Falsche Weichenstellung in den Achtzigern

Am Samstag sprach ich mit meinem Freund Thomas. Eigentlich heißt er gar nicht Thomas, das ist eher so ein fußballbezogener Ehrenname, tut aber auch nichts weiter zur Sache. Wir telefonieren nicht allzu oft, ein paarmal im Jahr, wenn überhaupt, und sprechen über großen und kleinen Fußball – im Idealfall über ein gemeinsam zu bestreitendes Spiel oder Turnier –, ein bisschen über die Familie und gelegentlich über Autos. Weil er sich da auskennt und ich nicht. Über Alkohol reden wir nie, wie er am Samstag nicht ohne Bedauern in der Stimme feststellte. Da kenne ich mich noch weniger aus als mit Autos.

In der Tat verabredeten wir auch am Samstag ein gemeinsames Spiel, irgendwann im Sommer, kleiner Fußball also, und kamen dann nicht umhin, kurz über dessen große Variante zu reden, über seine Hoffnung auf einen Freiburger Sieg, über die unmittelbar bevorstehenden Spiele der Nürnberger und der Braunschweiger, und auch über die freitägliche Punkteteilung in Hannover, die zu jenem Zeitpunkt aus Stuttgarter Sicht noch nicht so recht einzuordnen war.

Und während ich noch im Verborgenen sinnierte, wie es hatte dazu kommen können, dass der gemeine VfB-Fan erneut am drittletzten Spieltag zwischen Hoffen und Bangen die Spiele der anderen Abstiegskandidaten verfolgen musste, und wann und wie beim VfB alles den Bach hinunter gegangen war, nahm Thomas die Schuppen von meinen Augen: die Schuld liege bei Helmut Roleder.

Dem oder der gemeinen Mitlesenden mag diese Erklärung nicht auf Anhieb genügen; wer indes wie ich das eine oder andere Jahr mit ihm, Thomas, nicht Helmut, die Kabine teilte, weiß um die Schüsse von der Strafraumlinie, die Roleder ihm im Dutzend in den Winkel setzte. Ihm, dem hoffnungsvollen Nachwuchstorhüter aus der Provinz, damals, Mitte der Achtziger. So fuhr er wieder heim und kickte weiterhin mit meinesgleichen.

Jene Demut, die Roleder ihn damals lehrte, hat sich indes zwischenzeitlich wieder verflüchtigt. Und so ließ er mich am Samstag wissen, dass alles anders gekommen wäre, hätte man ihn nicht so schnöde abserviert, damals. Meine Worte, nicht seine.

Möglicherweise hätte er 1992 als Nachwuchshüter auf der Bank gesessen und Jovica Simanić in eine Unterhaltung verwickelt, die Herr Daum nicht zu unterbrechen gewagt hätte. Oder 2003 als alter Fahrensmann Meiras Eigentor gegen Chelsea verhindert und am letzten Spieltag in Leverkusen 0:0 gespielt. Manuel Fischer, jetzt schon als Torwarttrainer und guter Geist, an die Hand genommen und auf den rechten Weg geführt. Und 2011 wäre er vermutlich an Roleders statt gegen Gerd E. Mäuser angetreten, hätte dessen Wahlergebnis pulverisiert und ihn lächelnd nach Kroatien geschickt.

Oder so ähnlich. Auf jeden Fall wäre alles gut geworden. Hannover hätte man am Freitag deutlich geschlagen und so dem Spiel vom kommenden Wochenende die Brisanz genommen, weil Wolfsburg dem VfB den Champions-League-Platz auch rechnerisch nicht mehr hätte streitig machen können.

Dass es, zumindest aus Stuttgarter Sicht, auch in der jetzigen Situation nicht mehr brisant sei, hört man an der einen oder anderen Ecke, insbesondere zwischen den Zeilen. Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Zu oft haben sich im Lauf der Saison zu viele Blätter gewendet. Oder, ehrlicher ausgedrückt, meine Einschätzungen als völlig realitätsfremd erwiesen. So zum Beispiel jene vom 4. Spieltag, als ich das Braunschweiger Spiel vor Ort in Hamburg sah und den Aufsteiger als schlichtweg nicht konkurrenzfähig betrachtete. Tatsächlich begegnet er nicht nur dem buckligen HSV längst auf Augenhöhe.

Von der spätsommerlichen, auch noch herbstlichen Gewissheit, dass der VfB nicht in die Abstiegszone gerate, will ich gar nicht reden. Wohl aber von der Überzeugung, dass der Club mit Verbeek die Kurve bekommen habe und sich relativ souverän in den gesicherten Tabellenbereich hineinbewegen werde. Dass Slomka den HSV noch weit nach oben führen werde (erneut geblendet von einem Besuch im Volkspark, diesmal beim 3:0 gegen Dortmund). Oder davon, dass Freiburg sich nicht mehr berappeln werde. Dass Hannover ohne jeden Zweifel nun doch durchgereicht und hinter dem Nachbarn landen werde. Und wie sollte der VfB sich retten, wenn er in den letzten vier Spielen gegen drei der damals ersten vier Mannschaften spielen würde?

All das war falsch, und so bleibt nur zu hoffen, dass auch die im letzten Satz implizit geäußerte These bereits am Wochenende widerlegt wird. Wenn sich das Blatt nicht doch noch einmal wendet. Der Gedanke, am letzten Spieltag auf einen Punktgewinn der möglicherweise bereits fix auf Platz sieben stehenden Mainzer gegen den HSV hoffen zu müssen, oder aber auf einen des VfB in München, ist kein schöner. Und seien wir ehrlich: bei HSV-Bayern am Samstag ist nun wahrlich alles möglich. Binsenweisheit, eh klar, aber wer will gerade jetzt einschätzen, ob sich der FC Bayern gegen den HSV mit Toren abreagiert oder apathisch über den Platz spaziert.

Es ist ebenso wohlfeil wie ehrlich, zuzugeben, dass ich an dieser Stelle unwillkürlich und ungeplant an einzelne ungenannte Münchner Spieler dachte. Ein bitterer Abend war das heute, gestern, wann auch immer dieser Text online geht, also am Dienstag halt. Ein bitterer Abend für Xabi Alonso, dem ich das verpasste Finale wahrlich nicht gönne, und ein bitteres europäisches Ende einer phasenweise brillanten, ja begeisternden Saison für den FC Bayern. Noch vor wenigen Wochen hätte ich nicht für möglich gehalten, dass der Titelverteidiger chancenlos ausscheiden würde, und noch zu Beginn des Rückspiels hätte ich fünf Tore Differenz in diesem Halbfinale wohl als unvorstellbar bezeichnet.

Noch zu Spielbeginn schien mir allerdings auch unvorstellbar, dass ich neunzig Minuten später den Hut vor Pepe, jenem Pepe, dessen Verhalten auf dem Platz ich seit Jahr und Tag für verachtenswert halte, ziehen würde, der das Spiel nicht entschieden hat, gewiss, der mich aber nachhaltig beeindruckt hat, indem er seinen Fuß immer noch irgendwie dazwischen bekam, fast wie Martin bei mir im Mittwochskick, wenn er einen guten Tag hat, aber der hat auch verdammt lange Beine.

Am Ende (na ja, fast) eines wieder einmal ohne roten Faden mäandernden Beitrages darf ich vielleicht noch einmal auf einen etwas älteren, etwas weniger mäandernden Text verweisen, der der geschätzte Herr @lizaswelt über die Maßen gelobt und drüben bei Fokus Fussball als Fußballblogbeitrag des Monats März vorgeschlagen hat.

Die Abstimmung läuft noch, Siegchancen habe ich völlig zurecht keine mehr, aber vielleicht möchte der eine oder die andere geneigte Mitlesende noch ein paar tolle Texte durchlesen bzw. anhören und eine Präferenz zum Ausdruck bringen. Ersteres geht noch länger und ist meines Erachtens auch wichtiger, Letzteres nur noch bis Mittwoch, 30. 4., 18 Uhr. Und ist auch wichtig, klar, weil es Fokus Fussball unterstützt, irgendwie.

Und ganz am Ende dann doch noch die nagende Frage, wie es dazu kommen konnte, dass Cacau den nicht reingemacht hat.

Rote Bullen, detailliert gecovert

Es gibt gute Gründe, die 11Freunde zu mögen. Vermutlich gibt es gute Gründe, sie nicht zu mögen. Ganz bestimmt gibt es Gründe dafür, dass ich in den letzten Monaten eine Reihe der Hefte eher rudimentär gelesen habe, und ich will damit nicht einmal einen Qualitätsverlust andeuten, sondern lediglich den Umstand, dass sich Prioritäten phasenweise, manchmal auch dauerhaft, verschieben können.

Mein aktueller Grund, die 11Freunde ganz besonders zu mögen, ist – nicht zum ersten Mal – ein Cover. Ja, es hat schon wieder einen Bayern-Bezug, stimmt, aber damit kann ich umgehen, gerade beim Quasi-Saison-Sonderheft, wo ich dem Meister der Vorrunde durchaus ein naturgegeben erscheinendes Vorrecht zugestehen würde. Was mir, neben den „Bullen“ auf der Beifahrertür, vor allem gefällt, ist die implizite Aufforderung an mich, endlich wieder Breaking Bad zu schauen:

11freunde_sonderheft2013

Daneben verblassen gewiss alle anderen Gründe; einen möchte ich gleichwohl noch nennen: das BloggerInnen-Sonderheft. Ebenfalls zum wiederholten Male. Einfach weil ich mich freue, dass da einige Onlinemenschen auch mal gedruckt zu Wort kommen, die ich sehr gerne im Netz lese, oder vielleicht auch bisher nicht gelesen habe, die mich nun aber neugierig gemacht haben, vermutlich auch einige, die ich auch weiterhin nicht lesen werde (phasenweise oder dauerhafte Prioritäten, Sie wissen schon). An dieser Stelle wäre eine Diskussion darüber denkbar, was man von der Formulierung „jemanden lesen“ halten mag oder auch soll.

In aller vorgeschobenen Bescheidenheit und nicht gänzlich frei von Narzissmus weise ich an dieser Stelle etwas verschämt darauf hin, dass auch ich selbst ein paar Sätze zu diesem Heftchen beitragen durfte. Und weil Redaktionen nun mal so funktionieren, wie sie funktionieren, sind einige meiner Einschätzungen zur Bundesliga im Allgemeinen und zum VfB im Besonderen der Schere zum Opfer gefallen oder ein wenig optimiert worden, was dann ja im Einzelfall auch den Zungenschlag ein wenig verändern mag.

Hier meine komplette Rohversion:

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Die neue Saison wird legendär, weil:
… wir, wie immer, gar nichts anderes akzeptieren würden.

