Liegengebliebenes und Aufgewärmtes

Die Nachspielzeit lief bereits, als Kai Dittmann berichtete, wie Sven Ulreich vor einem Stuttgarter Eckball Blickkontakt zu seinem Trainer gesucht habe, um von diesem ein Signal zu erhalten, ob er mit nach vorne eilen dürfe, solle, könne, müsse. Schließlich lag man in Augsburg zurück, nachdem man lange einen „Big Point“ vor Augen gehabt und viel für dessen Zustandekommen getan hatte. Sollte das alles vergebens gewesen sein?

Es ist nicht überliefert, ob Stevens Ulreich eine Absage erteilte oder ob der Blickkontakt gar nicht erst zustande kam. Sehr wohl überliefert ist indes die Reaktion des älteren Herrn in meiner Fußballkneipe, der Dittmanns Ausführungen unzweideutig kommentierte: “Was will der denn da vorne? Da fällt er bloß über die eigenen Füße.”  Die ungeteilte Liebe der Fans ist ihm im Lauf der Jahre wohl ein bisschen abhandengekommen.

Mein gequältes Lächeln signalisierte Zustimmung. Wehmütig denke ich regelmäßig an jene Zeit zurück, als jemand, vielleicht war es Eberhard Trautner, Timo Hildebrand Regionalliganiveau als Feldspieler attestierte. Das mag einem gewissen Überschwang geschuldet gewesen sein, zumal die Regional- damals die dritte Liga war, aber es lässt erahnen, worum es geht: Fußball. Und dessen grundlegende Techniken.

Auf Timo Hildebrand folgte mit Raphael Schäfer ein fußballtechnischer Antipode, und dass Schäfer dem jungen Ulreich auf Augenhöhe begegnete, kann man gerne als hübsche Randnotiz mit inhaltlicher Relevanz heranziehen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Oder anders: Sven Ulreichs Erfolgsaussichten im gegnerischen Strafraum vermute ich eher im Bereich von Oliver Kahn als von Jens Lehmann.

Aber daran lag es am Samstag nicht. Ulreich hat keine Hohle geschlagen, nicht im Dribbling den Ball verloren oder ihn sich selbst hinter die Linie geworfen. Und vermutlich entspränge es nicht nur einer sehr freien, sondern vielmehr einer boshaften Interpretation, Huub Stevens zu unterstellen, er habe den Blickkontakt mit Ulreich vermieden, weil er ihm nichts ins Gesicht sehen, weil er ihn nicht mehr sehen wollte nach zwei Gegentoren, die ihn zumindest nicht zum strahlenden Helden werden ließen. “Tapsig” wäre eine Beschreibung, die mir beim 1:0 in den Sinn käme, “unentschlossen” beim 2:1.

So läuft’s halt manchmal, und ja, es passt – daraus habe ich hier nie ein Hehl gemacht –  in mein Bild des jungen Mannes, das Bild eines durchschnittlichen Bundesligatorwarts mit großen Stärken, aber auch unübersehbaren und bis dato offenbar nicht auszumerzenden Schwächen. Und gewiss, es ist wohlfeil, jetzt darauf zurückzukommen. Schließlich hätte Ginczek ja auch einfach vor der Pause das 1:2 erzielen können. Hätte der eine oder andere die Chance gehabt, nach der Pause nachzulegen. Hätten vor dem 2:1 nicht alle stehen zu bleiben brauchen, während die Augsburger nachsetzten. Hätte sich Niedermeier einfach mal auf das sportliche Duell mit Bobadilla konzentrieren dürfen. Stimmt alles. Und hilft nichts.

Chance verpasst, hieß es allenthalben. Weil alle für den VfB gespielt hatten, es im Fall des HSV sogar danach noch taten. Aber eben auch: es ist nichts kaputtgegangen. Anders als von Giovane Elber vermutet, hat der VfB es nach wie vor komplett selbst in der Hand, die Klasse zu halten. Wenn er die verbleibenden fünf oder sieben Spiele gewinnt, können sich die anderen auf den Kopf stellen oder meinetwegen auch jeden einzelnen Schiedsrichter kaufen – es reicht nicht. Nun ist mir klar, dass weder der VfB sämtliche Spiele gewinnen noch irgendjemand einen Schiedsrichter schmieren wird, aber mein Gedanke dürfte klar sein: man hat es selbst in der Hand. Das ist weitaus mehr, als ich vor vier oder fünf Wochen erwartete.

Grade mal zwei Wochen ist es her, dass mich ein befreundeter Fan von Hannover 96 frug, ob ich “denn noch Hoffnung auf den Klassenverbleib des VfB” hätte. “Überraschenderweise ist meine Hoffnung deutlich größer als vor ein psar (sic!) Wochen”, antwortete ich. Daran hat sich nichts geändert, und ich weiß bis heute nicht, woran es gelegen hatte. Wir waren uns einig, dass nicht nur ein erneutes Schneckenrennen am Horizont dräue, sondern dass auch die B-Noten der einzelnen Schnecken durch die Bank verheerend seien, und doch war meine Zuversicht zurückgekehrt. „Trotz oder wegen Huub?“ wollte er wissen, und ich konnte oder wollte es nicht beantworten: „Mit Huub.“

Meine Zuversicht ist ungebrochen, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass beim VfB zwischenzeitlich Bewegung in die B-Note kam. Blöd nur, dass man sich davon nichts kaufen kann. Also zumindest nicht in Augsburg. In den Heimspielen sah das zuletzt, allen vorangegangenen Eindrücken zum Trotz, anders aus. Man spielte nicht nur anständig, sondern zog die A-Note gleich mit hoch, traf das Tor und punktete. Da konnten nicht mal die Wechselfehler was dagegen ausrichten.

Wechselfehler? Ok, ich sag’s, wie’s ist. Die Wechselfehler sind eigentlich durch. Hab ich schon vor Wochen drüber geschrieben. Zumindest angefangen. Und nie veröffentlicht. Jetzt liegt’s halt noch hier so rum und ist mir im Weg, also raus damit:

Vor zwei fünf Tagen Wochen gegen Frankfurt wollte Huub Stevens zur Pause wechseln. Ich kann das nicht mit Gewissheit sagen, aber alles andere würde mich sehr wundern. Oriol Romeu wärmte sich ernsthaft auf, ohne Eckle, ohne Jonglageübungen mit dem Ball auf der Schulter, sondern so richtig, mit ohne lange Hose und erhöhtem Tempo. Der Grund lag auf der Hand: Geoffroy Serey Dié, von dem die Wikipedien aller Länder, und nicht nur die, behaupten, er schreibe sich ohne Aigu, was ich aber bis zum endgültig erbrachten Beweis nicht mit meinem Sprachgefühl vereinbaren kann, hatte sich vor der Pause mit langem Atem um eine Verwarnung beworben und war in der 42. Minute endlich erfolgreich gewesen, würde also mit einer mehr als verdienten gelben Karte und einem deutlichen Eintrag im Notizblock des Schiedsrichters in die zweite Hälfte gehen, käme Romeu nicht zur Pause.

Ich unterhielt mich mit ein paar Umstehenden über die bevorstehende Auswechslung und war ehrlich gesagt etwas überrascht, dass sie diese eher nicht befürworteten. Zu wichtig schien Diés Aggressivität für das VfB-Spiel, um freiwillig auf ihn zu verzichten. Auch seine ärgerliche Angewohnheit, seine Mitspieler auch in engen Räumen und ohne Not gerne mal auf Knie-, Hüft- oder Schulterhöhe anzuspielen, tat da keinen Abbruch. Hoffnungsträger!

So ähnlich sah das dann wohl auch der Trainer. Er überlegte es sich in der Kabine noch einmal, dürfte seinem Königstransfer ins Gewissen geredet und ihn vor einer weiteren auch nur annähernd gelbwürdigen Aktion gewarnt haben, und ließ ihn auf dem Feld. Fünf Minuten später stellte er sich im Zweikampf ungeschickt an, verzichtete dann auf bissige Rückeroberungsbemühungen und war zum wiederholten Male an einem Gegentor beteiligt.

Stevens reagierte, nahm Dié nun doch vom Feld – und wurde ausgepfiffen. Um mich herum beklagten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, dass er doch nicht seinen auffälligsten, aggressivsten, besten, was auch immer, Mann vom Platz nehmen könne, Sie wissen schon, und ich frug mich, frage mich in der einen oder anderen stillen Minute noch immer, ob ich bis dahin vielleicht einfach ein anderes Spiel gesehen hatte.

In diesem meinem Spiel also schien der Trainer schlichtweg vercoacht zu haben, und wieder einmal sollte sich zeigen, dass ich keine Ahnung habe. Die Mannschaft hatte den Rückstand gebraucht, entwickelte plötzlich Torgefahr, Romeu spielte stark und Daniel Ginczek hob völlig unerwartet doch noch in der laufenden Saison den Fuß von der Bremse. Gewiss, Kopfballduell wird er auch auf absehbare Zeit keines gewinnen, aber er ist ja jung und kann noch wachsen.

Beim nächsten Heimspiel, gegen Bremen, wollte Huub Stevens wiederum wechseln. Ich kann das mit Gewissheit sagen, die medialen Regenbogengeschichten waren voll davon. Martin Harnik sollte nach zwei sehr unglücklichen Situationen vom Feld, vermutlich auch nach gewohnt engagiertem Spiel, aber das kann ich wiederum nicht mit Gewissheit sagen, weil ich das Spiel aus familiären Gründen verpasste. Immerhin war es diesmal eine unserer leichtesten Übungen gewesen, meine Karte an den Mann zu bekommen, schließlich hatte ich oft genug vom verpassten 4:4 gegen Bremen mi drei Bordon-Treffern erzählt. Mein Vertreter dürfte auch bei der diesjährigen Auflage mit dem Gebotenen nicht ganz unzufrieden gewesen sein.

Geboten wurde eben auch, um den Faden wieder aufzunehmen, der neuerliche Verzicht auf eine Auswechslung. Timo Werner stand bereit, dann bereitete Harnik den Führungstreffer vor, Stevens überlegte es sich anders und ließ Harnik auf dem Feld. Bis ihn der Schiedsrichter runterschickte. Und Bremen in Überzahl ausglich. Vercoacht, schon wieder.

