Rückblicksvorbereitungsstichworte (I) (Vielleicht.)

Am Samstag sah mein Sohn sein erstes Länderspiel. Dänemark gegen die Niederlande, so halb. Nummer zwei folgte auf dem Fuße, jenes, auf das er seit Tagen, ach was: seit Wochen hingefiebert hatte. Sein Verständnis von Fußball ist noch sehr überschaubar, auf Gefühlsausbrüche seiner Eltern (abgestuft) folgt meist die Frage, was denn los gewesen sei, aber er erkennt, Panini sei Dank, die Spieler, freut und wundert sich zugleich, wenn schon wieder Joachim Löw im Bild ist, und stellt so kluge Fragen wie jene, warum der Kommentator bei Nani und Raul Meireles den Verein nenne, bei den meisten anderen portugiesischen Spielern aber nicht. Zum Glück frug er nicht nach Meireles’ Aussprache, von der ich nach wie vor nicht weiß, ob sein Name so ausgesprochen wird, wie die meisten Reporter meinen, ihn aussprechen zu müssen (“Mereiles”). Diese Dame hier meint wohl eher nicht, ich las aber auch schon anderes.

Ich hoffe natürlich sehr, dass er dereinst ähnlich verklärend auf seine erste Europameisterschaft zurückblicken wird wie ich auf jene von 1980. Auch wegen des Titelgewinns, klar; vor allem aber wünsche ich ihm, dass auch ihm die gerade erst erwachende Liebe zum Fußball lange erhalten bleibt – in welcher Form, sei dahingestellt. Vielleicht kommt er ja irgendwann sogar in die Verlegenheit – Gedankenvater mag das Wunschdenken des Kindesvaters sein –, seine Erinnerungen aufzuschreiben, in welchem Medium und aus welchem Grund auch immer. Und weil solche Rückblicke ja gerne mal unter verblassenden Bildern im Kopf oder unter nachgelesenen, im dümmsten Fall auch noch objektiven Erzählungen von Zeitzeugen leiden, nutze ich gerne die Gelegenheit, für den Sohnemann in Vorleistung zu treten und ihm ein paar Gedankenfragmente für seinen Blick zurück zu konservieren. Man manipuliert ja, wo man kann.

________

Euro 2012? Natürlich erinnere ich mich. Polen und Ukraine. Die älteren Fortschschrittsverweigerer unter uns nutzten noch immer die althergebrachte Bezeichnung “EM” (für EuropaMeisterschaft) und träumten von den guten alten Zeiten mit vier oder acht teilnehmenden Mannschaften – dabei nahmen damals lächerliche halb so viele Nationen teil wie heute. Spanien ging als Topfavorit ins Turnier, die Deutschen wähnten sich auf Augenhöhe und interpretierten die sogenannte Hammergruppe (aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, nicht wahr?) als angemessenen Turniereinstieg. Tja.

Polen und Griechenland eröffneten das Turnier mit einem für die Griechen zunächst schmeichelhaft erscheinenden Unentschieden, für damalige Verhältnisse dem Vernehmen nach alte Russen spielten schlechte Tschechen an die Wand, der dänische Trainer trug Rudi Völlers Frisur auf. Ja, genau, der Rudi Völler, und nein, ich meine nicht seine Goldlöckchen oder die Tante-Käthe-Phase, sondern den silbern geplätteten Mittelscheitel. Mit Erfolg übrigens – die Dänen, die schon damals auf eine bemerkenswerte “EM”-Historie zurückblicken konnten, schlugen den dritten vermeintlichen Topfavoriten, die Niederlande, deren Mannschaft zu Turnierbeginn wieder einmal als nur bedingt harmonisch wahrgenommen wurde, der Spruch vom Egoland, das gegen Legoland verlor, hat seinen Ursprung in jenem Spiel.

Deutschland startete mit einem hart umkämpften Sieg gegen CR7s Portugiesen, den man nicht zuletzt Mats Hummels – der zuvor, aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, lange um die Anerkennung von Bundestrainer Löw hatte kämpfen müssen – und dem von ihm angeführten Abwehrverbund zu verdanken hatte, nicht zuletzt auch einem Torwart, der nebenbei noch Zeit hatte, sein Faible für die einarmige Faustabwehr zu kultivieren [Anmerkung: Verzeihung, als EM80-Veteran ließ es sich nicht vermeiden, diesen Querverweis anzudeuten].

Mario Gomez hatte auch einen gewissen Anteil, aber das durfte man damals nicht laut sagen. “The beautiful game” wurde zu jener Zeit eher im Sinne von “joga bonito” interpretiert, der Bundestrainer hatte die Öffentlichkeit informiert, dass man nur mit schönem Spiel etwas gewinnen könne, und Gomez spielte, welcher an Fußball Interessierte wüsste das nicht, eben nicht in jenem Sinne schön, Tore galten eher als notwendiges Übel.