Wenn ich an die vergangene Saison denke, dann…
…stelle ich fest, dass sich eine Grundwahrheit des Fußballs wieder einmal bestätigt hat: die Tabelle lügt nicht. „Gleichwohl“, so murmle ich vor mich hin, „scheint sie dem in Stuttgart gespielten Fußball ein bisschen zu schmeicheln. B-Noten-Absteiger!“

Wenn ich einen durchgeknallten russischen Milliardär kennenlerne, kaufe ich meinem Klub …
… in all meiner Naivität noch immer ab, dass er sich nicht mit durchgeknallten russischen Milliardären einlassen wird.

Mein schlimmster Albtraum:
Gerd E. Mäuser fährt, huldvoll winkend, auf einem kroatischen Powerboot in das Neckarstadion ein. Das willfährige Volk erhebt sich ehrerbietig. Mäuser streicht sich zufrieden über den Schnurrbart und singt: „I did it the Stuttgart way.“

Mein Held vergangener Jahre:
Gerhard Mayer-Vorfelder. Manfred Haas. Erwin Staudt. Merkt man ja häufig erst hinterher.

Die lustigste Fan-Aktion der vergangenen Saison war…
…der gleichermaßen lustig wie würdevoll inszenierte Striptease zahlreicher Fußballfans in eigens vorbereiteten Zelten. Wenn es nicht so absurd gewesen wäre, hätte man es fast für echt halten können.

Auf Auswärtsfahrten darf niemals fehlen…
Tacker. Locher. Rechtsbeistand.

Ich gehe nie wieder ins Stadion, wenn…
…es irgendwann Arena heißt und einen Sponsorennamen trägt. Oder so.

Mit einer Klatschpappe kann man prima….
… über den lustigen Fächer reden, den sie (oder er) vergnügt in der Hand umherwirbelt.

Mein Verein muss an den DFB Strafe zahlen, weil wir im Stadion…
… gemeinsam mit Martin Harnik lautstark den Konsum von Alkoholika propagieren. Die Zahlung erfolgt allerdings sachgerecht an die Uefa.

Unser aktuelles Trikot ist…
…ein kleines bisschen anders. Was nicht allen zusagt. Mir schon.

Wenn Pep Guardiola im nächsten Jahr nicht mindestens vier Titel holt, dann…
… sollte man Bruno Labbadia eine Chance geben. Die hätte er verdient.

Auf diese Schlagzeile warte ich schon seit Jahren…
„Rückblende: Als Homosexualität im Fußball noch ein Aufreger war“

Diesen Fußball-Twitteraccount habe ich immer im Auge…
Transfermarkt. Immer wieder schön, wenn ein mir völlig unbekannter Name in acht verschiedenen Gerüchten auftaucht.

Der nächste Pokal im Trophäenschrank meines Klubs ist…
… der Mercedes-Benz Junior Cup. Und selbst da liegt der letzte Sieg sechs Jahre zurück. Aber vielleicht wird Harnik ja Weltmeister.

Fußball gucke ich am liebsten…
Punkt. Und zwar auf dem Sportplatz. Mit oder ohne Tribüne. Auf Rasen oder Asche. Bambini oder alte Herren. U19-Junioren oder Frauen. Fußball halt.

Die Erste Liga verlässt nach unten…
Herr Gagelmann. Manchmal muss man (hier: ich) zu seinen völlig subjektiven und willkürlichen Überzeugungen stehen. Irgendwann behalte ich recht. Und wenn’s nur altershalber ist. Den Grund habe ich übrigens längst vergessen.

 

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In den vergangenen Jahren hatten die beteiligten Blogger jeweils die Gelegenheit, drei Sonderhefte an ihre Leser zu verschenken. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob dem heuer auch so ist. Ich tu jetzt einfach mal so. Im Zweifel muss ich die Suppe dann halt selbst auslöffeln. Beziehungsweise diejenigen, die an Stelle eines Heftes dann (und nur dann!) halt ein VfB-Schweißband bekommen, oder was ich sonst halt so finde.

Es gibt da allerdings einen Pferdefuß: all diejenigen, die bis hierher gelesen haben und ganz leise bei sich dachten: „Puh, sieht gut aus. Der Text ist fast durch und ich musste immer noch keine in Form gepressten Limerickverschnitte lesen“, die muss ich enttäuschen. Die Verse kommen noch. Ansonsten kommt aber im Grunde nichts mehr. Wer also möchte, kann sich an dieser Stelle ohne Informationsverlust ausklinken.

Wer indes ein Heft ein Schweißband Ruhm und Ehre vielleicht irgendwas gewinnen will, muss da jetzt durch: drei Fünfzeiler, jeder beschreibt eine mehr oder minder bekannte Spielsituation aus der mehr oder minder weit entfernten Vergangenheit, und jeder ist für ein(e) Dings gut.

Ich darf also um Auflösung in den Kommentaren bitten, und zwar nur um je eine hinreichend konkrete Antwort pro Teilnehmer/-in. „Hinreichend konkret“ beinhaltet nicht zwingend ein exaktes Datum, wohl aber eine aussagekräftige Benennung der Situation, die Verwendung von Spielernamen und Mannschaften, Sie wissen schon.

Wer die Antworten ergoogelt, erbingt oder Telefonjoker zu Rate zieht, ist ein erbärmlicher Wicht. Oder eine ebensolche Wichtin.

Szene 1:
Erst sehn wir McAllister blassen,
dann Anderton königlich passen.
Colin Hendry wirkt tapsig,
der Jubel, hm, flapsig:
im Zahnarztstuhl hebt man die Tassen!

[Lösung. Von McAllister bis zum Zahnarztstuhl.]

Szene 2:
Die ältere Dame: erstaunt.
Das Publikum: unwirsch, es raunt.
Denn der Hüter hält alles.
Bis zum Fall eines Balles –
ein Exkusener: bestens gelaunt.

[Lösung. Nein, ich mag die Tonalität auch nicht.]

Szene 3:
Ein Mann mit elastischen Beinen
ließ Tifosi (dahoam!) bitter weinen.
Deren Stürmer: verwirrt.
Dessen Elfer: verirrt.
“Spaghetti legs!” jauchzten die Seinen.

[Lösung. Vgl. das schönere Video in den Kommentaren.]

Team Wahler

„Nun, ich fühlte mich, wie soll ich sagen, gelöst. Ja, gelöst trifft es wohl am besten. Natürlich ist das Problem mit dem Kopf und dem Gestank noch nicht gelöst, und zweifellos ist Herrn Professor Hundt zuzutrauen, den VfB in der Präsidentenfrage von der Traufe in die Traufe zu führen; meine Stimmung hat sich im Lauf der Vorwoche gleichwohl extrem verbessert, möglicherweise könnte man von einer Art Aufbruchstimmung sprechen, …“

So klang das hier im Blog vor einigen Wochen, Anfang April, nachdem der damalige Präsident gerade seinen Rücktritt angekündigt hatte. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Die Frage, ob der besagte Herr Professor Hundt den VfB in der Präsidentenfrage noch einmal irgendwohin führen kann, ist zu meiner Zufriedenheit geklärt, und allem Anschein nach herrscht bei der Bewertung dieses Sachverhalts rund um den VfB ein gewisser Konsens.

Ob es angezeigt war, so weit zu gehen, ihm die Entlastung zu verwehren, ist wohl diskutabel; emotional nachvollziehbar ist es allemal. Womit ich nicht sagen will, dass sich nicht auch rationale Gründe anführen lassen. Vor allem jenen, dass er verantwortlich ist für die Auswahl des völlig ungeeigneten ehemaligen Präsidenten, zu deren Beweggründen es kaum mehr als eine Meinung gibt.

Mittlerweile bin ich noch wesentlich gelöster als damals. Es scheint mir etwas früh, die Vergangenheit als bewältigt zu betrachten; die Weichen scheinen indes gestellt, und im Grunde mangelt es mir komplett an der Bereitschaft, mich künftig mit den Herren Mäuser oder Hundt zu befassen. (Wenn ich mich selbst diesbezüglich in den nächsten Tagen und Wochen dennoch Lügen strafe, so liegt das an den trägen Veröffentlichungszyklen dieses Blogs oder anderer Medien.)

Bernd Wahler, da scheint man sich einig zu sein, ist a priori eine sehr gute Wahl. Er selbst hat die Latte mit seinem bisherigen Auftreten bereits recht hoch gelegt, der neue Aufsichtsratsvorsitzende, der am Sonntag bei Sport im Dritten wie ein Wahlkämpfer in eigener Sache auftrat und nicht müde wurde, seine eigene Vergangenheit als Spieler und VfB-Fan (da hoffentlich auch die Gegenwart) hervorzuheben, trug seinerseits ebenfalls dazu bei.

Wahler sei übrigens ein Teamplayer, hört man. Ständig. Überall. Overkill. Und plötzlich denke ich, ohne es zu wollen, und auch ohne es zu meinen, an jenen Freund, der allenthalben betonte, was für ein überzeugter Single er doch sei. Irgendwann glaubte er es möglicherweise sogar selbst.

Es liegt mir fern, und ich bin gewiss auch inhaltlich nicht in der Lage, hier und heute auf die mehr oder weniger drängenden Einzelthemen einzugehen, auf den viel zitierten „Rekordverlust“, zum Beispiel. Ein Schelm übrigens, der auf den Gedanken kommen könnte, dass das Timing für einen Rekordverlust gar nicht einmal so schlecht sei.

Weitere Diskussionsansätze böten gewiss der Vertrag mit Viagogo oder die öffentliche Wahrnehmung des VfB, auch die Frage, wie sehr man künftig „ins Risiko gehen“ will, und nicht zuletzt Überlegungen zur künftigen Struktur und Rechtsform des VfB. Wir werden all das früh genug bewerten können, und wenn ich „früh genug“ schreibe, dann meine ich in diesem Fall auch tatsächlich „früh genug“.

Denn ich nehme dem Verein, nehme Bernd Wahler ab, dass man künftig anders kommunizieren, auch anders arbeiten will, ich gehe fest von mehr Transparenz aus, vielleicht sogar von dem, was man in diesem unserem Landstrich gerne mal eine „Politik des Gehörtwerdens“ nennt – bei den Dingen, die uns alle unmittelbar angehen, wohlgemerkt, uns Fans, uns Mitglieder. Alles andere sollen kompetente Mitarbeiter entscheiden. Herr Wahler, Herr Bobic, der oder die Ticketingverantwortliche, die Marketingleitung, die Zeugwartin, der Physiotherapeut, wer auch immer. Irgendwann gilt das auch wieder für die unmittelbaren sportlichen Entscheidungen.

Ob die Wappenfrage in der Satzung verankert werden sollte, weiß ich nicht. Ich neige grundsätzlich zum Nein, weil ich glaube, dass es gute Gründe gibt, Wappen im Zeitablauf zu modifizieren, und weil ich glaube, dass diese Gründe keinen satzungsändernden Charakter zu haben brauchen.

