neunzehn (Pokalzugabe)

Herr Maus heißt zum Beispiel Mäuserich,
Herr Laus aber keineswegs Läuserich.
Das hab ich geklaut.*
Hab mir selbst nicht getraut.
(Sonst beleidig’ am End’ noch Herrn Mäuser ich.)

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* Die ersten beiden Zeilen stammen aus dem Gedicht “Deutsch ist schwer” von Mira Lobe, das ich in der Grundschule lernen durfte. (Und abschreiben. Aber das tut hier nichts zur Sache.)

Weitere Adventsfünfzeiler gibt’s im Kalender.

Verbalbeurteilung 2012

Im abgelaufenen Jahr waren die Leistungen der Gruppe nicht nur erneut recht wechselhaft; vielmehr gelang es wiederum, durch konzentrierte Leistungen im zweiten Halbjahr ein noch vor wenigen Monaten kaum für möglich gehaltenes Abschlussniveau zu erreichen. Erstmals seit Jahren war es zudem möglich, Kontinuität beim Lehrpersonal zu gewährleisten.*

* Ein Umstand, der anderen Einrichtungen nicht vergönnt war und der sie mitunter zu ungewöhnlichen Lösungen (Pensionäre, Lehrpersonal mit fragwürdiger Ausbildung, Rückgriff auf ehemalige Schützlinge oder freigestellte Ehemalige, …) zwang.

Leider gelang es bei den jüngeren Jahrgängen wie auch bei der Ausbildungskoordination nicht, diese Kontinuität zu gewährleisten, was die Umsetzung des Leitbilds der Einrichtung, insbesondere mit Blick auf die Weiterentwicklung der nachrückenden Jahrgänge, erschwert. Eine entsprechend demütige Herangehensweise scheint geboten. Lehrpersonal und Verwaltung werden diesbezüglich auch weiterhin Beispiel gebend wirken.

Sven konnte im Lauf des Jahres mit guten, in Teilbereichen außergewöhnlichen Resultaten nicht nur die Gruppe und das Lehrpersonal von seiner Leistungsfähigkeit überzeugen. Nicht zuletzt dank zahlreicher erfolgreich absolvierter Einzelprüfungen und einer bemerkenswerten linearen Herangehensweise ist Svens Ansehen enorm gestiegen. Gelegentlich wären ihm eine höhere und stärker nach vorne gerichtete Gedankenschnelligkeit sowie ein spielerischer Umgang mit potenziell schwierigen Situationen zu wünschen. Sven erhält einen Preis. Einen hohen.

Arthurs Leistungen ließen zu keinem Zeitpunkt auf ein ernst zu nehmendes Interesse schließen, über den Sommer hinaus in der Einrichtung zu bleiben. Seine zahlreichen Fehlzeiten waren nur selten selbst gewählt, sondern meist durch das Lehrpersonal angeordnet. Angesichts eines möglichen Verbleibs aus sozialen Gründen durfte er zuletzt erneut an einigen Prüfungen teilnehmen, ohne ansprechende Leistungen zu erbringen. Zudem brachte er seinen Kameraden Sven wiederholt durch gegen diesen gerichtete Alleingänge in Bedrängnis.

Cristian gelang es auch im abgelaufenen Jahr nicht, seine teilweise sehr guten Leistungen mit der erwünschten Konstanz zu erbringen. Immer wieder vermischen sich die erfreulich offensiv vorgetragenen positiven Eindrücke mit Situationen, in denen er sich zu leicht in die Defensive drängen lässt und ein wenig den Überblick verliert. Der im Raum stehende Wechsel zu einer ausländischen Einrichtung hängt sicherlich von den Rahmenbedingungen ab, ist jedoch aus Sicht unserer Einrichtung nur bedingt zu empfehlen. Bemerkenswert ist im Übrigen Cristians konsequenter Umgang mit einschlägig bekannten Petzen.

Gotoku stieß im Winter aus einer ausländischen Einrichtung zur Gruppe und sollte aus Sicht der Leitung zunächst einen längeren Integrationskurs durchlaufen, den er aber dank außergewöhnlicher beiderseitiger Anstrengungen und einer ebensolchen Lernwilligkeit rasch abbrechen konnte, um statt dessen an exponierter Position und mit bemerkenswertem Erfolg an zahlreichen Prüfungen teilzunehmen. Im kommenden Jahr wird es, unserem Einrichtungsleitbild widersprechend, auch darum gehen, dass er vergisst, wo er herkommt, und lahme Vergleiche mit Leben füllt. Gotoku erhält ein Lob.

Khalid erbrachte in diesem Jahr verlässlich ansprechende Leistungen und konnte im Gegensatz zu den Vorjahren auch sein Interesse an einem erfolgreichen Abschluss vermitteln – sowohl am eigenen als auch an dem seiner Freunde, die er verschiedentlich vorbereitend unterstützte. Leider reichen seine Leistungen gleichwohl nicht aus, um sein Stipendium fortzuführen.

Stefano erfüllte die auf Basis seiner Vorleistungen angepassten Erwartungen in vollem Umfang. Sehr bemerkenswert ist seine Kompetenz im Bereich der sogenannten neuen Medien, die allerdings mit unserem Profil nur schwer in Einklang zu bringen ist. Gemeinsam mit der Verwaltung kam er einträchtig zu dem Schluss, die Einrichtung zu wechseln.

Antonio durfte im Lauf des Jahres erstmals an einigen Einheiten mitwirken und in einem Fall auch an einer Prüfung teilnehmen, worauf er sehr stolz war. Einem jüngeren Jahrgang entstammend, bereitete ihm dabei der Niveauunterschied noch(?) gewisse Probleme und hinderte ihn mitunter, elegantere Lösungen zu finden. Dabei ist festzustellen, dass auch der Randplatz für seine Integration gewiss nicht förderlich war.

Serdar erbrachte das gesamte Jahr über konstant und zuverlässig gute Leistungen. Erstmals gelang es ihm, sich gänzlich auf Übungseinheiten und Prüfungen zu konzentrieren, zudem hielt er die Fehlzeiten gering. Unaufgeregt trug er, spätestens im Frühjahr auch äußerlich sichtbar, Verantwortung für die Gruppe und konnte bedrohliche Situationen immer wieder mit der ihm eigenen Eleganz lösen. Dass ihm die Teilnahme an einem internationalen Sportfest verwehrt blieb, ist sehr bedauerlich und vermutlich nur einer zum Jahresende hin erlittenen Sportverletzung geschuldet. Serdar erhält einen Preis.