Wobei ich einräumen muss, dass auch mein Vater, wiewohl schon damals ein Gomez-Fanboy fernab jeder Objektivität, seine Leistung in jenem Spiel sehr kritisch sah. Er beschäftigte sich zwar ein wenig mit der Frage, wer in höhrerem Maße unter wem leidet, das Mittelfeld unter einem sich schlecht ins Spiel einbringenden Stürmer oder der Stürmer unter nicht sehr zielstrebigen und nur selten ideenreich agierenden Mittelfeldspielern, ließ aber keinen Zweifel daran, dass Gomez im Sinne des Spielflusses nicht gut gespielt hatte – was wohl in der Tat das schlechteste Urteil war, das man sich von meinem alten Herrn über Gomez vorstellen konnte. 

Jenes Spiel war übrigens auch die Gelegenheit, bei der der bis zu ihrem Konkurs jährlich aufs Neue in der Bundesligavorschau der Bild-Zeitung und daher fälschlicherweise Mario Basler zugeschriebene Spruch vom wund gelegenen Stürmer erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht wurde. Tatsächlich stammt er von Mehmet Scholl, der vor seiner Fernsehkarriere ein großartiger Fußballspieler gewesen war und sich wohltuend von anderen sogenannten TV-Experten abhob – Einschätzungen, die auch mein Vater teilte, so dass es ihn umso härter traf, dass auch Scholl seine Hauptkritik in einem von einer ganzen Reihe von Spielern bestenfalls durchwachsenen Spiel an gegen den allein schon historisch nächstliegenden Spieler richtete und sich in seinem Flow ein wenig von belastenden Faklten entfernte.

“Populismus!” rief der Vater emört aus, als Scholl Gomez nicht mehr nur jegliche Bereitschaft absprach, sich ins Spiel einzubringen, sondern ihm darüber hinaus unterstellte, nicht zu laufen, nicht nach hinten zu arbeiten. Es empörte ihn so sehr, dass er sich nicht entblödete [Anmerkung: Was!?], die Uefa-Statistiken nach Laufstrecken zu durchforsten und festzustellen, dass Gomez 8,8 Kilometer gelaufen war. In der Tat: deutlich weniger als Spieler auf einer vergleichbaren Position wie Robin van Persie mit seinen 10, 6 km, Nicklas Bendtner mit 10, 2 oder auch der moderne Robert Lewandowski mit 9,7.

Betrachtet man dann noch die vorzeitig Ausgewechselten und rechnet ihre Laufdistanzen hoch – wohl wissend, das das eine starke Vereinfachung darstellt –, so kommt vor allem Milan Baros, der bereits bis zu seiner Auswechslung in der offiziell 85. Minute über 10 km gelaufen war, auf errechnete 11,1 km, die früher ausgetauschten Postiga, Kerzhakov und Gekas auf 11,4 (!), 10,4 und 9,4. Da kann Gomez mit seinen 8,8 abstinken. Ok, man könnte jetzt natürlich seinen Wert auch noch hochrechnen, dann wäre man mit 10,3 mitten bei den Leuten, aber so weit wollen wir jetzt doch nicht gehen.

Denn ganz ehrlich: Mein Vater war damals ein wenig angefressen und hatte es schon zu jener Zeit nicht so mit wissenschaftlichem Arbeiten. Die Zahlen entstammten einer einzigen und nicht zu überprüfenden Quelle, einige Basisdaten (bspw. die jeweilige Nachspielzeit) lagen ihm nur in Auszügen vor, von Nettospielzeiten ganz zu schweigen, die lineare Hochrechnung (heißt das so?) ignoriert Aspekte wie ermüdungsbedingten Leistungsabfall oder den Umstand, dass in einzelnen Fällen die Auswechslung im Vorfeld besprochen worden sein könnte. Die Spielsysteme und Aufgabenstellungen mögen allen Parallelen zum Trotz unterschiedlich gewesen sein, und ohnehin sind Quervergleiche zwischen Spielen schwierig.

Und natürlich ist die bloße Laufleistung in Kilometern kein hinreichender Indikator, um Scholls These zu widerlegen. Vielleicht lief Gomez tatsächlich, wie vom Experten unterstellt, weder nach hinten noch zur Seite, sondern, nun ja, irgendwo anders hin halt, auf der Suche nach der sich öffnenden Straße. Man weiß es nicht.

