Die Uerdingen-Uebertreibung

Die Bundesliga-Saison läuft noch, hörte ich. Es fallen tatsächlich auch noch einige relevante Entscheidungen, und ja, ich werde sie interessiert verfolgen. Ich werde auch ins Neckarstadion gehen, um dem VfB gegen irgendeinen Gegner, möglicherweise ist es Mainz, zuzuschauen. Ok, ich weiß, dass es Mainz ist, mir war nur grade nach einer billigen, Effekt heischenden (wohl aber nicht erzielenden) Illustration meines sehr überschaubaren Interesses an den verbleibenden (jenes in Gelsenkirchen zählte bereits dazu) Bundesligaspielen des VfB in dieser Saison. Vom Schalke-Spiel habe ich noch nicht einmal die Tore gesehen.

Nun könnte man einwenden, die Spiele seien allein deshalb interessant, weil es ja für alle Spieler darum gehe, so auch öffentlich von Trainer und Sportvorstand propagiert, sich für das Pokalfinale zu empfehlen. Was voraussetzen würde, dass es tatsächlich einen Konkurrenzkampf gibt. Tatsächlich suche ich gegenwärtig noch nach der Startelfposition, die nicht vergeben ist. Rechts hinten vielleicht?

Letztlich ist es ja ohnehin egal, wer gegen die übermächtigen Tripleaspiranten aus München aufläuft, hört man. Denkt man auch selbst. Manchmal. Meist. Aber gegen so ein bisschen Hoffnung ist ja nichts einzuwenden, kann und will man sich nicht einmal wehren, und Strohhalme sind schnell gefunden:

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Der Reihe nach: Trainer Baade wünscht einigen VfB-Anhängern ein längeres Vergnügen als jenes, das er selbst (obschon Nicht-Vereinsanhänger, d. Red.) im Jahr 2011 mit Meiderich hatte. Er geht allerdings von einer geringen Eintrittswahrscheinlichkeit aus, was sich mit meiner Erwartungshaltung zu decken scheint. Martyn interveniert und verweist auf ein geschichtliches Vorbild: Bayer Uerdingen, vermutlich im Jahr 1985 (Sie wissen schon, wie auch in meiner Reaktion angedeutet: Wolfgang Schäfer, Pokal im Bett, undsoweiterundsofort).

Richtig interessant wird es in dem Moment, als Trainer Baade die Vergleichbarkeit bestätigt. Beinahe, fügt er fast ein wenig verschämt hinzu, und der gemeine Stuttgarter Anhänger interpretiert seine Relativierung dahingehend, dass der VfB, ein Traditionsverein und in diesem Jahrtausend einer der regelmäßigsten deutschen Europapokalteilnehmer, dann ja doch nicht auf ganz so verlorenem Posten stehe wie das mittlerweile ungefähr siebzehntklassige Bayer Uerdingen damals, ein Plastikverein von Bayers Gnaden, dessen anhaltende öffentliche Bekanntheit sich nahezu ausschließlich aus zwei Spielen speist, von denen das eine eben genannt wurde und das zweite sich bereits in den Köpfen der Mitlesenden eingenistet hat.

So zumindest meine Interpretation der Baade’schen Einschränkung, seiner Höflichkeit eingedenk. Möglicherweise meinte er es aber auch ganz anders. Möglicherweise gelang es ihm, die Stuttgarter Fans glauben zu machen, er bewerte die Chancen ihrer Mannschaft höher als die damaligen Uerdinger Aussichten, obwohl er eigentlich, die Fakten vor Augen, das Gegenteil meinte. Sicherlich wusste er, im Gegensatz zu den verblendeten VfB-Anhängern wie Martyn und mir selbst, dass Bayer Uerdingen zu jener Zeit wesentlich näher an den Bayern dran war, als es sich der VfB heute auch nur erträumen könnte:

Zum Zeitpunkt des Pokalfinales 2013 wird der VfB in der Liga rund 10 Plätze und mindestens 43 Punkte (maximal 49) hinter den Bayern liegen. Bayer Uerdingen lag damals – übrigens beim ersten Finale im sogenannten deutschen Wembley und zugleich dem letzten, so ich mich nicht vertan habe, das vor dem letzten Bundesligaspieltag stattfand – auf Platz 5, also 4 Ränge und 10 Punkte hinter dem Finalgegner, von denen letztere auch bei Umrechnung gemäß der 3-Punkte-Regel nur auf 15 anwachsen. Kein Vergleich zum VfB, wenn man ehrlich ist.

