Fast Noch nicht gerettet

Ja, fast gerettet, so tönt es aus allen Ecken. Per Twitter erreichen die VfB-Sympathisanten Glückwünsche zum Klassenerhalt, die Zeitungen schlagen in die gleiche Kerbe, in irgendeinem Zeitungsbericht wurde der Abstand zu Eintracht Frankfurt auch gleich einmal auf 6 Punkte erhöht. Wäre schön, dann bräuchte man sich wirklich keine Sorgen mehr zu machen.

Tatsächlich sind es aber bekanntlich nur 5 Punkte. Sicher, die Frankfurter erwecken nicht den Eindruck, noch zweimal gewinnen zu können, aber wir wissen ja alle, wie das in dieser Saison so ist mit den Tendenzen. Und dann gewinnt die Eintracht gegen Köln, der Noch-immer-Champions-League-Kandidat Hannover gewinnt beim Noch-immer-Abstiegskandidaten Stuttgart, der dann beim Auch-dann-noch-Champions-League-Kandidaten in München die Saison beschließt, während die Eintracht zu den Längst-Meistern fährt.

Weshalb ich mir mal angesehen habe, wie sich Längst-Meister in der Regel so schlagen. Demnach könnte der VfB von Glück reden, dass es sich bei besagtem Längst-Meister nicht um die Bremer handelt, die von ihren insgesamt sechs Spielen, die sie als feststehender Titelträger bestritten, sage und schreibe vier verloren: zwei im Jahr 1988, zwei weitere 2004. Nur der HSV ist, rein prozentual, noch schlechter, hat er doch seine einzige Partie als bereits sicherer Deutscher Meister im Jahr 1979 gegen die Bayern verloren. Besagte Bayern haben mit weitem Abstand die meisten dieser eher lästigen Spiele bestritten, nämlich 29. 20 Siege, 5 Unentschieden und 4 Niederlagen sind eine sehr respektable Bilanz. Eine hundertprozentige Siegquote haben Gladbach (3/3), Nürnberg (1/1) und, tada!, Dortmund: der Meister 2011 durfte am 34. Spieltag der Saison 1995/96 zum Schaulaufen antreten und schlug Freiburg 3:2. Folglich ziehe ich meine Bedenken zurück, auf Dortmund ist Verlass.

Es liegt mir fern, hier einen falschen Eindruck zu erwecken: ich bin sehr zuversichtlich, dass der VfB die Klasse hält. Dass Bruno Labbadias Mannschaft ein Rückrundenergebnis erzielt, das hochgerechnet… ach, lieber nicht.

Am Samstag in Hoffenheim zeigte die Mannschaft eimal mehr, dass sie nicht nur weiß, worum es geht, sondern sich auch von Rückschlägen der eher deprimierenden Art nicht aus der Bahn werfen lässt. Tasci fing sich nach einer sehr durchwachsenen Anfangsphase, Ulreich fing sich zum Glück noch etwas früher (ja, ich kreide das 1:0 beiden gleichermaßen an), zu Beginn der zweiten Hälfte kam das nötige Glück hinzu, und dann war erneut Verlass auf Cacau, Kuzmanovic und vor allem Harnik. Spätestens nach diesem Spiel wäre wohl die Frage nach meinem Spieler der Saison geklärt, wenn sie sich denn stellte. Trotz Träsch, trotz Kuzmanovic und Hajnal, trotz – hört, hört! – Ulreich.

Das haben wir gern, Herr Kamke. Den Abstiegskampf noch nicht als beendet ansehen, aber schon über die Spieler der Saison sinnieren.

Auf Pogrebnyak war übrigens eher weniger Verlass, vor dem Tor. Dennoch bin ich der Ansicht, dass seine Hereinnahme nicht nur richtig war, sondern sich auch gelohnt hat. Das Spiel des VfB war im 4-4-2 ein anderes, zwingenderes, Pogrebnyak band Abwehrspieler, Cacau hatte mehr Freiräume, Harnik war links weitaus agiler als Okazaki und ließ Andreas Beck nicht immer gut aussehen.