Genau so wenig wie man übrigens weiß, ob Gomez nach dem abgepfiffenen Vorteil in der ersten Hälfte auch dann getroffen hätte, wenn Torwart und Abwehrspieler sich gewehrt hätten. Was man indes weiß: Er war da. Im Strafraum. Am Ball. Was man wiederum nicht weiß, sich aber vorstellen kann: wie die hiesigen Medien reagiert hätten, wenn sich Gomez wie der großartige Robin van Persie gleich zwei mal die Beine verknotet hätte, anstatt den Ball ins Tor zu schieben. 

________

Oh, Entschuldigung, das ist jetzt ein bisschen lang geworden. Und vielleicht nicht in jedem Fall geeignet für einen Rückblick auf die EM 2012. Ich gelobe Besserung, Sohn!

Mein etwas anderes Zitterspiel. Und was danach kam.

Eigentlich war es eine Konstellation wie gemalt. Der Tag des letzten Gruppenspiels der deutschen Mannschaft gegen Ghana würde mein erster echter freier Tag sein, d.h. ab diesem Spiel würde ich die Weltmeisterschaft in vollen Zügen genießen können. Dass besagter Mittwoch dann doch noch nicht ganz frei war, kam letztlich nicht ganz unerwartet und ließ sich insofern verschmerzen, als der Griffel rechtzeitig vor dem Anpfiff fiel.

Die ersten 45 Minuten des Spiels verbrachte ich in einer Kneipe meines Vertrauens. Neben mir saß ein junger Mann mit einem traditionellen afrikanischen Blasinstrument, von dem ich gedacht hatte, es klinge wie eine Biene – tatsächlich hörte es sich an wie eine Mischung aus einem Rind und einer Elefantenkuh. An viel mehr kann ich mich aus der ersten Hälfte nicht erinnern, da mein Hauptaugenmerk auf meinem körperlichen Wohlbefinden lag: Schüttelfrost und generelles Unwohlsein trieben mich zur Pause heim. Die zweite Halbzeit verfolgte ich so halbwegs vom Sofa aus und konnte im Nachhinein unzweifelhaft feststellen, dass wohl kaum jemand so sehr um diesen Sieg gezittert hatte wie ich.

Tags darauf hing ich noch ziemlich in den Seilen, raffte mich aber zu zwei halben Spielen auf, für die sich das Aufstehen lohnte: die zweite Halbzeit des slowakischen Sieges gegen den baldigen Ex-Weltmeister und die erste, vielleicht noch ein bisschen mehr, des japanischen Freistoßfestivals, über das ich tags darauf sinngemäß lesen durfte (via dpa, wenn ich mich recht entsinne), dass der dänische Torwart nicht nur bei den beiden so erzielten Toren machtlos gewesen sei, sondern auch noch einen weiteren präzisen Freistoß von Endo an den Pfosten habe lenken können. Es hakt nicht nur bei der Fernsehberichterstattung.

Am Tag nach dem slowakischen Coup war es möglicherweise nicht die beste aller Ideen, mein Auto einem italienischen Dienstleister anzuvertrauen. Auch wenn es vermutlich nur meiner fiebrigen Phantasie geschuldet war, dass ich zu den Worten “Sie können den Wagen um 16.30 Uhr wieder abholen” nicht nur ein sardonisches Lachen zu erkennen glaubte, sondern auch die Begleitworte “Wenn wir schon draußen sind, bestelle ich Euch wenigstens alle so her, dass Ihr die guten Spiele verpasst!” auf seiner Stirn lesen konnte.

Tatsächlich war dieses Ansinnen von genauso wenig Erfolg gekrönt wie die fußballerischen Bemühungen seiner Landsleute: zwar verpasste ich in der Tat Brasilien-Portugal, das auf dem Papier am höchsten einzuschätzende Vorrundenspiel; allem Anschein nach war es indes alles andere als ein gutes Spiel. Der bleibendste Eindruck dieses Spieltags war vielmehr der, dass selbst diejenigen Spieler, die wirklich uralt aussehen, immer noch mindestens 5 Jahre jünger sind als ich selbst, im Fall von Stéphane Grichting sind es noch ein paar mehr.

