Fünf* Zeilen, die der Fußball schrieb (XXXVII)

Müllers Gerd meinte: „Vier. Grund zum Freun.“
Den Vergleich musste Dieter nicht scheun.
Allofs kleinlaut: „Ähem.“
Doch van Basten grinst: „Bämm!“
Platini, im Vorübergehn: „Neun.“

Mit 4 Teams, unter Schwartz, lief es glatt.
Franchi: „Acht, dass man mehr davon hat.“
Lennart Johansson: „Sechzehn.“
Woll’n die Leute das echt sehn?
Platini: „Peu importe – j’prends vingt-quat‘.“

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* Mal wieder zehn. Nächstes Mal visiere ich dann wohl 24 an.

Mein Herz schlägt links

Ein wenig lag es auch daran, dass mein Sohn wieder Fußball gespielt hat. Erfolgreicher als in der Vorwoche, übrigens. Vor allem aber war war es ein grundsätzliches, (nicht nur) familienbedingtes Zeitproblem, das mich am Samstag daran hinderte, das Spiel des VfB in Nürnberg zu verfolgen. Natürlich könnte ich ergänzen, dass angesichts der jüngsten Leistungen auch mein Interesse, meine Lust, ihnen zuzusehen, geschwunden sei. Was nicht nur populistisch, sondern schlicht unwahr wäre.

So habe ich mich wohl oder übel auf die eine oder andere Zusammenfassung und viel Schriftliches beschränkt, habe von Labbadias zurückhaltendem Auftritt nach dem Spiel erfahren, von einem irgendwie augenthalersch anmutenden Mannschaftsabend ohne das Führungspersonal, von Mutmaßungen über des Trainers Anteil an der veränderten Taktik. In der örtlichen Qualitätspresse las ich Forderungen nach Führungsspielern, wie wir sie auch auf Bundesebene zur Genüge kennen, und mancherorts wurde berichtet, dass der Trainer vor drei Wochen ein richtungsweisendes Gespräch mit Raphael Holzhauser geführt habe. Interessant in diesem Zusammenhang die bereits vor dem Spiel angeklungene Frage, ob Labbadia mit dem ersten Startelfeinsatz des jungen Mannes nur gewinnen oder nur verlieren könne.

Für ersteres sprach, dass bei einer guten Leistung der Trainer rechtzeitig Konsequenzen haben würde (noch dazu nach besagter, zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannter vorhergehender verbaler Weichenstellung), während ein schlechter Holzhauser nur die seit langem regelmäßig wiederkehrenden Aussagen der sportlichen Leitung, wonach die jungen Leute noch nicht soweit seien, bestätigen würde.

Verfechter der zweiten These (Es war nicht nur in meinem Kopf. Aber hauptsächlich.) vertraten indes die Ansicht, dass eine gute Leistung des Hajnal–VertretersVerdrängers Labbadias Gerede der letzten Wochen ad absurdum führen würde (also: Verlierer!), während ein schwacher Holzhauser zum einen dem VfB und damit dem Trainer schaden würde und zum anderen ohnehin dem mangelnden Vertrauen (vulgo: Nachwuchsallergie) seitens der Entscheidungsträger geschuldet wäre. So wie Antonio Rüdigers kapitaler Fehler bei seinem jüngsten Drittligaeinsatz dem ständigen Hin und Her zwischen den beiden Mannschaften zuzuschreiben sei, wie man gelegentlich hörte.

Da rückblickend niemand so genau zu wissen scheint, wie gut Holzhauser tatsächlich spielte, und zudem vielerlei Interpretationsansätze über Bruno Labbadias Einsilbigkeit (gespickt mit einer grundsätzlichen Schelte, von der sich jeder oder niemand angesprochen fühlen durfte) verbreitet wurden, bleibt die obige Diskussion letztlich genau so obsolet, wie sie von vornherein war. Aber halt in meinem Kopf.

Was bei mir hängen blieb: Holzhausers Chance zum 2:0. Wie er zum Ball ging, wie er abschloss. Weil er in mir die Erinnerung daran weckte, wie ich dereinst als Kind Jugendlicher junger Erwachsener Fußballer gerne ein Linksfuß gewesen wäre.

