So früh!

Wir alle kennen die Frage nach dem jeweiligen Aufenthaltsort an einem bestimmten Tag, vielleicht zu einer bestimmten Stunde, zu der sich Historisches ereignet hat. Also dieses “Wo warst Du, als …?”, Sie wissen schon. 

Als Boris Becker Kevin Curren schlug? Weiß ich. Als Jan Ullrich nach Andorra radelte? Das auch. Als die Herren Powell und Lewis in Tokio ein paar Sprünge in den Sand setzten? Schon. Als Ludwig/Walkenhorst Gold holten? Passe. Als Mary Decker stürzte? Klar. Als Thomas Fahrn… Logisch, 1984, ey! Als Angelique Kerber in den Yarra sprang? So ungefähr. Als Hermann Maier abhob? Ja, doch. Als Philipp Lahm aus der Nationalmannschaft zurücktrat?

Äh, Moment. Als Philipp Lahm aus der Nationalmannschaft zurücktrat? Ja, auch das weiß ich noch, aber ich habe Fragen. Vor allem: Passt das in die Reihe? War es so ein großes Ereignis? Weiß ich nicht. Groß, na ja, Ereignis, nun gut. Bemerkenswert war es auf jeden Fall. Ich war mit einer Gruppe von Menschen unterwegs, die ich nicht sonderlich gut kannte, berufliche Kontakte, und plötzlich ging das Gemurmel los. Irgendjemand, möglicherweise war ich derjenige, hatte eine EIL!ige Push-Nachricht erhalten, aber es konnte ja wohl nicht sein, dass der Kapitän der Fußballnationalmannschaft auf dem Höhepunkt einfach aufhörte, blühende Landschaften hin, Unschlagbarkeit her, TV-Sondersendungen am Horizont, Sie wissen schon. 

Doch, konnte schon sein, war auch, und eigentlich passt es vielleicht doch ganz gut in die Reihe. Vermutlich erinnert sich auch der eine oder andere, was sie gerade getan hat, als sie vom (zugegeben, ersten) Rücktritt Michael Jordans erfuhr, oder bei Laura Dahlmeier? 

Vielleicht sollte ich mal aufhören mit meinen Beispielen. So reichlich sind sie ja nun auch wieder nicht gesät, es sollten schon noch ein paar übrig bleiben. 24 wären gut. Oder 26, falls hier nachher in bewährter Manier zwei zum Eingrooven bereitstehen sollen. Vielleicht reichen 25, weiß ja jede*r, wie’s geht. Und ja, darum soll es heuer gehen.
Sportler*innen, deren Karriere früh endete

Beziehungsweise “so früh”, auch wenn im ersten Entwurf “zu früh” stand. Aber wer wäre ich, aus der Ferne zu beurteilen, was zu früh ist? Philipp Lahm sagen zu wollen, dass er mich einiger Jahre beraubt hat, in denen ich seine Perfektion noch im Nationalteam hätte bewundern können, oder zu meinen, ich hätte Laura Dahlmeier oder Arnd Peiffer auftragen können, mich noch ein paar weitere Winter lang zu unterhalten? 

Nee, nee, das können die schon alle selbst entscheiden. Und gegebenenfalls revidieren, Michael Jordan wurde oben genannt. Ich hätte trotzdem keine Skrupel, ihn hinter einem Türchen zu verstecken, wenn ich den Namen nicht schon in der Einleitung verbrannt hätte. Ähnlich bei Michael Schumacher. Dessen Rücktritt mit 37 ich durchaus unter “so früh” einordnen würde, anders als, tendenziell, den des ebenfalls gerade genannten Arnd Peiffer mit gerade noch 33 Jahren. Andere Sportarten, andere Alterskohorten. Die uralte 27-Jährige Elisabeth Seitz würde sich definitiv nicht mehr für den diesjährigen Kalender qualifizieren, selbst wenn sie, worauf nichts hindeutet, kurzfristig dem Sport den Rücken kehrte.

Mich faszinieren frühe Laufbahnenden, insbesondere dann, wenn ich sie aus der Distanz als sehr selbstbestimmt wahrnehme, vermeintlich zu früh, auf jeden Fall aber so früh. 

Daneben gibt es natürlich auch weniger selbstbestimmte Rückzüge unterschiedlicher Ausprägung, man mag zum einen an Kim Kulig denken, an Florian Eckert oder Olaf Bodden, zum anderen an, nun ja, Ben Johnson oder Tonya Harding. Hm, vielleicht behalte ich mir doch vor, von denen nochmal jemand hinter ein Türchen zu sperren. Die Einleitung wird eh nie so genau gelesen, da fällt das nicht auf.