Was fehlt: eine Statistik darüber, wie erfolgreich Mannschaften, die drei Spieltage vor Schluss völlig unerwartet bereits sicher für den Uefa-Cup qualifiziert waren, die restlichen Spiele bestritten. Aber ich bin guter Dinge, dass Hannover die zweite Niederlage kassieren wird. Dann freue ich mich über jede Rettungsschlagzeile.

Ca-Cau! Ca-Cau! Ca-Cau!

In den Fußballstadien der Republik, und zumindest teilweise auch weit darüber hinaus, fällt es gelegentlich nicht allzu schwer, ein aus den Fußgängerzonen der industrialisierten Welt, teilweise auch darüber hinaus, bekanntes Phänomen wiederzufinden: überschaubare Differenzierung.

So wie man allerorten H&M, Zara, Pimkie oder Foot Locker findet, so stößt man auch in viel zu vielen Stadien auf “You’ll never walk alone”, auf “Steht auf, wenn Ihr irgendwas seid” sowieso, und wenn doch mal jemand einen originellen neuen Gesang kreiert (gerne: aus der weiten Welt importiert), brauchen die Adaptionen nicht lange, um die Runde zu machen. Auch wenn ich mir mitunter etwas mehr Vielfalt wünschen würde, beklage ich das gar nicht so sehr. Hat ja auch einen Wiedererkennungswert. Und das eine oder andere Stadionding hab ich irgendwie lieb gewonnen, auch wenn es mir mitunter völlig unerklärlich ist. Die Sache mit den Aufstellungen zum Beispiel, so abgedroschen sie sein mag,  gehört für mich dazu. Das mit den Vor- und den Nachnamen meine ich. Meintewegen sogar in Einzelfällen um ein “Fußballgott” ergänzt.

Eine Herausforderung für den gemeinen Stadionsprecher stellen dabei Brasilianer dar. Oder andere Künstler, denen der Vorname abhanden gekommen ist. Oder auch der Nachname, oder beide, weiß man ja nicht immer so genau. Christian Pitschmann, der in Stuttgart die Vornamen rufen darf, hat sich in der Vergangenheit meist damit beholfen, im Stile eines Anheizers im Boxring die Rückennummer etwas in die Länge zu ziehen “(mit der Nummer Achtzeeeeeehn”) und dann darauf zu hoffen, dass die Menge mit “Cacau!” kontert. Am Samstag allerdings – nicht bei der Aufstellung, sondern später, nach Cacaus Toren – gingen die Gäule ein wenig mit ihm durch:

“Torschütze ist mit der Nummer 18 unser Ca!”

Und tatsächlich, da war es:

“Cau!”

Gleich noch einmal, weil’s so schön war:

“Ca!” – “Cau!”

Und nochmal:

“Ca!” – “Cau!”

Fühlt sich ja für mich ein wenig an wie “Hiphip!” – “Hurra!” oder “Zickezacke Zickezacke” – “Hoi! Hoi! Hoi!” (Und nein, ich will keine Hitlerjugenddebatte anzetteln). Aber egal.

Jener Ca-Cau also, den Herr Pitschmann zurecht bejubelte und bejubeln ließ, hatte zuvor, eher überraschend, ein großartiges Spiel gezeigt. Überraschend zum einen deshalb, weil weder die zurückliegenden Leistungen noch seine gesundheitlichen Probleme – weiche Leiste, Sie wissen schon – eine solche Steigerung erwarten ließen, zum anderen, weil gar keine Vertragsgespräche anstehen.

Wie auch immer: Ca-Cau zeigte sich von der ersten Minute an beweglich, engagiert, entschlossen und überhaupt nicht eigensinnig. Er erzielte das frühe Führungstor, war stets anspielbar, ging weite Wege, und belohnte sich am Ende auch noch mit dem 3:0. Schöne Geschichte, das. Wenn die Medien darauf verzichtet hätten, seine selbstlose Selbstaufopferung in den Fokus der Berichterstattung zu stellen, hätt’s zumindest mir noch mehr Spaß gemacht.