Georg gelang es in einer in diesem Maß unerwarteten Art und Weise – nach einem nicht zufrieden stellenden Vorjahr und einer längeren krankheitsbedingten Abwesenheit –, zum Jahreswechsel hin wieder verlässlich ansprechende Leistungen und entsprechende Prüfungsresultate zu erbringen. Seine Gruppenarbeiten mit Serdar verliefen in der Regel gleichermaßen harmonisch wie ergebnisorientiert. Sehr rasch übernahm er zudem wieder Verantwortung in der und für die Gruppe. Speziell sein häufig unterschätztes Faible für Technik setzte er dabei mitunter recht offensiv ein.

Francisco stieß vor dem abgelaufenen Jahr zur Gruppe und nahm gleich einen frei gewordenen zentralen Platz ein, was ihm die Integration deutlich erleichterte. Seine Leistungen waren von Beginn an solide; einzelne Ausrutscher, die zunächst nicht allzu sehr ins Gewicht fielen, trübten indes schon früh den Gesamteindruck. Dies setzte sich im zweiten Halbjahr nahtlos fort, sodass er nur noch seltener zu Prüfungsleistungen zugelassen werden konnte. Zuletzt handelte es sich offensichtlich um eine Kopfsache.

Matthieu hatte, zunächst krankheitsbedingt, erneut lange Fehlzeiten zu verzeichnen. Beim Versuch, das Versäumte durch Nachhilfestunden mit Jüngeren aufzuholen, schlug er leider über die Stränge und verschuldete damit weitere Fehlzeiten, die er in absehbarer Zeit nicht aufholen kann. Er wechselt daher an eine nahe gelegene traditionsreiche Einrichtung, die ihren regionalen Fokus somit weiter stärkt. Für seine langjährige Mitwirkung in den einschlägigen Gremien erhält Matthieu einen Preis.

William stieß im vergangenen Sommer zur Gruppe und beeindruckte vom ersten Tag an mit kurzen Hosen, Offenheit, Eloquenz, Humor und Ernsthaftigkeit. Speziell im ersten Halbjahr waren seine Prüfungsresultate trotz einiger Regelverstöße außerordentlich gut. Im Frühjahr machte ihm der Niveauunterschied zu seiner alten Einrichtung zeitweise ein wenig zu schaffen, zum Ende hin stabilisierte er sich wieder und nimmt derzeit an einer internationalen Sommeruniversität teil. Seine soziale Kompetenz ist beispielhaft und zeigt sich nicht zuletzt an seinem mitunter auch offensiv zur Schau getragenen Bestreben, den häufig am Rand stehenden Sven in nahezu jede Gruppenarbeit einzubeziehen.

Christian fand sich im abgelaufenen Jahr wesentlich besser zurecht als zuvor. Gerade im Sport zeigte er sich deutlich verbessert, auch unmusikalische Misstöne waren nur noch selten zu vernehmen. Er nahm am Großteil der Prüfungen teil, häufig als Nachrücker, oft mit – gelegentlich auch zählbarem – Erfolg, teilweise aber auch mit schwächeren Ergebnissen, die seiner großen Begabung nicht gerecht werden. Sein Ansehen in der Gruppe ist unverändert hoch; Verlässlichkeit, Engagement und Verantwortungsgefühl sind beispielhaft. Bemerkenswert ist zudem sein zuletzt verschiedentlich unter Beweis gestelltes Gespür für spektakuläre Abschlussprojekte.

Zdravko erzielte im abgelaufenen Jahr eher wechselhafte Ergebnisse, zeigte sich aber in kritischen Situationen einmal mehr punktgenau vorbereitet. Nach wie vor würde man sich wünschen, dass er seine Begabung noch entschlossener und vor allem schneller in entsprechende Prüfungsleistungen ummünzt. Möglicherweise wird er die Einrichtung im Sommer verlassen, um zu einer ausländischen Einrichtung zu wechseln – was mit Blick auf die anstehenden Prüfungen einen herben Verlust darstellen würde. Seinem Wunsch, sich in einem nicht nur internationalen, sondern dem Vernehmen nach auch berechenbareren Umfeld weiterzuentwickeln, trüge die Einrichtungsleitung (nach derzeitiger Quote) wohl dennoch Rechnung.

Mamadou nahm im vergangenen Jahr an sehr wenigen Prüfungen teil, was nur bedingt an Krankheiten oder der Mitwirkung bei einem internationalen Sportfest lag. Vielmehr gelang es schlichtweg nicht, seine Fähigkeiten zum Einsatz zu bringen. Anlässlich einer Sportprüfung im größtmöglichen Rahmen legte er indes, so der Übungsleiter, in einer kritischen Situation eine bemerkenswerte Ruhe an den Tag. Ein Gespräch ist erwünscht.

Tamas hatte dieses Jahr lange an dem – nicht ganz unerwarteten – Rückschritt nach einem beeindruckenden Vorjahr zu knabbern und konnte erst nach einer langen Phase ungebrochenen Fleißes wieder an einen erfolgreichen Abschluss denken – und auch seine Freunde dabei unterstützen. Ob er eine auch im neuen Jahr nicht unwahrscheinliche ähnliche Entwicklung noch einmal bewältigen könnte, erscheint fraglich. Möglicherweise käme ihm eine Mentorentätigkeit für ein junges Gruppenmitglied eher entgegen.

Raphael durfte, aus einem jüngeren Jahrgang kommend, sowohl an den Übungseinheiten als auch an einzelnen Prüfungen teilnehmen. Die Prüfungsleistungen stellten eine sehr vielversprechende Probe seiner überragenden Begabung dar, in den Übungen indes erwuchsen dem erfahrenen Lehrpersonal, das selbstverständlich nicht aus Idioten besteht, bisweilen Zweifel an seiner Seriosität. Ein Gespräch ist erwünscht. Thema: Haarschnitt.