Linksfüßer waren immer irgendwie lässiger, häufig eleganter, nicht selten genial bis genialisch, ob in der C-Jugend-Normalstaffel oder ganz oben, vor allem auf offensiven Kreativpositionen. Nicht von ungefähr war die 10 ursprünglich die Nummer des Halblinken, aber das wissen wir ja alle längst, und komm‘ mir keiner mit inversen Halbspielern oder solchem Zeug! Dieser Drang, Overath nachzueifern, oder Andi aus unserer Ersten, gerne Hagi oder Hansi Müller, dem Spielmacher der A-Jugend aus dem Nachbarort oder dem unvergleichlichen Uwe Bein, um nur einige wenige zu nennen, prägte mich schon ein wenig, auch wenn ich selbst im Lauf der Zeit zunehmend defensiver spielte.

Zumindest aber trug er dazu bei, dass mein linker Fuß für einen mit rechts Sozialisierten ganz passabel war, und früge man mich heute nach meinen schönsten Toren, was aus gutem Grund niemand tut, aber man kann sich ja mal in die Situation versetzen, so wäre wohl noch immer jener linke Chip aus der B-Jugend ganz vorne dabei, nach einer zu kurz abgewehrten Ecke, von der Strafraumgrenze.

Mir ist schon klar, dass es auch damals schon ganz gute Rechtsfüßer gab, und dass meine Wahrnehmung nicht immer völlig objektiv war. Ich hörte von Micouds Eleganz, von Zidanes Einzigartigkeit, Socrates‘ Lässigkeit und von Schuster im Allgemeinen. Netzer und Platini zählen insofern nicht, als ich sie gedanklich lange Zeit als Linksfüßer h.c. kategorisiert hatte.

Was ich sagen wollte: Wie Holzhauser an diesen Ball heranlief, mit langen, raumgreifenden Schritten, und wie er ihn ohne weitere Kontrolle mit einer gleichermaßen sparsamen wie effetheischenden Bewegung in der keinen Widerspruch duldenden Überzeugung, ihn um den Torwart herum in die kurze Ecke zu platzieren, neben das Tor zirkelte, war eines Linksfüßers würdig.

Im Übrigen wünschte ich mir als Jugendspieler auch O-Beine.

Weltelf

Der ORF hatte damals schon den Sportnachmittag. Sonntags, meist in FS2, wurde einfach durchgehend Sport gezeigt, was im deutschen Fernsehen – anders als heute – noch ziemlich undenkbar war. Die privaten Fernsehsender steckten bestenfalls in den Kinderschuhen, im Grunde noch nicht einmal das, ARD und ZDF waren der Vielfalt verpflichtet und konnten nicht den ganzen Sonntag mit Sportübertragungen füllen, aber man wohnte ja grenznah.

Im Winter lag der Fokus beim ORF natürlich auf dem alpinen Skisport, Harti Weirather war der erste Abfahrtsweltmeister, dessen Siegfahrt ich aktiv verfolgte, Annemarie Moser-Pröll fuhr nicht mehr, schwebte aber als Schatten über allen Damenrennen. Armin Kogler und Hubert Neuper bestimmten das Skisprunggeschehen mit, Neuper gewann zweimal die Tournee, und die Vögel konnten bereits erahnen, dass sie bald zu Fuß gehen würden. Die Biathlonbegeisterung hielt sich noch in Grenzen, Österreich hatte meines Wissens keinen Angerer, Kvalfoss oder Rötsch. Dafür sah man auch einmal Parallelslaloms der Profis – der olympische Gedanke trennte noch immer die guten von den bösen Skifahrern, ein Jahrzehnt nach der Causa Schranz – manchmal auch Skibobrennen, von denen ich nicht glaube, dass sie jemals im deutschen Fernsehen liefen, oder gar Eisstockschießen. Und wenn überhaupt nichts mehr ging, war da ja immer noch Fußball aus der Wiener Stadthalle.

