Wie gedruckt

Am Mittwoch verlor der VfB gegen den FC Bayern München. In letzter Sekunde, nach eigener Führung, zum wiederholten Male, ich war vor Ort. Am Donnerstag fiel mir dann zufällig ein Stapel Zeitungen in die Hände. Gerne hätte ich ein bisschen was über das Spiel gelesen. War aber nüscht, Redaktionsschluss und so. Blöd, ne?

Noch blöder ist nur, wenn dieses Phänomen auch bei elektronischen Publikationen auftritt. Wenn ein Blogbetreiber am Sonntag einen tags zuvor zu Ende geschriebenen Text (na ja, „Ende“ – aufgehört halt, mangels Stringenz) veröffentlicht, der das nicht gesehene Samstagsspiel völlig außer acht lässt, jenes vom Mittwoch aber aufgreift. Tja. Wer möchte, kann ja mit dem Text einfach einen Fisch einwickeln.

Dass sich der gemeine Fußballfan mit der Zeit verändert, drückt sich beispielsweise beim erwarteten, vielleicht auch notwendigen Komfort aus, in aller Regel auch beim zur Verfügung stehenden Budget, und dass der gemeine Fan gerne mal in der Wortfamilie bleibt und die zunehmende Gesetztheit zunehmend mit Sitzen in Verbindung bringt, ist auch keine besonders originelle Erkenntnis.

Allem Anschein (konkreter: meiner Stadionposition) nach bin ich und habe ich mich noch nicht so recht gesetzt; gleichwohl hat sich auch meine Kurvenlage im Lauf der Jahre verändert. Das hat zum Teil zweifellos mit sich wandelnden Ansprüchen zu tun, vor allem aber damit, dass die besagten Veränderungen aufgrund der hiesigen Stadionumbauten der vergangenen Jahre von außen angestoßen wurden. Wir alle kamen so nicht umhin, mehrfach über unser Selbstbild als Fan und die damit einhergehende Platzwahl nachzudenken, und ja, ich bin ganz zufrieden.

Die Gruppe der Umstehenden ist in den wesentlichen Teilen konstant geblieben, die eine oder andere Veränderung an den Rändern ist kein Fehler, und doch denkt man manchmal mit einem Empfinden, das ich, wenn auch nicht als Wehmut, so doch als Nostalgie beschreiben würde, an ein paar Jahre zurückliegende Stehplätze und Menschen zurück, gerade an Tagen wie dem vergangenen Mittwoch.

Einige Jahre lang stand eine oder zwei Reihen hinter uns, meist leicht versetzt, ein meinungsstarker junger Mann, nicht ohne Sachverstand, der nach meiner Wahrnehmung beim Grundkurs Diplomatie gefehlt hatte, bei der Political Correctness möglicherweise auch, was nicht in jedem Kontext ein Fehler sein muss, in manchem aber zweifellos einer war.

Eines Tages tippte er uns vor einem Spiel von hinten an, und offenkundig erschien ihm die Ankündigung, die er zu machen hatte, von Belang: „Jungs“, sagte er, und wir alle wissen, dass sich erwachsene Männer tatsächlich gar nicht so selten so anreden, genau wie erwachsene Frauen mitunter mit „[ihren] Mädels“ ausgehen, „Jungs, ich muss Euch warnen: heute werdet Ihr mich nicht wiedererkennen. Es geht gegen die Bayern!“ Vermutlich wählte er tatsächlich eine andere Bezeichnung als „Bayern“, oder zumindest eine ergänzende, aber das sei nur am Rande erwähnt.

Die Quintessenz lautete jedenfalls, dass ein an normalen Spieltagen regelmäßig aufbrausender, die Spieler beider Mannschaften beleidigender und auch im Umgang mit anderen (Heim-)Fans nicht in jedem Fall und jeder Hinsicht zimperlicher Zuschauer in Aussicht stellte, an diesem Tag, da es gegen das Böse schlechthin ging, während des Spiels unter Umständen etwas energischer aufzutreten als sonst, und dass man ihm das bitte nicht übel nehmen solle, weil … ach, egal.

Ist ja legitim, gegen einzelne Vereine eine besonders ausgeprägte Abneigung zu hegen, ohne dass das einer besonderen Begründung bedürfte. Dass er damit im Umfeld des VfB keine Minderheitenmeinung vertritt, ließ sich am Mittwoch wieder einmal erahnen. So informierte mich auch mein Nebenmann, in aller Regel ein Muster an fußballspezifischer Besonnenheit, irgendwann im Lauf des Spiels, dass er meine Objektivität nicht teilen könne, wenn es gegen den FC Bayern gehe. Was völlig in Ordnung ist.

Objektivität? Hm. Wahrscheinlich. Es hilft ja nichts: ich kann nicht aus meiner Haut. Natürlich bin ich in hohem Maße parteiisch, natürlich ist es mir völlig egal, ob der VfB seine Siege gegen die Münchner aus einer spielerischen Überlegenheit heraus oder durch reinen Dusel erzielt. Ein irreguläres Tor? Nehm‘ ich mit Handkuss. Aggressive Spielweise? Her damit, sollen sie sich halt beklagen, ich zähle mich da zum Team Weinzierl. (Den Verweis auf die Herren Hleb und Hargreaves mögen sich interessierte Kreise denken.)

Also: nein, nicht neutral. Aber: ja, relativ objektiv. Gerade – und damit haben Collinas Erben rein gar nichts zu tun – mit Blick auf den Schiedsrichter. Bei dem es sich noch dazu um einen der besten seiner Zunft handelte, gegenwärtig möglicherweise gar den Besten. Über dessen Ansetzung ich mich schon vorab freute und mich dann nach wenigen Minuten bestätigt sah:

Mario Götze ging an der seitlichen Strafraumgrenze im Duell mit Antonio Rüdiger zu Boden, und die erwarteten Reaktionen traten ein. Götze sah erwartungsfroh zu Herrn Gräfe, die Gästefans wollten einen Elfmeter, während Teile der VfB-Anhängerschaft um mich herum ihre Götze-Einschätzungen bestätigt sahen und Schwalbengelb wollten. Gräfe ging souverän, man möchte sagen: ungerührt über beides hinweg und setzte somit sehr früh einen passenden Rahmen für ein schönes Fußballspiel mit Zweikämpfen, Aggressivität, einfach einer gewissen Körperlichkeit.

Dass der VfB am Ende fünf gelbe Karten gesehen hatte und der Gast nur deren drei, gibt das Härteverhältnis aus meiner Sicht ganz passend wieder, auch wenn möglicherweise mitlesende Gästeanhängende an dieser Stelle die für mich selbst in Anspruch genommene Objektivität in Zweifel ziehen. Wie es im Übrigen auch einheimische Fans taten, als ich beispielsweise die gelben Karten für Leitner und Rüdiger nicht nur verbal verteilte, ehe Gräfe am Ort des Geschehens eintraf, sondern sie auch explizit als angemessen bis hin zu zwingend einordnete.

Sicher, dass Gräfe nach dem Verzicht auf einen Elfmeterpfiff, als Werner Rafinha an den Arm geköpft hatte, beim VfB-Anhang einen etwas schwereren Stand hatte, ist nur zu gut zu verstehen, und ich gebe zu, wäre es nicht Gräfe gewesen, sondern [hier bitte einen aus mindestens einer guten Handvoll Schiedsrichternamen nach persönlichem Gusto einsetzen], hätte ich in besagter Szene mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht dahingehend argumentiert, dass der Schiedsrichter zwölf Meter vom Ort des Geschehens entfernt gewesen sei und ich hundertzwanzig.

Aber da stand eben Manuel Gräfe, und so konnte ich mir nicht vorstellen, dass der Mann mit der Pfeife den für mich zu erahnenden, für einige Umstehende, die in ihrer Kindheit deutlich mehr Karotten gegessen haben mussten als ich, deutlich zu erkennenden und auch in seiner Entstehung und Motivation unzweifelhaften Hand- bzw. Armkontakt übersehen hatte. Vielmehr hatte er ihn wohl anders eingeordnet, und obwohl er auf der Payroll der Fußballmafia DFB steht, wollte mir nicht recht in den Sinn, dass diese Einordnung der Identität der beteiligten Akteure und Mannschaften geschuldet gewesen sein könnte.

Natürlich kann man das auch anders sehen. Das gilt, wenn man will, für die Sache mit dem Bayern-Bonus, gewiss; vor allem aber ist die Sichtweise, dass Gräfe einen vielleicht vorhandenen Ermessensspielraum in die aus Stuttgarter Sicht ungünstige Richtung ausgenutzt hat, eine sehr legitime. Dass er beim Führungstreffer des VfB eher keinen Ermessensspielraum hatte und ihn dennoch zugunsten des VfB nutzte: geschenkt.

Was ich aber wirklich nicht so recht begreife, sind die mit zunehmender Spieldauer zunehmenden Kommentare, dass man doch so schlecht wie der gar nicht pfeifen könne, dass er ständig gegen den VfB pfeife, dass er eben ein typischer Bayern-Schiri sei,kurz: dass er schuld sei am (zu jenem Zeitpunkt noch einfachen) Punktverlust.

Oder doch, sorry: ich begreife es schon. Geht mir manchmal auch so, dass ich mich in sowas reinsteigere, dem Schiri alles (so’n bisschen halt, glaubt mir ja sonst eh keiner) Böse wünsche und so weiter. Und möglicherweise können andere Leute das dann genauso wenig nachvollziehen wie ich am Mittwoch.

Wie auch immer: verloren. Auf bittere Art und Weise. Und sich dann auch noch diesen – inhaltlich durchaus begründeten – Münchner Überschwang ob des ausnehmend sehenswerten Siegtores anhören und nachlesen zu müssen. Nicht schön. Vor allem, weil es ja anders hätte laufen können. Ibisevic, Werner, Harnik, sie alle hätten das Spiel deutlicher in die gewünschte Richtung kippen lassen können, doch es gelang nicht.

Kann passieren, eigentlich. Und doch ärgere ich mich noch heute, über Mohammed Abdellaoue, der im Münchner Strafraum derart viel Zeit und Muße hatte, den vielleicht entscheidenden Querpass zu setzen, dass er sich wohl in einem Spiel gegen einen der Zahlreichen weniger ernst zunehmenden Gegner wähnte und dann auch nur das entsprechende Maß an Konzentration aufwandte.

Zynisch? Ja, ein bisschen. Mit Scheuklappen auf eine Szene fokussiert? Ja, vielleicht auch. Ist halt manchmal so. Gelegentlich muss, und ich meine: muss, es eben mehr sein. Das war so eine Szene.