Und wieder hatte ich keine Ahnung. Die Mannschaft hatte den Ausgleich gebraucht, entwickelte plötzlich Torgefahr, Daniel Ginczek ließ den Fuß von der Bremse und traf nochmals. Gewiss, Kopfballduell wird er auch auf absehbare Zeit keines gewinnen, aber er ist ja jung und kann noch wachsen.

Gegen Augsburg beging der Trainer leider keinen derartigen Wechselfehler. Aber am Wochenende steht ja wieder ein Heimspiel an. Und ich bin erneut familiär verhindert. Beste Voraussetzungen also.

 

 

Ach so, Wechselfehler ist ja noch so ein Stichwort. Domenico Tedesco geht nach Hoffenheim. Vermutlich ist der Wechsel für ihn kein Fehler. Man scheint ihm dort seine Wertschätzung etwas konkreter zum Ausdruck gebracht zu haben, als sich der VfB dazu in der Lage sah. Von welchen Kategorien wir auch immer reden mögen.

Andreas Hinkel, Tedescos Co-Trainer in der U17, scheint man auch nicht uneingeschränkt wertzuschätzen. Zur neuen Saison sind sie also beide weg, der eine in Hoffenheim, der andere sonst wo, und Rainer Adrion entblödet sich nicht, in einem beispielgebenden Blabla-Interview darauf hinzuweisen, dass die Türen für Hinkel weiterhin offen seien.

Kommunizieren wie Karl-Heinz Rummenigge. Es ist zum Heulen.

Bleierne Todesser, die ihr Lachen verkauft hatten

[Inhaltlich irrelevante Nach- und Vorbemerkung: Ich hätte in der Überschrift, wie weiter unten im Text gehandhabt, beim Begriff „Death Eater“ bleiben sollen, anstatt mich auf die akustische Erinnerung an einen Fernsehabend zu verlassen: zunächst stand hier Totesser, die oder der URL spricht noch Bände.]

Samstag, 17 Uhr 30, so ungefähr. Die Cannstatter Kurve leerte sich ganz allmählich, das Gemurmel auf den Treppenabgängen ertönte komplett in Dur, an der einen oder anderen Ecke wurden Gesänge angestimmt, die weder Beleidigungen noch Fäkalien enthielten, auch keine Forderungen nach der Freisetzung einzelner Führungskräfte, sondern zuallererst Freude zum Ausdruck brachten, vielleicht auch ein wenig Genugtuung, gepaart mit übermütigen Einschätzungen zur Rückkehr des VfB. Schön.

Und so ungewohnt. Wäre ich poetisch veranlagt, spräche ich wohl von einem bleiernen Mantel, der sich seit geraumer Zeit über das Neckarstadion gelegt und alle Freude erstickt zu haben schien, und der nun, nach einem biederen 1:0 gegen Hannover 96, wie weggeblasen war.

Ja, um einen solchen Mantel wegzublasen, bedarf es eines sehr starken Atems oder eines besonders schiefen Bildes. Und vor allem einer Reihe von Faktoren, die über das reine Ergebnis hinausgehen. Wobei bereits der Umstand, dass es gelang, eine Führung zu verteidigen, beziehungsweise dass es möglich war, eine Schlussphase ohne Gegentreffer zu überstehen, obwohl man sich große Mühe gegeben hatte, ihn doch noch einzustecken, einem Meilenstein gleichkam.

Man hatte gesehen, dass der VfB in der Lage war, gegen einen Gast, der die Ankündigung seines Sportdirektors, mit einem Punkt zufrieden zu sein, mit viel Leben füllte, dennoch alle drei Punkte einzubehalten. Dies war, abseits aller taktischen Winkelzüge, nicht zuletzt einer insgesamt zupackenderen Leistung als in den Heimspielen zuvor geschuldet, und einer augenscheinlichen Entschlossenheit, das Spiel gewinnen zu wollen, die eine ihrer Symbolfiguren in Filip Kostic fand.

Vermutlich taugt auch Thorsten Kirschbaum zur Symbolfigur, wiewohl der von ihm ersetzte Sven Ulreich eher nicht im Ruch steht, nicht entschlossen genug um die Punkte gekämpft zu haben. Gewiss, die Formulierung „nicht entschlossen genug“ mag nach dem Dortmunder Ausgleich vom vergangenen Mittwoch an der einen oder anderen Stelle gefallen sein und zählte noch zu den wohlmeinenderen, aber das ist wohl eher eine kleine ironische Wendung des Schicksals.

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Ulreich bei einer Hereingabe schlecht aussah, und diesmal hatte die Situation nicht nur besonders unglücklich ausgesehen, sondern sich auch als besonders folgenreich erwiesen: sowohl für die Mannschaft als auch für ihn selbst, der bereits in den Wochen zuvor vom Trainer angezählt worden war, von der gemeinsamen Historie nicht zu reden.

Ich mache keinen Hehl daraus – alles andere ließe sich auch niemandem vermitteln, der oder die hier annähernd regelmäßig mitliest und meine Vorbehalte gegen Sven Ulreich kennt –, dass ich Vehs Entscheidung begrüßt habe, ohne aber genau zu wissen, was wir von Kirschbaum zu erwarten haben, über die Eindrücke aus einer Handvoll Spielen hinaus. Heute sind wir schlauer, wenigstens ein bisschen: der Neue hat solide gespielt, kurz vor Schluss eine Matchwinnerparade gezeigt, die, da habe ich keine Zweifel, auch Ulreich hinbekommen hätte, und er stand weiter vorn.

Was ganz gut in das Argumentationsmuster von Typen wie mir passt, die Ulreich fußballerische Schwächen ankreiden, die auch nach Jahren noch nicht ausgemerzt sind, begleitet von Defiziten in Sachen Gedankenschnelligkeit und Entscheidungsfindung, die uns immer wieder kollektiv aufstöhnen lassen, wenn die Möglichkeit, das Spiel von hinten heraus schnell zu machen, ungenutzt bleibt und wir uns fragen, was Ulreich eigentlich in den zwei Jahren gemacht hat, in denen er Jens Lehmann aus nächster Nähe studieren durfte.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: auch Kirschbaum tat das am Samstag nicht. Was in diesem Fall schlichtweg daran lag, dass sich nur selten (nie?) überhaupt die Option auftat, gegnerische Angriffe abzufangen und eine schnelle eigene Offensivaktion einzuleiten. Es fiel lediglich auf, dass er in der Regel, so redeten wir uns das zumindest ein, etwa 10-15 Meter weiter im Feld stand als Ulreich, aktiver am Spiel teilnehmen zu wollen schien, aber wie gesagt: es passte halt auch ganz gut in unser Narrativ.

Was indes nicht ganz so gut passte, oder eben doch, je nachdem, wie man gestrickt ist: die Einstiegsfrage des Kurzinterviews mit Sven Ulreich, das im Stadionheft zum Spiel veröffentlicht wurde:

„Hallo Ulle, der Saisonstart ist nicht nach Wunsch verlaufen. An welchen Hebeln ist nun anzusetzen?“

Faust. Auge. Realsatire?

Als recht hübsche Realsatire empfand ich auch den Moment, als sich ein Stuttgarter beim Einwurf nicht sonderlich beeilte und sich der Gast darüber empörte. Jener Gast, der seit Mitte der ersten Halbzeit jede Gelegenheit genutzt zu haben schien, sich etwas länger auf den Boden zu legen und die Uhr herunterlaufen zu lassen, und der nun seine Strategie ein bisschen ändern musste. Ich gebe zu: ich schmunzelte, lachte gar. Ob das schon unter Häme läuft, die ich sonst so gerne kritisiere? Vielleicht.

Vielleicht war’s aber auch nur ein großer Selbstbetrug. Vielleicht lachte ich schlichtweg hysterisch, weil mich die Fahrlässigkeit entsetzte, mit der der VfB den Gast ins Spiel kommen ließ, der zuvor in überzeugender Art und Weise die Basisstrategie gegen den VfB verfolgt hatte: Räume eng machen, gut verschieben, den Stuttgartern den Ball überlassen und zusehen, wie sie scheitern. Irgendwann die eigenen Räume nutzen, in Führung gehen, gewinnen.

Ich weiß nicht, wie bewusst die VfB-Spieler dazu übergingen, einen Schritt weiter zurückzuweichen, etwas weniger Mut zu zeigen, das Heft des Handelns weitgehend aus der Hand zu geben. Eine gute Idee war es auf jeden Fall nicht. Um nicht falsch verstanden zu werden: auch in der ersten Halbzeit hatte der VfB kein Feuerwerk abgebrannt.

Immerhin hatte ich aber den Eindruck, dass die Kurz- und Querpässe, derer man sich mangels größerer Lücken in der Hannoveraner Defensive behalf, einige Zeit lang schneller, druckvoller, entschlossener gespielt wurden als zuletzt und so den Gast stärker forderten. Der Mut, in die gelegentlich entstehenden kleinen Lücken zu stoßen, war dabei noch nicht sonderlich ausgeprägt, aber das mag auch viel mit dem nicht so sehr vorhandenen Selbstvertrauen zu tun haben.

Weiter oben hatte ich von mehreren Faktoren gesprochen, die dazu führten, dass man gegen Hannover nicht nur drei Punkte holte, sondern dass vor allem auch eine ganz andere Stimmung im und später um das Stadion herum herrschte. Nicht mehr so, als sei der gesamte Neckarpark von Death Eaters heimgesucht worden. Nun möchte ich keineswegs behaupten, Fredi Bobic sei irgendwann auf die schiefe Bahn und die falsche Seite geraten, praktiziere dunkle Magie und habe nur willfährige Genossen um sich versammelt, oder höchstens zum Teil.

Dass aber der unter der Woche vollzogene Schritt zur befreiten Stimmung auf den Rängen beitrug, dürfte auch von jenen, die nicht nur den Stil, sondern auch die Trennung an sich für kritikwürdig halten, nur schwer verneint werden können. Ganz wesentlich beitrug, wenn man mich früge.