Großartig, diese erste halbe Stunde. Dass Hajnal und Kuzmanovic das Spiel verstanden haben und gelegentlich die Situation so schnell erfassen, dass sie das Spiel mit einem nicht einmal spektakulären Pass unglaublich schnell machen können, wusste man. Dass sie es in dieser Häufung auch umsetzen, war neu. Und plötzlich eröffnen sich Möglichkeiten. Durch die Mitte, wenn’s sein muss. Über Boulahrouz, auch wenn er für meine Begriffe mitunter zu früh flankte. Und vor allem über Molinaro, der zwar keinen Hleb, aber eben Kuzmanovic, Hajnal, Träsch und Ca-Cau gefunden hat. Wohingegen das Zusammenspiel mit Okazaki nach wie vor hinten und vorne nicht funktioniert. Wörtlich gesprochen.

Nicht zuletzt deshalb dürfte der Trainer am Samstag Boka gebracht haben. Was kein Fehler war. Ohne einen kausalen Zusammenhang herstellen zu wollen, fiel doch auf, dass der VfB nach einer guten Stunde das Heft wieder etwas fester in die Hand nahm. Alles andere wäre allerdings auch eher enttäuschend gewesen gegen einen HSV, dem man in keiner Phase anmerkte, dass es für ihn noch um die Uefa-Cup-Qualifikation ging. Vor dem Spiel hatte@tinneffs ausgerechnet und in seinem Blog dargestellt, dass für den HSV theoretisch noch alles drin sei: von Rang 3 bis Platz 15. Nun, an Rang 3 zeigten sie kein Interesse, und ob sie sich überhaupt nennenswert für Fußball interessierten, durfte man durchaus bezweifeln. Was vielleicht an der starken Anfangsphase des VfB lag, vielleicht aber auch auf jeden Fall so gekommen wäre.

Ähnlich offen bleibt die Antwort auf die Frage, ob Serdar Tasci alles so souverän und elegant im Griff hatte, weil der Hamburger Sturm nichts auf die Reihe brachte, oder ob der Hamburger Sturm nichts auf die Reihe brachte, weil Serdar Tasci alles so souverän und elegant im Griff hatte. Ich neige ja zu letzterem: sehr starker Auftritt von Tasci. Genau wie von Christian Träsch, der sein Minikrise vermittels doppelter Laufarbeit abgeschüttelt hat.

Genug der Lobeshymnen. Oder anders: angesichts der Leistung des HSV ist es bemerkenswert, dass dennoch auch noch eine Hymne auf Sven Ulreich gesungen werden muss, der wenig zu tun hatte, der aber in jener einen Situation, auf die es eben ankam, verhinderte, dass ein Spiel, das man deutlich gewinnen musste, plötzlich unentschieden stand. Völlig unnötig, eigentlich.

Zum Schluss muss ich noch etwas gestehen, das regelmäßige LeserInnen irritieren könnte: ich habe Gentner gefordert. Nun ja, vielleicht ist “gefordert” ein etwas zu starker Ausdruck. In einer halbwegs realistischen Darstellung war es etwa folgendermaßen: “Ca-Cau wirkt nicht mehr spritzig, der hat sich verausgabt. Labbadia sollte wechseln. Aber wen kann er bringen? Puh. Naja, dann halt Gentner, der sollte zumindest den Ball und damit die knappe Führung halten können.” Mein Wunsch war Herrn Labbadia (der ja gerne mal wegen seiner Einwechslungen kritisiert wird, auch von mir) Befehl, zumindest so halb. Gentner traf mit dem ersten Ballkontakt, mir war es fast peinlich, Cacau aber war noch immer auf dem Platz und sollte mich kurz darauf Fehleinschätzungen strafen. Was aber keinen interessierte, weil mein Nebenmann etwas stärker im Fokus stand, nachdem er Gentners Einwechslung lautstark und eindeutig kommentiert hatte:

“Nein. Nein. Nein! Nein! NEIN! NEIN!”