Momentaufnahme? Ja, wie immer. Aber nicht nur. Im Folgejahr, das Bayer mit einem 1:0-Sieg gegen den FC Bayern begann, belegte die Mannschaft am Saisonende Rang 3, 4(6) Punkte hinter dem Meister aus München, und scheiterte im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger an Atlético Madrid. Durchaus ehrenvoll, was gewiss auch für den FC Bayern gilt, der im Viertelfinale des Landesmeisterpokals gegen Anderlecht und den jungen Enzo Scifo den Kürzeren zog. Klingt aber – meiner eigenen anderslautenden Erinnerung zum Trotz – irgendwie so, als sei man sich sportlich damals annähernd auf Augenhöhe begegnet, zumal auch noch niemand das Bedürfnis verspürte, von spanisch-schottischen Verhältnissen zu sprechen.

Quintessenz: Uerdingen taugt nicht als Referenz. Mit viel Wohlwollen vielleicht als Strohhalm. Bleibt also die Frage, wo man die von Martyn angesprochene Hoffnung in der Geschichte des DFB-Pokals suchen und vielleicht doch noch finden soll.

Ich hab das dann mal übernommen, wenn auch eingeschränkt: seit der Gründungssaison der Bundesliga, weiter habe ich der Vergleichbarkeit wegen nicht zurückgeblickt, gewann in immerhin 15 Fällen die in der regulären Saison (kleine Ungenauigkeit: am Saisonende, nicht zwingend zum Zeitpunkt des Finales) schlechter platzierte oder unterklassige Mannschaft, angefangen gleich 1964 in Stuttgart, als der Bundesligasiebte 1860 gegen den Dritten (nach 3-Punkte-Zählung sogar Zweiten) aus Frankfurt, der 13 Punkte (3er) mehr erzielt hatte, siegreich blieb.

Mit dem heutigen Platzierungs-, Punkt und Leistungsunterschied zwischen den beiden Finalisten scheint so ein Ergebnis indes nur schwer vergleichbar zu sein, nicht einmal »(beinahe)«. Lediglich zweimal gelang es einer Mannschaft, die in der Bundesliga 20 oder mehr Punkte Rückstand auf ihren Finalgegner hatte, diesen dann tatsächlich zu besiegen: 1999 lag Werder Bremen (fast hätte ich gesagt: aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, um mich dann doch kurz der aktuellen Tabelle zu besinnen) als 13. satte 40 Punkte hinter dem Meister aus München, den es im Elfmeterschießen besiegte, und, tja, der frischgebackene Meister aus Stuttgart war im Jahr 2007 dem 5 Plätze und 22 Punkte hinter ihm eingelaufenen 1. FC Nürnberg nicht gewachsen. 1989 lag Pokalsieger Dortmund immerhin noch 13 Punkte und 4 Ränge hinter Finalgegner Bremen, 1996 schlug Absteiger Kaiserslautern im Finale den um 9 Plätze und (nur!) 12 Punkte besseren KSC.

Eine Sonderrolle nehmen schließlich, die gemeine Leserin wird die Protestnote bereits formuliert haben, noch die beiden Finale ein, bei denen ein unterklassiger Verein siegreich vom Platz ging: 1970 schlug Regionalligist (und Bundesliga-Aufsteiger) Offenbach den Bundesliga-Vierten aus Köln. Mit etwas Wohlwollen kann man von einer Differenz von 15 Rängen reden [Nachtrag: war alles anders, wie Trainer Baade in den Kommentaren erklärt.], bei den Punkten wird es dann gänzlich unseriös. Gleiches gilt im Falle von Hannover 96, das 1992 als fünfter der 2. Liga Nord den 13. der ersten Liga, Borussia Mönchengladbach, im Elfmeterschießen schlug. Aufsteiger aus der 2. Liga Nord war in jener Saison, genau, Bayer Uerdingen.

Was das nun für den VfB heißt? Man weiß es nicht. Oder zumindest ich nicht. Aber man könnte sich an Werder 1999 orientieren. Oder an, honi soit qui mal y pense, den beiden Zweitligisten.

Und dann erinnern wir uns, wie so oft in kritischen Situationen, des Buches von den Elf Freunden, in dem Heini, Matze und die anderen vor ihrem eigenen großen Spiel alte Ergebnislisten wälzten, um sich einen vergleichbaren Außenseitersieg zum Vorbild zu nehmen. Dass der letztlich für passend befundene 3:0-Sieg der Düsseldorfer Fortuna gegen Schalke im 33er Meisterschaftsfinale aus einer Zeit stammte, in der die Kräfteverhältnisse noch etwas andere gewesen waren, musste man ihnen ja nicht auf die Nase binden. Und es half.

Also doch unsere Hoffnung: Bayer Uerdingen!