Bei Sven Ulreich war es mehr, keine Frage. Mehr als eine Szene, mehr als ein willkürlich entstehendes Gefühl. Es ist kein Geheminis, dass ich seit langem zu denjenigen zähle, die ihn recht kritisch sehen und das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch weiterhin tun werde. Aber die Fußabwehr gegen Thiago war außergewöhnlich, und insgesamt strahlte er wesentlich mehr Souveränität aus als zuletzt.

Vor allem aber, und das kommt auch für mich wahrhaft unerwartet, ziehe ich meinen Hut und verneige mich tief ob jenes Abschlags, den er aus der Hüfte und auf Hüfthöhe auf Martin Harnik schlug und damit den wohl besten Stuttgarter Konter seit der Kombination Lehmann-Träsch-Hilbert beim 4:1 gegen Werder Bremen im Jahr 2008 einleitete. Unglücklicherweise fehlte diesmal der erfolgreiche Torabschluss.

Aber irgendwann klappt er, ganz bestimmt. Und dann verliert man auch nicht mehr kurz vor Schluss, erst recht nicht nach eigener Führung. Vielleicht schon am Samstag in Leverkusen. Öhm. Zeitung von gestern.

Immer wieder gern gehört

Humor ist ja Geschmackssache, Häme sicherlich auch. Das Interview, das Roman Weidenfeller im Meistertaumel in englischer Sprache geben durfte oder musste, ließ mich einmal kurz schmunzeln. Bestenfalls. Manch anderem ging es etwas anders, das Video war ein Renner, Weidenfeller wurde in einem Atemzug mit Leuten wie Lothar Matthäus, Guido Westerwelle oder Günther H. Oettinger genannt. Ja, man hatte schon den einen oder anderen gesehen, der nicht jederzeit und in jeder Situation verhandlungssicher englisch spricht. Die jeweiligen Hintergründe sind aus vielerlei Gründen nicht unmittelbar zu vergleichen; die Situationen erfreuen sich aber stets großer Beliebtheit in den einschlägigen Videoportalen und darüber hinaus. Weidenfeller ging – so zumindest der Eindruck, den ich aus dem einen Interview gewann, das ich hernach von ihm las – recht entspannt mit dem Thema um, sodass ich guter Hoffnung war, dass das Zitat von der grandios Saison bald durch sei.

Nun denn, das war wohl ein Irrtum. Kaum läuft die Bundesliga wieder, taucht der Satz auf. We have a grandios Saisonstart gehabt, heißt es da und dort, bei Twitter lese ich von „a grandios Geburtstag“, den man Jubilar Weidenfeller wünscht, was ich nett finde, bei Spiegel Online sehen wir ein Video mit dem Titel „We have a grandios Stadion gebaut“, und schütteln den Kopf. Also, ich zumindest schüttle den Kopf. Will mich über Spiegel Online aufregen. Wieso man dort den Weidenfeller’schen Lapsus nicht nur ausgräbt, sondern auch noch nach Stuttgart trägt, frage ich mich. Denke an Stefan Raabs Stück vom Maschendrahtzaun, auch wenn ich weiß, dass Weidenfeller, anders als die Dame damals, mit hinreichend Geld über die Peinlichkeit hinweggetröstet wird. Und dann lese ich die Stadionzeitschrift des VfB oder sehe mich im Online-Shop um, und stelle fest, dass, wie bereits angedeutet, Humor Geschmackssache ist. Und dass der VfB sein neues Stadion mit dem Hinweis auf ein dünnes Video aus dem Dortmunder Meisterschaftstaumel, aufwerten versilbern verramschen in Verbindung bringen will:

Bin wohl einfach humorlos.

Ansonsten finde ich, dass der Verein gar nicht so viel falsch gemacht hat. Der Umbau ist hervorragend gelungen, mein Platz ein Träumchen, und Kvist und Maza hat man auch gekauft. Und rein betriebswirtschaftlich war der Träsch-Verkauf ja auch kein Fehler, man erinnere sich an Daniel Bierofka. Wenn man dann noch weiß – was bei meinem Nebenmann der Fall ist -, dass Träsch maximal noch vier Länderspiele bestreiten wird, hat der Verein also alles richtig gemacht. Aber wir waren ja eigentlich beim Stadion. Vom Einweihungsrahmenprogramm habe ich nicht allzu viel mitbekommen, war zu (?) sehr auf das Stadion selbst konzentriert, auf den Blickwinkel und die Entfernung, auf die Frage, ob die Distanz zu groß sei oder gerade richtig, um den Überblick zu behalten (es sollte sich bestätigen, dass letzteres der Fall war – unten möglicherweise folgende Fehleinschätzungen liegen nicht am Stadion), auf die Zusammensetzung des umittelbaren wie auch des etwas weiteren Umfelds, und ein wenig auch auf die Stadionzeitschrift mit der gelungenen Sonderausgabe zum Umbau. Inklusive Humor, der auch mir zusagte, übrigens.

Letztlich ging es dann aber doch um Fußball, und um drei Punkte. Die man offensichtlich am Platz behalten wollte, wie die Mannschaft gleich zu Beginn andeutete. Man spielte zuversichtlich nach vorne, erspielte sich – zum Teil mit System, zum Teil eher zufällig – früh einige klare Torchancen, die auf unterschiedlichste Art und Weise vergeben wurden: Harnik traf den Ball beim Abschluss nicht richtig, Cacau traf ihn so gut wie gar nicht, und Gentner, tja: in zentraler Position mit freier Bahn zum Tor den Ball erst einmal 20 Meter in Richtung Eckfahne prallen zu lassen, ist zumindest ein innovativer Ansatz, mit dem man bestimmt manchen Gegner derart verwirren kann, dass er die Notbremse zieht. Höwedes zählt nicht dazu.

Überhaupt, Gentner. Die letzte Saison liegt ja einige Wochen zurück, deshalb erlaube ich mir,vielleicht doch noch einmal ein Thema aus der vergangenen Spielzeit aufzugreifen: gerne sähe ich im von Bruno Labbadia derzeit präferierten 4-2-3-1-System schnelle, möglichst auch trickreiche Spieler auf den Außenpositionen. Christian Gentner schätze ich persönlich nicht so ein. Ich halte ihn für einen feinen Fußballer mit einem guten Auge und vielerlei Qualitäten, durchaus auch in der Defensive, für einen sehr professionellen Spieler, den man gerne im Mannschaftsrat hat, der Verantwortung übernimmt, nicht auf den Kopf gefallen scheint, und den man als Trainer vielleicht nur ungern auf die Bank setzt. Leider halte ich ihn auch für einen Spieler, der derzeit auf keiner Position im System des VfB die erste Wahl sein sollte. Auch wenn gestern noch nicht zwingend der Eindruck entstand, Ibrahima Traoré sei die bessere Alternative, trotz seines überraschenden langen Balles, den, da ist er wieder, Christian Gentner stark annahm und nicht ganz so stark verwertete. Ich hoffe auf Timo Gebhart.

Abbitte muss ich erneut Sven Ulreich leisten. Den ersten Ball ließ er nach vorne prallen, dann hatte er Probleme bei der Verarbeitung eines Rückpasses, und der Name Leno drängte gedanklich immer stärker in den Vordergrund; später war es Ulreich zu verdanken, dass es nicht noch einmal eng wurde. Starke Leistung. Etwas zu oft kam Schalke etwas zu leicht zum Abschluss, was nur sehr bedingt an den beiden Innenverteidigern lag. Tasci spielte souverän, seine eleganten Haken sind ein steter Hingucker (auch wenn sicher bald mal wieder einer misslingt und ich laut fluche), und Maza übernahm den kompromissloseren Part bravourös. Vielleicht hatte er auch nur genau hingesehen, als vor dem Spiel auf der Videoleinwand ausgewählte Szenen aus der großen Zeit von Karlheinz Förster gezeigt worden waren. Molinaro ließ anfänglich die Sorge aufkommen, dass der quirlige Baumjohann als Rechtsaußen der Schlüssel zum Schalker Erfolg sein könnte; nach und nach kam er dann doch in die Zweikämpfe, und dass er nach vorne den einen oder anderen Akzent setzen kann, ist hinlänglich bekannt. Boulahrouz kann das auch, bloß weniger behänd, doch wie schon im letzten Drittel der Vorsaison gelang ihm trotz einer hochkarätigen Chance kein Treffer. Letztlich egal, und ganz gewiss die bessere Wahl hinten rechts.

Mitte der zweiten Hälfte durfte Schalke in kurzer Zeit mehrfach aus zentraler Position schießen – ein Ansatz, den ich künftig gerne von den defensiven Mittelfeldspielern unterbunden sähe. Dessen ungeachtet: es macht Spaß, Kvist und Kuzmanovic zuzusehen. Der eine spielt fast immer den einfachen Ball, bringt manche notwendige Nickligkeit ein und leitet dann auch noch gute Chancen ein, und die paar Situationen, in denen er gedanklich noch der Spielgeschwindigkeit in Dänemark nachzuhängen scheint, wird er bestimmt noch in den Griff bekommen. Der andere spielt oft und gerne den mutigen Ball, auch wenn er bei ihm häufig einfach aussieht, sein Spiel ist ungleich spektakulärer und auch ein wenig fehleranfälliger. Die Kombination könnte passen. Wenn, ja wenn, und da habe ich so eine kleine Sorge, die jeweiligen Führungsansprüche nicht zu sehr konkurrieren. In der einen oder anderen Situation hatte ich -aus großer Distanz – den Eindruck, Kvists Korrekturhinweise seien Kuzmanovic nicht immer willkommen. Ich bin gespannt und hoffe, dass der Eindruck täuschte.

Zwei Tore aus Standardsituationen, zwei indirekte Assists für Hajnal. Passt. Harnik lange glücklos im Abschluss, letztlich aber mit seinem Treffer, und Cacau war eben Cacau. Mitunter übermotiviert wirkend, gelegentlich eigensinnig, manchmal auch überhaupt nicht, öfter den anderen Eigensinn vorwerfend (in Einzelfällen, um vom eigenen Fehlschuss abzulenken), aber eben auch erfolgreich, als Torschütze und Unruheherd. Und wenn er so weitermacht, lässt sich auch das durch die gescheiterte Verpflichtung von Dante entstandene Frisurdefizit auffangen.

Drei Punkte, großartiges Stadionerlebnis, so darf’s weitergehen. Wäre jetzt der Zeitpunkt, den Kreis zu schließen und etwas von einer bevorstehenden grandios Saison zu sagen? Ach, besser nicht. Aber wenn wir schon bei Dortmund sind, implizit irgendwie: Hut ab. (Nicht überraschend, oder, wenn das ein bekennender Kevinist sagt? Und ja, ich betone das zur Zeit öfters. Werde ich auch weiter so halten, so ein wenig aus Trotz ob all der unfreundlichen Kommentare, die man bei Twitter über ihn liest.) Schalke hat gestern gelegentlich versucht, ähnlich offensiv zu stören wie die Dortmunder, was in einigen Situationen gelang. Nach der Balleroberung traten die Unterschiede dann jedoch recht deutlich zutage. Aber das ist kein fairer Vergleich.