Gleichzeitig bin ich mir der hohen emotionalen Bedeutung nicht nur des Wappens an sich, sondern der symbolträchtigen Rückkehr zum alten Wappen und, noch etwas höher einzuschätzen, der Art und Weise, wie diese Rückkehr zustande kam, sehr bewusst, und teile die Begeisterung darüber, wie der Verein – in einem Anflug von Pathos neige ich dazu, „mein“ Verein zu sagen – mit dieser Thematik umgegangen ist. Die Aufnahme in die Satzung war in diesem Kontext wohl irgendwo zwischen folgerichtig und unumgänglich anzusiedeln.

Man mag anmerken, dass die Offenheit gegenüber dem erklärten Wunsch vieler, zum Teil sehr aktiver, Fans, vor deren Engagement der letzten Jahre ich meinen Hut gar nicht tief genug ziehen kann, strategischen Überlegungen zunächst der alten Vereinsführung geschuldet war, die darin eine letzte Chance gesehen haben mag, sich doch noch im Amt an der Macht zu halten, und dann auch ihrer Nachfolger, die sich die Chance zu einem Einstieg mit Pauken und Trompeten nicht entgehen lassen konnten. (Denn nach Pauken und Trompeten sah der Jubel aus, den ich selbst entgegen der seit vielen Wochen feststehenden Terminblockierung nicht vor Ort miterleben konnte.)

Na und? Was spricht dagegen, eine Chance beim Schopf zu packen? Ihr eigener Umgang mit der Wappenfrage ist die Benchmark, an der sich die Vereinsführung fürderhin messen lassen muss. Ich glaube, sie ist klug genug, die Entwicklung der letzten Jahre zu analysieren, um zu wissen, dass die VfB-Fans in der Lage sind, ihre Interessen zu artikulieren.

Artikulieren, sagte ich übrigens, nicht durchsetzen. Weil ich es nicht für wünschenswert halte, dass die Fans all ihre Interessen durchsetzen. Weil ich, wie oben gesagt, froh bin, dass vernünftig bezahlte Leute den Verein nach bestem Wissen und Gewissen führen und sich dabei auch nicht vor jeden Karren spannen lassen.

Was ich indes nicht nur für wünschenswert halte, sondern für zwingend erforderlich: dass sich die vernünftig bezahlten Leute die einzelnen Karren genau ansehen. Dass sie den Dialog suchen und führen, dass sie gute Ideen aufgreifen und in die Beschlussgremien einspeisen, dass sie ihre Mitglieder, ihre Fans, ihr Umfeld ernst nehmen. Manches deutet darauf hin, dass sie das vorhaben. Ich bleibe gelöst.

Mandatsniederlegung

Bruno Labbadia hat es nicht leicht in diesen Tagen. Die Ergebnisse stimmen nicht, eine ästhetische Komponente ist im Spiel seiner Mannschaft nicht vorhanden, seine Verdienste werden nicht gewürdigt, die Herkunft der Mannschaft ignoriert, seine Bitte um Unterstützung durch die Fans wohl vor allem deshalb, weil sie von ihm kommt, müde belächelt, sein Kader ist nicht überwältigend, und die neuen Spieler sind eher nicht der Kategorie „Soforthilfe“ zuzuordnen.

Dies sind nur einige der Punkte, die ich mir in den Tagen vor dem Spiel gegen den HSV vor Augen führte, um mich selbst ein wenig zu besänftigen. Es gelang nur sehr bedingt, und doch griff ich des Trainers Argumente vor dem Anpfiff auf, um gegenüber meinen Mitsehern den Advocatus Labbadiae zu geben. Ich äußerte so etwas wie Verständnis dafür, dass er gegen Lazio Tamas Hajnal einwechselte, dessen Spiel jenem von Alexandru Maxim möglicherweise etwas stärker ähnelt als das von Raphael Holzhauser, ließ sogar den Hinweis, eben dieser Holzhauser sei körperlich nicht bereit für drei Spiele innerhalb einer Woche, durchgehen, ohne die Frage nach dem Verantwortlichen für den körperlichen Zustand der Spieler zu stellen, und vermied lautes Gelächter ob des gerne und von vielen Seiten ausgeschöpften komischen Potenzials, das Holzhausers Einwechslung in der 93. Minute in sich barg.

Es gelang mir ohne allzu große Überwindung, darauf hinzuweisen, dass Lazio derzeit wirklich nicht der Maßstab des VfB sein könne, unabhängig davon, ob die Italiener mit ihrer ersten Elf angetreten sind, und dabei zu betonen, dass all das Negative, das in diesem „derzeit“ mitschwingt, nur zum Teil dem Trainer anzulasten sei. Namen wie Mäuser, Ruf und Bobic fielen, selbst den Hinweis darauf, dass die Sache mit den „jungen Wilden“ auch schon vor Labbadia und Bobic nicht mehr so recht geklappt habe, ließ ich nicht außen vor. Und verstieg mich zu der Behauptung, dass mir der VfB nicht erst seit Labbadias Wirken, sondern bereits seit Jahren nicht mehr den Eindruck vermittelt habe, fußballerisch so stark und gefestigt zu sein, dass man gegen halbwegs gut organisierte Mannschaften regelmäßig nicht nur bestehen, sondern kreative Lösungen finden könne, um sie zu schlagen.

Ob ich mit meinen Argumenten zu den Zuhörern durchdrang, weiß ich nicht. Dass ich zu mir selbst nicht so recht durchdrang, kann ich indes mit Gewissheit sagen. Ich empfinde es als gewöhnungsbedürftig, wenn Bruno Labbadia einem Journalisten, der danach fragt, ob die vielen langen Bälle von ihm so gewollt seien, die Gegenfrage stellt, ob derjenige, der ihn nun seit zwei Jahren kenne, denn selbst glaube, dass der Trainer das so wolle, in der offenkundigen Absicht, ein „Nein“ zu hören. Und ich bedaure ein wenig das Ausbleiben einer Entgegnung im Sinne von:  „Offensichtlich ist das so. Oder tut die Mannschaft nicht, was Sie sagen?

Ok, das wäre billig. Und doch fällt es mir schwer, zu glauben, dass – es tut mir leid, dass ich schon wieder ihn heranziehe – Raphael Holzhauser von sich aus die Entscheidung traf, zu Spielbeginn regelmäßig sehr tiefe Positionen einzunehmen, mitunter hinter den Abwehrspielern, um von dort lange Diagonalbälle zu spielen, ehe die Verteidiger diese dann wieder selbst schlugen. Er müsse da auf die Entscheidung seiner Spieler vertrauen, oder so ähnlich, sagte Labbadia hernach, und wolle sie nicht „in den Tod reinschicken“, indem er sie zwinge, zu spielenspielenspielen, also auf besagte lange Bälle zu verzichten. Irgendwie wollte er es dann wohl doch, oder verstehe ich da was falsch?

Interessant, so eine Pressekonferenz. Die auch Klarheit darüber brachte, dass Holzhauser nicht etwa wegen der langen Bälle ausgewechselt worden war, sondern weil er, etwas verkürzt, keinen Zugriff auf das Spiel bekommen habe. Oder dass Molinaro nicht wegen der lautstarken Intervention der Zuschauer ob seiner bevorstehenden Einwechslung draußen blieb, sondern weil Harnik entgegen seiner eigenen urspünglichen Ansage doch nicht ausgewechselt werden musste. Ich will das gern glauben und hoffen, dass der VfB die nächste Stufe von deinfussballclub.stu doch noch nicht gezündet hat und die spieltaktischen Entscheidungen weiterhin denjenigen Personen obliegen, die dafür bezahlt werden. Unabhängig von der Qualität dieser Entscheidungen. (Aber ich zweifle ein bisschen.)

Vielleicht sollte ich noch sagen, dass ich nicht gut pfeifen kann. Bzw., an dieser Stelle relevanter: nicht laut. Man hätte mich also eher nicht gehört. Tatsächlich pfiff ich aber gar nicht. Ich war zu diesem Zeitpunkt längst über lautstarken Protest hinaus. Hatte mein Mandat als Advocatus Labbadiae niedergelegt. Aber wenn ich gepfiffen hätte, dann wären es Stellvertreterpfiffe gewesen. Sie hätten nicht Cristian Molinaro gegolten. Nicht einmal unbedingt dieser Auswechslung, denn ich konnte den Gedanken nachvollziehen, entweder ihn oder Boka nach vorne zu ziehen, um über links etwas zu bewegen.

Sie hätten Bruno Labbadia gegolten, für den Fußball, den er spielen lässt. Und, in meinem Fall, für sein anhaltendes Gejammer. Ich denke, mit dieser Stellvertreterregelung stehe ich keineswegs alleine da, und bin guter Dinge, dass Molinaro, ein kluger junger Mann, das sehr wohl einzuordnen weiß.

Der Umstand, dass die Zuschauer mit Blick auf Trainer und Vereinsführung noch ein wenig deutlicher wurden, erlaubt möglicherweise den Schluss, dass man ihnen diese Abstraktions- und Transferleistung nicht zutraut.

Abschließend noch kurz ein Gedanke, der mich im Lauf des Spiels befiel und bei mir blieb. Oder besser: eine Vorstellung. Ich versuche seit Mitte der ersten Halbzeit, mir vorzustellen, wie es wohl wäre, Christian Gentner in einer guten Fußballmannschaft zu sehen. In einer Mannschaft, deren Abläufe funktionieren, die taktisch auf der Höhe ist, die individuell so stark ist, dass Gentner einer von vielen guten Spielern ist und nicht der eine, der fast immer eine vernünftige Lösung findet, der mit Herzblut voranschreitet, der die langen Wege geht, das Tempo anzieht, die Linien schließt und nebenbei auch noch torgefährlich sein soll.

Gewiss, es wäre arg einfach, an dieser Stelle auf die Jahre 2009 und vor allem 2007 zu verweisen, aber als Illustration helfen sie durchaus. Schöne Vorstellung, irgendwie, für Gentner. Blöd nur, dass sie nichts mit dem VfB zu tun haben könnte.

Klogedanken

Es ist mir ein bisschen unangenehm, die Anwesenden mit Toilettengedanken zu belästigen. Aber dort nahm das alles seinen Anfang. Dort hätte ich stutzig werden sollen. Als sich ein Mann fröhlich pfeifend, ich bitte um Verzeihung für die Detailtiefe, ans Nachbarurinal gesellte und ich „My oh My“ von Slade zu erkennen glaubte. War ich in einer Zeitschleife gelandet? In den frühen Achtzigern? Wie hatte der junge Mann von so einem alten Lied gehört? Konnte das überhaupt wahr sein? Sollte ich nicht vielleicht doch nach Hause fahren und mir eine Decke über den Kopf ziehen?

Gleichzeitig waren jedoch all meine Zweifel verschwunden, ob jene Menschen, die kurz zuvor mit lustigen Hüten oder bunten Federn auf dem Kopf Après-Ski-Atmosphäre ins Neckarstadion gezaubert hatten, vielleicht doch nur ein Produkt meiner Fantasie gewesen seien – was nicht nur aus persönlicher Sicht eine gewisse Erleichterung auslöste, sondern ob der jungen und ungezwungenen Wildheit der Protagonisten, gepaart mit einer Prise schwäbischer Bodenständigkeit („“VfBe-he, isch des schee-he“), auch einmal mehr das Selbstverständnis des Vereins ganz wunderbar illustrierte.

