Die Uerdingen-Uebertreibung

Die Bundesliga-Saison läuft noch, hörte ich. Es fallen tatsächlich auch noch einige relevante Entscheidungen, und ja, ich werde sie interessiert verfolgen. Ich werde auch ins Neckarstadion gehen, um dem VfB gegen irgendeinen Gegner, möglicherweise ist es Mainz, zuzuschauen. Ok, ich weiß, dass es Mainz ist, mir war nur grade nach einer billigen, Effekt heischenden (wohl aber nicht erzielenden) Illustration meines sehr überschaubaren Interesses an den verbleibenden (jenes in Gelsenkirchen zählte bereits dazu) Bundesligaspielen des VfB in dieser Saison. Vom Schalke-Spiel habe ich noch nicht einmal die Tore gesehen.

Nun könnte man einwenden, die Spiele seien allein deshalb interessant, weil es ja für alle Spieler darum gehe, so auch öffentlich von Trainer und Sportvorstand propagiert, sich für das Pokalfinale zu empfehlen. Was voraussetzen würde, dass es tatsächlich einen Konkurrenzkampf gibt. Tatsächlich suche ich gegenwärtig noch nach der Startelfposition, die nicht vergeben ist. Rechts hinten vielleicht?

Letztlich ist es ja ohnehin egal, wer gegen die übermächtigen Tripleaspiranten aus München aufläuft, hört man. Denkt man auch selbst. Manchmal. Meist. Aber gegen so ein bisschen Hoffnung ist ja nichts einzuwenden, kann und will man sich nicht einmal wehren, und Strohhalme sind schnell gefunden:

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Der Reihe nach: Trainer Baade wünscht einigen VfB-Anhängern ein längeres Vergnügen als jenes, das er selbst (obschon Nicht-Vereinsanhänger, d. Red.) im Jahr 2011 mit Meiderich hatte. Er geht allerdings von einer geringen Eintrittswahrscheinlichkeit aus, was sich mit meiner Erwartungshaltung zu decken scheint. Martyn interveniert und verweist auf ein geschichtliches Vorbild: Bayer Uerdingen, vermutlich im Jahr 1985 (Sie wissen schon, wie auch in meiner Reaktion angedeutet: Wolfgang Schäfer, Pokal im Bett, undsoweiterundsofort).

Richtig interessant wird es in dem Moment, als Trainer Baade die Vergleichbarkeit bestätigt. Beinahe, fügt er fast ein wenig verschämt hinzu, und der gemeine Stuttgarter Anhänger interpretiert seine Relativierung dahingehend, dass der VfB, ein Traditionsverein und in diesem Jahrtausend einer der regelmäßigsten deutschen Europapokalteilnehmer, dann ja doch nicht auf ganz so verlorenem Posten stehe wie das mittlerweile ungefähr siebzehntklassige Bayer Uerdingen damals, ein Plastikverein von Bayers Gnaden, dessen anhaltende öffentliche Bekanntheit sich nahezu ausschließlich aus zwei Spielen speist, von denen das eine eben genannt wurde und das zweite sich bereits in den Köpfen der Mitlesenden eingenistet hat.

So zumindest meine Interpretation der Baade’schen Einschränkung, seiner Höflichkeit eingedenk. Möglicherweise meinte er es aber auch ganz anders. Möglicherweise gelang es ihm, die Stuttgarter Fans glauben zu machen, er bewerte die Chancen ihrer Mannschaft höher als die damaligen Uerdinger Aussichten, obwohl er eigentlich, die Fakten vor Augen, das Gegenteil meinte. Sicherlich wusste er, im Gegensatz zu den verblendeten VfB-Anhängern wie Martyn und mir selbst, dass Bayer Uerdingen zu jener Zeit wesentlich näher an den Bayern dran war, als es sich der VfB heute auch nur erträumen könnte:

Zum Zeitpunkt des Pokalfinales 2013 wird der VfB in der Liga rund 10 Plätze und mindestens 43 Punkte (maximal 49) hinter den Bayern liegen. Bayer Uerdingen lag damals – übrigens beim ersten Finale im sogenannten deutschen Wembley und zugleich dem letzten, so ich mich nicht vertan habe, das vor dem letzten Bundesligaspieltag stattfand – auf Platz 5, also 4 Ränge und 10 Punkte hinter dem Finalgegner, von denen letztere auch bei Umrechnung gemäß der 3-Punkte-Regel nur auf 15 anwachsen. Kein Vergleich zum VfB, wenn man ehrlich ist.