Coup de boule

„… il va reculer progressivement au poste de libéro. Je sais que c’est une tradition allemande …“

Die These lautet also, es sei eine deutsche Tradition, dass offensive Spieler nach und nach nach hinten rücken, bis sie irgendwann als Libero enden. Offensichtlich bezieht sie sich nicht auf den heutigen Fußball, der seit einigen Jahren bekanntlich selbst in Deutschland ohne nominellen Libero auskommt. Auch wenn man angesichts der erfolgten Rückwärtsbewegung von Bastian Schweinsteiger oder auch der angedeuteten von Toni Kroos ins Grübeln kommen könnte.

Aber wie gesagt: Das ist nicht gemeint. Also die Rückversetzung auf die Sechs. Glaube ich zumindest. Genauer könnte es uns sicherlich der Macher des wunderbaren Blogs Old School Panini, Alex Bourouf, sagen. Aber so genau brauchen wir es vermutlich gar nicht zu wissen.

Es reicht ja, wenn wir ein wenig in die Vergangenheit schauen und ein paar der bekannten Liberos des DFB zu Rate ziehen. Herrn Beckenbauer, zum Beispiel, der in seiner ersten Regionalligasaison meist als Linksaußen oder im Mittelfeld auflief und dabei 16 Tore erzielte. Oder Matthias Sammer, der mich damals gegen und in Uerdingen nicht sonderlich überzeugen konnte – eine Einschätzung, derer ich mich noch heute mitunter schäme und die ich dann zumeist nur aus dem Kopf bekomme, indem ich des Freundes gedenke, der Dennis Bergkamp zeit seines (also dessen) Fußballerlebens für eine Pfeife hielt, aber das nur am Rande – und der jeweils gegen Sturmkollege Torsten Gütschow ausgetauscht wurde. Oder nehmen wir Olaf Thon, den 17-jährigen Schalker, der 1998 möglicherweise eine überragende WM als Libero gespielt hätte – wenn nicht Lothar Matthäus im letzten Moment reaktiviert worden wäre, der seinerseits der Auslöser für Alex Bouroufs, nun ja, Wehklagen, über den Drang der Deutschen zum Libero war, „car pour moi MATTHAÜS en milieu de terrain c’est ça, tout simplement alors le meilleur joueur du monde et il avait été (avec les Yougoslaves) quasiment la seule satisfaction de ce mondial italien.“

Matthäus sei also der beste Spieler der Welt gewesen, damals, im Mittelfeld, und im Grunde neben den Jugoslawen der einzige, der bei jener WM Wohlgefallen ausgelöst habe. Um so unverständlicher sei es, dass sich eben jener großartige Spieler von seiner Schokoladenposition, die man heute wohl als „Achter“ bezeichnen würde, freiwillig in die Abwehr zurückfallen lassen habe. Der einzige Grund für dergleichen bestehe darin, „de continuer à joueur le plus longtemps et battre les records“, also so lang wie möglich weiterzuspielen und Rekorde aufzustellen. Was nachweislich geklappt hat.

Vermutlich ist diese Argumentation ein wenig kurz gesprungen, und doch ist sie nicht ganz von der Hand zu weisen. Nicht unbedingt wegen der Rekorde; aber der Ansatz, die Karriere ein wenig (oder auch deutlich, wenn man an die EM 2000 denkt) zu verlängern, ist ja ein überaus menschlicher. Ciriaco Sforza wurde dereinst mit dem schönen Satz „Nach meiner Verletzung ist es wunderbar, wenn ich als Libero einen langsamen Aufbau machen kann“ zitiert, und auch in Diskussionen, wie man sie zum Beispiel in Österreich zu Ivica Vastic (der sich erfolgreich widersetzte) oder hierzulande zu Bernd Schuster (der von Erich Ribbeck demontiert wurde) führte, stößt man immer wieder auf Satzfragmente wie „außerdem könnte er auf diesem posten bestimmt noch vier, fünf jahre lang spielen“ – in diesem Fall bezogen auf Vastic, der, nun ja, fünf Jahre später und weiterhin als Offensivspieler das einzige österreichische EM-Tor erzielte.

Vielleicht darf ich die geneigte Leserin ja auch in die Niederungen des Kreisligafußballs entführen, zu meinem Vater, der irgendwann den Weg nach hinten antreten musste und durfte, oder zu zwei weiteren Sturm“helden“ meines Heimatvereins, die irgendwann nach hinten weggelobt wurden, weil sie eben alles hatten, „was ein guter Libero braucht“. Und wenn man sich heute auf den Plätzen der Kreisliga umsieht, entdeckt man nicht so selten ältere, nicht mehr ganz durchtrainierte Herren, die mit ihrem Auge, ihrem Stellungsspiel und ihrer Erfahrung jeder Viererkettendiskussion trotzen und den Laden zusammen halten. Jede Wette, dass nur ein geringer Teil von ihnen vor seinem 30. Geburtstag den Libero gab.