Ein Selbstverständnis, in dem ich mich derzeit nur sehr schwer wiederfinde. Das von Lippenbekenntnissen geprägt ist, sowohl beim sportlichen Konzept als auch im Umgang mit den Fans, ein Selbstverständnis, das einer ebenso organisierten wie unverschämten Schwarzmarktabzocke namens Viagogo einen Ehrenplatz einräumt, ein Selbstverständnis, mit dem es vereinbar scheint, auf leere Ränge im Europapokal mit noch etwas stärker gesalzenen Preisen in der nächsten Runde zu reagieren, und ja, ich gebe meine Befangenheit gerne zu, ein Selbstverständnis, dessen Protagonisten nicht zuletzt Gerd E. Mäuser und Bruno Labbadia heißen. Möglicherweise zöge ich dann doch die jungen Wilden von Tekilla vor. Oder Frontal Party Pur, die Sladehuldiger.

Wie auch immer: ungeachtet meiner Toilettenzweifel blieb ich vor Ort. Die Erwartungen waren ja ohnehin überschaubar. Man wusste schließlich um die übermenschlichen Strapazen, denen die Stuttgarter Spieler ausgesetzt gewesen waren, die nach weniger als zwei Tagen (vielleicht mit entsprechender verbaler Begleitung?) gar nicht anders konnten, als die beschwerliche Reise nach Genk noch immer in den Knochen zu haben. (All denjenigen, die wider alle Wahrscheinlichkeit nicht darum wussten, seien Bruno Labbadias Einlassungen zur Wettbewerbsverzerrung im modernen Fußball ans Herz gelegt.)

Um indes der Wahrheit die Ehre zu geben: der VfB hat schon schlechter gespielt diese Saison. Deutlich schlechter. Besser auch, aber darum soll’s jetzt gar nicht so sehr gehen. Es war ein Spiel zweier durchschnittlicher Mannschaften, die – nicht nur dank zweier in der Regel funktionierender Abwehrreihen – kaum Torgefahr ausstrahlten, und von denen erst die eine, dann die andere eine gewisse Unordnung beim Gegner ausnutzte. Natürlich hätte der VfB den viel zitierten, möglicherweise längst ein wenig ausgeleierten Sack zumachen können, vielleicht müssen, aber dafür war man in den Angriffsaktionen letztlich nicht konsequent, nicht präzise, nicht glücklich genug.

Und weil das Spiel dann doch ein wenig plätscherte und sich nur zwischen und selten in den Gefahrenzonen abspielte, war zumindest die Gelegenheit gegeben, Raphael Holzhauser (hier gemeinsam mit Harnik aus österreichischer Sicht betrachtet) nach längerer Zeit mal wieder etwas genauer auf die Füße zu schauen – mit, unter anderem, der Erkenntnis, dass er zweimal zu einer Grätsche ansetzte. Hatte ich zuvor nicht von ihm gesehen, vielleicht ist da ein Prozess im Gange. Dass er für die eine der beiden Aktionen durchaus hätte verwarnt werden können, dürfte für einen eleganten Offensivspieler, der am liebsten mit einem Kontakt spielt und die vermeintlichen Niederungen des defensiven Handwerkszeugs erst noch verinnerlichen muss, nicht ganz untypisch sein; immerhin verhinderte er damit einen Konter, und auch bei der zweiten Grätsche gelang die Abwehraktion.

Tatsächlich ging gar der Ballgewinn vor dem Führungstreffer auf Holzhausers Konto, der dann noch zweimal kurz am Ball war, ehe Traoré Harniks gelungenen Versuch vollendete. Doch so wichtig Holzhausers Defensivnachbesserung auch ist: das Herz geht mir in der Offensive auf. Wenn er am Sechzehner nicht abzieht oder den Doppelpass mit Gentner spielt, sondern auf Ibisevic weiterleitet – der, so mein etwas überraschender Eindruck, gar nicht damit gerechnet hatte. Oder wenn er sich mit drei oder vier Zwei-Meter-Pässen aus einer engen Situation herausspielt und sich so, für den unbedarften Zuschauer eher unvermittelt, Platz geschaffen hat.

Genug von Holzhauser. Hatte ich übrigens auch am Samstag nach einer guten Stunde, als sein Spiel ein wenig aus dem Gleichgewicht geriet: zwar lief er jeden Konter mit (ohne sich dabei wesentlich geschickter anzustellen als die Kollegen); nach hinten aber fehlten, für den interessierten Beobachter unverkennbar, Kraft und Tempo. Der Trainer interessierte sich etwas weniger ging das Risiko ein, die Mannschaft wurde mit dem Ausgleich bestraft, Holzhauser hatte Feulner nicht folgen können. My oh my.

Wer übrigens zu jung ist, sich an das Stück zu erinnern, dem sei eine kurze Suche in den Tiefen des Netzes ans Herz gelegt. Bzw. ich bin schon mal in Vorleistung gegangen und hab’s ausgegraben (war doch 1983, oder?):
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=LpzRAyIVsBs&showinfo=0&t=2m44s]

Verzeihung. Muss mein Selbstverständnis überdenken.
Und bei den nächsten Toilettenzweifeln einfach heimgehen.

neunzehn (Pokalzugabe)

Herr Maus heißt zum Beispiel Mäuserich,
Herr Laus aber keineswegs Läuserich.
Das hab ich geklaut.*
Hab mir selbst nicht getraut.
(Sonst beleidig‘ am End‘ noch Herrn Mäuser ich.)

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* Die ersten beiden Zeilen stammen aus dem Gedicht „Deutsch ist schwer“ von Mira Lobe, das ich in der Grundschule lernen durfte. (Und abschreiben. Aber das tut hier nichts zur Sache.)

Weitere Adventsfünfzeiler gibt’s im Kalender.

Verbalbeurteilung 2012

Im abgelaufenen Jahr waren die Leistungen der Gruppe nicht nur erneut recht wechselhaft; vielmehr gelang es wiederum, durch konzentrierte Leistungen im zweiten Halbjahr ein noch vor wenigen Monaten kaum für möglich gehaltenes Abschlussniveau zu erreichen. Erstmals seit Jahren war es zudem möglich, Kontinuität beim Lehrpersonal zu gewährleisten.*

* Ein Umstand, der anderen Einrichtungen nicht vergönnt war und der sie mitunter zu ungewöhnlichen Lösungen (Pensionäre, Lehrpersonal mit fragwürdiger Ausbildung, Rückgriff auf ehemalige Schützlinge oder freigestellte Ehemalige, …) zwang.

Leider gelang es bei den jüngeren Jahrgängen wie auch bei der Ausbildungskoordination nicht, diese Kontinuität zu gewährleisten, was die Umsetzung des Leitbilds der Einrichtung, insbesondere mit Blick auf die Weiterentwicklung der nachrückenden Jahrgänge, erschwert. Eine entsprechend demütige Herangehensweise scheint geboten. Lehrpersonal und Verwaltung werden diesbezüglich auch weiterhin Beispiel gebend wirken.

Sven konnte im Lauf des Jahres mit guten, in Teilbereichen außergewöhnlichen Resultaten nicht nur die Gruppe und das Lehrpersonal von seiner Leistungsfähigkeit überzeugen. Nicht zuletzt dank zahlreicher erfolgreich absolvierter Einzelprüfungen und einer bemerkenswerten linearen Herangehensweise ist Svens Ansehen enorm gestiegen. Gelegentlich wären ihm eine höhere und stärker nach vorne gerichtete Gedankenschnelligkeit sowie ein spielerischer Umgang mit potenziell schwierigen Situationen zu wünschen. Sven erhält einen Preis. Einen hohen.

Arthurs Leistungen ließen zu keinem Zeitpunkt auf ein ernst zu nehmendes Interesse schließen, über den Sommer hinaus in der Einrichtung zu bleiben. Seine zahlreichen Fehlzeiten waren nur selten selbst gewählt, sondern meist durch das Lehrpersonal angeordnet. Angesichts eines möglichen Verbleibs aus sozialen Gründen durfte er zuletzt erneut an einigen Prüfungen teilnehmen, ohne ansprechende Leistungen zu erbringen. Zudem brachte er seinen Kameraden Sven wiederholt durch gegen diesen gerichtete Alleingänge in Bedrängnis.

Cristian gelang es auch im abgelaufenen Jahr nicht, seine teilweise sehr guten Leistungen mit der erwünschten Konstanz zu erbringen. Immer wieder vermischen sich die erfreulich offensiv vorgetragenen positiven Eindrücke mit Situationen, in denen er sich zu leicht in die Defensive drängen lässt und ein wenig den Überblick verliert. Der im Raum stehende Wechsel zu einer ausländischen Einrichtung hängt sicherlich von den Rahmenbedingungen ab, ist jedoch aus Sicht unserer Einrichtung nur bedingt zu empfehlen. Bemerkenswert ist im Übrigen Cristians konsequenter Umgang mit einschlägig bekannten Petzen.

Gotoku stieß im Winter aus einer ausländischen Einrichtung zur Gruppe und sollte aus Sicht der Leitung zunächst einen längeren Integrationskurs durchlaufen, den er aber dank außergewöhnlicher beiderseitiger Anstrengungen und einer ebensolchen Lernwilligkeit rasch abbrechen konnte, um statt dessen an exponierter Position und mit bemerkenswertem Erfolg an zahlreichen Prüfungen teilzunehmen. Im kommenden Jahr wird es, unserem Einrichtungsleitbild widersprechend, auch darum gehen, dass er vergisst, wo er herkommt, und lahme Vergleiche mit Leben füllt. Gotoku erhält ein Lob.

Khalid erbrachte in diesem Jahr verlässlich ansprechende Leistungen und konnte im Gegensatz zu den Vorjahren auch sein Interesse an einem erfolgreichen Abschluss vermitteln – sowohl am eigenen als auch an dem seiner Freunde, die er verschiedentlich vorbereitend unterstützte. Leider reichen seine Leistungen gleichwohl nicht aus, um sein Stipendium fortzuführen.

Stefano erfüllte die auf Basis seiner Vorleistungen angepassten Erwartungen in vollem Umfang. Sehr bemerkenswert ist seine Kompetenz im Bereich der sogenannten neuen Medien, die allerdings mit unserem Profil nur schwer in Einklang zu bringen ist. Gemeinsam mit der Verwaltung kam er einträchtig zu dem Schluss, die Einrichtung zu wechseln.

Antonio durfte im Lauf des Jahres erstmals an einigen Einheiten mitwirken und in einem Fall auch an einer Prüfung teilnehmen, worauf er sehr stolz war. Einem jüngeren Jahrgang entstammend, bereitete ihm dabei der Niveauunterschied noch(?) gewisse Probleme und hinderte ihn mitunter, elegantere Lösungen zu finden. Dabei ist festzustellen, dass auch der Randplatz für seine Integration gewiss nicht förderlich war.

