Elf des Jahres 2016 (ESPM)

Bei der Erstellung der Elf des Jahres 2016 wurde eine Trendwende unübersehbar, die so gravierend ausfiel, dass wir in einem Fall von der erst im Vorjahr beschlossenen ESPM-Regel („ein Spieler pro Mannschaft“) abweichen mussten. Um es deutlich zu sagen: einige Mannschaften haben dem FC Bayern in diesem Jahr den Rang abgelaufen. Dies betrifft nicht nur den in einer solchen Rolle möglicherweise erwarteten VfL Wolfsburg, sondern auch Bayer Leverkusen, den wieder erstarkten Hamburger SV und insbesondere den geradezu herausragenden FC Schalke 04.

Letzterem ist demzufolge auch die eingangs angesprochene Abweichung vom ESPM-Prinzip geschuldet: zu außergewöhnlich waren die Werte speziell von Sami Khedira und Filip Kostić – die Redaktion war sich sehr rasch einig, dass es nach objektiven Kriterien keinerlei Rechtfertigung geben kann, einen der beiden außen vor zu lassen. Mit Gökhan Inler konnte zudem ein weiterer Schalker Top-Kandidat nicht berücksichtigt werden, und auch Xerdan Shaqiri hätte für seine königsblaue Performance noch eine Vielzahl an Fürsprechern gefunden.

Insgesamt resultierte eine speziell im Spiel nach vorne nominell sehr stark besetzte Elf, deren taktische Aufstellung ein wenig asymmetrisch und möglicherweise auch etwas zu offensiv erscheint.

In Sachen Erfahrung verfügt die Mannschaft indes über eine gesunde Mischung; eine Neigung zu „gestandenen“ Spielern ist auf der einen Seite unverkennbar – man beachte den ewigen Dimitar Berbatov aus Bremen, die Weltmeister Ramos (FC Bayern), Weidenfeller (Frankfurt) und Khedira (Schalke), zudem den polyvalenten Leverkusener hw4, aber auch Stuttgarts Blaszszykowski, der mit Andriy Yarmolenko aus Dortmund eine ebenso schnelle wie ungewöhnlich offensive rechte Seite bildet. Sie wird abgesichert vom Wolfsburger Antonio Rüdiger, der die andere, die junge Seite anführt, gemeinsam mit Schalkes Kostić und Halilovic vom HSV. Mit etwas Wohlwollen darf auch Augsburgs Taider bei „alt gegen jung“ noch bei den Herausforderern antreten.

Gleichzeitig gab es auch in diesem Jahr naturgemäß eine ganze Reihe von Härtefällen, wie zum Beispiel Leverkusens Didavi, Hoffenheims Alexandre Pato, Herthas Niederländer Douglas oder der vielgereiste Lutz Pfannenstiel Marko Marin vom FC Augsburg. In Stuttgart blieben zwei komplette Innenverteidigungsblöcke auf der Strecke, während Darmstadts Patrick Ochs der gewählten Taktik zum Opfer fiel – seine Rolle als klassischer Rechtsverteidiger ist nicht vorgesehen.

Gladbachs Dante kam erwartungsgemäß nicht an Westermann vorbei, und Wolfsburg war in der Offensive mit Pedro, Vela, Isco und Januzaj schlichtweg nicht gut genug besetzt, um einen Angriffsplatz in der Elf des Jahres zu ergattern. Hamburgs Lucas Silva und Vladimir Darida von Hannover 96 agierten etwas zu unauffällig, was insgesamt auch für Ingolstadt (mit Bobby Wood) und den Mainzer Konradsen gilt. Kölns Kevin Großkreutz konnte aus formalen Gründen nicht berücksichtigt werden.

Der Eindruck aus dem Vorjahr, wonach die Auswahlen früherer Jahre teilweise schlagkräftiger schienen, hat sich in den vergangenen Monaten verfestigt. Die Anziehungskraft der Fleischtöpfe in der Premier League hinterlässt auch hier ihre Spuren.

 

Schlauchkleid mit Hut

Man sollte sich ja viel öfter verkleiden. Hab ich das grade wirklich gesagt? Man solle sich öfter verkleiden? Dann muss ich wohl unter dem Einfluss alter Fotografien gestanden haben, die mir jüngst beim Aufräumen in die Hände fielen. Bilder aus Zeiten, in denen man sich noch etwas mutiger kleiden konnte. In meinem Fall zum Beispiel in ein grasgrünes Schlauchkleid, nicht ganz auf Körper geschnitten, aber doch ziemlich. Sollte ich heute vermutlich nicht mehr tragen, sah aber echt chic aus.

Ähnlich verhält es sich mit dem Ken-Outfit, das ich damals bei der „Traumpaare“-Feier meines besten Freundes trug. Meine Freundin ging, naheliegend, als Barbie, der Gastgeber und sein Mitbewohner als elmex und aronal. Der kurzfristig erworbene pinkfarbene Walkman und die eigens dafür aufgenommene Kompaktkassette („I’m a Barbie Girl“ in Dauerrotation, so weit die Batterien trugen) wurden kürzlich im Zuge der genannten Entrümpelungsaktion entsorgt. Hat schließlich keiner mehr gebraucht in den letzten 17 (?) Jahren.

Accessoires sind ja ohnehin das A und O des Verkleidens, nicht wahr? Man frage nur mal meine Töchter. Möglicherweise fiel der Apfel gar nicht so weit vom Stamm. War vielleicht zufällig jemand bei der „Film“-Party, damals, Mitte der Neunziger, als ich mein prall gefülltes Köfferchen dabei hatte, ein kariertes, bis oben zugeknöpftes Hemd und eine Feder auf dem Schuh trug?

Falls ja: hoffentlich bot ich Ihnen eine selbst gebastelte Flasche Dr. Pepper und ein paar Pralinen an! Sie erinnern sich nicht? Auch nicht an die, wie soll ich sagen, gewöhnungsbedürftige Frisur, die ich mir ein paar Stunden zuvor hatte antun lassen, und die, aber das können Sie nicht wissen, tags darauf dem Rasierer zum Opfer fiel? Schade.

Ja, manchmal übertreibt man. Dabei ist weniger doch so oft mehr. Die Kostümierung meines Freundes bestand beim genannten Filmfest lediglich aus einem goldenen Finger, der manches Kontaktanbahnungsgespräch erleichterte, ich selbst beschränkte mich bei anderer Gelegenheit, einer „Bad-Taste-Party“, auf einen Kinnbart. Nein, ich mag Kinnbärte auch heute noch nicht, würde aber nicht mehr so weit gehen, und nein, bei beiden genannten Gelegenheiten implizierte die Beschränkung des Kostüms keine Ausschließlichkeit, wie sie möglicherweise grade in Ihrem Kopf umherspukt.