Doch zurück auf die große Bühne. Und nun auch zu der Frage, ob diese Rückwärtsbewegung eine typisch deutsche Sache sei. Eine Frage, die ich mangels Wissen und mangels Recherchezeit nicht seriös beantworten kann. Die eine oder andere Ahnung habe ich. Dass zum Beispiel das benachbarte Ausland nicht ganz außen vor ist. Bei Vastic klappte es nicht, Manfred Zsak war meines Wissens auch im Mittelfeld nie so richtig offensiv, und doch habe ich den Eindruck, dass man auch in Österreich mitreden kann in Sachen Rückwärtsbewegung. Ob Gerald Vanenburg, der bei 1860 den Libero gab, in Holland eine Ausnahme ist, weiß ich ebenso wenig wie bei Sforza in der Schweiz (ganz davon abgesehen, dass beide von der Bundesliga geprägt gewesen sein mögen), und dass Zbigniew Boniek bei der Roma und für Polen den Libero gegeben haben soll, will ich seit vielen Jahren für ein Gerücht halten. Ich wüsste indes nicht, dass Scirea, Baresi oder auch Laurent Blanc nennenswerte Erfahrungen auf einer offensiveren Position gehabt hätten. Vielleicht kann ja der eine oder die andere Wissende für Erhellung sorgen und ein paar prominente Beispiele benennen, die die Deutschenthese in sich zusammenfallen lassen.

Mir ist das ja im Grunde gar nicht so wichtig, auch wenn ich die Ausgangsthese sehr spannend finde. Viel wichtiger ist mir, endlich zu der Stelle im oben genannten Matthäus-Blogeintrag zu kommen, deretwegen ich all das aufgeschrieben habe. Alex Bourouf spinnt nämlich den Gedanken der Karriereverlängerung durch Rückwärtsbewegung weiter und projiziert sie auf die jüngere Geschichte der französischen Nationalelf – eine Vorstellung, an der ich mich zugegebenermaßen gar nicht satt denken kann:

„… sinon Zizou aurait été en Afrique du Sud en 2010 pour jouer en défense avec Gallas et à Knysna le bus serait repartit car notre Zizou n’aurait pas attendu 30 minutes avant de péter un coup de boule à ce maudit chauffeur qui refusait de repartir.“

„… sonst wäre Zizou 2010 in Südafrika gewesen und hätte mit Gallas in der Abwehr gespielt, und in Knysna wäre der Bus losgefahren, weil unser Zizou keine 30 Minuten gewartet hätte, ehe er diesem verdammten Fahrer, der sich geweigert hat, weiterzufahren, einen Kopfstoß verpasst hätte.“

Und natürlich hätte Zidane alles, was ein guter Libero …

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PS:Auf einen möglicherweise interessanten Nebenaspekt der sogenannten deutschen Rückwärtsbewegung, der an anderer Stelle vertieft werden könnte, deutet der Umstand hin, dass die dritte Stürmerposition im deutschen EM-Kader allem Anschein nach an einen der Herren Cacau, Schlaudraff oder Hanke vergeben werden dürfte.

Meine 18 bis Katar

Wer hier gelegentlich mitliest, weiß möglicherweise, dass ich nicht allzuviel davon halte, wenn jemand meint, die „bessere Mannschaft habe verloren“. Wer mehr Tore erzielt hat, darf bei einer Sportart, deren Ziel darin besteht, genau dies zu tun, in meinen Augen immer als die bessere Mannschaft gelten, eben weil sie dem Ziel des Spiels in höherem Maß gerecht wurde. Kann man drüber diskutieren, ich weiß.

Noch viel weniger halte ich von Begriffen wie „Zufallsmeister“, oder davon, dass eine Mannschaft unverdient in der Bundesliga sei, dort vielleicht gar nicht hingehöre. Wer sich sportlich qualifiziert, gehört dort auch hin. Ohne Wenn und Aber. Nein, nicht ohne Wenn und Aber. Natürlich muss er auch nach den Regeln gespielt haben, darf also keinen Lizenzbetrug oder andere Tricksereien begangen haben.

Und doch, das gebe ich zu, ist da dieser Fußballromantiker in mir. Dem Eintracht Braunschweig deutlich näher steht als die TSG Hoffenheim. Der die 60er gerne wieder oben sähe. Der sich den SV Meppen zurück in die 2. Liga wünscht. Der den 1. FC Magdeburg nicht in der vierten Liga sehen möchte.