 

Es ist mal wieder soweit

Transferperiode. Wasserstandsmeldungen. Kopenhagen will Kvist nicht abgeben. Nürnberg will eine Kaufoption. Bobic will Argentinier. Oder Asiaten. Der VfB will mit Träsch verlängern. Kvist will nach Stuttgart. Marica will weiterhin viel Geld. Erwin Staudt will eine geregelte Managerausbildung. Didavi will wohl verlängern. Kopenhagen will vielleicht auch, aber mit mehr Geld. Keiner will weg. Schneider will einen Fünfjahresvertrag. Träsch will keinen. Nürnberg will vielleicht auf die Option verzichten. Die Fans wollen kein Rumgeeiere bis zum Ende der Transferperiode.

Und werden es doch bekommen. Ich kann es nicht beeinflussen. Weshalb ich in der Regel zu dem ganzen Zeug schweige. Da ich aber ohnehin ein wenig Werbung machen wollte, kann ich ja zumindest ein paar Sätze zu Christian Träsch sagen. Ohne zu wissen, was da tatsächlich läuft. Heute hieß es, der VfB habe ihm einen Fünfjahresvertrag angeboten. Und er habe abgelehnt. Die einen kritisieren das eine. Die anderen bedauern das andere. Manche tun beides.

Meine Meinung zu Christian Träsch ist bekannt. Immer wieder war ich der Ansicht, er sei an seine Grenzen gestoßen, nur um mich kurz darauf wieder vom Gegenteil überzeugen zu lassen. „Jede Woche ein neues Feature“ schrieb ich diesbezüglich vor einiger Zeit, und auch wenn die Zahl der neuen Features seither nicht mehr so rasant zunahm, wohl auch nicht zunehmen konnte, und auch wenn Träsch in der vergangenen Saison erstmals eine Zeit lang unter seine Niveau spielte, so bin ich doch der Überzeugung, dass er ein Glücksfall für den VfB ist. Und wenn er bereit wäre, einen Fünfjahresvertrag zu unterzeichnen, sollte man ihn ihm geben. In der Hoffnung, dass er ihn tatsächlich erfüllt. Vielleicht zu einer – man möge mir das große Wort verzeihen – Identifikationsfigur wird. Er ist ein guter, wohl auch ein sehr guter Bundesligaspieler, zurecht auch Nationalspieler. Aber bei aller Liebe: er ist kein so überragendes Talent wie Gomez oder Khedira, keiner, von dem jeder halbwegs realistische Fußballfan weiß, dass er über kurz oder lang auf größere Bühnen gehört als die in Stuttgart.

Ich sähe ihn gerne weiterhin im Neckarstadion. Jahrelang. Gerne als Kapitän, der immer voran geht. Das würde er tun. Wofür man ihn auch gut bezahlen sollte. Und doch sehe ich in ihm nicht den Spieler, für den man das Gehaltsgefüge komplett sprengt. Auch wenn ich nicht damit rechne, dass seine Leistungen in vertragsrestlaufzeitabhängigen Zyklen schwanken würden wie bei… anderen.

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Wenn es nach mir ginge, müsste man ihn halten. Aber nicht um jeden Preis. Und wenn die kolportierten Zahlen stimmen, muss man wohl oder übel auf ihn verzichten. Gerne erst ab 2012, so groß wäre der finanzielle Verlust nicht. Man frage nach bei den Münchner Löwen und bei Daniel Bierofka. Merkt man bestimmt nicht, dass ich hin- und hergerissen bin, oder? Genug.

Zum Abschluss noch die angekündigte Werbung. Ich durfte mal wieder woanders schreiben. Im wahrlich wunderbaren Frankfurter Blog „The Diva and the Kid“ hatte ich das Vergnügen, meine Meinung zu Armin Veh zum Besten zu geben. Sie wird dort deutlich kritischer gelesen als ich gemeint hatte, sie gesagt zu haben.

Verbalbeurteilung 2011

Einmal mehr erzielte die Gruppe im zweiten Halbjahr deutlich bessere Ergebnisse als im Herbst. Das Gesamtniveau lag dabei weit unter dem des Vorjahres oder jenem aus der Periode 2008/2009. Die Leistungen des ersten Halbjahres dürften zum Teil auf eine mangelnde Vorbereitung in den Sommermonaten zurückzuführen sein, was jedoch angesichts der hohen Zielsetzungen unserer Einrichtung nur bedingt als Erklärung gelten darf. Dem neuen Lehrpersonal, das die Gruppe im Dezember nach einem mehrwöchigen Ausfall übernahm, gelang es gerade noch, die Abschlussprüfungen in einem größeren Kraftakt angemessen vorzubereiten.

Als gescheitert muss man den gruppendynamischen Versuch ständig wechselnder Plätze betrachten. Zwar gelang es, nahezu jedes Mitglied der Gruppe mindestens einmal rechts hinten zu platzieren; positive Einflüsse auf das Gruppenklima oder die Leistung waren indes nicht zu beobachten, vielmehr traten nennenswerte Koordinationsprobleme auf.

Sven hatte zunächst gewisse Schwierigkeiten, seine Position in der Gruppe zu finden, nachdem ihn das Lehrpersonal erst nach Intervention der Einrichtungsleitung in der Gruppe belassen hatte.*   Seine Leistungen waren zunächst selten kreativ und vorwärts gerichtet, zumindest aber ausreichend. Im Lauf des Jahres gewann er, dank nach kurzfristig verordneter Nachhilfe durch ein älteres Gruppenmitglied, an Sicherheit, Ansehen und Souveränität, um so teilweise wesentlich zum Erfolg von Gruppenarbeiten beizutragen. Nach wie vor fällt ihm der Umgang mit vermeintlichen Ungerechtigkeiten schwer.

* Aus anderen süddeutschen Einrichtungen ist bekannt, dass vergleichbare Konflikte zwischen Lehr- und Leitungspersonal dem Gesamtklima abträglich sein können.

Marc kam im Sommer neu zur Gruppe, kannte aber die Einrichtung bereits aus früheren Jahren und traf eine Reihe alter Freunde wieder, sodass die Integration unproblematisch verlief. Obwohl er ursprünglich nicht für Prüfungsleistungen vorgesehen war, forderte ihn das neue Lehrpersonal zwischenzeitlich zu stärkerer Beteiligung auf. Nach einem Sportunfall wurde dieser Plan wieder verworfen. Im neuen Jahr dürfte er noch stärker in die Hausaufgabenbetreuung einbezogen werden.

Cristian konnte nur selten an seine Leistungen aus dem Vorjahr anknüpfen. Die Trennung von seinem Freund Aliaksandr wog offenbar schwerer als zunächst angenommen. Er wirkte gedanklich nicht immer frisch, kommunizierte mit seinem neuen Nachbarn nur unzureichend und reagierte auf Kritik mitunter unwirsch. Ein Gespräch ist erwünscht.

Arthur trat häufig offensiver auf als in den Vorjahren, was der gesamten Gruppe gut tat. Leider hatte er erneut eine Reihe von Fehlzeiten zu verzeichnen, fand nach seiner Erkrankung jedoch recht rasch wieder den Anschluss an die Gruppe. Seit einigen Monaten zeigt er zuvor ungeahntes Interesse für die hiesige Kultur und deren Exponentinnen.

Matthieu hat ein schwieriges Jahr hinter sich, geprägt von zahlreichen Fehlzeiten, die nicht selten selbst verschuldet waren. Anders als in den Vorjahren wirkte er des Öfteren impulsiv und war seinen Freunden nur noch in geringerem Maß ein Vorbild. Wurde zuletzt von einigen Prüfungsleistungen befreit. Die Übernahme ins nächste Jahr erfolgt auf Probe.

Serdar hatte zu Beginn einige Schwierigkeiten zu bewältigen, die zum Teil mit seinen missglückten Sommerferien zusammen hingen. Erfreulicherweise hatte er jedoch deutlich weniger Fehlzeiten als in den Vorjahren und schaffte es, sowohl die vorübergehend aufscheinenden Motivationsdefizite zu überwinden als auch seine Leistungen zu stabilisieren. Speziell im Frühjahr war er zudem in der Lage, die verunsicherten Freunde zu beruhigen. Wenn er so weiter macht, kann er demnächst wieder an einrichtungsübergreifenden Wettbewerben teilnehmen.

Georg musste zunehmend Verantwortung übernehmen und wirkte dabei insbesondere im Herbst vielfach nachlässig, gelegentlich auch überfordert. Teilweise schienen wichtige Grundlagen zu fehlen. Seine Bemühungen blieben jedoch stets vorbildlich, auch dank dem einen oder anderen Erfolgserlebnis, das die Gruppe zu würdigen wusste. Seine technische Kompetenz, gepaart mit Zielstrebigkeit, trug im Zusammenhang mit einem grünen Mobilitätsprojekt wesentlich zum Erfolg bei.

Khalid wurde im Herbst nur in Ausnahmefällen zu Prüfungen zugelassen, erzielte dabei aber meist respektable Ergebnisse. Im Frühjahr zeigte er sich weniger wählerisch bei den ihm zugewiesenen Aufgaben und wusste sie in aller Regel zufriedenstellend zu bewältigen. Ein Umzug wäre insofern bedauerlich, als er auch mit schwierigen Situationen umzugehen weiß; eine Veränderung aus sozialen Gründen steht gleichwohl im Raum.

Stefano konnte den Erwartungen nur selten entsprechen. Dies war zum Teil krankheitsbedingten Fehlzeiten geschuldet. Insgesamt sind die Defizite jedoch zu groß, um sie in absehbarer Zeit aufzuholen. Insbesondere ist er nur bedingt in der Lage, die von ihm erwarteten vorbereitenden Tätigkeiten in der Gruppenarbeit zu übernehmen. Der Wechsel in eine kleinere Einrichtung wird empfohlen.

Patrick stieß im Sommer aus einer niedrigeren Klasse zur Gruppe. Sein großes Engagement überzeugte das Lehrpersonal, ihn an der einen oder anderen Prüfung teilnehmen zu lassen, was nicht immer entsprechend seiner Stärken erfolgte und dementsprechend nur mit wechselndem Erfolg gelang. Möglicherweise wäre ein langfristiger Nachhilfekurs in einem anderen Umfeld zielführend.

Ermin stieß im Herbst gewissermaßen auf Probe zur Gruppe und integrierte sich sehr gut. Neben zahlreichen Übungsstunden durfte er auch an einzelnen Prüfungen teilnehmen, was zunächst recht gut gelang. Eine Französischprüfung, noch dazu nicht in seinem Kernbereich, traf ihn jedoch unvorbereitet und hielt das Lehrpersonal zunächst von weiteren Versuchen ab. Seine weitere Entwicklung bleibt abzuwarten.

