Dreckssieg (© Bruno Labbadia)

Eigentlich hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung, wie die TV-Nachbetrachtung des VfB-Spiels gegen Mainz aussehen sollte: ich wollte einen zickigen Thomas Tuchel erleben. Einen, der über die Ungleichbehandlung durch den Schiedsrichter schimpft. Der Quervergleiche zu anderen Spielen zieht, wo man für weniger vom Platz geflogen sei oder für deutlich mehr eben gerade nicht. Der vielleicht über das Verhalten der Stuttgarter Bank schimpft, oder über die Ungerechtigkeit der Welt.

War aber gar nicht nötig. Er projizierte seine Verärgerung, als Witz verpackt, auf Boris Büchler. Der kann das ab. Hauptsache, Tuchel war verärgert. Hatte ja auch durchaus Grund dazu. In den meisten Statistiken hatte seine Mannschaft die Nase vorn. Vor allem bei den Bällen, die von der Linie gekratzt wurden. Risses Schuss von Molinaro, Bungerts Kopfball von Funk, und Ulreich hatte gegen Allagui(?) gezeigt, dass er in Sachen Reaktionszeit konkurrenzfähig ist.

Pavel Pogrebnyak ist auch konkurrenzfähig. In punkto Engagement. Bei Laufstärke und Einsatzhärte. Wenn es darum geht, den Ball zu halten und abzudecken. Und die Zähne zusammen zu beißen. Seinem Einsatz vor dem 1:0 hätte ich in der Berichterstattung etwas mehr Aufmerksamkeit gewünscht. In meiner Stadionecke, die diesmal etwas weiter vom Spielfeld entfernt war als sonst – wir hatten einen sehr jungen Fan dabei, der sich nicht ganz so tief ins Getümmel stürzen sollte –, waren wir uns einig, dass Pogrebnyak bis zum Ende durchspielen und die medizinische Abteilung seinen doppelten Schienbeinbruch erst hernach feststellen würde. Oder womit auch immer er den Siegtreffer erkauft hatte.

Bruno Labbadia spielte nicht mit. Er nahm den russischen MittelÜberallstürmer vom Platz und brachte Georg Niedermeier, um den Sieg zu sichern. Seine dritte richtige Auswechslung, auch wenn die ersten beiden nach meinem Geschmack durchaus ein wenig früher hätten kommen dürfen. Aber wenn Harnik und Gebhart in den kommenden Wochen stets für den Sieg sorgen, bin ich auch schweren Herzens bereit, Cacau und Gentner jeweils über eine Stunde lang zuzusehen.

Letzterer hatte beim Anblick des Geläufs wohl an eine Trabrennbahn gedacht und seine Spielweise entsprechend umgestellt optimiert. Etwas ernsthafter: natürlich ist es eine etwas knifflige Situation, wenn für drei der besten Spieler im Kader insgesamt nur zwei Plätze zur Verfügung stehen. Und wenn der einzige der drei, der auch auf einer anderen Position sehr gute Leistungen bringen kann, auf der umstrittenen Position quasi unersetzlich ist. Aber es ist niemandem geholfen, wenn einer der beiden anderen auf Teufel komm raus in der ersten Elf untergebracht werden muss. Beide, Gentner wie Kuzmanovic, sind für eine Außenposition im 4-4-2 mit Doppelsechs nur bedingt geeignet. Wenn Gentner noch dazu auf der ungewohnten rechten Seite antreten muss, sollte man wohl nicht mehr erwarten als das, was er gestern angeboten hat.

Natürlich kann es sein, dass der Trainer keine andere Wahl hatte, weil weder Gebhart noch Harnik bereits wieder für 90 Minuten fit war. Aber das dürfte sich bis zum nächsten Spiel beheben lassen. Mindestens einer, gerne auch alle beide, sollte(n) Tempo und Dynamik ins Spiel bringen. Und Torgefahr. Vielleicht auch ein wenig Kreativität.

Da gerade von Kreativität die Rede ist: Tamas Hajnal wäre kein Königstransfer. Aber vielleicht auch kein ganz schlechter. Weil er gute Bälle spielen kann. Weil er aus dem Mittelfeld heraus Torgefahr ausstrahlt. Wenn er so spielt wie einst in Karlsruhe. Ob er dazu in der Lage ist, kann ich allerdings nicht beurteilen. Es mangelt ihm sicherlich an Spielpraxis. Und ich weiß nicht, in welchem System ihn Bruno Labbadia einsetzen würde. Als halben Doppelsechser möchte ich ihn im Abstiegskampf nicht sehen. Wenn der Trainer indes über ein 4-2-3-1 nachdächte, mit Träsch und Kuzmanovic in der Zentrale, Hajnal davor, Gebhart und Harnik oder Didavi auf den Außenpositionen, dann hielte ich das zumindest für überlegenswert.

Aber grau ist alle Theorie. Entscheidend is auf’m Platz. Und da haben die VfB-Spieler gestern gezeigt, dass die sich mit dem Abstiegskampf so gut angefreundet haben, wie man es eben übers Herz bringt. Wobei es eine ganz besondere Freude war, auf den Außenpositionen der Viererkette endlich wieder gewonnene Defensivzweikämpfe beklatschen zu dürfen. Molinaro hatte das eine oder andere Mal schwer zu kämpfen mit Schürrle, aber insgesamt konnte er seine Herkunft dann doch nicht verleugnen. Verteidigen können sie. Sehr schön auch die Zwei-Mann-Mauer, bestehend aus Molinaro und Boka, die Schiedsrichter Weiner zunächst etwa zwölf Meter vom Ball entfernt postiert hatte. Gemeinsam rutschten sie nach vorne, bis es noch deren neun waren. Boka war’s zufrieden, Molinaro nicht. So zog er seinen kleinen Nebenmann, dessen Frisur erneut fatale Erinnerungen an Christian Ziege weckte, standesgemäß bis zur Sechs-Meter-Marke, wo man die Freistoßflanke dann auch abwehrte.