Aber klar, mit Aufwand macht das Ganze irgendwie mehr Spaß. So wie damals, als wir beim Thema „Werbung“ als Sargträger des Marlboro Man gingen. Maßstab: 1:1, Design, natürlich: Marlboro. Dürfte in eine gesellschafts,- konsum- und auch sonst irgendwie kritische Phase gefallen sein. Oder als Ausdruck zur Schau getragener Distinktion durchgehen.

So wie der Entschluss, auf das örtliche Fasnetsmotto „Die Welt zu Gast bei uns im Dorf“, oder so ähnlich, mit einer Kostümierung als Parkscheinautomat zu reagieren. Reich wurde ich nicht, aber der Gemeindekämmerer zeigte sich angetan.

Ein paar Jahre zuvor hatte auch die Lokalzeitung Notiz von uns genommen: „Flower Power“ hatte das Thema gelautet, womit wir wieder bei den eingangs erwähnten Schlauchkleidern angelangt wären:

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Falls übrigens der damalige Redakteur mitliest: wir machten auf Gänseblümchen, nicht „auf Margeritte (sic!)“.

Elf des Jahres 2015 (ESPM)

Seien wir ehrlich: wollten wir heute eine Elf des Jahres nach objektiven Kriterien aufstellen, fänden sich dort, eine Entwicklung früherer Jahre verstärkend, fast ausnahmslos Spieler des FC Bayern München, wie die einschlägige Datenbasis von transfermarkt.de unterstreicht. Vor diesem Hintergrund hat sich die Redaktion entschlossen, in diesem Jahr nach dem Prinzip „ein Spieler pro Mannschaft“ (ESPM) zu verfahren, um den Anschein zu wahren.

Das Ergebnis ist eine nicht nur bezüglich der Vereinszugehörigkeit, sondern auch qualitativ recht heterogen besetzte Elf, die zwar nicht auf allen Positionen absolute Weltklasse verkörpert, dafür aber unter anderem auf Titelhamster Tom Starke im Tor und Weltmeister Mustafi auf seiner Rechtsverteidigerposition setzen kann. Erschreckend indes, dass Vizemeister Dortmund keinen einzigen Spieler stellt. (Öhm, Verzeihung, Fehler:) nur mit viel Wohlwollen einen Spieler stellen kann:

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Gleichzeitig fehlt eine Reihe herausragender Akteure, so die Münchner Cuadrado, Ramsey, Varane und Khedira, zudem ihr Torhütertrio Navas, Lopez und Valdés. Auch Herthas Pandev ist ebenso der ESPM-Strategie zum Opfer gefallen wie die Wolfsburger Podolski und Mitroglu sowie Schalkes Welbeck und Bremens Bryan Ruiz.

Knapp gescheitert sind zudem auf den hart umkämpften Innenverteidigerpositionen Kölns van Buyten und der Hamburger Wollscheid sowie Hannovers Manuel Friedrich, der gegen seinen Teamkollegen Robert Huth, einen weiteren WM-Helden, das Nachsehen hatte.

Trotz aller Qualität kann sich die Redaktion des Eindrucks nicht erwehren, dass die Auswahlen früherer Jahre, als die stärkste Liga der Welt noch keine Weltmeisterliga war, teilweise schlagkräftiger daherkamen.

 

Aufstiege, Abstiege, Zwischenlösungen

Waren nicht schlecht, die Relegationsspiele neulich, ne? Also zumindest die zwischen zweiter und dritter Liga, und dort vornehmlich das Rückspiel. Bielefelder mögen das anders sehen.

Wieder einer jener Abende, die zu erfassen einzig Sir Alex Fergusons geflügeltem Wort „Football, bloody hell!“ gelingt. Abstrakt gesehen.

Bei Twitter jagte ein Superlativ den vorhergehenden, und nicht selten las man sinngemäß Folgendes:

„[Lob des Spiels], [Lob der Darmstädter], [Lob des Fußballs], [Ungläubigkeit], [Faszination], aber Relegation ist trotzdem doof und gehört abgeschafft.“

Was ich, den Umstand außer Acht lassend, dass all diese Metazitate niemals in 140 Zeichen gepasst hätten, was arg an meiner Glaubwürdigkeit rüttelt, für eine völlig legitime Sichtweise halte. Die ich nicht im Geringsten teile, aber darum geht es ja nicht. Es gibt gute Argumente gegen die Relegation, zweifellos, und es gibt meines Erachtens auch gute Argumente dafür. Sie alle wurden vielerorts und häufig genug ausgetauscht.

Der einzige Aspekt, der mich in den vergangenen Tagen verwunderte, wohl weil er mir in den Vorjahren nicht so häufig begegnet war, so zumindest meine Erinnerung, war die Schlussfolgerung mancher Relegationsgegner, manchmal mehr, manchmal weniger explizit ausgeführt, dass man dann ja konsequenterweise auch dazu übergehen müsse, den Meistertitel in einer Play-Off-Phase, zumindest aber in einem Endspiel der beiden Punktbesten auszuspielen.

Das kann ich nicht nachvollziehen. Verzeihung, nachvollziehen kann ich es schon, aber ich empfinde es nicht als folgerichtig. Im einen Fall, der Meisterschaft, haben sich 18 Mannschaften in einem gemeinsamen, in sich (ab-)geschlossenen Wettbewerb ein Jahr lang gemessen. Am Ende steht ein Ergebnis, das die eine als objektiv besser als die andere ausweist.

Im anderen Fall, wenn es um Auf- und Abstieg geht, betrachten wir zwei (oder mehr) Mannschaften, die in getrennten, hierarchisch klar einzuordnenden Wettbewerben spielen und die sich im Lauf der Saison weder begegnet sind noch sich mit den gleichen Gegnern gemessen haben. Eine Aussage über die relative Stärke können wir nicht seriös treffen.

Implizit beschäftigen wir uns auch mit der Frage, wie groß der Unterschied, bzw. wie groß eine Schnittmenge zwischen den beiden Ligen ist, innerhalb derer nur geringe sportliche Unterschiede bestehen. Diese Frage wurde irgendwann dahingehend beantwortet, dass die beiden Besten der niedrigeren Klasse mit den beiden Schlechtesten der höheren Klasse die Plätze tauschen sollen. Jahre später hat man sich dann für deren drei entschieden, in anderen Ländern mag die Tauschliste länger oder kürzer sein.