Immerhin besaß er die Größe, Gentners Treffer entspannt zu kommentieren:

“Ich sag doch immer, dass der Gentner spielen muss.”

3:0 gegen den HSV also. Fast wollte man glauben, das Thema Abstieg damit ad acta legen zu können.

Im gefühl des fast sicheren nichtabstiegs brennt das osterfeuer gleich viel freundlicher irgendwie.Sat Apr 23 20:06:16 via twicca

Wäre aber schade gewesen für all diejenigen, die sich an der Stuttgarter Zweitligakampagne zu erfreuen, sodass sie dank Kölner Schützenhilfe auch weiterhin “Niemals Zweite Liga!” skandieren dürfen, in der Hoffnung, dass es nicht doch noch nach hinten los gehe.

Gefällt mir eigentlich, das Szenario: gegen Hannover den Klassenerhalt sichern und dann ein paar Wechselgesänge anstimmen.

“Nieder!” – “Meier!”
“Haj! – “Nal!”
“Pitsch! – “Mann!

Bleibt zu hoffen, dass Funk oder Bah nicht zum Einsatz kommen.

Wer den ersten Fehler macht

So sieht also ein perfekter Spieltag aus.

Alle Tabellennachbarn verlieren oder einigen sich auf ein Unentschieden, das keinem hilft, während der VfB – und hier sind wir an dem Punkt, wo es normalerweise hakt – tatsächlich die Gunst der Stunde nutzt und erstmals in dieser Saison mehr als zwei Punkte zwischen sich und die Abstiegsplätze legt.

Fühlt sich irgendwie gut an, auch wenn mich das am Wochenende etwas zu oft gelesene und gehörte “Stuttgart darf durchatmen” ziemlich irritiert. Wenn man gegen den HSV und in Hoffenheim mindestens vier Punkte holt und die anderen so weitermachen, bin ich zum Durchatmen bereit, zuvor eher nicht. Schön, dass die Spieler das ähnlich zu sehen scheinen. Im Übrigen ist es mir natürlich wichtig, mit meiner Bayern-Illusion recht zu behalten.

Leider war ich kein Teil der allem Anschein nach recht beeindruckenden Stuttgarter Delegation, die die Mannschaft in Köln unterstützte. Vielmehr saß ich in der Fußballkneipe meines Vertrauens und hörte mir an, wie schlecht dieser Japaner doch sei, der lieber bei den Amateuren spielen solle, und dass man doch den Schipplock bringen müsse, und dieser Italiener – furchtbar. Alles wie gehabt, man kennt ja seine Pappenheimer.

Fernsehsport also. Mit Tom Bayer, der dann irgendwann Mitte der zweiten Hälfte, als das Spiel weitgehend gelaufen war, die Meinung vertrat, es sei abzusehen gewesen, dass die Mannschaft, die den ersten Fehler mache, in Rückstand geraten und das Spiel verlieren würde. Nun will ich nicht auf die Stuttgarter Erfahrungen mit Führungen eingehen, die Lauterer Wunden sind noch zu frisch, aber mal im Ernst: wenn es nach den billigen Fehlern ginge, wären wir so ungefähr mit einem 10:10 in die Pause gegangen. Wenn – und nun folgt eine unrecherchierte Beispielsammlung – selbst Hajnal mehr als einen Pass über fünf oder weniger Meter dem Gegner in die Beine spielt, wenn Christian Eichner in einer harmlosen Situation aus 8 Metern nicht in der Lage ist, den eigenen Torwart anzuspielen und statt dessen eine Ecke verursacht, wenn 6 (?) Stuttgarter zusehen, wie Lukas Podolski einen Freistoß an der Strafraumgrenze schnell ausführen und Christian Clemens allein auf den Weg zu Sven Ulreich schicken darf, dann fällt es mir schwer, eine Analyse ernst zu nehmen, die ernsthaft behauptet, man habe damit rechnen müssen, dass der erste Fehler das Spiel entscheide.