„I don’t want anyone to lose their job“, so oder ähnlich sagt es Barry Glendenning, ich zitierte ihn gelegentlich in anderem Kontext, regelmäßig bei „Football weekly“, und ich sehe mich in aller Regel nicken. Grundsätzlich gilt das auch für Fredi Bobic. Dennoch brachte die Cannstatter Kurve (genauer: das dortige Commando) mein Empfinden ganz gut auf den Punkt: „Fredi, es war Zeit zu geh’n!“, ergänzt um den Dank für seine Verdienste und seine Treue. Passt.

Gerne würde ich mich an dieser Stelle Armin Veh anschließen, der am Mittwoch seine Zuversicht zum Ausdruck brachte, dass Bobic gewiss seinen Weg als Manager machen werde; allein: ich glaube es nicht. Ich glaube noch nicht einmal, dass man mit Bobic, wie Veh ebenfalls sagte, die vier Punkte aus den letzten beiden Spielen geholt hätte. Vielleicht will ich es auch nur nicht glauben.

Dass man sich die Trennung von Bobic anders hätte vorstellen können, steht außer Frage. Früher, vielleicht, nach dem Klassenerhalt zum Beispiel, oder auch später, einen Tag, und auf jeden Fall so, dass man all jenen, die mangelnden Stil unterstellten, nicht ebenso zähneknirschend wie überzeugt zustimmen hätte müssen. Ob die Entlassung letztlich telefonisch erfolgt ist oder doch erst im persönlichen Gespräch, weiß ich nicht, und auch nicht, ob der Unterschied im vorliegenden Fall letztlich doch nur eine Marginalie wäre. Peinlich ist es allemal.

In den ersten Tagen nach der Entlassung hatte ich den Stil kritisiert, grundsätzlich aber gelobt, dass die Vereinsführung getroffene Entscheidungen auch dann konsequent umsetzt, wenn der Zeitpunkt ungewöhnlich oder gar falsch erscheint. Der Begriff “Überzeugungstäter“ war in meinem Kopf herumgeschwirrt, wie möglicherweise auch in dem von Armin Veh.

Da mittlerweile jedoch relativ klar scheint, dass die handelnden Personen de facto von mindestens einem ganz besonders wichtig(tuend)en Menschen zu diesem raschen Schritt gedrängt wurden, der sein Wissen nicht für sich behalten konnte oder wollte, bin ich, abseits der inhaltlichen Entscheidung, in erster Linie verärgert. Ich möchte weiterhin über die kommunikativen Auswüchse der Aufsichtsräte anderer Vereine lachen können, ohne ständig an den Balken im eigenen Auge zu denken.

Und nun, wie geht es weiter? Mir gefällt, dass Bernd Wahler an Ralf Rangnick denkt. Aber ich mag es ja auch, wenn er von der Champions League redet, irgendwie. Illusionen machen das Leben rosarot.

Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass wir uns derzeit auf dem Sportdirektorenmarkt in einer Situation befinden, wie wir sie jahrzehntelang bei den Trainern erlebt haben: bloß nicht außerhalb des Karussells denken! Vielleicht liegt das auch nur an mir, der ich keine Ahnung vom Sportdirektorengeschäft und –markt habe. Allein: den anderen TeilnehmerInnen an der öffentlichen Diskussion scheint es ganz ähnlich zu gehen.

Ich habe keine Ahnung, wer es könnte, und vor allem: wer es gut könnte. Natürlich ist der Name Rangnick attraktiv. War er Ende der Neunziger übrigens auch, wir erinnern uns. Ich weiß noch nicht einmal, wer es nicht könnte. Vielleicht wäre Jens Todt ja ein guter, auch wenn ich es a priori nicht glaube. Oder Bruno Hübner, frisurunabhängig. Vielleicht wartet Christian Heidel ja nur auf die Gelegenheit, sich außerhalb von Mainz zu beweisen, wer weiß? (Ich habe eine Vermutung.)

Und womöglich wäre eine Doppelspitze aus Guido Buchwald und Thomas Berthold das Nonplusultra, beraten von Uwe und Hansi Müller. Auch hier habe ich eine Vermutung. Letztlich aber keine Ahnung vom Sportdirektorengeschäft. Hoffentlich hat sie Herr Wahler. Oder die Menschen, mit denen er sich berät.

Falsche Weichenstellung in den Achtzigern

Am Samstag sprach ich mit meinem Freund Thomas. Eigentlich heißt er gar nicht Thomas, das ist eher so ein fußballbezogener Ehrenname, tut aber auch nichts weiter zur Sache. Wir telefonieren nicht allzu oft, ein paarmal im Jahr, wenn überhaupt, und sprechen über großen und kleinen Fußball – im Idealfall über ein gemeinsam zu bestreitendes Spiel oder Turnier –, ein bisschen über die Familie und gelegentlich über Autos. Weil er sich da auskennt und ich nicht. Über Alkohol reden wir nie, wie er am Samstag nicht ohne Bedauern in der Stimme feststellte. Da kenne ich mich noch weniger aus als mit Autos.

In der Tat verabredeten wir auch am Samstag ein gemeinsames Spiel, irgendwann im Sommer, kleiner Fußball also, und kamen dann nicht umhin, kurz über dessen große Variante zu reden, über seine Hoffnung auf einen Freiburger Sieg, über die unmittelbar bevorstehenden Spiele der Nürnberger und der Braunschweiger, und auch über die freitägliche Punkteteilung in Hannover, die zu jenem Zeitpunkt aus Stuttgarter Sicht noch nicht so recht einzuordnen war.

Und während ich noch im Verborgenen sinnierte, wie es hatte dazu kommen können, dass der gemeine VfB-Fan erneut am drittletzten Spieltag zwischen Hoffen und Bangen die Spiele der anderen Abstiegskandidaten verfolgen musste, und wann und wie beim VfB alles den Bach hinunter gegangen war, nahm Thomas die Schuppen von meinen Augen: die Schuld liege bei Helmut Roleder.

Dem oder der gemeinen Mitlesenden mag diese Erklärung nicht auf Anhieb genügen; wer indes wie ich das eine oder andere Jahr mit ihm, Thomas, nicht Helmut, die Kabine teilte, weiß um die Schüsse von der Strafraumlinie, die Roleder ihm im Dutzend in den Winkel setzte. Ihm, dem hoffnungsvollen Nachwuchstorhüter aus der Provinz, damals, Mitte der Achtziger. So fuhr er wieder heim und kickte weiterhin mit meinesgleichen.

Jene Demut, die Roleder ihn damals lehrte, hat sich indes zwischenzeitlich wieder verflüchtigt. Und so ließ er mich am Samstag wissen, dass alles anders gekommen wäre, hätte man ihn nicht so schnöde abserviert, damals. Meine Worte, nicht seine.

Möglicherweise hätte er 1992 als Nachwuchshüter auf der Bank gesessen und Jovica Simanić in eine Unterhaltung verwickelt, die Herr Daum nicht zu unterbrechen gewagt hätte. Oder 2003 als alter Fahrensmann Meiras Eigentor gegen Chelsea verhindert und am letzten Spieltag in Leverkusen 0:0 gespielt. Manuel Fischer, jetzt schon als Torwarttrainer und guter Geist, an die Hand genommen und auf den rechten Weg geführt. Und 2011 wäre er vermutlich an Roleders statt gegen Gerd E. Mäuser angetreten, hätte dessen Wahlergebnis pulverisiert und ihn lächelnd nach Kroatien geschickt.

Oder so ähnlich. Auf jeden Fall wäre alles gut geworden. Hannover hätte man am Freitag deutlich geschlagen und so dem Spiel vom kommenden Wochenende die Brisanz genommen, weil Wolfsburg dem VfB den Champions-League-Platz auch rechnerisch nicht mehr hätte streitig machen können.

Dass es, zumindest aus Stuttgarter Sicht, auch in der jetzigen Situation nicht mehr brisant sei, hört man an der einen oder anderen Ecke, insbesondere zwischen den Zeilen. Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Zu oft haben sich im Lauf der Saison zu viele Blätter gewendet. Oder, ehrlicher ausgedrückt, meine Einschätzungen als völlig realitätsfremd erwiesen. So zum Beispiel jene vom 4. Spieltag, als ich das Braunschweiger Spiel vor Ort in Hamburg sah und den Aufsteiger als schlichtweg nicht konkurrenzfähig betrachtete. Tatsächlich begegnet er nicht nur dem buckligen HSV längst auf Augenhöhe.

Von der spätsommerlichen, auch noch herbstlichen Gewissheit, dass der VfB nicht in die Abstiegszone gerate, will ich gar nicht reden. Wohl aber von der Überzeugung, dass der Club mit Verbeek die Kurve bekommen habe und sich relativ souverän in den gesicherten Tabellenbereich hineinbewegen werde. Dass Slomka den HSV noch weit nach oben führen werde (erneut geblendet von einem Besuch im Volkspark, diesmal beim 3:0 gegen Dortmund). Oder davon, dass Freiburg sich nicht mehr berappeln werde. Dass Hannover ohne jeden Zweifel nun doch durchgereicht und hinter dem Nachbarn landen werde. Und wie sollte der VfB sich retten, wenn er in den letzten vier Spielen gegen drei der damals ersten vier Mannschaften spielen würde?

All das war falsch, und so bleibt nur zu hoffen, dass auch die im letzten Satz implizit geäußerte These bereits am Wochenende widerlegt wird. Wenn sich das Blatt nicht doch noch einmal wendet. Der Gedanke, am letzten Spieltag auf einen Punktgewinn der möglicherweise bereits fix auf Platz sieben stehenden Mainzer gegen den HSV hoffen zu müssen, oder aber auf einen des VfB in München, ist kein schöner. Und seien wir ehrlich: bei HSV-Bayern am Samstag ist nun wahrlich alles möglich. Binsenweisheit, eh klar, aber wer will gerade jetzt einschätzen, ob sich der FC Bayern gegen den HSV mit Toren abreagiert oder apathisch über den Platz spaziert.