Momentaufnahme? Ja, wie immer. Aber nicht nur. Im Folgejahr, das Bayer mit einem 1:0-Sieg gegen den FC Bayern begann, belegte die Mannschaft am Saisonende Rang 3, 4(6) Punkte hinter dem Meister aus München, und scheiterte im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger an Atlético Madrid. Durchaus ehrenvoll, was gewiss auch für den FC Bayern gilt, der im Viertelfinale des Landesmeisterpokals gegen Anderlecht und den jungen Enzo Scifo den Kürzeren zog. Klingt aber – meiner eigenen anderslautenden Erinnerung zum Trotz – irgendwie so, als sei man sich sportlich damals annähernd auf Augenhöhe begegnet, zumal auch noch niemand das Bedürfnis verspürte, von spanisch-schottischen Verhältnissen zu sprechen.

Quintessenz: Uerdingen taugt nicht als Referenz. Mit viel Wohlwollen vielleicht als Strohhalm. Bleibt also die Frage, wo man die von Martyn angesprochene Hoffnung in der Geschichte des DFB-Pokals suchen und vielleicht doch noch finden soll.

Ich hab das dann mal übernommen, wenn auch eingeschränkt: seit der Gründungssaison der Bundesliga, weiter habe ich der Vergleichbarkeit wegen nicht zurückgeblickt, gewann in immerhin 15 Fällen die in der regulären Saison (kleine Ungenauigkeit: am Saisonende, nicht zwingend zum Zeitpunkt des Finales) schlechter platzierte oder unterklassige Mannschaft, angefangen gleich 1964 in Stuttgart, als der Bundesligasiebte 1860 gegen den Dritten (nach 3-Punkte-Zählung sogar Zweiten) aus Frankfurt, der 13 Punkte (3er) mehr erzielt hatte, siegreich blieb.

Mit dem heutigen Platzierungs-, Punkt und Leistungsunterschied zwischen den beiden Finalisten scheint so ein Ergebnis indes nur schwer vergleichbar zu sein, nicht einmal »(beinahe)«. Lediglich zweimal gelang es einer Mannschaft, die in der Bundesliga 20 oder mehr Punkte Rückstand auf ihren Finalgegner hatte, diesen dann tatsächlich zu besiegen: 1999 lag Werder Bremen (fast hätte ich gesagt: aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, um mich dann doch kurz der aktuellen Tabelle zu besinnen) als 13. satte 40 Punkte hinter dem Meister aus München, den es im Elfmeterschießen besiegte, und, tja, der frischgebackene Meister aus Stuttgart war im Jahr 2007 dem 5 Plätze und 22 Punkte hinter ihm eingelaufenen 1. FC Nürnberg nicht gewachsen. 1989 lag Pokalsieger Dortmund immerhin noch 13 Punkte und 4 Ränge hinter Finalgegner Bremen, 1996 schlug Absteiger Kaiserslautern im Finale den um 9 Plätze und (nur!) 12 Punkte besseren KSC.

Eine Sonderrolle nehmen schließlich, die gemeine Leserin wird die Protestnote bereits formuliert haben, noch die beiden Finale ein, bei denen ein unterklassiger Verein siegreich vom Platz ging: 1970 schlug Regionalligist (und Bundesliga-Aufsteiger) Offenbach den Bundesliga-Vierten aus Köln. Mit etwas Wohlwollen kann man von einer Differenz von 15 Rängen reden [Nachtrag: war alles anders, wie Trainer Baade in den Kommentaren erklärt.], bei den Punkten wird es dann gänzlich unseriös. Gleiches gilt im Falle von Hannover 96, das 1992 als fünfter der 2. Liga Nord den 13. der ersten Liga, Borussia Mönchengladbach, im Elfmeterschießen schlug. Aufsteiger aus der 2. Liga Nord war in jener Saison, genau, Bayer Uerdingen.

Was das nun für den VfB heißt? Man weiß es nicht. Oder zumindest ich nicht. Aber man könnte sich an Werder 1999 orientieren. Oder an, honi soit qui mal y pense, den beiden Zweitligisten.

Und dann erinnern wir uns, wie so oft in kritischen Situationen, des Buches von den Elf Freunden, in dem Heini, Matze und die anderen vor ihrem eigenen großen Spiel alte Ergebnislisten wälzten, um sich einen vergleichbaren Außenseitersieg zum Vorbild zu nehmen. Dass der letztlich für passend befundene 3:0-Sieg der Düsseldorfer Fortuna gegen Schalke im 33er Meisterschaftsfinale aus einer Zeit stammte, in der die Kräfteverhältnisse noch etwas andere gewesen waren, musste man ihnen ja nicht auf die Nase binden. Und es half.

Also doch unsere Hoffnung: Bayer Uerdingen!