Überhaupt sahen die Schweizer, inklusive Trainer, verdammt alt aus bei ihren einfallslosen Bemühungen gegen Honduras, denen man am Ende gar ein Tor gewünscht hätte, wenn nicht dieses Damoklesschwert über uns allen schweben würde: müssen wir uns die Frage, die uns anlässlich des Champions League Finales beschäftigte, in abgewandelter Form erneut stellen? Müssen wir nicht nur die deutschen Europapokalteilnehmer wegen des vierten Startplatzes unterstützen, sondern auch die europäischen Nationalmannschaften, um den 13. Startplatz behalten zu dürfen? Bei den Schweizern fiele mir das grundsätzlich ja noch sehr leicht, aber was, wenn Italien noch im Wettbewerb gewesen wäre? Hätte ich Quagliarella anfeuern, de Rossi zum Foulspiel animieren, Iaquinta bejubeln und Herrn Lippi huldigen müssen? Puh. Oder ist vielleicht doch die junge deutsche Mannschaft auf Jahre hinaus so stark, dass die Qualifikation für künftige Weltmeisterschaften ein Selbstläufer wird, unabhängig von der Zahl der europäischen Startplätze? Mal den Kaiser fragen.

Den folgenden Tag konnte ich im besten Fall rudimentär verfolgen, stellte aber in akustischer Hinsicht fest, dass die ghanaische Community in Stuttgart offensichtlich deutlich größer ist als gedacht. Ansonsten befasste ich mich mit den Vorbereitungen für eine längere Autofahrt, die das deutsche Achtelfinale zu gefährden drohte. Und tatsächlich bekam ich die ersten zwei Treffer nur im Radio mit, saß aber rechtzeitig zu den beiden englischen Toren vor dem Fernseher, befürchtete kurz, dass mein Tipp (England Weltmeister, Rooney Torschützenkönig) doch noch nicht ganz ausgeschlossen sei, und war im weiteren Verlauf ein bisschen froh, die zu erwartenden Tweetscharmützel nicht verfolgen zu können. Mein Mann des Spiels: Bastian Schweinsteiger.

Mein Mann des Abends hieß dann Roberto Rosetti, der mir trotz eher zurückhaltend ausgeprägter Sympathien sehr leid tat. Zweifellos hatte er sich nach dem Ausscheiden seiner Landsleute Hoffnungen gemacht, in diesem Turnier weit zu kommen, und vermutlich nicht zu Unrecht. Dann machte er nicht nur mit seinem Team einen fatalen Fehler, sondern wurde auch noch vor die Wahl gestellt, entweder im Sinne der Fairness und des Fußballsports zu handeln, d.h. das Tor auf Basis nicht zugelassener Beweismittel abzuerkennen, oder aber im Geiste von Herrn Blatter zu agieren. So also muss sich Atlas gefühlt haben, als er den Uranos zu stemmen hatte, und ich kann Herrn Rosetti nicht verdenken, dass er sich für den regelkonformen Weg entschieden hat. Hätte er anders entschieden und vielleicht gar Mexiko gewonnen, wäre ein Wiederholungsspiel wohl unumgänglich gewesen, was den Zeitplan durcheinander gebracht, die Sponsoren verärgert und die Fernsehsender erbost hätte. Ganz zu schweigen von Sepp Blatter.

Die Partie zwischen den Niederlanden und der Slowakei konnte ich der Familie gegenüber nicht zu einem solchen Kracher aufbauschen, dass sie beim Tag am Meer auf mich zu verzichten bereit gewesen wäre. War ok, Robbens Tor hatte ich im Verlauf der Saison bereits oft genug gesehen, und ob van Persie oder Sneijder ausgewechselt wird, ist mir recht egal. Abends verfolgte ich dann Howard Webbs nächsten Schritt auf dem Weg zum Finale, nahm die brasilianische Anleihe bei der deutschen Nationalmannschaft der Ära Ballack (“Das 1:0 erzielen wir am besten per Kopf nach einem Standard”) interessiert zur Kenntnis und stellte zum wiederholten Male fest, dass der Satz “Kaka sucht noch seine Form” nicht so recht zu seinen teilweise brillanten Torvorlagen passt.

Japans Ausscheiden bedauerte ich nicht zuletzt deshalb, weil ich so gerne Herrn Endo bei seinen Freistößen zusehe. Ähnlich stark ritualisiert wie bei CR7, aber nicht annähernd so prätentiös und mit angenehm weit heruntergezogenen Stutzen. Gut getreten sind sie noch dazu.

De Bleeckere könnte Webb noch Konkurrenz machen, vielleicht auch der Usbeke. Oder Baldassi, falls Argentinien am Samstag ausscheidet – auch wenn er Villas Tor gegen Portugal zu Unrecht anerkannte, aber das war wohl nicht nur seinem Assistenten etwas zu schnell gegangen. Sind meine Einschätzungen längst überholt? Wäre insofern nicht ganz überraschend, als meine einzigen Informationsquellen das Fernsehen und eine kleine Regionalzeitung sind. Internet? Fehlanzeige. Abgesehen von den paar Minuten heute vormittag.

Abschlussfrage: Habe eigentlich nur ich Llorente als Wiedergänger von Norbert Dickel erkannt?