Rückblicksvorbereitungsstichworte (VII)

„Der Dings ist halt auch alt, der Dings, der mit den langen Haaren, bei den Italienern. Für den war das Turnier zu lang.“

(Genau, der Chefanalytiker vom letzten Mal hat wieder gesprochen.)

Bei mir persönlich hat das Endspiel ja eher unerwartete Assoziationen hervorgerufen, die gleichwohl in die Jahreszeit passen. Ich dachte an die Tour de France. An die Ära Armstrong, um genauer zu sein, die Ära Indurain habe ich nicht mehr im Detail präsent, die von Bernard Hinault noch etwas weniger, auch wenn Laurent Fignons Brille einen kleinen Platz in meinem Herzen hat, und noch weiter reicht meine Erinnerung schlichtweg nicht zurück.

Dieser Armstrong, dessen umfassende sportmedizinische Betreuung ich an dieser Stelle sträflicherweise einmal völlig außer Acht lassen möchte (man will ja auch nicht vor ein amerikanisches Gericht gezerrt werden), der anfangs in erster Linie eine großartige Geschichte zu bieten hatte, erweckte in späteren Jahren mitunter den Eindruck, nicht mehr ganz der Herr im Hause zu sein. Man glaubte, vermutlich zurecht, Schwächen ausgemacht zu haben, vielerorts hoffte man eben darauf, was nicht nur an eigenen Ambitionen lag, sondern auch an einer gewissen Sättigung – die einzelne gar Armstrong selbst unterstellen wollten. Mitunter fiel der Begriff „Langeweile“.

So hoffte man also, dass besagte Schwächen keine eingebildeten seien, wartete auf jene Tage, an denen es „drauf ankommen“ sollte, wenn die ganz Großen unter sich wären. Und ja, selbst dort konnte er nicht immer von Beginn an überzeugen, die Hoffnungen der Herausforderer wuchsen, die ersten Abgesänge wurden angestimmt, Nachrufe verfasst, es lebe der König!

Und dann beschleunigte er. Eine sowohl individuell als auch im Verbund als auch taktisch überragende Mannschaft zeigte dem vermeintlichen Kronprinzen – häufig war es Rudis Sohn, gelegentlich auch Birillo –, wie stark er tatsächlich war, wenn er herausgefordert wurde. Individuell. Taktisch. Souverän. Auf Zug fahrend.

Aber irgendwann haben sie ihn dann ja doch gepackt.
(Allerdings weder Rudis Sohn noch Birillo. Von der Justiz ganz zu schweigen.)

Naja, genug der schiefen Bilder. Auch jener von Balljungen und Tränen.

(Und zur Sicherheit: Es liegt mir sehr fern, der spanischen Nationalmannschaft den Ruch von Dopingmissbrauch anzuheften. Zumindest nicht näher als bei jeder anderen Fußnallmannschaft.)

Dafür noch ein paar Gedankenfetzen für den Sohn:

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Finale! Mein erstes, da war mir dann auch die Gesellschaft egal. Der Sieger eigentlich auch, aber weil mich alle Welt nach meinen Tipps und Präferenzen frug, gab ich die Fragen so lange an meinen Vater weiter, bis er seinen Favoriten preisgab: Spanien. Der also auch meiner war. Obwohl ich von den Italienern viel mehr Spieler kannte und auch erkannte: Buffon, Balotelli, Cassano, auch Pirlo. Von den Spaniern war indes nicht viel bei mir hängen geblieben. Waren wohl zu langweilig gewesen. Anders als die Finaleröffnungszeremonie, übrigens.

3:1 hatte ich getippt, und lange sah es gut aus. Das 1:0 hatten wir aus technischen Gründen (Acer!) erst in der Wiederholung gesehen; Béla Réthy war es möglicherweise ähnlich ergangen, zumindest wäre das eine Erklärung dafür, dass er das 1:0 während des Spiels in seiner persönlichen Hot Rotation laufen ließ und bei jedem Anschauen noch eine Spur euphorischer wurde. Was dann analog für Treffer Nummer zwei galt.

Dass Italien mit 10 Spielern zu Ende spielen musste, war gemein. Ich unterstützte den Aufruf meines Vaters, dass all diejenigen, die sich wenige Wochen zuvor für eine Generalamnestie nach Champions-League-Halbfinals ausgesprochen hatten, nun bitte auch für zusätzliche Härtefalleinwechslungen in EM-Endspielen eintreten mögen. (Ironie war damals noch nicht so mein Ding.)

Meine erste EM war eine Schau! Sammelkarten, Livespiele bis tief in die Nacht, auswendig gelernte Spielpläne, anhaltende Fragen an meine Eltern, bei welcher der 31 Paarungen sie welche Mannschaft bevorzugt hätten (einschließlich Hinweisen auf Widersprüche und Inkongruenzen), mein erstes DFB-Shirt, Einführung in die Tabellenkalkulation unter besonderer Beachtung direkter Vergleiche, vertiefte Betrachtungen ukrainischer und polnischer Landkarten, und … und … und. Grandios!

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Schön, wenn’s dem Nachwuchs gefallen hat. Mir auch. Neue Trends konnte ich nicht allzu viele ausmachen. Und bei dem einen, der mir wirklich aufgefallen ist, weiß ich nicht, ob er tatsächlich neu ist. Und wie nachhaltig er ist.

Also werde ich mir im Lauf der kommenden Bundesligasaison sehr genau ansehen, ob Spieler, die zum Einwurf bereit stehen und dann doch einem anderen den Vortritt lassen, den Ball auch dort stets achtlos bis verächtlich zu Boden fallen lassen, anstatt ihn in die ausgestreckte Hand des Mitspielers zu legen. (Die wirklich wichtigen Dinge.)