Es ist ebenso wohlfeil wie ehrlich, zuzugeben, dass ich an dieser Stelle unwillkürlich und ungeplant an einzelne ungenannte Münchner Spieler dachte. Ein bitterer Abend war das heute, gestern, wann auch immer dieser Text online geht, also am Dienstag halt. Ein bitterer Abend für Xabi Alonso, dem ich das verpasste Finale wahrlich nicht gönne, und ein bitteres europäisches Ende einer phasenweise brillanten, ja begeisternden Saison für den FC Bayern. Noch vor wenigen Wochen hätte ich nicht für möglich gehalten, dass der Titelverteidiger chancenlos ausscheiden würde, und noch zu Beginn des Rückspiels hätte ich fünf Tore Differenz in diesem Halbfinale wohl als unvorstellbar bezeichnet.

Noch zu Spielbeginn schien mir allerdings auch unvorstellbar, dass ich neunzig Minuten später den Hut vor Pepe, jenem Pepe, dessen Verhalten auf dem Platz ich seit Jahr und Tag für verachtenswert halte, ziehen würde, der das Spiel nicht entschieden hat, gewiss, der mich aber nachhaltig beeindruckt hat, indem er seinen Fuß immer noch irgendwie dazwischen bekam, fast wie Martin bei mir im Mittwochskick, wenn er einen guten Tag hat, aber der hat auch verdammt lange Beine.

Am Ende (na ja, fast) eines wieder einmal ohne roten Faden mäandernden Beitrages darf ich vielleicht noch einmal auf einen etwas älteren, etwas weniger mäandernden Text verweisen, der der geschätzte Herr @lizaswelt über die Maßen gelobt und drüben bei Fokus Fussball als Fußballblogbeitrag des Monats März vorgeschlagen hat.

Die Abstimmung läuft noch, Siegchancen habe ich völlig zurecht keine mehr, aber vielleicht möchte der eine oder die andere geneigte Mitlesende noch ein paar tolle Texte durchlesen bzw. anhören und eine Präferenz zum Ausdruck bringen. Ersteres geht noch länger und ist meines Erachtens auch wichtiger, Letzteres nur noch bis Mittwoch, 30. 4., 18 Uhr. Und ist auch wichtig, klar, weil es Fokus Fussball unterstützt, irgendwie.

Und ganz am Ende dann doch noch die nagende Frage, wie es dazu kommen konnte, dass Cacau den nicht reingemacht hat.

Die Uerdingen-Uebertreibung

Die Bundesliga-Saison läuft noch, hörte ich. Es fallen tatsächlich auch noch einige relevante Entscheidungen, und ja, ich werde sie interessiert verfolgen. Ich werde auch ins Neckarstadion gehen, um dem VfB gegen irgendeinen Gegner, möglicherweise ist es Mainz, zuzuschauen. Ok, ich weiß, dass es Mainz ist, mir war nur grade nach einer billigen, Effekt heischenden (wohl aber nicht erzielenden) Illustration meines sehr überschaubaren Interesses an den verbleibenden (jenes in Gelsenkirchen zählte bereits dazu) Bundesligaspielen des VfB in dieser Saison. Vom Schalke-Spiel habe ich noch nicht einmal die Tore gesehen.

Nun könnte man einwenden, die Spiele seien allein deshalb interessant, weil es ja für alle Spieler darum gehe, so auch öffentlich von Trainer und Sportvorstand propagiert, sich für das Pokalfinale zu empfehlen. Was voraussetzen würde, dass es tatsächlich einen Konkurrenzkampf gibt. Tatsächlich suche ich gegenwärtig noch nach der Startelfposition, die nicht vergeben ist. Rechts hinten vielleicht?

Letztlich ist es ja ohnehin egal, wer gegen die übermächtigen Tripleaspiranten aus München aufläuft, hört man. Denkt man auch selbst. Manchmal. Meist. Aber gegen so ein bisschen Hoffnung ist ja nichts einzuwenden, kann und will man sich nicht einmal wehren, und Strohhalme sind schnell gefunden:

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Der Reihe nach: Trainer Baade wünscht einigen VfB-Anhängern ein längeres Vergnügen als jenes, das er selbst (obschon Nicht-Vereinsanhänger, d. Red.) im Jahr 2011 mit Meiderich hatte. Er geht allerdings von einer geringen Eintrittswahrscheinlichkeit aus, was sich mit meiner Erwartungshaltung zu decken scheint. Martyn interveniert und verweist auf ein geschichtliches Vorbild: Bayer Uerdingen, vermutlich im Jahr 1985 (Sie wissen schon, wie auch in meiner Reaktion angedeutet: Wolfgang Schäfer, Pokal im Bett, undsoweiterundsofort).

Richtig interessant wird es in dem Moment, als Trainer Baade die Vergleichbarkeit bestätigt. Beinahe, fügt er fast ein wenig verschämt hinzu, und der gemeine Stuttgarter Anhänger interpretiert seine Relativierung dahingehend, dass der VfB, ein Traditionsverein und in diesem Jahrtausend einer der regelmäßigsten deutschen Europapokalteilnehmer, dann ja doch nicht auf ganz so verlorenem Posten stehe wie das mittlerweile ungefähr siebzehntklassige Bayer Uerdingen damals, ein Plastikverein von Bayers Gnaden, dessen anhaltende öffentliche Bekanntheit sich nahezu ausschließlich aus zwei Spielen speist, von denen das eine eben genannt wurde und das zweite sich bereits in den Köpfen der Mitlesenden eingenistet hat.

So zumindest meine Interpretation der Baade’schen Einschränkung, seiner Höflichkeit eingedenk. Möglicherweise meinte er es aber auch ganz anders. Möglicherweise gelang es ihm, die Stuttgarter Fans glauben zu machen, er bewerte die Chancen ihrer Mannschaft höher als die damaligen Uerdinger Aussichten, obwohl er eigentlich, die Fakten vor Augen, das Gegenteil meinte. Sicherlich wusste er, im Gegensatz zu den verblendeten VfB-Anhängern wie Martyn und mir selbst, dass Bayer Uerdingen zu jener Zeit wesentlich näher an den Bayern dran war, als es sich der VfB heute auch nur erträumen könnte:

Zum Zeitpunkt des Pokalfinales 2013 wird der VfB in der Liga rund 10 Plätze und mindestens 43 Punkte (maximal 49) hinter den Bayern liegen. Bayer Uerdingen lag damals – übrigens beim ersten Finale im sogenannten deutschen Wembley und zugleich dem letzten, so ich mich nicht vertan habe, das vor dem letzten Bundesligaspieltag stattfand – auf Platz 5, also 4 Ränge und 10 Punkte hinter dem Finalgegner, von denen letztere auch bei Umrechnung gemäß der 3-Punkte-Regel nur auf 15 anwachsen. Kein Vergleich zum VfB, wenn man ehrlich ist.

Momentaufnahme? Ja, wie immer. Aber nicht nur. Im Folgejahr, das Bayer mit einem 1:0-Sieg gegen den FC Bayern begann, belegte die Mannschaft am Saisonende Rang 3, 4(6) Punkte hinter dem Meister aus München, und scheiterte im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger an Atlético Madrid. Durchaus ehrenvoll, was gewiss auch für den FC Bayern gilt, der im Viertelfinale des Landesmeisterpokals gegen Anderlecht und den jungen Enzo Scifo den Kürzeren zog. Klingt aber – meiner eigenen anderslautenden Erinnerung zum Trotz – irgendwie so, als sei man sich sportlich damals annähernd auf Augenhöhe begegnet, zumal auch noch niemand das Bedürfnis verspürte, von spanisch-schottischen Verhältnissen zu sprechen.

Quintessenz: Uerdingen taugt nicht als Referenz. Mit viel Wohlwollen vielleicht als Strohhalm. Bleibt also die Frage, wo man die von Martyn angesprochene Hoffnung in der Geschichte des DFB-Pokals suchen und vielleicht doch noch finden soll.

Ich hab das dann mal übernommen, wenn auch eingeschränkt: seit der Gründungssaison der Bundesliga, weiter habe ich der Vergleichbarkeit wegen nicht zurückgeblickt, gewann in immerhin 15 Fällen die in der regulären Saison (kleine Ungenauigkeit: am Saisonende, nicht zwingend zum Zeitpunkt des Finales) schlechter platzierte oder unterklassige Mannschaft, angefangen gleich 1964 in Stuttgart, als der Bundesligasiebte 1860 gegen den Dritten (nach 3-Punkte-Zählung sogar Zweiten) aus Frankfurt, der 13 Punkte (3er) mehr erzielt hatte, siegreich blieb.

Mit dem heutigen Platzierungs-, Punkt und Leistungsunterschied zwischen den beiden Finalisten scheint so ein Ergebnis indes nur schwer vergleichbar zu sein, nicht einmal »(beinahe)«. Lediglich zweimal gelang es einer Mannschaft, die in der Bundesliga 20 oder mehr Punkte Rückstand auf ihren Finalgegner hatte, diesen dann tatsächlich zu besiegen: 1999 lag Werder Bremen (fast hätte ich gesagt: aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, um mich dann doch kurz der aktuellen Tabelle zu besinnen) als 13. satte 40 Punkte hinter dem Meister aus München, den es im Elfmeterschießen besiegte, und, tja, der frischgebackene Meister aus Stuttgart war im Jahr 2007 dem 5 Plätze und 22 Punkte hinter ihm eingelaufenen 1. FC Nürnberg nicht gewachsen. 1989 lag Pokalsieger Dortmund immerhin noch 13 Punkte und 4 Ränge hinter Finalgegner Bremen, 1996 schlug Absteiger Kaiserslautern im Finale den um 9 Plätze und (nur!) 12 Punkte besseren KSC.

Eine Sonderrolle nehmen schließlich, die gemeine Leserin wird die Protestnote bereits formuliert haben, noch die beiden Finale ein, bei denen ein unterklassiger Verein siegreich vom Platz ging: 1970 schlug Regionalligist (und Bundesliga-Aufsteiger) Offenbach den Bundesliga-Vierten aus Köln. Mit etwas Wohlwollen kann man von einer Differenz von 15 Rängen reden [Nachtrag: war alles anders, wie Trainer Baade in den Kommentaren erklärt.], bei den Punkten wird es dann gänzlich unseriös. Gleiches gilt im Falle von Hannover 96, das 1992 als fünfter der 2. Liga Nord den 13. der ersten Liga, Borussia Mönchengladbach, im Elfmeterschießen schlug. Aufsteiger aus der 2. Liga Nord war in jener Saison, genau, Bayer Uerdingen.