Natürlich war der VfB letztlich ein verdienter Sieger, natürlich kann man die erste Halbzeit so darstellen, dass man hinten auf beiden Seiten nichts anbrennen ließ, natürlich war die Steigerung nach der Pause unverkennbar, aber weit von Not gegen Elend war das doch nicht entfernt in Halbzeit eins, oder? Von den offensiven Slapstickeinlagen der Herren Harnik und Okazaki einerseits sowie Kuzmanovic andererseits gar nicht zu reden. So läuft das halt mitunter im Abstiegskampf, da herrscht Verunsicherung, da macht man auch mal leichte Fehler, damit kann ich leben. Aber ich möchte es bitte nicht implizit mit Spielen vergleichen wissen, bei denen sich taktisch bestens geschulte und auch entsprechend agierende Mannschaften gegenseitig neutralisieren, keine Torchancen, nicht einmal minimale Freiräume zulassen und tatsächlich auf den einen Fehler warten, auf die zwei Meter falschen Laufwegs, die die Chance zum Torabschluss eröffnen.

Wie auch immer: der VfB hat also die erste Unsicherheit in der Kölner Abwehr ausgenutzt, Träsch durfte 50 Meter durch das Mittelfeld laufen, und weil sich seine Mitspieler erfolgreich darauf beschränkten, ihre Gegenspieler zu binden, schoss er halt das 1:0. Gut so. Der Doppelschlag beruhigte ungemein, der geschenkte Elfmeter tat das Übrige – schön, dass Kuzmanovic mal die Ecke wechselte.

Wer war eigentlich der letzte Stuttgarter Rechtsverteidiger vor Khalid Boulahrouz, der in einem einzigen Spiel zweimal von der Grundlinie in die Mitte passte? Hinkel? In der Tat gab es, allen Stockfehlern, Befreiungsschlägen und Fehlpässen zum Trotz, und über den reinen Kampfgeist und Siegeswillen hinaus, eine Reihe ansehnlicher Aktionen zu verzeichnen. Cacau setzte die Kollegen verschiedentlich schön in Szene, Hajnal ohnehin, in der zweiten Halbzeit bewegte auch Molinaro auf der linken Seite das eine oder andere, und Träsch hat das Formtief, das die Stuttgarter Zeitung noch am Spieltag mit der Kapitänsbürde in Verbindung brachte, mit der Binde in der Tat wieder abgegeben – ohne dass ich die Kausaliätät so sehen würde.

Gentner und Delpierre wurde zum Schluss von Bruno Labbadia vor Augen geführt, dass sie zur Mannschaft gehören, Schipplock durfte etwas länger ran, ohne allerdings das Vertrauen des Kneipenkrakeelers in Gänze zu rechtfertigen. Egal. Er hat sein Tor am Millerntor gemacht, das ist mehr, als ich mir je von ihm erhofft hatte. Wäre schön, wenn St. Pauli trotzdem vor Wolfsburg bliebe.

Die Bayern-Illusion

Der gemeine Anhänger des VfB Stuttgart gibt sich seit Wochen, vielleicht Monaten, einer Illusion hin: er glaubt tatsächlich, es könne einen Weg geben, die Saison nach dem 33. Spieltag abzuhaken. Auf dass man am 14. Mai in der Gewissheit nach München fahre, erstklassig zu bleiben. Auf dass der VfB, dem Abstieg gerade von der Schippe gesprungen, befreit aufspielen und vielleicht sogar den Bayern noch die Qualifikation für die Champions League verwehren könne. Ganz davon abgesehen, dass es mir herzlich egal ist, wer in der nächsten Saison in der Champions League antritt (möglicherweise nicht einmal das, weil ich den Bayern durchaus zutraue, den DFB dort erfolgreicher zu vertreten als Hannover 96):

Leute, das können wir vergessen. In München geht’s drum. Die Frage ist nur: worum genau? 17 vs. 16 oder 16 vs. 15?