Gerade in diesen Wochen des Abstiegskampfes auf allen Ebenen hört man nicht selten die geschichtsbewussten Präferenzen der Fans heraus, wenn sie ihre Wünsche für die kommende Saison formulieren. Der Trainer möchte Wolfsburg nicht mehr oben haben, der Stadtneurotiker zudem auf den VfB verzichten. Jon Dahl, der hier regelmäßig kommentiert, dürfte neben Wolfsburg auch Hoffenheim sowie vermutlich Schalke den Abstieg wünschen, und manch einer beschwört vielleicht die Tradition von Duisburg herauf, die jene von Leverkusen weit in den Schatten stelle. Oder so.

Wenn ich nun einmal für ein paar Minuten unterstelle, das Leben wäre ein Wunschkonzert, und ich könnte mir eine erste Bundesliga nach völlig willkürlichen tendenziell nostalgischen Kriterien zusammenstellen. Oder müsste es sogar, ohne Abstieg, closed shop, festgeschrieben auf 11 Jahre (also bis Katar, weil danach die Fußballwelt ja ohnehin eine ganz andere ist). Wenn ich weiter unterstelle, dass alle Vereine mit sportlich wie finanziell vergleichbaren Voraussetzungen in diese Phase gingen, wenn also beispielsweise Blau-Weiß 90 Berlin nicht von vornherein nur Kanonenfutter für die Bayern und viele andere wäre, dann könnte meine Bundesliga so aussehen:

VfB
Gerade in diesen Wochen wäre es mir besonders wichtig, die Erstklassigkeit auf Dauer zu sichern, gegebenenfalls auch mit einer Lex MV. Zumal man schon diese schönen Schals hat drucken lassen…

Bremen
Äh, irgendwie wird grad die obige Argumentation konterkariert. Egal. Völler. Bratseth. Kutzop. Rufer. Nora Tschirner. Lauter schöne Erinnerungen. Und Frings wird ja auch nicht mehr so lange…

Duisburg
Meiderich. Zebras. Allein schon von den Namen her kann da keiner mithalten. Dann noch Michael Tönnies, 5 Tore gegen den Kahn’schen KSC. Und das Zebrastreifenblog soll erstklassig werden. [Edit: ist es natürlich längst.]

Schalke
War mir nur selten so richtig sympathisch. Spielte aber schon bei Elf Freunde müßt Ihr sein eine tragende Rolle. Der Trikotfarbe wegen. Vielleicht wirklich ein Mythos, wenn ich bloß das Wort besser leiden könnte.

HSV
Ernst Happel. Kevin Keegan. Juve 83, Juve 2000. Und ja, das Wappen hat was. Dino natürlich. Nur die Namenswechsel sind mir ein Dorn im Auge. Ich bleib dann doch beim traditionellen AOL-Arena.

BVB
Das Stadion. Zur Meisterschaft 95 war ich vor Ort und ging wegen eines Mädels nicht ins Stadion. Mannmannmann. Wolfgang Feiersinger. Ich sehe Typen in Nadelstreifen. Kevin Großkreutz.

Leverkusen
Nahezu zeitgleich mit mir in die Bundesliga ein- und danach nie mehr abgestiegen. Europapokal 1988 und 2002. Spielte im 10-Jahres-Vergleich den aus meiner Sicht attraktivsten Fußball. Traditionsverein.

Bochum
Unabsteigbar war ein wunderbares Wort. Gerland. Tenhagen. Woelk. Lameck. Wosz. Edu. Frank Schulz‘ Haarpracht. Faber.

Bayern
Rekordmeister. Abteilung Attacke. Rummenigge (als Spieler). Kobra Wegmann 1988. Roland Wohlfarth. Mic und Mac. Pfaff gegen Saloniki. Pfaff gegen Reinders. Aushängeschild.

Düsseldorf
„Fortuna“ gefällt mir. Die Allofs-Brüder. Hans Krankl 1979. Mein erstes bewusst erlebtes DFB-Pokalfinale 1979: Seel. Pattex. Gerd Zewe. Gefühlt fanden alle Länderspiele der 70er und 80er im Rheinstadion statt.

Braunschweig
Günther Mast. Trikotwerbung. Ronnie Worm, ein früher Lieblingsname. Breitner in der Provinz. Merkhoffer. Franke. Gelb-blau fand ich schick.

Gladbach
Allan Simonsen. Mein erstes TV-Europapokalerlebnis: Gladbach gegen Clemence. Tiger Effenberg. Dahlin und Herrlich. Bökelberg.

Köln
Mochte ich nur in Etappen (ansatzweise), aber sie gehören dazu. Für das Double 78 war ich etwas zu spät dran. Latteks blauer Pullover. Die Krankenhaus-PK.