Martin erzielte im Betrachtungszeitraum noch einmal deutlich verbesserte Prüfungsergebnisse. Dabei entstand phasenweise der Eindruck, dass er selbst in Ansätzen, vor allem aber sein Umfeld den Fokus etwas zu sehr auf seinen erfolgreichen Abschluss legte. Seine Technikaffinität erscheint nach wie vor verbesserungswürdig, seine Kommunikation nicht. Sieht man von einzelnen Reibereien mit seinem Freund Geronimo ab, ist es gleichermaßen wahrscheinlich wie wünschenswert, dass er der Einrichtung auch künftig mit seinem Auftreten zur Ehre gereicht. Martin erhält einen Preis in Form eines langjährigen Stipendiums.

Shinji wirkte in seinem ersten kompletten Jahr bei uns etwas zielstrebiger und arbeitete entschlossener – mitunter zudem sehr sehenswert – auf den Abschluss hin, ohne bereits all seine Potenziale auszuschöpfen. Er erleichterte maßgeblich die Integration seines Freundes Gotoku und machte Fortschritte bei der Ablaufkoordination mit anderen Mitgliedern seiner Arbeitsgruppe. Noch immer scheint indes unklar, ob er seinen Platz in der Gruppe gefunden hat.

Timo konnte sein Niveau aus dem Vorjahr nicht zuletzt deshalb zu keinem Zeitpunkt erreichen, weil er in aller Regel nicht zu den Prüfungen zugelassen wurde. Dies lag zum kleinen Teil an Krankheiten, zum großen Teil an anderen Gründen, die hier auszuführen zu kompliziert wäre. Seien Sie jedoch versichert, dass die Leitung nicht aus Idioten besteht und gute Gründe hatte. Wir beglückwünschen Timo zu seiner Entscheidung, an eine unserer traditionellen Kooperationseinrichtungen zu wechseln, die sich auf die Rehabilitierung begabter Drop-Outs anderer Einrichtungen spezialisiert hat.

Ibrahima durfte in seinem ersten Jahr an unserer Einrichtung anfänglich sehr regelmäßig als Nachrücker an Prüfungsleistungen teilnehmen, ohne dabei die erhofften Resultate erzielen zu können. In der Folge musste er sich lange darauf konzentrieren, im Rahmen angeleiteter Übungsstunden an seinen Defiziten zu arbeiten; krankheitsbedingte Fehlzeiten und ein längerer Heimaturlaub kamen hinzu. Erst ganz am Ende des Betrachtungszeitraumes nahm er nochmals an einigen Prüfungen teil und punktete speziell im Rahmen eines Automobilprojekts. Ein Gespräch ist erwünscht.

Johan konnte krankheitsbedingt das ganze Jahr über nicht mit der Gruppe arbeiten, nachdem bereits im Vorjahr die Übernahme nur auf Probe erfolgt war. Gleichwohl wird er im neuen Jahr noch einmal die Möglichkeit erhalten, sich zu bewähren und die positiven Eindrücke, die er bei seinen allerersten Prüfungsleistungen vermittelt hatte, zu bestätigen.

Julian kehrte im vergangenen Sommer von einem Austauschprogramm zurück, in dessen Verlauf er so schwer erkrankt war, dass er bis zum Winter an keiner Prüfung teilnehmen konnte. Entsprechend schwer fiel ihm die Reintegration – das ganze Jahr über blieb ihm zumeist nur ein Platz am Rand der Gruppe –, entsprechend verbesserungswürdig waren auch die ersten Prüfungsergebnisse. Nach dem Winter stabilisierte er sich etwas, ohne jedoch die Erwartungen erfüllen zu können. Seine Abschlussfokussierung steht indes nicht in Frage, wie er jüngst in einem Geographieprojekt unter Beweis stellte. Das Thema lautete “Westfalen” und gilt derzeit als sein persönliches Steckenpferd. Ein Gespräch ist unumgänglich.

Geronimo hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Nur 12 von mehr als 30 Prüfungen durfte er vollständig bearbeiten, 13 mal konnte er sich nur als Nachrücker einbringen, mit teilweise überschaubar positiven Ergebnissen. Parallel zu seiner mitunter zu deutlich zur Schau getragenen Unzufriedenheit litt auch sein Ansehen in der Gruppe. Gleichwohl ließ er in seinen Anstrengungen nicht nach und wirkte gerade zum Ende hin in seinem Auftreten wieder zielorientierter. Umso bedauerlicher ist es, dass er, wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen, nicht an der Sommeruni teilnehmen darf und so einen weiteren Rückschlag erleidet. Ein Gespräch ist erwünscht.

Vedad kam im Winter an unsere Einrichtung und beeindruckte von Beginn an mit seiner klaren Abschlussorientierung. Erfreulicherweise stellte er seine Vorbereitungsmaßnahmen auch seinen Freunden ausnehmend freigiebig zur Verfügung. Sein bereits nach kürzester Zeit ausgeprägtes Verständnis hiesiger Abläufe erleichterte seine Integration zudem und ermöglichte zielgerichtete Gruppenerarbeiten, insbesondere mit seinem Freund Martin. Vedad erhält ein Lob.

Pavel zeigte sich einmal mehr überaus bemüht und engagiert, ohne allerdings die erhofften Prüfungsergebnisse zu erzielen. Seine schwach ausgeprägte Technikaffinität und die grundsätzlichen Zweifel an seiner Abschlussfähigkeit führten letztlich dazu, dass wir seinen Wunsch, an einer ausländischen Einrichtung eine neue Sprache zu erlernen, beförderten.

Christoph wechselte im Sommer aus einer aufstrebenden Nachbareinrichtung zu uns und durfte im Herbst an einzelnen Prüfungen teilnehmen. Aufgrund der auch im Rahmen der regelmäßigen Übungsstunden gesammelten Eindrücke erscheint fraglich, ob der den Anforderungen gerecht werden kann. Ein Gespräch ist erwünscht.

Bruno begann sein erstes komplettes Jahr mit einer Reihe erfolgreicher Prüfungen, ohne dabei die im Vergleich zum Vorjahr erhofften eleganten Lösungsansätze zu finden. Im weiteren Verlauf ließen zunächst die Ergebnisse deutlich nach, und erst, als seine Jahresprüfungen und damit seine Zukunft in Frage standen, gelang es ihm wieder, die Konzentration auf das Wesentliche zu lenken und das Jahr erfolgreich zu beenden. Seine Herangehensweise wirkt gleichwohl mitunter althergebracht, frischen Lösungsansätzen kann er wenig abgewinnen oder sie gar selbst entwickeln. Seine Orientierung am Einrichtungsleitbild ist vorbildlich, seine Demut im Angesicht des großen Ganzen beispielgebend, sein Festhalten an der eigenen Herkunft mustergültig. Gespräche sind erwünscht.