Sicher, zuletzt dachte ich auch, dass sich in ein paar Wochen Entspannung breit machen könnte. Die Ergebnisse waren ja ganz gut, und wenn man jetzt noch ordentlich spielen würde, wäre der VfB überhaupt nicht mehr aufzuhalten. Ok, das vielleicht nicht, zumindest aber sollte es reichen, um gegen Kaiserslautern zu bestehen. Zumal man dieses “bei denen reicht die Qualität einfach nicht” irgendwann ja fast schon selbst glaubt.

Zurück zur Illusion: es war vermessen, darauf zu hoffen, dass man sich weiterhin ohne Struktur und Einfälle von Sieg zu Sieg zu Punktgewinn wurschteln würde, es war arg optimistisch, daran zu glauben, dass die Nachlässigkeiten in der Abwehr auch in den nächsten Wochen nicht bestraft würden, es war naiv, zu erwarten, dass Sven Ulreich bis zum Saisonende nie mehr schlecht aussehen und der Mannschaft ein Spiel nach dem anderen gewinnen würde, es war weltfremd, davon auszugehen, dass Bruno Labbadia die Sache mit Christian Gentner und der Spielmacherposition irgendwann doch noch begreifen würde. Vermutlich war es zuviel des Guten, Christian Träschs absolute Zuverlässigkeit als gegeben vorauszusetzen oder zu unterstellen, dass Cristian Molinaros wieder erwachte Offensivqualitäten seine Defensivmängel stets aufwiegen würden.

Immerhin: gestern war er leicht im Plus, wenn man sich an Zählbarem orientiert, wozu ich in diesem Fall nur bedingt neige. Ein herausgeholter Elfmeter und die Vorbereitung zum 2:1 (wieder einmal so ein Treffer, der es in Deutschland leider nie zum Tor des Monats bringen wird) stehen dem 0:1 gegenüber, als er Christian Träsch ins Feuer schickte. Und einer ganzen Reihe weiterer Aktionen, deretwegen Labbadia schon nach einer Viertelstunde Arthur Boka zum Aufwärmen schickte, die aber nichts Zählbares für Kaiserslautern brachten. Auf der Negativseite steht zudem die, nun ja, ziemlich dumme Entscheidung, sich nach besagtem 2:1 aus der offensichtlichen Genugtuung heraus mit den eigenen Fans anzulegen.

Möglicherweise war es auch etwas voreilig, den neuen Zusammenhalt der Mannschaft allenthalben anzupreisen – und daran zu glauben. Natürlich hat Georg Niedermeier das Recht, im Interview darauf hinzuweisen, dass er nicht Srdjan Lakic zugeordnet gewesen sei. Wenn er die Antwort dann noch mit dem Hinweis garniert, dass er auch gerne mal so frei zum Kopfball kommen würde, dürfte er inhaltlich ebenfalls richtig liegen. Bei Frank Rost würde man in so einem Fall vielleicht sogar lobend davon reden, dass er Dinge beim Namen nennt. Mir persönlich wäre ein weichgespültes “da hat unsere Zuordnung nicht gestimmt, darüber müssen wir reden, aber intern” lieber gewesen als der implizite Auftrag an das ZDF, den wahren Schuldigen aufzuspüren. Ja, vielleicht interpretiere ich über.

Eine andere Frage, die sich daraus ergibt, ist die, ob es wirklich sein kann, dass – wie das ZDF unterstellt und auch die Stuttgarter Zeitungen unter expliziter Berufung auf Labbadia vermelden – Martin Harnik derjenige sein sollte, der Lakic am Kopfball hindert. Sofern ich mich nicht verzählt habe, erzielte der FCK 11 seiner 40 Tore per Kopf. 6 davon verteilen sich auf 6 Spieler, die anderen 5 nickte Lakic ein. Da hätte man sich durchaus vorstellen können, einen ausgewiesenen Kopfballspezialisten gegen ihn zu stellen. Falls der tatsächlich Harnik hieß, wäre ich geneigt, oben noch ein paar Sätze zu Bruno Labbadia zu ergänzen und den bestehenden Kategorien “naiv”, “weltfremd” bzw. “zuviel des Guten” zuzuweisen.