1860
Die Derbies. Riedl. Wildmoser. Lorant. Pacult (als Spieler). 38000 in der Oberliga. Wenzel Halama, auch ein Lieblingsname. Rudi Völler gegen Düsseldorf. Und vom Hörensagen immer wieder Brunnenmeier.

Rostock
Wichtig für die gesamte Region. Ach was, für den ganzen Osten. Da hängen Existenzen dran.  Erster Tabellenführer 1991/92. Mit Florian Weichert. Am letzten Spieltag Frankfurt geschlagen. Beinlich.

Freiburg
Die hatten 1980 ein Jubiläumsspiel bei meinem Heimatverein. Ich hab noch Autogramme, u.a.  von Wienhold und Löw. Markus Löw. Die großen drei: Golz, Schopenhauer, Finke. Der Kanzler. Decheiver und Cardoso. Dutt.

Nürnberg
Zabo. Hab ich als Kind irgendwo gelesen. Udo Klug. Kargus, Lottermann, Weyerich, Höher, Schmelzer. Aro. Hansi Dorfner. Thomas Brunner. Mintal. Gerland, Sané und Eckstein in Rom.

Kaiserslautern
1998. Ratinho. Kokolores. Betzenberg. 7:4. Toppmöller. Hany Ramzys Verletzung. Wackelkandidat.

Ja, da gibt es Härtefälle. Die Frankfurter Eintracht, zum Beispiel, mit der ich trotz phasenweise großer Bewunderung nie richtig warm wurde. Détári war phänomenal, Bein und Yeboah auch. Zu Bernd Schneiders Zeiten wohnte ich sogar in Frankfurt und ging dennoch nie ins Stadion. Sankt Pauli mag ich, und doch sind sie in meiner Wahrnehmung stärker in der zweiten Liga verankert. Mag am gut gepflegten Underdog-Image liegen. Hertha war nie so mein Verein. Kliemann und Sziedat waren mir als Kind unsympathisch, keine Ahnung wieso, Beer war ok. Vielleicht hatte es ja auch damit zu tun, dass Heini, Matze und die anderen nicht für Sobeks Hertha waren, sondern für die Störche. Hoffenheim hätte ich bis zur Gustavoposse vermutlich Kaiserslautern vorgezogen, weil mir die Arbeit von Dietmar Hopp tatsächlich imponiert. Selbst die von Ralf Rangnick, auch wenn ich ihn nicht mag. Wolfsburg ist seit fast 15 Jahren ununterbrochen in der Bundesliga, hat in jeder Hinsicht vieles probiert, manches ist (vorzüglich) gelungen. Scheitert aber wie Hannover, der niedersächsischen Quote wegen, an Braunschweig. Mainz, klar – beliebt und attraktiv. Bei mir auch, und selbst Andersens Entlassung war alles andere als naiv. Bauchentscheidung. Bielefeld existiert. Das reicht aber nicht, trotz Lienens Oberschenkel und Ali Daei. Union Berlin, der Stadionumbau, all das ist mir sehr sympathisch. Und in der zweiten Liga gut angesiedelt, finde ich. Lok Leipzig klingt unglaublich gut, die Stadt mag ich sehr, meine Neugierde gegenüber dem Konzept Red Bull ist zwar groß, aber dann doch nicht ausreichend. Wenn sich der KFC wieder in Bayer Uerdingen umbenennt, hat er eine Chance. Wegen der 80er. Der KSC hat sich’s bei mir mit dem 0:5 gegen Brøndby versaut. Zwar könnte ich noch eine Weile weitermachen; Härtefälle im engeren Sinn sind Waldhof, Dresden, Unterhaching, Darmstadt und all die anderen wohl eher nicht. Außer Cottbus.

Willkürlich? Ja. Inkonsequent? Ja. Widersprüchlich? Vielleicht. Ungerecht? Ganz bestimmt.

Mach’s anders!

Auswärtsspiel: Bayer 04 (und ein bisschen 05)

Wie in diesem Beitrag etwas ausführlicher beschrieben, habe ich einen herumliegenden Artikelentwurf zum Anlass genommen, hier und heute den Startschuss für eine kleine Serie unter dem Arbeitstitel „Auswärtsspiel“ zu geben: von Zeit zu Zeit soll einer anderen Mannschaft als der „eigenen“ ein Artikel gewidmet werden, in dem sich der Autor mit seiner Wahrnehmung dieses Vereins in den letzten x Jahren auseinandersetzt und dabei wahllos Links in die Bundesligavergangenheit streut.

Mit diesem „Startschuss“ verhält es sich, auch das habe ich im oben genannten Beitrag dargestellt, wie mit der ersten Folge einer RTL-Serie: niemand weiß, ob, wann und wie es weitergeht, und möglicherweise taucht bereits die nächste Folge auf einem anderen Kanal auf.