Fredi machte sich im abgelaufenen Jahr in besonderem Maß um unsere Einrichtung verdient. Trotz geringer Spielräume gelang es ihm in einer koordinierenden Funktion, die Arbeitsgruppen ausgewogen zusammenzustellen und anzuordnen. Vor allem aber übernahm er zahlreiche kommunikative Aufgaben, die somit nicht von der Einrichtungsleitung wahrgenommen werden mussten. Zudem gelang es ihm, die Alumni und den Förderkreis vom Tagesgeschäft zu entlasten. Er machte sich um die stärkere Förderung jüngerer Jahrgänge verdient, indem er neue Mentoren und einen Koordinator gewann. Leider wurden die Pläne, die so geförderten Hochbegabten regelmäßig zu Prüfungsleistungen heranzuziehen, nicht in die Tat umgesetzt – was sowohl bei den jungen Leuten selbst als auch bei den Mentoren als auch im Umfeld zu Verdruss geführt hat. Fredi erhält ein Lob. Gegen den Frust.

Gerd kam im vergangenen Sommer nach langwierigen Aufnahmediskussionen an unsere Einrichtung und verhielt sich zunächst angenehm zurückhaltend. Erst zum Ende des Betrachtungszeitraums verdiente er sich im Bemühen um eine neue Einrichtungsuniform ein Sternchen. An Prüfungen durfte er nicht teilnehmen, andersartige Leistungsnachweise erbrachte er ansonsten nicht. Im Frühjahr zog er die Bedeutung deutscher Dichtkunst in Zweifel, wurde eines Literaturprojekts verwiesen und beleidigte Außenstehende, die sich vorsichtig kritisch zur Einrichtung geäußert hatten. Wie er vor diesem Hintergrund einem Verweis entgehen konnte, ist unergründlich. Gesprächskultur ist erwünscht, ein persönliches Gespräch nicht.

Zrrttn!

Da tut man eine Reise, eine erlebnisreiche noch dazu, in die Großstadt, mit einer Reihe erquicklicher Begegnungen, Wiedersehensfreude und allem, was dazugehört, und dann muss man sich eingestehen, dass man zwar manches zu erzählen hätte, dass aber erst einmal dieses “Zrrttn!” im Gedächtnis haften geblieben ist.

Hat der Mann in der U-Bahn immer gesagt. Zumindest in der einen; bei den anderen Fahrten war es mir nicht aufgefallen. Und ich weiß halt nicht, ob in den Münchner U-Bahnen immer die selben Ansagen abgespielt werden, oder ob sie vielleicht doch nur inhaltlich gleich sind, vielleicht von verschiedenen Menschen eingesprochen. Sagen die Fahrerinnen und Fahrer gar stets im Livebetrieb “Zrrttn!”, und was wollen sie überhaupt zerrütten?

Lauter Fragen, die ich nicht beantworten kann, die ich im Grunde auch gar nicht beantworten will, aber irgendwie muss ich doch dieses “Zrrttn!” loswerden, bei dem ich mir mittlerweile zusammengereimt habe, dass es tatsächlich wohl eher “Zurücktreten!” hieß. Aber es hängt fest. Zrrttn! Zrrttn! Zrrttn! Z u r ü c k t r e t e n!

Nun möge sich die geneigte Leserin bitte nicht in die Irre führen lassen und zu dem Schluss kommen, ich wolle mich mit Gerd E. Mäuser befassen, oder gar mit Bruno Labbadia. Vielmehr geht es um die große Bühne, auf der, seien wir ehrlich, Olympique Marseille in diesen Tagen in etwa genau so viel verloren hatte wie es der VfB hätte. Nichts.

Und so bin ich nicht nur ein bisschen froh, dass l’OM nicht furchtbar unter die Räder kam gestern, an einem Ort, dem die einheimischen Twitteruser interessanterweise die Abkürzung “AA” widmen, die bei mir bis dato anders besetzt war. Kurz gestutzt habe ich schon. Aber egal. 2:0 für die Bayern, das spiegelt die Kräfteverhältnisse wohl nicht einmal ansatzweise wider – vermutlich hätte Ribéry seinen Kampf gegen den Gegner und dessen Anhänger auch ganz allein erfolgreich bestritten. Ok, zwei Chancen hatten die Gäste vor der Pause, und wenn sie bei der ersten nicht so fassungslos gewesen wären, plötzlich zu dritt allein im gegnerischen Strafraum zu stehen, hätten sie wohl das 1:0 erzielt und das Spiel einen ganz anderen Verlauf genommen kurzzeitig eine Illusion von Spannung vermittelt.

Im Lauf so eines Spiels fragt man sich dann ja auch von Zeit zu Zeit, wie es dazu kommen konnte, dass diese Mannschaft, die sich im Spätherbst allem Anschein nach gefangen hatte, im Jahr 2012 von einer Enttäuschung zur nächsten eilt, vielleicht eher schlendert, und weiß gleichzeitig, dass man das Geschehen viel zu wenig verfolgt, um sich ein Urteil bilden zu können. Und doch wüsste man gern, wo der André Ayew geblieben ist, den man sich vor der vergangenen Saison nach Stuttgart wünschte, und wer der uninspirierte Alleinunterhalter in seinem Trikot war. Man hört auf, die Fehlpässe des dereinst verlässlichen Cheyrou zu zählen, fragt sich, wieso Loïc Rémy so gar nicht mitspielen will, wundert sich über den plumpen Jérémy Morel und bedauert Matthieu Valbuena, wenn er einen weiteren Defensivzweikampf gegen Franck Ribéry bestreiten muss.

Aber es war eine wahre Freude, wieder einmal ein “Aux Armes!” live im Stadion zu hören – und dann doch ganz vorsichtig die Lippen mitzubewegen, mehr schien angesichts der Übermacht umsitzender Klatschpappen nicht geboten. In der Tat ging es bemerkenswert laut zu in der AA – die Zuschauer nahmen die Vorlage des Vereins, der so zumindest kurzzeitig die Verantwortung für die Stimmung im Stadion übernommen hat, gerne auf.