Rückblicksvorbereitungsstichworte (VI)

“Den Gomez hätte er nicht auswechseln dürfen. Grad gegen die Italiener. Man hätte ihm den Ball halt mal gescheit in die Gasse spielen müssen. Aber der Ötzil ist halt auch nicht so gut, wie es immer heißt. Beide Spanier eigentlich, der Khidera auch nicht. Hat man ja auch in der Analyse gesehen, mit dem Scholl. Der Khidera ist an der Mittellinie stehen geblieben, und der Italiener konnte ungestört den langen Ball spielen. Tut der doch immer, das weiß man. Den Podolski, ja, den hätte er draußen lassen müssen. Und den Khidera, den kannst nur hinten brauchen. Der Schweinsteiger war ja auch nur bei 80 Prozent. Den kannst draußen lassen. Soll halt der Müller dafür spielen, der gibt wenigstens Vollgas.”

(Sinngemäßes, weitgehend aber wörtliches, aus irgendeinem bayerischen Dialekt so halbwegs übersetztes Zitat, knapp 24 Stunden nach dem Halbfinale.)

Womit dann wohl alles gesagt wäre. Abgesehen von den Rückblicksvorbereitungs-“Stichworten” für den Sohnemann:

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J’accuse!

Ich klage meine Eltern an, nicht darauf vorbereitet gewesen zu sein, mich vor wild gewordenen Fähnschenschwenkern mit schwarz-rot-goldenen Utensilien zu schützen. Tatenlos zugesehen zu haben, wie mir eine schwarz-rot-goldene Hulakette um den Hals gelegt wurde, zugelassen zu haben, dass nicht nur ich, sondern auch meine kleine Schwester schwarz-rot-goldene Armbändchen trugen.

Ich klage meine Mutter an, den Horden zur Hand gegangen zu sein und ihren Kindern schwarz-rot-goldene Flaggen auf die Wange gemalt – und damit, dies zu ihrer Ehrenrettung, möglicherweise Schlimmeres verhindert – zu haben. Und meinen Vater, der sie gewähren ließ. 

Ich klage Vater und Mutter an, mir eine kindgerechte Schlafenszeit verwehrt und mich quasi genötigt zu haben, elf vergleichsweise ideenlosen Spaniern eben nicht bei ihrem als langweilig verpönten Kurzpassspiel zuzusehen, sondern bei etwas, das sehr gerne ein als langweilig verpöntes Kurzpassspiel gewesen wäre, tatsächlich aber nur selten über das Versuchsstadium hinaus kam. Ich klage sie darüber hinaus an, mich dann doch nicht wach gehalten zu haben, um wenigstens den Kitzel des Elfmeterschießens zu erleben (das zu sehen ich mir dann für den Folgetag und den Eintrittsfall vertraglich zusichern ließ – ich klage die deutsche Fußballnationalmannschaft an, nicht geliefert zu haben). 

Ich klage meinen Vater an, mich bei beiden Halbfinalspielen der “besseren Sicht” wegen in unmittelbarer Nähe von Jürgen von der Lippe platziert zu haben, dessen Weisheiten aus dem Gedächtnis löschen zu können mir auch nach vielen Jahren noch nicht vergönnt ist. 

Ich klage meinen Jugendtrainer an, mir jahrelang erzählt zu haben, dass es ab einem gewissen Niveau nicht mehr reiche, den Ball hoch und lang nach vorne zu schlagen, auf dass der Mittelstürmer der Abwehr davonlaufen und ein Tor schießen möge. (Wenn Passgeber und Stürmer gut genug und die Abwehraktivitäten hinreichend naiv sind, geht das auch noch in den ganz großen Spielen.)

Und ich klage meine Eltern an, meinem zunehmenden Eintauchen in das Turnier keinen Einhalt geboten und dann zugelassen zu haben, dass mein erstes Turnier eben nicht, wie bei Vattern, den erhofften Sieger fand – wofür ich natürlich auch Joachim Löw und seine Mannschaft anklage. So hatten wir ja wohl nicht gewettet, Freundchen.

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Vielleicht doch noch ein paar kurze Sätze zu Dingen, die ich einfach nicht verstanden habe. Und damit meine ich nicht die Aufstellung von Joachim Löw, auch wenn ich vor allem über Reus’ Nicht-  und Gomez’ Doch-Nominierung überrascht war, und auch wenn ich die Beweggründe hinter Kroos’ Hereinnahme zwar nachvollziehen, aber nicht daran glauben konnte, dass er dem direkten Duell mit Pirlo gewachsen sei. Ich würde nicht einmal so weit gehen, zu sagen, dass es die Lobgesänge auf Pirlo waren, die ich nach diesem Spiel nicht verstanden habe, aber ich gebe zu, dass ich sie nicht in diesem Maße angestimmt hätte. Zumindest nicht lauter als auf Montolivo, dessen Mutter übrigens …  ach, wissen Sie schon? Seltsam.

Nicht so richtig verstanden habe ich Steffen Simons andauernde Hinweise, noch in der gefühlten 44. Minute, dass Toni Kroos seine Außenposition einfach nicht halte, sondern zu sehr nach innen ziehe. Aber es ist wohlfeil, Steffen Simon taktische Fehleinschätzungen vorzuhalten, ich bitte um Entschuldigung.