Philipp hatte bereits in seiner letzten Einrichtung enorme Fehlzeiten aufgewiesen, wurde aber zur Probe aufgenommen. Leider bestätigte sich die Befürchtung, dass er sowohl gesundheitlich als auch, soweit das beurteilt werden kann, vom Leistungsniveau her kaum in der Lage ist, mit der Gruppe mitzuhalten. Die Probezeit wurde beendet.

Christian zeigte sich erneut in allen Belangen vorbildlich. Sein Engagement war weit überdurchschnittlich, sein Pflichtgefühl beinahe zu ausgeprägt. Er übernehm stets Verantwortung für die Gruppe, half seinen Freunden, wo immer er konnte, worunter zwischenzeitlich seine eigenen Leistungen ein wenig zu leiden drohten. Rechtzeitig zu den Abschlussprüfungen erreichte er wieder sein altes Niveau und zeigte sich dabei kreativ und vermehrt technikbegeistert. Ein möglicher Umzug wäre sehr bedauerlich.

Zdravko war im Herbst nicht ganz auf der Höhe und wirkte speziell in der Phase, die mit Aushilfslehrpersonal überbrückt wurde, etwas unmotiviert. Im Frühjahr übernahm er indes in besonderem Maße Verantwortung, erzielte ausgezeichnete Ergebnisse und zeigte sich punktgenau vorbereitet. Seine stets herzliche Freude ist in engem Zusammenhang mit seiner positiven Entwicklung zu sehen. Der zwischenzeitlich im Raum stehende und von einzelnen Außenstehenden wortreich begründete Wegzug wäre bedauerlich.

Christian hatte ein über weite Strecken unglückliches Jahr. Anfänglich litten seine Leistungen darunter, dass er zu weit hinten platziert war, dann verstand er sich mit seinem Nachbarn nur unzureichend, kleinere gesundheitliche Probleme kamen hinzu, und folgerichtig konnte er nicht wie geplant Verantwortung für die Gruppe übernehmen, sondern wurde gar nur noch selektiv zu den Prüfungen zugelassen. Gleichwohl war er stets bemüht und trug entscheidend zur erfolgreichen Bewältigung des ihm bereits bekannten Mobilitätsprojekts wie auch einer späten Geometrieprüfung bei.

Mamadou stieß im Sommer relativ spät zur Gruppe und trat zunächst außerhalb der Übungsstunden kaum in Erscheinung. Im Herbst wurde er zu zwei Prüfungen zugelassen, in denen er ein gutes Grundverständnis zeigte, aber ein wenig nachlässig wirkte. Die Weihnachtsferien nutzte er, um einige Defizite aufzuholen, und schien auf gutem Weg, eine zentrale Rolle in der Gruppe einzunehmen, ehe ihn ein Sportunfall für den Rest des Jahres weit zurück warf.

Timo war über weite Strecken des Jahres eine sehr positive Erscheinung. Zwar hat er nach wie vor Konzentrationsmängel, lässt mitunter die nötige Zielorientierung vermissen und will gelegentlich mit dem Kopf durch die Wand; gleichzeitig aber verzagt er nie, ist um kreative Lösungen bemüht und animiert die Gruppe zu mehr Engagement. An zahlreichen Prüfungsleistungen nahm er trotz gesundheitlicher Beeinträchtigungen schwungvoll und erfolgreich teil und übernahm zudem in einer schwierigen Situation punktuell Verantwortung für die Gruppe. Dessen ungeachtet wird auch im kommenden Jahr eine weitere Steigerung erwartet, insbesondere bei den Punkten Konstanz, Überlegung und Standhaftigkeit.

Martin wechselte im vergangenen Sommer aus einer kleineren Einrichtung zu uns und verdiente sich sowohl mit seinen Ergebnissen als auch mit seinem Engagement als auch und vor allem mit seinen Vorarbeiten für die gesamte Gruppe rasch deren Anerkennung. Im Herbst durfte er zunächst häufig nur Teilaufgaben bearbeiten, um dann im Frühjahr fast alle Prüfungen in Gänze absolvieren zu müssen, was vereinzelt zu schwächeren Ergebnissen führte. Seine Technikaffinität ist ausbaufähig.

Mauro zog im Spätsommer aus Italien, wo er in einer hochwertigen Einrichtung gewesen war, nach Stuttgart. Er mühte sich redlich, sich an das neue Umfeld und die vorwiegend jüngeren Kameraden zu gewöhnen, was ihm aber nicht so recht gelingen wollte. Häufig war ihm das Tempo zu hoch, Flüchtigkeitsfehler kamen hinzu, und selbst sein technisches  Geschick konnte er nur bedingt einbringen. Er verabschiedete sich mit Anstand und kehrte zurück in seine Heimat.

Daniel gilt seit Jahren als sehr begabt. Dass er das Lehrpersonal nie ganz von seinen Qualitäten überzeugen konnte, mag daran liegen, dass er manchmal etwas schlampig ist. Zudem wirkt er gelegentlich langsam und immer etwas einseitig. Im Herbst konnte er bei einigen Prüfungen überzeugen, bei anderen nicht. Eine längere Erkrankung warf ihn etwas zurück, danach gelang es ihm nicht mehr, den Rückstand gänzlich aufzuholen bzw. dem Lehrpersonal seine Motivation zu vermitteln. Die Teilnahme an einem Austauschprogramm wird erwogen.

Johan kam im Spätsommer aus Frankreich, wo er an einer kleineren Einrichtung teilweise sehr gute Ergebnisse erzielte, aber auch aus gesundheitlichen Gründen viele Fehlzeiten zu verzeichnen hatte. Letzteres war dem Lehrpersonal und der Einrichtungsleitung nicht explizit gesagt worden. Auch in Cannstatt erbrachte er bei ersten Teilaufgaben sehr vielversprechende Ergebnisse, erkrankte in der Folge jedoch mehrfach und langwierig. Wird auf Probe in das neue Jahr übernommen.

Shinji kam im Februar nach dem Asienfinale von „Jugend trainiert für Olympia“ nach Stuttgart und wurde sogleich ein vollständiges Mitglied der Gruppe, auch wenn er sich meist noch am Rand aufhielt. Seine Einzelergebnisse sind voll befriedigend, bei der Gruppenarbeit mit seinem Nachbarn tut er sich noch etwas schwer. Schloss die entscheidende Prüfung mit Bravour ab, sollte nun in den Sommerferien etwas zur Ruhe kommen.

Sebastian hatte sich im Sommer viel vorgenommen, konnte aber das Lehrpersonal nicht überzeugen, dass sich seine Leistungen verstetigen würden. Daraufhin wechselte er in eine stark bezuschusste benachbarte Einrichtung, wo er sich gut integrierte und in seiner neuen Gruppe eine zentrale Rolle einnahm.

Elson kehrte im Sommer etwas widerwillig von einem Austauschprogramm zurück. Dennoch lebte er sich rasch wieder ein und nahm früh an einigen europaweiten Prüfungen teil. Seine Ergebnisse blieben allerdings durchwachsen, sodass er in der Folge vornehmlich am Übungsbetrieb teilnehmen durfte. Die kurzfristige Hoffnung des neuen Lehrpersonals auf seine standardmäßige Kreativität konnte er nicht erfüllen.

Tamas stieß im Januar zur Gruppe, weil er in seiner bisherigen Einrichtung nicht mehr zu Prüfungen zugelassen wurde. Er zeigte sich von Beginn an sehr kreativ, zielorientiert und standardmäßig verantwortungsbewusst, sodass er rasch zu einem Fixpunkt in der Gruppe wurde, zu deren letztlich gerade noch ausreichenden Prüfungsergebnissen er entscheidend beitrug. Sein Engagement ist Beispiel gebend, sein Auftreten ebenso. Zum neuen Jahr wird sein Austauschprogramm beendet und er wechselt fest an unsere Einrichtung. Ob er seinen Leistungsvorsprung halten kann, wird abzuwarten sein.

Claudemir hatte es in diesem Jahr nicht leicht. Nach den Sommerferien war er mit einer leichten Unzufriedenheit zurückgekehrt, die sich mehr als einmal in unerwarteten, vielleicht auch unkontrollierten Ausbrüchen gegenüber seinen Freunden, aber auch gegenüber den eingeschalteten Mediatoren niederschlug. Seine Leistungen waren überschaubar, sodass er wiederholt nur zu Teilprüfungen zugelassen wurde, sein Gesundheitszustand schien verbesserungswürdig. Dennoch mühte er sich nach Kräften und es gelang ihm, sich hervorragend auf die Abschlussprüfungen vorzubereiten, die er dann mit Bravour absolvierte.

Ciprian konnte nur selten an die guten Leistungen des Vorjahres anknüpfen. Während er zunächst dennoch zu den Prüfungen zugelassen wurde, sah sich das neue Lehrpersonal veranlasst, erst seine Leistungen und dann seine Motivation in Frage zu stellen. Nachdem er sich lautstark über die ihm zugedachten Aufgaben beschwert hatte, wurde er von weiteren Prüfungen ausgeschlossen und drückt seit Februar die Türklinke von außen herunter. Ein Wechsel der Einrichtung wird empfohlen, ein Gespräch ist explizit nicht erwünscht.

Pavel begann das Jahr sehr motiviert und erzielte im Schnitt gute Ergebnisse, wenn auch mit starken Ausschlägen nach oben und unten. Sein Engagement war stets vorbildlich, genau wie seine Unterstützung für die Kameraden. Defizite sind bei der Kreativität und hinsichtlich seiner technischen Fertigkeiten zu beklagen; zudem handelt er nach wie vor zu häufig in der irrigen Annahme, den Abschluss mit links machen zu können. Die Übernahme ins neue Jahr erfolgt auf Probe, ein Wegzug ist nicht ausgeschlossen.

Sven stieß aus einer niedrigeren Klasse dazu und zeigte sich von Beginn an sehr engagiert, wenn auch häufig glücklos. Seinen Abschlussarbeiten mangelte es, mit einer für die gesamte Gruppe sehr hilfreichen Ausnahme, an Präzision, teilweise wirkte er unentschlossen. Er muss weiterhin hart daran arbeiten, die Defizite aus frühen Jahren aufzuholen. Hierfür scheint eine benachbarte Nachhilfeeinrichtung mit modernsten Übungsräumen geeignet.