Auf der anderen Seite war Patrick Funk eine Bank. An ihm war kaum ein Vorbeikommen, er zeigte sich lauf- und kampfstark, klärte kurz vor der Schluss auf der Linie und leitete, nicht zu vergessen, den Siegtreffer mit ein. Natürlich waren noch ein paar Abspielfehler zu viel dabei, auch der eine oder andere Stellungsfehler, und wenn Christian Fuchs Mitte der ersten Halbzeit, als er in der linken Halbposition im Strafraum offensichtlich vergessen worden war, eine der zahlreichen vernünftigen Optionen gewählt hätte, anstatt einen Mondball zu spielen, wäre Funk bei der Fehlersuche in der Verlosung dick dabei gewesen. War aber nicht so.

Der VfB glänzte nicht. Und arbeitete auch nicht immer effizient. So hätte man sich nach der Pause eine Viertelstunde lang gewünscht, dass nicht jeder gewonnene Ball postwendend wieder dem Gegner in die Beine gespielt wird. Wie gesagt: die Mannschaft arbeitete nicht immer effizient. Aber sie arbeitete. Und sie arbeitete effektiv. Christian Träsch gewann 800 Bälle. Er verlor auch ein paar mehr als sonst. Und zwischendurch hatte ich Sorge, er leide am Cacau-Syndrom und meine, alles machen zu müssen (immerhin: das Symptom “über alles und jeden meckern” trat nicht auf). Als Gebhart und Harnik ins Spiel kamen, war ich dieser Sorge ledig. Träsch hielt sich etwas zurück, konzentrierte sich auf die Defensivarbeit und überließ insbesondere Gebhart die Initiative. Gefiel mir.

In der ganze Euphorie sang ich einmal kurz “Niemals zweite Liga” mit. War ein Versehen. Da will ich eigentlich nicht mitmachen. Es reicht mir, dass der VfB im Abstiegskampf steckt, ich muss es nicht auch noch lauthals hinaustrompeten. Ich weiß es. Die Spieler scheinen es zu wissen. Falls doch nicht, lassen sie es sich von mir auch nicht sagen. Realitätsverweigerung? Vielleicht. Aber wer kann nach so einem Dreckssieg schon auf dem Boden der Tatsachen bleiben?

Heute stand dann noch ein Fußballspiel an. Im Fernsehen. In Köln. Lautern-Köln. Presseeinladung der Telekom, die das weltweit allererste Spiel der gesamten deutschen Bundesliga in 3D übertrug. Ein Kracher. Mit Stadionwurst, Pommes und Kaltgetränken. Wir haben ein kleines Bloggertreffen daraus gemacht. Schön war’s. Das Bloggertreffen. Interessant war’s. Das 3D-Dingens. Dass es noch in den Kinderschuhen steckt, versteht sich von selbst. Ob die Telekom recht hat, wenn sie sich überzeugt gibt, dass das Thema ein großes sei, werden wir sehen. Zumindest sehen die Brillen mittlerweile schon nahezu stylish aus.

Und wie ich so in Köln am Rhein zur U-Bahn ging, die drei erlebten Dimensionen im Kopf, begann ich leise zu summen:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=XEC1i0zoZ5k]

Update:
Teilweise sehr detaillierte Betrachtungen zum dreidimensionalen Fußball gibt es hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier und hier … (tbc)

Herbeigeredet

Während der ersten Halbzeit verhielt er sich ziemlich ruhig. Ganz im Gegensatz zu seinem Nebenmann, der sich wieder einmal als Bruddler ersten Ranges erwies und zumeist zwischen halbherziger Anfeuerung für den Gegner und dem Hinweis auf dessen erbärmliches Niveau wechselte, das selbst dem VfB einen Sieg ermögliche. Also wie gehabt.

Er aber, den ich zuvor noch nie in meiner Bundesligakneipe gesehen hatte, unterstützte ganz normal den VfB. Freute sich über das 1:0 und das 2:0, schimpfte ein wenig über die Freiheiten, die Kaiserslautern auf den Außenpositionen hatte, und zeigte sich gleichzeitig beruhigt darüber, dass die Lauterer Flanken nie den Anschein erweckten, jemals einen Abnehmer zu finden. Er beteiligte sich zurückhaltend an den Pausendiskussionen, die erste Hinweise darauf gaben, dass Marica und Gebhart, trotz jeweiliger Torbeteiligung, einen Teil des in der Vorwoche erworbenen Kredits bereits wieder verspielt hatten, und wirkte ansonsten eher untypisch reserviert.

Ab dem 3:0 änderte sich das ein wenig. Nach einem ersten vorsichtigen “Es geht noch 40 Minuten!” wies er so lange und mit leicht ansteigender Lautstärke darauf hin, dass unsere Mannschaft zur Zeit ja ständig Führungen aus der Hand gebe, bis der erste die Geduld verlor und ihm sagte, dass von den zahlreichen Saisonniederlagen des VfB noch keine nach einer eigenen Führung entstanden sei (den Hinweis auf eher seltene Führungen des VfB verkniff ich mir). Diesem durchaus schlagenden Argument schenkte er nur insofern Beachtung, als er den Betrachtungszeitraum ausweitete und Formulierungen wie “halt so allgemein” und “seit Jahren” einfließen ließ. Ach, lass ihn reden, dachte ich so bei mir.