À propos Stimmung: Ein wenig überrascht hat mich die anhand der Reaktionen auf die Zwischenergebnisse deutlich gewordene klare Präferenz für den AC Milan gegenüber dem FC Barcelona. Der gewohnt sachkundige Herr @probek mutmaßte, es könne mit Mark van Bommel zu tun haben, was für ihn persönlich ganz bestimmt gilt und was ich mir durchaus auch für andere Zuschauer vorstellen kann. Und doch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es nicht erst in letzter Linie mit dem Wunsch zu tun habe, Barcelona in einem möglichen Finale aus dem Weg gehen zu können.

Dabei wäre das sehr wohl nachvollziehbar. Nur, wie gesagt, ich hätte nicht mit so einem, sofern mein akustischer Eindruck zutraf, klaren Meinungsbild gerechnet. Hätte mir sogar vorstellen können, dass man gerade danach trachte, dem allenthalben als Gralshüter des schönen, modernen und erfolgreichen Fußballs verehrten FC Barcelona im Endspiel die Grenzen aufzuzeigen. Wilde Spekulationen, ich weiß, und auch nicht wichtig. Im Grunde hatte ich wohl eine neutrale Haltung erwartet. Man ist ja schließlich man.

Aber all das war natürlich nur das Vorspiel zum eigentlichen Höhepunkt der Reise, dem Captain’s Dinner Zusammentreffen mit einer ganzen Reihe ranghoher FCB-Protagonisten in den sozialen Netzen. Angefangen bei Herrn @lik0n, der mir eine ungefälschte Karte verkaufte, über den vom Großmeister der urbanen Neurose beim Sitzen beobachteten @stehblog, der sich mit ungefälschten Karten besonders gut auskennt, den im Sonntagsstaat erschienenen @mickyrust bis hin zu Frau @ankegroener und Herrn @probek, die die angekündigten starken Gefühle nach dem – vermutlich zu leicht gefallenen – Sieg zunächst ein wenig vermissen ließen.

Was sich in der Küche des Geburtstagskindes aus nahe liegenden Gründen noch ändern sollte (zumgeburtstagvielglückzumgeburtstagvielglück…), aber wer wäre ich, die Gefühle des Herrn probek und seine Begeisterung für bildungsbürgerliche Geschenke (die, ganz viel Asche auf mein Haupt, nicht von mir kamen) schildern zu wollen, wenn nicht einmal Jürgen Bergener ihn danach frug.

Ich verliere mich ein wenig, Verzeihung, freue mich auf einen ohne mein Zutun quasi versprochenen Pfingstkuchen und trete in vorauseilendem Gehorsam zumindest zur Seite.

Zrrttn!

Wie halten Sie's mit dem Präses, Herr Professor?

… und dann setzt der eingewechselte offensive Mittelfeldspieler anstelle eines Schlusspunkts ein Ausrufezeichen und haut das Ding mit links unter die Latte – und das Stadion tobt. War ja auch nicht ganz unwichtig, zudem in der Ausführung sehr bemerkenswert, dieser Seitfallzieher von Kevin Stöger nach schöner Vorarbeit von Holzhauser und Riemann.

War ja klar, dass ich nicht umhin kann, den Namen Holzhauser gleich im ersten Absatz zu platzieren, Fanboy, der ich bin (ohne mir den Anschein von Jugendlichkeit verpassen zu wollen). Dabei war auch gegen Jena wieder offenkundig, dass er den Ball mitunter zu lange hält und vielleicht noch etwas zu oft zu früh (und selbst) den entscheidenden Ball spielen will. Aber ich sehe ihm so unheimlich gerne dabei zu. Diese mitunter an Arroganz gemahnende Eleganz, wie sie groß gewachsenen Spielern des Öfteren eigen ist und wie wir sie hierzulande zuletzt viele Jahre lang bei Michael Ballack sahen, auch die scheinbare Behäbigkeit, mit der er aus der Tiefe des Raumes kommt, um dann den Ball mit einer lässig fließenden Bewegung in die Spitze zu spielen … genug, Kamke, mach halblang!

Der VfB II hat  einen wichtigen und hochverdeinten Sieg im Kampf gegen den Abstieg erspielt und errungen, der drüben bei kick-s.de ausführlich geschildert wird. Ein Spiel, das mir allein schon deshalb in Erinnerung bleiben wird, weil der Sohnemann erstmals auf dem Zaun stand. Nach der Partie, um die Spieler abzuklatschen, die sich ihrerseits, möglicherweise altersgerecht, wie Bolle freuten und mit Welle, Humba und besagtem Zaunspalier das ganze Programm mitnehmen durften. War schön anzusehen.

Aber natürlich war da auch noch ein anderes Fußballspiel am Wochenende, und auch wenn es aus Sicht des Präsidenten dem Vernehmen nach nicht im Sinne des Vereins ist, will ich es mir – ohne mich anmaßend in einen ehrenwerten Berufsstand einreihen zu wollen – genau wie die anderen, also die professionellen, Schmierfinken nicht nehmen lassen, irgendeinen Scheiß über das 4:4 in Dortmund zu schreiben.

Über Jürgen Klopp, zum Beispiel, dessen ich einfach nicht überdrüssig werde. Natürlich ärgert er mich manchmal, wenn er überzieht, und seine Sketche mit Herrn Zeigler konnte ich auch nur einmal (und da sehr) witzig finden; aber jener Effekt, dass ich jemandem, den ich irgendwann schätzte oder mochte, nicht mehr so gern zuhören möchte und ihm statt dessen mit Gleichgültigkeit, wie es einst bei Herrn Welke der Fall war und bei Hans Meyer drohte, ehe er sich weitgehend zurückzog, oder auch mit nachgerade Pawlow’schen Ausschaltreflexen (Rudi Völler, Manfred Breuckmann) begegne, stellt sich bei Herrn Klopp einfach nicht ein.

Ich weiß nicht genau, woran das liegt, vermute aber stark, dass es mit seiner Kompetenz zu tun hat. Und damit, dass er – um das in diesen Tagen nicht so gern gelesene Unwort von der Authentizität zu vermeiden – auf mich nach wie vor ziemlich ehrlich wirkt. So ehrlich man halt sein kann als Führungskraft im Profifußball, schon klar.