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Meine älteste aktive Erinnerung an Bayer Leverkusen stammt aus ihrer ersten Bundesligasaison 1979/80, in der sie am vorletzten Spieltag zu meiner großen Freude dem HSV die Meisterschaft verdarben.[1] Danach nahm ich sie einige Jahre lang nur am Rande war, wenn man einmal von Arne Larsen Øklands großer Show gegen die Bayern im März 1981 absieht: 3:0-Sieg, 3 Tore plus ein Phantomtor von Økland, an dem sich der Herr Helmer ein Beispiel hätte nehmen können.

Die Leverkusener waren eine klassische graue Maus, was bei mir so weit führte, dass sie mit dem anderen Werksverein aus Uerdingen zu einer konturlosen Masse verschmolzen. Was wusste denn ich, ob Spieler wie Buttgereit, Bittorf, Geschlecht, Raschid, van de Loo und Vöge (oder in späteren Jahren Kirch-, Bier- und Feldhoff) in Uerdingen oder in Leverkusen kickten? Doch, Rüdiger Vollborn konnte ich eindeutig zuordnen, schließlich hatte ich seinen Weg zum Weltmeister intensiv beobachtet.

Meine eher gleichgültige Haltung änderte sich ein wenig, als die Krefelder mit dem Pokalsieg 1985 und Wolfgang Schäfers inniger Beziehung zur Trophäe, dem 3. Platz in der Bundesliga 1986 und natürlich dem größten Spiel aller Zeiten gegen Dynamo Dresden[2] mehr als nur aufhorchen ließen und ganz nebenbei das Stammhaus in den Schatten stellten, wiewohl auch in Leverkusen Mitte der 80er Jahre erste Erfahrungen im oberen Tabellendrittel gesammelt wurden. Die Konzernspitze machte bereits ihre Prioritäten durch die jeweiligen Aktivitäten am Transfermarkt deutlich, was einerseits meine Sympathien für Bayer 04 nicht wachsen ließ, andererseits rasch Erfolg zeitigte.

Erstmals seit dem oben genannten Sieg gegen den HSV fieberte ich in der Europapokalsaison 1987/88 mit Bayer Leverkusen mit. Im Uefa-Cup-Finale bezwang man, ausschließlich dank Tita und Rüdiger Vollborn (ok, da könnte die Erinnerung trügen), mit Espanyol Barcelona einen Verein, den ich eigentlich nur mit diesem Spiel und dem späteren Engagement von Wolfram Wuttke in Verbindung bringe. Die Erinnerung an dieses Wunder von der Weser große Spiel wird zugegebenermaßen ein wenig dadurch getrübt, dass es der wohl größte Erfolg des ehemaligen Derwallassistenten und Fußballphilosophen „Sir Erich“ war, den ich schon damals nicht besonders mochte und der für mich Jahre später mit der bewussten Demontage des großartigen Spaniers Bernd Schuster endgültig zur Persona non grata wurde.

Wie auch immer: Calli kam, und mit ihm höhere Ambitionen sowie Kontakte nach Ostdeutschland und Brasilien; die graue Maus war für mich mittlerweile nicht mehr grau, sondern irgendwie silber-metallic, synthetisch eben. Dagegen konnte auch der Dopingverweigerer Rudi Völler wenig tun – außer, vielleicht, mit Andi Brehme zu weinen.

In den Jahren danach gelang es den Leverkusenern, sich nicht nur in der Spitze zu etablieren, sondern vor allem über mehrere Spielzeiten hinweg einen unglaublich attraktiven Fußball zu spielen – dummerweise mit den Unsympathen Daum und Toppmöller als Trainer[3], weshalb meine Zuneigung erneut natürliche Grenzen hatte, die sich beispielsweise in einer gewissen Sympathie für die Spielvereinigung Unterhaching manifestierten. Großes Kino dann selbstverständlich das Champions League Finale 2002 mit einem erneut bitteren Ende – aber was will man gegen diesen Mann machen?

History repeating:
Nur zwei Jahre später musste man sich wiederum vor dem Abstieg retten, was wie beim ersten mal ein schussgewaltiger Bayer (der zu jener Zeit immerhin noch dialoginteressiert war) übernahm, ehe man in den letzten Jahren mit den Herren Skibbe -von dem man weiß, dass er ein Auge für talentierte Spieler hat- und insbesondere Labbadia wieder hervorragenden Fußball gespielt und zumindest meine Sympathien erobert hat.

Ganz entscheidend ist dabei die Tatsache, dass Bayer in den letzten Jahren mit ihrem Fokus auf junge, entwicklungsfähige Spieler eine Mannschaft zusammengestellt hat, mit der sich selbst Nicht-Fans gut anfreunden können und die nur noch wenig mit dem Plastikclub-Image[4] zu tun hat.