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  1. Das Finale von 1970 fand (wohl aufgrund von Terminproblemen wegen der WM davor) erst am 29. August 1970 statt. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zwei Spiele der Saison 1970/1971 gespielt und es duellierten sich im Finale mit dem 1. FC Köln und den Kickers Offenbach zwei Bundesligisten, welche am Tag des Finals in der Tabelle 1 (1) Punkt auseinander lagen, damit allerdings auch 12 Plätze, Köln gemeinsam mit Mönchengladbach auf Platz 1, Offenbach auf Platz 12. Insofern ergab sich eine Differenz von 12 Rängen und keiner Ligaklasse.

    Dass Bayer aber nur aufgrund dieser zwei Spiele … kann … nicht sein. Das wichtigste und in aller Welt bekannteste Spiel war doch jenes DFB-Pokalspiel von Bayer Uerdingen gegen den 1. FC Nürnberg mit Roter Karte für Andy Köpke und 3:2-Heimsieg, bei dem der kleine Trainer Baade zum ersten Mal in seinem Leben in einem Stadion war. Denke, diese Partie wird in ihrer Bekanntheit spätestens nach meinem Ableben das vom Autor nur angedeutete deutsch-deutsche Duell deutlich überstrahlen.

  2. @Trainer Baade:
    Danke für diese (Achtung, keine Floskel!) wertvollen Hinweise.
    Tatsächlich war ich über den 70er Finaltermin gestolpert (hatte bestimmt auch früher schon einmal davon gelesen) und wollte das dann noch einmal nachlesen usw., aber dabei blieb’s dann auch.

    An Köpkes Platzverweis erinnere ich mich dunkel; das anwesende Publikum hatte ich indes nicht mehr genau im Kopf. Mea culpa.

  3. Das Pokalfinale Bayern-Frannkfurt vor einigen Jahren (2006, auch WM-Gründe) war übrigens auch vor Saisonende.

  4. ich fände es ja höchst amüsant, wenn heynckes im champions league finale mit starke, contento, tymoschuk, can, hojbjerg etc. aufläuft, um klopp zu foppen und seine a-elf für das WIRKLICH wichtige finale eine woche später zu schonen – die dann trotzdem verliert. aber das eine ist wohl genauso unrealistisch wie das andere. andererseits: wenn ich sport und realismus will, kann ich mir auch wrestling ankucken. und vielleicht wetzt cacau ja in der 87. minute seine endspielscharte von vor sechs jahren aus und haut ein ding raus wie damals in bielefeld – und es steht zu diesem zeitpunkt tatsächlich nicht 2-5 sondern 0-0…

  5. @Mahqz:
    Danke. Und schon wieder was gelernt. Unter anderem, genauer auf die Daten zu achten.

    @1ng0:
    Du willst Dortmund maximal demütigen? Kann aber heftig nach hinten losgehen …
    Aber die Cacau-Idee gefällt mir gut. Solange nicht vorher Osorio vom Platz fliegen muss. Obwohl … meinetwegen.

  6. Wenn man hier schon unbedingt Vergleiche aus der Vergangenheit bemühen möchte, würde ich 1999 empfehlen. Bayern souverän Meister, dann mit einem leichten Knacks (*hüstel*) aus dem CL-Finale gekommen und danach auch noch das Pokal-Finale verloren. Ich behaupte einfach mal, dass ohne die Geschehnisse der Nachspielzeit in Barcelona Werder überrollt worden wäre.

    Genauso sehe ich es auch dieses Jahr: Stuttgart hat nur eine Chance, wenn Bayern am Samstag in Wembley verliert.

  7. @Gunnar:
    Nicht umsonst ist ja auch oben 1999 als im Grunde einziges von der Punkt- und Tabellensituation vergleichbares Jahr genannt. Auf den Champions-League-Hinweis hatte ich aus Pietätsgründen verzichtet. Oder so.

    An die Abhängigkeit der Stuttgarter Chancen vom Ausgang des Champions-League-Finals glaube ich auch. Ich weiß nur noch nicht, in welche Richtung. Halte Deine These, wenn wir hier grade bei der Strohhalmsuche sind, für ebenso plausibel wie jene, dass die Spannung der Bayern nach einem CL-Sieg rapide sinke und sich auch nicht so leicht wieder aufbauen lasse.

    Quintessenz: der VfB ist in jedem Fall Favorit.

    1. Netter Versuch, aber mit einer Woche Regenerationszeit lässt sich auch ein tüchtige Sause verarbeiten. Und tatsächlich glaube ich, dass keiner Jupp Heynckes mit einer Niederlage verabschieden möchte – von daher sind selbst im Fall einer CL-Niederlage die Stuttgarter Chancen gering.

      Aber was heißt das schon? Die Chancen auf einen Lotto-Gewinn sind auch klein und trotzdem gewinnt regelmäßig irgendjemand (wenn auch nicht ich).

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