Serdar erbrachte das gesamte Jahr über konstant und zuverlässig gute Leistungen. Erstmals gelang es ihm, sich gänzlich auf Übungseinheiten und Prüfungen zu konzentrieren, zudem hielt er die Fehlzeiten gering. Unaufgeregt trug er, spätestens im Frühjahr auch äußerlich sichtbar, Verantwortung für die Gruppe und konnte bedrohliche Situationen immer wieder mit der ihm eigenen Eleganz lösen. Dass ihm die Teilnahme an einem internationalen Sportfest verwehrt blieb, ist sehr bedauerlich und vermutlich nur einer zum Jahresende hin erlittenen Sportverletzung geschuldet. Serdar erhält einen Preis.

Georg gelang es in einer in diesem Maß unerwarteten Art und Weise – nach einem nicht zufrieden stellenden Vorjahr und einer längeren krankheitsbedingten Abwesenheit –, zum Jahreswechsel hin wieder verlässlich ansprechende Leistungen und entsprechende Prüfungsresultate zu erbringen. Seine Gruppenarbeiten mit Serdar verliefen in der Regel gleichermaßen harmonisch wie ergebnisorientiert. Sehr rasch übernahm er zudem wieder Verantwortung in der und für die Gruppe. Speziell sein häufig unterschätztes Faible für Technik setzte er dabei mitunter recht offensiv ein.

Francisco stieß vor dem abgelaufenen Jahr zur Gruppe und nahm gleich einen frei gewordenen zentralen Platz ein, was ihm die Integration deutlich erleichterte. Seine Leistungen waren von Beginn an solide; einzelne Ausrutscher, die zunächst nicht allzu sehr ins Gewicht fielen, trübten indes schon früh den Gesamteindruck. Dies setzte sich im zweiten Halbjahr nahtlos fort, sodass er nur noch seltener zu Prüfungsleistungen zugelassen werden konnte. Zuletzt handelte es sich offensichtlich um eine Kopfsache.

Matthieu hatte, zunächst krankheitsbedingt, erneut lange Fehlzeiten zu verzeichnen. Beim Versuch, das Versäumte durch Nachhilfestunden mit Jüngeren aufzuholen, schlug er leider über die Stränge und verschuldete damit weitere Fehlzeiten, die er in absehbarer Zeit nicht aufholen kann. Er wechselt daher an eine nahe gelegene traditionsreiche Einrichtung, die ihren regionalen Fokus somit weiter stärkt. Für seine langjährige Mitwirkung in den einschlägigen Gremien erhält Matthieu einen Preis.

William stieß im vergangenen Sommer zur Gruppe und beeindruckte vom ersten Tag an mit kurzen Hosen, Offenheit, Eloquenz, Humor und Ernsthaftigkeit. Speziell im ersten Halbjahr waren seine Prüfungsresultate trotz einiger Regelverstöße außerordentlich gut. Im Frühjahr machte ihm der Niveauunterschied zu seiner alten Einrichtung zeitweise ein wenig zu schaffen, zum Ende hin stabilisierte er sich wieder und nimmt derzeit an einer internationalen Sommeruniversität teil. Seine soziale Kompetenz ist beispielhaft und zeigt sich nicht zuletzt an seinem mitunter auch offensiv zur Schau getragenen Bestreben, den häufig am Rand stehenden Sven in nahezu jede Gruppenarbeit einzubeziehen.

Christian fand sich im abgelaufenen Jahr wesentlich besser zurecht als zuvor. Gerade im Sport zeigte er sich deutlich verbessert, auch unmusikalische Misstöne waren nur noch selten zu vernehmen. Er nahm am Großteil der Prüfungen teil, häufig als Nachrücker, oft mit – gelegentlich auch zählbarem – Erfolg, teilweise aber auch mit schwächeren Ergebnissen, die seiner großen Begabung nicht gerecht werden. Sein Ansehen in der Gruppe ist unverändert hoch; Verlässlichkeit, Engagement und Verantwortungsgefühl sind beispielhaft. Bemerkenswert ist zudem sein zuletzt verschiedentlich unter Beweis gestelltes Gespür für spektakuläre Abschlussprojekte.

Zdravko erzielte im abgelaufenen Jahr eher wechselhafte Ergebnisse, zeigte sich aber in kritischen Situationen einmal mehr punktgenau vorbereitet. Nach wie vor würde man sich wünschen, dass er seine Begabung noch entschlossener und vor allem schneller in entsprechende Prüfungsleistungen ummünzt. Möglicherweise wird er die Einrichtung im Sommer verlassen, um zu einer ausländischen Einrichtung zu wechseln – was mit Blick auf die anstehenden Prüfungen einen herben Verlust darstellen würde. Seinem Wunsch, sich in einem nicht nur internationalen, sondern dem Vernehmen nach auch berechenbareren Umfeld weiterzuentwickeln, trüge die Einrichtungsleitung (nach derzeitiger Quote) wohl dennoch Rechnung.

Mamadou nahm im vergangenen Jahr an sehr wenigen Prüfungen teil, was nur bedingt an Krankheiten oder der Mitwirkung bei einem internationalen Sportfest lag. Vielmehr gelang es schlichtweg nicht, seine Fähigkeiten zum Einsatz zu bringen. Anlässlich einer Sportprüfung im größtmöglichen Rahmen legte er indes, so der Übungsleiter, in einer kritischen Situation eine bemerkenswerte Ruhe an den Tag. Ein Gespräch ist erwünscht.

Tamas hatte dieses Jahr lange an dem – nicht ganz unerwarteten – Rückschritt nach einem beeindruckenden Vorjahr zu knabbern und konnte erst nach einer langen Phase ungebrochenen Fleißes wieder an einen erfolgreichen Abschluss denken – und auch seine Freunde dabei unterstützen. Ob er eine auch im neuen Jahr nicht unwahrscheinliche ähnliche Entwicklung noch einmal bewältigen könnte, erscheint fraglich. Möglicherweise käme ihm eine Mentorentätigkeit für ein junges Gruppenmitglied eher entgegen.

Raphael durfte, aus einem jüngeren Jahrgang kommend, sowohl an den Übungseinheiten als auch an einzelnen Prüfungen teilnehmen. Die Prüfungsleistungen stellten eine sehr vielversprechende Probe seiner überragenden Begabung dar, in den Übungen indes erwuchsen dem erfahrenen Lehrpersonal, das selbstverständlich nicht aus Idioten besteht, bisweilen Zweifel an seiner Seriosität. Ein Gespräch ist erwünscht. Thema: Haarschnitt.

Martin erzielte im Betrachtungszeitraum noch einmal deutlich verbesserte Prüfungsergebnisse. Dabei entstand phasenweise der Eindruck, dass er selbst in Ansätzen, vor allem aber sein Umfeld den Fokus etwas zu sehr auf seinen erfolgreichen Abschluss legte. Seine Technikaffinität erscheint nach wie vor verbesserungswürdig, seine Kommunikation nicht. Sieht man von einzelnen Reibereien mit seinem Freund Geronimo ab, ist es gleichermaßen wahrscheinlich wie wünschenswert, dass er der Einrichtung auch künftig mit seinem Auftreten zur Ehre gereicht. Martin erhält einen Preis in Form eines langjährigen Stipendiums.

Shinji wirkte in seinem ersten kompletten Jahr bei uns etwas zielstrebiger und arbeitete entschlossener – mitunter zudem sehr sehenswert – auf den Abschluss hin, ohne bereits all seine Potenziale auszuschöpfen. Er erleichterte maßgeblich die Integration seines Freundes Gotoku und machte Fortschritte bei der Ablaufkoordination mit anderen Mitgliedern seiner Arbeitsgruppe. Noch immer scheint indes unklar, ob er seinen Platz in der Gruppe gefunden hat.

Timo konnte sein Niveau aus dem Vorjahr nicht zuletzt deshalb zu keinem Zeitpunkt erreichen, weil er in aller Regel nicht zu den Prüfungen zugelassen wurde. Dies lag zum kleinen Teil an Krankheiten, zum großen Teil an anderen Gründen, die hier auszuführen zu kompliziert wäre. Seien Sie jedoch versichert, dass die Leitung nicht aus Idioten besteht und gute Gründe hatte. Wir beglückwünschen Timo zu seiner Entscheidung, an eine unserer traditionellen Kooperationseinrichtungen zu wechseln, die sich auf die Rehabilitierung begabter Drop-Outs anderer Einrichtungen spezialisiert hat.

Ibrahima durfte in seinem ersten Jahr an unserer Einrichtung anfänglich sehr regelmäßig als Nachrücker an Prüfungsleistungen teilnehmen, ohne dabei die erhofften Resultate erzielen zu können. In der Folge musste er sich lange darauf konzentrieren, im Rahmen angeleiteter Übungsstunden an seinen Defiziten zu arbeiten; krankheitsbedingte Fehlzeiten und ein längerer Heimaturlaub kamen hinzu. Erst ganz am Ende des Betrachtungszeitraumes nahm er nochmals an einigen Prüfungen teil und punktete speziell im Rahmen eines Automobilprojekts. Ein Gespräch ist erwünscht.

Johan konnte krankheitsbedingt das ganze Jahr über nicht mit der Gruppe arbeiten, nachdem bereits im Vorjahr die Übernahme nur auf Probe erfolgt war. Gleichwohl wird er im neuen Jahr noch einmal die Möglichkeit erhalten, sich zu bewähren und die positiven Eindrücke, die er bei seinen allerersten Prüfungsleistungen vermittelt hatte, zu bestätigen.

Julian kehrte im vergangenen Sommer von einem Austauschprogramm zurück, in dessen Verlauf er so schwer erkrankt war, dass er bis zum Winter an keiner Prüfung teilnehmen konnte. Entsprechend schwer fiel ihm die Reintegration – das ganze Jahr über blieb ihm zumeist nur ein Platz am Rand der Gruppe –, entsprechend verbesserungswürdig waren auch die ersten Prüfungsergebnisse. Nach dem Winter stabilisierte er sich etwas, ohne jedoch die Erwartungen erfüllen zu können. Seine Abschlussfokussierung steht indes nicht in Frage, wie er jüngst in einem Geographieprojekt unter Beweis stellte. Das Thema lautete „Westfalen“ und gilt derzeit als sein persönliches Steckenpferd. Ein Gespräch ist unumgänglich.

Geronimo hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Nur 12 von mehr als 30 Prüfungen durfte er vollständig bearbeiten, 13 mal konnte er sich nur als Nachrücker einbringen, mit teilweise überschaubar positiven Ergebnissen. Parallel zu seiner mitunter zu deutlich zur Schau getragenen Unzufriedenheit litt auch sein Ansehen in der Gruppe. Gleichwohl ließ er in seinen Anstrengungen nicht nach und wirkte gerade zum Ende hin in seinem Auftreten wieder zielorientierter. Umso bedauerlicher ist es, dass er, wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen, nicht an der Sommeruni teilnehmen darf und so einen weiteren Rückschlag erleidet. Ein Gespräch ist erwünscht.