Was das nun für den VfB heißt? Man weiß es nicht. Oder zumindest ich nicht. Aber man könnte sich an Werder 1999 orientieren. Oder an, honi soit qui mal y pense, den beiden Zweitligisten.

Und dann erinnern wir uns, wie so oft in kritischen Situationen, des Buches von den Elf Freunden, in dem Heini, Matze und die anderen vor ihrem eigenen großen Spiel alte Ergebnislisten wälzten, um sich einen vergleichbaren Außenseitersieg zum Vorbild zu nehmen. Dass der letztlich für passend befundene 3:0-Sieg der Düsseldorfer Fortuna gegen Schalke im 33er Meisterschaftsfinale aus einer Zeit stammte, in der die Kräfteverhältnisse noch etwas andere gewesen waren, musste man ihnen ja nicht auf die Nase binden. Und es half.

Also doch unsere Hoffnung: Bayer Uerdingen!

Variabilität

„Das hätte ich im Leben nicht gedacht, dass hier zur Pause so eine entspannte Stimmung herrschen würde“, sagte ich zu meinem Nebenmann. Zum Nebenmann meines Sohnes, um genau zu sein, der nun auch endlich seine erste Stadionniederlage erlebt hat. „Endlich“ deshalb, weil man ja nicht früh genug erfahren kann, was ein Dasein als Fußballfan so mit sich bringt. Für einen umfassenden Eindruck hatte ich mir ja eigentlich noch Nacktkontrollen gewünscht; diesbezüglich scheint jedoch die symbolträchtige Pilotphase beim Marktführer noch nicht abgeschlossen zu sein. Es ist also davon auszugehen, dass noch ein paar Wochen ins Land ziehen, ehe man sich hierzustadte anschließt.

Die entspannte Pausenstimmung hatte ich mir übrigens deshalb nicht vorstellen können, weil ich Hannover als laufstarke, unangenehme, im besten Sinne solide und nicht zuletzt torgefährliche Mannschaft eingeschätzt hatte, letztlich also als all das, was in der ersten Halbzeit statt ihrer der VfB verkörperte – weshalb er auch, dem Spielverlauf angemessen, mit 2:0 führte.

So ließ ich mich neben der Entspanntheitsaussage auch noch zu der im stillen Kämmerlein meiner Fußballseele geäußerten These hinreißen, dass der VfB mit Kuzmanovic und ohne Kvist in der Offensive variabler agieren und im besten Fall den – seinerseits für seine offensiven Qualitäten bekannten – Gegner vom eigenen Tor fernhalten könne. Sehr fern, im Idealfall.

Nach dem Spiel vertrat ich dann mir selbst gegenüber etwas kleinlaut die Position, dass man ohne Kvist auch in der Abwehr variabler sei. Anders als zu Saisonbeginn bei den Bayern, wo man den Eindruck gewinnen konnte, immer wieder das selbe Tor zu sehen, war das Ganze gegen Hannover etwas vielseitiger. Zwar war die linke Abwehrseite meist involviert (und durfte Rechtsaußen Stindl dreimal als Vorbereiter in Aktion treten), aber insgesamt war dann doch die gesamte Defensivarbeit unorganisiert, war auch niemand da, der sich dafür verantwortlich fühlte, den zur Pause eingewechselten Jan Schlaudraff gelegentlich durch etwas körperliche Nähe daran zu hindern, das Spiel komplett in die Hand zu nehmen – mit dem Ergebnis, dass dieser an allen vier Gästetoren beteiligt war. Ich wage zu bezweifeln, dass ihm das gegen den unvariabel nach hinten spielenden Kvist gelungen wäre.

Natürlich wäre es deutlich zu kurz gesprungen, allein Kuzmanovic die Schuld zu geben und Kvist zu lobpreisen. Zu viel lief in der zweiten Halbzeit aus dem Ruder. Vor allem aber, und da stimme ich Bruno Labbadia ausdrücklich zu, zeigte sich die Mannschaft nicht mehr so lauf-, einsatz- und spielfreudig wie zuvor. Ob sie nicht mehr konnte oder nicht mehr wollte, kann ich nicht seriös beurteilen; mich beschlich allerdings der Verdacht, dass sie die Halbzeit ähnlich entspannt verbracht hatte wie ich.

Oder sogar entspannter. Vermutlich hatten die Spieler nämlich gar keinen Sechsjährigen dabei, der plötzlich und unerwartet, wie das bei jungen Leuten halt mitunter so ist, furchtbar dringend seine Notdurft verrichten musste und dessen Panik ob der üblichen Halbzeitschlange in kürzester Zeit auch vom Vater Besitz ergriff. Aber lassen wir das. (Ging gut.)

Kann René Adler eigentlich mit flachen, scharfen Hereingaben von der Seite umgehen? Falls dem so sein sollte, wäre das ein Erklärungsansatz. Von oder für Herrn Löw, meine ich. Oder er, also Adler, hat eine Abwehr, die eben diese Hereingaben unterbindet. Hülfe auch.

Kamke junior will übrigens weiterhin mit ins Stadion, ungeachtet seiner negativen Tendenz. Siege seien ihm zwar lieber, sagt er, aber eine gewisse Variabilität legt er durchaus an den Tag. Bleibt zu hoffen, dass sie in Sachen Verein nicht gilt. Zumindest nicht, solange er seine Füße unter meinen Tisch … ach, lassen wir das.

Assistassistenten

Über Janniks Buch zur Gladbacher Nichtabstiegsrückrunde hatte ich ja schon vor geraumer Zeit berichtet, und dabei auch vorsichtig darauf hingewiesen, dass sein Blog seit einiger Zeit brach liege. Aus gutem, in diesem Fall beruflichem, Grund, hatte er eine Blogpause ausgerufen. Na ja, was sollte nach dieser Rückrunde auch noch kommen, was auch nur annähernd so spannend, mitreißend, letztlich bloggenswert sein sollte?

[Dieser Absatz ist Janniks Lesegewohnheiten gewidmet.]

Dann kam der Gladbacher Vorrundenlauf mit noch mitreißenderem Fußball, überragendem Erfolg, einigen guten Geschichten und interessanten Protagonisten, und es würde mich sehr wundern, wenn Jannik unter seiner Blogabstinenz nicht gelitten hätte wie ein, wie soll ich sagen, begossener Pudel. Schlechtes Timing, irgendwie, und natürlich hat er das Ganze längst rückgängig gemacht. Zum Glück.

Nun will ich meine derzeitige geringe Schreibfrequenz, deren Hintergrund an anderer Stelle kurz zur Sprache kam, nicht mit Janniks zeitweiligem Komplettausstieg vergleichen, und mich nicht mit ihm, aber ich klopfe mir zumindest in Sachen Timing schon ein wenig selbstverliebt auf die Schulter. Mal im Ernst: Wer hätte schon was über die erniedrigende Pokalvorführung durch die Bayern schreiben wollen? Über die als Debakel abgesprungene und letztlich als Euphemismus gelandete Niederlage in Hannover? Über die zwei Punkte, die Leverkusen hergeschenkt hat? Über den deutlichen Sieg gegen eine von allen guten Geistern verlassene Hertha, mit dem man sich nun wirklich nicht ernsthaft zu beschäftigen brauchte, oder über jenen gegen eine ohne Abwehr angetretene Freiburger Mannschaft? Am Ende hätte ich gar über Standardsituationen schreiben müssen, und das kann nun wirklich in niemandes Sinne sein. (Außerdem steht ja schon alles drüben im Brustring.)

Was ich allerdings nicht versäumen möchte: Abbitte zu leisten. Bei Sven Ulreich. Schon wieder. Nicht wegen der konstant guten Leistungen auf der Linie und im Eins-gegen-eins, das hatten wir schon. Auch nicht wegen der hohen Flanken, da sehe ich den Bedarf noch nicht. Sondern wegen seiner Scorerqualitäten. Wie oft habe ich über seine gemächliche Spieleröffnung gemeckert, an technischen Defiziten herumgemäkelt, über seine Abstöße wechselweise geschimpft und gelacht, die zu Vehs Zeiten kurz und ungenau, später dann nur noch ungenau waren.

Und dann: dieser Assistassist gegen Freiburg, der in den von mir verfolgten Medien viel zu wenig Beachtung fand. Jener lange Ball auf Harnik, den sie schon im Hinspiel intensiv geübt hatten, wobei der damalige Freiburger Linksverteidiger keiner Schülerabwehr entsprungen war, jener lange Ball also, den ich ganz selbstverständlich im Aus sah, um mich dann zum einen zu erinnern, dass er gar nicht von Niedermeier geschlagen worden war, und um zum anderen einzusehen, dass ich Martin Harniks derzeit aus gutem Grund breite Brust unterschätzt hatte, machte also dessen Weg frei zu einem Tor, das nicht nur bei manch anderem Verein, exemplarisch sei Hannover 96 genannt, den Anlass für eine mediale Zeitmessung geboten hätte, sondern das eben zudem Ulreichs ersten mir bewusst gewordenen Assistassist besiegelte.

Überhaupt sind Assistassists ja eine zu unrecht vernachlässigte Kategorie der Damen und Herren Opta, Impire, und wie sie alle heißen. Bemerkenswert, wie Ibisevic vor dem 4:1 in der Luft stand und mit seiner Verlängerung Hajnals Torvorbereitung einleitete. Ob indes auch Sakais Diagonalball vor dem 1:0 ein lupenreiner Assistassist war oder letztlich doch bloß ein Assist, wird in Fachkreisen heftig debattiert. Kann Ibisevic den Assist bekommen, obwohl er den Ball nicht berührt hat? Kann ein Durchlassen, das die Gefahr erst heraufbeschwört, als assistwürdige Leistung gelten? Ganz abgesehen von der Frage, ob Ibisevic den Ball nur versehentlich nicht getroffen hat. Natürlich ist die Antwort klar: Wenn wir das Ganze konsequent weiterdächten, könnte sich dann ja auch jemand frenetisch als Torschütze feiern lassen, nachdem und weil er sich weggeduckt hat, um einem Torerfolg nicht im Weg zu stehen. Öhm.