Auch im Sommer gab es den Sportnachmittag. Gefühlt nicht ganz so häufig wie im Winter, oder zumindest nicht so lange am Stück. Oder es lag daran, dass ich sommers selbst häufig auf irgendwelchen Sportplätzen unterwegs war. Wenn nicht, sah ich im ORF Formel 1, nach Niki Laudas Rückkehr 1982. Ich verfolgte den Einzug der Tankstopps und Piquets Prügel für Salazar, erlebte später Laudas erneuten Titel und seine Duelle mit Alain Prost mit, beide im  McLaren-TAG-Porsche-Turbo, und stelle rückblickend fest, dass das wohl die einzige Phase meines Lebens war, in der ich mit einer gewissen Regelmäßigkeit Motorsportwettbewerbe verfolgte, nicht nur im ORF. Walter Röhrl beherrschte Monte Carlo, Toni Mang die 250er und 350er, und Boris Beckers Sieg gegen Kevin Curren erlebte ich gar als Zuschauer eines Motocross-Rennens – schlechtes Timing.

Doch zurück zu den Sportnachmittagen in FS2: manchmal gab es tatsächlich auch den mir persönlich wichtigsten Sport zu sehen, aus dem aus deutscher Fernsehsicht recht exotischen Fußballland England. Dort wurde damals, wer wüsste es nicht, der erfolgreichste Fußball gespielt, zwischen 1977 und 1984 konnte nur der HSV 83 die Dominanz der englischen Teams durchbrechen. Kevin Keegan hatte in Deutschland gespielt, Tony Woodcock auch, aber ansonsten kannte man den englischen Fußball in Deutschland, besser: bei uns in der Provinz, nur von der Nationalmannschaft, die sich allerdings bei den internationalen Turnieren ein wenig rar machte, und aus dem Europapokal. Genau wie den spanischen oder italienischen, übrigens, schließlich war die Bundesliga ja die beste der Welt, das Maß der Dinge, zudem waren wir uns im Klaren darüber, dass die Eurogoals noch ein paar Jahre auf sich warten lassen würden.

In Österreich indes war man interessierter und zeigte immer mal wieder Spiele aus der First Division, nicht live, aber doch in nennenswertem Umfang. Eines Sonntags, ich vermute zumindest, dass es ein Sonntag war, wurde eine Partie von Sheffield Wednesday übertragen. Ich hatte bereits ein oder zwei Jahre Englisch hinter mir und fand den Vereinsnamen unglaublich lustig. Der österreichische Reporter kam aus dem Schwärmen nicht heraus, und das Objekt seiner Begeisterung hieß Imre Varadi. Imre wer? Imre Varadi, englischer Spieler mit ungarischen Wurzeln (wobei ich noch heute der Überzeugung bin, dass ihn der österreichische Kommentator durchgängig als Ungarn bezeichnete), der sich später als Wandervogel einen Namen machen sollte, oder wie es die Wikipedianer formulieren:

„Varadi went on to become a nomadic journeyman, who rarely spent more than two years with any club and never made 100 league appearances in the colours of any team he played for.“

Wie auch immer: an diesem Tag beeindruckte Varadi nicht nur den Kommentator, sondern auch mich – anhand total aussagekräftiger Ausschnitte aus einem einzigen Ligaspiel – so sehr, dass er fortan eine ganze Weile einen festen Platz in meiner Weltelf hatte. War das damals nur bei uns en vogue, oder hattet Ihr auch Weltelfen?

Irgendwann war aus der Berichterstattung über das Benefizspiel einer „Weltelf“, die natürlich alles andere als eine nach rein sportlichen Kriterien (vermutlich eher nach Verfügbarkeit, aber an so etwas dachten wir damals nicht) zusammengestellte Weltauswahl gewesen war, bei uns allen der Drang entstanden, in regelmäßigen Abständen unsere Weltelfen aufzustellen. Und wenn ich „uns alle“ sage, dann meine ich in erster Linie meine Mitschüler, von denen die meisten insofern ein wenig benachteiligt waren, als ihr Vater weder den Kicker abonniert hatte, der auch schon damals zumindest am Rande über die internationalen Ligen berichtete, noch gemeinsam mit dem Sohnemann jede Gelegenheit wahrnahm, irgendein Fußballspiel anzuschauen. So hatten sie also zum Beispiel noch nie von Imre Varadi gehört, einem meiner Trümpfe.