Vedad kam im Winter an unsere Einrichtung und beeindruckte von Beginn an mit seiner klaren Abschlussorientierung. Erfreulicherweise stellte er seine Vorbereitungsmaßnahmen auch seinen Freunden ausnehmend freigiebig zur Verfügung. Sein bereits nach kürzester Zeit ausgeprägtes Verständnis hiesiger Abläufe erleichterte seine Integration zudem und ermöglichte zielgerichtete Gruppenerarbeiten, insbesondere mit seinem Freund Martin. Vedad erhält ein Lob.

Pavel zeigte sich einmal mehr überaus bemüht und engagiert, ohne allerdings die erhofften Prüfungsergebnisse zu erzielen. Seine schwach ausgeprägte Technikaffinität und die grundsätzlichen Zweifel an seiner Abschlussfähigkeit führten letztlich dazu, dass wir seinen Wunsch, an einer ausländischen Einrichtung eine neue Sprache zu erlernen, beförderten.

Christoph wechselte im Sommer aus einer aufstrebenden Nachbareinrichtung zu uns und durfte im Herbst an einzelnen Prüfungen teilnehmen. Aufgrund der auch im Rahmen der regelmäßigen Übungsstunden gesammelten Eindrücke erscheint fraglich, ob der den Anforderungen gerecht werden kann. Ein Gespräch ist erwünscht.

Bruno begann sein erstes komplettes Jahr mit einer Reihe erfolgreicher Prüfungen, ohne dabei die im Vergleich zum Vorjahr erhofften eleganten Lösungsansätze zu finden. Im weiteren Verlauf ließen zunächst die Ergebnisse deutlich nach, und erst, als seine Jahresprüfungen und damit seine Zukunft in Frage standen, gelang es ihm wieder, die Konzentration auf das Wesentliche zu lenken und das Jahr erfolgreich zu beenden. Seine Herangehensweise wirkt gleichwohl mitunter althergebracht, frischen Lösungsansätzen kann er wenig abgewinnen oder sie gar selbst entwickeln. Seine Orientierung am Einrichtungsleitbild ist vorbildlich, seine Demut im Angesicht des großen Ganzen beispielgebend, sein Festhalten an der eigenen Herkunft mustergültig. Gespräche sind erwünscht.

Fredi machte sich im abgelaufenen Jahr in besonderem Maß um unsere Einrichtung verdient. Trotz geringer Spielräume gelang es ihm in einer koordinierenden Funktion, die Arbeitsgruppen ausgewogen zusammenzustellen und anzuordnen. Vor allem aber übernahm er zahlreiche kommunikative Aufgaben, die somit nicht von der Einrichtungsleitung wahrgenommen werden mussten. Zudem gelang es ihm, die Alumni und den Förderkreis vom Tagesgeschäft zu entlasten. Er machte sich um die stärkere Förderung jüngerer Jahrgänge verdient, indem er neue Mentoren und einen Koordinator gewann. Leider wurden die Pläne, die so geförderten Hochbegabten regelmäßig zu Prüfungsleistungen heranzuziehen, nicht in die Tat umgesetzt – was sowohl bei den jungen Leuten selbst als auch bei den Mentoren als auch im Umfeld zu Verdruss geführt hat. Fredi erhält ein Lob. Gegen den Frust.

Gerd kam im vergangenen Sommer nach langwierigen Aufnahmediskussionen an unsere Einrichtung und verhielt sich zunächst angenehm zurückhaltend. Erst zum Ende des Betrachtungszeitraums verdiente er sich im Bemühen um eine neue Einrichtungsuniform ein Sternchen. An Prüfungen durfte er nicht teilnehmen, andersartige Leistungsnachweise erbrachte er ansonsten nicht. Im Frühjahr zog er die Bedeutung deutscher Dichtkunst in Zweifel, wurde eines Literaturprojekts verwiesen und beleidigte Außenstehende, die sich vorsichtig kritisch zur Einrichtung geäußert hatten. Wie er vor diesem Hintergrund einem Verweis entgehen konnte, ist unergründlich. Gesprächskultur ist erwünscht, ein persönliches Gespräch nicht.

Zrrttn!

Da tut man eine Reise, eine erlebnisreiche noch dazu, in die Großstadt, mit einer Reihe erquicklicher Begegnungen, Wiedersehensfreude und allem, was dazugehört, und dann muss man sich eingestehen, dass man zwar manches zu erzählen hätte, dass aber erst einmal dieses „Zrrttn!“ im Gedächtnis haften geblieben ist.

Hat der Mann in der U-Bahn immer gesagt. Zumindest in der einen; bei den anderen Fahrten war es mir nicht aufgefallen. Und ich weiß halt nicht, ob in den Münchner U-Bahnen immer die selben Ansagen abgespielt werden, oder ob sie vielleicht doch nur inhaltlich gleich sind, vielleicht von verschiedenen Menschen eingesprochen. Sagen die Fahrerinnen und Fahrer gar stets im Livebetrieb „Zrrttn!“, und was wollen sie überhaupt zerrütten?

Lauter Fragen, die ich nicht beantworten kann, die ich im Grunde auch gar nicht beantworten will, aber irgendwie muss ich doch dieses „Zrrttn!“ loswerden, bei dem ich mir mittlerweile zusammengereimt habe, dass es tatsächlich wohl eher „Zurücktreten!“ hieß. Aber es hängt fest. Zrrttn! Zrrttn! Zrrttn! Z u r ü c k t r e t e n!

Nun möge sich die geneigte Leserin bitte nicht in die Irre führen lassen und zu dem Schluss kommen, ich wolle mich mit Gerd E. Mäuser befassen, oder gar mit Bruno Labbadia. Vielmehr geht es um die große Bühne, auf der, seien wir ehrlich, Olympique Marseille in diesen Tagen in etwa genau so viel verloren hatte wie es der VfB hätte. Nichts.

Und so bin ich nicht nur ein bisschen froh, dass l’OM nicht furchtbar unter die Räder kam gestern, an einem Ort, dem die einheimischen Twitteruser interessanterweise die Abkürzung „AA“ widmen, die bei mir bis dato anders besetzt war. Kurz gestutzt habe ich schon. Aber egal. 2:0 für die Bayern, das spiegelt die Kräfteverhältnisse wohl nicht einmal ansatzweise wider – vermutlich hätte Ribéry seinen Kampf gegen den Gegner und dessen Anhänger auch ganz allein erfolgreich bestritten. Ok, zwei Chancen hatten die Gäste vor der Pause, und wenn sie bei der ersten nicht so fassungslos gewesen wären, plötzlich zu dritt allein im gegnerischen Strafraum zu stehen, hätten sie wohl das 1:0 erzielt und das Spiel einen ganz anderen Verlauf genommen kurzzeitig eine Illusion von Spannung vermittelt.

Im Lauf so eines Spiels fragt man sich dann ja auch von Zeit zu Zeit, wie es dazu kommen konnte, dass diese Mannschaft, die sich im Spätherbst allem Anschein nach gefangen hatte, im Jahr 2012 von einer Enttäuschung zur nächsten eilt, vielleicht eher schlendert, und weiß gleichzeitig, dass man das Geschehen viel zu wenig verfolgt, um sich ein Urteil bilden zu können. Und doch wüsste man gern, wo der André Ayew geblieben ist, den man sich vor der vergangenen Saison nach Stuttgart wünschte, und wer der uninspirierte Alleinunterhalter in seinem Trikot war. Man hört auf, die Fehlpässe des dereinst verlässlichen Cheyrou zu zählen, fragt sich, wieso Loïc Rémy so gar nicht mitspielen will, wundert sich über den plumpen Jérémy Morel und bedauert Matthieu Valbuena, wenn er einen weiteren Defensivzweikampf gegen Franck Ribéry bestreiten muss.

Aber es war eine wahre Freude, wieder einmal ein „Aux Armes!“ live im Stadion zu hören – und dann doch ganz vorsichtig die Lippen mitzubewegen, mehr schien angesichts der Übermacht umsitzender Klatschpappen nicht geboten. In der Tat ging es bemerkenswert laut zu in der AA – die Zuschauer nahmen die Vorlage des Vereins, der so zumindest kurzzeitig die Verantwortung für die Stimmung im Stadion übernommen hat, gerne auf.

À propos Stimmung: Ein wenig überrascht hat mich die anhand der Reaktionen auf die Zwischenergebnisse deutlich gewordene klare Präferenz für den AC Milan gegenüber dem FC Barcelona. Der gewohnt sachkundige Herr @probek mutmaßte, es könne mit Mark van Bommel zu tun haben, was für ihn persönlich ganz bestimmt gilt und was ich mir durchaus auch für andere Zuschauer vorstellen kann. Und doch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es nicht erst in letzter Linie mit dem Wunsch zu tun habe, Barcelona in einem möglichen Finale aus dem Weg gehen zu können.

Dabei wäre das sehr wohl nachvollziehbar. Nur, wie gesagt, ich hätte nicht mit so einem, sofern mein akustischer Eindruck zutraf, klaren Meinungsbild gerechnet. Hätte mir sogar vorstellen können, dass man gerade danach trachte, dem allenthalben als Gralshüter des schönen, modernen und erfolgreichen Fußballs verehrten FC Barcelona im Endspiel die Grenzen aufzuzeigen. Wilde Spekulationen, ich weiß, und auch nicht wichtig. Im Grunde hatte ich wohl eine neutrale Haltung erwartet. Man ist ja schließlich man.

Aber all das war natürlich nur das Vorspiel zum eigentlichen Höhepunkt der Reise, dem Captain’s Dinner Zusammentreffen mit einer ganzen Reihe ranghoher FCB-Protagonisten in den sozialen Netzen. Angefangen bei Herrn @lik0n, der mir eine ungefälschte Karte verkaufte, über den vom Großmeister der urbanen Neurose beim Sitzen beobachteten @stehblog, der sich mit ungefälschten Karten besonders gut auskennt, den im Sonntagsstaat erschienenen @mickyrust bis hin zu Frau @ankegroener und Herrn @probek, die die angekündigten starken Gefühle nach dem – vermutlich zu leicht gefallenen – Sieg zunächst ein wenig vermissen ließen.

Was sich in der Küche des Geburtstagskindes aus nahe liegenden Gründen noch ändern sollte (zumgeburtstagvielglückzumgeburtstagvielglück…), aber wer wäre ich, die Gefühle des Herrn probek und seine Begeisterung für bildungsbürgerliche Geschenke (die, ganz viel Asche auf mein Haupt, nicht von mir kamen) schildern zu wollen, wenn nicht einmal Jürgen Bergener ihn danach frug.

Ich verliere mich ein wenig, Verzeihung, freue mich auf einen ohne mein Zutun quasi versprochenen Pfingstkuchen und trete in vorauseilendem Gehorsam zumindest zur Seite.

Zrrttn!

Wie halten Sie's mit dem Präses, Herr Professor?