Auch sind es Situationen wie die nach dem Pokalspiel gegen Fürth, als er vom Baum der Selbsterkenntnis naschte und sich als Vollhorst outete, oder eben jene nach dem freitäglichen Ausgleich durch Gentner, als er gar nicht anders konnte, als auch von außen sichtbar in sich hinein zu lächeln, und wenige Minuten später nicht nur die Leistung des Gegners anerkannte (und bestimmt auch bewusst überhöhte), sondern ganz nebenbei die Aussagen seiner enttäuschten Spieler relativierte.

Wobei: In erster Linie ist es wohl doch die Kompetenz. (Und ein wenig das zugegebenermaßen billige Vergnügen, manchem Bayernfan zuzusehen, wie er über Klopp schimpft und dabei auf mich gelegentlich etwas gezwungen wirkt.)

Was mir zum Spiel selbst noch am Herzen liegt: Wer gewinnt in Dortmund punktet, hat recht. Auch wenn er Boka wieder 60 Minuten lang und Hajnal noch länger spielen lässt. Auch wenn er – nach einer vielversprechenden Phase  in der ersten Halbzeit, die sich dann doch als Strohfeuer zu entpuppen droht – lange Zeit zuzusehen scheint, wie man sich in ein unspektakuläres 3:0 oder 4:1 fügt.

Tatsächlich wusste der Trainer wohl, das da noch etwas kommen würde. Wusste, dass Julian Schieber, obwohl auf einer keineswegs idealen Position eingesetzt, nach seinem kapitalen Fehlschuss irgendwann auch noch die Chance bekommen würde, seine Stärken zum Tragen zu bringen: das entschlossene Dribbling und den rechten Fuß. Wusste, dass Mats Hummels dem aus seiner Sicht tempomäßig völlig überforderten VfB zwecks Chancengleichheit noch zwei Treffer auflegen würde.

Erfrischend und innovativ war zudem der Ansatz, Vorlagengott Georg Niedermeier auch noch eine stilisierte Zielscheibe auf die Stirn zu malen, auf dass Lewandowski (und später noch jemand, an dessen Identität ich mich gerade nicht erinnere) sie nicht verfehlen mögen. Es gibt einiges, was mir an Niedermeiers Spielweise nicht gefällt; im Moment aber ist er meines Erachtens nicht aus der Mannschaft wegzudenken.

Gentner. Bei seiner Einwechslung gedachten wir witzelnd jenes Stadiongängers, der sich dereinst in einer vergleichbaren Situation mit einem engagierten “Nein. Nein. Nein! Nein! NEIN! NEIN!” in die Nesseln gesetzt hatte; keine zwei Minuten später leitete er auch diesmal den Anschlusstreffer ein und war mitverantwortlich für ein insgesamt entschlosseneres Angriffsspiel des VfB. Naja, und die Sache mit dem Siegtreffer halt. Christian Gentner tut der Mannschaft derzeit gut, gerne auch weiterhin als Joker, und gerne auch, wie er selbst sagte, künftig wieder unter der Woche.

Wäre doch schön, wenn sich die ganzen jungen Wilden, die in der nächsten Saison das Rückgrat des VfB bilden, gleich in Europa beweisen dürften. Sie wissen schon, jene jungen Wilden, die Herr Mäuser so gerne predigt, um sie dann, vermeintlich aus Versehen, öffentlich zu diskreditieren.

Auftritt Fredi Bobic. In kaum zu übertreffender Deutlichkeit hob er hervor, was er vom öffentlichen Auftreten seines Präsidenten, konkret: von dessen an Deutlichkeit kaum zu übertreffender Kritik an Julian Schieber, hielt. Nichts.

“Julian ist Teil der erfolgreichen Entwicklung des VfB. Ich würde gern mit ihm verlängern, das sage ich als Verantwortlicher für den Sport in aller Deutlichkeit.”
(Quelle: Stuttgarter Nachrichten)

Und ganz nebenbei ließ er erahnen, wie es um seine Einschätzung der sportlichen Kompetenz des Präsidenten steht. Vermutlich könnte man an dieser Stelle die Loyalität des Sportdirektors hinterfragen, der seinen Vorgesetzten so unmissverständlich rüffelt; oder aber, und das sagt mir deutlich besser zu, die Klarheit seiner Ansprache loben.

Mich persönlich würde ja sehr interessieren, was Herr Professor Hundt gedacht hat, als er vom offensichtlich lediglich auf dem Papier präsidialen Auftritt an der MHMK erfuhr. Der Einfachheit halber stelle ich einmal drei Ansätze zur Auswahl, die je auf einem Zitat mehr oder minder Beteiligter beruhen.

Stimmte er erstens im Grunde Herrn Mäuser zu und verurteilt wie der Präsident nicht nur pauschal die Arbeit all jener Journalisten, die den VfB intensiv begleiten, sondern ist auch einverstanden, wenn im Zuge einer peinlichen Spielerkritik gleich auch noch der sogenannte Stuttgarter Weg als Schimäre entlarvt wird?

Oder hing er zweitens ebenfalls jener Überlegung nach, die auch mich Unwürdigen ein Weilchen beschäftigte?

https://twitter.com/#!/heinzkamke/status/185766061264740352

Ganz abgesehen davon, dass mich der Gedanke an mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden geteilte Gedanken latent unzufrieden zurück ließe, gefällt mir, auch inhaltlich, jene dritte Variante besser, der zufolge er seine Gedanken statt dessen mit Mary Shelleys Protagonisten teilt:

“[A] cold dew covered my forehead, my teeth chattered, and every limb became convulsed; when, by the dim and yellow light of the moon, as it forced its way through the window shutters, I beheld the wretch–the miserable monster whom I had created.”

Vielleicht hätte ich eine Abstimmung einbauen sollen.

Nachhall

Ja, sie hallt nach. Ach, die WM? Ja, die auch, klar. Weil sich gezeigt hat, dass sich Anachronismen bei Männern und Frauen durchaus ähneln, und wir gespannt sein dürfen, wie (nicht nur) der Deutsche Fußball-Bund damit umgeht. Sie hallt auch nach, weil sich einige deutsche Spielerinnen auf der Tribüne zu sehr mit den Japanerinnen freuten, andere sagen: gegen die Amerikanerinnen. Ich fand’s auch nicht angemessen, muss das aber auch nicht weiter vertiefen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich glaube, dass sie selbst diejenigen sind, die es zu gegebener Zeit ausbaden werden.