Wo die optimale, je nach Interpretation leistungs- oder leistungsvermögensgerechteste Lösung liegt, weiß man nicht, vermutlich ändert es sich von Jahr zu Jahr, beziehungsweise, was in unserer Ligen- und Saisonstruktur nicht relevant ist, in kürzeren Abständen. Der Gedanke, am Ende einer jeden Saison ganz konkret in einem sportlichen Duell der Grenzgänger auszuloten, wo die Kante aktuell verläuft, ist in diesem Kontext kein abwegiger.

Dass man darin eine zu zeitpunktbezogene, tagesformabhängige, zugespitzte Form der Entscheidungsfindung sehen kann, die dem Spieljahresprinzip zuwider läuft, liegt auf der Hand. Oder dass man hinterfragen kann, ob jeweils zwei fixe und ein variabler Auf- bzw. Absteiger richtig gewählt sind. Wieso nicht drei plus eins, zum Beispiel? Legitime Sichtweise.

Ganz abgesehen davon, dass der Verdacht, es gehe DFL und DFB in erster Linie darum, zum Saisonende ein maximales Spektakel zu bieten, nicht auszuräumen ist, noch nicht einmal von der Hand zu weisen. Was man dann natürlich doch als Gemeinsamkeit mit einem Meisterschafts-Play-Off sehen kann, wenn man möchte. Auf einer aus meiner Sicht arg sportfernen Ebene.

Wie schaffe ich jetzt nur die Überleitung zum HSV? Nee, sorry, da muss ich passen. Muss es eben so gehen.

Der Hamburger Sportverein, der sich dem Vernehmen nach im abgelaufenen Jahr auf dem Platz häufig ähnlich sportfern betätigte wie der VfB Stuttgart, nahm ebenfalls an der Relegation teil, stand aber im Schatten der Darmstädter. Dennoch schlug er den Herausforderer aus Fürth aus dem Feld, der ebenfalls ausführlich diskutierten Auswärtstorregel geschuldet, was den geschätzten Kollegen vom Fürther Flachpass zu grundsätzlichen Aussagen zum Kräfteverhältnis zwischen erster und zweiter Liga und einer, wenn ich ihn recht interpretiere, systemimmanenten Benachteiligung der Zweitligisten animiert hat.

Ich kann das, wie auch dort per Kommentar geäußert, nicht ganz nachvollziehen (wohl wissend, dass die finanziellen Rahmenbedingungen in den beiden Ligen sehr unterschiedliche sind). Den Fürther Nichtaufstieg nach zwei unentschieden gestalteten Spielen empfinde ich unabhängig davon als bitter. Was andersherum analog gälte.

Wie auch immer: der Dino ist dem Abstieg von der Schippe gesprungen, die Uhr darf weiterlaufen, der HSV bleibt der einzige Bundesligist, der noch nie abgestiegen ist. So las ich zumindest. Und war, wie manch andere(r), nicht ganz einverstanden:

Die geneigte Leserin weiß natürlich, dass es da noch ein paar weitere Vereine gibt, die zwar nicht von Anfang an dabei gewesen sein mögen, die aber nie in die zweite Liga abgestiegen sind. Was für sich genommen wiederum eine problematische Aussage ist, da ja auch Preußen Münster, Tasmania Berlin, Borussia Neunkirchen und Rot-Weiß Oberhausen, vielleicht habe ich auch noch jemanden vergessen, für sich in Anspruch nehmen können, nie von der Bundesliga in die zweite (Bundes-)Liga abgestiegen zu sein, sondern nur in die jeweilige Regionalliga.

Aber das mag selbst der sachkundigen Leserschaft ein bisschen zu speziell sein, nicht im Sinne von „wissen wa nich“, eher von „Korinthenkacker!“ Beschränken wir uns also auf die Frage nach den aktuell Unabsteigbarengestiegenen, die leicht beantwortet ist, wie auch die (hier nicht dokumentierten) Reaktionen auf diesen Tweet zeigten:

Genau. Es handelt sich um den HSV, den FC Bayern, Bayer Leverkusen, den VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim, den FC Augsburg und den SC Paderborn. Die eine oder andere Ungenauigkeit bei den Vereinsnamen bitte ich gönnerhaft hinzunehmen.

Sieben ist ne Menge, nicht wahr? Nicht zuletzt vor dem Hintergrund besagter (und historisch vollauf gerechtfertigter) HSV-Fokussierung, gerade auch wenn man das Ganze spätestens seit der Zeit verfolgt hat, als noch von vier verbliebenen Dinos, die damals noch nicht so genannt wurden, Hermann hieß ohnehin keiner von ihnen, die Rede war: dem HSV, Köln, Frankfurt und Kaiserslautern. Und jetzt sollen es plötzlich sieben sein?

Ja, ist so. Und vor zwei Jahren waren es auch so viele. Danach muss man aber schon bis 1995/96 zurückgehen, um auf gleich viele bzw. mehr unabgestiegene Bundesligisten zu stoßen. In den zwanzig Jahren zuvor lag man stets zwischen acht und elf, erstmalige Ab- und erstmalige Aufstiege hielten sich offensichtlich ungefähr die Waage, die stärkeren Veränderungen unmittelbar davor, also zu Beginn der 70er, mögen zum Teil mit dem Bundesligaskandal zu tun gehabt haben, vielleicht auch, abstrakter, mit der anstehenden bzw. erfolgten Einführung der zweiten Liga, aber so genau habe ich mir das nicht angesehen. In ihren ersten vier Jahren hatte die Bundesliga übrigens stets aus Vereinen bestanden, die noch nie abgestiegen waren.

Im ersten Jahr zudem, und das ist wahrlich eine Binsenweisheit, aus lauter Neulingen. Nach der Aufstockung 1965 waren nie mehr drei oder gar mehr Neulinge vertreten, bis 1980 aber zumindest so gut wie immer zumindest einer. Danach bröckelte das ein wenig, mit gelegentlichen Ausreißern, also gleich zwei Neulingen auf einmal. Menschen meiner Generation werden sich sogleich an Blau-Weiß 90 Berlin oder den FC Homburg erinnern, an die historische Besonderheit mit Dynamo und Hansa sowieso, und danach wurde es dünn.