Schwer verständlich ist es für mich auch, wenn Meireles einen Vier-gegen-zwei-Konter durch ein schlechtes Abspiel, Verzeihung, verkackt, und Cristiano Ronaldo bei Twitter reichlich Häme abbekommt, weil er kein Tor daraus gemacht hat. Oder dass es Leute gibt, die ihm vorwerfen, sich für den fünften Elfmeter gemeldet zu haben – er habe damit ja einzig und allein seinen Selbstdarstellungstrieb befriedigen wollen. Eine solche Argumentation erschließt sich mir schlichtweg nicht. (Und nein, mir gefällt sein Freistoßritual auch nicht. So ist das manchmal mit Ritualen.)

Was ich indes bestens verstanden habe, ist der einmal mehr wunderbare und dabei in seinem Wesen im Vergleich zu seinen sonstigen Einlassungen zur EM so ganz andere Text von @freval über Mario Balotellis Jubelpose und das, was die Feuilletons der Qualitätspresse daraus gemacht haben. Mit Hautfarbe und so. Sehr treffend auch der Quervergleich zu Eric Cantona – mir scheint lediglich, dass Andi Möller hier ein wenig kurz kommt.

Letzteres bitte ich im Übrigen nicht so ernst zu nehmen wie Frédérics eben genannten Text.

Das Schlusswort überlasse ich dann aber doch wieder meinem Sohn, dem ich im abklingenden EM-Frust ein paar pathetisch warme Sätze in den Mund lege:

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Abschließend aber danke ich meinem alten Herrn dafür, mir vor Augen geführt hat, dass es weder im Allgemeinen noch ganz besonders im Speziellen der EM 2012 unverdiente Siege und Sieger gibt. Vermutlich freute ich mich auf das Finale zwischen Italien und Spanien nicht ganz so sehr wie auf eines mit deutscher Beteiligung, was nicht zuletzt daran gelegen haben dürfte, dass kein Supermarkt Sammelkarten der spanischen oder italienischen Spieler angeboten hatte; gleichwohl fieberte ich dem letzten Spiel entgegen, wollte ich sehen, ob die Bezwinger der deutschen Mannschaft nun auch den Welt- und Europameister schlagen würden, ob Mario Balotelli die versprochenen vier Treffer erzielen und der gegen Deutschland von einem Herrn namens Simon zum Schwachpunkt erklärte Balzaretti erneut schwach genug sein würde, um nicht nur den gegnerischen Stürmer aus dem Spiel zu nehmen, sondern vorne auch noch torgefährlich zu werden. (Vater ließ mich wissen, dass man vor dem WM-Finale 1982 ähnliche Töne über den 18-jährigen Giuseppe Bergomi gehört habe.) Hey, wir sprechen vom EM-Finale! Hochamt!

Und ich danke ihm für seine Twitter-Basislektion: Nicht während eines Fußballspiels drauf schauen. Besser auch nicht danach.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (V)

Die Halbfinals liegen noch vor uns, doch mein Spieler des Turniers steht schon fest. Sage ich, der ich bei aus meiner Sicht voreiligen, wenn auch im Kern zweifellos berechtigten Elogen auf Andrea Pirlo, Sami Khedira oder andere, wie wir sie in den letzten Tagen bereits gehört haben (sinngemäß: „Pirlo muss MVP werden!“), gerne mal auf die Erfahrungen vergangener Turniere verweise. Auf den besten Spieler 2006, Zinedine Zidane, auch seine Auszeichnung im Kern berechtigt, oder auf Oliver Kahn, den herausragenden Spieler 2002, oder so ähnlich, nicht wahr?

Wie auch immer: Mein Spieler des Turniers steht fest, stand bereits nach der Vorrunde fest. Schon bei seinem ersten internationalen Titel, damals mit der U21, hatte ich sein Spiel genau verfolgt und sah mich auch in den Folgejahren, wenn ich ihn in seiner nationalen Liga gelegentlich spielen sah, in meiner Einschätzung stets bestätigt. Umso schöner, dass er all meinen Erwartungen – und nicht nur meinen, wie ich aus verlässlicher Quelle, vulgo: Twitter, weiß – nun auch auf der größeren Bühne mehr als nur gerecht wurde. Seine Leistungen in den drei Vorrundenspielen überzeugten selbst die Verhandlungsführer des VfB Stuttgart, auf die Verpflichtung von Sebastian Boenisch zu verzichten. Wunderbar.

Für meinen Sohn war Boenisch bei seinem ersten Turnier nicht mehr als eine Randerscheinung, vermutlich nicht einmal das. Einige in der irgendwann anstehenden Rückschau vielleicht relevantere Erinnerungsfetzen habe ich erneut für ihn aufgeschrieben:

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Anderthalb der vier Viertelfinalspiele durfte ich sehen. Oder sagen wir andertdrittel, wenn man die etwas längere Partie zwischen Italien und England angemessen einbezieht. Ich sah damals ja nur den Teil, in dem England noch halbwegs mitspielen durfte, und in dem Joe Hart den Ball wesentlich lauter traf als alle anderen. Nebensächlich? Vielleicht. Aber so nahm ich Fußballspiele halt wahr. Aufmerksam, detailverliebt, hochkonzentriert – mein Vater war begeistert. Schließlich kommentierte auch er selbst mit großem Vergnügen die Bügelfalten der englischen Hosen.

Weniger begeistert, um es vorsichtig auszudrücken, war der Herr Papá noch am Tag nach dem Spiel ob der vielfältigen Pirlo-Vergleiche. Ribéry war da genannt worden, Zidane, irgendwo hatte es wohl auch Wynton-Ruferesk geheißen. Nicht umsonst gebe es schließlich Sprachen,so der väterliche Besserwisser [Hey!] in denen Pirlos Elfmeter ganz selbstverständlich als „une panenka“ oder dergleichen Eingang in den fußballerischen Alltagswortschatz gefunden habe. Vielleicht war es dann ja doch kein Zufall, dass unter den vermeintlichen Vorbildern und tatsächlichen Nacheiferern Laudatoren zwei Franzosen waren.