Vor allem aber hallt die Mitgliederversammlung des VfB nach. Gelegentlich wähle ich ja die Abkürzung MV; beim VfB erscheint mir diese Abkürzung indes ungeschickt, aber das ist ein anderes Thema. Sie hallt nach, die Versammlung, und das auch bei Leuten, die wie ich nicht einmal dort waren, die nur die Liveeindrücke per Twitter oder bei kick-s.de verfolgten, zudem die in einer leicht anderen Tonalität gehaltenen Informationen auf vfb.de sowie die ausführliche Begleitung im SWR und bei den Stuttgarter Zeitungen.

Ich bin ein wenig ratlos. In zweiter Linie. In erster Linie verständnislos. Was hat die Vereinsführung geritten, sehenden Auges die maximale Konfrontation in Kauf zu nehmen? Nicht am Tag der Versammlung, da lag das Kind längst im Brunnen. Sondern in den Monaten davor, in den Wochen davor, und ganz besonders in den 14 Tagen davor. Wieso gelang es ihr nicht, den Mitgliedern und Anhängern zu einem frühen Zeitpunkt zu vermitteln, dass ihre Sorgen Gehör finden, dass die Vereinsführung sie ernst nimmt? So sie es denn wollte. Wer hatte ihr eingeredet, dass es sich nur um ein Kleingruppenphänomen handle, das sich beizeiten auflösen werde, wenn man nur mit der nötigen Überheblichkeit herangehe? Und wie war sie kurz vor Toreschluss auf die Idee gekommen, das Pferd zu wechseln? Panikmache statt Aussitzen, gepaart mit ein wenig Diffamierung, auf Vereinskosten? Und wer um alles in der Welt war der Meinung, Jürgen Sundermann sei ein Ass im Ärmel? Wer hatte da etwas zu gewinnen? Weder der Aufsichtsrat und der Präsidentschaftskandidat, denen der Auftritt als Inszenierung verübelt werden musste, noch die Legende Sundermann, die sich von VfB-Mitgliedern Schmährufe anhören musste, noch der Verein, aus selbigem Grund.

Mal so ganz grundsätzlich gefragt: das sind doch lauter intelligente Leute, wie kommen die darauf, dass man so tun könne, als verändere sich unsere Gesellschaft nicht? Menschen wollen teilhaben und teilnehmen, sie wollen mitreden, und ja, sie wollen auch Verantwortung übernehmen. Das ist erst einmal positiv. Und das mindeste, was sie erwarten dürfen, ist, ernst genommen zu werden. Nicht von vornherein an der Tür abgewiesen zu werden. Und damit meine ich nicht nur die, die ihr Interesse bekundet hatten, den Verein künftig führen zu wollen, und deren Eindruck eines Closed Shops nach meinem Kenntnisstand von niemandem entkräftet wurde. Hat es überhaupt jemand versucht?

Vielmehr meine ich auch all diejenigen, die sich schlichtweg für mehr Transparenz ausgesprochen haben, unabhängig von einer mehr oder weniger organisierten Oppositionsbewegung. Leute, die verstehen wollen, was im Verein passiert, die einen regelmäßigeren Austausch anstreben, der vermutlich nicht ganz auf Augenhöhe erfolgen kann, der aber ernst gemeint ist und nicht kurzfristig dem Wahlkampf geschuldet. Mal im Ernst: niemand erwartet doch, zumindest glaube und hoffe ich das, dass die Herren Ruf oder Staudt, künftig Mäuser, Gehaltslisten diskutieren oder Sponsorenverträge erörtert, dass Fredi Bobic mögliche Neuzugänge mit ihnen scoutet oder dass Dieter Hundt seine Meinung zu Erwin Staudt preisgibt. Aber mit Äußerungen der Preisklasse “wir haben halt Pech gehabt und hoffen, mit dem nächsten Trainer mehr Glück zu haben” geben sie sich nicht zufrieden, ein wenig mehr darf’s schon sein. Zumal nach einem aus der Sicht vieler Anhänger vorprogrammierten Fehlschlag mit Jens Keller.

Nehmen wir den personellen Umbruch vor der neuen Saison. Nicht im Spielerkader, sondern drum herum. Ich persönlich habe zwar bei der einen oder anderen Veränderung geschluckt, bei der Degradierung von Eberhard Trautner, zum Beispiel, aber ich traue Fredi Bobic zu, dass er weiß, was er tut. Da werden Dinge verändert, neue Strukturen geschaffen, das Scouting intensiviert. Man kann den Eindruck gewinnen, es stecke ein Konzept dahinter. So etwas lässt sich erklären, den Fans nahe bringen. Oder die Konsequenz, die man bei Ciprian Marica an den Tag gelegt hat, die Entschlossenheit, Patrick Funk oder Daniel Didavi eben nicht zu verkaufen, sondern nur auszuleihen. Das klingt nach einem Plan, zumal nach einem, der vielen Anhängern gefallen dürfte, eben weil man so stolz ist auf die Jugendarbeit des VfB. Aber es ist nicht gelungen, diese Themen in den letzten Wochen und Monaten nachhaltig (Bingo!) in den Mittelpunkt zu rücken. Im Einzelfall mag das an einer Fundamentalopposition gelegen haben, zum Teil auch daran, dass die mediale Sexiness begrenzt ist. Aber ich hatte eben auch nicht den Eindruck, dass man in ausreichendem Maße bestrebt war, Konzepte zu diskutieren, meinetwegen zu verkaufen. Es schien mitunter wichtiger, die Opposition zu diskreditieren.