Um die Jahrtausendwende hatten wir noch einmal eine, Verzeihung, Freaksaison mit Neulingen aus Unterhaching und Ulm, die derzeit recht weit von der Bundesliga entfernt sind, was im Ulmer Fall gerade in diesen Tagen ein König unter den Euphemismen ist. Sieht man dann noch von Energie Cottbus ab, so haben die meisten Vereine, die seit Ende der 90er erstmals aufgestiegen sind, beginnend mit Wolfsburg, die Klasse durchgehend gehalten, über die einjährige Mainzer Verschnaufpause sehe ich nonchalant hinweg, und Fürth, siehe oben.

Seit 2008 mit Hoffenheim darf man wohl sogar von einer kleinen Trendwende sprechen, einer Mini-Renaissance der Neulinge. Über die Bewertung dieses Umstands scheiden sich die Geister insofern, als insbesondere Hoffenheim, aber auch Augsburg mit ihren Finanzstrukturen nicht zwingend geeignet sind, das Herz all derer höher schlagen zu lassen, die sich eine Offenheit der Bundesliga für Underdogs wünschen. Wünsche ich mir auch. Was mich nicht daran hindert, das (Achtung, böses Wort!) „Projekt“ Hoffenheim interessiert und gelegentlich den Hut ziehend zu verfolgen.

Als Underdogs kann man sie indes nicht ernsthaft einordnen, und auch Augsburg nur bedingt. Leipzig wird in absehbarer Zeit recht laut an die Tür klopfen, Ingolstadt möglicherweise etwas leiser. Da freut man sich dann vielleicht besonders über die Fürths und Paderborns dieser Welt.

Kommt Heidenheim auch bald? Und sind sie dann gut oder böse? Werden sie gar eine neue „Region“ sein können? Die Zeit wird es weisen. In der Zwischenzeit kann ja der eine oder die andere nach Fehlern suchen:

Vatersohnfußballwochenende

Ein langes Fußballwochenende liegt hinter uns. Klar, das tut es meist, bei uns allen, aber aktuell erlaube ich mir, das in erster Linie auf meinen Sohn und mich zu beziehen. Ein Vater-Sohn-Fußballwochenende, quasi, das am Donnerstag mit dem Europapokaldebüt des jungen Mannes begann.

Der Gegner hieß Steaua Bukarest, und natürlich war das Neckarstadion gegen den ehemaligen Europapokalsieger – wer erinnert sich nicht an den Helden von Sevilla, Helmuth Duckadam ? – komplett nahezu halb nicht einmal zu einem Drittel ausverkauft, sondern trist und leer. Was immerhin den in diesem Fall positiven Nebeneffekt hatte, dass ich mich mit meinem Sohn etwas näher ans Spielfeld setzen (ja, setzen) konnte und er nicht wieder auf einem wackligen Klappstuhl versuchen musste, sich um die Vorderleute herumzuwinden. Was zum Zeitpunkt des Führungstreffers noch der Fall gewesen war, der ja schon nach vier Minuten fiel. Also unmittelbar vor dem Ausgleich, den zu beschreiben (der junge Mann muss ja viele Reize verarbeiten und lässt sich gerne mal die Geschehnisse auf dem Feld nacherzählen) mir körperliche Schmerzen verursachte. Ganz grundsätzlich, und vielleicht noch ein bisschen mehr, weil es nicht zuletzt Sakai betraf.

Ansonsten vermittelte das Spiel einen schönen Vorgeschmack dessen, was mich an den folgenden Tagen erwarten sollte, sah man doch zwei Mannschaften, die sich fernab taktischer Zwänge und ohne Abwehrreihen zeitweise darauf beschränkten, einen abgefangenen Ball entweder am Fuß oder per Luftpost so lange und unstrukturiert in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen, bis wieder der umgekehrte Effekt eintrat. Die Kopfbewegungen der an den Geraden positionierten Zuschauer mögen an Tennis erinnert haben. Leider war die Zahl der unforced errors verdammt hoch.

Der junge Mann war’s trotzdem zufrieden, zudem kennt er nun die Bedeutung der Fans für den Verein und weiß um die Vor- und Nachteile wie auch um die Bedeutung der einzelnen Tribünenbereiche. Nach meinen subjektiven Kriterien, wie es sich gehört.

Tags darauf setzte sich der von allen taktischen Zwängen befreite Fußball dahingehend fort, dass Kamke junior zu seinem ersten offiziellen Fußballtraining ging, um sich dort eben jenem zu widmen. Dieser Premiere war eine nicht ganz leichte Geburt vorausgegangen. Vier oder fünf Elternpaare, eine Großstadt, zahlreiche Fußballvereine, unzählige Termineinschränkungen, umfassende Internetrecherchen, beeindruckende Excelsheets, Sie wissen schon.

Letztlich ging der junge Mann am Freitag allein – d.h. ohne seine Freunde, aber natürlich mit dem den jugendlichen Übungsleitern gegenüber betont nonchalant auftretenden Vater – zum Training, bei einem Verein, dem der besagte Vater in gewisser Weise verbunden ist, und alles war gut. Der Nachwuchsspieler, der weder als Jahrhunderttalent noch als übertrieben mutig und kontaktfreudig gilt, machte völlig selbstverständlich mit, schlug sich wacker, hatte riesigen Spaß und konnte dies auch dem aus der Ferne zusehenden, meist aber in den eigenen Kick mit der etwas jüngeren Tochter vertieften Erziehungsberechtigten vermitteln.

Was dann dazu führte, dass besagter Vater (moi), als die Trainer den Sohn lobten und gemeinsam mit diesem die Frage stellten, ob er, der Sohn, denn bereits tags darauf beim Verbandsspieltag mitwirken könne und dürfe, nichts dagegen haben konnte. Aus einem Informationsdefizit heraus. Schließlich war ich noch in meinen eigenen Erfahrungen als Jugendtrainer verhaftet, damals, als die F-Jugend – als ob es bei uns in der Provinz Bambini gegeben hätte – samstags um zwei eine Dreiviertelstunde lang spielte. (Zudem brauchte man damals Spielerpässe und Vereinsmitgliedschaften, aber das nur am Rande.)

„Schön, also bis morgen früh um acht“ war demnach auch nicht ganz die Reaktion, die ich nach meiner Zusage erwartet hatte. Dass es zudem bis zum frühen Nachmittag dauern sollte, war dann auch schon egal – bye-bye, Barcamp Stuttgart, aber was tut man nicht alles als engagierter TennisFußballvater. Also bereitete ich den frisch gebackenen Bambino schonend darauf vor, dass er damit rechnen müsse, relativ viel Zeit an der Seitenlinie zu verbringen, alldieweil seine Mitspieler ja schon länger dabei seien, mehr geübt hättn, besser wüssten, wie so ein Spiel ablaufe, und so weiter, aber was will man einem „Wieso? Ich bin doch auch gut!“ schon entgegensetzen?