Ansonsten kann ich zu den Franzosen bei dieser EM übrigens nicht viel sagen. Ribéry gefiel mir gut, Nasri ärgerte mich nicht halb so sehr wie meinen marseilleverliebten Vater, und dass sie gegen Spanien ausschieden, nun gut, war angesichts des übergeordneten EM-Planes, an den ganz Deutschland glaubte, unvermeidlich.

Was indes vom Italienspiel noch hängen blieb, war der mir bis dahin völlig unbekannte Name Jürgen von der Lippe, den mein Vater für einen der Umsitzenden – wir hatten das zweifelhafte Vergnügen, im bayerischen Urlaubsdomizil inmitten von Fremden schauen zu müssen – gefunden hatte, und wie ich hernach herausfinden sollte, bezog sich der Kosename sowohl auf dessen Idiom als auch auf den feinen Charakterzug, seinen Zuhörern die komplizierte Welt zu erklären. Inklusive kompetenter Einlassungen zu den wie so oft völlig übertriebenen Nachspielzeiten.

Mein erstes semipublic Viewing hatte ich allerdings bereits zuvor erlebt, als die runderneuerte deutsche Mannschaft durch Griechenland spazierte und mein alter Herr angesichts der Nominierung von Marco Reus nicht nur über den Wechsel in der Mittelstürmerposition hinwegsah, sondern sich in seiner Aufstellungseuphorie sogar dazu hinreißen ließ, ihn für richtig zu halten. Hinterher sollte er gleichwohl zu jenen zählen, die sich beim einen oder anderen Abpraller Mario Gomez auf den Platz gewünscht hätten.

Einer von Papas Freunden feierte seinen Geburtstag standesgemäß mit einer Deutschlandgrillerei, ich trug standesgemäß mein neues grünes DFB-Shirt. Andere junge Zuschauer verfolgten die EM übrigens, wie mein Vater per E-mail von einem Leser seines „Weblogs“ (die Älteren werden sich erinnern) erfuhr, in einem seiner Vorrundenlieblinge.

Nach dem Spiel verpasste Papa den Absprung und konnte sich nicht von Joachim Löw und all den anderen Interviewpartnern losreißen. Ich selbst hatte ja während des Spiels aufgepasst und konnte getrost auf eine Bierbank einschlafen, um auf dem Heimweg im Spätkauf („Rewe“) wieder zu großer Form aufzulaufen und eine Reihe fehlender DFB-Sammelkärtchen abzustauben – die Strategie „Mitleid wegen Müdigkeit“ hatte beim freundlichen Kassenpersonal gefruchtet.

Gefruchtet hatten die monothematischen Gespräche mit meinem Vater übrigens auch bei meiner kleinen Schwester. „Khedira kommt“ sagte sie tagelang bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit – wobei: welche Gelegenheit sollte schon unpassend sein, den herausragenden Spieler des Turniers in ein Gespräch einfließen zu lassen, noch dazu für eine junge Stuttgarterin?

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Ich habe im Übrigen große Angst vor dem Spiel gegen Italien. Nicht Respekt, sondern echte Angst. Das hat aber nichts mit Balotelli zu tun, auch nicht mit dem wie immer furchteinflößenden de Rossi, nicht einmal mit Andrea Pirlo.
Es liegt schlicht an Jürgen von der Lippe.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (IV)

Bin ja dann doch in ein ziemliches Loch gefallen, als am Sonntag um 18 Uhr kein Spiel auf dem Programm stand. Pünktlich um 5 hatten wir uns beim Gastgeber eingefunden, um uns auf das Spiel vorzubereiten und nebenbei ein paar Köstlichkeiten auszuprobieren, aber mal im Ernst: Wie soll man die Spannung so lange aufrecht erhalten? Ja, ich weiß, man hätte es sich denken können, das mit dem Anstoß, nachdem ja auch schon die Griechen und die Polen und die Russen und die Tschechen … Aber irgendwie hatte mich die Aufarbeitung der Geschehnisse in Gruppe A anderweitig beschäftigt, da blieb kein Platz für Uhrzeitüberlegungen.

Doch zurück zum Wesentlichen: Rückblickvorbereitungsstichworte für den Nachwuchs.

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Um gleich mal mit einer popkulturellen Referenz anzufangen: am 17. Juni 2012 wurde mir die Bedeutung der für mich damals aus FSK-Gründen noch unbekannten Redensart “You have officially been #porned” erstmals vor Augen geführt. Anderen auch. Von Cristiano Ronaldo, übrigens, der seinem Kapitänskollegen und mitunter als Geistesbruder gewürdigte Zlatan wohl doch noch das eine oder andere voraus hatte, beispielsweise die Qualität der Mitspieler. (“Wenn die Schweden den Wilhelmsson nicht spielen lassen, sind sie selber schuld” – um mal meinen alten Herrn zu zitieren, der über die Jahre hinweg eine nur schwer zu begreifende Begeisterung für den Dribbler mit der schicken Frisur entwickelt hatte.)

Zlatan und seine Wasserträger (unter diesem Namen sollen sie hernach über die Dörfer getingelt sein) waren an den Engländern gescheitert, die etwas überraschend Dado Pršo als Mittelstürmer aufgeboten hatten. (Nein, ich hatte Dado Pršo auch nicht gekannt, aber mein Vater war nicht davon abzubringen.)