Christian konnte nicht an seine überragenden Ergebnisse des Vorjahres anknüpfen. Er litt unter einem Wechsel des Leitungspersonals, das bei der Neuzusammensetzung der Gruppe kein glückliches Händchen gehabt hatte, und vielleicht auch ein wenig unter seiner Eitelkeit. Seine Vorschläge wurden von der Gruppe nicht mehr so gut angenommen wie zuvor, die Ergebnisse wurden schwächer. Einzelne Außenstehende und auch Kameraden unterstellten ihm Defizite bei der Prüfungsvorbereitung, die Alumni-Vereinigung und der Förderkreis versagten ihm ihre Unterstützung und überließen den frei werdenden Platz einem weniger kritischen Nachrücker. Bedauerlich.

Jens hatte einen denkbar schlechten Start in der Gruppe, als er einen ausgeschiedenen Kameraden lautstark kritisierte. Es gelang ihm trotz eines einzelnen herausragenden Ergebnisses nicht, die Gruppe von seiner Leistungsfähigkeit zu überzeugen, sodass die Leitung ihn nach wenigen Wochen zu seinem eigenen Besten aus der Gruppe nahm.

Bruno wurde im Dezember in einer für alle schwierigen Situation in die Gruppe aufgenommen. Aufgrund seiner wechselhaften Vergangenheit in anderen Einrichtungen war der Empfang zunächst reserviert, doch mit akribischer Arbeit und ersten guten Ergebnissen erarbeitete er sich rasch den Respekt der Gruppe. Er stellte die eigenen Ansprüche hinten an und half den Kameraden, die Abschlussprüfung ohne besonders elegante Lösungen, aber letztlich mit Erfolg zu absolvieren. Die Gelegenheit, im Rahmen eines längeren selbstverwalteten Projekts Optimierungen bei der Platzverteilung anzustoßen, hat er sich verdient. Speziell in den ersten Monaten wird er dabei, auf Basis vergleichbarer Projekte aus den Vorjahren, eng begleitet werden.

Fredi, der vor Jahren seine ersten Schritte an unserer Einrichtung gemacht hatte und im Sommer nach einer Reihe von Umzügen zurückkehrte, erhielt erst kurzfristig einen frei werdenden und nicht sonderlich gut ausgestatteten Platz. Der Stuhl wackelte von Beginn an, auf dem Tisch lag eine Reihe halbfertiger Arbeiten, deren Urheber aus sozialen Gründen Hals über Kopf verschwunden war. Dementsprechend war Fredi zunächst etwas desorientiert und tat sich schwer, sich an das im Vergleich zu seiner vorigen Einrichtung deutlich höhere Leistungsumfeld zu gewöhnen. Der Versuch, sich mit teuren Hilfsmitteln an das nötige Niveau heranzutasten, schlug fehl. Erfreulicherweise behielt er die Ruhe und zeigte sich lernfähig. Er gewann an Ansehen bei den Kameraden wie auch bei den Alumni und dem Förderkreis, denen er im Sinne der Gruppe auch einmal die Stirn bot. Im neuen Jahr liegt es an ihm, ob er längerfristig an unserer Einrichtung bleiben kann.

Erwin hatte, wie schon in den Vorjahren, nicht immer ein glückliches Händchen bei der Auswahl seiner Lehrmittel, und wurde dafür verschiedentlich kritisiert. Da sein Umgang mit Kritik ohnehin verbesserungswürdig ist, wurde sein Ansehen zusehends schlechter. Zudem wurde er von einem Größeren regelmäßig gemobbt, weshalb er zum Sommer die Einrichtung verlässt. Sein Weggang ist angesichts seiner über Jahre hinweg guten Ergebnisse in vielen Bereichen bedauerlich, scheint aber mit Blick auf die letzten Jahre geboten.

Dieter zeigte im vergangenen Jahr großes Interesse an operativen Abläufen unserer Einrichtung. Zwar ist dieses Interesse grundsätzlich zu begrüßen; der Versuch, Einfluss auf die Abläufe zu nehmen, erregte indes unser Missfallen. Sein Umgang mit allen Ebenen der Einrichtungsleitung ist verbesserungswürdig und scheint von wenig Respekt geprägt. Sowohl in puncto Sozialkompetenz als auch bei seinem Verständnis demokratischer Strukturen mussten wir deutliche Defizite feststellen, die kaum mehr aufzuholen sein dürften. Ein Gespräch ist notwendig.

Lauter Volltreffer

Im Vorjahr hatte ich einige Wochen vor Ende der Saison eine Bestandsaufnahme vorgenommen, d.h. ich hatte meine im Lauf der Saison  mehr oder weniger fundiert abgegebenen Prognosen einer kritischen Würdigung unterzogen.

Dieses Jahr hat sich das irgendwie nicht ergeben. Vielleicht, weil ich außerhalb dieses Blogs nur wenige Vorhersagen getroffen habe, vielleicht, weil die im Blog abgegebenen Einschätzungen zu weit von der Wirklichkeit entfernt waren, um sie hier ohne allzu großen Gesichtsverlust noch einmal aufzuwärmen. Angefangen beim Spieler der Saison.

Um mich dennoch ein wenig bloßzustellen, habe ich zumindest meine Antworten aus dem 11Freunde-Fragebogen noch einmal hervorgekramt und durfte feststellen, dass ich g l ä n z e n d abgeschnitten habe.

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Deshalb wird die neue Saison unvergesslich…
Unvergesslich ist ein großes Wort. Bemerkenswert ist aber, dass die Bundesliga erstmals das Unwort des Jahres stellen dürfte: Torfabrik.

Nun ja. Unwort des Jahres ist es nicht geworden. „Torfabrik“ finde ich dennoch nach wie vor billig unglücklich. Da hilft auch das Redesign nicht sonderlich. Eher gar nicht. Überhaupt nicht.

Aus der alten Saison wird in Erinnerung bleiben…
In allererster Linie das Schicksal von Robert Enke.

Wenn man sich dann doch an sportliche Themen erinnern möchte, bleiben aus Stuttgarter Sicht eine fürchterliche Vorrunde, eine unnötige Arbeitsplatzgarantie mit minimaler Halbwertszeit, grenzüberschreitende Fanproteste, eine grandiose Rückrunde und die erste Halbzeit gegen Barcelona. Und dann noch die Entwicklung von Christian Träsch.

Wie sehr das Schicksal von Robert Enke nachhält und nachhallt, wurde bereits in der vergangenen Saison und auch in dieser Spielzeit wieder des öfteren in Frage gestellt, nicht zuletzt im Kontext der Buchveröffentlichung von Andreas Biermann.

Die fürchterliche Stuttgarter Vorrunde der Vorsaison blieb dann doch nicht sooo lange in Erinnerung. Die wurde überflügelt. Und anstelle einer starken Halbzeit gegen Barcelona hatte man dieses Jahr eine halbe Stunde gegen Hamburg. Immerhin.

Welche Schlagzeile würdest Du gerne in der kommenden Saison verfassen?
Interview mit Sami Khedira: „Jeder Wechsel wäre ein Rückschritt!“

So hat er es nicht gesagt. Aber „Esto es un sueño hecho realidad“ drückt in meinen Augen durchaus so was Ähnliches aus.

Drei Wünsche frei:
Im Rahmen einer Transparenz- und Demokratieinitiative der FIFA tritt Joseph Blatter zurück.

Christian Gross ist im Dezember noch VfB-Trainer. Dezember 2013.
Ciprian Marica gewinnt den Goldenen Schuh.

Nr. 1 hat nicht ganz geklappt. Aber ich glaube, er war nahe dran.
Nr. 3 scheiterte ausschließlich an der Engstirnigkeit der Herren Bobic und Labbadia.
Und Nr. 2 kann ja noch klappen. Wer sich an dem „noch“ stört: bei einem Verein, der ungeniert „nie mehr“ durch „niemals“ ersetzt, wird man ja wohl mal ein „noch“ unter den Tisch fallen lassen können.

Dein größter Albtraum:
Christoph Daum wird Trainer des VfB Stuttgart. Wobei selbst das noch eine positive Seite hätte: ich wäre samstags bei der Familie. Bzw. sonntags oder freitags.

Gar so viel scheint da ja nicht gefehlt zu haben.

Lieblingsspieler im aktuellen Team:
Die defensiven Mittelfeldspieler. Und ich hoffe weiterhin auf Sebastian Rudy.

Check. Rudy hat eine starke Saison gespielt.
Träsch auch, Kuzmanovic eine halbe, und Gentner ist ja Innenverteidiger.

Messer zwischen den Zähnen! Dein Lieblingsfeind:
Vom Konzept Feindschaft halte ich nicht viel, und ganz gewiss nicht beim Fußball. Dafür ist er mir zu wichtig.

Oder, um konkret zu werden: es ist mir egal, wie der KSC spielt. Es ist mir auch egal, in welcher Liga er spielt. Wenn er zufällig grade in der Bundesliga ist, sind mir die 6 Punkte für den VfB wichtig. Ansonsten habe ich weder Veranlassung noch Lust, den kleinen Nachbarn zu verunglimpfen, während der VfB gegen Dortmund, Nürnberg, Timisoara oder wen auch immer spielt.

Nichts hinzuzufügen. Ich hab nicht darauf gehofft, dass der KSC aus der zweiten Liga absteigen möge.

Dein Lieblingsspieler aller Zeiten:
Zvonimir Soldo. Asgeir Sigurvinsson. Guido Buchwald, bevor er meinte, es zähle zu den Pflichten eines Ehrenspielführers, sich mit zweifelhaften Attacken gegen den Trainer als dessen Nachfolger ins Gespräch zu bringen.

Und ja, ich war immer ein großer Bewunderer von Mehmet Scholl.

Guido Buchwald. Auf dem Weg in die dritte Liga (von unten). Glückwunsch.

Lustigster Fanchoral/Spruch der letzten Saison:
Speziell zum Saisonende war die Stimmung in der scheidenden Kurve weniger lustig als vielmehr wehmütig, manch einer sprach vom „Fado in Stuttgart“. Letztlich war „Cannstatter Kurve – wir sind die Cannstatter Kurve!“ vielleicht nicht besonders originell, aber schön, und laut, und was fürs Herz.

Lustig war’s dieses Jahr eher selten. Tradition wird siegen belustigte gleichwohl ein wenig.

Wo stehst oder sitzt Du im Stadion? Und warum?
Erst stehe ich mit einer Wurst beim PSV, dann in der, nun ja, Untertürkheimer Kurve. Warum? Weil die Cannstatter Kurve umgebaut wird.

Zugegeben: hier lag ich falsch. Wer konnte auch damit rechnen, dass der Fritz-Walter-Weg gesperrt und der PSV in eine Sackgasse verlegt würde. Also am Schlienz. Und danach in der gefühlten Cannstatter Kurve.

Auf dieses Auswärtsspiel freust Du Dich besonders:
17. Mai 2011, Dublin, Lansdowne Road.

Der Gegner steht noch nicht fest.