Und tatsächlich durfte er im ersten Spiel von Beginn an auflaufen, was möglicherweise seiner Größe und einem Mangel an Innenverteidigern zuzuschreiben war. Quatsch, die Positionen beschränken sich bei nur vier Feldspielern dann doch eher auf „vorne“ und „hinten“, vielleicht ergänzt um „links“ und „rechts“, was beim einen oder der anderen allerdings bereits zu Verwirrung führen dürfte.

Wie auch immer: der junge Mann ist groß gewachsen, halbwegs schusskräftig und sehr engagiert, sodass man sich seitens der Trainer wohl eine gewisse defensive Stabilität versprochen hatte, zumal er durchaus in der Lage ist, sich je nach Spielsituation auch als abkippender Sechser in einem recht fluiden Gesamtsystem zurechtzufinden. Sagt der träumende Vater. Am Rande des Spielfelds hörte ich von einer Spielermutter oder -tante, dass das Spiel strukturierter ablaufe, als sie sich das gedacht hatte, und stimmte ihr, mich des donnerstäglichen Europapokalabends erinnernd, uneingeschränkt zu.

Insgesamt verlief der in Turnierform ausgetragene Spieltag, betrachtet man nur die Ergebnistafel, nicht allzu erfolgreich. Vier Niederlagen standen eher wenige Siege entgegen, doch immerhin traf man in der letzten Partie – gegen den stärksten Gegner – zweimal, sodass die Null nicht nur hinten, sondern auch vorne nicht stand. Der Spielfreude aller Jungs (zu meiner Überraschung war kein Mädchen dabei) tat der vermeintlich überschaubare Erfolg keinen Abbruch, Schuldzuweisungen gab es keine, die Trainer sitzen nach wie vor fest im Sattel, Kamke junior freute sich wie Bolle über angemessene Spielanteile und die Vielzahl an Toren, die er im Lauf des Tages – also zwischen den Spielen – erzielt hatte, gelegentlich auch alleine spielend, aber egal. Bewegung, Freude am Spiel, Fußballbegeisterung – Vaterherz, was willst Du mehr?

Und während der Vater am Nachmittag doch noch ein wenig zum Barcamp ging, löste der Sohn endlich die letztjährige Stecktabelle auf, nicht ohne dabei ein Infografikmassaker zu denEuropapokal-, Auf- und Abstiegsregelungen anzurichten, das ausschnittsweise so aussah:

… und gänzlich ohne väterliches Zutun den VfB (und den HSV) einerseits sowie die Bayern und Borussia Dortmund andererseits an entgegengesetzten Enden der Tabelle positionierte.

Wiederum einen Tag später hatte der VfB Gelegenheit, zum Erreichen der dargestellten Tabellensituation beizutragen, was indes nur bedingt gelang. Vater und Sohn pendelten zwischen Videotext, Livetickern und dem einen oder anderen animierten russischen Standbild, frugen sich, wo Holzhauser sei – schließlich steht er, wiederum ohne bewusstes väterliches Zutun, ganz selbstverständlich in jeder Aufstellung des Sohnes –, räumten aber eine deutliche Aufstellungs- wie auch Leistungssteigerung gegenüber den vorhergehenden Spielen ein.

Die Sache mit Niedermeier, der in Kinderaugen mit seinem Bandenjubel vom Donnerstag deutlich an Profil gewonnen hatte, war erneut eine schöne Geschichte, auch wenn Kamke senior nur bedingt versteht, was da gerade passiert. Über Jahre hinweg wurde er vielerorts, auch von mir, sportlich durchaus kritisch gesehen, nicht zuletzt der Spieleröffnung wegen, häufig aber als solider dritter Mann geschätzt. Mit Maza, in der Vorsaison ebenfalls ein anständiger dritter Mann, aber eben auch kein Top-Innenverteidiger, bei dem vor allem die Verlässlichkeit in Sachen „grobe, potenziell spielentscheidende Schnitzer“ ins Auge sticht, liefert er sich seit einem guten Jahr ein Duell auf Augenhöhe.

Dass er sich zu Saisonbeginn hinten anstellen musste, kam ein wenig überraschend, wurde aber mit Trainings- und Vorbereitungseindrücken hinreichend begründet. Unglücklich für ihn, sicherlich, vielleicht auch bedauerlich fürs Mannschaftsklima, aber ein „Schlag ins Gesicht“ sieht anders aus. Öffentlicher Widerspruch neutraler wie auch dem VfB wohlgesinnter Beobachter hielt sich in Grenzen.

Nun machte Niedermeier also seinem Ärger Luft, mehrfach, öffentlich, und sah sich von einer Welle der Solidarität getragen. Es bedarf keiner ausgeprägten Neigung zu freier Interpretation, um die Nachtigall trapsen zu hören. Der Schorsch, das ist ein Kerl! Der muckt gegen den Trainer auf, den wir alle nicht mehr so gerne hier sehen wollen. Weil er die jungen Spieler nicht einsetzt. Weil er Hajnal immer noch spielen lässt. Weil er sich nicht gegen die Stuttgarter-Weg-Farce durchsetzen kann. Weil die Mannschaft unansehnlich spielt, und dann noch nicht einmal erfolgreich. Weil wir einen anderen Anspruch haben. Der Schorsch ist gegen den Trainer, wir sind gegen den Trainer, und jetzt kommt irgendwas mit dem Feind meines Feindes.

Mich ärgert das alles auch. Hajnal, der Umgang mit den jungen Spielern, die Spielweise, die Kaderzusammenstellung, you name it. Aber ich bin auch der festen Überzeugung, dass sich kein Arbeitgeber wiederholte öffentliche Kritik in dieser Form gefallen lassen kann, und, wenn ich ehrlich bin, erst recht kein „Ich fühle mich davon nicht angesprochen“ als Reaktion auf eine deutliche Ermahnung.

Ich schätze Niedermeier als Typen, mir gefallen sein Engagement und seine Identifikation, ich jubelte ihm damals gegen Wolfsburg und auch jetzt gegen Bukarest oder Bremen zu – unabhängig davon, dass ich die taktische Maßnahme nicht allzu weit vom Armutszeugnis entfernt verorte –, aber ich bin eben auch der Meinung, dass er froh sein muss (und wir mit ihm), dass er zuletzt überhaupt im Kader sein konnte.