Ansonsten fanden sich in den Aufstellungen die üblichen Verdächtigen. Rummenigge, natürlich, Maradona sowieso. Weil Schuster auch dabei war, schaffte es Platini eher selten ins Team. Hellström wurde gerne mal nominiert, auch Scirea und Boniek, der eine oder andere Brasilianer, wobei auch da der Hang zur Distinktion ausgeprägter wurde: man nahm dann nicht die offensichtlichen Zico oder Falcão, sondern Junior (vollkommen zurecht) oder gar Eder.

Es versteht sich von selbst, dass der Auswahlprozess ein sehr komplexer war. Neben Lebenswerk, aktuellen Leistungen und natürlich auch Potenzial spielten mitunter in seltenen Fällen auch Sympathien eine Rolle – wie sonst hätte sich zum Beispiel Ronald Koeman phasenweise einen Platz in meinem Team erkämpft? Oder Paolo Rossi, Spielverschieber und Finaltorschütze, der 1982 hoch im Kurs stand? Später kam Scifo, den ich tatsächlich sehr mochte, dann die Lobanowsky-Schützlinge wie Kusnezow, Belanow, Sawarow und nicht zuletzt Michailitschenko. Die Tore schoss Varadi, klar, auch wenn ich nicht ausschließen kann, dass er bei objektiver Betrachtung gar nicht der Allerbeste auf seiner Position war.

Heutzutage erstelle ich keine Weltelfen mehr. Ich bin zu schlecht informiert, um mich abzuheben, das Scouting der anderen ist zu gut, das Fußballgeschehen zu transparent. Naja, eigentlich ist das kein Grund, schließlich dürften selbst bei vollkommener Information bei 10 Leuten 10 verschiedene Weltelfen herauskommen. Dann wird’s wohl am Alter liegen, und an den Prioritäten.

Kürzlich jedoch entspann sich, wie das im Urlaub halt manchmal so ist, eine kleine Diskussion über Fußball. Über einzelne Spieler. Konkret: über Spieler, die man nicht mag. Oder nicht mochte. Aus welchen Gründen auch immer, manchmal mag es nur an einer einzigen Szene gelegen haben, oder an einer generellen Fallsucht, vielleicht auch nur an einem dummen Interview oder an etwas, an das man sich nicht einmal mehr erinnert.

Wie auch immer: es entstand mal wieder eine ganz persönliche Weltelf. Generationenübergreifend, und doch nur eine Momentaufnahme – nächsten Monat sieht sie schon wieder anders aus. Zum Teil.

Weltelf, leistungsunabhängig, aber sympathiefrei:

Und Ihr so?

Damals, als die Bayern noch in Aachen gewannen

Drüben bei El Fútbol [Link entfernt, Blog ist offline]  hat Sidan seine Leser dazu aufgerufen, ihre jeweiligen „Lieblingsspieler“ vorzustellen – sei es im eigenen Blog, sei es direkt bei ihm. Er selbst ging sogleich mit Georghe Hagi in Vorleistung. Mir gefällt die Idee, und mir gefällt vor allem der Gedanke, so etwas blogübergreifend anzugehen*.  Deshalb mache ich gerne mit, auch wenn ich eigentlich nicht den einen Lieblingsspieler benennen kann.

Mit dem Lieblingsspieler ist es ja ein wenig anders als mit dem Lieblingsverein. Letzterer kann sich zwar auch mal ändern, aber insgesamt geschieht das doch eher selten. Bei Spielern verschiebt man die Präferenzen nach meiner Einschätzung bereitwilliger, schneller und häufiger – was nicht zuletzt mit gekränkten Eitelkeiten zu tun haben dürfte, wenn wieder mal ein verwöhnter Söldnermillionär in jungen Jahren zum falschen Verein gewechselt ist. Oder so. Wie auch immer: einen all time favourite hab ich nicht.