Und wie er redete.
Er redete nach dem 1:3.
Er redete nach dem 2:3.
Er redete nach dem 3:3.

Ich hingegen redete nicht mehr viel. Gelegentlich sprang ich auf, um Maricas Chancenverwertung zu verfluchen, Molinaros Zweikampfverhalten anzuprangern oder Cacau wegen eines dummen Fouls in Strafraumnähe zu verunglimpfen. Weniger impulsiv reagierte ich auf vorhersehbare Entwicklungen, so den Umstand, dass Christian Tiffert zwar im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen Stuttgartern nicht selbst traf, dafür aber alle drei Kaiserslauterer Tore vorbereitete, oder den Kontrollverlust von Babak Rafati, der zu lange auf persönliche Strafen verzichtete und das Spiel danach nicht mehr so recht einfangen konnte.

Selbstverständlich redete er in der Zwischenzeit weiter und bemühte sich nach Kräften und mit zunehmend nennenswerter Unterstützung durch oben genannten Nebenmann, den Siegtreffer für die Gastgeber herbeizureden. Es gelang ihm nicht, weil Sven Ulreich Bugeras Freistoß in der Nachspielzeit parierte. Vielleicht sollte ich mir die Bemerkung verkneifen, dass sich Jens Lehmann in dieser Situation eher nicht quer in die Luft gelegt, den Ball aber sicher gefangen hätte. Will sagen: es ist durchaus angemessen, Ulreich für die Aktion zu loben; dabei darf man es dann aber auch bewenden lassen. Nicht jede Parade, der ein Torhüter einen glänzenden Anstrich verleiht, ist gleich eine Glanzparade.

3:3 also. Der Herbeireder gab sich letztlich doch wieder als VfB-Anhänger zu erkennen, der betrunkene 60er-Fan, der sich zur Pause noch als Glücksbringer wähnte, gab seine Hoffnung, künftig bei jedem VfB-Spiel eingeladen und verköstigt zu werden, wieder auf, und ich verließ den Ort des Geschehens so rasch wie möglich, um mich einem gelungenen Lebensmittel-Frustshopping hinzugeben.

Später am Abend und insbesondere heute morgen tat ich mich ein wenig schwer mit den Lobpreisungen im deutschen Fernsehen. Ich hatte kein überragendes Spiel gesehen und kann mir bei neutralen und zumindest minimal kundigen Zuschauern nur schwer überschäumende Begeisterung ob der Partie vorstellen. Natürlich kann man angetan sein ob des Verlaufs, beeindruckt von der Aufholjagd, verzückt ob der Tore von Ilicevic und Boka, berührt von der Fritz-Walter-Choreografie vor dem Spiel. Aber von der Spielanlage her war das doch eher durchschnittlich, oder täusche ich mich da?

Die frühe und deutliche Führung des VfB war weniger die Folge einer zwingenden und strukturierten Offensivleistung, als vielmehr das Ergebnis gelungener einzelner Aktionen, die insbesondere vor dem zweiten und dritten Tor von haarsträubenden Abwehrfehlern begünstigt wurden. Mir fehlt auch ein bisschen das Verständnis dafür, dass die Mannschaft nicht nur, wie von Jens Keller, angekündigt, “etwas tiefer” stand als gegen Bremen, sondern Kaiserslautern bereits in der ersten Halbzeit bis 30 Meter vor dem eigenen Tor recht ungestört agieren ließ. Funk hatte einen gebrauchten Tag erwischt, was Rivic vom Halbfeld bis zur Grundlinie ausnutzte. Wären seine Hereingaben angekommen, hätte sich wohl schon früher ein anderes Spiel entwickelt. Auf der linken Seite schaffte es Molinaro immerhin, die Flankengeber im Halbfeld zu binden, sodass die Gefahr überschaubar blieb – zumindest in der ersten Hälfte. Danach fielen die ersten beiden Tore über Molinaros Abwehrseite, das dritte – auch das keine Überraschung – aus einer Standardsituation. Die rechte Seite wirkte mit Boulahrouz kurzzeitig etwas stabiler als zuvor, aber bereits vor dessen Auswechslung ging der ganz offensichtlich (und keineswegs überraschend) verunsicherten Mannschaft die Ordnung in der Defensive weitestgehend verloren.

So etwas passiert. Trotz des deutlichen Sieges gegen Bremen wäre es angesichts des bisherigen Saisonverlaufs vermessen, ein selbstbewusst agierendes Team zu erwarten, das der Aufholjagd mit breiter Brust und dem Vertrauen in die eigene Stärke entgegen tritt. So weit sind sie gegenwärtig nicht. An Delpierre, der gestern erneut nah an der Schwelle zum Frustfoul stand, kann sich die Defensive noch nicht wieder im nötigen Maß anlehnen, nach vorne fehlt die Überzeugung, um die wenigen Situationen, in denen man sich nicht blind befreit oder den Ball anderweitig viel zu schnell wieder abgibt, konsequent abzuschließen.

Ich hoffe, dass sie bald zurück kommt. Damit man dem Herbeireder ein völlig entspanntes “IN YOUR FACE!” entgegenflüstern kann.