… und dann setzt der eingewechselte offensive Mittelfeldspieler anstelle eines Schlusspunkts ein Ausrufezeichen und haut das Ding mit links unter die Latte – und das Stadion tobt. War ja auch nicht ganz unwichtig, zudem in der Ausführung sehr bemerkenswert, dieser Seitfallzieher von Kevin Stöger nach schöner Vorarbeit von Holzhauser und Riemann.

War ja klar, dass ich nicht umhin kann, den Namen Holzhauser gleich im ersten Absatz zu platzieren, Fanboy, der ich bin (ohne mir den Anschein von Jugendlichkeit verpassen zu wollen). Dabei war auch gegen Jena wieder offenkundig, dass er den Ball mitunter zu lange hält und vielleicht noch etwas zu oft zu früh (und selbst) den entscheidenden Ball spielen will. Aber ich sehe ihm so unheimlich gerne dabei zu. Diese mitunter an Arroganz gemahnende Eleganz, wie sie groß gewachsenen Spielern des Öfteren eigen ist und wie wir sie hierzulande zuletzt viele Jahre lang bei Michael Ballack sahen, auch die scheinbare Behäbigkeit, mit der er aus der Tiefe des Raumes kommt, um dann den Ball mit einer lässig fließenden Bewegung in die Spitze zu spielen … genug, Kamke, mach halblang!

Der VfB II hat  einen wichtigen und hochverdeinten Sieg im Kampf gegen den Abstieg erspielt und errungen, der drüben bei kick-s.de ausführlich geschildert wird. Ein Spiel, das mir allein schon deshalb in Erinnerung bleiben wird, weil der Sohnemann erstmals auf dem Zaun stand. Nach der Partie, um die Spieler abzuklatschen, die sich ihrerseits, möglicherweise altersgerecht, wie Bolle freuten und mit Welle, Humba und besagtem Zaunspalier das ganze Programm mitnehmen durften. War schön anzusehen.

Aber natürlich war da auch noch ein anderes Fußballspiel am Wochenende, und auch wenn es aus Sicht des Präsidenten dem Vernehmen nach nicht im Sinne des Vereins ist, will ich es mir – ohne mich anmaßend in einen ehrenwerten Berufsstand einreihen zu wollen – genau wie die anderen, also die professionellen, Schmierfinken nicht nehmen lassen, irgendeinen Scheiß über das 4:4 in Dortmund zu schreiben.

Über Jürgen Klopp, zum Beispiel, dessen ich einfach nicht überdrüssig werde. Natürlich ärgert er mich manchmal, wenn er überzieht, und seine Sketche mit Herrn Zeigler konnte ich auch nur einmal (und da sehr) witzig finden; aber jener Effekt, dass ich jemandem, den ich irgendwann schätzte oder mochte, nicht mehr so gern zuhören möchte und ihm statt dessen mit Gleichgültigkeit, wie es einst bei Herrn Welke der Fall war und bei Hans Meyer drohte, ehe er sich weitgehend zurückzog, oder auch mit nachgerade Pawlow’schen Ausschaltreflexen (Rudi Völler, Manfred Breuckmann) begegne, stellt sich bei Herrn Klopp einfach nicht ein.

Ich weiß nicht genau, woran das liegt, vermute aber stark, dass es mit seiner Kompetenz zu tun hat. Und damit, dass er – um das in diesen Tagen nicht so gern gelesene Unwort von der Authentizität zu vermeiden – auf mich nach wie vor ziemlich ehrlich wirkt. So ehrlich man halt sein kann als Führungskraft im Profifußball, schon klar.

Auch sind es Situationen wie die nach dem Pokalspiel gegen Fürth, als er vom Baum der Selbsterkenntnis naschte und sich als Vollhorst outete, oder eben jene nach dem freitäglichen Ausgleich durch Gentner, als er gar nicht anders konnte, als auch von außen sichtbar in sich hinein zu lächeln, und wenige Minuten später nicht nur die Leistung des Gegners anerkannte (und bestimmt auch bewusst überhöhte), sondern ganz nebenbei die Aussagen seiner enttäuschten Spieler relativierte.

Wobei: In erster Linie ist es wohl doch die Kompetenz. (Und ein wenig das zugegebenermaßen billige Vergnügen, manchem Bayernfan zuzusehen, wie er über Klopp schimpft und dabei auf mich gelegentlich etwas gezwungen wirkt.)

Was mir zum Spiel selbst noch am Herzen liegt: Wer gewinnt in Dortmund punktet, hat recht. Auch wenn er Boka wieder 60 Minuten lang und Hajnal noch länger spielen lässt. Auch wenn er – nach einer vielversprechenden Phase  in der ersten Halbzeit, die sich dann doch als Strohfeuer zu entpuppen droht – lange Zeit zuzusehen scheint, wie man sich in ein unspektakuläres 3:0 oder 4:1 fügt.

Tatsächlich wusste der Trainer wohl, das da noch etwas kommen würde. Wusste, dass Julian Schieber, obwohl auf einer keineswegs idealen Position eingesetzt, nach seinem kapitalen Fehlschuss irgendwann auch noch die Chance bekommen würde, seine Stärken zum Tragen zu bringen: das entschlossene Dribbling und den rechten Fuß. Wusste, dass Mats Hummels dem aus seiner Sicht tempomäßig völlig überforderten VfB zwecks Chancengleichheit noch zwei Treffer auflegen würde.

Erfrischend und innovativ war zudem der Ansatz, Vorlagengott Georg Niedermeier auch noch eine stilisierte Zielscheibe auf die Stirn zu malen, auf dass Lewandowski (und später noch jemand, an dessen Identität ich mich gerade nicht erinnere) sie nicht verfehlen mögen. Es gibt einiges, was mir an Niedermeiers Spielweise nicht gefällt; im Moment aber ist er meines Erachtens nicht aus der Mannschaft wegzudenken.

Gentner. Bei seiner Einwechslung gedachten wir witzelnd jenes Stadiongängers, der sich dereinst in einer vergleichbaren Situation mit einem engagierten “Nein. Nein. Nein! Nein! NEIN! NEIN!” in die Nesseln gesetzt hatte; keine zwei Minuten später leitete er auch diesmal den Anschlusstreffer ein und war mitverantwortlich für ein insgesamt entschlosseneres Angriffsspiel des VfB. Naja, und die Sache mit dem Siegtreffer halt. Christian Gentner tut der Mannschaft derzeit gut, gerne auch weiterhin als Joker, und gerne auch, wie er selbst sagte, künftig wieder unter der Woche.

Wäre doch schön, wenn sich die ganzen jungen Wilden, die in der nächsten Saison das Rückgrat des VfB bilden, gleich in Europa beweisen dürften. Sie wissen schon, jene jungen Wilden, die Herr Mäuser so gerne predigt, um sie dann, vermeintlich aus Versehen, öffentlich zu diskreditieren.

Auftritt Fredi Bobic. In kaum zu übertreffender Deutlichkeit hob er hervor, was er vom öffentlichen Auftreten seines Präsidenten, konkret: von dessen an Deutlichkeit kaum zu übertreffender Kritik an Julian Schieber, hielt. Nichts.

„Julian ist Teil der erfolgreichen Entwicklung des VfB. Ich würde gern mit ihm verlängern, das sage ich als Verantwortlicher für den Sport in aller Deutlichkeit.“
(Quelle: Stuttgarter Nachrichten)

Und ganz nebenbei ließ er erahnen, wie es um seine Einschätzung der sportlichen Kompetenz des Präsidenten steht. Vermutlich könnte man an dieser Stelle die Loyalität des Sportdirektors hinterfragen, der seinen Vorgesetzten so unmissverständlich rüffelt; oder aber, und das sagt mir deutlich besser zu, die Klarheit seiner Ansprache loben.

Mich persönlich würde ja sehr interessieren, was Herr Professor Hundt gedacht hat, als er vom offensichtlich lediglich auf dem Papier präsidialen Auftritt an der MHMK erfuhr. Der Einfachheit halber stelle ich einmal drei Ansätze zur Auswahl, die je auf einem Zitat mehr oder minder Beteiligter beruhen.

Stimmte er erstens im Grunde Herrn Mäuser zu und verurteilt wie der Präsident nicht nur pauschal die Arbeit all jener Journalisten, die den VfB intensiv begleiten, sondern ist auch einverstanden, wenn im Zuge einer peinlichen Spielerkritik gleich auch noch der sogenannte Stuttgarter Weg als Schimäre entlarvt wird?

Oder hing er zweitens ebenfalls jener Überlegung nach, die auch mich Unwürdigen ein Weilchen beschäftigte?

https://twitter.com/#!/heinzkamke/status/185766061264740352

Ganz abgesehen davon, dass mich der Gedanke an mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden geteilte Gedanken latent unzufrieden zurück ließe, gefällt mir, auch inhaltlich, jene dritte Variante besser, der zufolge er seine Gedanken statt dessen mit Mary Shelleys Protagonisten teilt:

„[A] cold dew covered my forehead, my teeth chattered, and every limb became convulsed; when, by the dim and yellow light of the moon, as it forced its way through the window shutters, I beheld the wretch–the miserable monster whom I had created.“

Vielleicht hätte ich eine Abstimmung einbauen sollen.

Nachhall

Ja, sie hallt nach. Ach, die WM? Ja, die auch, klar. Weil sich gezeigt hat, dass sich Anachronismen bei Männern und Frauen durchaus ähneln, und wir gespannt sein dürfen, wie (nicht nur) der Deutsche Fußball-Bund damit umgeht. Sie hallt auch nach, weil sich einige deutsche Spielerinnen auf der Tribüne zu sehr mit den Japanerinnen freuten, andere sagen: gegen die Amerikanerinnen. Ich fand’s auch nicht angemessen, muss das aber auch nicht weiter vertiefen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich glaube, dass sie selbst diejenigen sind, die es zu gegebener Zeit ausbaden werden.

Vor allem aber hallt die Mitgliederversammlung des VfB nach. Gelegentlich wähle ich ja die Abkürzung MV; beim VfB erscheint mir diese Abkürzung indes ungeschickt, aber das ist ein anderes Thema. Sie hallt nach, die Versammlung, und das auch bei Leuten, die wie ich nicht einmal dort waren, die nur die Liveeindrücke per Twitter oder bei kick-s.de verfolgten, zudem die in einer leicht anderen Tonalität gehaltenen Informationen auf vfb.de sowie die ausführliche Begleitung im SWR und bei den Stuttgarter Zeitungen.