Dass sich indes der Sportdirektor gezwungen sah, sich an die Seite des Trainers zu stellen und diesem somit den Rücken zu stärken, ist nicht zuletzt Niedermeiers Verdienst.

Die Kamkes haben ihn dennoch gefeiert. Und Cacau. Traoré.

Verpasste Rekomposition des Mythos Magath

Rants seien ja etwas aus der Mode. Also halten wir weiterhin den Ball flach. Das Interview in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ vom 2. September (hier online), das sich knappe fünf Bildschirmseiten lang mit Felix Magaths Image beschäftigt, ist gleichwohl ein schönes Beispiel dafür, wie sinnlos der Versuch ist, seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit neu zu komponieren, wenn die Faktenlage allzu eindeutig ist.

Dabei findet man in diesem über viele Jahre hinweg aufgebauten Magath-Bild bestimmt einige Punkte, bei denen ihm unrecht getan wird. So will ich nicht ausschließen, dass er seit 1995 im Schnitt unterdurchschnittlich viele Spieler transferiert hat (Ernsthaft? Hat er so wirklich argumentiert?), vielleicht geht es ihm wirklich nur darum, Spieler besser zu machen, möglicherweise leidet er auch wie ein Hund, wenn irgendwo ein Provinzblatt noch immer mit dem ollen „Quälix“ um die Ecke kommt (auch wenn er das nicht zugeben würde, es also gar nicht Teil des Rekompositionsversuchs sein kann), und vermutlich zählt sein „Ich bin Sportler“ zu den besseren Antworten, die ich bis dato auf die Frage nach dem Selbstverständnis eines Trainers gelesen habe.

Aber letztlich war all das, war jede Chance auf eine offene, wohlwollende Auseinandersetzung mit Magaths Einlassungen zu seinem Image bereits in jenem Moment vertan, in dem die aufmerksame Leserin die allererste Antwort gelesen hatte und gewahr wurde, wohin der Hase lief: zum Gemüse:

„[…] ich erlaube mir schon den Luxus einer gesunden Ernährung. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter Wert auf gesundes Essen legte. Bei ihr habe ich das früh mitbekommen, das war damals im Grunde schon biologisch. Nicht viel Fleisch, einmal die Woche Fisch, viel Gemüse. „

 
 
Das ist ja alles gut und schön.
Allein, ich zweifle am Wahrheitsgehalt.
 
 

 
Jaja, ich weiß, möglicherweise musste er in den frühen 80ern kompensieren. Er sagt ja, um der Wahrheit die Ehre zu geben, auch im Interview, er habe „das dann irgendwann wieder“ für sich entdeckt.

Aber wenn sich nach so vielen Jahren die Gelegenheit ergibt, zum einen eine Überschrift (und einen halben Absatz) des Trainers und zum anderen die von Herrn jon dahl so gerne zitierte und auch aktuell zur Verfügung gestellte Magath’sche Fleischantwort zu rekomponieren, ist es halt um so manches und manchen geschehen. Fairness, Seriosität, Bildqualität, Humoranspruch, mich, um deren fünf zu nennen.

Und irgendwann werde ich mich bestimmt auch Robert Long widmen. Oder Toni Schumachers Lieblingsessen. Allen Lieblingsessen, am besten, unter besonderer Berücksichtigung der Kriterien Professionalität, Außendarstellung und Plagiarismus.

Elf des Jahres 2013

Nachdem sich die jeweilige Elf des Jahres in den Vorjahren angesichts der Ausgeglichenheit der stärksten Liga der Welt zumeist aus Spielern zahlreicher Vereine zusammengesetzt hatte, waren die Kräfteverhältnisse in dieser Saison derart ungleich verteilt, dass sich dies auch in der Elf des Jahres 2013 widerspiegelt.

Gleichwohl waren auch in diesem Jahr einige Härtefälle zu verzeichnen. So scheiterte der Münchner Martínez kurz vor dem Nominierungszeitpunkt an formalen Kriterien, ähnlich der Hamburger van der Vaart, auch wenn dessen Nichtnominierung innerhalb der Redaktion bis zuletzt heiß umstritten war. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang der VfB Stuttgart, bei dem bis auf den koreanischen Offensivspieler Seung-Ki Lee kein einziger Akteur die Nominierungskriterien erfüllte.

Der insbesondere im Pokalwettbewerb stark aufspielende junge Bremer Calhanoglu rutschte in seiner Premierensaison ebenso hauchdünn an einem Platz in der Elf des Jahres vorbei wie die Hamburger Misimovic, Babovic, Perisic, Reo-Coker, Bojinov und Sagbo.

Berückende Bundesliga

Betrachtet man die zurückliegende Saison des VfB Stuttgart noch einmal etwas intensiver und beschäftigt sich insbesondere mit der ausnehmend guten Rückrundenbilanz, so kommt man keinesfalls umhin, Gotoku Sakai, Vedad Ibisevic und Georg Niedermeier in absoluter Objektivität als ausschlaggebend zu bezeichnen, bzw. vor allem den Umstand, dass sie Boulahrouz, Maza und Cacau bzw. Pogrebnyak verdrängen konnten. War man in der Hinrunde auf der einschlägigen 11er-Skala meist noch zwischen 4 und 6 gependelt, so erreichte man in der Rückrunde dank der drei genannten Herren regelmäßig Werte von 7 oder 8.

Besonders bemerkenswert, wenn auch nicht im Einklang mit dem Startelfgebot, war die Phase zwischen der 46. und 58. Minute am 30. Spieltag in Augsburg, als der VfB tatsächlich mit den Nummern 1-9 auf dem Platz stand. Bedenkt man zum einen, dass die 10 nicht vergeben und die 11, Audel, das ganze Jahr über verletzt war, und zum anderen, dass von den beiden Ergänzungsspielern der eine, Hajnal, als klassischer Zehner ebendort spielte und der andere, Schieber, als Linksaußen auf der 11 agierte, darf man wohl ohne Übertreibung von den besten gut zwölf Minuten der Saison sprechen.

Beeindruckend auch der 34. und 25. Spieltag, als zunächst sowohl der HSV als auch der VfB mit jeweils 8 aus 11 in die Partie gingen und eine Woche darauf der VfB mit acht der ersten elf begann, während Kaiserslautern gar mit deren neun aufhörte. Aufschlussreich war dabei nicht zuletzt, dass die beiden Mannschaften noch in der Hinrunde mit vier gegen vier ins Spiel gegangen waren.