Ein Sonntag im November

Vor kurzem habe ich mir einen Novembersonntag gemalt. So gut ich eben malen kann. Weil das nicht sonderlich gut ist, erscheint es mir nicht sinnvoll, das Werk dem gemeinen Blogleser zuzumuten. Statt dessen will ich kurz verbal darstellen, wie ein solcher (wie) gemalter Novembersonntag aussehen könnte.

Er ist, wie es sich für einen anständigen Novembersonntag gehört, völlig verregnet. Die ganze Familie bleibt ewig im Bett (so ewig ewig halt sein kann bei hungrigen kleinen Monstern) und hängt anschließend bis weit in den Nachmittag hinein, wetterbedingt völlig ohne schlechtes Gewissen, faul in Nacht- oder Schlabberklamotten in der Wohnung herum. Das eine oder andere Buch wird (vor-)gelesen, ebenso die Zeitungen, der Klassiker “Mensch ärgere Dich nicht” kommt genauso zu seinem Recht wie die Holzeisenbahn zum Ihrigen, man tobt und tollt, isst zwischendurch etwas Nahrhaftes, Linsen mit Spätzle wären eine ganz gute Idee, baut vielleicht eine Höhle, vergisst den Mittagsschlaf nicht, schaut irgendwann noch kurz in einen alten Heimatschinken hinein – mit Toni Sailer als schwarzem Blitz, zum Beispiel – und zieht sich so gegen halb vier langsam an. Man fährt mit der Stadtbahn zum Neckarstadion, geht aber zunächst kurz zum Schlienz, weil es dort noch Wurst für Geld gibt und man ganz gut über Trainer, Manager und Vereinsführung schimpfen kann, und ist eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff vor Ort, um sich einen Platz an der Regenkante zu suchen (ok, knapp dahinter wäre eventuell die besser Alternative). Anschließend sieht man sich das Aufwärmen an, zieht Rückschlüsse zur Aufstellung, und beteiligt sich an den Spekulationen zum Spielverlauf mit einem zurückhaltenden “Ehrlich gesagt wäre ich heute schon mit einem dreckigen Fünf zu Null zufrieden.” An einem gemalten Novembersonntag wird diese Erwartung dann ein wenig übertroffen, man freut sich, schüttelt ungläubig den Kopf, geht zufrieden nach Hause, strahlt die Familie an, die Familie strahlt zurück, man bringt wenigstens noch ein Kind ins Bett, schaut ein wenig West Wing, danach die einschlägigen Sportsendungen, und geht zu Bett.

Nach diesem jahreszeitlichen Exkurs noch ein paar Sätze zum gestrigen Spiel des VfB gegen Werder.

Als nach wenigen Minuten Maricas Einsatz gegen Frings abgepfiffen wurde, war zwar nicht jeder Stuttgarter Zuschauer zufrieden mit der Schiedsrichterentscheidung; Maricas Vehemenz ließ indes Aufschauen, und die Ersten fragten sich, um wen es sich bei dem Herrn mit der Nummer 9 tatsächlich handle. Mit zunehmender Spieldauer nahm die Zahl der Zweifler zu. Ging der prächtige Abschluss beim 1:0 gegen einen der stärksten Bundesligatorhüter, zumindest auf der Linie, noch als Ausrutscher durch, war das leichtfüßige Abhängen von Prödl vor Gentners Großchance schon ein deutlicheres Indiz und die Vorbereitung des 2:0 nach großartigem Zusammenspiel mit Timo Gebhart letztlich der Beweis, dass man es nicht mit “unserem” Marica zu tun haben konnte. Vor dem 3:0 schüttelte besagter Herr Mertesackers Mannen ab wie lästige Fliegen, das 4:0 legte er selbstverständlich auch vor, und beim 5:0 zeigte er dann, dass er sogar flanken kann – eine Fähigkeit, die beim VfB zum Alleinstellungsmerkmal reichen könnte, auch wenn Molinaro erstmals wieder vernünftige Bälle (oder zumindest einen, und zwar auf, natürlich, Marica) vor das Tor brachte. Bleibt zu hoffen, dass sich dieser Marica in den nächsten Wochen öfter sehen lässt.

Genau wie dieser Gebhart, übrigens, und dieser Boka, der ja schon am Donnerstag zu Besuch war. Diesen Niedermeier und diesen Delpierre kann man angesichts der Bremer Offensivleistung nicht seriös bewerten – wobei das, wenn man ehrlich ist, angesichts der Bremer Defensivleistung analog für die Stuttgarter Stürmer gelten müsste. Gentner zeigte, dass er in der Mitte besser aufgehoben ist, und wird sich dort mit Kuzmanovic streiten müssen, wer neben Träsch spielen darf. Der hatte zwar ungewöhnlich viele Fehlpässe in seinem Spiel, aber von 100 eroberten Bällen wird man auch mal fünf zum Gegner spielen dürfen. Bei Camoranesi ist diese Quote etwas schwächer, weswegen er auch nach dem zweiten völlig unnötigen und gegen einen anderen Gegner gefährlichen Fehlpass im Spielaufbau vom Kapitän kräftig in den Senkel gestellt wurde.