Aber wie gesagt: in allererster Linie war ich selbst naiv. Als ich das Spiel gegen Kaiserslautern in der 60. Minute schon nahezu abgehakt hatte, und mit mir nicht wenige andere (nicht zuletzt die auf dem Platz), weil Kaiserslautern zuvor ja über weite Strecken genauso schlecht gewesen war wie der VfB. Als ich tatsächlich glaubte, und mit mir nicht wenige andere,  der Weg führe nun unaufhaltsam nach oben und das Thema Abstieg sei möglicherweise in drei Wochen durch. Als ich mich der Bayern-Illusion hingab.

Und wenn ich ehrlich bin, habe ich Sorge, die Qualitätsfrage demnächst noch einmal stellen zu müssen.

Hoffnungsträger Elson

Mit der Überschrift ist eigentlich alles gesagt. Elson, der Elson, der seit Januar 2005 in insgesamt 33 Spielen 4 Tore erzielt hatte, der Elson, der in dieser Saison anderthalb Spiele bestritt, ohne zu überzeugen, der Elson, der schon gefühlte 12 mal aussortiert war. Er war der einzige, dem ich zutraute, in der zweiten Halbzeit durch eine Standardsituation vielleicht doch noch so etwas wie Torgefahr zu kreieren.  Wem auch sonst?

Das heutige Spiel gegen Wolfsburg war das erste, bei dem ich mich so richtig über Bruno Labbadia geärgert habe, bzw. im Grunde hatte es ja schon lange vor dem Spiel begonnen. Konkret: als er sich dem Vernehmen nach ernsthaft darüber beklagte, dass seine Spielvorbereitung unter dem Wolfsburger Trainerwechsel gelitten habe. Selbstvertrauen hört sich so nicht an. Bei Felix Magath klang das anders. Der stellte erst einmal die diskutable These auf, der VfB werde ständig von den Schiedsrichtern bevorzugt – eine Taktik, die schon einmal aufgegangen war, mit welchem Verein auch immer. Um dann beim heutigen Spiel das Rumpelstilzchen zu geben. Von der ersten Minute an führten er und seine Mitarbeiter in schöner Regelmäßigkeit Veitstänze auf, um jedes greifbare Mitglied des Schiedsrichterteams zu beeindrucken. Als er sich dann auch noch über die Behandlungspause für den angeschlagenen Kuzmanovic echauffierte, hatte er es sich endgültig mit dem Stuttgarter Anhang verscherzt. Und ganz gewiss Wirkung erzielt.

Bruno Labbadia blieb indes ruhig. Verscherzt hatte er es sich aber auch. Bei mir. Bei den Umstehenden. Ausführlich diskutierten wir zu Spielbeginn die Frage, ob der VfB nun zu acht, zu neunt oder vielleicht doch zu zehnt antrete. Celozzi! Niedermeier! Und vor allem Gentner, der nicht nur in der Vorwoche unterirdisch gespielt hatte, sondern der sich zu allem Überfluss auch noch auf der – ok, vielleicht ist der Vergleich nicht ganz fair – Özil-Position versuchen sollte. Man hätte sich zumindest vorstellen können, Mamadou Bah anstelle von Gentner und den vor seiner Verletzung starken Khalid Boulahrouz als rechten Verteidiger in der Startelf zu sehen. Man hätte sich auch vorstellen können, Zdravko Kuzmanovic nach seiner Verletzung möglichst schnell zu ersetzen. Nun will ich nicht den guten Jérôme Boateng ins Feld führen – es war durchaus nachvollziehbar, Kuzmanovic noch einmal einen Versuch zu geben. Was es dann allerdings sollte, Elson noch ausführlich die Taktikfibel studieren zu lassen, anstatt ihn stante pede aufs Feld zu schicken, ist mir ein Rätsel. Drei Minuten vor der Pause erscheint es mir persönlich wichtiger, die volle Mannschaftsstärke zu gewährleisten, als dem elften Mann seine Laufwege und Zuordnungen zu erklären. Aber ich bin nur ein Laie. Und der Gegentreffer fiel ja auch erst, als Elson bereits auf dem Feld war.