Überhaupt: Ibisevic. Und überhaupt: Sakai. Hatte ich bei Ersterem nicht kürzlich eher überschaubare Assistquoten (mangels verfügbarere Assistassistquoten, klar) angeführt und ihn implizit auf einen reinen Torjäger reduziert? Und dann legt er Harnik einen nach dem anderen auf – die der dann nicht verwertet. Abbitte, auch hier. Über Zweiteren hatte ich bis dato noch gar nichts geschrieben. Dabei macht es so viel Spaß, ihm zuzusehen (aber wie gesagt: Abstinenz).  Sicher, defensiv hätte es sich phasenweise auch gut in besagte Freiburger Schülerabwehr einsortieren lassen, ohne dort groß aufzufallen – den Fehler gegen Harnik vor dem 2:0 hätte ich ihm in ähnlicher Weise auch zugetraut. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass er ihn wieder ausgebügelt hätte, wäre deutlich höher gewesen. Im Vollsprint, wie immer. Irgendwie erinnert er mich an den jungen Sammy Kuffour. Nicht die Spielweise. Irgendwas anderes. Sowas wie … Begeisterung, Elan, Siegeslust?

Irgendwie ist es trotz allem schade, dass ich morgen so gut wie nichts vom Spiel beim HSV sehen kann.

375 – 163g – 91u – 121v

Vor ein paar Tagen sagte ich Herrn nedfuller, dass es mich keineswegs überraschen würde, wenn der VfB „wieder einmal“ den Aufbauhelfer gäbe und einem Tabellenletzten den Weg zurück in die Tabelle ebnete. Und es ward.

Wieder einmal. Wieder einmal? Wenn man ehrlich ist, trifft das nur sehr bedingt zu. Seit der Saison 2000/01 traf der VfB 23 mal auf einen Tabellenletzten und ging in 11 Fällen als Sieger vom Platz. Sieben Unentschieden sind kein Ruhmesblatt, fünf Niederlagen ok: im Schnitt holte der VfB 1,74 Punkte pro Spiel, wenn man beim oder gegen das Schlusslicht antrat.  Deutlich besser als die gefühlte Bilanz, oder?

Gefühlt dürfte sie ohnehin bei allen schlecht sein, wie oft hört man jenes „das ist doch mal wieder typisch für [meinen Verein]!“, wenn die Mannschaft des Vertrauens gegen ein Kellerkind Punkte abgegeben hat. Klar, die Negativerlebnisse bleiben stärker im Gedächtnis haften, und doch bin ich wild entschlossen, jedem Schalker, der künftig dergleichen von sich gibt, ein feuriges „Unsinn“ entgegen zu schleudern. 15 von 25 Spielen haben sie gewonnen, nur deren fünf verloren, zwei Punkte pro Spiel errungen – ein Wert, der nur von drei Vereinen getoppt wird, deren Resultate von geringem statistischen Wert sind: Mainz hat immerhin sieben Spiele gegen den Letzten absolviert und bemerkenswerte fünf gewonnen, keines verloren, 2,43 Punkte geholt; Aachen und Unterhaching mit jeweils drei Punkten aus nur einem Spiel darf man indes komplett vernachlässigen.

Interessant noch Gladbach, das von seinen 15 Spielen nur vier verlor. Weil man gar nur drei gewann, hat die Borussia als Unentschiedenkönig mit 1,13 Punkten pro Spiel den schlechtesten Wert aller aktuellen Erstligisten. Der Zweitletzte aus Köln liegt mit durchschnittlich 1,33 Punkten aus ebenfalls 15 Spielen bereits deutlich besser, gefolgt von der Hertha, die in 20 Spielen1,50 Punkte pro Spiel erreichte. Letztlich auch nicht gerade brillant, wenn man bedenkt, dass es 20 mal gegen den jeweils schwächstmöglichen Gegner ging und nur acht mal ein Sieg heraussprang. Den absolut niedrigsten Wert erreicht der KSC, dem in drei Spielen gegen das Schlusslicht kein einziges Pünktchen vergönnt war. Die 0,75 Punkte, die Cottbus durchschnittlich in acht Partien erzielte, wirken im Vergleich dazu geradezu großartig.

Dass das alles mit sehr viel Skepsis zu betrachten ist, steht außer Frage. Möglicherweise wäre es aussagekräftiger gewesen, wenn man statt des Tabellenletzten die drei Vereine auf den Abstiegsrängen betrachtet hätte, und vielleicht auch erst ab dem fünften oder gar zehnten Spieltag, weil davor die Aussagekraft der Tabelle zu gering ist, was man auch mittels einer Gewichtung hätte berücksichtigen können, von Heim- bzw. Auswärtsspielen gar nicht zu reden, und so weiter und so fort. Ungeachtet dessen:

Spiele gegen den Tabellenletzten, 08/2001 - 09/2011

Aktuelle Bundesligisten sind gelb hervorgehoben, grün und rot drücken eine mehr oder weniger willkürlich vorgenommene Kategorisierung in besonders gute oder schlechte Werte aus.

Und da die Daten nun schon einmal vorlagen, habe ich mir noch kurz die Ergebnisse der Tabellenletzten angesehen. Der 1. FC Köln, der im betrachteten Zeitraum am häufigsten mit der Laterne in der Hand antreten musste, errang in 48 Spielen im Schnitt genau einen Punkt, die Hertha lag in ihren 31 Partien sogar knapp darunter. Unter der Einpunktgrenze lagen zudem, mit etwas weniger Versuchen, Bochum (23 Spiele / 5 Siege), Sankt Pauli (18/3) der SC Freiburg (14/2) und Aachen (1/0).

Gute Bilanzen haben hier ausschließlich Mannschaften vorzuweisen, die maximal 10 Auftritte als Schlusslicht hatten. Der HSV, Hannover und der VfB gewannen je sechs von zehn Spielen, Werder (2 Spiele), Bielefeld und Dortmund (je 1) tragen eine blütenweiße Weste. Überraschen kann das natürlich nicht: wer nur sehr wenige Spiele als Letzter bestritten hat, muss nun einmal erfolgreich gewesen sein, um die rote Laterne schnell wieder abzugeben.

Spiele als Tabellenletzter, 08/2001 - 09/2011

Kommen wir zum praktischen Nutzen.

Am Sonntag empfängt das Schlusslicht aus Hamburg den FC Schalke 04. Schalke hat nur eine von jeweils fünf Partien gegen einen Tabellenletzten verloren und drei gewonnen, ist also klarer Favorit. Der HSV wiederum hat von den 10 Partien, die er als Laternenträger bestritt, 6 gewonnen, ist also ebenfalls klarer Favorit.

Na dann.

Datenquellen: fussballdaten.de, weltfussball.de
Fehlerquelle: ich 

Im Rahmen des Regelwerks (hier: Regel 16)

Ich kenne die fußballspezifischen Statistikwerte von Felix Bastians nicht en détail. Bis zum VfB-Spiel in Freiburg kannte ich sie nicht einmal ungefähr, wenn ich ehrlich bin. Dass ich mich hernach ein wenig damit befasst habe, liegt daran, dass der VfB seine Taktik offensichtlich weitgehend auf ihn zugeschnitten hatte. 54,8 % seiner Kopfballduelle hat Bastians im Verlauf der bisherigen Saison gewonnen, sagt bundesliga.de. Ob das für einen Linksverteidiger viel ist? Ich weiß es nicht. Christian Molinaro kommt auf 60 %, Christian Schulz auf knapp 70 %, Philipp Lahm liegt etwa bei 45.

Wie auch immer: es war bemerkenswert, dass Sven Ulreich jeden einzelnen Abstoß an der rechten Torraumecke ausführte, selbst in Situationen, in denen man sich einen kurzen, raschen Abstoß auf der linken Seite hätte vorstellen können, und mehr oder weniger zielsicher die Herren Harnik und Bastians anvisierte. Sicher, die Regel besagt, dass der Abstoß „von irgendeinem Punkt innerhalb des Torraums ausgeführt“ werden soll, und doch erscheint es ungewöhnlich. Mag daran liegen, dass ich noch mit der alten Regel aufgewachsen bin: „Beim Abstoß wird der Ball auf diejenige Torraumecke gelegt, auf deren Seite er die Torlinie verlassen hat.“ Oder daran, dass es gefühlt noch immer häufig so gehandhabt wird.

Vielleicht fiel es mir auch deshalb besonders auf, weil ich, speziell nachdem Schiedsrichter Guido Winkmann sowohl Cacau als auch Molinaro wegen Zeitspiels verwarnt hatte (bei Cacau zurecht, bei Molinaro möglicherweise in Tateinheit mit mehreren falschen Einwürfen und dennoch meines Erachtens ungerechtfertigt), bei jedem Abstoß, bei dem Ulreich ein wenig umständlich die Seite wechselte, mit einer Verwarnung rechnete. Winkmann machte jedoch keinerlei Anstalten, und möglicherweise hätte er sich damit angesichts des Regelwerks auch gar nicht so leicht getan. War diese Regel nicht dereinst geändert worden, um eine schnellere Wiederaufnahme des Spiels zu ermöglichen? Ich hätte nichts gegen die Wiedereinführung der alten Regel.

Um nicht missverstanden zu werden: ich glaube nicht, dass Ulreich so handelte, um Zeit zu schinden – andernfalls hätte der jeweilige Seitenwechsel ja auch in die andere Richtung vonstatten gehen müssen. Tatsächlich aber schien es eine klare taktische Maßgabe zu sein, dass jeder Abstoß von der rechten Torraumecke ausgeführt und auf Martin Harnik gespielt werden solle, der dann auch tatsächlich das eine oder andere Luftduell gegen Felix Bastians gewann. Ohne dass daraus torgefährliche Situationen entstanden wären, aber das ist dann ja noch einmal eine ganz andere Frage – eine Stuttgarter Variation des vom hiesigen Hausherrn gewiss überschätzten und deshalb gerne mal wieder zitierten Flo Pass‚* liegt bisher jedenfalls nicht vor.