Mein persönlicher Wanderpokal für die unsympathischste, wahlweise auch mal nichtssagendste, Mannschaft hat Leverkusen lange verlassen und ging mal an die Hertha der Alex-Alves-Zeit, mal an Schalke mit Rangnick, Rost und Lincoln, an Freiburg in der ganz späten Ära Finke, an die Nationalmannschaft unter Ribbeck, LR Ahlen um die Jahrtausendwende, Gladbach unter Fach und erst recht Advocaat, oder zuletzt an Hoffenheim unter Rangnick.

Im Moment kann ich nicht erkennen, dass sich Bayer 04 in absehbarer Zeit wieder bewirbt.

1.Zu dieser Zeit hatte der HSV bei mir ganz schlechte Karten. In der vorangegangenen Saison hatte ich als Steppke mit einem Freund meines Vaters gewettet, dass Herbstmeister Kaiserslautern auch Meister werden würde. Er hatte auf den HSV gesetzt und gewonnen. Seither ist mir der Zusammenhang von Fußball und Glücksspielen suspekt.
2.ab 1:18: Vater und Sohn Sammer auf der Bank.
3.Das Intermezzo von Berti Vogts‘ Spezialistenteam, das seiner Zeit weit voraus war und in dem Vogts selbst die zunächst Littbarski zugedachte Rolle übernahm, lasse ich hier mal außen vor.
4.Interessantes -völlig aus dem Kontext gerissenes- Zitat: „Bayer Leverkusen war gedopt bis über beide Ohren.“

Zweitverwertung.

Der eine oder die andere dürfte sich noch erinnern, dass Jens von catenaccio.de vor einigen Wochen urlaubte und einige fußballbegeisterte Menschen die Ehre hatten, sein Blog in der Zwischenzeit zu befüllen. Vielleicht weiß sogar noch jemand, dass ich nicht zum Blumengießen eingespannt war, sondern ein paar Zeilen über die Dopingpläne der Bayer AG und Jens‘ Rolle darin schrieb

Ich hatte damals auch noch einen zweiten Beitrag geschrieben, der sich sehr subjektiv mit der Bundesligageschichte von Bayer Leverkusen befasste. Gemeinsam kamen wir jedoch zum Schluss, dass sich der Dopingtext ganz gut in die Urlaubsvertretungsdramaturgie einfüge. Zudem wusste Jens ja bereits, dass sich einer seiner anderen Gäste ebenfalls sehr subjektiv mit der Bundesligageschichte von Bayer Leverkusen befasst hatte, wenn auch in einer etwas anderen Tonalität.

Gemeinsam mit Jens habe ich mir in der Zwischenzeit ein paar Gedanken zur weiteren Verwendung des Textes gemacht. Beispielsweise dachten wir darüber nach, den Text doch noch bei ihm zu veröffentlichen und weitere Blogger um Mitwirkung an einer blogübergreifenden Serie zu bitten, also beispielsweise probek um einen Text über seine Beziehung zum VfB für mein Blog zu bitten, ehe dieser dann -ebenfalls ein willkürlich ausgewähltes Beispiel- Herrn Wieland bitten würde, sein Verhältnis zum FC Bayern offen zu legen…quasi ein Kettenbrief…

Weil aber Kettenbriefe so unbeliebt sind, kam ich letztlich zu dem Schluss, den Bayer-Text hier zu veröffentlichen, möglicherweise als Startschuss zu einer kleinen Serie, die so aussehen könnte, dass von Zeit zu Zeit einer anderen Mannschaft als der “eigenen” ein Artikel gewidmet wird. Das Thema ist ganz grob die subjektive Wahrnehmung des jeweiligen Vereins in den letzten x Jahren, der nicht sehr originelle Arbeitstitel lautet „Auswärtsspiel. Verein xy und ich.“

Mit besagtem “Startschuss” verhält es sich allerdings wie mit der ersten Folge einer RTL-Serie: niemand weiß, ob, wann und wie es weitergeht, und möglicherweise taucht bereits die nächste Folge auf einem anderen Kanal auf. Letzteres könnte beispielsweise dann der Fall sein, wenn sich auch ohne Kettenbrief der eine oder die andere animiert fühlen würde, ebenfalls so ein „Auswärtsspiel“ zu dokumentieren.

Jens hat schon mal sowas angekündigt, und vielleicht will sich ja sonst noch jemand mal etwas ausführlicher über einen fremden Verein äußern – positiv wie negativ – und das Ganze vielleicht auch noch mit etwas sentimentalem Youtube-Kitsch untermalen.

Mein Text zu Bayer 04 (und ein bisschen 05).