Spanien und Kroatien hatten die passenden Rahmenbedingungen für das letzte Spiel in die Wege geleitet, die Iren alles dafür getan, ihren Fans einen gloriosen Auftritt zu ermöglichen, und Italien schon einmal die Tränendrüsen aktiviert für den Fall, dass besagte Rahmenbedingungen bei Spanien-Kroatien ihren Zweck erfüllen würden, ohne dabei an die Tränen zu denken, die Giovanni Trapattoni bei einem von ihm verschuldeten italienischen Ausscheiden vergießen würde. Ich wusste damals nicht einmal, ob auch er, wie sein durch die Welten bummelnder deutscher Kollege Hans-Hubert Vogts, nie einen Hehl daraus machte, das er sich eigentlich nach wie vor viel eher als Teil des Trainerstabs seines Heimatlandes sah.

Die bitterste Erkenntnis an jenem Wochenende war die, dass mein Lob der Anstoßzeiten (Sie wissen schon: Sandmännchen, Paula und Paula, …) verfrüht erfolgt war. Mit Beginn des dritten Spieltags waren nämlich die 18-Uhr-Spiele passé, alles weitere sollte sich tief in der Nacht ab 20 Uhr 45 abspielen. Mit der Konsequenz, dass ich die Spiele nicht mehr anschauen durfte und mein Vater regelmäßig gegen den Schlaf ankämpfen musste. In einer Wachphase erklärte er mir, dass es noch früher durchaus üblich gewesen sei, Fußballspiele bereits um 19. 30 oder 20.15 Uhr anzupfeifen und so auch dem einen oder anderen Kind Gelegenheit zu geben, wenigstens eine Halbzeit zu sehen. Die Championsleagueisierung des Fußballs habe jedoch auch in diesen Bereich unwiderruflich eingegriffen. So unwiderruflich man das halt damals einschätzen konnte.

Wie auch immer: Weder sah ich die Entscheidung in der Todesgruppe A, in der die russischen Fans bekanntlich an ihrer eigenen Erwartungshaltung gescheitert waren (oder so ähnlich, Herr Arshavin argumentierte da etwas verkürzt, wenn ich mich recht entsinne), noch konnte ich das niederländische Ausscheiden miterleben – was, um der Wahrheit die Ehre zu geben, weniger mit der Anstoßzeit zu tun hatte als damit, dass Deutschland parallel spielte. Lange Zeit hatte es übrigens so ausgesehen, als würden wir das Deutschland-Spiel mit einer überschaubaren Gruppe mehr oder weniger kompetenter Erwachsener verfolgen. Als mein Vater in seiner Intoleranz erkannte, dass sich ein Event zu entwickeln drohte, schützte er Müdigkeit vor. Meine. (So zumindest meine Interpretation, zugeben wollte er es nicht.)

Also sahen wir den deutschen Sieg, der bekanntlich in allererster Linie Mario Gomez’ Ferse zu verdanken war, in trautem Familienkreis. Ein bisschen ärgerlich war es schon, dass meine deutlich jüngere Schwester es irgendwie hinbekam, ihr Länderspieldebüt zu feiern – da hätte ich mir von meinen Eltern doch etwas mehr Konsequenz gewünscht, nicht erst zur Pause. Aber man muss ja auch gönnen können.

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Zugegeben: Der junge Mann mit aufgestecktem schwarz-rot-goldenem Iro und ebensolcher zum Rock gewickelter Fahne irritierte mich ein wenig. Aber natürlich hatte ich nur das Wohl meines Sohnes im Sinn.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (III)

War ja ganz schön, das Spiel gegen Holland. (Also, ich sage jetzt halt mal Holland. Der geographisch-politische Einwand gilt hiermit als dankend zur Kenntnis genommen.) Erfolgreich, vor allem. Ja, Gomez, schon klar. Hatten wir alles, meine Position ist bekannt, brauch ich jetzt nicht breitzutreten. Da trete ich lieber in Ansätzen breit, dass ich bereits nach dem ersten Spieltag jenen widersprach, die ein fixes holländisches Ausscheiden durch eine Niederlage gegen Deutschland in den Raum oder auch die Timeline stellten. Und widerspreche auch heute noch, wenn von einer Minimalchance die Rede ist – so abwegig ist es dann auch wieder nicht, dass Deutschland Dänemark und Holland Portugal schlägt, durchaus in der benötigten Höhe.

Sagt der Sohnemann übrigens auch, der sich mittlerweile besser auskennt als ich. Den Spielplan hat er sowieso drauf, und als gegen Portugal Dennis Rommedahl im Bild war, ließ er die verblüfften Eltern wissen, dass dieser gegen die Niederlande negativ aufgefallen war, indem er eine Wasserflasche durch die Gegend gekickt hatte. Will sagen: der junge Mann ist in das Turnier eingetaucht. Da er sich dereinst vermutlich nicht an Rommedahls Nebenbeschäftigung erinnern wird, hier wieder ein paar halbwegs aus- und ganzwegs manipulativ vorformulierte Stichsätze (ohne Rommedahl, läuft unter unnützes Wissen):

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Mit das Beste an der EM 2012 waren ja die Anstoßzeiten. So war insbesondere die Pause des frühen Spiels exakt so terminiert worden, dass das Sandmännchen reinpasste. Zwischen Portugal gegen Dänemark lief zum Beispiel Paula und Paula, die Fischkoppgeschichten hatte ich indes tags zuvor genauso verpasst wie das sie umspülende umspielende Tschechien – Griechenland. War vielleicht auch besser so, der Familienbedarf an wässriger Unterhaltung wurde in jenen Tagen von Usedom aus weit mehr als nur gedeckt.