Das derzeitige Stuttgarter Erfolgsgeheimnis scheint vielmehr ein anderes zu sein: wie bereits gegen Hannover nutzte man die erste Torchance. Dass sie in der Vorwoche bereits nach etwa 10 und diesmal erst nach 30 Minuten entstanden war, ist, hm, nun mal so. Noch interessanter erscheint mir die positive Effizienzentwicklung: anders als gegen Hannover, als man das Spiel frühzeitig hätte entscheiden können, führte in Freiburg auch die zweite Torchance unmittelbar zum Erfolg. In der 73. Minute. Überraschend, was herauskommen kann, wenn man einfach mal einen aufrückenden Außenverteidiger ins Spiel einbezieht, anstatt ihn konsequent zu ignorieren, nicht wahr, Herr Cacau? Oder Herr Okazaki? Manchmal gar Herr Kuzmanovic?

Wie Martin Harnik jenes 2:0 dann erzielt hat, war aller Ehren wert. Sehr souverän, in aller Ruhe, und allem Anschein nach auch im Wissen um die eigene Stärke, trotz zuletzt wechselhafter Leistungen. Bemerkenswert zudem die nur kurz erschütterte Gelassenheit, mit der er die Frage eines SWR-Reporters, wie es dazu komme, dass er sich als Torjäger betätigt habe, letztlich weglächelte. 17 Tore und 11 Vorlagen in der Vorsaison sind als Pflichtspielbilanz gar nicht so schlecht, meine ich.

Der VfB kam also nicht zu vielen Chancen. Und ließ am Anfang zu viele zu, auch wenn sie selten als zwingend zu kategorisieren waren. Zu leicht kamen die Freiburger zum Abschluss, zu selten gelange es, die häufig langen Bälle in die Spitze bzw. deren Verarbeitung zu unterbinden. Dass man dennoch mit einer Führung in die Pause ging, war ein wenig glücklich. Dass es Freiburg dann aber auch in der zweiten Hälfte nicht gelang, zum Ausgleich zu kommen, war einer besser organisierten Stuttgarter Defensive geschuldet. Zwar lief man von der 45. bis zur 70. Minute im Grunde nur hinterher und vergab die eine oder andere Gelegenheit eher, wie soll ich sagen, uninspiriert; den Gastgebern gelang es jedoch nie, ihr aufwändiges Spiel in Torchancen umzumünzen, was meines Erachtens ein wenig an ihnen selbst und in hohem Maß am VfB lag. (Und möglicherweise auch daran, dass Garra Dembélé erst spät ins Spiel kam.)

Die Hintergründe des verspäteten Spielbeginns waren mir übrigens zunächst nicht klar. Kurz hatte der Gedanke von mir Besitz ergriffen, dass die Verlesung aller Co-, Torwart- und Athletiktrainer des SC Freiburg bei der offiziellen Mannschaftsaufstellung mehr Zeit als geplant in Anspruch genommen hatte; nach kurzem Überlegen tat ich diesen Ansatz jedoch als unangemessen unsachlich ab.

Wäre ich indes vorab über die Verspätung informiert gewesen, hätte ich mich vor dem Stadion noch etwas länger mit @MAGsein unterhalten können. Schade.

*Wenn mich dann bitte ein kompetenter Sprachpurist (w/m) über den korrekten Umgang mit einem aus dem Englischen übernommenen und noch dazu auf s endenden Begriff im zweiten Fall aufklären könnte?

Bernd "Cacau" Harnik, der Spielversteher

Bernd war kein schlechter Fußballer, fand ich, manche hielten ihn sogar für ziemlich gut. Seiner Grenzen war er sich indes sehr klar bewusst, seitdem ihn ein Trainer mal zur Seite genommen hatte: „Bernd“, hatte er gesagt, „Bernd, Du siehst einfach zu viel auf dem Fußballplatz.“ Und damit meinte er nicht, dass Bernd sich auf Nebensächlichkeiten konzentriere, auf Zuschauer und vor allem Zuschauerinnen, oder gar auf Scouts aus höheren Ligen, nein, der Trainer meinte tatsächlich, dass Bernd zu viele Facetten des Spiels wahrnehme, zu viele frei stehende Mitspieler sehe oder gar gute Gelegenheiten zu einem Angriff erkenne.

Was unsereiner als fußballerische Tugend verstehen würde, sah jener Trainer als Problem. Nicht grundsätzlich, aber eben bei Bernd. Weil er, also Bernd, zwar häufig genau wusste, wohin und wie der Ball idealerweise gespielt werden sollte; weil ihm aber auch, und das war die Krux, häufig die Fertigkeiten im Umgang mit dem Ball fehlten, um die entsprechenden Pläne auch umzusetzen. So landeten die Pässe beim Gegner, galten als einfache Fehler – auch, weil so mancher Mitspieler und/oder Zuschauer das Potenzial des Passes, so er denn planmäßig angekommen wäre gar nicht erkannte – und mancher meinte, Bernd habe das Spiel „ja überhaupt nicht verstanden“.

Als ich am Samstag Martin Harnik zusah, dachte ich gelegentlich an Bernd. Genauer: ich dachte einmal an Bernd und wurde den Gedanken danach nicht mehr los. Kennt man ja von Béla Réthy und Steffen Simon, um, ähem,  zwei exemplarische Beispiele zu nennen, dieses Phänomen, dass irgendwie alles in das vorgefasste Bild passt.

Wie auch immer, und um endlich zum Punkt zu kommen: in einigen Szenen hatte Martin Harnik meines Erachtens hervorragende Ideen – wären seine Bälle angekommen, hätte der Mitspieler freie Bahn zum Tor oder zumindest alle Voraussetzungen für einen gelungenen (und überraschenden) Spielzug gehabt. Aber sie kamen eben nicht an. Ob es sich dabei wie bei Bernd um ein Symptom einer eher grundsätzlichen Problematik handelte, möchte ich an dieser Stelle offen lassen.

Explizit zähle ich zu jenen Szenen auch den Strafeckenverschnitt, der das Neckarstadion kollektiv aufstöhnen ließ: Reingeber Cacau machte noch alles richtig, Harnik stoppte den Ball eigentlich ganz gut, wenn auch nicht tot, aber das muss ja seit einigen Jahren nicht mehr sein, doch offensichtlich hatte die Absprache mit Gentner nicht funktioniert, der mit dieser Variante nicht gerechnet hatte und bereits am Ball vorbei gelaufen war. Hä? Kannitverstan? Ja, wer’s nicht gesehen hat, weiß wohl nicht, wovon ich rede. Wer’s gesehen hat, schüttelt möglicherweise noch heute ein wenig ungläubig den Kopf. Mir hat’s ja gefallen, so grundsätzlich. Hätte sowas Barceloneskes gehabt, wenn Harniks Plan aufgegangen wäre.

Ähm, wo war ich? Ach ja, beim Spielversteher Harnik. Was ihn übrigens nicht davon abhält, gelegentlich eher die Cacau-Variante zu wählen, deren Definition von den Worten „Kopf“ und „Wand“ dominiert wird.

Zudem war ich bei einer der Szenen, die nicht wenige Zuschauer im Kopf hatten, als sie Christian Gentner in der zweiten Halbzeit bis zu und bei seiner Auswechslung auspfiffen. Ganz ehrlich: das verstehe ich nicht. Ich glaube nicht, dass ich mich in den vergangenen Monaten als großer Gentner-Fan hervorgetan habe, ganz im Gegenteil: ich hielt die Verpflichtung von vornherein für ein Missverständnis, was mit Gentners Spielweise, seinen Stärken und Schwächen, mit der Personalsituation beim VfB sowie mit dem fußballerischen Konzept zu tun hatte, das damals Christian Gross verfolgte (was für Bruno Labbadia analog gilt). Am Samstag hatte Gentner ein paar fürchterliche Szenen. Drei-Meter-Pässe ins Aus, zum Beispiel (der Plural ist kein Versehen). Er hatte einige wenige sehr gute Szenen, der Rest war Durchschnitt. Er spielte auf der „10“, was schon in der letzten Saison keine gute Idee gewesen war, und musste sich dort auch noch gelegentlich von Taktikchef Cacau ein Stück nach hinten schicken lassen.

Kein guter Tag. Und doch hatte ich das Gefühl, ihm einen Aufwärtstrend bescheinigen zu können. Sein Engagement stimmte, wie immer, und daneben traute er sich in der Vorwärtsbewegung endlich einmal ein wenig mehr zu. Er ging in Offensivzweikämpfe, bremst nicht bei jedem Angriff ab und ließ sich dabei sogar auf das eine oder andere Laufduell ein. Dass er in der Halbzeit wegen einer Rückenverletzung anscheinend gespritzt werden musste und nach der Pause unter Schmerzen spielte: geschenkt, das wussten die Pfeifer nicht. Und doch frage ich mich, wieso ein Spieler, dem man vieles absprechen kann, aber gewiss nicht das Engagement und die Identifikation mit dem Verein, nach einem (ja, weiteren) durchwachsenen Spiel ausgepfiffen wird. Aber vielleicht sollte ich mir solche Fragen einfach nicht stellen.

Ach ja, da war ja noch ein Spiel. Selbstläufer, sozusagen. Wenn man davon absieht, dass bis zum 2:0 jederzeit mit dem Ausgleich zu rechnen war. Binsenweisheit, klar, aber wir kennen ja die berühmten Hannoveraner 10-Sekunden-Angriffe – vor allem, wenn Abdellaoue mit an Bord ist, man frage nur mal in Sevilla nach. So aber warf sich Ulreich Ya Konan verschiedentlich heldenhaft in den Weg, nachdem ihm in der ersten Halbzeit wieder einmal ein abgewehrter Ball nach vorne abgeprallt war. Glücklicherweise war auf Tasci nicht nur in dieser Szene Verlass. Überhaupt, Tasci: ich kann mich an keine Szene der noch jungen Saison erinnern, in der er ausgerutscht wäre. Kvist tut das verlässlich mindestens einmal pro Spiel, am Samstag waren es, wenn ich mich nicht irre, sogar zwei Situationen, und Maza rutschte diesmal zwar nicht aus, rechtfertigte aber mit einem kritischen Ballverlust den Ruf, dass er kein Rastelli und gerne mal im Spielaufbau für einen Bock gut sei. Aber dann ist ja der UlleUlleUlle da. Und der Serdar.