Möglicherweise war besagte Opposition wirklich nicht gut vorbereitet. Vielleicht hatte die Aktion VfB 2011 mit Helmut Roleder nicht das beste Zugpferd, möglicherweise vermittelte er in der Tat zu sehr den Eindruck, einen Job zu suchen, in den Stuttgarter Nachrichten wird er aktuell mit dem Satz “vielleicht kann ich in Zukunft einem anderen Verein helfen” zitiert. Björn Seemanns Kandidatur stand anfänglich unter keinem guten Stern, bei einzelnen Medien und letztlich wohl auch beim Aufsichtsrat hatte er keinen leichten Stand. Ich kann nicht ausschließen, dass Gerd Mäuser tatsächlich, wie von der alten Vereinsführung gebetsmühlenartig vorgetragen, der weitaus beste Kandidat war; das Herzblut nehme ich aber sowohl Björn Seemann als auch Helmut Roleder ab, und empfinde es als unanständig, ihnen den Versuch einer feindlichen Übernahme zu unterstellen. Sie sind dem Verein gewiss nicht feindlich gesinnt. Sie mögen einen Teil der handelnden Personen, besser: deren Arbeit, nicht schätzen, und wenn man will, kann man sie als Konkurrenten und letztlich, mit einer entsprechenden Fantasie, als deren Feinde ansehen. Hm, wenn dann natürlich diese handelnden Personen sich selbst als den Verein… dann könnte man… nein, da steckt gewiss ein Denkfehler drin.

Ein Begriff, der mir in den letzten Tagen vermehrt durch den Kopf geht, lautet Souveränität. Ich hätte Herrn Professor Hundt gewünscht, souverän mit seinem Abstimmungsergebnis umzugehen, und nicht trotzig. Der gesamten Vereinsführung hätte im Vorfeld mehr Souveränität im Umgang mit der Kritik und den Oppositionsgruppen gut getan. Eventuell hätte man die Diskussion dann noch in ruhigere Bahnen lenken und gemeinsam sinnvolle, mehrheitsfähige Satzungsänderungen anstoßen können. Dass auch die Gegner zum Teil alles andere als souverän waren, steht außer Frage – man möge mir nicht zuletzt nachsehen, dass ich auf dem Auspfeifen von Jürgen Sundermann herumreite. Souverän wäre es übrigens auch gewesen, hätte Helmut Roleder darauf verzichtet, in seinem Statement am Tag nach der Versammlung eine Spitze gegen Hansi Müller und dessen frühere, tendenziell unglückliche Tätigkeit für den Verein anzubringen, unabhängig von Müllers unsouveränem Auftritt tags zuvor, in dem er zahlreichen engagierten Mitgliedern Respektosigkeit unterstellte. Weit mehr als nur unsouverän war übrigens der Versuch eines Teilnehmers, die Mitgliederversammlung mit einer Creditreform-Auskunft über Herrn Roleder zu konfrontieren.

Wie souverän Erwin Staudt blieb, darüber scheiden sich ein wenig die Geister. Einigkeit herrscht hingegen nach meiner Wahrnehmung, dass sich Gerd Mäuser zwar nicht von Beginn an souverän zeigte, dass aber seine – auch selbst eingestandene – Nervosität und Unsicherheit eher zu seinen Gunsten auszulegen seien. Letztlich wurde er gewählt, viele Mitglieder zeigten sich erleichtert, und einzelne brachten auch ihre Beweggründe für ihre Entscheidung, nicht nur Gerd Mäuser zu wählen, sondern auch gegen die Abwahl von Dieter Hundt zu stimmen, sehr reflektiert zum Ausdruck – wenn ich “einzelne” sage, meine ich mindestens zwei: mit einem unterhielt ich mich sehr ausführlich, der andere, Bailey, äußerte sich schriftlich: “Tag der langen Messer“.

Ich verstehe ihn. Hätte vermutlich ähnlich gehandelt, da man wohl nicht davon ausgehen konnte, dass Herr Staudt aufgesprungen wäre und sich als Nachfolger angeboten hätte. Mit einem guten Tag Abstand bleibt der Eindruck, dass Gerd Mäuser möglicherweise kein schlechter Präsident ist, vielleicht auch ein guter, die ersten Duftmarken scheinen vernünftig. Im Übrigen kenne ich niemanden, der ihn vorab wegen seiner Qualifikation oder Persönlichkeit für einen schlechten Kandidaten hielt; vielmehr ging es um das Procedere, und gewiss auch um die kolportierte Nähe zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats. Der nun noch für drei weitere Jahre gewählt ist. Seine ersten Äußerungen nach der Mitgliederversammlung werden in allerlei Richtungen interpretiert. Die einen gehen davon aus, dass er den erhaltenen Denkzettel zum Anlass nimmt, sein Engagement zu überdenken; andere, zu denen ich nach wie vor neige, würden sich nicht wundern, wenn seine erste Bewertung ein Fingerzeig für künftige Bestrebungen wäre, die von Erwin Staudt ins Feld geführte “Entscheidungshoheit” der Mitglieder diesen in absehbarer Zeit doch “aus der Hand nehmen” zu wollen:

„Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden. Aber der Verlauf der Mitgliederversammlung gibt Anlass, grundsätzlich Gedanken anzustellen.“

Das ist sehr frei interpretiert, ich weiß. Vielleicht sucht er ja statt dessen den direkten Draht zu den Mitgliedern, um künftig von vornherein die Schärfe aus derlei Diskussionen zu nehmen, vielleicht will er Satzungsänderungen anstoßen, den Anhängern mehr Gewicht verleihen, einen Fanvertreter oder eine Fanvertreterin in den Aufsichtsrat holen. Kann ich nicht ausschließen.

Im Übrigen, nur zur Klarstellung, ist es nicht mein Begehr, dass die Mitglieder an operativen Entscheidungen beteiligt werden. Trainerwechsel, Spielerkäufe, Sponsorenverträge – ich muss und will darauf vertrauen, dass die Leute, denen der Verein viel Geld dafür bezahlt, diese Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen, dass die Vereinsführung Leute beschäftigt, denen sie das nach objektiven Kriterien zutraut. Aber solange es sich um einen Verein handelt, sollen die Mitglieder darüber entscheiden, wer diesen Verein führt. Gerne nach einer wie auch immer gearteten Vorprüfung durch einen Wahlausschuss, der sich nicht einmal zwingend vom Aufsichtsrat unterscheiden muss.

Die Mitglieder sind sehr wohl in der Lage, zu beurteilen, wie objektiv dieses Gremium an seine Aufgabe herangeht, sie haben eine feine Antenne für Populismus und das Streben nach Machterhalt. Man sollte sie nicht unterschätzen.