Den Paula-und-Paula-Spieltag aber, also den zweiten der schon damals mit dem noch immer beliebten Attribut “Todesgruppe” versehenen Vorrundengruppe B, empfand ich als innere Schlossallee. Was nicht einmal in erster Linie am deutschen Sieg lag, der natur- wie auch farbgemäß irgendwo zwischen innerer Münchner und Berliner Straße angesiedelt war, auch nicht an Vaters abgestrittener Genugtuung ob Gomez’ Toren (inneres Frei Parken), sondern an der perfekt aufgegangenen Spielstrategie – dank einer wunderbar fluiden Herangehensweise, vor allem im Mittelteil, gelang es mir, mich den Angriffen der Gegenseite abkippend zu entziehen und die Partie gegen alle Vorhersagen bis zum Ende verfolgen zu können. Die Benchmark für künftige deutsche Spiele war somit quasi gesetzt.

Mein alter Herr würde wohl auch heute noch nicht zugeben, dass er das insgeheim ziemlich cool fand. Khedira fand er übrigens auch cool. Und Schweinsteiger. Und Lahm, auch wenn cool vielleicht bei Lahm nicht das Adjektiv seiner Wahl gewesen wäre. Wobei: war schon cool, mit welcher Lässigkeit er Robbens versuchte Dribblings stets unterband. Vom Abschluss gar nicht zu reden.

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Die Sache mit der Benchmark werden wir wohl noch in nichtöffentlicher Sitzung besprechen müssen.

Sehr wohl öffentlich (so öffentlich dieses Blog halt ist) möchte ich indes Béla Réthys Aussprachehopping anprangern. Ich kann gut damit umgehen, wenn Kommentatoren bei der Aussprache ausländischer Spielernamen nicht sattelfest sind. Geht mir genauso. In manchen Fällen wüsste ich’s sogar besser, dächte ich nach. Und wenn Herr Réthy den Namen Stekelenburg auf der zweiten Silbe betonen will, dann soll er es meinetwegen tun. Es wäre mir nur recht, wenn er das dann auch konsequent täte.

Wenn man sonst nichts über den Kommentator zu meckern hat …

Rückblicksvorbereitungsstichworte (II)

So, jetzt haben wir sie alle einmal gesehen. Potenziell gesehen. Faktisch fehlen mir einige, nicht zuletzt der Weltmeister und sein Vorgänger, dem Sohn noch einige mehr. Hymnen habe ich im Grunde noch gar nicht gehört, Vor- und Nachberichterstattung sehr selten, wenn man mal von Axel absieht. Axel, Sie wissen schon, der kongeniale Partner von Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein.

Ok, die Sache mit Scholl und Gomez, die habe ich natürlich auch mitbekommen, hatten wir ja schon. Ging ja dann auch weiter, weil Gomez sein Spiel nicht ändern will, was wiederum bei einem Teil jener Twitternutzer für Entrüstung sorgt, die dem Konzept des lebenslangen Lernens nahe stehen. So wie ich, im Übrigen; ein wenig weckt die Forderung, Gomez müsse sich ändern, bei mir allerdings leise Erinnerungen an Jan Ullrich, der nun aber wirklich seine Trittfrequenz erhöhen muss, um gegen Lance Armstrong endlich bestehen zu können.

Genug. Für mich, meine ich. Für den Sohnemann habe ich noch ein paar Gedankenfetzen zusammengetragen.

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England gegen Frankreich. Für viele war es das nominell zweite ganz große Spiel dieser EM. Nach Italien – Spanien. Ehemalige Titelträger und so. Also fast. England war da ja, wenn man ehrlich ist, noch gar nie so richtig nah dran gewesen, und bei Italien war’s auch ein paar Tage her. Zumindest deutlich länger als bei Dänemark und den Niederlanden. Selbst am ersten Tag waren mit Russland und Tschechien die Nachfolgemannschaften zweier ehemaliger Titelträger aufeinander getroffen. War wohl so ein Traditionsding damals, soll ja in der “Bundesliga”, die zu der Zeit tatsächlich einfach nur Bundesliga hieß, ähnlich gewesen sein. Leverkusen und Heidelberg wollten viele da gar nicht haben, sportlicher Erfolg sei schließlich nicht alles.

Wie auch immer: Italien gegen Spanien soll nicht nur ein tolles Spiel gewesen sein, sondern auch ein Meilenstein bei den spanischen Bemühungen jener Zeit, über kurz oder lang (gerne eher kurz) nur noch mit Mittelfeldspielern anzutreten. Mal wieder typisch, dass mein alter Herr zuließ, so etwas zu verpassen. Da war England – Frankreich dann doch vergleichsweise langweilig. Sah ein bisschen aus wie das Trainingsspielchen Abwehr gegen Sturm, ohne Tore, mit zwei Ballkontakten. Frankreich war “Sturm”. Ungleich spannender die seelische Pein meines Vaters, der seiner Frankophilie trikotmäßig Ausdruck verlieh (es lag nicht an den Querstreifen) [Anmerkung: He!], gleichzeitig aber nicht verhehlen konnte, dass er mir nicht ganz zufällig schon zur WM 2006, als Säugling, ein England-Shirt angezogen hatte. Letztlich war er wohl ganz zufrieden mit dem Ergebnis.

Am nächsten Morgen erzählte er mir dann noch eine Story vom Pferd. Der drittplatzierte einer europäischen Fußballspieler-Auszeichnung aus dem vorangegangenen Jahrtausend (“Ballon d’Or 1999”), Andrij Schewtschenko, habe die Ukraine im Juni 2012 zum Sieg über Schweden (jenes Land also, aus dem das bekannte “Was für ein Land, in dem Zlatan noch Zlatan heißt” stammt) geführt, noch dazu mit zwei Kopfballtoren. Klar.