Der eben schon angesprochene HSV trat bei mindestens 5 Partien mit 9 klassischen Nummern an, am 16. Spieltag fehlte zwischen der 69. und 84. Minute gar nur die 3, Michael Mancienne, um ein rundum stimmiges Bild abzugeben. Im Saisonschnitt standen beim HSV pro Spiel knapp 8 Spieler mit Rückennummern zwischen 1 und 11 beim Anpfiff auf dem Platz, was angesichts der durchwachsenen Hamburger Saison dem Schluss, dass eine Orientierung an traditionellen Werten nicht zwingend zum Erfolg führt, nicht im Wege steht.

Wenn man dann noch bedenkt, dass Absteiger Hertha den zweithöchsten Wert erreicht (ohne Berücksichtigung der Nummerierung in der Relegation, vor Gericht und auf hoher See), lässt das bereits tief blicken. Möglicherweise hat also der VfB seinen Uefa-Cup-Platz letztlich eher trotz als wegen seiner noch immer deutlich über 6 Klassiker in der, man muss es so sagen, Durchschnittself erreicht.

Darüber hinaus lassen auch die Bilanzen von Kaiserslautern, das in der Hinrunde, als man (zugegeben: nur stichprobenartig überprüft) häufiger mit höheren Nummern antrat, immerhin noch den einen oder anderen Zähler holte, und des SC Freiburg, der in der ersten Saisonhälfte mit den Herren Bastians (Nr. 3), Butscher (5), Abdessadki (6), Cissé (9) und Nicu (10) eher überschaubar punktete, in der Rückrunde aber, als aus den ersten elf zum Teil nur noch Baumann und Makiadi aufliefen, eine bemerkenswerte Bilanz erzielte, aufhorchen.

Sicher, all das sind nicht mehr als schwache Indizien, wenn überhaupt, man könnte vielleicht auch von Scharlatanerie sprechen. Und doch möchte man es sich ja nicht nehmen lassen, auch einmal an jenes Ende der Skala zu schauen, wo die Mannschaften erscheinen, die nur wenige Spieler aus den ersten elf zum Einsatz kommen lassen. So wie der FC Bayern im vorletzten Saisonspiel gegen den VfB, als nur einer auflief, noch dazu die 11, die halt grade noch so dazugehört.

Ja, ja, ich weiß, gegen den VfB reichte auch die B-Elf der erfolgsverwöhnten Münchner, war ein nicht repräsentatives Beispielspiel.

Betrachtet man nämlich die gesamte Saison, so stellt sich die Situation völlig anders dar. Also fast. Immerhin 2,8 Bayern standen im Schnitt beim Anpfiff mit einer Standardnummer auf dem Feld, was – ich verkneife mir Sätze, die mit immerhin oder wenigstens beginnen – den ligaweiten Spitzenwert darstellt. Knapp dahinter Schalke, das 2,9 klassische Starter zu verzeichnen hatte. Der einzige weitere Verein, der weniger als 4 Spieler mit einer Traditionsnummer auf das Feld schickte, war mit einem Wert von 3,8 wer? Genau: Borussia Dortmund.

Schlussfolgerungen bezüglich Korrelationen oder gar Kausalitäten zwischen sportlichem Erfolg und dem Einsatz der von mir so geschätzten Spieler zwischen 1 und 11 seien der geneigten Leserin selbst überlassen.

Man könnte sich natürlich überlegen, was das für die Duelle Schmelzer (3) – Boateng (20), Hummels (5) – Mertesacker (17), Klose (11) – Gomez (23) oder gar Neuer (1) – Wiese (12) bedeuten mag.

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Falls sich jemand für die Bilanzen der anderen Bundesligisten interessiert: Ich hatte mir überlegt, sie in Form einer 18-teiligen Klickstrecke, möglicherweise um die eine oder andere Werbeeinblendung ergänzt, zur Verfügung zu stellen. Leider fehlt mir die technische Kompetenz. Ergo.

Fehler sind wahrscheinlich, Hinweise willkommen.

Auf allen Bühnen zu Hause.

Der hiesige Hausherr ist ja blogmäßig eher so ein Stubenhocker. Einer, der bei seinen Leisten bleibt, mit einer gewissen Regelmäßigkeit Texte schreibt und veröffentlicht, ab und zu auch mal ein wenig Statistik einfließen lässt, und das war’s dann auch. Andere sind da vielseitiger. Drehen Videos, podcasten, erstellen Infografikmassaker, interviewen, oder:

lesen.

Der Trainer macht Sachen. Wer ihn selbst und seine Radiostimme kennt, dürfte wie ich davon ausgehen, dass er auch im djäzz eine hervorragende Figur abgeben wird. Und sich wie ich darüber ärgern, dass es nichts wird mit einer Duisburgreise am Donnerstag. Viel Spaß all jenen, die diesbezüglich in einer komfortableren Situation sind.

Wieder andere wollen drucken. So zum Beispiel @gses, der früher im Rasenschach-Magazin gebloggt hat und jetzt eine gedruckte Bloggerzeitschrift in Angriff nimmt:

Der Blogger“ soll ein neues monatliches Printmagazin werden und die Qualität der deutschen Blogosphäre in einem Druckwerk bündeln.
Wer Artikel ohne politischen Druck oder verlagsinterne Vorgaben lesen möchte, ist hier richtig.
Eine Zeitschrift von Bloggern für alle, die Meinungen und Hintergründe zu Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur, Technik und gesellschaftskritischen Themen lesen möchten.

Das Projekt soll über Crowdfunding verwirklicht werden, von dem ich keine Ahnung habe. Aber inhaltlich gefällt mir der Gedanke und ich bin sehr gespannt, was draus wird. Wer ähnlich denkt, möge „Fan werden“ (für die Formulierung kann vermutlich auch @gses nichts) und so dazu beitragen, dass „der Blogger“ zur Förderung freigegeben werden kann.