Was es natürlich gab, waren Spieler, deren Namen Identität und Spielkunst man auf dem Bolzplatz mit Vorliebe annahm – bei mir war das lange Zeit Falcão, später gerne mal, warum auch immer, Michailitschenko (falls @saumselig dies liest, haut er mir vermutlich die Schreibweise um die Ohren). Natürlich sind Maradona und Schuster zu nennen. Freistöße hätte ich gerne geschossen wie Allgöwer, war verzaubert von Sigurvinsson, wollte Hansi Müllers linken Fuß, verwandelte mich im Tor zu Ronnie Hellström, bewunderte Butragueño, huldigte 1984 Scifo und auch Platini, obwohl ich Giresse eigentlich lieber mochte, und war zeit seiner Karriere ein großer Fan von Mehmet Scholl. Savićević und Stojković ließen mich genauso anders schwärmen wie als Stoichkov und Romario; Rooney und, ja, Mario Gómez sind jeder für sich noch einmal ganz anders. Deschamps, Desailly und Rijkaard waren eher beeindruckend als begeisternd, bei Waddle und Gascoigne war’s anders herum, und irgendwann kam Zidane und stand über allen anderen. Zeit ist übrigens eine Illusion, Chronologie erst recht.

Mein allererster Lieblingsspieler aber, um den es hier gehen soll, ergab sich aus einer Mischung aus Trotz und Zufall. Im letzten deutschen Gruppenspiel bei der WM 1978, gegen Tunesien, feuerte ich als sechsjähriger Steppke nach einem zugegebenermaßen nicht sonderlich gefährlichen Schüsschen den jungen Mann mit den roten Bäckchen und den blonden Löckchen an, dessen Name mir schon im Lauf des in jener Saison erstmals ein wenig verfolgten Bundesligageschehens zu schaffen gemacht und der, das wusste ich, zuvor gegen Mexiko zweimal getroffen hatte. Ein aus damaliger Sicht älterer Zuschauer zeigte sich angesichts des Grottenkicks von meinem jugendlichen Eifer unbeeindruckt und antwortete nüchtern: „Ach, Bub, der Rummenigge ist doch ein Blindgänger.“

Das hatte gesessen. Pah! Meine jugendliche Leidenschaft, mein Glaube an den sicherlich auch diesmal bevorstehenden Sieg – schließlich hatte man Mexiko mit 6:0 aus dem Stadion gejagt – wurde von jenem Kritiker, vermutlich bereits desillusioniert vom eher mäßigen Spiel, so lapidar beiseite gewischt. Fortan galt es also für uns beide, Herrn Rummenigge und mich (auch wenn Herr Rummenigge sich dieser Aufgabe gar nicht so recht bewusste sein dürfte), diesem Bruddler das Gegenteil zu beweisen. Rummenigge oblag es, anständig zu spielen, mein Part bestand darin, ihn zu bewundern und bei Bedarf zu verteidigen. Was in seiner aktiven Karriere keine allzugroße Herausforderung darstellte. Seine Torausbeute bei den Bayern war überragend, 1980 und 1981 war er mit 26 bzw. 29 Treffern Torschützenkönig, in beiden Jahren wurde er zu Europas Fußballer des Jahres gewählt; in der Nationalelf war seine Quote mit 45 Treffern in 95 Länderspielen auch nicht ganz schlecht. Meine Begeisterung war übrigens lange Zeit derart prägend, dass ich die genannten Zahlen, und auch einige mehr, darunter zu meinem großen Erstaunen sein Geburtsdatum, noch heute kenne.

Er war der Grund dafür, dass ich mir 1984 oder 85 einen Geldbeutel im Inter-Design schenken ließ, obwohl der Verein nach dem zuvor nur bedingt geglückten Intermezzo von Hansi Müller eigentlich keine allzu guten Karten bei mir hatte, und der Verlust der Picture Disc des, äh, Superhits von Alan & Denise im Rahmen einer Party anno 1989 schmerzt noch heute.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=nWHL0HsusvU]

(deutsche Fassung – schickes Plattencover)

Aber zurück zu Sportlichem. Oder auch nicht, da der Schiedsrichter bei einem seiner zahlreichen Tore des Monats im Juli 1981 – die Bayern gewannen damals in Aachen mit 5:1, wenn auch nicht gegen die Alemannia  – eine Unsportlichkeit erkannt hatte. Was zur Folge hatte, dass derlei Tore, obwohl dort seit langem gang und gäbe, fortan auf deutschen Bolzplätzen zu intensiven Diskussionen führten, ob der Treffer denn nun zähle oder nicht.