Was ich nicht vergessen möchte: das Lob an den Trainer. Der hatte vor dem Spiel bereits angekündigt, dass man die Schwächen der Bremer Defensive ausnutzen wolle, und seine Mannschaft hielt Wort. Selten habe ich einen VfB gesehen, der den Gegner zu Spielbeginn so konsequent früh unter Druck setzte (und dabei, auch das ist wahr, anfänglich hinten ein paar Chancen zuließ) und – so hoffe ich – ganz bewusst immer wieder Gebhart in die Dribblings gegen die nicht ganz so geschmeidigen Silvestre und Prödl schickte. Es war mir ein Fest, zuzusehen, wie die ganze Mannschaft sich in Bewegung setzte, um bei jedem Bremer Einwurf in der Nähe der eigenen Eckfahne die Räume zuzustellen, und wie sie praktisch in jedem Fall den Ball eroberte.

Was nach wie vor nicht klappt, ist die Spieleröffnung. Viel zu oft schlägt Sven Ulreich den Ball hoch und weit nach vorne. Ich weiß nicht, ob es an ihm liegt, an ängstlichen Mitspielern, die in Tornähe keinen Ball wollen, oder an den Vorgaben des Trainers, der dem zuletzt wackligen Molinaro auf der einen und dem jungen, in der Defensive überzeugenden Funk auf der anderen Seite wenig Gelegenheit geben will, leichte Fehler zu begehen. Doch letztlich sind diese langen Bälle vorhersehbare Ballverluste, egal ob sie von Ulreich oder in der nächsten Stufe von Delpierre kommen. So wie ein Elfmeter von Cacau ein vorhersehbarer Fehlschuss ist, aber das ist ein anderes Thema.

Natürlich sind die Vergleiche zum Sieg gegen Gladbach, der, wie wir heute wissen, nicht mehr als ein Strohfeuer war, unvermeidlich. Natürlich gilt es nun, die damaligen Fehler zu vermeiden, natürlich darf in Kaiserslautern das Engagement keinen Deut geringer sein als gegen Bremen, natürlich darf man nicht gleich wieder träumen. Und doch gibt es zumindest einen deutlichen Unterschied: gegen Bremen fielen die Tore aus dem Spiel heraus, gegen Gladbach traf man nach 5 Standardsituationen. Tore aus Standardsituationen sind nicht weniger wert, sie sind auch keine schlechteren Tore, sie sind vielmehr eine wichtige Variante, die beim VfB viel zu selten effektiv zum Einsatz kommt. Aber nach den bisherigen spielerischen Saisonleistungen hat der VfB gestern endlich einmal nicht nur schlaglichtartig gezeigt, dass er nach wie vor imstande ist, zielgerichtete und gleichzeitig sehenswerte Aktionen vorzutragen, die, wie man so schön sagt, nach Fußball aussehen. Ja, der Gegner war schlecht, gegen andere wird das nicht so einfach funktionieren. Aber immerhin haben sie gesehen, wie es funktionieren kann, haben gezeigt, dass sie spielen können. Das ist doch schon mal ein Anfang. Und eine Erkenntnis, auf der man aufbauen kann.

Am Ende meines vermeintlich wie gemalten Tages musste ich übrigens auf Druck des Familienrats noch Kfz-Versicherungen vergleichen. Naja.

Dafür habe ich begonnen, mir eine vorweihnachtliche Woche zu malen. Und einen irischen Frühlingstag.

Vor ein paar Wochen…

Damals, vor ein paar Wochen, waren mir ein paar allgemeine Gedanken durch den Kopf gegangen, zum VfB, zur bevorstehenden Saison. Aus verschiedenen Gründen kam ich nicht dazu, sie zu veröffentlichen, und irgendwann wollte ich dann nicht mehr.

Da sich jedoch beim VfB keine aktuellen Ereignisse aufdrängen (ok: nichts über das ich gerne schreiben möchte), kehre ich noch einmal dorthin zurück.

Vor ein paar Wochen dachte ich,

…dass Christian Gentner eine schwierige Saison bevorstehe. Weil er nicht Gross’ Transfer ist. Weil Träsch in der Zentrale gesetzt schien. Weil Kuzmanovic zum neuen Chef auf dem Platz würde. Weil der Trainer einen Spieler, der das Spiel mitbestimmen soll, nicht die halbe Vorbereitung als Innenverteidiger bestreiten lassen würde (auch wenn die Taktikfüchse ja meinen, dass demnächst die Innenverteidiger die neuen Spielmacher seien).

Mittlerweile weiß ich nicht mehr recht, was ich denken soll. Träsch spielt mal hier, mal dort. Gentner und Kuzmanovic, die sich zuletzt mehrfach gemeinsam versuchen durften, haben sich offensichtlich noch nicht recht arrangiert. In meiner Naivität würde ich mir ja ein Miteinander auf Augenhöhe vorstellen, aber das klappt bekanntlich auch bei ganz anderen Kalibern nicht, da braucht man nur mal bei Fabio Capello nachzufragen. In der Konsequenz stellt sich die Frage, welcher von den beiden Sechsern nun der Chef ist, und allem Anschein nach beschäftigt diese Frage auch die beiden, was dem Spiel nicht so richtig gut tut.

Letztlich gehe ich davon aus, dass Träsch bald wieder neben einem der Beiden in der Mitte spielt und dem anderen eine Saison als zwölfter Mann droht, wie sie Kuzmanovic schon im Vorjahr über weite Strecken erleben durfte. Meine persönliche Tendenz geht nach wie vor zu Kuzmanovic in der Startformation, der auf mich eher den benötigten Strategen darstellt als Gentner.

…dass man sich im Lauf der Saison mehr als einmal fragen werde, ob die Entscheidung für Sven Ulreich richtig war.