Ich bin ein wenig ratlos. In zweiter Linie. In erster Linie verständnislos. Was hat die Vereinsführung geritten, sehenden Auges die maximale Konfrontation in Kauf zu nehmen? Nicht am Tag der Versammlung, da lag das Kind längst im Brunnen. Sondern in den Monaten davor, in den Wochen davor, und ganz besonders in den 14 Tagen davor. Wieso gelang es ihr nicht, den Mitgliedern und Anhängern zu einem frühen Zeitpunkt zu vermitteln, dass ihre Sorgen Gehör finden, dass die Vereinsführung sie ernst nimmt? So sie es denn wollte. Wer hatte ihr eingeredet, dass es sich nur um ein Kleingruppenphänomen handle, das sich beizeiten auflösen werde, wenn man nur mit der nötigen Überheblichkeit herangehe? Und wie war sie kurz vor Toreschluss auf die Idee gekommen, das Pferd zu wechseln? Panikmache statt Aussitzen, gepaart mit ein wenig Diffamierung, auf Vereinskosten? Und wer um alles in der Welt war der Meinung, Jürgen Sundermann sei ein Ass im Ärmel? Wer hatte da etwas zu gewinnen? Weder der Aufsichtsrat und der Präsidentschaftskandidat, denen der Auftritt als Inszenierung verübelt werden musste, noch die Legende Sundermann, die sich von VfB-Mitgliedern Schmährufe anhören musste, noch der Verein, aus selbigem Grund.

Mal so ganz grundsätzlich gefragt: das sind doch lauter intelligente Leute, wie kommen die darauf, dass man so tun könne, als verändere sich unsere Gesellschaft nicht? Menschen wollen teilhaben und teilnehmen, sie wollen mitreden, und ja, sie wollen auch Verantwortung übernehmen. Das ist erst einmal positiv. Und das mindeste, was sie erwarten dürfen, ist, ernst genommen zu werden. Nicht von vornherein an der Tür abgewiesen zu werden. Und damit meine ich nicht nur die, die ihr Interesse bekundet hatten, den Verein künftig führen zu wollen, und deren Eindruck eines Closed Shops nach meinem Kenntnisstand von niemandem entkräftet wurde. Hat es überhaupt jemand versucht?

Vielmehr meine ich auch all diejenigen, die sich schlichtweg für mehr Transparenz ausgesprochen haben, unabhängig von einer mehr oder weniger organisierten Oppositionsbewegung. Leute, die verstehen wollen, was im Verein passiert, die einen regelmäßigeren Austausch anstreben, der vermutlich nicht ganz auf Augenhöhe erfolgen kann, der aber ernst gemeint ist und nicht kurzfristig dem Wahlkampf geschuldet. Mal im Ernst: niemand erwartet doch, zumindest glaube und hoffe ich das, dass die Herren Ruf oder Staudt, künftig Mäuser, Gehaltslisten diskutieren oder Sponsorenverträge erörtert, dass Fredi Bobic mögliche Neuzugänge mit ihnen scoutet oder dass Dieter Hundt seine Meinung zu Erwin Staudt preisgibt. Aber mit Äußerungen der Preisklasse „wir haben halt Pech gehabt und hoffen, mit dem nächsten Trainer mehr Glück zu haben“ geben sie sich nicht zufrieden, ein wenig mehr darf’s schon sein. Zumal nach einem aus der Sicht vieler Anhänger vorprogrammierten Fehlschlag mit Jens Keller.

Nehmen wir den personellen Umbruch vor der neuen Saison. Nicht im Spielerkader, sondern drum herum. Ich persönlich habe zwar bei der einen oder anderen Veränderung geschluckt, bei der Degradierung von Eberhard Trautner, zum Beispiel, aber ich traue Fredi Bobic zu, dass er weiß, was er tut. Da werden Dinge verändert, neue Strukturen geschaffen, das Scouting intensiviert. Man kann den Eindruck gewinnen, es stecke ein Konzept dahinter. So etwas lässt sich erklären, den Fans nahe bringen. Oder die Konsequenz, die man bei Ciprian Marica an den Tag gelegt hat, die Entschlossenheit, Patrick Funk oder Daniel Didavi eben nicht zu verkaufen, sondern nur auszuleihen. Das klingt nach einem Plan, zumal nach einem, der vielen Anhängern gefallen dürfte, eben weil man so stolz ist auf die Jugendarbeit des VfB. Aber es ist nicht gelungen, diese Themen in den letzten Wochen und Monaten nachhaltig (Bingo!) in den Mittelpunkt zu rücken. Im Einzelfall mag das an einer Fundamentalopposition gelegen haben, zum Teil auch daran, dass die mediale Sexiness begrenzt ist. Aber ich hatte eben auch nicht den Eindruck, dass man in ausreichendem Maße bestrebt war, Konzepte zu diskutieren, meinetwegen zu verkaufen. Es schien mitunter wichtiger, die Opposition zu diskreditieren.

Möglicherweise war besagte Opposition wirklich nicht gut vorbereitet. Vielleicht hatte die Aktion VfB 2011 mit Helmut Roleder nicht das beste Zugpferd, möglicherweise vermittelte er in der Tat zu sehr den Eindruck, einen Job zu suchen, in den Stuttgarter Nachrichten wird er aktuell mit dem Satz „vielleicht kann ich in Zukunft einem anderen Verein helfen“ zitiert. Björn Seemanns Kandidatur stand anfänglich unter keinem guten Stern, bei einzelnen Medien und letztlich wohl auch beim Aufsichtsrat hatte er keinen leichten Stand. Ich kann nicht ausschließen, dass Gerd Mäuser tatsächlich, wie von der alten Vereinsführung gebetsmühlenartig vorgetragen, der weitaus beste Kandidat war; das Herzblut nehme ich aber sowohl Björn Seemann als auch Helmut Roleder ab, und empfinde es als unanständig, ihnen den Versuch einer feindlichen Übernahme zu unterstellen. Sie sind dem Verein gewiss nicht feindlich gesinnt. Sie mögen einen Teil der handelnden Personen, besser: deren Arbeit, nicht schätzen, und wenn man will, kann man sie als Konkurrenten und letztlich, mit einer entsprechenden Fantasie, als deren Feinde ansehen. Hm, wenn dann natürlich diese handelnden Personen sich selbst als den Verein… dann könnte man… nein, da steckt gewiss ein Denkfehler drin.

Ein Begriff, der mir in den letzten Tagen vermehrt durch den Kopf geht, lautet Souveränität. Ich hätte Herrn Professor Hundt gewünscht, souverän mit seinem Abstimmungsergebnis umzugehen, und nicht trotzig. Der gesamten Vereinsführung hätte im Vorfeld mehr Souveränität im Umgang mit der Kritik und den Oppositionsgruppen gut getan. Eventuell hätte man die Diskussion dann noch in ruhigere Bahnen lenken und gemeinsam sinnvolle, mehrheitsfähige Satzungsänderungen anstoßen können. Dass auch die Gegner zum Teil alles andere als souverän waren, steht außer Frage – man möge mir nicht zuletzt nachsehen, dass ich auf dem Auspfeifen von Jürgen Sundermann herumreite. Souverän wäre es übrigens auch gewesen, hätte Helmut Roleder darauf verzichtet, in seinem Statement am Tag nach der Versammlung eine Spitze gegen Hansi Müller und dessen frühere, tendenziell unglückliche Tätigkeit für den Verein anzubringen, unabhängig von Müllers unsouveränem Auftritt tags zuvor, in dem er zahlreichen engagierten Mitgliedern Respektosigkeit unterstellte. Weit mehr als nur unsouverän war übrigens der Versuch eines Teilnehmers, die Mitgliederversammlung mit einer Creditreform-Auskunft über Herrn Roleder zu konfrontieren.

Wie souverän Erwin Staudt blieb, darüber scheiden sich ein wenig die Geister. Einigkeit herrscht hingegen nach meiner Wahrnehmung, dass sich Gerd Mäuser zwar nicht von Beginn an souverän zeigte, dass aber seine – auch selbst eingestandene – Nervosität und Unsicherheit eher zu seinen Gunsten auszulegen seien. Letztlich wurde er gewählt, viele Mitglieder zeigten sich erleichtert, und einzelne brachten auch ihre Beweggründe für ihre Entscheidung, nicht nur Gerd Mäuser zu wählen, sondern auch gegen die Abwahl von Dieter Hundt zu stimmen, sehr reflektiert zum Ausdruck – wenn ich „einzelne“ sage, meine ich mindestens zwei: mit einem unterhielt ich mich sehr ausführlich, der andere, Bailey, äußerte sich schriftlich: „Tag der langen Messer„.

Ich verstehe ihn. Hätte vermutlich ähnlich gehandelt, da man wohl nicht davon ausgehen konnte, dass Herr Staudt aufgesprungen wäre und sich als Nachfolger angeboten hätte. Mit einem guten Tag Abstand bleibt der Eindruck, dass Gerd Mäuser möglicherweise kein schlechter Präsident ist, vielleicht auch ein guter, die ersten Duftmarken scheinen vernünftig. Im Übrigen kenne ich niemanden, der ihn vorab wegen seiner Qualifikation oder Persönlichkeit für einen schlechten Kandidaten hielt; vielmehr ging es um das Procedere, und gewiss auch um die kolportierte Nähe zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats. Der nun noch für drei weitere Jahre gewählt ist. Seine ersten Äußerungen nach der Mitgliederversammlung werden in allerlei Richtungen interpretiert. Die einen gehen davon aus, dass er den erhaltenen Denkzettel zum Anlass nimmt, sein Engagement zu überdenken; andere, zu denen ich nach wie vor neige, würden sich nicht wundern, wenn seine erste Bewertung ein Fingerzeig für künftige Bestrebungen wäre, die von Erwin Staudt ins Feld geführte „Entscheidungshoheit“ der Mitglieder diesen in absehbarer Zeit doch „aus der Hand nehmen“ zu wollen:

„Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden. Aber der Verlauf der Mitgliederversammlung gibt Anlass, grundsätzlich Gedanken anzustellen.“

Das ist sehr frei interpretiert, ich weiß. Vielleicht sucht er ja statt dessen den direkten Draht zu den Mitgliedern, um künftig von vornherein die Schärfe aus derlei Diskussionen zu nehmen, vielleicht will er Satzungsänderungen anstoßen, den Anhängern mehr Gewicht verleihen, einen Fanvertreter oder eine Fanvertreterin in den Aufsichtsrat holen. Kann ich nicht ausschließen.

Im Übrigen, nur zur Klarstellung, ist es nicht mein Begehr, dass die Mitglieder an operativen Entscheidungen beteiligt werden. Trainerwechsel, Spielerkäufe, Sponsorenverträge – ich muss und will darauf vertrauen, dass die Leute, denen der Verein viel Geld dafür bezahlt, diese Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen, dass die Vereinsführung Leute beschäftigt, denen sie das nach objektiven Kriterien zutraut. Aber solange es sich um einen Verein handelt, sollen die Mitglieder darüber entscheiden, wer diesen Verein führt. Gerne nach einer wie auch immer gearteten Vorprüfung durch einen Wahlausschuss, der sich nicht einmal zwingend vom Aufsichtsrat unterscheiden muss.

Die Mitglieder sind sehr wohl in der Lage, zu beurteilen, wie objektiv dieses Gremium an seine Aufgabe herangeht, sie haben eine feine Antenne für Populismus und das Streben nach Machterhalt. Man sollte sie nicht unterschätzen.