Unumstritten waren indes die Tore, die all diejenigen, die die deutsche Nationalmannschaft in den 80ern begleiteten, noch deutlich vor Augen haben dürften: der technisch feine und gleichzeitig entschlossene Anschlustreffer in der Nacht von Sevilla, das 1:2 gegen Argentinien, der Siegtreffer gegen die CSSR zum Auftakt der EM 1980, der sehenswerte Seitfallzieher gegen Finnland, damals, als es noch Kleine gab, und viele mehr.

Gerne war mal etwas Akrobatik dabei, oft ein Dribbling und ein schneller Antritt, bei den Freistößen stufte ihn Max Merkel in den frühen 80er Jahren in der Bundesliga nur auf Platz 2 hinter Michael Kutzop ein, der seinerseits später nicht bei jedem Elfmeter das nötige Glück haben sollte. Wenn ich den Fußballspieler Rummenigge mit einem Wort beschreiben müsste, würde ich wohl „dynamisch“ wählen, gefolgt von „zielgerichtet“. Was meines Erachtens besonders gut zum Ausdruck kommt, wenn man sich seinen Ausgleich im Mailänder Derby 1985 ansieht:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=XIu3jUtPZBc&start=354“]

„Al vantaggio rossonero risponde a modo suo il panzer: Kalle Rummenigge“ – wozu seine auf mich stets feminin wirkende Jubelfaust allerdings nicht so recht passen will. Egal.

Auf dem Platz war er ein ganz Großer.

* Irgendwo liegen ja auch hier im Blog noch ein oder zwei vergleichbare, leider reichlich verkümmerte Ansätze für derlei Projekte herum.

The class of '86

Nach 1982 und – schon länger her und inhaltlich nicht ganz passend – 1980 jetzt also 1986. Die WM, die in Sachen Fernsehzeit vermutlich meine intensivste war. Und die mir, wann immer ich daran zurückdenke, ein und dasselbe Bild als erste Assoziation liefert: Thomas Bertholds Gipsmanschette, die nach einer formvollendeten Drehbewegung der deutschen 14 von einem Mexikaner gebremst wird. Erst danach fällt mir der Burruchaga hinterher hechelnde Briegel ein, oder Bats‘ Geschenk im Halbfinale.

Ich denke an Querétaro, das von uns auch gerne mal „Geräteraum“ genannt wurde, das man im Nachhinein in allererster Linie mit den Herren Rummenigge, Schumacher und Stein in Verbindung bringt, und das doch irgendwie einen besseren Klang (wörtlich wie bildlich) hat als Schluchsee oder Ascochinga. Gegen Malente, Spiez oder Eppan kann es freilich abstinken.

Dann war da die Hitzeschlacht zwischen Brasilien und Frankreich, den beiden damals wohl spielstärksten Mannschaften, in deren Verlauf drei der weltbesten Spieler – Zico, Socrates und Platini – vom Elfmeterpunkt scheiterten, was gerade bei Socrates angesichts seines als arrogant wahrgenommenen Anlaufs nicht ohne Häme blieb.

In der Vorrunde spielte die damalige UdSSR groß auf und demontierte meinen (warum auch immer) Geheimfavoriten Ungarn, der den jungen Detari in seinen Reihen hatte, zum Auftakt mit 6:0. Wenn ich je bei einem Fußballspiel explizit das Gefühl hatte, eine Mannschaft könne gedopt gewesen sein, dann bei diesem. Zu rasend schnell kombinierten Lobanowskys Mannen, die zum größten Teil aus seine Kiewer Vereinsmannschaft stammten, zu wenig Luft ließen sie den Ungarn zum Atmen, zu sehr vermittelten sie den Eindruck, immer mindestens zwei Mann mehr auf dem Platz zu haben. Genutzt hat es (das großartige Spiel, nicht das Doping…) letztlich nichts.

Unvergessen auch der deutsche Nominierungsprozess. Beckenbauer hatte – damals zumindest ungewöhnlich, heute gang und gäbe – in der Vorbereitung einen etwas zu großen Kader und musste quasi in letzter Sekunde 3 oder 4 Spieler nach Hause schicken. Guido Buchwald war darunter, der Belgier Heinz Gründel und Wolfgang Funkel, zudem, wie ich gerade nachgelesen habe, auch noch Frankie Mill. Dafür fuhren Dieter Hoeneß, der viele Jahre zuvor einige wenige Länderspiele bestritten hatte, und Norbert Eder mit – beide vom FC Bayern, beide über 30, beide ohne nennenswerte Länderspielerfahrung. Eder bestritt in Mexiko alle Spiele, das gleiche galt für Karlheinz Förster und -mit einer Ausnahme- für Ditmar Jakobs. Gleich drei Vorstopper als Stammspieler warfen ein deutliches Licht auf die damaligen Qualitäten der DFB-Elf.