Völlig überraschend wurde das Spiel nicht nur auf den 18. verschoben, sondern die Uefa lud auch noch, einer iberischen Quote folgend, zwei portugiesische Mannschaften ein. Der VfB war immerhin auch gegen Potrugiesen ausgeschieden (auch wenn in beiden Spielen bei Benfica nur je einer in der Startelf stand und einer eingewechselt wurde). Wird wohl dennoch schwierig, meine Prognose in einen Treffer umzuinterpretieren.

Du wirst überraschend zum Doppelpass eingeladen. Deine Traumbesetzung für die anderen Sessel?
Steffen Simon, Udo Lattek, Christoph Daum, Raimund Hinko, Dr. Theo Zwanziger, Manfred Breuckmann.

Ach nee, ich hab die Frage falsch verstanden. Nochmal:
Kai Pahl, Raphael Honigstein, Trainer Baade, Christian Gross, Klaus Allofs, Christian Eichler (Eichler, nicht Eichner)

Wurde auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Holt der FC Bayern das Quadrupel? Oder wer wird Meister?
Quadrupel? Fuji-Cup, Hallen-Masters, T-Home-Supercup, Champions League? Einverstanden.

Um die Meisterschaft streiten dann Bremen, Leverkusen und der VfB.

Zwei Punkte: Bayern ist nicht Meister, Leverkusen hat ein wenig drum gestritten. Immerhin.

Fast Noch nicht gerettet

Ja, fast gerettet, so tönt es aus allen Ecken. Per Twitter erreichen die VfB-Sympathisanten Glückwünsche zum Klassenerhalt, die Zeitungen schlagen in die gleiche Kerbe, in irgendeinem Zeitungsbericht wurde der Abstand zu Eintracht Frankfurt auch gleich einmal auf 6 Punkte erhöht. Wäre schön, dann bräuchte man sich wirklich keine Sorgen mehr zu machen.

Tatsächlich sind es aber bekanntlich nur 5 Punkte. Sicher, die Frankfurter erwecken nicht den Eindruck, noch zweimal gewinnen zu können, aber wir wissen ja alle, wie das in dieser Saison so ist mit den Tendenzen. Und dann gewinnt die Eintracht gegen Köln, der Noch-immer-Champions-League-Kandidat Hannover gewinnt beim Noch-immer-Abstiegskandidaten Stuttgart, der dann beim Auch-dann-noch-Champions-League-Kandidaten in München die Saison beschließt, während die Eintracht zu den Längst-Meistern fährt.

Weshalb ich mir mal angesehen habe, wie sich Längst-Meister in der Regel so schlagen. Demnach könnte der VfB von Glück reden, dass es sich bei besagtem Längst-Meister nicht um die Bremer handelt, die von ihren insgesamt sechs Spielen, die sie als feststehender Titelträger bestritten, sage und schreibe vier verloren: zwei im Jahr 1988, zwei weitere 2004. Nur der HSV ist, rein prozentual, noch schlechter, hat er doch seine einzige Partie als bereits sicherer Deutscher Meister im Jahr 1979 gegen die Bayern verloren. Besagte Bayern haben mit weitem Abstand die meisten dieser eher lästigen Spiele bestritten, nämlich 29. 20 Siege, 5 Unentschieden und 4 Niederlagen sind eine sehr respektable Bilanz. Eine hundertprozentige Siegquote haben Gladbach (3/3), Nürnberg (1/1) und, tada!, Dortmund: der Meister 2011 durfte am 34. Spieltag der Saison 1995/96 zum Schaulaufen antreten und schlug Freiburg 3:2. Folglich ziehe ich meine Bedenken zurück, auf Dortmund ist Verlass.

Es liegt mir fern, hier einen falschen Eindruck zu erwecken: ich bin sehr zuversichtlich, dass der VfB die Klasse hält. Dass Bruno Labbadias Mannschaft ein Rückrundenergebnis erzielt, das hochgerechnet… ach, lieber nicht.

Am Samstag in Hoffenheim zeigte die Mannschaft eimal mehr, dass sie nicht nur weiß, worum es geht, sondern sich auch von Rückschlägen der eher deprimierenden Art nicht aus der Bahn werfen lässt. Tasci fing sich nach einer sehr durchwachsenen Anfangsphase, Ulreich fing sich zum Glück noch etwas früher (ja, ich kreide das 1:0 beiden gleichermaßen an), zu Beginn der zweiten Hälfte kam das nötige Glück hinzu, und dann war erneut Verlass auf Cacau, Kuzmanovic und vor allem Harnik. Spätestens nach diesem Spiel wäre wohl die Frage nach meinem Spieler der Saison geklärt, wenn sie sich denn stellte. Trotz Träsch, trotz Kuzmanovic und Hajnal, trotz – hört, hört! – Ulreich.

Das haben wir gern, Herr Kamke. Den Abstiegskampf noch nicht als beendet ansehen, aber schon über die Spieler der Saison sinnieren.

Auf Pogrebnyak war übrigens eher weniger Verlass, vor dem Tor. Dennoch bin ich der Ansicht, dass seine Hereinnahme nicht nur richtig war, sondern sich auch gelohnt hat. Das Spiel des VfB war im 4-4-2 ein anderes, zwingenderes, Pogrebnyak band Abwehrspieler, Cacau hatte mehr Freiräume, Harnik war links weitaus agiler als Okazaki und ließ Andreas Beck nicht immer gut aussehen.

Was fehlt: eine Statistik darüber, wie erfolgreich Mannschaften, die drei Spieltage vor Schluss völlig unerwartet bereits sicher für den Uefa-Cup qualifiziert waren, die restlichen Spiele bestritten. Aber ich bin guter Dinge, dass Hannover die zweite Niederlage kassieren wird. Dann freue ich mich über jede Rettungsschlagzeile.

Ca-Cau! Ca-Cau! Ca-Cau!

In den Fußballstadien der Republik, und zumindest teilweise auch weit darüber hinaus, fällt es gelegentlich nicht allzu schwer, ein aus den Fußgängerzonen der industrialisierten Welt, teilweise auch darüber hinaus, bekanntes Phänomen wiederzufinden: überschaubare Differenzierung.

So wie man allerorten H&M, Zara, Pimkie oder Foot Locker findet, so stößt man auch in viel zu vielen Stadien auf „You’ll never walk alone“, auf „Steht auf, wenn Ihr irgendwas seid“ sowieso, und wenn doch mal jemand einen originellen neuen Gesang kreiert (gerne: aus der weiten Welt importiert), brauchen die Adaptionen nicht lange, um die Runde zu machen. Auch wenn ich mir mitunter etwas mehr Vielfalt wünschen würde, beklage ich das gar nicht so sehr. Hat ja auch einen Wiedererkennungswert. Und das eine oder andere Stadionding hab ich irgendwie lieb gewonnen, auch wenn es mir mitunter völlig unerklärlich ist. Die Sache mit den Aufstellungen zum Beispiel, so abgedroschen sie sein mag,  gehört für mich dazu. Das mit den Vor- und den Nachnamen meine ich. Meintewegen sogar in Einzelfällen um ein „Fußballgott“ ergänzt.

Eine Herausforderung für den gemeinen Stadionsprecher stellen dabei Brasilianer dar. Oder andere Künstler, denen der Vorname abhanden gekommen ist. Oder auch der Nachname, oder beide, weiß man ja nicht immer so genau. Christian Pitschmann, der in Stuttgart die Vornamen rufen darf, hat sich in der Vergangenheit meist damit beholfen, im Stile eines Anheizers im Boxring die Rückennummer etwas in die Länge zu ziehen „(mit der Nummer Achtzeeeeeehn“) und dann darauf zu hoffen, dass die Menge mit „Cacau!“ kontert. Am Samstag allerdings – nicht bei der Aufstellung, sondern später, nach Cacaus Toren – gingen die Gäule ein wenig mit ihm durch:

„Torschütze ist mit der Nummer 18 unser Ca!“

Und tatsächlich, da war es:

„Cau!“

Gleich noch einmal, weil’s so schön war:

„Ca!“ – „Cau!“

Und nochmal:

„Ca!“ – „Cau!“

Fühlt sich ja für mich ein wenig an wie „Hiphip!“ – „Hurra!“ oder „Zickezacke Zickezacke“ – „Hoi! Hoi! Hoi!“ (Und nein, ich will keine Hitlerjugenddebatte anzetteln). Aber egal.

Jener Ca-Cau also, den Herr Pitschmann zurecht bejubelte und bejubeln ließ, hatte zuvor, eher überraschend, ein großartiges Spiel gezeigt. Überraschend zum einen deshalb, weil weder die zurückliegenden Leistungen noch seine gesundheitlichen Probleme – weiche Leiste, Sie wissen schon – eine solche Steigerung erwarten ließen, zum anderen, weil gar keine Vertragsgespräche anstehen.

Wie auch immer: Ca-Cau zeigte sich von der ersten Minute an beweglich, engagiert, entschlossen und überhaupt nicht eigensinnig. Er erzielte das frühe Führungstor, war stets anspielbar, ging weite Wege, und belohnte sich am Ende auch noch mit dem 3:0. Schöne Geschichte, das. Wenn die Medien darauf verzichtet hätten, seine selbstlose Selbstaufopferung in den Fokus der Berichterstattung zu stellen, hätt’s zumindest mir noch mehr Spaß gemacht.

Großartig, diese erste halbe Stunde. Dass Hajnal und Kuzmanovic das Spiel verstanden haben und gelegentlich die Situation so schnell erfassen, dass sie das Spiel mit einem nicht einmal spektakulären Pass unglaublich schnell machen können, wusste man. Dass sie es in dieser Häufung auch umsetzen, war neu. Und plötzlich eröffnen sich Möglichkeiten. Durch die Mitte, wenn’s sein muss. Über Boulahrouz, auch wenn er für meine Begriffe mitunter zu früh flankte. Und vor allem über Molinaro, der zwar keinen Hleb, aber eben Kuzmanovic, Hajnal, Träsch und Ca-Cau gefunden hat. Wohingegen das Zusammenspiel mit Okazaki nach wie vor hinten und vorne nicht funktioniert. Wörtlich gesprochen.

Nicht zuletzt deshalb dürfte der Trainer am Samstag Boka gebracht haben. Was kein Fehler war. Ohne einen kausalen Zusammenhang herstellen zu wollen, fiel doch auf, dass der VfB nach einer guten Stunde das Heft wieder etwas fester in die Hand nahm. Alles andere wäre allerdings auch eher enttäuschend gewesen gegen einen HSV, dem man in keiner Phase anmerkte, dass es für ihn noch um die Uefa-Cup-Qualifikation ging. Vor dem Spiel hatte@tinneffs ausgerechnet und in seinem Blog dargestellt, dass für den HSV theoretisch noch alles drin sei: von Rang 3 bis Platz 15. Nun, an Rang 3 zeigten sie kein Interesse, und ob sie sich überhaupt nennenswert für Fußball interessierten, durfte man durchaus bezweifeln. Was vielleicht an der starken Anfangsphase des VfB lag, vielleicht aber auch auf jeden Fall so gekommen wäre.