Stimmte dann tatsächlich. War für die Älteren wohl eine schöne Geschichte. Vater übertrieb dann mal wieder ein wenig und zog Quervergleiche zu Alexander Frei, einem Schweizer, dessen Auftakt zur Heim-EM vier Jahre zuvor nicht ganz so gut gelungen war. Und dann wollte er noch über korrekte Transkriptionen aus dem Kyrillischen reden. Zum Glück musste ich just zu diesem Zeitpunkt in den Kindergarten.

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Von Irland und Kroatien habe ich ihm nichts erzählt. Trapattoni kann er auch noch bei der nächsten EM kennenlernen. Und die Sache mit Cassano, die muss ich ihm noch erklären. Wie er dann in soundsoviel Jahren seinen Leserinnen und Lesern verständlich macht, dass es in grauer Vorzeit mal Vorbehalte gegen Homosexualität gab (und dass ein potenzieller Star der EM deswegen nach Hause geschickt wurde), ist dann sein Problem. Nicht ihres, Herr Cassano.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (I) (Vielleicht.)

Am Samstag sah mein Sohn sein erstes Länderspiel. Dänemark gegen die Niederlande, so halb. Nummer zwei folgte auf dem Fuße, jenes, auf das er seit Tagen, ach was: seit Wochen hingefiebert hatte. Sein Verständnis von Fußball ist noch sehr überschaubar, auf Gefühlsausbrüche seiner Eltern (abgestuft) folgt meist die Frage, was denn los gewesen sei, aber er erkennt, Panini sei Dank, die Spieler, freut und wundert sich zugleich, wenn schon wieder Joachim Löw im Bild ist, und stellt so kluge Fragen wie jene, warum der Kommentator bei Nani und Raul Meireles den Verein nenne, bei den meisten anderen portugiesischen Spielern aber nicht. Zum Glück frug er nicht nach Meireles’ Aussprache, von der ich nach wie vor nicht weiß, ob sein Name so ausgesprochen wird, wie die meisten Reporter meinen, ihn aussprechen zu müssen (“Mereiles”). Diese Dame hier meint wohl eher nicht, ich las aber auch schon anderes.

Ich hoffe natürlich sehr, dass er dereinst ähnlich verklärend auf seine erste Europameisterschaft zurückblicken wird wie ich auf jene von 1980. Auch wegen des Titelgewinns, klar; vor allem aber wünsche ich ihm, dass auch ihm die gerade erst erwachende Liebe zum Fußball lange erhalten bleibt – in welcher Form, sei dahingestellt. Vielleicht kommt er ja irgendwann sogar in die Verlegenheit – Gedankenvater mag das Wunschdenken des Kindesvaters sein –, seine Erinnerungen aufzuschreiben, in welchem Medium und aus welchem Grund auch immer. Und weil solche Rückblicke ja gerne mal unter verblassenden Bildern im Kopf oder unter nachgelesenen, im dümmsten Fall auch noch objektiven Erzählungen von Zeitzeugen leiden, nutze ich gerne die Gelegenheit, für den Sohnemann in Vorleistung zu treten und ihm ein paar Gedankenfragmente für seinen Blick zurück zu konservieren. Man manipuliert ja, wo man kann.

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Euro 2012? Natürlich erinnere ich mich. Polen und Ukraine. Die älteren Fortschschrittsverweigerer unter uns nutzten noch immer die althergebrachte Bezeichnung “EM” (für EuropaMeisterschaft) und träumten von den guten alten Zeiten mit vier oder acht teilnehmenden Mannschaften – dabei nahmen damals lächerliche halb so viele Nationen teil wie heute. Spanien ging als Topfavorit ins Turnier, die Deutschen wähnten sich auf Augenhöhe und interpretierten die sogenannte Hammergruppe (aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, nicht wahr?) als angemessenen Turniereinstieg. Tja.

Polen und Griechenland eröffneten das Turnier mit einem für die Griechen zunächst schmeichelhaft erscheinenden Unentschieden, für damalige Verhältnisse dem Vernehmen nach alte Russen spielten schlechte Tschechen an die Wand, der dänische Trainer trug Rudi Völlers Frisur auf. Ja, genau, der Rudi Völler, und nein, ich meine nicht seine Goldlöckchen oder die Tante-Käthe-Phase, sondern den silbern geplätteten Mittelscheitel. Mit Erfolg übrigens – die Dänen, die schon damals auf eine bemerkenswerte “EM”-Historie zurückblicken konnten, schlugen den dritten vermeintlichen Topfavoriten, die Niederlande, deren Mannschaft zu Turnierbeginn wieder einmal als nur bedingt harmonisch wahrgenommen wurde, der Spruch vom Egoland, das gegen Legoland verlor, hat seinen Ursprung in jenem Spiel.

Deutschland startete mit einem hart umkämpften Sieg gegen CR7s Portugiesen, den man nicht zuletzt Mats Hummels – der zuvor, aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, lange um die Anerkennung von Bundestrainer Löw hatte kämpfen müssen – und dem von ihm angeführten Abwehrverbund zu verdanken hatte, nicht zuletzt auch einem Torwart, der nebenbei noch Zeit hatte, sein Faible für die einarmige Faustabwehr zu kultivieren [Anmerkung: Verzeihung, als EM80-Veteran ließ es sich nicht vermeiden, diesen Querverweis anzudeuten].

