als witzig wahrgenommene Anekdoten, Einzelaspekte, Charakterzüge, zum Teil längst vergessene Konversationen, Sie wissen schon. Bei manchen fällt das relativ schwer, bei anderen nicht ganz so leicht. Bei den einen fallen einem (hier: mir) nur viersilbige Begriffe mit unglücklich platzierten Hebungen ein, andere können sich aus namentlichen Gründen vor reimenden und metrisch passenden Assoziationen gar nicht retten, sodass die Hauptaufgabe des Reimenden, also meine, in diesen Fällen darin besteht, die Lesenden kürzend und vor allem selektierend zu schützen.

Was ich sagen will: verdammt heterogen, diese Begleittexte. Und zum Teil unangemessen oder gar irreführend überzeichnet. Vermutlich liegt es in der Natur der fünfzeiligen Sache, was es aber nicht besser macht.

Nein, ich schreibe das nicht, um Widerspruch zu ernten, sondern mit etwas Abstand und aufrichtig zerknirscht. Ich will gar nicht verhehlen, dass ich mit dem einen oder anderen meiner Adventskalenderbegleittexte sehr zufrieden bin. Andere halte ich für durchwachsen, wieder andere für gut, aber inhaltlich unglücklich, oder für sprachlich mittelprächtig, inhaltlich aber treffend, undsoweiterundsoweiter.

Aber ich hätte mir all das vorher überlegen müssen, anstatt halbblinden Auges einfach mal etwas anzufangen, von dem ich hätte wissen können, dass es über kurz oder lang schwierig wird, dass ich dem einen oder der anderen nicht gerecht werde, dass ich Schwerpunkte setze, in denen sich manche(r) Porträtierte, nachdem er oder sie mir mit dem jeweiligen Fünfzeiler eine große Freude gemacht hat, nicht so recht wiederfindet.

In unserer Abizeitung wurde der gesamte Jahrgang porträtiert. In Vierzeilern, glaube ich, vielleicht waren es auch acht. Über mich stand etwas von meiner Liebe zu Hefeweizen, des Reims wegen. Tatsächlich habe ich in meinem Leben noch kein Hefeweizen getrunken. Nicht wichtig, keine Frage. Aber aus dem Umstand, dass ich mich noch heute daran erinnere, mag man ableiten, wie völlig egal mir diese Beugung damals war. Wenn einige meiner adventlichen Gäste ganz genau wissen, was ich meine: sorry, tut mir leid.

Umrahmt von Adventskalendern (ob man von einem umfassenden Reim sprechen darf?) machte das eigentliche Projekt “Fünfzeilenfussball” einfach nur sehr viel Spaß. Ich sagte bereits, dass Reim- und Denkschemata sich vermischten, überlagerten, vereinten, und bereits jetzt, ein paar Tage nach der Niederschrift der letzten Fünfzeiler, kann ich auf den einen oder anderen Abend, manche Dusche oder auch einzelne Kaffeepausen zurückblicken, in denen ich das Bemühen, manchmal auch Ringen, um Silben und Endungen vermisst habe.

Sie schütteln den Kopf? Nun, ich kann Sie beruhigen: das wird sich legen. Ach, Sie schütteln den Kopf gar nicht deshalb, sondern vielmehr angesichts des Umstands, dass sich ein erwachsener Mann so zeitintensiv mit einer wenig ernsthaften und recht trivialen Gedichtform befasst? Kann ich nachvollziehen. Aber so ist das halt mit Hobbys.

Umso mehr freue ich mich, dass sich eine kleine und aus meiner Sicht sehr feine Schar gefunden hat, die immer wieder auf meine Zeilen reagiert hat, die mich in den Kommentaren korrigiert, kritisiert, ergänzt und einiges mehr hat – häufig selbst in fünf Zeilen, schöne Sache, das. In der Adventszeit 2013 sind gar, zu meiner (meist) stillen Freude, andernorts eigene Sammlungen entstanden. Andere verlinkten per Twitter, retweeteten, kommentierten dort, die Fokusfußballer wiesen des Öfteren darauf hin, was sich dann auch stets in den Zugriffszahlen bemerkbar machte. Danke schön.

That being said: sie bleibt eine Nische, diese Fünfzeilerei. Reichweite schafft man sich damit eher nicht. War zumindest bei mir nicht so. Stattdessen verprellt man – so mein Eindruck, der mich aber nicht allzu sehr anficht – den einen oder die andere Mitlesende, die mit dieser ständigen Reimerei nicht viel anfangen können, die Meinungen zu aktuelleren Themen austauschen wollen, ohne auf irgendwelche formalen Beschränkungen zu achten, die über Sven Ulreich schimpfen oder Fredi Bobic loben möchten, oder vice versa. (Endlich mal wieder ein bisschen VfB-Content hier hereingeschmuggelt.) Ist halt so.

Mal schauen, wie’s hier so wird ohne Fünfzeiler. Oder sagen wir: ohne wöchentliche Fünfzeiler. Man braucht ja ein Hintertürchen.

(Auf einen abschließenden Reim wird verzichtet. Zu getragen.)