Der Turniermodus war peinlich. Man wollte nach der Vorrunde wieder auf einen KO-Modus umsteigen, was bei 24 Teilnehmern kein ganz einfaches Unterfangen war. Um auf die 16 Mannschaften für ein Achtelfinale zu kommen, qualifizierten sich neben den Erst- und Zweitplatziertzen der 6 Gruppen auch die vier besten Gruppendritten. Trikotfarbe und künstlerischer Wert waren indes kein Kriterium.

Dänemark begeisterte mit dem bekennenden Kettenraucher Preben Elkjaer Larsen – Deutschland als Gruppengegner war weniger begeistert -, um dann von den Spanien und dem vierfachen Butragueño abgeschossen zu werden, die wiederum an Belgien scheiterten, bei denen mit Scifo einer meiner damaligen Helden seine erste WM spielte. Die Deutschen als Gruppenzweiter trafen indes auf Marokko. Ein furchtbares Spiel, und als alle bereits eingeschlafen waren auf die Verlängerung warteten, erzielte Matthäus das 1:0, das Didi Hamann 14 Jahre später zum Abschied von Wembley kopieren sollte.

Drei der vier Viertelfinalspiele wurden im Elfmeterschießen entschieden – ich bezweifle, dass es das noch oft gab. Manuel Negrete erzielte nicht nur in der Vorrunde das Tor des Monats, sondern war auch der einzige, der Schumacher im Elfmeterschießen bezwingen konnte. Denk ich an Schumacher, denk ich an José Luis Brown.

Meine 11 des Turniers
(einziges Kriterium: wer mir besonders in Erinnerung blieb, ohne Rücksicht auf Leistung oder gar Positionen)

José Luis Brown
Der Name. Ich konnte einfach nicht recht nachvollziehen, wie „Brown“ zu so klangvollen Namen wie Burruchaga, Maradona, Pumpido oder – unvergessen – Olarticoechea passen sollte. Aber köpfen konnte er.

Thomas Berthold
Keine Ahnung, wie er es schaffte, nach seiner roten Karte nur für ein Spiel gesperrt zu werden. Chapeau.

Hugo Sánchez
Als Stürmer noch turnen konnten. Wozu er bei der WM allerdings lange nicht soviel Gelegenheit hatte wie bei Real.

Gordon Strachan
Traf gegen Deutschland. Der Fußballspieler mit den gefühlt rötesten Haaren.

Vasili Rats
Klar, der Name.

Pat Jennings
Das Alter. Vier Jahre zuvor schon als alter Mann verschrieen, war er nun mit über 40 noch immer dabei.

Manuel Negrete
Ein Seitfallzieher als Tor des Monats. Trug die Nummer 22, glaube ich. (Manche Sachen überprüft man einfach nicht)

Chris Waddle
Großartiger Kicker. Und über viele Jahre hinweg der Engländer mit der besten Frisur. Wurde eigentlich erst von Beckham abgelöst.

Carlos Manuel
Ende 1985 verlor Deutschland in der WM-Qualifikation mit 0:1 gegen Portugal, das sich dadurch qualifizierte. Torschütze: Carlos Manuel. Wenn ich mich nicht täusche, war dies das allererste WM-Qualifikationsspiel, das Deutschland verlor.

Silas
Ich konnte mir schon beim Durchblättern der Mannschaftskader Patrick Bach einfach nicht als Fußballspieler vorstellen. Allzu viele Einsätze hatte er dann auch nicht.

Maradona
War auch dabei.

Trainer:

Bora Milutinovic
Seine erste WM. Sorgte bei den 12 folgenden Austragungen dafür, dass man ihn nicht vergessen würde.

Cayetano Ré
Ok, Paraguay kam weiter. Aber eigentlich gibt es keinen Grund dafür, dass ich diesen Namen bis heute nicht vergessen habe.