Kvist und Kuzmanovic hatten das Spiel im Mittelfeld jederzeit im Griff, wobei die Aufgabenverteilung deutlich klarer und auch zielführender war (oder umgesetzt wurde?) als in den Spielen zuvor. Kuzmanovic, der, wenn ich ihn recht verstanden habe, seine Freundin Verlobte im Mai nehmen wird, agierte deutlich weiter vorne, und auch wenn man sich in der einen oder anderen Szene eine etwas raschere Rückwärtsbewegung gewünscht hätte, tat das dem Stuttgarter Spiel sehr gut. Zwar übertrieb er mitunter das Spiel mit hohen, geschnippelten Bällen, die ganz entfernt an Thomas Hitzlsperger erinnerten und eigentlich, zumindest in dieser Fülle, maximal bis in die Bezirksliga funktionieren sollten;aber wenn künftig immer vier oder fünf dabei sind, die echte Gefahr heraufbeschwören und mindestens ein Tor einleiten, kann ich, meiner Vorliebe für flache, scharfe Bälle (die er auch kann) zum Trotz, ganz gut damit umgehen.

Ob es Zufall oder taktische Vorgabe war, dass Okazaki vergleichsweise oft in zentraler Position auftauchte, so wie beim 1:0, weiß ich nicht. Aber es gefällt mir. Und er gefällt mir dort, wie schon des Öfteren unzählige Male gesagt, wesentlich besser – auch weil sein Zusammenspiel mit Molinaro auf der Außenbahn schlichtweg nicht vorhanden ist.

Wenn ich das Spiel grundsätzlich bewerten sollte, würde ich sagen, dass es eine deutliche Steigerung zur letzten Partie darstellte, weil zum einen die Zahl der Fehler weiter verringert und das Spiel nach vorne ein wenig zwingender und dank Kuzmanovic überraschender wurde. Gleichzeitig ließ der VfB wiederum einige zu billige Torchancen zu und vergaß seinerseits vorne, den berühmten Sack zuzumachen. Aber die Tendenz stimmt.

Und da jetzt auch noch Gebhart dabei ist…

 

Hey, das geht ab! Wir feiern die ganze Nacht!

In den letzten Monaten habe ich den einen oder anderen Artikel über die Menschen gelesen, die bei verschiedenen Vereinen für die Stadionmusik verantwortlich zeichnen. Die Stadion-DJs (ich weiß nicht, ob sie mit dieser Bezeichnung einverstanden wären) werden dabei zumeist sehr liebevoll dargestellt, vielleicht schwingt auch ein wenig Neid mit, ihre kreative, teilweise subtile und weitgehend unabhängige Musikauswahl wird gewürdigt.

Über den VfB Stuttgart habe ich einen solchen Text noch nicht gelesen. Dabei schien man in dieser Saison durchaus auf einem Weg zu sein, den ich ein Stück weit mitgehen konnte. Dieser Eindruck hat sich am Samstag nach dem den Klassenerhalt bringenden Spiel gegen Hannover 96 rasch verflüchtigt.

Hey, das geht ab. Wir feiern die ganze Nacht. Na bravo. Die ganze Nacht feiern wir jenen Klassenerhalt, von dem Fredi Bobic völlig zurecht sagte, dass er kein Grund zum Feiern sei. Dabei will ich gar nicht in Abrede stellen, dass man, wenn die Ewartungshaltung nur weit genug gesenkt ist, natürlich alles feiern kann. Ich selbst habe nach dem Spiel auch noch das eine oder andere Erleichterungsgetränk zu mir genommen, und ich gönne den Beteiligten durchaus, dass sie nach einer sehr schwierigen Saison tatsächlich feiern, das Schlimmste abgewendet zu haben.

Aber muss man das in die Welt hinaus schreien? Vor allem aber: muss man das so in die Welt hinaus schreien? Mit einem Extended Ballermann Party Medley Mix? Darf man die einheimischen Zuschauer durch ein Fegefeuer der Peinlichkeiten schicken? Was sollen die Gäste aus Hannover denken? Insbesondere darüber, dass gar nicht so wenige VfB-Fans mitgesungen haben?

Vielleicht liege ich aber völlig falsch. Möglicherweise hat sich der Musikant vielmehr eine Gehaltserhöhung verdient, indem er unmittelbar nach Spielschluss, und damit auch in jener Phase, in der Teile der Cannstatter Kurve mit einem Spruchband zum Ausdruck brachten, dass mit dem Klassenerhalt keineswegs der Zeitpunkt für eitel Sonnenschein gekommen sei, anhaltenden und nicht nur die Ohren betäubenden Lärm produzierte. Wer will schon im Zeitpunkt des sportlichen Triumphes das Risiko eingehen, das Fernsehen, oder gar die Haupttribüne, könnte falsche Signale aufnehmen?

Signale, die damit zu tun haben könnten, dass die Anhänger gar nicht so glücklich darüber sind, dass „ihr“ Verein in Gutsherrenart geführt wird. Oder damit, wie der Aufsichtsrat auf Kritik reagiert. Es verlangt schon ein gehöriges Maß an Chuzpe,  auf mehrere voneinander unabhängige Demokratisierungsansätze aus dem Mitgliederkreis zu reagieren, indem man jemanden aus den eigenen Reihen als Statthalter installiert. Entschuldigung, installieren will.

Ich kenne Herrn Mäuser nicht, vielleicht ist er überragend qualifiziert, trotz der kolportierten Nähe zu Herrn Professor Hundt. Aber ich möchte nicht, dass er der neue Präsident wird. Eben wegen dieser Nähe zum Aufsichtsratsvorsitzenden. Dem Vernehmen nach soll der Herr Professor ja auch Gespräche mit der Opposition geführt haben, mit der Aktion VfB 2011 und mit Björn Seemann. Nach reiflicher Überlegung scheint er dann doch zu dem Schluss gekommen zu sein, dass sein Kandidat am besten geeignet ist. Nun ja.

Wenn mir nun jemand entgegnen möchte, dass Fußballvereine Wirtschaftsakteure seine und keine basisdemokratischen Kaffeekränzchen, so gebe ich ihm recht. Ihr auch. Ich befürworte entscheidungsfähige und entscheidungsstarke Führungsgremien, möchte eine kompetente sportliche Leitung mit einem Plan, der auch gerne mal im Widerspruch zu den Wünschen der Fans stehen darf, wenn es das große Ganze erfordert. Ich bin bereit, der Führung zu vertrauen, dass sie ihr Geld verdient und mit meinem Geld im Sinne des Vereins verantwortungsvoll umgeht. Aber so ein kleines bisschen Demokratie wäre halt doch ganz schön, nicht wahr? Dieses Gefühl, dass den Mitgliedern Optionen präsentiert und vielleicht sogar zur Wahl gestellt werden, wäre irgendwie – hilfreich.

Oh, eigentlich wollte ich gar nicht über die grundsätzlichen Probleme beim VfB schreiben. Ich weiß gar nicht, wie das geschehen konnte. Vielleicht hängt es ja damit zusammen, dass Herrn Professor Hundt nachgesagt wird, er hege gewisse Sympathien für Herrn Daum und hätte ihn im Herbst gerne beim VfB untergebracht. Wer weiß, wenn man damals schon einen anderen Präsidenten gehabt hätte, wär’s vielleicht realisierbar gewesen.

Zum Spiel selbst gibt’s aus meiner Sicht nicht viel zu sagen. Außer vielleicht, dass Shinji Okazaki seinem Denkgefängnis entfliehen konnte. Oder dass Martin Harnik selbst als Verstolperer noch Assists zustande bringt. Dass der vergessen geglaubte No-Look-Diagonalpass ins Niemandsland doch noch nicht ausgerottet ist (in der Hoffnung, dass er keine taktische Maßgabe des Trainers war, wofür angesichts der Häufung manches spräche). Dass Sven Ulreich am 33. Spieltag das taktische Mittel „Abwurf“ für sich entdeckte. Dass sich der Ehrenpräsident nicht die Ehre gab, verdiente Mitarbeiter zu verabschieden. Egal. Das Spiel war nicht gut, in der ersten Halbzeit sogar richtig schlecht, phasenweise spielte auch Not gegen Elend. Wie dem auch sei: Klassenerhalt. Wir feiern die ganze Nacht.

Am kommenden Samstag geht’s also für den VfB selbst um nichts mehr, für den Gegner durchaus. Der eine oder andere Fan spekuliert darauf, nachdem es schon nicht geklappt hatte, den Kampf um Platz 3 zu Ungunsten der Bayern zu beeinflusssen, ihnen wenigstens Platz 2 zu verwehren. Mir ist das zwar egal, aber ich kann die innneren Kämpfe vieler Fans in diesen Tagen verstehen. Schließlich habe ich vor einigen Wochen mit einem hoffnungslosen Optimisten gewettet, dass es dem VfB nicht gelingen werde, den SC Freiburg noch zu überholen. Nun muss ich also abwägen, ob ich lieber Platz 7 oder ein Abendessen will. Oder, um das Ganze weniger auf mich selbst als vielmehr auf nicht wenige Fußballfans zu beziehen: ist es mir wichtig, dass der VfB die TSG Hoffenheim noch überholt, wenn diese dafür gegen Wolfsburg verlieren müsste? Konfliktreich, so ein letzter Spieltag. Von den Trainerentlassungsdilemmata der Herren Holzhäuser und Keller gar nicht zu reden.

À propos Trainerentlassungen: ich könnte nächste Saison ohne. 30 Punkte reichen zwar nicht ganz an die Serien der vorigen Spielzeiten hin, aber von 12 auf mindestens 42 ist ein Wort (ja, mehrere), das Respekt und eine faire Chance verdient. Auch für den Sportdirektor, wie ich finde. Meinetwegen mit Vorstandsmitglied Hansi Müller, von dem ich nicht weiß, wie intensiv er sich in den letzten Jahren mit dem Fußballgeschäft auseinandergesetzt hat. Bei Guido Buchwald ist mir das egal. Er hat in Degerloch etwas aufgebaut und ich gönne ihm von Herzen, zu gegebener Zeit auch die Früchte seiner Arbeit vor Ort ernten zu dürfen.

Zum Schluss noch ein persönlicher Wunsch.