Da wir grade beim Drucken sind: es ist mir furchtbar unangenehm und völlig unerklärlich, dass in diesem Blog noch nie ein Hinweis auf Janniks wunderbares Buch stand, in dem er seine Blogtexte zum letztjährigen Gladbacher Klassenerhalt sammelte und veröffentlichte. Jannik, Ihr wisst schon, Entscheidend is auf’m Platz, eines der besten Blogs der Welt, das leider seit Monaten brach liegt. Wer eine Schwäche für die Borussia, für eine gute Story oder einfach für gelungene Texte hat, liegt mit seinen Werken genau richtig. Und wenn einem all das abgehen sollte, kann man immer noch eine gutes Werk tun und den Kindertraum Nettetal e.V. unterstützen: „So weit die Raute trägt

Ballpod. Oder Ballpodder. Remember? Genau. Einige Menschen, die gerne mal die eine oder andere Zeile über Fußball schreiben, haben vor einiger Zeit auch ein paar Versuche unternommen, darüber zu reden. Sebastian Fiebrig hat das Ganze noch einmal aufgegriffen, in sehr angenehmer Form, wie ich finde, und wie ich ihn kenne, wird es nun mit weitaus mehr Entschlossenheit voran getrieben. Für die Nullnummer hat er sich vergangene Woche Herrn @probek eingeladen, um ein wenig über die Bayern zu reden.

Vielleicht sollte ich irgendwann auch mal sprechen lernen.

375 – 163g – 91u – 121v

Vor ein paar Tagen sagte ich Herrn nedfuller, dass es mich keineswegs überraschen würde, wenn der VfB „wieder einmal“ den Aufbauhelfer gäbe und einem Tabellenletzten den Weg zurück in die Tabelle ebnete. Und es ward.

Wieder einmal. Wieder einmal? Wenn man ehrlich ist, trifft das nur sehr bedingt zu. Seit der Saison 2000/01 traf der VfB 23 mal auf einen Tabellenletzten und ging in 11 Fällen als Sieger vom Platz. Sieben Unentschieden sind kein Ruhmesblatt, fünf Niederlagen ok: im Schnitt holte der VfB 1,74 Punkte pro Spiel, wenn man beim oder gegen das Schlusslicht antrat.  Deutlich besser als die gefühlte Bilanz, oder?

Gefühlt dürfte sie ohnehin bei allen schlecht sein, wie oft hört man jenes „das ist doch mal wieder typisch für [meinen Verein]!“, wenn die Mannschaft des Vertrauens gegen ein Kellerkind Punkte abgegeben hat. Klar, die Negativerlebnisse bleiben stärker im Gedächtnis haften, und doch bin ich wild entschlossen, jedem Schalker, der künftig dergleichen von sich gibt, ein feuriges „Unsinn“ entgegen zu schleudern. 15 von 25 Spielen haben sie gewonnen, nur deren fünf verloren, zwei Punkte pro Spiel errungen – ein Wert, der nur von drei Vereinen getoppt wird, deren Resultate von geringem statistischen Wert sind: Mainz hat immerhin sieben Spiele gegen den Letzten absolviert und bemerkenswerte fünf gewonnen, keines verloren, 2,43 Punkte geholt; Aachen und Unterhaching mit jeweils drei Punkten aus nur einem Spiel darf man indes komplett vernachlässigen.

Interessant noch Gladbach, das von seinen 15 Spielen nur vier verlor. Weil man gar nur drei gewann, hat die Borussia als Unentschiedenkönig mit 1,13 Punkten pro Spiel den schlechtesten Wert aller aktuellen Erstligisten. Der Zweitletzte aus Köln liegt mit durchschnittlich 1,33 Punkten aus ebenfalls 15 Spielen bereits deutlich besser, gefolgt von der Hertha, die in 20 Spielen1,50 Punkte pro Spiel erreichte. Letztlich auch nicht gerade brillant, wenn man bedenkt, dass es 20 mal gegen den jeweils schwächstmöglichen Gegner ging und nur acht mal ein Sieg heraussprang. Den absolut niedrigsten Wert erreicht der KSC, dem in drei Spielen gegen das Schlusslicht kein einziges Pünktchen vergönnt war. Die 0,75 Punkte, die Cottbus durchschnittlich in acht Partien erzielte, wirken im Vergleich dazu geradezu großartig.

Dass das alles mit sehr viel Skepsis zu betrachten ist, steht außer Frage. Möglicherweise wäre es aussagekräftiger gewesen, wenn man statt des Tabellenletzten die drei Vereine auf den Abstiegsrängen betrachtet hätte, und vielleicht auch erst ab dem fünften oder gar zehnten Spieltag, weil davor die Aussagekraft der Tabelle zu gering ist, was man auch mittels einer Gewichtung hätte berücksichtigen können, von Heim- bzw. Auswärtsspielen gar nicht zu reden, und so weiter und so fort. Ungeachtet dessen:

Spiele gegen den Tabellenletzten, 08/2001 - 09/2011

Aktuelle Bundesligisten sind gelb hervorgehoben, grün und rot drücken eine mehr oder weniger willkürlich vorgenommene Kategorisierung in besonders gute oder schlechte Werte aus.

Und da die Daten nun schon einmal vorlagen, habe ich mir noch kurz die Ergebnisse der Tabellenletzten angesehen. Der 1. FC Köln, der im betrachteten Zeitraum am häufigsten mit der Laterne in der Hand antreten musste, errang in 48 Spielen im Schnitt genau einen Punkt, die Hertha lag in ihren 31 Partien sogar knapp darunter. Unter der Einpunktgrenze lagen zudem, mit etwas weniger Versuchen, Bochum (23 Spiele / 5 Siege), Sankt Pauli (18/3) der SC Freiburg (14/2) und Aachen (1/0).

Gute Bilanzen haben hier ausschließlich Mannschaften vorzuweisen, die maximal 10 Auftritte als Schlusslicht hatten. Der HSV, Hannover und der VfB gewannen je sechs von zehn Spielen, Werder (2 Spiele), Bielefeld und Dortmund (je 1) tragen eine blütenweiße Weste. Überraschen kann das natürlich nicht: wer nur sehr wenige Spiele als Letzter bestritten hat, muss nun einmal erfolgreich gewesen sein, um die rote Laterne schnell wieder abzugeben.

Spiele als Tabellenletzter, 08/2001 - 09/2011

Kommen wir zum praktischen Nutzen.

Am Sonntag empfängt das Schlusslicht aus Hamburg den FC Schalke 04. Schalke hat nur eine von jeweils fünf Partien gegen einen Tabellenletzten verloren und drei gewonnen, ist also klarer Favorit. Der HSV wiederum hat von den 10 Partien, die er als Laternenträger bestritt, 6 gewonnen, ist also ebenfalls klarer Favorit.

Na dann.

Datenquellen: fussballdaten.de, weltfussball.de
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