Kommt drauf an, wer “man” ist. Ich kenne eine Menge Zuschauer, bei denen “mehr als einmal” bereits erreicht ist. Und ja, ich zähle dazu. Vorhin Gestern gegen Bratislava fragte ich mich irgendwann, wer denn am meisten zittert, wenn ein Schüsschen oder gar ein Rückpass auf Ulreichs Tor kommt: Ich (der ich mich als Esel zuerst nenne), mein Nebenmann, Timo Gebhart, dessen Kopfschütteln ich in zwei Szenen auf Ulreichs hastige Befreiungsschläge zurückführen zu können meinte, oder der Torwart selbst. Viel geschenkt haben sich vermutlich alle nicht.

Ja, er ist ein junger Mann, er wurde von Armin Veh irgendwann verheizt, er ist bestimmt talentiert. Aber er hat mittlerweile auch so viel Spiele bestritten, dass etwas mehr Souveränität drin sein müsste, mehr Selbstverständlichkeit, mehr Selbstbewusstsein. Die Szene gegen Bratislava, bei der er sich – aus Stadionsicht, ohne Zeitlupe – über einen Platzverweis nicht hätte beschweren können (und in der Boulahrouz den Stürmer laufen ließ, keine Frage), wirkte auf mich so, als sei ihm nach kurzem Zögern eingefallen, dass man ihm ja gesagt hatte, er solle mutiger auftreten, was er dann, etwas überziehend, umsetzte. Verwegene Interpretation? Mag sein.

Wie auch immer: ich finde nicht, dass Sven Ulreich ein überdurchschnittlich guter Bundesligatorwart ist, und ich bezweifle, dass er einer wird. Aber ich habe wenig Ahnung vom Torwartspiel.

…dass Delpierre gesetzt sein und Tasci, so er beim Verein bliebe, mit Niedermeier um die zweite Position in der Innenverteidigung kämpfen würde. Niedermeier hat mir in der Vergangenheit stets gut gefallen, meine Vorbehalte gegen Tasci, der zweifellos überragende Anlagen hat, der aber bisweilen allzu Zweikampf vermeidend spielt und mitunter selbstgefällig auftritt, wurden hier oft genug thematisiert. Boulahrouz hatte ich gar nicht auf der Rechnung – obwohl er bei seinen wenigen Auftritten in der Vorsaison zu überzeugen wusste.

Gegenwärtig harre ich Tascis Rückkehr in die Startelf und frage mich, welche Löffel er dem Trainer gestohlen haben mag. Niedermeier und Boulahrouz wirken in erster Linie führungslos, und insbesondere ersterer steht meines Erachtens völlig neben sich. Noch in der Vorsaison stand er in meinen Augen für ruhiges, schnörkelloses, fehlerfreies Spiel. Aktuell spielt er nur noch schnörkellos. Boulahrouz sehe ich – vielleicht auch, weil ich das Spiel gegen Mainz nicht gesehen habe) – im Moment vor ihm. Gerade gegen Bratislava erschien er mir hinten weniger kompromissbereit, was nicht immer schön anzusehen war, und insgesamt engagierter, präsenter als Niedermeier.

Auch wenn mir Tasci und Boulahrouz zusammen nie sonderlich gut gefallen haben, hoffe ich doch, dass Christian Gross in diese Richtung einlenkt, bis Delpierre wieder fit ist. Oder er soll die geklauten Löffel zur Anzeige bringen.

…dass Patrick Funk auf 20+ Einsätze kommen würde, Daniel Didavi eher nicht. Funk hat mich bei den Amateuren (jaja…) mehrfach überzeugt, er wird sich im Training immer wieder aufdrängen und furchtlos auftreten, wenn er seine Chance erhält. Bei Didavi sehe ich nicht, auf welcher Position er spielen soll.

Hier ist meine Ansicht weitgehend unverändert. Sicher, Funk hat seine Chance gegen Molde nicht unbedingt genutzt, wirkte nervös. Aber er wird seine Einsätze bekommen. Im defensiven Mittelfeld oder als Rechtsverteidiger, auch wenn ich bezweifle, dass er ein offensives Pendant zu Molinaro sein kann. Didavi hat gegen Bratislava ein paar schöne Bälle gespielt. Das kann er. Schöne Bälle spielen. Er kann den Ball auch schön annehmen und schön verteilen. Aber ich sehe ihn nicht als ernsthaften Kandidaten für eine offensive Außenposition. Nicht weil die Abstimmung mit dem sichtlich gefrusteten Molinaro vorhin gegen Bratislava hinten und vorne nicht gestimmt hat, Gott bewahre. Sondern weil er das Spiel langsam macht, vielleicht auch selbst nicht das Tempo für Flankenläufe und Dribblings hat. Eine “10” wie Hansi Müller gibt es bei Gross nicht, und auf der “6” muss er sich hinten anstellen – unabhängig von seinem kapitalen Bock vor dem 0:2.

…dass offensiv auf den Außenbahnen “gestandene” Neuzugänge kommen müssten und würden. Geht ja gar nicht anders.

Äh. Vielleicht geht es ja doch anders. Man kann auch einen unbekannten Linksfuß aus der Ligue 1 holen, den man angesichts seines Alters ja vielleicht auch schon als “gestanden” bezeichnen darf, und sich parallel dazu um talentierte Zweitligaspieler bemühen. Ist etwas ungewöhnlich, wenn es sich um eine Position handelt, deren Bedeutung der Trainer immer wieder hervorhebt und für die durchaus höher eingeschätzte Spieler auf dem Markt waren, aber wir wissen ja: die klammen Finanzen. Immerhin: Timo Gebhart zeigt sich gereift (was nach einem Spiel, in dem er mit einer spektakulären Schwalbe einen Platzverweis provoziert hat, etwas deplatziert klingt), übernimmt Verantwortung, geht voran. Das macht Hoffnung.