Mario Gomez hatte auch einen gewissen Anteil, aber das durfte man damals nicht laut sagen. “The beautiful game” wurde zu jener Zeit eher im Sinne von “joga bonito” interpretiert, der Bundestrainer hatte die Öffentlichkeit informiert, dass man nur mit schönem Spiel etwas gewinnen könne, und Gomez spielte, welcher an Fußball Interessierte wüsste das nicht, eben nicht in jenem Sinne schön, Tore galten eher als notwendiges Übel.

Wobei ich einräumen muss, dass auch mein Vater, wiewohl schon damals ein Gomez-Fanboy fernab jeder Objektivität, seine Leistung in jenem Spiel sehr kritisch sah. Er beschäftigte sich zwar ein wenig mit der Frage, wer in höhrerem Maße unter wem leidet, das Mittelfeld unter einem sich schlecht ins Spiel einbringenden Stürmer oder der Stürmer unter nicht sehr zielstrebigen und nur selten ideenreich agierenden Mittelfeldspielern, ließ aber keinen Zweifel daran, dass Gomez im Sinne des Spielflusses nicht gut gespielt hatte – was wohl in der Tat das schlechteste Urteil war, das man sich von meinem alten Herrn über Gomez vorstellen konnte. 

Jenes Spiel war übrigens auch die Gelegenheit, bei der der bis zu ihrem Konkurs jährlich aufs Neue in der Bundesligavorschau der Bild-Zeitung und daher fälschlicherweise Mario Basler zugeschriebene Spruch vom wund gelegenen Stürmer erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht wurde. Tatsächlich stammt er von Mehmet Scholl, der vor seiner Fernsehkarriere ein großartiger Fußballspieler gewesen war und sich wohltuend von anderen sogenannten TV-Experten abhob – Einschätzungen, die auch mein Vater teilte, so dass es ihn umso härter traf, dass auch Scholl seine Hauptkritik in einem von einer ganzen Reihe von Spielern bestenfalls durchwachsenen Spiel an gegen den allein schon historisch nächstliegenden Spieler richtete und sich in seinem Flow ein wenig von belastenden Faklten entfernte.

“Populismus!” rief der Vater emört aus, als Scholl Gomez nicht mehr nur jegliche Bereitschaft absprach, sich ins Spiel einzubringen, sondern ihm darüber hinaus unterstellte, nicht zu laufen, nicht nach hinten zu arbeiten. Es empörte ihn so sehr, dass er sich nicht entblödete [Anmerkung: Was!?], die Uefa-Statistiken nach Laufstrecken zu durchforsten und festzustellen, dass Gomez 8,8 Kilometer gelaufen war. In der Tat: deutlich weniger als Spieler auf einer vergleichbaren Position wie Robin van Persie mit seinen 10, 6 km, Nicklas Bendtner mit 10, 2 oder auch der moderne Robert Lewandowski mit 9,7.

Betrachtet man dann noch die vorzeitig Ausgewechselten und rechnet ihre Laufdistanzen hoch – wohl wissend, das das eine starke Vereinfachung darstellt –, so kommt vor allem Milan Baros, der bereits bis zu seiner Auswechslung in der offiziell 85. Minute über 10 km gelaufen war, auf errechnete 11,1 km, die früher ausgetauschten Postiga, Kerzhakov und Gekas auf 11,4 (!), 10,4 und 9,4. Da kann Gomez mit seinen 8,8 abstinken. Ok, man könnte jetzt natürlich seinen Wert auch noch hochrechnen, dann wäre man mit 10,3 mitten bei den Leuten, aber so weit wollen wir jetzt doch nicht gehen.

Denn ganz ehrlich: Mein Vater war damals ein wenig angefressen und hatte es schon zu jener Zeit nicht so mit wissenschaftlichem Arbeiten. Die Zahlen entstammten einer einzigen und nicht zu überprüfenden Quelle, einige Basisdaten (bspw. die jeweilige Nachspielzeit) lagen ihm nur in Auszügen vor, von Nettospielzeiten ganz zu schweigen, die lineare Hochrechnung (heißt das so?) ignoriert Aspekte wie ermüdungsbedingten Leistungsabfall oder den Umstand, dass in einzelnen Fällen die Auswechslung im Vorfeld besprochen worden sein könnte. Die Spielsysteme und Aufgabenstellungen mögen allen Parallelen zum Trotz unterschiedlich gewesen sein, und ohnehin sind Quervergleiche zwischen Spielen schwierig.

Und natürlich ist die bloße Laufleistung in Kilometern kein hinreichender Indikator, um Scholls These zu widerlegen. Vielleicht lief Gomez tatsächlich, wie vom Experten unterstellt, weder nach hinten noch zur Seite, sondern, nun ja, irgendwo anders hin halt, auf der Suche nach der sich öffnenden Straße. Man weiß es nicht.

Genau so wenig wie man übrigens weiß, ob Gomez nach dem abgepfiffenen Vorteil in der ersten Hälfte auch dann getroffen hätte, wenn Torwart und Abwehrspieler sich gewehrt hätten. Was man indes weiß: Er war da. Im Strafraum. Am Ball. Was man wiederum nicht weiß, sich aber vorstellen kann: wie die hiesigen Medien reagiert hätten, wenn sich Gomez wie der großartige Robin van Persie gleich zwei mal die Beine verknotet hätte, anstatt den Ball ins Tor zu schieben. 

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Oh, Entschuldigung, das ist jetzt ein bisschen lang geworden. Und vielleicht nicht in jedem Fall geeignet für einen Rückblick auf die EM 2012. Ich gelobe Besserung, Sohn!