Ähnlich offen bleibt die Antwort auf die Frage, ob Serdar Tasci alles so souverän und elegant im Griff hatte, weil der Hamburger Sturm nichts auf die Reihe brachte, oder ob der Hamburger Sturm nichts auf die Reihe brachte, weil Serdar Tasci alles so souverän und elegant im Griff hatte. Ich neige ja zu letzterem: sehr starker Auftritt von Tasci. Genau wie von Christian Träsch, der sein Minikrise vermittels doppelter Laufarbeit abgeschüttelt hat.

Genug der Lobeshymnen. Oder anders: angesichts der Leistung des HSV ist es bemerkenswert, dass dennoch auch noch eine Hymne auf Sven Ulreich gesungen werden muss, der wenig zu tun hatte, der aber in jener einen Situation, auf die es eben ankam, verhinderte, dass ein Spiel, das man deutlich gewinnen musste, plötzlich unentschieden stand. Völlig unnötig, eigentlich.

Zum Schluss muss ich noch etwas gestehen, das regelmäßige LeserInnen irritieren könnte: ich habe Gentner gefordert. Nun ja, vielleicht ist „gefordert“ ein etwas zu starker Ausdruck. In einer halbwegs realistischen Darstellung war es etwa folgendermaßen: „Ca-Cau wirkt nicht mehr spritzig, der hat sich verausgabt. Labbadia sollte wechseln. Aber wen kann er bringen? Puh. Naja, dann halt Gentner, der sollte zumindest den Ball und damit die knappe Führung halten können.“ Mein Wunsch war Herrn Labbadia (der ja gerne mal wegen seiner Einwechslungen kritisiert wird, auch von mir) Befehl, zumindest so halb. Gentner traf mit dem ersten Ballkontakt, mir war es fast peinlich, Cacau aber war noch immer auf dem Platz und sollte mich kurz darauf Fehleinschätzungen strafen. Was aber keinen interessierte, weil mein Nebenmann etwas stärker im Fokus stand, nachdem er Gentners Einwechslung lautstark und eindeutig kommentiert hatte:

„Nein. Nein. Nein! Nein! NEIN! NEIN!“

Immerhin besaß er die Größe, Gentners Treffer entspannt zu kommentieren:

„Ich sag doch immer, dass der Gentner spielen muss.“

3:0 gegen den HSV also. Fast wollte man glauben, das Thema Abstieg damit ad acta legen zu können.

Im gefühl des fast sicheren nichtabstiegs brennt das osterfeuer gleich viel freundlicher irgendwie.Sat Apr 23 20:06:16 via twicca

Wäre aber schade gewesen für all diejenigen, die sich an der Stuttgarter Zweitligakampagne zu erfreuen, sodass sie dank Kölner Schützenhilfe auch weiterhin „Niemals Zweite Liga!“ skandieren dürfen, in der Hoffnung, dass es nicht doch noch nach hinten los gehe.

Gefällt mir eigentlich, das Szenario: gegen Hannover den Klassenerhalt sichern und dann ein paar Wechselgesänge anstimmen.

„Nieder!“ – „Meier!“
„Haj! – „Nal!“
„Pitsch! – „Mann!

Bleibt zu hoffen, dass Funk oder Bah nicht zum Einsatz kommen.

Wer den ersten Fehler macht

So sieht also ein perfekter Spieltag aus.

Alle Tabellennachbarn verlieren oder einigen sich auf ein Unentschieden, das keinem hilft, während der VfB – und hier sind wir an dem Punkt, wo es normalerweise hakt – tatsächlich die Gunst der Stunde nutzt und erstmals in dieser Saison mehr als zwei Punkte zwischen sich und die Abstiegsplätze legt.

Fühlt sich irgendwie gut an, auch wenn mich das am Wochenende etwas zu oft gelesene und gehörte „Stuttgart darf durchatmen“ ziemlich irritiert. Wenn man gegen den HSV und in Hoffenheim mindestens vier Punkte holt und die anderen so weitermachen, bin ich zum Durchatmen bereit, zuvor eher nicht. Schön, dass die Spieler das ähnlich zu sehen scheinen. Im Übrigen ist es mir natürlich wichtig, mit meiner Bayern-Illusion recht zu behalten.

Leider war ich kein Teil der allem Anschein nach recht beeindruckenden Stuttgarter Delegation, die die Mannschaft in Köln unterstützte. Vielmehr saß ich in der Fußballkneipe meines Vertrauens und hörte mir an, wie schlecht dieser Japaner doch sei, der lieber bei den Amateuren spielen solle, und dass man doch den Schipplock bringen müsse, und dieser Italiener – furchtbar. Alles wie gehabt, man kennt ja seine Pappenheimer.

Fernsehsport also. Mit Tom Bayer, der dann irgendwann Mitte der zweiten Hälfte, als das Spiel weitgehend gelaufen war, die Meinung vertrat, es sei abzusehen gewesen, dass die Mannschaft, die den ersten Fehler mache, in Rückstand geraten und das Spiel verlieren würde. Nun will ich nicht auf die Stuttgarter Erfahrungen mit Führungen eingehen, die Lauterer Wunden sind noch zu frisch, aber mal im Ernst: wenn es nach den billigen Fehlern ginge, wären wir so ungefähr mit einem 10:10 in die Pause gegangen. Wenn – und nun folgt eine unrecherchierte Beispielsammlung – selbst Hajnal mehr als einen Pass über fünf oder weniger Meter dem Gegner in die Beine spielt, wenn Christian Eichner in einer harmlosen Situation aus 8 Metern nicht in der Lage ist, den eigenen Torwart anzuspielen und statt dessen eine Ecke verursacht, wenn 6 (?) Stuttgarter zusehen, wie Lukas Podolski einen Freistoß an der Strafraumgrenze schnell ausführen und Christian Clemens allein auf den Weg zu Sven Ulreich schicken darf, dann fällt es mir schwer, eine Analyse ernst zu nehmen, die ernsthaft behauptet, man habe damit rechnen müssen, dass der erste Fehler das Spiel entscheide.

Natürlich war der VfB letztlich ein verdienter Sieger, natürlich kann man die erste Halbzeit so darstellen, dass man hinten auf beiden Seiten nichts anbrennen ließ, natürlich war die Steigerung nach der Pause unverkennbar, aber weit von Not gegen Elend war das doch nicht entfernt in Halbzeit eins, oder? Von den offensiven Slapstickeinlagen der Herren Harnik und Okazaki einerseits sowie Kuzmanovic andererseits gar nicht zu reden. So läuft das halt mitunter im Abstiegskampf, da herrscht Verunsicherung, da macht man auch mal leichte Fehler, damit kann ich leben. Aber ich möchte es bitte nicht implizit mit Spielen vergleichen wissen, bei denen sich taktisch bestens geschulte und auch entsprechend agierende Mannschaften gegenseitig neutralisieren, keine Torchancen, nicht einmal minimale Freiräume zulassen und tatsächlich auf den einen Fehler warten, auf die zwei Meter falschen Laufwegs, die die Chance zum Torabschluss eröffnen.

Wie auch immer: der VfB hat also die erste Unsicherheit in der Kölner Abwehr ausgenutzt, Träsch durfte 50 Meter durch das Mittelfeld laufen, und weil sich seine Mitspieler erfolgreich darauf beschränkten, ihre Gegenspieler zu binden, schoss er halt das 1:0. Gut so. Der Doppelschlag beruhigte ungemein, der geschenkte Elfmeter tat das Übrige – schön, dass Kuzmanovic mal die Ecke wechselte.

Wer war eigentlich der letzte Stuttgarter Rechtsverteidiger vor Khalid Boulahrouz, der in einem einzigen Spiel zweimal von der Grundlinie in die Mitte passte? Hinkel? In der Tat gab es, allen Stockfehlern, Befreiungsschlägen und Fehlpässen zum Trotz, und über den reinen Kampfgeist und Siegeswillen hinaus, eine Reihe ansehnlicher Aktionen zu verzeichnen. Cacau setzte die Kollegen verschiedentlich schön in Szene, Hajnal ohnehin, in der zweiten Halbzeit bewegte auch Molinaro auf der linken Seite das eine oder andere, und Träsch hat das Formtief, das die Stuttgarter Zeitung noch am Spieltag mit der Kapitänsbürde in Verbindung brachte, mit der Binde in der Tat wieder abgegeben – ohne dass ich die Kausaliätät so sehen würde.

Gentner und Delpierre wurde zum Schluss von Bruno Labbadia vor Augen geführt, dass sie zur Mannschaft gehören, Schipplock durfte etwas länger ran, ohne allerdings das Vertrauen des Kneipenkrakeelers in Gänze zu rechtfertigen. Egal. Er hat sein Tor am Millerntor gemacht, das ist mehr, als ich mir je von ihm erhofft hatte. Wäre schön, wenn St. Pauli trotzdem vor Wolfsburg bliebe.

Die Bayern-Illusion

Der gemeine Anhänger des VfB Stuttgart gibt sich seit Wochen, vielleicht Monaten, einer Illusion hin: er glaubt tatsächlich, es könne einen Weg geben, die Saison nach dem 33. Spieltag abzuhaken. Auf dass man am 14. Mai in der Gewissheit nach München fahre, erstklassig zu bleiben. Auf dass der VfB, dem Abstieg gerade von der Schippe gesprungen, befreit aufspielen und vielleicht sogar den Bayern noch die Qualifikation für die Champions League verwehren könne. Ganz davon abgesehen, dass es mir herzlich egal ist, wer in der nächsten Saison in der Champions League antritt (möglicherweise nicht einmal das, weil ich den Bayern durchaus zutraue, den DFB dort erfolgreicher zu vertreten als Hannover 96):

Leute, das können wir vergessen. In München geht’s drum. Die Frage ist nur: worum genau? 17 vs. 16 oder 16 vs. 15?

Sicher, zuletzt dachte ich auch, dass sich in ein paar Wochen Entspannung breit machen könnte. Die Ergebnisse waren ja ganz gut, und wenn man jetzt noch ordentlich spielen würde, wäre der VfB überhaupt nicht mehr aufzuhalten. Ok, das vielleicht nicht, zumindest aber sollte es reichen, um gegen Kaiserslautern zu bestehen. Zumal man dieses „bei denen reicht die Qualität einfach nicht“ irgendwann ja fast schon selbst glaubt.