Lassen Sie mich noch einmal auf die Ausgangsfrage zurückkommen, denn leider, leider weiß ich auch noch sehr genau, wo ich war und was ich tat, als ich vom Tod Robert Enkes erfuhr. Der ohne jeden Zweifel zu früh kam. Fabio Casartelli. Andrés Escobar. Stefan Bellof. Ulrike Maier. So viele andere.

Denn ja, auch wenn der Ausgangspunkt zum Motto “So früh” bei den selbstbestimmten, überraschenden, frühen Rückzügen lag, so sollte doch davon ausgegangen werden, dass auch einige Verletzungen und mancher Todesfall eine Rolle spielen werden. 

Der eine oder die andere mag sich daran erinnern, dass es hier im vergangenen Jahr um “Wurzeln” ging. Einerseits thematisch, aber das ist damit ja durch, andererseits bei der Herangehensweise an unser gemeinsames Adventsvergnügen, beziehungsweise beim Versuch, ein solches entstehen zu lassen: zurück zu den Wurzeln, zu dem, was wir, was Sie irgendwo im Klein- oder Großhirn abgelegt haben und mit etwas Glück herauskramen können, ohne Google-Exzess. Die Erinnerung an Sportler*innen, die in der Regel nicht nur kurz vor dem ersten Weltkrieg im, sagen wir, Tauziehen, einmal eine Bronzemedaille bei den internationalen norwegischen Meisterschaften gewonnen, sondern die zumeist einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt haben, häufig allüberall, und fast immer mindestens unter den ganzen Nerds, also Ihnen allen, werte Mitlesende, die sich hier im Advent so tummeln. 

“Nerd” ist geschlechtsneutral, nicht wahr? Hier, im Fließtext, kann ich da einigermaßen drauf achten. Hinter den Türchen dürfte das ehrlich gesagt schwerer fallen. Etwaige Verstöße gegen das Bemühen um geschlechtergerechte Sprache bitte ich dort großzügig als der Metrik zum Opfer gefallen zu betrachten.

Zurück zum Googleverbot. Googleverbot? Na ja, so würde ich das jetzt nicht sagen, aber es wäre schon schön, wenn es im Regelfall ohne Suchmaschinenunterstützung vonstatten ginge. Denn seien wir ehrlich: Das diesjährige Thema schreit ja geradezu nach weithin bekannten Sportler*innen. Leute, bei denen die geneigte Zuschauerin ihr allzu frühes Karriereende bedauert, sich häufig darüber wundert, weil der- oder diejenige ja gerade erst, oder noch nicht einmal, am Zenit angekommen ist, weil sie noch so viel erreichen könnten, weil es doch eigentlich gar nicht sein kann, bei Lahm, bei Dahlmeier, bei so vielen anderen. Namen, die man halt kennt.

Gewiss, es gibt auch sehr gute Gründe, das frühe Laufbahnende von Marina Wallner oder Michaela Wenig zu bedauern, von Sebastian Eisenlauer oder Annika Beck, von Finnia Wunram, und natürlich höre ich die empörten Aufschreie derjenigen, denen die genannten fünf Namen und die jeweils damit verbundenen Karriereverläufe selbstverständlich en détail geläufig sind. Dennoch. Sie werden eher nicht vorkommen. Zu suchmaschinenabhängig.

Vielmehr gilt, was ich hier bereits im Vorjahr schrieb, so ungefähr: […] behaupte ich einfach mal, dass ein großer Teil der erfahrungsgemäß hoch kompetenten Ratefüchs*innen hier die gesuchten Personen hinter geschätzten 20 Türchen kennt und dem Grunde nach suchmaschinenlos herausfinden kann. Das hängt dann natürlich immer noch davon ab, ob der Typ mit den Erklärungen gerade einen guten Tag hatte oder eben nicht, aber gut, da haben wir alle keinen Einfluss drauf. Und ja, natürlich ist es ein Unterschied, ob man erst in diesem Jahrtausend sportlich sozialisiert wurde oder ob man, wie der eine oder die andere hier, den Hausherrn eingeschlossen, bereits Sonja Henie, Anderl Ostler und Alberto Juantorena in ihren ganz großen Momenten zugejubelt hat, Sie wissen schon. 