Dass man Sebastian Rudy gehen ließ, halte ich übrigens für rational nachvollziehbar, auch wenn ich es mir anders gewünscht hätte. Er hat auch in den ersten Spielen der neuen Saison nicht den Eindruck erweckt, sich – im doppelten Sinne – durchsetzen zu können. Es ist ihm zu wünschen, dass er in Hoffenheim in zentralerer Position aufblüht, auch wenn es weh tun wird.

…dass man im Sturm nicht gut genug besetzt sei. Der VfB hat keinen Spieler, dem man sorglos 15 Tore prognostizieren kann.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass Harnik Hoffnung weckt, und dass ich Cacau sorglos 10 Tore prognostiziere (was angesichts der Quoten der Vergangenheit nicht selbstverständlich ist).

…dass Christian Gross ein Glücksfall für den Verein sei, den es zu hegen gelte. Er könnte dem VfB wieder zu etwas mehr Kontinuität im sportlichen Bereich verhelfen. Wenn man ihn nicht in zu vielen Personalfragen vor den Kopf stößt.

Den einen oder anderen Kopfstoß hat er erhalten. Teilweise schon vor einiger Zeit  (Ulreich), teilweise in den letzten Wochen, als man zusehen musste, wie beispielsweise Vladimir Weiss anderswo anheuerte, von größeren Kalibern ganz zu schweigen. Ich habe Sorge, dass Christian Gross, der drüben im Brustring nach dem Bratislava-Spiel zurecht kritisiert wird, keine Lust auf die viel zitierte Übergangssaison hat. Und ganz gewiss nicht auf eine zweite oder gar dritte.

Ich weiß nicht, ob der Markt überhaupt noch die Möglichkeit bietet, ein Zeichen zu setzen, dem Trainer zu signalisieren, dass man seine Wünsche ernst nimmt. Ich weiß auch nicht, ob der VfB dieses Zeichen überhaupt setzen will. Aber eines scheint mir klar: Stefan Aigner wäre kein solches Zeichen.

Ich hab ein gutes Gefühl

Heute geht’s also wieder los. Das erste Saisonspiel im Neckarstadion, und gleich ein internationales Topspiel. Und die Feuertaufe für die Untertürkheimer Kurve, die erstmals nach dem Umbau wieder Gästefans aufnehmen darf, ehe gegen Dortmund auch die Einheimischen dorthin müssen.

Gänzlich uninformiert bin ich also nicht, trotz Elternzeit, trotz weitgehender Stille hier im Blog in den letzten Wochen.

Ein bisschen was habe ich ja doch geschrieben, zum Beispiel die Antworten für’s 11Freunde-Sonderheft, das ich jetzt nicht noch einmal explizit erwähnen würde, wenn ich nicht noch drei Exemplare unter die Leute bringen dürfte: Windhundverfahren in den Kommentaren.

Etwas weiter entfernt von der fußballerischen Tagesaktualität lag das, was ich den Urlaubern vom Textilvergehen ins Stammbuch Blog schreiben durfte. Dort ging es um Harry Valérien, Katsche Schwarzenbeck und natürlich Ove Grahn.

Das war’s dann auch mit der Selbstvermarktung. Kommen wir zurück zum tatsächlichen Geschehen. Hier in Stuttgart. So richtig viel hat sich ja nicht getan in den letzten Wochen. Also, abgesehen von Sami Khediras Abschied natürlich. Bitter für den Verein, vermutlich ein richtiger und wichtiger Schritt für ihn. Den auch der Neue nicht verhindern konnte, trotz Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei Karstadt oder Breuninger. Obwohl er Namensgeber und Teilhaber einer Sportsbar ist, konnte er auch Olympique Marseille noch nicht zum Verkauf von André Ayew bewegen, und auch seine Anteile an einem Sportgeschäft in Winterbach – wo er sogar jeden Mitarbeiter persönlich kenne – haben den FC Augsburg bis dato nicht dazu gebracht, Ibrahima Traoré abzugeben. Möglicherweise war es aber sein Praktikum bei der DFL, in Verbindung mit den Inhalten seines Fernstudiums im Sportmanagement, das den Liverpool FC überzeugte, Philipp Degen mehr oder weniger günstig zu verleihen.

Ok, jetzt mal im Ernst: ich hätte schon gern einen Manager gesehen, der etwas mehr Erfahrung vorzuweisen hat als die von den Stuttgarter Nachrichten so wunderbar zusammengetragenen Schlüsselqualifikationen und ein gutes Jahr als Geschäftsführer an der Schwarzmeerküste. Jan Schindelmeiser wäre der Mann meiner Wahl gewesen, wobei ich die Umstände seines Abschieds aus Hoffenheim und die in diesem Kontext genannten gesundheitlichen Gründe nicht einschätzen kann. Stattdessen betätigt sich der VfB erneut als Managerausbilder. Und doch habe ich ein gutes Gefühl. Ein Gefühl, das ich nur sehr bedingt rational erklären kann und das ganz sicher nichts mit einer kaufmännischen Ausbildung im Einzelhandel zu tun hat. Es ist eher der möglicherweise anachronistische Glaube an den Typen Bobic, an einen Mann, der in seiner aktiven Karriere ein beachtliches Durchsetzungsvermögen an den Tag gelegt hat, der Konflikten nur selten aus dem Weg ging und der in Vertragsdingen, soweit man das von außen beurteilen konnte, nicht die schlechteste Figur abgab. Es gibt den einen oder anderen früheren Weggefährten, der heute den Hut zieht, wie weit es Bobic als nicht überragend begabter Fußballer bringen konnte, durch seinen Ehrgeiz, Willen und nicht zuletzt Zielstrebigkeit. Nicht die schlechtesten Züge. Das Handwerkszeug können sie sicher nicht ersetzen, aber sie können helfen, es schneller zu erlernen und anzuwenden. Ich hab ein gutes Gefühl.