Zurück zur Illusion: es war vermessen, darauf zu hoffen, dass man sich weiterhin ohne Struktur und Einfälle von Sieg zu Sieg zu Punktgewinn wurschteln würde, es war arg optimistisch, daran zu glauben, dass die Nachlässigkeiten in der Abwehr auch in den nächsten Wochen nicht bestraft würden, es war naiv, zu erwarten, dass Sven Ulreich bis zum Saisonende nie mehr schlecht aussehen und der Mannschaft ein Spiel nach dem anderen gewinnen würde, es war weltfremd, davon auszugehen, dass Bruno Labbadia die Sache mit Christian Gentner und der Spielmacherposition irgendwann doch noch begreifen würde. Vermutlich war es zuviel des Guten, Christian Träschs absolute Zuverlässigkeit als gegeben vorauszusetzen oder zu unterstellen, dass Cristian Molinaros wieder erwachte Offensivqualitäten seine Defensivmängel stets aufwiegen würden.

Immerhin: gestern war er leicht im Plus, wenn man sich an Zählbarem orientiert, wozu ich in diesem Fall nur bedingt neige. Ein herausgeholter Elfmeter und die Vorbereitung zum 2:1 (wieder einmal so ein Treffer, der es in Deutschland leider nie zum Tor des Monats bringen wird) stehen dem 0:1 gegenüber, als er Christian Träsch ins Feuer schickte. Und einer ganzen Reihe weiterer Aktionen, deretwegen Labbadia schon nach einer Viertelstunde Arthur Boka zum Aufwärmen schickte, die aber nichts Zählbares für Kaiserslautern brachten. Auf der Negativseite steht zudem die, nun ja, ziemlich dumme Entscheidung, sich nach besagtem 2:1 aus der offensichtlichen Genugtuung heraus mit den eigenen Fans anzulegen.

Möglicherweise war es auch etwas voreilig, den neuen Zusammenhalt der Mannschaft allenthalben anzupreisen – und daran zu glauben. Natürlich hat Georg Niedermeier das Recht, im Interview darauf hinzuweisen, dass er nicht Srdjan Lakic zugeordnet gewesen sei. Wenn er die Antwort dann noch mit dem Hinweis garniert, dass er auch gerne mal so frei zum Kopfball kommen würde, dürfte er inhaltlich ebenfalls richtig liegen. Bei Frank Rost würde man in so einem Fall vielleicht sogar lobend davon reden, dass er Dinge beim Namen nennt. Mir persönlich wäre ein weichgespültes „da hat unsere Zuordnung nicht gestimmt, darüber müssen wir reden, aber intern“ lieber gewesen als der implizite Auftrag an das ZDF, den wahren Schuldigen aufzuspüren. Ja, vielleicht interpretiere ich über.

Eine andere Frage, die sich daraus ergibt, ist die, ob es wirklich sein kann, dass – wie das ZDF unterstellt und auch die Stuttgarter Zeitungen unter expliziter Berufung auf Labbadia vermelden – Martin Harnik derjenige sein sollte, der Lakic am Kopfball hindert. Sofern ich mich nicht verzählt habe, erzielte der FCK 11 seiner 40 Tore per Kopf. 6 davon verteilen sich auf 6 Spieler, die anderen 5 nickte Lakic ein. Da hätte man sich durchaus vorstellen können, einen ausgewiesenen Kopfballspezialisten gegen ihn zu stellen. Falls der tatsächlich Harnik hieß, wäre ich geneigt, oben noch ein paar Sätze zu Bruno Labbadia zu ergänzen und den bestehenden Kategorien „naiv“, „weltfremd“ bzw. „zuviel des Guten“ zuzuweisen.

Aber wie gesagt: in allererster Linie war ich selbst naiv. Als ich das Spiel gegen Kaiserslautern in der 60. Minute schon nahezu abgehakt hatte, und mit mir nicht wenige andere (nicht zuletzt die auf dem Platz), weil Kaiserslautern zuvor ja über weite Strecken genauso schlecht gewesen war wie der VfB. Als ich tatsächlich glaubte, und mit mir nicht wenige andere,  der Weg führe nun unaufhaltsam nach oben und das Thema Abstieg sei möglicherweise in drei Wochen durch. Als ich mich der Bayern-Illusion hingab.

Und wenn ich ehrlich bin, habe ich Sorge, die Qualitätsfrage demnächst noch einmal stellen zu müssen.

Hoffnungsträger Elson

Mit der Überschrift ist eigentlich alles gesagt. Elson, der Elson, der seit Januar 2005 in insgesamt 33 Spielen 4 Tore erzielt hatte, der Elson, der in dieser Saison anderthalb Spiele bestritt, ohne zu überzeugen, der Elson, der schon gefühlte 12 mal aussortiert war. Er war der einzige, dem ich zutraute, in der zweiten Halbzeit durch eine Standardsituation vielleicht doch noch so etwas wie Torgefahr zu kreieren.  Wem auch sonst?

Das heutige Spiel gegen Wolfsburg war das erste, bei dem ich mich so richtig über Bruno Labbadia geärgert habe, bzw. im Grunde hatte es ja schon lange vor dem Spiel begonnen. Konkret: als er sich dem Vernehmen nach ernsthaft darüber beklagte, dass seine Spielvorbereitung unter dem Wolfsburger Trainerwechsel gelitten habe. Selbstvertrauen hört sich so nicht an. Bei Felix Magath klang das anders. Der stellte erst einmal die diskutable These auf, der VfB werde ständig von den Schiedsrichtern bevorzugt – eine Taktik, die schon einmal aufgegangen war, mit welchem Verein auch immer. Um dann beim heutigen Spiel das Rumpelstilzchen zu geben. Von der ersten Minute an führten er und seine Mitarbeiter in schöner Regelmäßigkeit Veitstänze auf, um jedes greifbare Mitglied des Schiedsrichterteams zu beeindrucken. Als er sich dann auch noch über die Behandlungspause für den angeschlagenen Kuzmanovic echauffierte, hatte er es sich endgültig mit dem Stuttgarter Anhang verscherzt. Und ganz gewiss Wirkung erzielt.

Bruno Labbadia blieb indes ruhig. Verscherzt hatte er es sich aber auch. Bei mir. Bei den Umstehenden. Ausführlich diskutierten wir zu Spielbeginn die Frage, ob der VfB nun zu acht, zu neunt oder vielleicht doch zu zehnt antrete. Celozzi! Niedermeier! Und vor allem Gentner, der nicht nur in der Vorwoche unterirdisch gespielt hatte, sondern der sich zu allem Überfluss auch noch auf der – ok, vielleicht ist der Vergleich nicht ganz fair – Özil-Position versuchen sollte. Man hätte sich zumindest vorstellen können, Mamadou Bah anstelle von Gentner und den vor seiner Verletzung starken Khalid Boulahrouz als rechten Verteidiger in der Startelf zu sehen. Man hätte sich auch vorstellen können, Zdravko Kuzmanovic nach seiner Verletzung möglichst schnell zu ersetzen. Nun will ich nicht den guten Jérôme Boateng ins Feld führen – es war durchaus nachvollziehbar, Kuzmanovic noch einmal einen Versuch zu geben. Was es dann allerdings sollte, Elson noch ausführlich die Taktikfibel studieren zu lassen, anstatt ihn stante pede aufs Feld zu schicken, ist mir ein Rätsel. Drei Minuten vor der Pause erscheint es mir persönlich wichtiger, die volle Mannschaftsstärke zu gewährleisten, als dem elften Mann seine Laufwege und Zuordnungen zu erklären. Aber ich bin nur ein Laie. Und der Gegentreffer fiel ja auch erst, als Elson bereits auf dem Feld war.

Natürlich war es bitter, bereits zur Pause zum zweiten Mal wechseln zu müssen, nachdem man ohnehin geschwächt angetreten war. Blieb also noch genau ein Offensivwechsel, um irgendwie einen Ansatz von Torgefahr zu entwickeln. Da kann man natürlich auf die Idee kommen, den jungen Mann einzuwechseln, der eine Woche zuvor den Lucky Punch gesetzt hatte. Auch wenn er insgesamt noch arg brav wirkt und bisher nicht unbedingt durch Handlungsschnelligkeit und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor aufgefallen war. Woran es mir jedoch vor allem fehlte, war ein wenig Frechheit und Aggressivität. Jene Aggressivität, über die ich mich bei Cacau mehr als einmal geärgert habe – heute hätte ich sie mir gewünscht. Da hätte es sich ja gut getroffen, dass er auf der Bank saß.

Mir ist klar, dass man für Labbadias Entscheidungen gute Gründe ins Feld führen kann. Stefano Celozzi spielte am Millerntor eine ordentliche Partie, Boulahrouz hatte nicht nur eine verletzungsbedingte Pause hinter sich, sondern war auch als Backup für den ebenfalls angeschlagenen Tasci vorgesehen. Schipplock mag Selbstvertrauen ausgestrahlt haben, Cacau noch nicht wieder im Vollbesitz seiner Kräfte sein. Gentner mag, was weiß ich, gut trainiert haben. Und dass man zögert, Kuzmanovic durch Elson zu ersetzen, ist zweifellos nachvollziehbar. Aber insgesamt fand ich Bruno Labbadias Entscheidungen, ganz subjektiv, eher unglücklich.

Eher unglücklich, hm? Wäre schön, wenn man das auch für die Leistung der Mannschaft sagen könnte. Die war aber näher bei schlecht. Uninspiriert. Mit, wieder einmal, verheerenden Abspiel- und Abwehrfehlern. Ungewöhnlich viele Fehler bei Träsch, folgenschwere Fehler bei Celozzi und dem (heute) sonst sehr stabilen Niedermeier, mindestens ein katastrophaler Fehler bei Boulahrouz, dessen anschließende Verunsicherung nicht nur bis auf den Oberrang zu sehen war, sondern vor allem auch als Sinnbild für das Selbstvertrauen der gesamten Mannschaft gelten musste.

Dass man letztlich dennoch nicht mit leeren Händen da stand und Wolfsburg doch noch hinter sich lassen konnte, war einmal mehr den überragenden individuellen Fähigkeiten von Georg Niedermeier geschuldet, der nach einem mutigen Zuspiel von – und hier wird wieder einmal deutlich, wieso Bruno Labbadia Bundesligatrainer ist und ich nur ein mal mehr, mal weniger dilettierend über Fußball Schreibender – Christian Gentner technisch perfekt vollendete. Sven Ulreich hielt den Punkt mehrfach großartig fest.

Meine Horrorvision, die beiden Spiele gegen die grünen Ws, bzw. die weißen Ws auf gründem Grund, punktlos zu absolvieren, ist also abgewendet. Dennoch lief der Spieltag alles andere als optimal. Ein Punkt in Bremen wäre nicht nur deshalb ganz hilfreich. Oder drei.

Ob ich daran glaube? Natürlich.
Mein Hoffnungsträger heißt Elson.