Natürlich war es bitter, bereits zur Pause zum zweiten Mal wechseln zu müssen, nachdem man ohnehin geschwächt angetreten war. Blieb also noch genau ein Offensivwechsel, um irgendwie einen Ansatz von Torgefahr zu entwickeln. Da kann man natürlich auf die Idee kommen, den jungen Mann einzuwechseln, der eine Woche zuvor den Lucky Punch gesetzt hatte. Auch wenn er insgesamt noch arg brav wirkt und bisher nicht unbedingt durch Handlungsschnelligkeit und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor aufgefallen war. Woran es mir jedoch vor allem fehlte, war ein wenig Frechheit und Aggressivität. Jene Aggressivität, über die ich mich bei Cacau mehr als einmal geärgert habe – heute hätte ich sie mir gewünscht. Da hätte es sich ja gut getroffen, dass er auf der Bank saß.

Mir ist klar, dass man für Labbadias Entscheidungen gute Gründe ins Feld führen kann. Stefano Celozzi spielte am Millerntor eine ordentliche Partie, Boulahrouz hatte nicht nur eine verletzungsbedingte Pause hinter sich, sondern war auch als Backup für den ebenfalls angeschlagenen Tasci vorgesehen. Schipplock mag Selbstvertrauen ausgestrahlt haben, Cacau noch nicht wieder im Vollbesitz seiner Kräfte sein. Gentner mag, was weiß ich, gut trainiert haben. Und dass man zögert, Kuzmanovic durch Elson zu ersetzen, ist zweifellos nachvollziehbar. Aber insgesamt fand ich Bruno Labbadias Entscheidungen, ganz subjektiv, eher unglücklich.

Eher unglücklich, hm? Wäre schön, wenn man das auch für die Leistung der Mannschaft sagen könnte. Die war aber näher bei schlecht. Uninspiriert. Mit, wieder einmal, verheerenden Abspiel- und Abwehrfehlern. Ungewöhnlich viele Fehler bei Träsch, folgenschwere Fehler bei Celozzi und dem (heute) sonst sehr stabilen Niedermeier, mindestens ein katastrophaler Fehler bei Boulahrouz, dessen anschließende Verunsicherung nicht nur bis auf den Oberrang zu sehen war, sondern vor allem auch als Sinnbild für das Selbstvertrauen der gesamten Mannschaft gelten musste.

Dass man letztlich dennoch nicht mit leeren Händen da stand und Wolfsburg doch noch hinter sich lassen konnte, war einmal mehr den überragenden individuellen Fähigkeiten von Georg Niedermeier geschuldet, der nach einem mutigen Zuspiel von – und hier wird wieder einmal deutlich, wieso Bruno Labbadia Bundesligatrainer ist und ich nur ein mal mehr, mal weniger dilettierend über Fußball Schreibender – Christian Gentner technisch perfekt vollendete. Sven Ulreich hielt den Punkt mehrfach großartig fest.

Meine Horrorvision, die beiden Spiele gegen die grünen Ws, bzw. die weißen Ws auf gründem Grund, punktlos zu absolvieren, ist also abgewendet. Dennoch lief der Spieltag alles andere als optimal. Ein Punkt in Bremen wäre nicht nur deshalb ganz hilfreich. Oder drei.

Ob ich daran glaube? Natürlich.
Mein Hoffnungsträger heißt Elson.