Noch nicht ganz so gut ist mein Gefühl, was den Saisonstart anbelangt. Zu unklar ist noch die Zusammensetzung der Mannschaft. Zwar bin ich überzeugt, dass auch kurzfristige Neuzugänge ihren Dienst nicht in einem so desolaten körperlichen Zustand antreten werden wie die ehemalige Zaubermaus aus Weißrussland im Vorjahr; ein wenig Eingewöhnungszeit sollte man den Neuen gleichwohl einräumen. Besonders ärgerlich ist das erneute lange Warten insbesondere deshalb, weil man Spieler für die offensiven Außenpositionen sucht – Schlüsselpositionen, deren Bedeutung für sein System Christian Gross unermüdlich betont. Eine weitere Schlüsselposition scheint er mit Philipp Degen besetzt zu haben. Wenn ich das Gemurmel in Cannstatt richtig interpretiere, trägt mancher Fan gewisse Zweifel an dessen Leistungsfähigkeit im Herzen. Zweifel, die ich einerseits teile. Andererseits bin ich froh, dass man einen weiteren Rechtsverteidiger verpflichtet. Zu wechselhaft waren die Leistungen von Stefano Celozzi, zu wichtig scheint Christian Träsch in der Zentrale zu sein. Ob Degen indes ein adäquates Pendant zu Cristian Molinaro sein kann, wie der Trainer es sich wünscht, bleibt abzuwarten. Mein Grundvertrauen in Christian Gross lässt mich zumindest darauf hoffen.

Noch größer ist die Hoffnung, dass Zdravko Kuzmanovic eine große Saison spielt. Er wird gefordert sein, Khediras Rolle als Chef auf dem Platz zu übernehmen. Träsch ist fußballerisch nicht stark genug, Gentner sehe ich nicht als “Leader”, und Funk wird wohl erst langsam in die Mannschaft hineinschnuppern können – gerne lasse ich mich gerade in seinem Fall vom Gegenteil überzeugen. Genau wie von Sven Ulreich, der mich, wie verschiedentlich angeklungen, bis dato nicht vollends überzeugen konnte. Zwar glaube ich nicht, dass Marc Ziegler das Stuttgarter Pendant zu Jörg Butt werden kann; aber es gibt ja auch noch andere Torhüter beim VfB.

In Sachen Innenverteidigung wird sicherlich vieles davon abhängen, wie Serdar Tasci die Enttäuschung der Weltmeisterschaft wegsteckt. Nachdem es aber Niedermeier nicht gelang, im ersten Pflichtspiel in Molde Souveränität auszustrahlen und vielleicht ein Ausrufezeichen zu setzen, und Boulahrouz nach den Eindrücken des Vorjahrs nicht als Liebling des Trainers gelten kann, gehe ich davon aus, dass Delpierre und Tasci wieder den Stamm bilden werden. Im Sturm ist die Situation ungleich offener. Zu Cacau, Marica und Pogrebnyak gesellt sich Martin Harnik, der gegebenenfalls auch über die Außenbahnen kommen kann, als Pendant zu dem vermutlich gesetzten Timo Gebhart – vor allem solange die Neuverpflichtungen ausbleiben und Sebastian Rudy es weiterhin an Schlagkraft mangeln lässt.

Eigentlich wollte ich hier keine Saisonvorschau schreiben, zumal das alles schon nach dem Spiel gegen Molde heute abend wieder ganz anders aussehen kann, aber man kommt halt manchmal so ins Plaudern. Kurz: meine Zuversicht für das erste Saisondrittel hält sich noch ein wenig in Grenzen, aber danach wird das schon – wenn es gelingt, auf den Außenbahnen nachzulegen. Ich hab ein gutes Gefühl.

Und falls es doch nicht klappen sollte, liegt es bestimmt daran, dass man wieder einmal versucht hat, am großen Rad zu drehen. Dabei hat Thomas Haid doch davor gewarnt. Der VfB soll sich auf seine Eigengewächse stützen. Da kann man mit Hilfe des Verweises auf Nischenmärkte dann auch mal Verpflichtungen wie den 835fachen mexikanischen Nationalspieler Pavel Pardo mit rein packen. Und locker auf die Meisterschaften der 80er und 90er zurückblicken, “mit Spielern, die vorwiegend aus dem Talentschuppen auf dem Wasen stammten oder wie Karl Allgöwer, Jürgen Klinsmann, Guido Buchwald und Walter Kelsch von den Stuttgarter Kickers ausgebildet wurden.”

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie Asgeir Sigurvinsson und Matthias Sammer als Vertreter der Meistermannschaften 1984 und 1992, zu diesem Ansatz stehen. Und die Mitte der Neunziger, die bundesweit vermutlich nach wie vor am nachhaltigsten erinnerlichen Phase Stuttgarter Spielkunst, und mit ihr die Herren Balakov und Elber, kann man ohnehin als belanglos beiseite lassen.

Ich sollte aufhören.