Die Ratefüchs*innen. Also diejenigen, die das Ganze hier am Laufen halten. Auf die freue ich mich. Also auf Sie, Dich, Euch, die Ihr sehr verlässlich Jahr für Jahr hier auftaucht, unabhängig davon, ob wir ohnehin immer wieder miteinander kommunizieren, häufig via Twitter, aber auch auf anderen Kanälen, oder ob Ihre Namen einfach nur urplötzlich ab dem 30. November in der Kommentarspalte auftauchen – was mir jedes Jahr aufs Neue eine enorme Wiedersehensfreude bereitet.

Einer dieser vertrauten Namen wird dieses Jahr leider nicht auftauchen. Vor einigen Monaten ist Holger Thies verstorben. Wir hatten regelmäßigen Kontakt auf Twitter, nicht exzessiv, aber immer angenehm, freundschaftlich fast, was auch an gemeinsamen Fußballpräferenzen gelegen haben mag, ganz sicher aber daran, wie er eben war als Mensch. 

Im Advent war er immer am Start. Konnte öfter lösen, häufig auch nicht – er war ja kein Googler – hatte hin und wieder überraschende Ideen parat, und gelegentlich vergaß er einfach, seine Antwort zu posten. Mindestens einmal hat er meines Wissens von einem anderen Nutzer auf die Finger bekommen, weil er bei Twitter im Überschwang ein bisschen gespoilert hatte. Natürlich war ihm das furchtbar unangenehm, denn – so gut glaube ich ihn zu kennen – wenig lag ihm ferner, als den anderen hier den Spaß zu rauben, weder den Mitratenden noch dem Gastgeber. Ich bin mir sehr sicher, dass ich in den kommenden Wochen häufig an Holger denken werde. Möge er in Frieden ruhen.

 

In den vergangenen Jahren habe ich für den Aufgalopp stets zwei Beispielrätsel mitgebracht, je einen (vermeintlich?) schwierigen und einen einfachen Fall; da jedoch anno 2021 erneut alles so einfach sei Zeit leider ein ziemlich knappes Gut ist (was sich in den kommenden Wochen durchaus darauf auswirken könnte, zu welcher Uhrzeit und in welcher Ausführlichkeit jeweils die Lösungen veröffentlicht werden), reicht bestimmt ein erstes kleines Amuse-Gueule, von dem ich zugegebenermaßen gar nicht weiß, ob es so leicht verdaulich ist. Bitte sehr:

 

Ein Triple Double hat er einst geholt,
wiewohl nicht viel mit Basketball am Hut
(den trug er nicht, doch Kopfschmuck stand ihm gut) –
bei zwei Events war er auf Sieg gepolt.

Die Schuh’ vermutlich different besohlt,
das Spiel divers, er (heimlich) frohgemut.
(Nicht nur) drei Jahre lang und ohne Blut
hat er die Gegner dort verkamisolt.

Beim sechsten jener sechs war’s ziemlich knapp:
Akt 4 ist längst als Epos anerkannt,
das ganze Werk von Künstlern nachgeahmt.

Mit Mitte 20 trat er erstmals ab.
Trotz hölzerner Comebacks (sag’s leicht mokant)
gehört des Herrn Karriere eingerahmt.

 

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Abschließend erneut ein wiederverwerteter Hinweis aus den Vorjahren:

Leider zeigt die Erfahrung, dass meine Kommentarfunktion manchmal hakt. Wer Probleme hat, ist herzlich eingeladen, mir seinen oder ihren Kommentar per Mail an blog at heinzkamke.de oder auch per Twitter-DM an @heinzkamke zu schicken. Der Umstand, dass ein Kommentar nicht gleich angezeigt wird, ist indes kein relevantes Indiz für eine Fehlfunktion, es bedürfte schon einer Fehlermeldung. Denn wie immer werden die Kommentare erst im Lauf des Tages bzw. Abends en bloc veröffentlicht, um die Lösung nicht vorschnell zu offenbaren – ältere Häsinnen und Hasen wissen Bescheid, jüngere verstehen sicher, was ich meine.

Wie immer wünsche ich Euch und Ihnen allen eine schöne Adventszeit, mit Marzipan, Nüssen und Mandarinen; zudem ein bisschen Besinnlichkeit. Die Flötenkonzerte fallen vermutlich pandemiebedingt wieder aus, wie es mit dem Kirchgang ist, bleibt abzuwarten, schätzungsweise laufen Fußball und Wintersport. Und Drei Haselnüsse für Aschenbrödel.

Hier geht’s dann zum Kalender.